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Warum Luschtig? Petra ist mit Eltern aufgewachsen, die in jeder Situation noch etwas zum Lachen gefunden haben. Dieses Buch ist nicht wirklich witzig aber hoffentlich trotzdem oft zum Lachen. Nach kurzem Kennenlernen von Petras Leben, erzählt sie hier, wie sie eine Diagnose sehr unvorbereitet erhalten hat. Das Wirtschaftsunternehmen Krankenhaus hat sie mehr als genug von innen kennenlernen dürfen und kann nun gut verstehen, warum es inzwischen schwer ist, sich für einen schönen Beruf in der Pflege zu entscheiden. Außerdem möchte sie aufzeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn wir die Schulmedizin mit der Naturheilkunde verbinden, da sie vermutlich ohne das eine, als auch ohne das andere nicht überlebt hätte.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dieses Buch habe ich für meinen Sohn und meinen Mann geschrieben, die mir sehr viel Halt und Sinn in meinem Leben geben.
Die Namen der im Buch beschriebenen Personen, die nicht zur Familie und zum Freundeskreis gehören, wurden geändert.
Wer bin ich
Mein Leben
Indonesien
Lukas
5 Gründe, warum man nicht heiraten sollte
Flüchtlingskrise
Diagnose
Verarbeitung
Vorbereitung auf die OP / Voruntersuchungen
Komplikationen Teil 1
Montag, 17. Februar 2020 OP
Komplikationen Teil 2
Entlassung
Bodensee – REHA in Radolfzell
Komplikationen Teil 3
Endlich angekommen
Ernüchterung – Kardiologen sprechen nicht…
Kardiologen sprechen doch…
Offenes Ende – Ich lebe noch…
Die Patientin ist in einem sehr guten Allgemeinzustand
Das ist schon fast eine philosophische Frage. Wer bin ich.
Ich bin Petra, 3. Tochter meiner Eltern. Aufgewachsen in total normalen Verhältnissen. Wie es in den 60er und 70er-Jahren üblich war. 3-Zimmer-Werks-Wohnung. Zu dritt in einem Zimmer, mit Stockbett und tatsächlich allem was man braucht. Als wir älter wurden, hat unser Vater einen Teil von seinem wertvollen Keller geopfert, einen Hobbyraum installiert, damit wir uns auch mal mit Freunden treffen konnten, ohne immer die kleine Schwester dabei haben zu müssen, was in dem Fall ich war. Ein Rückzugsort im Keller, das war gut. Und hat uns ermöglicht, die ganze Enge leben zu können, zu fünft auf 64 m2.
Wenn ich zurückdenke, da fehlte mir nichts. Für mich war dann eher das Gegenteil fremd, allein zu sein. Eine sehr gruselige Vorstellung, vor allem weil damals zum Fernseh-Abendprogramm routinemäßig Aktenzeichen XY gehört hat. Egal, ob die Jüngste damals erst 8 Jahre alt war. So ischs halt, s`Läba.
Und je älter wir wurden, war es auch ganz normal, dass wir tagsüber mal für ein paar Stunden allein waren. Die Älteste von uns, meine Schwester Christine, war da bereits mit Freundinnen unterwegs, mein Vater arbeiten, meine Mutter einkaufen…
So kam es, dass ich ab uns zu mit meiner Schwester Gaby allein in der Wohnung war. Zu zweit ist zu zweit, das ist gut, dann brauchte ich keine Angst zu haben. Es war Sommer und wir haben uns überlegt, ob wir zum Spielen rausgehen. Ich sagte ihr: „Ich geh noch kurz auf die Toilette, dann können wir rausgehen.“ Sobald ich die Toilettentüre hinter mit geschlossen hatte, rief sie vom Flur: „Ich geh dann schon mal vor.“
Peng, Wohnungstüre fiel ins Schloss.
Toll. Ich alter Angsthase wusste, jetzt bin ich allein in der Wohnung. Zum Glück saß ich schon auf der Toilette. Ich wusste, es wird ein Spießrutenlauf, raus aus dem Bad, den Flur entlang hechten, Wohnungstüre auf, Treppen runter, damit ich wieder bei meiner „großen“ Schwester und in Sicherheit bin. Ich habe dann meinen ganzen Mut zusammengenommen, habe die Badezimmertüre geöffnet…
Da stand jemand. Direkt vor der Tür.
