Luzy Bloom - Komm mit mir - Sabine Howe - E-Book
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Luzy Bloom - Komm mit mir E-Book

Sabine Howe

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Beschreibung

Mit diesem Mann? Für immer? Nein danke. Luzy Bloom will mehr – vor allem mehr erotische Erfahrungen Elf Jahre war sie mit dem langweiligen David-Alexander zusammen, als er sie von heute auf morgen verlässt. Statt heulend in ihren Kissen zu versinken, beschließt die 35-jährige von nun an nichts mehr dem Zufall zu überlassen. Sie geht auf die Suche nach Abenteuern und findet sie - in Selbsterfahrungsseminaren, im Salsakurs, am Strand vor Rom und auf Mallorca. Alles ziemlich heiß, aber manchmal verbrennt sich die Glückskeksautorin auch die Finger. Doch Luzy nimmt es mit Humor – wie alles im Leben. Von rauschenden Orgasmen bis hin zu krachenden Niederlagen, Luzy Bloom ist frech, witzig und voller Lebenslust.

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Luzy Bloom - Komm mit mir

von Sabine Howe

Erschienen bei howshark

Kapitel 1Plane deine erotischen Abenteuer

Kapitel 2Öffne dein Lustschloss und spüre den heißen Hauch des Südens

Kapitel 3Offenbare dir selbst deine geheimsten Fantasien

Kapitel 4Teile deine erotischen Fantasien mit den Bäumen

Kapitel 5Wenn die Erotik dich herausfordert, überwinde deine Hemmungen

Kapitel 6Die Glut ist heißer als das Feuer

Kapitel 7Lass dich von deinen Träumen verführen

Kapitel 8Finde die Lust in dir selbst

Kapitel 9Der Sex muss DIR gefallen

Kapitel 10Tauche ein in ein Meer aus Lust

Kapitel 11Probiere Neues, aber bleib dir treu

Kapitel 12Öffne Dich dem lustvollen Reiz des Unbekannten

Kapitel 13Erotik braucht keine Eile

Kapitel 14Bringe Exotik in deine Erotik

Kapitel 15Nutze die Kraft deiner Erotik

Kapitel 16In der Erotik sagen Taten mehr als Worte

Kapitel 17Wer Abenteuer erleben will, muss spontan bleiben

Kapitel 18Erotik lässt sich nicht erzwingen

Kapitel 19Spiele raffiniert – auch beim Sex

Kapitel 20Wenn alles glüht, bist du am Ziel

Ein Wort vorweg

In der Fantasie ist alles erlaubt, auf Kondome kann daher in der Fiktion verzichtet werden. Im wahren Leben gilt natürlich – Safer Sex. Schützt Euch und verwendet Kondome!

Kapitel 1

Plane deine erotischen Abenteuer

„Nicht bewegen“, flüstert er mir ins Ohr, und ich denke noch: ‚Das kann ja heiter werden.‘ Das soll allerdings mein letzter Gedanke bleiben, denn danach rauscht das Blut aus meinem Gehirn zwischen meine Beine. Während er langsam mein T-Shirt hochschiebt, fährt er mit seiner Zungenspitze ganz leicht über mein Ohr, meinen Hals hinunter zu meinen Achseln. Er entblößt meine Brüste, streichelt sie mit seinem Atem.

Die Berührungen seines Mundes sind flüchtig, er schwebt über meinem Körper. Seine Lippen sind weich, die Zunge ist feucht – ich schwebe. Je tiefer er gleitet, umso hitziger wird mein Verlangen.

Er beugt sich zu mir herab und findet meinen Hotspot … Ich verliere jede Kontrolle und komme. Komme, wie ich noch nie zuvor gekommen bin – als würde eine Welle über mich hinwegrauschen, mich in einen Strudel unter Wasser spülen. Und für einen Moment ist es mir egal, ob ich ertrinke.

So einen Orgasmus habe ich noch nie erlebt. Als Auftakt in mein neues Leben scheint mir das ein verdammt gutes Omen zu sein.

