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„… du, schrie Hartley erwachend, ohne zu wissen, wen er damit meinte, Karl, Arnold, Gerhard, nein, keinen von ihnen, doch einen für alle von denen, die in den Gräben verrecken würden, sprang von Panik erfüllt aus dem Bett, öffnete das Fenster, den Toten zu vertreiben, Luft zu schnappen, um auf Straße und Häuser, auf eine vertraute Welt hinauszublicken.“ „Nun, es ist halt Kunst. Glöcklers Text kann in meinen Augen den Status von Kunst beanspruchen. Was aber nur angemessen ist, da er schließlich über einen Künstler schreibt.“ Peter H.E. Gogolin (aus: Luzifers Patenkind. Ein kritischer Einakter über ein Buch)
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Table of Contents
KM_Gloeckler_Luzifer_240229_fuer_ebook
Impressum
Widmung
Motto
Paris, 1912
Paris, 1913
Berlin, 1913 / 1914
New York, 1916
Taos, New Mexico, 1918
Dogtown, Cape Ann, Massachussetts, 1920
Berlin, 1922 / 1923
Florenz, 1923
Fiesole, später Nachmittag
Florenz, nachts
Nachwort
Danksagungen
Literatur
Personen
Orte
Zitate
»Nun, es ist ein Kunstwerk«
Ralph Roger Glöckler
Luzifers Patenkind
Novelle
Überarbeitete NeuausgabeMärz 2024
Kulturmaschinen Verlag
Ein Imprint der Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Ochsenfurt
www.kulturmaschinen.com
Die Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt) gehört allein dem Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V.
Der Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V. gehört den AutorInnen.
Und dieses Buch gehört der Phantasie, dem Wissen und der Literatur.
Umschlaggestaltung: Sven j. Olsson
Umschlagabbildung: Marsden Hartley, »Lucifer’s God Child«, (Luzifers Patenkind), um 1936–1943, Graphit auf Papier, 26.35 × 20.64 cm, Bates College Museum of Art, Marsden Hartley Memorial Collection, Lewiston, ME, USA, Geschenk von Norma Berger, 1955.1.10
Eingestellt bei BoD
978-3-96763-295-8(kart.)
978-3-96763-296-5(geb.)
978-3-96763-297-2(.epub)
Für Günter
I have little or no gift for exactitude of facts – dates may be found wrong, truths turned about. All I can say is that certain things got behind me and pushed me forward, and now that they are behind me, all I can call it is Somehow a Past …
Marsden HartleyExcerpt from »Somehow a Past: A Journal of Recollection«
Paris, 1912
Phili, mein Phili, soll er gesagt, ein Taschentuch verklärten Blicks an den Mund geführt und geküsst haben, wer eigentlich, dachte der Maler Edmund Marsden Hartley, drehte sich nach dem Amerikaner und seinen Kumpanen am Nachbartisch um, der, sich lachend auf die Schenkel klopfend, meine Seele, mein Geliebter, mein Dachs, mit heftigem Akzent, hervorstieß, um, wie ungehörig, typisch für seine, so Hartley, unzivilisierten Landsleute, um das Gespräch über Kunst, das er und seine Freunde führten, erneut zu stören.
Was war schon so witzig an diesen Ausrufen, die einen Verliebten mit seinen eigenen Worten lächerlich machen wollten, Landsleute, denen es einerlei war, ob sie einen seriösen Gedankenaustausch unterbrachen, wahrscheinlich, dachte Hartley grimmig, hatten sie nicht einmal bemerkt, wer neben ihnen im Restaurant Thomas, Boulevard Raspail, Paris, saß, adrett gekleidete, ernsthafte Künstler, Adepten von Gertrude Stein, von der diese Männer sicherlich noch nichts gehört hatten, 27 Rue de Fleurus, deren Salon er, Hartley, Charles Demuth, Arnold Rönnebeck später aufsuchen würden, und dieser zauberhafte junge deutsche Leutnant, Karl von Freyburg, Arnolds Cousin, zu Besuch aus Potsdamer Garnison, den er für einen Offizier gehalten hatte, Menschen mit einer Vision, die sich vom Gekreisch der Nachbarn nicht nur gestört, sondern verhöhnt fühlen mussten.