Mit einer Seidenstrumpfhose über dem Kopf. Genau wie bei Aktenzeichen XY, wenn eine Bank überfallen wird.
Vor Schreck war ich wie gelähmt und konnte in meiner Verzweiflung nur noch „GABY“ rufen.
Komisch, warum kichert es unter der Stumpfhose? Dann hat es mir gedämmert. Auch meine Schwester hat Aktenzeichen XY regelmäßig geschaut. Sie wusste, dass meine Mutter immer eine Seidenstrumpfhose an der Garderobe liegen hatte.
Sie wusste, dass ich furchtbare Angst allein in der Wohnung habe.
Neidlos musste ich anerkennen: Sie hatte die Situation voll für sich genutzt.
Ich habe mich in Grund und Boden geschämt, dass ich in meiner Angst auch noch nach genau ihr, der Aktenzeichen-XY-Ausnützerin, gerufen habe.
So kann man wirklich sagen, die Kleinste in der Familie zu sein, hat nicht nur Vorteile. Aber insgesamt gesehen, war ich mit meiner Position in der Familie sehr zufrieden.
Die Kindergartenzeit, mit meiner Freundin Anny, ist mir in sehr wertvoller Erinnerung. Ich war damals überzeugt: Wir heiraten später. Damals war mir noch nicht klar, dass geht gar nicht. Bis ich gelernt habe, das geht gar nicht, habe ich dazu gelernt: Das geht doch. Aber bis dahin war es ein weiter Weg und ich habe dann später auch andere Sachen über mich gelernt, wo ich das Interesse, meine Kindergartenfreundin zu heiraten, nicht mehr wirklich vorangetrieben hätte. Konntet ihr mir folgen?
Der Kindergarten war eine schöne Zeit, da ich trotz meiner extremen Schüchternheit gut eingebunden wurde, Freundschaften geknüpft habe, das Leben draußen beschnuppern konnte und den sicheren Hafen meines zu Hauses immer nur für kurze Zeit verlassen musste.
Der Wechsel in die Grundschule hat bedeutet, dass der Weg morgens etwas länger wurde, meine Freundin aber weiterhin fester Bestandteil war.
Mathe war mein Ding. In meinen Zeugnissen der ersten Jahre stand immer: Petra ist der Klasse in Mathe voraus. Aber Deutsch…
Wenn es damals schon die Einstufung in die Legasthenie gegeben hätte, wäre ich vermutlich in die Lehrbücher der Pädagogen aufgenommen worden, als Vorzeigefall. Diese Schwäche begleitet mich bis heute, tangiert mich aber nicht wirklich, da heute das Rechtsschreibprogramm die Schwäche ausgleicht und ich der Meinung bin: Eine Schwäche ist eine Schwäche, ist ok und gehört zu mir.
Somit habe ich die Grundschule mit der Empfehlung für die Hauptschule abgeschlossen und nach einem Jahr Hauptschule habe ich die Aufnahmeprüfung für die Realschule bestanden. Auch auf der Realschule hat sich an der Schwäche nichts verändert. Die Deutschnote konnte ich immer irgendwie retten, indem meine Aufsätze ganz gut waren. Diktate waren bis zum Schluss Stolpersteine. Mathe, Bio, Erdkunde, ja, das waren interessante Fächer.
Aus meiner Sicht kam die Frage der Berufswahl etwas früh an mich als jungen Menschen heran. Die Schulen heute, gestalten dies viel praxisnaher. Es werden Praktika angeboten. Die Jugendlichen können sich ausprobieren und in verschiedene Bereiche reinschnuppern. Eine große Bereicherung. Seinerzeit wurde überlegt: Wenn du aufs Büro gehst, kannst Du später, wenn die Kinder da sind, auch gut Teilzeit arbeiten.
Da ich bis dahin immer noch in meiner Schüchternheit versunken war, habe ich mir selbst keine Gedanken darüber gemacht und habe mich für eine Ausbildung zu Stenokontoristin beworben.
Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich, die von der ersten Klasse an Probleme mit der Rechtschreibung hatte, wird Sekretärin. Was guckt ihr so?