Mein neues Leben! Ich habe mir vorgenommen, mich besser kennenzulernen, also in erotischer Hinsicht. Nicht, dass ich keine Erfahrungen hätte. Ich bin immerhin 35 Jahre alt und habe natürlich schon mit mehreren Männern Sex gehabt. Aber unter uns: Viele waren es nicht – auch wenn ich das meinen Freundinnen gegenüber nicht zugebe. Wenn die Sprache darauf kommt, halte ich mich vage. Meine sexuellen Begegnungen sind tatsächlich überschaubar. Um genau zu sein: Es waren drei. Ja, ich weiß, eine erbärmliche Zahl in Zeiten freier Liebe. Doch es hat sich einfach nicht ergeben, und in den letzten elf Jahren war ich in einer festen Beziehung.

Fangen wir mit Nummer Eins an: mein erstes Mal! Ich war 17 – ja, auch nicht wirklich zeitgemäß für eine Entjungferung – und es war … Wie soll ich sagen? Na ja, jedenfalls kein Erweckungserlebnis. Er war 16, hieß Olly und war offenbar noch unerfahrener als ich. Wir hatten uns im Schwimmbad kennengelernt. Ich übte mit ein paar Freundinnen auf unseren Badetüchern das ‚Frau-Sein’, indem wir uns gegenseitig die Rücken mit Sonnencreme einrieben und dabei versuchten, möglichst elegant unsere Haare oben zu halten, während sich links von uns eine Gruppe Jungs im ‚Mannsein‘ erprobte, indem sie sich gegenseitig laut grölend mit Wasserpistolen abschossen. Trotz dieser unterschiedlichen Interessenlage kamen Olly und ich irgendwie in Kontakt und verabredeten uns für den nächsten Tag. Irgendwann knutschten wir dann auch, und dabei stellte sich heraus, dass Olly unter einer Vorhautverengung litt, was seine Erektion offenbar sehr schmerzhaft machte und seinen Penis irgendwie seitlich verbog. Es war zwar der erste erigierte Penis, den ich sah, aber doch, das irritierte mich. Man hatte ja schon mal ein paar Exemplare auf Fotos gesehen.

Und die Tatsache, dass dieser Junge erst im Alter von 16 bemerkte, dass er eine Vorhautverengung hatte, warf die Frage auf, ob er jemals zuvor eine Erektion gehabt hatte. Was ja noch weniger zeitgemäß gewesen wäre als meine späte sexuelle Erweckung. Aber gut, so was fragt man natürlich nicht, wenn man selbst noch Jungfrau ist. Jedenfalls musste er dieses kleine Problem erst einmal beheben lassen, was einen Aufschub von circa vier Wochen bedeutete, weil das beschnittene Teil zunächst wieder heilen musste. Danach haben wir dann ein paarmal miteinander geschlafen, aber der Zauber des ersten Mals war durch die Umstände verflogen. Sein Penis blieb außerdem seltsam verbogen, was mich irgendwie abtörnte und meinem ersten Liebhaber den heimlichen Beinamen Säbel-Olly einbrachte. Ja, ich weiß, wie ungerecht das ist, sorry!

Einen Orgasmus hatte ich jedenfalls nicht. Nie. Also nie mit Olly. Keine Sorge: Ich wusste damals bereits, was ein Orgasmus ist. So weit hinter dem Mond lebte ich nun auch nicht, und mein kleines Massagegerät von Tchibo gegen Nackenbeschwerden hatte genau die richtige Vibration für selbsterfüllende Einsätze. Jedenfalls wurde aus Säbel-Olly und mir kein Paar. Immerhin hat er mit seiner krummen Planke inzwischen drei Kinder gezeugt und lebt heute glücklich verheiratet in einem Reihenendhaus mit Garten. Er hat sogar den ersten Preis in einem Nachbarschafts-Gartenwettbewerb für den gepflegtesten Rasen gewonnen. Das habe ich bei meinen Eltern in der Regionalzeitung gelesen. Da stand er, der Säbel-Olly, auf seinem grünen Gras, den Arm um seine kleine, etwas aus dem Leim gegangene Frau gelegt, die vielleicht sogar zum vierten Mal schwanger war, und lächelte stolz in die Kamera. Überschrift: Der gerade Wuchs macht’s!

Stolzer Gartenbesitzer gewinnt den ersten Preis für den schönsten Garten.