Hartley sprang auf, zündete eine Zigarette an, um sich zu beruhigen, um, ach, er wusste nicht, was er tat, wozu auch, nur eine instinktive Geste, um die Verärgerung in Lungenzügen zu verbrennen, steckte die Linke in seine Jackentasche und blickte zum Fenster auf den Boulevard hinaus, auf flanierende Damen und Herren, auf, wie so oft und seltsamer Weise, wenn sie sich hier trafen, gekrümmte, dunkle Trauernde, die Karren mit schwarz verhängten Särgen selbst zum Friedhof Montparnasse zu ziehen schienen, er konnte sie ächzen, ihre Toten oder was sich in diesen Kisten verbergen mochte, wortlos beklagen hören, den Verlust von Liebe, vom, wer weiß, unwiederbringlich erloschenen Traum eines leuchtenden, sich in die Unendlichkeit öffnenden Morgens, so es keine im Schritttempo dahin fahrenden Reichen waren, deren Trauerbusfahrer versuchten, so professionell wie möglich weder Särge zu verlieren noch die Ruhe der Toten zu stören, um später, mit schrillen Hupen Passanten aus dem Weg zu scheuchen, jedes Mal wurde er also Leichenzugzeuge, als würde ein morbides, todessüchtiges Paris versuchen, ihn anzurühren, während seine Freunde die lästernden Männer am Nebentisch musterten … !
Demuth, der Maler, mit straffem Mittelscheitel, fixierenden Augen, stechendem Blick unter geschwungenen, wie Adlerflügel aus der Nasenwurzel wachsenden Brauen, Raubvogel, der darauf lauerte, seine Beute zu skizzieren, schon tasteten die langen Finger wie Tentakel nach dem in seiner Jackentasche verborgenen Block, legten ihn aufgeblättert vor sich auf den Tisch, drehte den Bleistift knirschend im Spitzer, bereit den Stift anzusetzen.
Arnold, dessen ovale, braune Augen vom einen zum anderen wanderten, offen fragender Blick, die vollen, wohlgeformten Lippen, das Grübchen im Kinn zuckten, als würde er nach Worten suchen, diese Herren zu beschreiben, griff sich reflexhaft ins lockige, übers Ohr hängende Haar, verzog den Mund, versuchte wohl, sich hämische Kommentare zu verkneifen, waren es doch eher die mit seinen Händen geformten Köpfe, Büsten, Skulpturen, die abbildeten, wie andere seiner Meinung nach einzuschätzen waren, griff sich also ins Haar, wissend, worüber die Tischnachbarn lästerten, sah, hochgezogene Brauen, verdrehte Augen, eine stumme Reaktion erwartend, seinen Cousin Karl von Freyburg an.
Der junge deutsche Militär, glatt rasierter Bart, blonde, kurz geschorene Haare, blaue, niedergeschlagene Augen, sah unsicher, fast peinlich berührt vor sich hin, als wüsste er nicht, was er denken sollte, weder von Hartleys Flucht vom Tisch, noch dessen irritiert inhalierter Zigarette, seinem seltsam abwesenden Blick hinaus auf den Boulevard oder die anzügliche, ihr Gespräch unterbrechende Prahlerei nebenan, nein, Karl von F. war nicht der stramme, preußische Soldat, der zu sein von ihm erwartet wurde, sondern schwankte, schnappte, ohne es sich anmerken zu lassen, oft nach Luft, wie gerade eben, wissend, dass er in seiner Uniform adrett, zackig, unwiderstehlich wirken würde, militärisch comme il faut, mehr nicht … !
Hartley setzte sich wieder zu den Künstlerfreunden, zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher, melancholisch den Särgen nachsinnend und dem, was darin zu Grabe getragen worden sein mochte, unwiederbringlich Verlorenes, von sacht glimmender, im Pariser Nachmittag erlöschender Aura, das sich niemandem mehr offenbaren würde, ihm schon gar nicht, aber, lenkte er ein, es waren wohl nur in toten Körpern erloschene, das lebendige, namenlose Eine imaginierende Seelen, die in Montparnasse der Erde zurückgegeben werden sollten … !