Heute würde man sagen: Finde den Fehler.
Zu meiner Überraschung verlief die Ausbildung sehr gut. Schreibmaschine schreiben (für die Jüngeren unter euch: Eine Schreibmaschine ist ein Gerät, in welches man ein leeres DIN-A4-Blatt eingespannt hat, auf eine Walze, dann wurden die Buchstaben-Tasten angeschlagen, wie heute auf der Tastatur am PC, welche dann einen Anschlag des Buchstaben auf ein Farbband verursacht hat, welches zwischen Buchstaben und Papier war, und dieser Anschlag hat dann den Buchstaben aufgrund der Farbe des Farbbandes auf dem Papier hinterlassen. In meiner Anfangszeit war diese Maschine noch mechanisch, später elektrisch, noch später mit Korrekturtaste, noch später mit Speicher, bis wir dann beim PC gelandet sind.) also, Schreibmaschine schreiben hat mir trotz meiner Schwäche bereits sehr früh Spaß gemacht, so dass ich mir schon als junges Mädchen eine Schreibmaschine gewünscht hatte und mir bereits sehr früh das 10-Finger-System angeeignet habe. Somit war der ergriffene Berufsweg doch nicht nur falsch.
Wir waren ein guter „Haufen“ junger Frauen, die diese Ausbildung absolvierten. Mit einigen hat sich eine Freundschaft entwickelt, so dass wir zusammen im Urlaub anfingen in die große weite Welt rauszugehen. Die erste große Reise ging mit dem Zug nach Spanien. Zum Frühstück stand dann der Martini auf dem Tisch. Die Nächte wurden nicht mit schlafen vertan und morgens gingen wir zum Sonnenaufgang an den Strand.
Dort mussten wir lernen, dass wenn man auf der Klippe sitzt, aufs Meer rausschaut, auch wenn man lange rausschaut und es langsam bereits hell wird, es nicht automatisch heißt, dass die Sonne immer über dem Meer aufgeht. Es lohnt sich dann auch mal der Blick nach hinten.
Habe ich vorhin irgendwas gesagt, dass Erdkunde eines meiner Lieblingsfächer war?
Als die Ausbildung fertig war, wurde ich intern weitervermittelt, an einen Arbeitsplatz, dem ich noch nicht gewachsen war. Ich saß zusammen mit zwei Freundinnen in einem Büro. Ich habe da keinen Fuß auf den Boden bekommen, fühlte mich unsicher, machte dadurch viele Fehler, was sich schließlich verselbständigte. Ich wurde sogar ziemlich krank.
Für mein hart verdientes Geld habe ich mir unnötige Sachen gekauft, um mich selbst bei Laune zu halten.
Zum Glück habe ich, trotz meines zarten Alters von 20 Jahren, diesen Zusammenhang erkannt. Ich denke, viele Menschen verbringen einen Großteil ihres Lebens in diesem Zustand (unglücklich Geld verdienen, unnötige Sachen anschaffen, kurz freuen, unglücklich Geld verdienen, unnötige Sachen anschaffen, kurz freuen…).
Ich wollte das nicht. Geld ist schön zu haben, aber nicht alles. Somit habe ich nochmal einen Gang zurück geschalten, habe mich bei unserem bekanntesten Friseur am Ort beworben und gesagt: „Ich möchte gerne eine Lehre bei Ihnen machen. Und zwar nur bei Ihnen. Wenn Sie dieses Jahr keinen Platz mehr haben, dann warte ich nochmal und komme nächstes Jahr wieder.“
Dies hat ihn vermutlich beeindruckt. Und mich selbst auch, da ich dachte, wo ist bitte meine mir eigene Schüchternheit.
Im gleichen Jahr durfte ich bei ihm die Lehre zur Friseurin beginnen. Das war spannend. Da konnte man nicht das Blatt aus der Schreibmaschine nehmen und nochmal anfangen, wenn was falsch lief. Wenn die Haare ab waren, waren sie ab. Eine interessante Erkenntnis die sich recht schnell eingestellt hatte. Für mich, aber auch für meine Mutter, die sich als Modell zur Verfügung gestellt hatte. Ich vermute, sie hätte sich gewünscht, ein neues Blatt einspannen zu können…
Nach knapp einem Jahr hat sich dann leider eine Allergie an den Händen entwickelt, gegen die Chemikalien, so dass ich die Lehre abbrechen musste.
