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Der Musikführer Beethoven enthält Werkerläuterungen aller Kompositionen von Beethovens Oeuvre, dessen Zentrum die großen Zyklen der Klaviersonaten, der Streichquartette und der Symphonien bilden. Notenbeispiele, Literaturhinweise und ein Werkregister ergänzen den Band.
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Seitenzahl: 607
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Arnold Werner-Jensen
Ludwig van Beethoven – Musikführer
Arnold Werner-Jensen
Ludwig van Beethoven – Musikführer
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Bestellnummer SDP 78
ISBN 978-3-7957-8626-7
© 2015 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Als Printausgabe erschienen unter der Bestellnummer SEM 8073
© 2015 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz
www.schott-music.com
www.schott-buch.de
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne eine solche Einwilligung kopiert und in ein Netzwerk gestellt werden. Das gilt auch für Intranets von Schulen oder sonstigen Bildungseinrichtungen.
Inhalt
Vorbemerkung
Lebens- und Werkdaten
Klaviermusik
Klaviersonaten
Weitere Sonaten
Variationen für Klavier
Klavierstücke: Rondos, Bagatellen und Einzelsätze
Vierhändige Klaviermusik
Kammermusik mit Klavier
Sonaten für Violine und Klavier
Sonaten für Klavier und Violoncello
Klaviertrios
Klavierquartette
Klavierquintett
Kammermusik für, Streicher
Streichtrios
Streichquartette
Streichquintette
Andere kammermusikalische Besetzungen
Symphonien
Instrumentalkonzerte
Ouvertüren
Andere Orchesterwerke
Vokalmusik mit Orchester
Lieder und Gesänge
Oper
Fidelio
Anhang
Literaturhinweise
Werkverzeichnis
Vorbemerkung
Die Flut der Einzel-, Teil- und Gesamtdarstellungen von Beethovens Leben und Werk ist schier unübersehbar, und sie wächst weiterhin. Ein allgemeinverständlicher und für die interessierte musikalische Öffentlichkeit, für Hörende und Musizierende bestimmter Leitfaden durch das Gesamtwerk des Komponisten aber fehlte seltsamerweise.
Als 1994 das von C. Dahlhaus, A. Riethmüller und A. L. Ringer herausgegebene zweibändige Kompendium Beethoven – Interpretationen seiner Werke erschien, glaubte man diese Lücke geschlossen. Dieses Standardwerk der Beethovenforschung stellte sich jedoch vorrangig als wissenschaftliche Veröffentlichung von Fachleuten für Fachleute heraus; es referiert den aktuellen Stand der Musikwissenschaft zu ihrem Gegenstand Beethoven. Die Mehrzahl seiner Beiträge aber eignet sich kaum zur einführenden und orientierenden Hörhilfe für den interessierten Laien; zu speziell sind zahlreiche Ansätze, zu viele Kenntnisse werden vorausgesetzt.
Insofern hoffen Autor und Verlag der vorliegenden Publikation, diese Lücke zu schließen. Dabei sind sie sich der Arbeitserleichterung dankbar bewußt, die das Erscheinen des genannten Beethoven-Kompendiums bedeutete, denn die dort gesammelten Daten und Fakten vermitteln eine imponierende Bilanz der heutigen Beethovenforschung; auf ihnen basiert das vorliegende Buch, das sich gleichwohl an einen anderen Adressatenkreis wendet.
Lebens- und Werkdaten
1770
Taufe Ludwig van Beethovens am 17. Dezember (Geburtstag vermutlich 16. Dezember) in Bonn.
Sein Vater Johann war Sänger der Bonner Hofkapelle; er unterrichtete seinen Sohn Ludwig anfänglich in Klavier und Geige.
1778
Erster öffentlicher Konzertauftritt als Pianist am 26. März.
1779
Beethovens erster Kompositionslehrer, Christoph Gottlob Neefe, in Bonn; das genaue Datum des Unterrichtsbeginns ist unbekannt.
1782
Erste Komposition im Druck:
c-Moll-Variationen
für Klavier über einen Marsch von Dressier (WoO
∗
63).
1783
Entstehung der sogenannten
Kurfürsten-Sonaten
(WoO 47).