Denker, dachte Arnold, als Hartley ihn gedankenversunken anblickte, so, wie er ihn modelliert hatte, hohe Stirn, große, schauende Augen, durchdringender, fast sezierender Blick, schnabelartige Greifvogelnase über kleinem, streng geschlossenem Mund, nein, kein schöner Mann, im Gegenteil, sondern ein skeptisch wirkender Späher, fähig, gedankliche Höhen zu erklimmen, außer sich zu geraten, in Abgründe zu stürzen …
… wenn Cézanne, sagte Hartley, um das unterbrochene Gespräch fortzusetzen, schienen sich die Nachbarn doch leiser, weniger weinselig lüstern unterhalten und es den Freunden gestatteten zu wollen, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren, wenn er also einen Becher durch Form und Farbe zum Leben erwecken, über ihn selbst Hinausweisendes daraus evozieren würde, aus einem kleinen, leblosen Ding, dann läge es nahe …
Kandinsky, unterbrach Arnold, er müsste Kandinskys Schriften lesen, seine Werke kennenlernen, Marc und den Blauen Reiter, mehr noch, müsste sie in Bayern besuchen, hielt inne, warf einen irritierten Blick zum Nachbartisch hinüber, an dem klirrend angestoßen und schon wieder laut, zu laut gelacht wurde …
Die Ehe eine Ferkelei, soll er gesagt haben, stieß einer hervor, Frauen, so ein anderer, nur Klosetts, »wir träumen zusammen im schwebenden Boot«, sangen sie einander zu, »und schweigen in lastender Herzensnot«, aber nicht nur Fürst, Adjutant, Bauern und dienstbare Fischer, sagte einer, der bisher geschwiegen hatte, wären klammheimlich auf den See hinausgerudert, um …, legte den Finger augenzwinkernd vor den Mund, blickte hin und her, um, sondern eine höhere, äußerst hohe Persönlichkeit, um, was gemunkelt wurde, zu vertuschen …
Dann läge es doch nahe, fuhr Hartley unbeirrt, mit rotem Kopf lauter gegen den Lärm am Nachbartisch anredend fort, Wahrnehmungen in abstrakte Zeichen zu verwandeln, hätte Gertrude Stein nicht geschrieben, er, Hartley, sei radikaler als andere, sie also in Formen und Farben auf der Leinwand lebendig, mehr noch, das schöpferisch Eine darin erfahrbar zu machen … hielt inne, sah die vom Grölen abgelenkten Freunde einen nach dem anderen an, um gereizt zu fragen, worüber diese Leute sich lustig machten?
Über den Eulenburg-Skandal, sagte Arnold, zuckte die Schultern und fragte, ob in den Vereinigten Staaten nicht darüber berichtet worden wäre?
Doch, warf Charles Demuth ein, begann, Linien auf dem Skizzenblatt zu entwerfen, aus Schatten hervortretende Umrisse, Figuren, kurze Notizen in der New York Times.
Er sollte, fuhr Arnold fort, sich einen verschworenen Kreis adliger Herren vorstellen, romantische Künstlernaturen, Sänger, Pianisten, Komponisten, so hätten die besoffenen Nachbarn gerade versucht, Verse aus Eulenburgs »Rosenliedern« zu singen, Kristallkugelleser, genialische Dilettanten, die sich auf Schloss Liebenberg, dem Sitz des Fürsten Philip zu Eulenburg und Hertefeld Graf zu Sandels getroffen, inspirierte, sich auserwählt wähnende Naturen, die, wie zu beweisen gewesen wäre, nicht nur Gedichte, Lieder und politische Ränke komponiert, sondern auch, unter sich, es herzhaft miteinander getrieben …
Nicht nur im Schloss, warf Charles ein, der, ohne aufzusehen, auf Kunden wartende Stricher skizzierte, sondern auch dort, wo sich Soldaten, Offiziere, Würdenträger getroffen hätten, in Potsdam, Villa Adler, Herrn Rittmeister Graf von Lynars Haus, eine in militärischen Kreisen geschätzte Adresse, was, wie niemand hätte zugeben wollen, die Spatzen von den Dächern pfiffen … blätterte um, skizzierte halb entkleidete, auf Sofas, Sesseln, flauschigen Teppichen lümmelnde Herren, Schnauzbart, Glatze, Monokel tragende Karikaturen, aus Uniformen geknöpfte, halbnackte Soldaten auf den Schößen, anders als käuflicher Sex hinter Büschen im Tiergarten, wo selbst die Polizei ein Auge zudrücke, oder rund um die Garnisonen …
War neu für dich, fragte Charles, ohne von seinem Blatt aufzusehen, wofür das preußische Militär berühmt ist, Fahnen, Paraden, Aufmärsche, Rösser, Kerle, perverse Exzesse, oder hast du’s gar nicht wissen wollen …
Der Kaiser, damals noch Kronprinz, sagte Rönnebeck, liebte diese Männer, fühlte sich getragen, verstanden, ernstgenommen, was Bismarck veranlasste, sie als Kamarilla, Kinaden, als Liebenberger, den Thronfolger manipulierende Tafelrunde zu bezeichnen, schließlich wäre es Eulenburg gewesen, der den späteren Kaiser dazu überredet hätte, ihn, Bismarck, aus dem Amt zu jagen …