Ein neuer Bürojob war schnell gefunden. Einer, der auch sehr viel Freude gemacht hat. Abrechnung der Verkaufsfahrer von Blumen. Hier war fast nur die Rechenmaschine mein Arbeitsgerät und die habe ich geliebt. Das Völkchen der Verkaufsfahrer war genau mein Ding. Wir hatten sehr viel Spaß, nette Begegnungen und immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Es haben sich Freundschaften entwickelt, die lange über die Zeit des dort arbeiten gehalten haben, aber auch einen dramatischen Verlauf genommen haben. Dies aber später.
Nach knapp drei Jahren habe ich mich neu orientiert, habe in den Schrauben-Großhandel gewechselt. Kunden am Telefon ihre Bestellung abgenommen und immer mehr auch Beratungen durchgeführt. In dieser Zeit kam mehr und mehr mein Freiheitswunsch durch. Rausgehen in die Welt. Länder entdecken.
Der erste Asien-Urlaub war 1989. Geplant hatten wir China. Reiserouten waren schon rausgesucht, genaue Vorstellungen der Gebiete, die wir besuchen wollten. Der Rucksack war mehr oder weniger schon gepackt, als die Nachrichten voll waren mit dem Massaker an den Studenten auf dem Platz des Himmlischen Frieden.
Daraufhin war klar: Nein, dieses Land bereisen wir nicht. Selbst wenn es erlaubt wäre, das Gewissen sagt nein.
Die Flüge konnten ohne Probleme umgebucht werden. Unser neues Ziel hieß Malaysia. Für die Vorbereitungen blieb nun natürlich nicht mehr viel Zeit, somit war es mehr „learning by doing“. Ich hatte keinerlei Erfahrung. Was kommt in den Rucksack rein? Was bleibt zu Hause? Wo fangen wir an, wo endet die Reise? Zum Glück waren wir fünf Personen und von den fünf hatten bereits vier etwas Erfahrung mit Rucksackreisen.
Es wurde eine interessante Erfahrung. Auf dieser Reise habe ich meine Freude an der Schwarz-Weiß-Fotografie entdeckt. Meine Bilder später zu Hause in der abgedunkelten Küche selbst entwickelt. Das war toll. Mitzuerleben, wie nach und nach das Bild auftaucht.
Wir haben die Reise ganz im Osten von Ost-Malaysia begonnen. Waren am Mt. Kinabalu. Haben eine Orang-Utan-Auswilderungsfarm besucht, sind auf einheimische Märkte zum Essen gegangen, haben die exotischen Gerüche genossen, einige Fettnäpfchen getroffen, nette Bekanntschaften geknüpft.
In Bahnhöfen auf Bänken geschlafen, uns von der Polizei zu einem aus dem veralteten Reiseführer genannten Hotel fahren lassen, haben uns noch gewundert, dass die Polizei die genannte Adresse mit Skepsis aufgenommen hat, um dann vor Ort festzustellen, dass das ehemalige Hotel zwischenzeitlich ein Bordell war.
Obwohl dieser Urlaub im Großen und Ganzen eher chaotisch verlief, hat er meine Reiselust nicht gedämpft, sondern angefacht. Und für mich stand fest, vier Wochen Jahresurlaub reicht nicht aus, diese Reiselust zufrieden zu stellen. Mein Wunsch war einfach mal zu gehen. Ohne zu einem bestimmten Termin zurück sein zu müssen. Angepeilt wurde die Planung auf ein Jahr.
Somit ging es in die Vorbereitung. Mietvertrag der Wohnung kündigen. Alles einlagern, was ich später evtl. wieder benötige. Geld nicht ausgeben, sondern schön für die Reise auf die Seite legen, sich um die Krankenversicherung kümmern, in Austausch gehen, mit erfahrenen Traveller und natürlich zu guter Letzt die Arbeitsstelle, die das nötige Geld erbracht hat, kündigen. Ab dem Zeitpunkt ist der Spieß rumgedreht und das Ersparte geht wieder in die andere Richtung.