1785
Die Bonner Universität wird gegründet.
1787
Reise nach Wien; vermutlich Begegnung mit Mozart. Baldige Rückreise, weil die Mutter erkrankte. Tod der Mutter.
1788
Erste Begegnung mit dem Grafen Waldstein in Bonn.
1789
Beethoven muß zur Ernährung seiner Familie beitragen wegen der Trunksucht des Vaters. Er schreibt sich an der Bonner Universität ein.
1792
Begegnung mit Joseph Haydn in Bonn auf dessen Durchreise von London zurück nach Wien.
Im Spätjahr Übersiedlung nach Wien.
1793
Komposition der drei
Klaviertrios op. 1
. Unterricht bei Haydn.
1794
Unterricht im Kontrapunkt bei Johann Georg Albrechtsberger.
1795
Uraufführung des
B-Dur-Klavierkonzertes
im Burgtheater mit Beethoven als Solist. Komposition der
Klaviersonaten op. 2
.
1796
Konzertreise nach Prag, Dresden und Berlin.
Cellosonaten op. 5
für Jean Pierre Duport. Lied
Adelaide
op. 46.
1798
Streichquartette op. 18, Klaviersonate c-Moll Pathétique
. Beginn der Skizzenbücher. Erste Anzeichen der Taubheit.
1799
1. Symphonie
(bis 1800)
, Septett
.
1800
Uraufführung der
1. Symphonie
im Burgtheater.
1801
Beginn der Arbeit an der 2.
Symphonie
(bis 1802).
1802
Das
Heiligenstädter Testament. Eroica-Variationen für Klavier op. 35
.
1803
Uraufführung der
Kreutzer-Violinsonate op. 47
mit Beethoven am Klavier. Am 5. April Aufführung der
1
. und
2
.
Symphonie
sowie des
3. Klavierkonzertes
. Beginn der Arbeit an der
3. Symphonie
(bis 1804).
1804
Napoleon krönt sich zum Kaiser. Bis 1805 Komposition der Oper
Leonore
. Beginn der Arbeit an der
5. Symphonie
(bis 1808).
1805
20. November: Uraufführung der
Leonore
. Umarbeitung der Oper bis 1806.
1806
Uraufführung der 2. Fassung von
Leonore. 4. Symphonie, Violinkonzert, Quartette op. 59
.
1807
Messe C-Dur
. Beginn der Arbeit an der
6. Symphonie
(bis 1808).
1808
Am 22. Dezember Uraufführung der
5
. und
6. Symphonie
sowie der
Chorphantasie
in einem Konzert mit dem
4. Klavierkonzert
und Teilen der
C-Dur-Messe. Trios op. 70
.
1809
Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky garantieren Beethoven eine feste Jahresrente; dafür lehnt er eine Berufung zum Hofkapellmeister nach Kassel ab.
5. Klavierkonzert
, Musik zu Goethes
Egmont
(bis 1810).
1810
Rezension der 5.
Symphonie durch
E. T. A. Hoffmann in der
Allgemeinen Musikalischen Zeitung. Quartett op. 95
.
1811
Probleme mit der Jahresrente, um deren (reduzierte) Weiterzahlung Beethoven kämpfen mußte (Staatsbankrott, Zahlungsschwierigkeiten von Lobkowitz, Tod Kinskys).
Trio op. 97
.
1812
Begegnung mit Goethe in Teplitz. Brief »An die unsterbliche Geliebte« (Josephine Brunswick?).
7
. und
8. Symphonie
.
1813
Völkerschlacht bei Leipzig mit Niederlage Napoleons.
Wellingtons Sieg op. 91
. Am 8. Dezember Konzert mit der
7
.
Symphonie
.
1814
Wiener Kongreß. Am 29. Oktober Konzert mit
Wellingtons Sieg
, der
7
.
Symphonie
u. a.
1815
Napoleons Niederlage bei Waterloo. Tod des Bruders Caspar Carl, Beethoven wird Vormund von dessen Sohn Carl.
Cellosonaten op. 102
. Erstes Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
1816
Liederzyklus
An die ferne Geliebte, Klaviersonate op. 101
.