Der gerade Wuchs macht’s – wenigstens hielt sich der Rasen an die Regeln. Ich hätte unter das Bild geschrieben: Für jeden Säbel gibt’s den passenden Schaft! Den Spruch könnte ich eigentlich in meine Sammlung aufnehmen, aber dazu später mehr.

Die Nummer Zwei war Peter – der sich selbst Pete nannte. Unsere Begegnung war eine völlig andere Geschichte. In jeder Hinsicht. Ich lernte ihn auf einem Fest bei der Mutter meiner Freundin Dina kennen. Pete war mindestens 15 Jahre älter als ich, also zu dem Zeitpunkt so alt wie ich jetzt. Mein Gott, wenn ich mir das heute vorstelle: ich und ein Zwanzigjähriger. Wobei, vielleicht auch eine Erfahrung wert? So ein schnuckeliger, noch ein bisschen unerfahrener Jüngling, den ich in die Tiefen der Erotik einführe – das könnte mich schon reizen. Aber dafür muss ich erst einmal selbst in die Tiefen der Erotik eintauchen. Ich nehme mir vor, diese Idee in meinen Plan aufzunehmen, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt umzusetzen. Zurück zu Pete. Ich glaube, er hat gerochen, dass ich noch ziemlich unerfahren war, und das hat ihn gereizt. Jedenfalls hat er mich angeflirtet. Ich war mit meiner Freundin Dina für den Ausschank an der Bar zuständig, als er sich ein Glas Weißwein bei mir bestellte. Er sah wirklich gut aus, für meinen Geschmack zumindest. Knapp 1,80 Meter groß, dunkelblondes Haar, Windsurfer-Touch, gute Figur und ein ausgesprochen anziehendes Lächeln. Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass er sich für mich interessieren könnte.

„Süß, ihr zwei“, sagte er augenzwinkernd zu Dina. „Willst du mir deine Freundin nicht vorstellen?“

„Das ist Luzy“, meinte Dina gelangweilt.

„Luzy – und weiter?“, fragte Pete.

„Luzy Bloom“, sagte ich und versuchte ein charmantes Lächeln, was mir aber angesichts meiner plötzlich aufsteigenden Nervosität entglitt. Zum Glück war Dina längst mit anderen Gästen beschäftigt, sonst hätte sie bemerkt, wie rot ich geworden war.

„Schön, Luzy Bloom. Was hältst du davon, eine kleine Pause zu machen und mir draußen beim Rauchen Gesellschaft zu leisten?“

„Ich rauche nicht“, antwortete ich und dachte im selben Moment: ‚Oh mein Gott, ich bin ja so bescheuert.‘

„Musst du auch nicht. Es reicht, wenn du mir Gesellschaft leistest.“

„Okay, in fünf Minuten“, stammelte ich und überlegte fieberhaft, wie ich es in dieser Zeit schaffen sollte, mich unter den Achseln frisch zu machen. Fünf Minuten später taumelte ich nach draußen in den Garten, nachdem ich vorher auf dem Klo überprüft hatte, ob ich a. Mundgeruch hatte (durch Anhauchen der Handinnenfläche), b. mein Achselgeruch erträglich war (kurzes Einseifen, schnelles Abspülen) und ich c. nicht meine ausgeleierte und ausgewaschene schwarze Lieblingsunterhose trug (nein, ich trug eine rosa-grau-gestreifte). Ich erspare Euch jetzt das weitere Geplänkel – bis zu dem Moment, an dem Pete meine Hand nahm, um mich die Wölbung in seiner Hose spüren zu lassen. Ich war perplex über diese Dreistigkeit, aber die Souveränität, mit der er mir seine Erregung präsentierte, machte mich auch an.