1990 konnten wir so eine Planung tatsächlich mit 10.000 DM umsetzen. Dies beinhaltete die Flüge, die Anwartschaftsversicherung, so dass uns die Krankenversicherung in Deutschland wieder aufgenommen hätte, wären wir krank zurückgekommen, die Auslandskrankenversicherung, welche bei der Dauer einer einjährigen Reise tageweise berechnet wird, die Unterkünfte und natürlich das superleckere Essen.
Klar, damals waren 10.000 DM viel Geld und wir mussten schon eine Weile dafür sparen, aber das Ziel war bei weitem nicht unerreichbar.
Im Oktober 1990 ging es dann los. Nepal war die erste Anlaufstelle, gefolgt von Indien.
Indien war für mich am eindrücklichsten, am gegensätzlichsten. Allein in Indien verbrachten wir vier Monate. Bereisten dieses wuselige Land vom Norden bis ganz in den Süden. Absolvierten viele Nachtfahren in öffentlichen Bussen, neben Betelnuss-Kauenden-Inder. Zur Unterhaltung wurde seinerzeit bereits vorne, über den oberhalb des Fahrers angebrachten Fernseher Videos von Bollywood-Produktionen gezeigt, wobei 30-minütige Kampfszenen, bei denen die Schauspieler über einen Wasserfall hinabfallend mit dramatischer Musik, keine Seltenheit waren. Und das ganze in einer Lautstärke, dass mein mitgebrachter Walkman auf voller Lautstärke keine Chance hatte, Bollywood zu übertönen. Noch Jahre später habe ich von diesen Nachtfahrten durch Indien geträumt. Und dies waren keine angenehmen Träume.
Die Bauwerke in Indien sind für mich unvergleichlich. Ein Reichtum an Kultur und Vielfältigkeit. Allerdings war Indien 1990 noch ein sehr anstrengendes Land zu bereisen. Nach vier Monaten kam dann die Ausreise über Singapore.
Ein Schock.
Keine versehentliche Berührung im Bus. Kein Gespräch. Kein Blickkontakt.
Auf öffentliche Toiletten der Warnhinweise per angebrachtem Schild: Wer vergisst die Spülung zu betätigen muss mit 500 Singapore-Dollar Strafe rechnen.
Ich fragte mich: Woher wissen die, ob ich gespült habe oder nicht.
Ich habe mir dann aber selbst nicht erlaubt, weiter darüber nachzudenken.
Die Stadt war fantastisch. Damals gab es noch viele der alten Viertel. Mit Essensmärkten aus aller Welt. Alte Gebäude, eingebettet in hochmoderne Hochhäuser. Bankenviertel, die sich selbst gegenseitig versucht haben zu übertrumpfen.
Gegensätzlicher konnte ein Stadtstaat auf so engem Raum nicht sein.
Im weiteren Verlauf traf ich dann „Meine große Liebe“.
Bis heute schlägt mein Herz für dieses Land. Hier war für mich echte Wärme. Ob es gezeigt wurde, dass immer eine Thermoskanne Tee vor der Tür der Unterkunft stand. Oder dass hier Männer und Frauen ganz offen miteinander scherzen durften/konnten. Dieses Land, mit seinen unzähligen Inseln und Inselchen, war für mich eine Offenbarung. Ich liebte schon im Erdkundeunterricht das Thema Vulkane. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals selbst an einem stehen würde.
Das war mein Erlebnis, mein Erwachen. Ja, wenn man seinen Fuß vor die Türe setzt, geht es weg von der Theorie, rein in die Praxis, ins Erleben.
Ich habe bis heute noch keinen Menschen in Indonesien getroffen, den ich nicht schön finde. Diese Menschen haben bei mir im Innersten etwas angerührt und selbst in der „alten Oma“, die im Affenwald Bananen verkauft, Rastalocken bis über den Po hat, abends vom Enkel auf dem Moped abgeholt wird, sehe ich einen wunderschönen Menschen. Es ist, als wäre in diesem Land mit meinen Augen etwas passiert. Sie haben jeden Filter verloren.