Habt ihr gewusst, so Charles ohne aufzublicken, dass es Pläne von den Zimmern des Kaisers im Jagdhaus Rominten gibt, die beweisen, dass nur ein anderer Zugang dazu hatte, Eulenburg, wer sonst, der Tag und Nacht, honi soit qui mal y pense, sich dem Kaiser nähern durfte … entwarf das verschattete Gesicht eines Mannes auf zerknautschtem Kissen, halb geschlossene Augen, zerzauster Schnauzbart, sinnlich geöffnete Lippen …
Eine lange Geschichte, sagte Arnold, bis zum Scheitern der Algeciras-Konferenzen, bei denen, wie Kritiker monierten, Deutschland, einer Großmacht unwürdig, wegen des Einflusses des Liebenberger Kreises, leer aus ging. Was war denn, so der Tenor, von Homosexuellen zu erwarten? Dass sie sich stark dafür machten, Frankreich militärisch anzugreifen, deutsche Interessen durchzusetzen? Sicherlich nicht, verdächtiger noch, dass der französische Botschaftsrat Graf Raymond Lecomte zur Kamarilla gehörte, berühmt berüchtigt bei der Berliner Sitten-Polizei für nächtliche Eskapaden, was den Verdacht schürte, er habe bei Hofe zu Gunsten Frankreichs agitiert …
Kaiser und Regierung, sagte Charles und kritzelte Schraffuren aufs Papier, von homosexueller Kamarilla ferngelenkt … Skandal …
***
Was, Karl, wenn ich dieser, wie hieß er noch, Maximilian Harden wäre, Ma und Ha, mein eigener Name, fast, nur wenige Silben mehr, um diese Clique anzuklagen, den Fürst und seine Entourage, um Kaiser und Nation von ihrem Einfluss zu befreien, hören Sie das Flüstern ins kaiserliche Ohr, ach, wie die Härchen an den Lippen kitzeln, was, wenn ich weder Pinsel noch Leinwand nutzte, sondern Feder, Schreibmaschine und Papier, um diesen Dienst am Vaterland zu üben, ich würde, weniger versiert, brillant und elegant, viel eher träge, hässlich aufgeschossen, ich würde Herrn Eulenburgs Verhältnis mit dem Stadtkommandanten, Graf Kuno von Moltke, Kaiser- und Fürstenbote, Mittelsmann, Verräter, Spion, würde das invertierte Komplott ans Tageslicht zerren, ausweiden, sezieren, weil mundwässernde Einzelheiten, Klatsch und Tratsch, mir helfen werden, die Verschwörung, so es eine ist, juristisch auszuhebeln, denn einer muss, ich, Ma und Ha, Maximilian Harden, wenige Silben mehr, einer muss Herrscher und Regierung von den skandalösen Barden erlösen, auf dass Germaniens Größe sich weltenweit entfalte … !
Phili, mein Phili, so die betrogene, im Zeugenstand stammelnde Gattin, trockene Küsse ins Taschentuch, das ihr!, dieser von früherer, unerfüllter Ehe geprüften Person, hören Sie, Karl, wie die Leute auf der Straße singen, Philip, mein Dachs, meine Seele, mein einzig Geliebter, hören Sie, wie sie lachen, was ihr, der Gehörnten bedeuten sollte, wem des ehelich Angetrauten wahre Gefühle galten, ja, wäre ich Journalist, Publizist, Meinungsmacher, würde ich, koste es, was es wolle, Eulenburgs Schwüre, weder den Kaiser manipuliert, noch es mit anderen Männern, auch Kuno von Moltke nicht, getrieben zu haben, ad absurdum führen und den Verschwörern ins verlogene Süppchen spucken, auch wenn die Angeklagten steif und fest behaupten, sich nur geistig, herzlich, künstlerisch und den Kaiser über alles zu lieben, ach, wie gut, dass ich ein anderer bin, weder Maximilian noch Harden, weil ich weder das eine gegen das andere ausspielen noch eins für das andere missbrauchen will, was, Karl, wenn ich einfach nur dieser unvoreingenommene Amerikaner bliebe?
***
Charles entwarf ein Boot mit älterem, bärtigem Herrn im Bug, den Hut in die Stirn gezogen, schneeige Gipfel, verschleierte Sonne.
Da habt ihr, sagte er wie zu sich selbst, euren verlogenen, Meineid schwörenden, in späteren Prozessen aufgeflogenen Eulenburg, und skizzierte den rudernden Fischer mit kantigen Zügen, der zugegeben hatte, natürlich, es dem gnädigen Herrn im Boot besorgt zu haben, trennte das Blatt ab, legte den Stift neben den Block, als gäbe es nichts mehr zu zeichnen, sah Arnold, Hartley und Karl von Freyburg an, der schweigsam unter sich geblickt hatte, reglos, ohne Miene zu verziehen, jetzt wiegte er langsam den Kopf, als wüsste er nicht, wen anzusehen, wohin zu schauen, auf Charles’ vom Block gerissene Blätter eher nicht, als fürchtete er, seine Gedanken würden sich dort abbilden können, ein seidiges, duftendes Taschentuch, federleichter, vergessener Gruß des Geliebten, verzweifelte, trotzig gehauchte Küsse, er wusste also nicht, wen anzuschauen, doch, wusste es zweifelsfrei, aber er fürchtete, der Ausdruck seiner Augen würde Gefühle und Gedanken verraten, seine flackernde Liebe zu Edmund Marsden Hartley vor den andern offenbaren, auch wenn sie vorurteilsfrei waren, Sex mit Männern, na und, für ihn, nicht mehr, nicht weniger, ein Kavaliersdelikt, sich aber dran zu geben, sich einem andern zu verschreiben, sich also selbst einzugestehen, dass … !