„Willst du ihn sehen? Er ist wirklich schön“, pries er seinen ganzen Stolz an und zog mich tiefer in den Garten. Ich wollte. Es war totales Neuland, und ich fühlte mich geschmeichelt. Und sein Teil sah – entschuldige, Säbel-Olly – tatsächlich gut aus: gerade gewachsen, mit heller Haut und von angemessener Größe. Pete hob meinen Rock an, schob mir, das weiß ich heute noch, nur einen Finger in mein Höschen und fingerte äußerst virtuos an meinem Hotspot herum. Er war fast so gut wie mein Tchibo Massage-Apparat, aber leider nicht so geduldig. Bevor mich die ultimative Lust überkam, schob er gleichzeitig seine Zunge in meinen Mund und seinen Schwanz in meine dafür vorgesehene Körperöffnung, stöhnte leise, bewegte sich dann schnell und schneller vor und zurück, und nach zwei Minuten war es um ihn und seine schöne Erektion geschehen. Orgasmus auf meiner Seite: Fehlanzeige!

Aber ich fand’s aufregend und kam mir unheimlich verrucht und erwachsen vor. Zurück hinter der Bar war ich sicher, dass mir jeder ansehen musste, dass ich gerade mein erstes echtes Abenteuer hinter mir hatte, aber komischerweise drehte sich die Welt in ihrem normalen Rhythmus weiter, obwohl mein Herz ins Stolpern geraten war. Als Pete ging, zwinkerte er mir noch einmal zu und katapultierte sich damit – und natürlich mit der kleinen, heißen Gartennummer und seinem ‚wirklich schönen Schwanz‘ – für die nächsten drei Monate in meine Träume. Leider hatte ich bei ihm offenbar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ich mich zehn Tage später bei ihm meldete – die Nummer hatte ich heimlich aus dem Handy von Dinas Mutter kopiert – wusste er zunächst nicht, wer ich war. Als es ihm wieder einfiel, würgte er mich unter irgendeinem Vorwand ab. Ich war gekränkt, aber nicht gekränkt genug, um mich nicht noch weiter in die Todesspirale der Selbsterniedrigung zu schrauben. Ich schrieb ihm einen romantischerotischen Liebesbrief, in dem ich noch mal die Schönheit seines Geschlechtsteils pries und mich selbst als frivoles Früchtchen darstellte (das Gegenteil war der Fall). Ich hatte ernsthaft die Hoffnung, ihn mit einem eindeutigen Angebot locken zu können. Aber da kam nichts mehr, was natürlich schwer auf meinem Selbstwertgefühl lastete. Ich brauchte sicher ein halbes Jahr, um über diese Demütigung hinwegzukommen. Als ich ihn ein paar Jahre später auf einem anderen Fest von Dinas Mutter wiedersah, erkannte er mich nicht einmal. Von Dina, der ich zum Glück nichts von dieser Begegnung erzählt hatte, habe ich neulich gehört, dass er nach einem Thailandurlaub von einer seltenen Mückenart gestochen worden sei.

„Er lag dort drei Wochen lang im Krankenhaus. Der Arme war ganz allein. Seitdem leidet er unter einer Art Lymphgefäßerkrankung, die ihm monströs dicke Beine beschert hat. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ekelig das aussieht.“

Dina blickte mich angewidert an.

„Zwei riesige Fleischsäulen in Schuhen.“

„Schrecklich“, sagte ich und dachte: ‚Jetzt sieht sein schöner Schwanz ganz klein aus, zwischen den riesigen Schenkeln.’

„Hast du dich eigentlich mal gefragt, was ein Fünfzigjähriger allein im Thailandurlaub macht?“, fragte ich.

Wir sahen uns in die Augen, und Dina blinzelte.

„Nee, meinst du echt? Der Peter …? Das hat er doch gar nicht nötig.“

„Na ja, wenn er auf junge Mädchen steht, vielleicht schon.“

Dina sah mich angewidert an.

„Wenn’s so war, ist es ja jetzt vorbei. Ich meine, mit solchen Beinen kann er wahrscheinlich nicht mehr reisen, geschweige denn, was reißen.“

„Was trägt er denn für Schuhe?“, wollte ich noch wissen.