1817
Hammerklaviersonate op. 106
.
1818
Beginn der Konversationshefte. Mälzel erfindet das Metronom.
1819
Diabelli-Variationen für Klavier op. 120
. Beginn der Arbeit an der
Missa solemnis
(bis 1813).
1820
Klaviersonate op. 109
.
1821
Klaviersonaten op. 110
und
op. 111
.
1822
9. Symphonie
(bis 1824). Auftrag für mehrere
Streichquartette
durch den russischen Fürsten Galitzin aus St. Petersburg.
1824
Am 7. Mai Konzert mit der
9. Symphonie
und Teilen der
Missa solemnis
.
1825
Quartette op. 130
und
op. 132
. Plan einer Gesamtausgabe seiner Werke.
1826
Quartette op. 131
und
op. 135
. Selbstmordversuch des Neffen Carl.
1827
Tod Beethovens am 26. März. Die Leichenrede hält Franz Grillparzer.
∗ WoO: Werke ohne Opuszahl. Numerierung nach: Georg Kinsky/Hans Hahn, Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen, München/Duisburg [1955].
Klaviermusik
Klaviersonaten
Die Klaviersonaten nehmen in Beethovens Schaffen eine ähnlich gewichtige Stellung ein wie die Symphonien und die Streichquartette; sie begleiten als »heimlicher« Zyklus sein Leben vom Beginn bis zum Ende. Darüber hinaus beanspruchen sie ihren besonderen Rang aufgrund der Tatsache, daß das Hammerklavier Beethovens »eigenes« Instrument war, auf dem er solistisch hervortrat und mit dem er einen beträchtlichen Anteil seines Ruhmes als Virtuose und Improvisator errang. Beethovens Klaviersonaten sind in ihrer Bedeutung kaum zu trennen von der technischen Weiterentwicklung des Instrumentes, an der der Komponist durch seine schöpferische und – als Interpret eigener Werke – »nachschöpferische« Tätigkeit entscheidend beteiligt war. Sein Klavierschaffen begann zu einer Zeit, als allenthalben noch Cembali in Gebrauch waren und man neue Kompositionen, nicht zuletzt aus kommerziellen Gründen, »für Cembalo oder Pianoforte« herausgab. Das Hammerklavier, um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert erfunden (Cristofori in Italien), war noch nicht so entwickelt und daher nicht so weit verbreitet, daß ein Komponist an Kompositionen für dieses Instrument denken konnte. Seine Stabilität und technische Zuverlässigkeit ließen noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein zu wünschen übrig – Beethovens Verschleiß an neuen Instrumenten verschiedenster Hersteller ist Legende und legt beredtes Zeugnis ab für die Probleme der frühen Generation von Hammerklavieren. Für heutige Beethoven-Interpreten ist es von großer Bedeutung, die spiel- und klangtechnischen Möglichkeiten und Grenzen der zeitgenössischen Tasteninstrumente, die sich gut an erhaltenen restaurierten oder auch nachgebauten Klavieren beobachten lassen, zu kennen und beim Spiel auf dem modernen Flügel zu berücksichtigen.
Als mehrsätzige zyklische Kompositionen basieren Beethovens Sonaten auf den Sonatenreihen Mozarts und Haydns, wobei nur Mozarts Lebenswerk abgeschlossen vorlag; Haydns letzte und bedeutendste Klaviersonaten entstanden erst 1794 und liefern in manchem die direkten Anknüpfungspunkte für Beethoven, der 1792 endgültig in den Umkreis Haydns, nach Wien, übergesiedelt war.
Sonaten op. 2
Joseph Haydn gewidmet, komponiert zwischen 1790 und 1795 (Nr. 1), 1795 (Nr. 2 und 3), Uraufführung im September 1795.