Er blickte auf, weil außer diffusen Stimmen nur ein Kellner zu hören war, der Gläser, Teller, Aschenbecher klirrend auf ein Tablett hob, um den Nachbartisch, den die angetrunkenen Gesellen verlassen hatten, abzuräumen, und fragte die anderen leise, was es wohl bedeuten musste, eine Ehe wie Kuno von Moltke mit der jungen Witwe Lily von Kruse, geborene von Heyden, zu schließen: der eine, um gesellschaftlich zu reüssieren, die andere, um sich nach brachen Jahren als sexuelles Wesen zu erfüllen, er, lustlos bemüht, den Kerl im Bett zu mimen, sie, gierig, lüstern, übergriffig mit Lippen, Zähnen, Fingernägeln, blutige Striemen in seinen Rücken kratzend, hoffend, dass Schmerzen ihn reizen und befeuern würden … er wehrt ab, springt aus dem Bett, überwältigt von dieser fremden, vergewaltigenden Lust, um Atem zu holen, Mund, Gesicht, Brust, Gemächt, um seine Seele abzuwischen, einer Lust, die, das wussten Eulenburg und er genau, niemals die ihre werden würde, schließlich waren die Herren seit Jahren ein Paar … das war es wohl gewesen, einmal, zweimal, möge es dreimal gewesen sein, arme Lily, armer Kuno, das Bett ein Schlachtfeld voller Niederlagen, sie, den Kopf im Kissen vergraben, fassungslos, aufgebracht, wütend, schluchzend abgewiesene Brunst beklagend, mehr noch, ihre verabscheute Weiblichkeit, er, nachts an den Bettrand zurückgezogen, in langen Unterhosen, Hemden, ein Becken kalten Wassers zwischen sich und der ungestümen Angetrauten, Phili, mein Phili, wird er gedacht, nein, gebetet haben, mein Dachs, meine Seele, hol mich hier raus …
Karl hielt inne, sah die anderen gedankenverloren an, als erwartete er weder Worte noch verständnisvolles Nicken, gar nichts, wunderte sich, nein, wunderte sich nicht, dass ihn, den preußischen Offizier, die schiefe Ehe mehr berührte, als der politische Skandal und seine Konsequenzen.
Hartley, der sich nicht sicher war, alles verstanden zu haben, was Karl vorgetragen hatte, erwiderte seinen Blick, nickte ihm zu, bewegte die Lippen, als würde er antworten wollen, aber er wusste nicht einmal, was er hätte sagen sollen, nur, dass er sich zu diesem jungen Mann hingezogen fühlte, zu dieser leisen, freundlichen Stimme, dieser, wie er fand, zarten Aufrichtigkeit und lächelte den uniformierten, nur kurz in Paris weilenden Soldaten an, diese Verkörperung des, so sein Ideal, integren, wohlgebauten jungen Manns, des nordischen, wenn es kein deutscher wäre, Neu-England-Typen, von dem er sich, erobern lassen würde, langsam, jeden Tag ein wenig mehr, es zu wagen, ihn lüstern zu begehren, was Charles, der Hartley beobachtete und seine Vorlieben kannte, dazu brachte, mokante Blicke mit Arnold Rönnebeck zu tauschen, der seine Augenbrauen hob, mit den Schultern zuckte und Karl von Freyburg, von Hartleys Blick gebannt, errötete verlegen …
Sie schwiegen, hingen den Gedanken nach und rauchten, Hände still, Stift, Block unberührt, Zeit genug, Wein zu bestellen, Gertrude Stein, 27 Rue de Fleurus, würde sie erst gegen neun empfangen, zwei Damen unterhielten sich am Nachbartisch, belesen, literarisch, ohne die Herren zu beachten, schwiegen plötzlich, sahen einander forschend, seltsam lächelnd an, als wären Bücher nur ein Vorwand gewesen.