„Offene Schlappen mit Tennissocken. In was anderes passen seine Füße nicht mehr rein.“

„Wie unsexy“, erwiderte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Auf Peter mit dem schönen Schwanz und den Elefantenbeinen (umgekehrt wäre es spannender gewesen) folgten ein paar Knutschereien, hier und da ein bisschen Rumgemache, aber irgendwie hatte ich keine Lust mehr auf schnelle Nummern. Ich meinte, ich hätte schon alles erlebt und wollte jetzt endlich etwas Festes – mit Zukunft und Sicherheit. Da lernte ich David-Alexander kennen. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wen stellt Ihr Euch unter diesem Namen vor? Jemanden aus gutem Hause? Richtig. Studiert? Natürlich. Zuverlässig? Bingo! Und, ja klar: Rechtsanwalt. Damals zwar noch nicht, aber im Geiste war David-Alexander schon Senior-Partner einer großen Kanzlei, als er noch in den Windeln lag.

„So alt, wie David-Alexander rüberkommt – also ich meine natürlich, so reif – so alt kann ich gar nicht werden“, witzelte mein Vater, der Fotograf war, nachdem die beiden sich zweimal begegnet waren. Und meine Mutter, die Journalistin, unkte:

„Er sieht aus wie Bill Gates in jung. Ganz nett, aber auch ein bisschen langweilig.“

Genau das liebte ich an ihm.

David-Alexander hielt im Grunde keinerlei Überraschungen bereit, außer ganz zum Schluss. Alles an ihm war angenehm berechenbar. Samstagvormittags wurden die Hemden gewaschen, sonntags wurden sie gebügelt, das machte er selbst, dienstagabends ging er nach Feierabend mit seinem besten und einzigen Freund Ben-Maximilian aus der gleichen Kinderstube zum Squash, donnerstagabends zum Schwimmen. Er hatte ein paar kleine Spleens, mit denen ich aber gut leben konnte, zum Beispiel trocknete er die Dusch- und Shampooflaschen nach dem Duschen sehr sorgfältig ab, im Supermarkt musste er immer eine Packung von ganz hinten nehmen, weil er glaubte, dass sie noch unberührt war, und wenn er sich ein Brot machte, musste es exakt bis an den Rand mit Butter beschmiert werden und der Belag durfte nicht über den Rand hinausragen. Abgesehen von seiner Hypochondrie und anderer kleiner Panikattacken, auch dazu später mehr, war’s das auch schon. Obwohl, da gibt’s noch eine Sache, die mir erst nach zwei Jahren des Zusammenlebens aufgefallen ist: Ich habe David-Alexander in den elf Jahren unserer Beziehung kein einziges Mal pupsen hören. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat.

Nach einem Jahr sind wir zusammengezogen, in eine Zweizimmerwohnung, ganz klassisch mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, einer kleinen Küche und Bad. Ich beendete mein Germanistikstudium, David-Alexander sein Jurastudium. Er fing als Steueranwalt in einer großen Kanzlei an, ich versuchte mich bei verschiedenen Werbeagenturen als Texterin. Im ersten Jahr hatten wir noch dreimal in der Woche Sex, in den Jahren zwei bis fünf noch zweimal, danach immerhin noch einmal. Und zwar immer am Samstagmorgen. Leider war David-Alexander im Bett ebenso berechenbar wie im sonstigen Leben. Unsere Begegnungen verliefen mehr oder weniger stereotyp. Er begann immer damit, mich im Nacken zu kraulen. Das bedeutete: Ich wäre so weit. Dann küssten wir uns ein bisschen (mit den Jahren wurde diese Phase immer kürzer) und zogen uns aus, am Anfang noch gegenseitig, später jeder für sich. David-Alexander befummelte meine Brüste und hatte seine Hand dann sehr schnell zwischen meinen Beinen. Und wenn er meinte, ich sei feucht genug, drang er in mich ein. Von diesem Szenario gab es nur seltene Abweichungen. Das Aufregendste, was wir gemeinsam erlebt haben, war ein Quickie auf der Toilette seiner Steuerkanzlei während eines Betriebsfestes im dritten Jahr unserer Beziehung. David-Alexander war ein wenig angetrunken, ich hatte mich sehr sexy gekleidet, einer seiner Kollegen flirtete mich an, und ich glaube, für einen winzigen unkontrollierten Moment war David-Alexander eifersüchtig. Er zog mich an der Hand durch den Raum und schleppte mich über den Flur Richtung Toilette. In der Kabine drängte er mich unerwartet fordernd an die Wand, und weil ich ihn in diesem Moment so herrlich unkonventionell fand, habe ich mich auf die Kloschüssel gesetzt, seinen Schwanz in den Mund genommen und ihn mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zum Höhepunkt gebracht. Noch während wir dabei waren, betrat jemand die Toilettenräume. Ich wurde heftiger, und als ich merkte, dass David-Alexander kam, zog ich die Klospülung. Wir warteten, bis die Person den Raum wieder verlassen hatte, und öffneten leise die Tür. In dem Moment betraten zwei Kolleginnen von David-Alexander die Damentoilette, und in einer Art Übersprungshandlung begann David-Alexander, mit seinem Jackett wie verrückt vor meinem Gesicht zu wedeln.