Somit wundert es mich auch nicht, dass ich dann dort dem zukünftigen Vater meines Sohnes buchstäblich vor die Füße gefallen bin.
Wir hatten bereits Java, Bali, Lombok, Sumbawa, Sumba durchquert und waren auf dem Weg nach Flores. Hier wurden wir beim Ankommen mit der Fähre gleich „entführt“. Uns wurde versichert: „Ganz tolle neue Unterkünfte, steigt ein in unser Boot, wir bringen euch hin.“
Tja, die Unterkünfte wären dann auch großartig gewesen, wenn sie fertig gewesen wären. Sprich Boden und Dach war da. Aber das Ganze war etwas einsehbar, da von vier Wänden noch genau vier fehlten.
Weiterziehen war keine Option, da es bereits abends war, dorthin konnte man nur mit dem Boot, somit auch nur wieder weg mit dem Boot und dann natürlich die Frage, wohin überhaupt. Somit haben wir unsere luftige Hütte bezogen, unsere Moskitozelte aufgebaut und haben zur eigenen Überraschung sehr gut geschlafen, so dass wir, als am nächsten Tag ein fertiger Bungalow frei wurde, ernsthaft überlegt haben, nicht umzuziehen.
Aber beim Europäer siegt die Vernunft.
Dieser Ort hat sich dann als für mich wegweisend erwiesen. Es waren außer uns nur noch Australier da, die ein Englisch sprachen, welches beim besten Willen nicht zu verstehen war. Wobei ich auch zugeben muss, dass mein Englisch zu der Zeit sehr dürftig war.
(Als kurzes Beispiel, wie mein Englisch seinerzeit war:
Als in Indien ein Fahrer sein Auto abgestellt hat und vergaß sein Licht auszuschalten, habe ich ihn, als er sich von seinem Auto entfernte, angesprochen mit dem Satz:
Your light is burning!
Ihr hättet mal sehen sollen, wie schnell er zurückgerannt ist.
Oder, ein andermal wollte ich die Busfahrkarten für eine längere Busfahrt durch Indien kaufen. Mein Anliegen war drei Fahrkarten vorne im Bus zu erwerben, da es hinten immer sehr unangenehm schaukelt und es einem meistens übel wird.
Somit bestellte ich beim Ticketverkäufer:
„Three ticket in front of the bus.“
Ich glaube, der lacht heute noch.)
Und die Australier hatten im Gegenzug keine wirklich hohe Meinung von uns Deutschen.
Tags darauf wollte ich meine wenigen Klamotten am Süßwasser-Brunnen, welcher ca. 500 Meter inlandig im Dschungel lag, waschen. Ich hatte also einen Arm voller schmutziger Kleidung, träumte vor mich hin und bei der letzten Biegung blieb ich mit meinem Badeschlappen an einer Wurzel hängen, sauste um die Ecke, konnte mich mit Müh und Not auf den Beinen halten, um dann vor einem grinsenden Australier zu laden, der gerade Siesta auf dem Brunnen hielt.
Na danke.
Innerhalb kurzer Zeit stellte ich fest, dass wenn der Australier sich Mühe gibt, konnte man das Englisch tatsächlich einigermaßen verstehen. Anderseits stellte der Australier fest, wenn man sich auf ein Gespräch mit einer Deutschen einlässt, sind die gar nicht so arrogant.
Kurzum, wir stellten schnell fest, da hat jemand an unsichtbaren Strippen gezogen, damit Petra aus Deutschland auf Ken von Australien auf der Insel Flores mitten im Dschungel am Süßwasserbrunnen aufeinandertreffen und dies auch noch am Geburtstag von Ken.
Wir dachten dann beide schnell: OK Schicksal, wir haben verstanden, wir fügen uns. Und waren ab dem Moment für den Rest seines Urlaubs nicht mehr zu trennen. Dieser Rest ging allerdings leider nicht mehr sehr lange und somit musste ich ihn dem Flieger übergeben, der ihn zurück nach Darwin brachte, nachdem wir noch zusammen bei den Riesenwaranen auf Komodo waren.
Hier hätten wir dann entscheiden können zu sagen: Danke, war eine schöne Begegnung. Es hat uns beide gelehrt, dass Vorurteile wirklich hirnrissig sind. Hinschauen und selbst wahrnehmen, dann hält kein Vorurteil durch.