War Paris der Ort, dachte Hartley plötzlich, wo er auf Dauer leben möchte, und erinnerte sich an das Gespräch, vorhin, über abstrakte Malerei, an einen Besuch bei Kandinsky, Marc und Münter und die Idee, aus Formen und Farben eine malerische Grammatik zu entwickeln, um das nicht Hinterfragbare, Unaussprechliche, endlos Wahre auszudrücken … München? Er würde nach München fahren müssen. Aber fehlte da nicht etwas anderes? Elementares? Das Fest fürs Leben? Was hatte Charles Demuth von Berlin berichtet? Etwas noch nie Gehörtes. Wie wäre es dorthin, in die wahrhaft moderne, die Hauptstadt Europas zu ziehen, um, er gab es zu, nicht nur abstrakt zu denken, philosophisch motivierte Pinselstriche zu führen, sondern ganz anders, körperlich zu erleben, sich in kaiserlichen Paraderausch zu begeben, ja, die Kronprinzessin würde Hochzeit, der Kaiser Jubiläum feiern, war es nicht bald soweit, gekrönte Häupter wären geladen, Fürsten, Könige, Zaren, grandioses Schauspiel, Jubel unter himmelhohem Zirkuszelt, schon tänzelten Fahnen tragende Kürassiere auf ihren Hengsten durch die Straßen, er fühlte schlenkernde Pferderücken in seinem Becken, als wollte es alles, was in ihm klemmte und stockte lockern, Männer in weißen Kollern, weißen Hosen, schwarzen Stiefeln, Helmen, Kerle, die, hieß es nicht so, immer und überall und polizeilich geduldet zu haben wären?
Berlin, stieß Hartley in Gedanken hervor, da möchte ich hin, konnte Männer und Tiere riechen, Leder, Schweiß und Kot, endlich ein Ort, an dem es möglich sein würde, sich hemmungslos auszuleben, Berlin, wiederholte er, ohne es auszusprechen, und sah die Freunde an, ja, wo es möglich wäre, sinnliche Widersprüche zu erfahren, auch und vor allem, aber das sagte er nicht, um diesen jungen Mann, Karl, zu treffen, der ihn im Großstadtrausch festhalten, aufbauen und daran erinnern würde, wie beglückend, wie rein und edel es wäre, einander zu lieben, ach, ganz neuartige Bilder würden entstehen!
Berlin, sagte er leise, Berlin, sah auf das fleckige, verschobene Tischtisch, auf den Block mit abgebrochenen Bleistiftspitzen, skizzierten, unvollendeten Figuren, weder Engel noch Ungeheuer, sah auf leere Gläser mit rötlich öligem Schimmer, Aschenbecher voller Kippen, drehte den Kopf, blickte abwesend hinaus auf schummrige, langsam fahrende Wagen, auf schwarze, sich voranschiebende Schattenrisse, Hände in Mantel- und Jackentaschen vergraben, Hut ins Gesicht gezogen, sah hinaus auf einen nächtlich verdunkelten Boulevard, der ihm plötzlich Angst einjagte.
In Berlin, sagte Karl von Freyburg und sah seinen aufmunternd nickenden Vetter Arnold an, sollte es doch, nicht wahr, ein Atelier für Sie geben, Mr. Hartley, preiswert, günstig gelegen, bei uns in der Nähe … wo er ihn, aber das sagte er nicht, in seiner Freizeit besuchen könnte, lächelte verlegen, schwieg … kommen Sie zu uns, warum denn nicht, ich würde mich darum kümmern, eines zu finden.
Jetzt, stieß Hartley hervor, sollten wir langsam gehen.
Group of Five Standing Figures
Marsden Hartley, (Gruppe fünf stehender Figuren), 1930er Jahre, Sepiatinte auf Papier, 27.94 x 21.27 cm, Bates College Museum of Art, Marsden Hartley Memorial Collection, Lewiston, ME, USA; Geschenk von Norma Berger, 1955.1.1
Paris, 1913
Meinten Sie das ernst, Karl? Sie wissen gar nicht, was Sie damit bei einem Maler ausgelöst haben, der noch nie ein eigenes Atelier für sich hatte, sondern nur Mansarden oder Kellerräume, billige, im Sommer zu heiße, im Winter zu kalte, für einen Künstler würdelose Orte, auch hier in Paris nicht, wo Lee Simonson so freundlich war, mir seines zeitweilig zu überlassen, einen vollgestellten Raum mit schmaler Liege, auf der ich versuche, meine Nächte zu verbringen, Wände voller Skizzen, unfreundlich fremde Bleibe, in der es für Leinwände und Staffelei zu eng ist, immerhin, ich werde weder undankbar sein noch mich beklagen, schließlich ist es ein Privileg in dieser Stadt, mit diesen kompromisslos mutigen, nach neuem Ausdruck suchenden Menschen zu leben, ja, lassen Sie mich von einem Studio träumen, von nackten, weiß gekalkten Wänden, Fenstern, die so viel Licht wie nötig geben, um Farben zu sehen, wie sie wahrhaftig sind, von Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Staffelei und einer Tür, die ich hinter mir verriegeln kann, sicher, dass dies mein eigenes, bilderstürmendes Imperium ist, aus dem ich nicht vertrieben werde!