„Geht’s wieder?“, fragte er gespielt besorgt, und ich antwortete:

„Vielleicht brauche ich eine Mund-zu-Mundbeatmung.“

Die anderen beiden Frauen grinsten, ich grinste. Nur David-Alexander grinste nicht.

„So etwas dürfen wir nie wieder machen“, schimpfte er in einem Anfall von Selbstvorwürfen auf dem Nachhauseweg mit mir.

„Wieso, hat es dir nicht gefallen?“

„Darauf kommt es doch gar nicht an – stell dir mal vor, meine Kollegen hätten etwas mitbekommen.“

„Na und?“, erwiderte ich. „Was wäre daran so schlimm gewesen?“

„Das verstehst du nicht“, sagte David-Alexander wie so oft zu mir. Und wie so oft verstand ich ihn wirklich nicht.

Im Laufe der Jahre unternahm ich ein paar Versuche, um unser Sexleben etwas aufzupeppen. Ich kaufte mir wirklich teure Reizwäsche.

„Das sieht billig aus, so was hast du gar nicht nötig.“

Ich animierte ihn zum gemeinsamen Pornogucken.

„Das mache ich nicht, und schon gar nicht mit dir zusammen!“

Aha – alleine wahrscheinlich schon?! Ich versuchte es mit Handschellen.

„Spielen wir 50 Shades of Grey?“

„Ja, warum nicht?“

„Weil das total alberne Hausfrauenfantasien sind.“

„Woher willst du das denn wissen? Du hast das doch gar nicht gelesen.“

„Das muss ich nicht lesen, das weiß ich auch so. Und außerdem würde ich dir die Rolle als Dienerin nicht abnehmen.“

„Aber der Master wärst du schon gerne, oder?“

„Ach, Luzy, jetzt mach dich nicht lächerlich. Wir haben doch auch ohne Schnickschnack schönen Sex. Findest du nicht?“

„Na ja, ich finde, es könnte etwas aufregender sein.“

David-Alexander seufzte, zog mich an sich, und wir machten es (ausnahmsweise!) auf dem Sofa. Danach war die Diskussion beendet. Meine Idee, ihn im Krankenschwester-Outfit zu überraschen, gab ich daraufhin auf, obwohl das eigentlich mein letzter Trumpf gewesen wäre. Aber der Umstand, dass David-Alexander ein Vorzeige-Hypochonder war, hätte der Sache möglicherweise die Erotik genommen. Wahrscheinlich hätte ich bei ihm Fieber messen oder ihm Wadenwickel verpassen müssen. Ich musste es einsehen: David-Alexander war einfach kein Draufgänger. Dafür hatte er andere gute Seiten. Er kochte gerne und gut, kümmerte sich zu fast gleichen Teilen um den Haushalt, fuhr das Auto in die Waschanlage, massierte mir ab und zu wirklich virtuos den Nacken, holte sonntags frische Brötchen, und wenn wir einen Garten gehabt hätten, hätte er Säbel-Olly beim Wettkampf um den schönsten Rasen wahrscheinlich den ersten Platz streitig gemacht. Sex stand einfach nicht ganz oben auf seiner Prioritätenliste – jedenfalls nicht der Sex mit mir.