Aber das konnten wir nicht. Ich habe dann schnell meine Reiseroute angepasst und nun stand plötzlich Australien auf meinem Plan.
Um dies alles umzusetzen, musste ich in Bali alle Formalitäten hinter mich bringen. Lernte unterwegs noch nette Reisebegleiter kennen, mit denen ich eine schöne Zeit verbrachte. Traf einen weiteren wichtigen Menschen, der in einem der Unterkünfte arbeitete, in welchem ich gewohnt habe. Gusti Ngurah Arnawa. Er hatte seinerzeit eine deutsche Freundin und war mehr oder weniger kurz vor dem Abflug nach Deutschland.
In Deutschland besuchte er meine Familie. Es war ein schöner Gruß, gebracht, von einem Indonesier, aus der großen weiten Welt.
In einer Zeit, wo wir tatsächlich noch postlagernd Briefe schrieben. In jeder großen Stadt sind wir sofort ins GPO (General-Post-Office) und haben unter unserem Anfangsbuchstaben vom Namen geschaut, ob Briefe aus der Heimat auf uns warteten. Hier habe ich auch zum ersten Mal Bilder von meiner neuen Nichte und meinem neuen Neffen erhalten. Beide meiner Schwestern wurden in der Zeit meiner Reise Mutter.
Wenn wir dies mit der heutigen Zeit vergleichen, ist dieser technische Fortschritt der letzten 30 Jahre fast nicht zu glauben. Heute wären wir in Indonesien vermutlich über das Handy mit im Kreissaal und würden die Kleinen gleich per Videoschaltung begrüßen können.
Dies als kurzer Ausflug, welchen Unterschied die Technik allein auf Reisen für uns gebracht hat.
In der Zeit, als Gusti in Deutschland war, habe ich den großen Schritt gewagt und bin zu Ken nach Darwin geflogen.
Unterwegs dachte ich noch, was, wenn er es gar nicht ernst gemeint hat. Wenn er einfach nicht am Flughafen erscheint? Dann steh ich da und guck blöd aus der Wäsche.
Dadurch, dass ich ihn ja schon als Vater meines Sohnes angekündigt hatte, könnt ihr euch natürlich schon ausrechnen, dass dem nicht so war. Er stand da. Und wir waren uns immer noch so sympathisch, wie auf Flores.
Die drei Monate in Darwin (so lange war mein Visum gültig) gingen recht schnell rum. Eigentlich haben wir uns nach den drei Monaten so verabschiedet, dass uns klar war: Sein Leben ist in Darwin, meins in Deutschland. Traurig aber ist so.
Ich war dann nochmals einige Zeit in Indonesien, da traf ich auch Gusti wieder, der zurück war aus Deutschland. Ziemlich ernüchtert, aber mit schönen Geschichten, an denen er mich teilhaben ließ. Wir haben viel gelacht, über seine Schilderung der Deutschen, wie er sie in Deutschland kennenlernen durfte und gut charakterisieren konnte. Er musste feststellen, Deutsche in Indonesien, im Urlaub, entsprechen nicht dem gleichen Bild der Deutschen, in Deutschland.
Mein Weg hat mich dann über Singapore nach Malaysia und schließlich nach Thailand geführt und Ende September 1991 ging mein Flieger wieder nach Hause.
Neue Arbeit und eine Wohnung waren schnell gefunden. Ja, dies ging damals wirklich noch ohne Probleme und ich war sehr schnell wieder im Familienleben, mit den beiden neuen Erdenbürger und im Freundeskreis eingebunden.
Was ich aber unterschätzt hatte, war, dass sich jemand trotz meiner immer noch vorhandenen Schüchternheit, in mich verlieben kann und sogar bereit ist, dafür für einige Zeit seine Heimat, mit allem was dazu gehört, hinter sich zu lassen.
Am 07.12.1991 stand Ken vor der Tür. Besser gesagt, da landete sein Flugzeug in Frankfurt und ich fuhr hin und habe ihn abgeholt.
Für ihn war es keine leichte Zeit in Deutschland, auch wenn er von allen Seiten herzlich aufgenommen wurde. Aber Deutschland ist nicht Australien (nur für den Fall, dass ihr das noch nicht gewusst habt).