Ich will erst Handschuhe, Ringe, Hut und Schal ablegen, bevor ich fortfahre, auf Sie einzureden, den fülligen, Sie werden es gesehen haben, schäbig gewordenen Mantel, habe ich doch die Angewohnheit, nennen Sie es Manie, mich, obwohl mittellos, so elegant wie möglich zu kleiden, von jemand anderem, William Merritt Chase, einem meiner New Yorker Lehrer übernommen, dessen Unterricht ich vorübergehend folgte, bis ich mich dazu entschied, an der Zeichenakademie zu studieren, war Chase doch, wie soll ich sagen, ein bedeutender Maler, Heros unserer Kunst, gewiss, aber es befriedigte mich nicht, zwischen dilettierenden Ladies, die weder talentiert noch von dem Wunsch besessen waren, ein eigenes Werk zu schaffen, an Long Islands Stränden zu sitzen, um Gräser, Dünen, Möwen oder Wolken auf seine Weise zu kopieren, ich, der Emerson gelesen hatte, wollte kein Imitator werden, sondern, Sie wissen, was ich meine, das Malerhandwerk vervollkommnen, um fähig zu werden, inneres Erleben in Landschaft und Landschaft in etwas Seelisches zu überführen, den einen, unverwechselbaren Ausdruck zu finden.
Da steht er vor der Staffelei, von Schülern und Schülerinnen umgeben, nicht wahr, Sie sehen ihn, ein stattlicher älterer Herr mit grauem, leicht gezwirbeltem Bart, weißem Leinenjackett, weißer, akkurat gebügelter Hose, dunklem Hemd, gestreifter Krawatte, comme il faut, mit Strohhut, um sich vor blendendem Licht zu schützen, die Palette kokett im Arm, hält Pinsel, als wären es weitere Finger, in der einen, um mit der freien Hand rhythmisch Farben aufzutragen, bewegt sich mal summend, mal Lieder intonierend aus der Hüfte, in statischem Tanz, um seine Fähigkeit zu demonstrieren, leichten Herzens konzentriert und souverän zu arbeiten, was ich, zugegeben, mehr als seine Kunst bewunderte, weil er dieser Arbeit Glanz und Würde verlieh, keiner also, der abgerissen, hungernd, in feuchten Löchern verkrochen, für seine brotlose Kunst verachtet wurde, sondern vom Erfolg verwöhnt und selbstbewusst vor seine Schüler trat, schaut her, ich bin’s, William Merritt Chase, ja, und liebe es, mich elegant gekleidet zu bewegen, mit fetter Taschenuhr an fetter, unterm Umhang schwingender Kette, goldene, mit Juwelen besetzte Ringe, natürlich, meine Damen und Herren, mögen Sie das snobistisch finden, meinetwegen, ich kann und will es mir leisten, weil dies ein Beruf wie jeder andere ist, so man das Handwerk beherrscht und die Umstände, nun ja, es möglich machen.
Sie meinten das ernst, Karl, ich weiß, habe es dem Lächeln angesehen, das Sie mir schenkten und Ihrem Erröten, als Sie sich bewusst geworden waren, mich, diesen schrulligen Amerikaner, wohlgefällig betrachtet zu haben, ein eigenes Atelier in Berlin, zu dem Sie mir verhelfen wollen und, das vor allem, Raum und Zeit für uns beide, ja, lassen Sie uns die Zimmer betreten, schräg einfallendes Licht, tastende Schritte auf knarzenden Dielenböden, eine Leere um uns her, die sich mit meinen Bildern füllen möge!
Sie, Karl, Kunst und ich, nur das … so anders als das Atelier von William Merritt Chase, 10th Street Studio Building, New York, wo er nicht nur seine Bilder malte, sondern erfolgreich versuchte, sie zu verkaufen, Kunst als Geschäft, also bemühte er sich, Interessenten das Besondere, ja, Einmalige seiner Werke in diesen Räumen vorzuführen, ließ sie unter Zimmerpalmen in Sesseln mit kostbaren Seidenkissen sitzen, von wo sie auf Gemälde orientalischer Landschaften, Venedig-Veduten, Wandteppiche, Portraits, Szenen spielender Kinder blickten, oder, schräg gegenüber, auf sanft im Licht changierende Gläser, Vasen, brennende Kerzen in silbernen Leuchtern, schimmernde Bronzebüsten, ließ seine Kunden in exotischem Ambiente verweilen und, sollte er aromatisch duftende Körner entzünden, mehr noch, mit betörend dunklem Singsang seine Werke beschwören, ließ sie also den Wunsch halluzinieren, sie unbedingt erwerben zu müssen, Beweis dafür, sich den Luxus leisten zu können, an diesem Grenzen sprengenden Leben teilzuhaben.