Es war an einem Samstagabend. Wir hatten eine von David-Alexanders köstlichen Pasta Arrabbiata gegessen und wollten uns gleich „A Star is born“ anschauen. Ich hatte ihn bereits im Kino gesehen und war wie meine Freundin Dina völlig verzückt von Bradley Cooper in seiner Rolle als Jackson Maine. Ich hegte die leise Hoffnung, dass David-Alexander sich etwas von seinem Charme abgucken könnte – dieses tiefgründige Lächeln, den traurigen Blick …

Na ja, David-Alexander musste noch mal eben aufs Klo, und ich fläzte mich schon mal aufs Sofa, wo er sein Handy nachlässig liegen gelassen hatte. Ich suchte die Fernbedienung, als eine Nachricht auf seinem iPhone aufpoppte. Nicht, dass ich mich besonders dafür interessiert hätte, aber ich las beiläufig die Worte: ‚You are a hot stallion, D. A.’ Stallion, stallion … Was hieß das noch mal? Ich kam nicht drauf, und als David-Alexander vom Klo zurückkam, fragte ich ihn mit Blick auf sein Handy:

„Was bedeutet noch mal stallion?“

Er schaute auf den Bildschirm und wurde doch tatsächlich rot. Aber David-Alexander konnte nicht lügen.

„Hengst“, murmelte er.

„Was?“

„Hengst“, sagte er, jetzt fast wütend.

„Hengst – du?“

Ich musste lachen.

„Ja, warum denn nicht?“, erwiderte er pikiert, und in diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: David Alexander hatte in den letzten zwei Monaten oft in London zu tun gehabt, jede zweite Woche von Dienstag bis Freitag.

„Du hast eine Affäre“, stellte ich ernüchtert fest.

„Ja“, bestätigte er trocken.

Ich konnte es nicht fassen. Mein spießiger Steueranwalt trieb es mit einer anderen.

„Ich wusste gar nicht, dass Sex für dich überhaupt eine Rolle spielt“, bemerkte ich spitz.

„Kommt ganz drauf an.“

„Worauf denn?“

„Auf die Art des Sex.“

„Aha – und worauf steht der Hengst im Allgemeinen so?“

„Anal, vaginal, oral – you name it.“

„Oh, you name it – wow. Sind wir jetzt Mitglied der royalen Reitergarde?“

Viel weiter kamen wir an diesem Abend nicht. Ich verbannte David-Alexander, den heißblütigen Hengst, auf das Wohnzimmersofa und legte mich waidwund in unser gemeinsames Bett.

Die halbe Nacht lang hatte ich das Gefühl, mein Lebenstraum sei in sich zusammengefallen. Ich heulte wie ein Schlosshund, während David-Alexander ungerührt schlief wie ein Fohlen. Aber je näher der Morgen rückte, umso wütender wurde ich. Und als die ersten Sonnenstrahlen meine Nase kitzelten, machte sich sogar ein bisschen Erleichterung in mir breit.

Ich hätte es von mir aus nie geschafft, David-Alexander einfach so, also ohne triftigen Grund, zu verlassen. Dazu war ich viel zu harmoniebedürftig. Nun gab es einen Anlass. Wir machten kein großes Tamtam um die Trennung. Er zog aus, ließ sich nach London versetzen und erlebt wahrscheinlich dort jetzt den Sex seines Lebens. Das nehme ich ihm allerdings immer noch übel. Wieso konnte er diese Seiten nicht mit mir ausleben? War ich so langweilig? Fand er mich überhaupt je sexy?

„Im Bett war es einfach kein Match mit uns“, meinte er zuletzt. Neuerdings war seine Sprache mit Anglizismen durchsetzt.

„Na, dann hoffe ich, dass deine Performance jetzt ein bisschen nicer ausfällt“, ermunterte ich ihn zum Abschied.

Das ist drei Monate her, und nach sechs Wochen Trauerhungern (immerhin vier Kilo weniger), allen sechs Staffeln von „The Affair“, unzähligen Therapiesitzungen mit Dina „Ich fand David-Alexander immer total langweilig“ (danke, Dina), weiteren Therapiesitzungen mit meinem allerbesten Freund Daniel „Willst du Trost-Sex? Ich bin bereit“ (nein, danke, Daniel) und vier Aufpäppel-Wochenenden bei meinen Eltern „Nett war er ja, und auch gut erzogen“ (danke, Papa) „War er so gut im Bett, oder was hat dich an ihm gereizt?“ (danke, Mama) fällte ich eine Entscheidung.