Als Opus 2 eröffnen diese drei Sonaten die Gattungsreihe mit ähnlichem Nachdruck, wie die drei Klaviertrios op. 1 zu Beginn der Triofolge stehen. Man spürt in Anordnung und Ausformulierung die Absicht, einen neuen Maßstab zu setzen, Erwartungen der Zeitgenossen einzulösen und womöglich zu übertreffen. Beethoven, als Pianist bereits bekannt und berühmt, will nun auch einen Platz als Tonsetzer von besonderem Rang einnehmen. Insofern bieten diese drei Werke aus zwei Perspektiven Besonderes: sie stehen in der Tradition und dokumentieren das auch durch ihre Widmung an Haydn; sie schaffen zugleich aus der Traditionsverwurzelung unüberhörbar Neues, setzen eigene Akzente und weisen die Richtung ins 19. Jahrhundert.
Jede der Sonaten ist ein Individuum von unverwechselbarem Profil: knapp und streng die erste in f-Moll, spielerisch, phantasievoll und vielgestaltig die zweite in A-Dur, formal ausgreifend und virtuos die dritte in C-Dur. Gemeinsam ist allen dreien ihre Viersätzigkeit, während bisher – bei Haydn und Mozart – Dreisätzigkeit die Regel war; zwischen den schnellen Ecksätzen steht nun immer das Paar von langsamem und Tanzsatz. Die pianistische Virtuosität nimmt in chronologischer Reihenfolge zu, auch darin Vorbilder sehr entschieden hinter sich lassend; der Anspruch des Konzertanten wird sehr dezidiert angemeldet und in die bisher eher kammermusikalisch orientierte Gattung einbezogen. Und bereits in diesen Erstlingen rüttelt Beethoven immer wieder an den konstruktiven und klanglichen Grenzen des noch unfertigen Hammerflügels – Beginn eines langen und mühseligen Prozesses, an dessen Ende erst um die Mitte des kommenden Jahrhunderts der fertige Flügel stehen wird.
Sonate Nr. 1 f-Moll op. 2,1
Komponiert 1795.Allegro, – Adagio F-Dur, ¾ – Menuetto: Allegretto – Prestissimo,
Es ist kein Zufall, daß gerade der Kopfsatz der f-Moll-Sonate immer wieder in Formenlehren zitiert wird, wenn es modellhaft um die Sonatensatzform geht: so knapp und konzis, ohne Ausweitungen und Umwege, verläuft kaum ein zweiter Sonatensatz bei Beethoven, wobei seine Originalität nicht im mindesten unter seiner formalen Eindeutigkeit und Entschiedenheit leidet. Seine Exposition umfaßt ganze 48 Takte, und sie gliedert sich in lehrbuchhafter Klarheit in den Moll-Hauptsatz, die vermittelnde Überleitung, den parallelen Dur-Seitensatz und eine abgesetzte Schlußgruppe. Haupt- und Seitenthema stehen zueinander eindeutig antithetisch: das Hauptthema ist der Musterfall eines musikalischen Satzes, also im Gegensatz zur musikalischen Periode nicht in symmetrischer, in sich ruhender Geschlossenheit, sondern offen und vorwärtsdrängend, über sich hinausweisend. Sein Kerneinfall ist die gestoßene aufsteigende Dreiklangsbrechung mit angehängtem doppelschlagartigem Schleifer, dem sogleich die Antwort auf der Dominante folgt:
Zwei Abspaltungen des Schleifer-Motivs auf Tonika und Dominante leiten im Nachsatz eine scheinbare Beschleunigung des Geschehens ein und führen zu melodisch ausschwingender Geste auf dem Halbschluß der Dominante. Die sofort beginnende Überleitung spielt zunächst mit dem Schleifer und kündigt alsbald mit einsetzendem melodischem Abwärtszug den Seitensatz an, der als Kontrast zum Hauptthema nun alle Parameter ändert: aus Staccato und Dreiklang wird hier Legato und Septakkord, aus dem Aufwärts wird ein Abwärts, und die harmonische Basis der Parallele As-Dur wird verschleiert durch den ständig trommelnden Orgelpunkt der Quinte es und durch den Vorhalt der Moll-Sexte fes.
Aus seinem Schlußvorhalt spaltet sich ein neues Bewegungsmotiv ab und führt zum zweiten Teil des Seitensatzes, in dem die synkopisch akzentuierte Baßstimme sich gegen die Diskanttonleitern stemmt. Synkopische Akkordakzente tragen schließlich auch die mehrfachen mollgetrübten Melodiephrasen der Schlußgruppe.
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