Allerdings gab es auch viele Sachen, die er in Deutschland zu schätzen wusste. Im Sommer die langen Abende. Nach Feierabend noch eine Fahrradtour machen. Die kurzen Wege.
Aber in Deutschland spielt sich so viel innen ab. Australier sind gewohnt viel im Freien zu sein. Wenn man dann im Winter hier ankommt, alle Menschen dick eingemummelt, Blick auf den Boden gerichtet, das ist schon ein deutlicher Kontrast. Um so schöner wurde es dann im Frühjahr und Sommer. Die Menschen sind offener und freundlicher.
Und trotzdem ist Deutschland nicht Australien. Es stand auch nie zur Diskussion, dass unser Leben immer in Deutschland stattfinden wird. Somit wurde Schritt für Schritt überlegt, wie geht es weiter?
Da wir beide sehr gerne auf unseren Fahrrädern saßen, war klar, dass hier was Größeres geplant werden muss.
Oder besser gesagt, mir war das klar. Ken war damals noch kein so überzeugter Fahrradfahrer. Somit habe ich ihn eines Tages mit der Frage überrascht:
„Was hältst Du von der Idee, wenn wir einen Teil unseres Weges nach Australien mit dem Fahrrad fahren, sagen wir, bis in die Türkei.“
Nach dem ersten verdutzten Blick kam der Gesichtsausdruck, der sagte: Warum nicht?
Geeignete Fahrräder wurden schnell gefunden, einschließlich eines Fahrrad-Reparaturkurs beim ADFC.
Als Probelauf haben wir im Jahr 1992 dann den Bayerischen Wald als Ziel rausgesucht, was eine tolle und erfolgreiche Tour wurde. Dort habe ich meine schnellste Abfahrt ever mit 73 Km/h gehabt, was ich mich heute nicht mehr trauen würde.
Nachdem der Probelauf unsere Pläne nicht als unerreichbar gestraft hatte, haben wir die Planung richtig vorangetrieben. Diesmal mit dem Ziel, nur noch ganz wenig Hausrat einzulagern, da sich die Zukunft ja in Australien abspielen sollte.
Wieder Wohnung kündigen, etwas Geld sparen, Flohmarktstand machen, damit möglichst alles, was ich besaß verkauft wurde. Somit hatte ich keine Möbel mehr, kein Geschirr, keinen Fernseher, kein Besteck, keine Stereoanlage…
Dafür hatte ich etwas anderes, mit dem wir nun wirklich nicht gerechnet hatten.
Und kommt ihr drauf?
Ja, ich hatte eine kleine Erbse im Bauch. Als wir sie entdeckt hatten, war sie mal gerade 5-6 Wochen alt. Ich konnte (und wollte) niemand weißmachen, dass dies ein geplantes Baby ist.
Also, nochmal kurz Bilanz ziehen.
Wohnung weg, Job gekündigt, fast alles, was ich besaß war verkauft. Ich hatte nur noch ein Fahrrad, vier Packtaschen und einen weiten Weg Richtung Australien vor mir. OK. Zugegeben, so war es nicht wirklich geplant. Aber das Leben gibt die Wege vor und ich muss sie „nur“ gehen.
Und nachdem der kleine Wurm gerade jetzt in diese Welt kommen wollte, dann soll er gerne in diese Welt kommen. Aber dann muss er sich auch klar sein, dass er mit uns erst mal mit raus muss, in diese Welt. Und zwar auf zwei Rädern, nachts im Zelt, nicht wissen, wo sind wir abends, was werden wir zum Essen haben und wie lange die Reise geht.
Sofort konnte er sich nicht entscheiden. Hat noch etwas gezögert mit dem Herzschlag, der spätestens nach sechs Wochen da sein sollte.
Als nach guten sechs Wochen der Herzschlag beim Arzt festgestellt werden konnte, konnten wir mit leichter Verspätung die Fahrt beginnen. Immer Richtung Osten. Die erste Etappe bis in den Bayerischen Wald kannten wir ja schon, nur bogen wir dieses Mal nicht links in den Bayerischen Wald ab, sondern sind an der Donau geblieben.