Nein, Karl, glauben sie mir nicht, ich übertreibe, doch, glauben Sie mir, ein wenig jedenfalls, weil wahr ist, was ich erzähle. So ist das gewesen. Ich bin anders, bescheiden, zufrieden mit leeren, atmenden Räumen, die ich mit Ihrer Hilfe in Berlin finden werde, und weil ich später, bitte hören Sie weg, froh sein werde, kompromisslos, wie ich bin, meine Werke in Höhlen, Hütten, Hühnerställen zu malen, weil ich weder Geschmack noch Förderer bedienen werde, niemals … !
Also, Karl, lassen Sie mich Handschuhe, Schal, Hut und Ringe ablegen, bevor ich weiter auf Sie einrede, auch Schuhe, Hose, Krawatte und Hemd, die ich sorgsam glätten und aufhängen werde, um mich morgen früh, das habe ich von William Merritt Chase gelernt, bei aller Armut mit neuer Würde einzukleiden.
Berlin, 1913 / 1914
Plötzlich fiel grelles Licht auf die gedeckte Tafel, ließ die weißen Porzellantassen mit Goldrand flache Schatten auf die hellblaue Tischdecke werfen, beleuchtete die angegessenen Obsttortenstücke, Pfirsich, Banane, Heidelbeeren, auf den Tellern des Services, ein launischer Sommer, der nichts Gutes verhieß, wie auch, wo keiner wusste, ob es Krieg geben würde oder nicht, letzte, flackernde, vom Wetter ausgespielte Hoffnung, Arnold und der Vetter nach Potsdam eingezogen, Donnerrumpeln weitab über der Stadt, Rönnebecks Eltern nickten Hartley aufmunternd zu, der die Gabel beiseitegelegt und nicht gewagt hatte, um ein weiteres Stück Kuchen zu bitten, obwohl er in dieser herrschaftlichen Wohnung oft zu Besuch war, beim Herrn Professor, dem älteren, nachdenklichen, in einen grauen Anzug mit Weste und Fliege gekleideten Architekten mit graumeliertem Bart und seiner Gattin, die ihn, blaues Kleid mit weißem Kragen, das graue Haar leicht nach hinten toupiert, in ihrer herzlichen Art an die eigene, lange verstorbene Mutter erinnerte, obwohl sich die beiden Damen, genauer besehen, nicht miteinander vergleichen ließen, aber jene unaufgeregte, wenn es darauf ankam, manchmal ironisch-nachsichtige Mütterlichkeit teilten, an die er sich zu erinnern glaubte, an eine erloschene, in Berlin wieder entfachte Wärme, wie er sich überhaupt, sobald er diese Wohnung betreten hatte, umsorgt, beschützt, in einem ihm wohlgesonnenen Kokon eingesponnen fühlte, bei sich selbst, im Herzen Berlins zu Hause, an, wie Vater Rönnebeck sagte, Ersatzsohnesstatt, und nahm gerne ein weiteres Stück Obsttorte mit Sahne und noch einen Kaffee an, blickte, während das Dienstmädchen einschenkte, durch die geöffnete Schiebetür ins Arbeitszimmer mit Zeichenbrett, Bücherregalen, Sekretär mit Globus, Fotografien und einem Tisch voll eingerollter Pläne hinüber, verständlich, dass es dem Sohn erlaubt war, Bildhauer zu werden, weshalb auch er, der Amerikaner, sich als Maler ernstgenommen fühlte, immerhin hatte Arnold bereits 1912 den Kopf des Freundes modelliert, in Bronze gegossen, auf dem Pariser »Salon d’Automne« ausgestellt und würde ihn sogar, 1914, bei dessen New Yorker Werkschau in Stieglitz’ Galerie »291« zeigen wollen.
Wie fühlen Sie sich in Ihrem Atelier, fragte Frau Rönnebeck, blickte kurz in den Salon hinüber, um zu überprüfen, ob das Mädchen mit einem Tuch polierte Weingläser, Raucherservice, Zigarettenhalter und Zigarrenschachtel auf den Tisch am Fenster gestellt hatte, an dem sie nachher sitzen würden, ihr Mann im Polstersessel, sie auf eichenem Armlehnstuhl, der schlaksige Amerikaner, wie immer, aufs Sofa gelümmelt, wo er es sich bequem machen sollte, warum auch nicht, drehte leicht den Kopf, um besser sehen zu können, weil eine Wolke das angrenzende Zimmer plötzlich verdunkelte, um es sofort wieder grell auszuleuchten.
Das Studio, wiederholte sie, sah Hartley aufmerksam an.