Ich bin 35 Jahre alt, 1,72 Meter groß, habe braune Augen, dunkelblondes glattes Haar, das mir bis auf die Schultern fällt. Ich trage Körbchengröße B, habe einen runden Hintern und schlanke lange Beine. Ich bin nicht so schön wie Charlize Theron, aber insgesamt ganz hübsch. Mehr so der Typ Drew Barrymore. Ich habe einen angenehmen Job als Glückskeksautorin, manchmal arbeite ich zusätzlich als freie Werbetexterin. Ich wohne in einer schönen Wohnung, in der ich, seit David Alexander ausgezogen ist, tun und lassen kann, was ich will. Das Einzige, was mir fehlt ist – nein, kein Mann! Was mir fehlt, sind erotische Erfahrungen. Ich will wissen, was mir im Bett Spaß macht, was Männern im Bett Spaß macht, wie ich Männern Spaß bereiten kann und umgekehrt. Und ich will mich endlich von meinem kleinen Tchibo-Massage-Gerät verabschieden, das auch während der Beziehung mit David-Alexander des Öfteren zum Solo-Einsatz kam. Oder ich ersetze es erst mal durch einen Womanizer – der soll ja eine Offenbarung sein. Aber vor allem will ich echten Sex. Ich will meinen Körper kennenlernen, mich lockermachen, herausfinden, ob es diesen verdammten G-Punkt gibt und wahnsinnige Lust erleben.

Dafür habe ich Regeln aufgestellt:

1. Für ein Jahr Single bleiben

2. Beim dritten Date muss es zum Sex kommen, sonst kein weiteres Investment

3. Mit keinem Mann öfter als drei Mal

4. Schlechten Sex abbrechen

5. Alles zulassen bis auf Urin- und Fäkalspielchen

6. Nicht verlieben (auweia)

7. Keiner über 50

8. Keiner darf kleiner sein als ich

9. Keine Hemmungen

Und es gibt noch eine geheime 10. Regel – ich will am Ende meiner Abenteuerreise meinem Arbeitgeber eine Glückskeks-Sonderedition vorschlagen: erotische Fortune-Cookies! Also, was auch immer ich erlebe: Es muss ein Spruch dabei herausspringen!

Es tut gut, einen Plan zu haben, und was soll ich Euch sagen: Er hat mir – wie eingangs beschrieben – schon beim ersten Date zum besten Orgasmus meines bisherigen Lebens verholfen. Von mir aus kann es so weitergehen …

Kapitel 2

Öffne dein Lustschloss und spüre den heißen Hauch des Südens

Mein erstes Date soll auf jeden Fall ein Erfolg werden. Also in erotischer Hinsicht kann ich das natürlich nicht vorher wissen, aber ich möchte zumindest sichergehen, dass es am Ende dorthin führt, wo ich hin will: ins Bett (im übertragenen Sinne, von mir aus könnte es auch auf dem Küchentisch passieren oder auf einer Parkbank). Deshalb gehe ich im Geiste meine naheliegenden Optionen durch. Da ist dieser niedliche Kellner in dem Coffeeshop, bei dem ich mir morgens nach dem Joggen immer meinen Hafer-Latte hole. Das habe ich mir nach der Trennung von David-Alexander angewöhnt – also beides: das Joggen und den Hafer-Latte. Der niedliche Kellner heißt Gary, kommt aus Australien, ist, würde ich sagen, Ende 20 und hat so einen süßen Akzent. Er ist mindestens 1,90 Meter groß, was schon mal gut ist, und trägt einen dunkelblonden Dutt. Ja, ich weiß, ist nicht jedermanns beziehungsweise -fraus Sache, aber ich stehe nun mal drauf. Allerdings ist er nicht meine erste Wahl für mein Auftakt-Date. Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist er mir eine Spur zu schmächtig. Er trägt seine Jeans im Baggy-Style, und ich habe immer Angst, dass ihm die Hose gleich völlig abrutscht, weil da irgendwie kein richtiger Hintern drin ist. Meistens hat er dazu ein T-Shirt mit V-Ausschnitt an. Insgesamt hat er eine sexy Ausstrahlung und inmitten seines Hipster-Barts ein wirklich anziehendes Lächeln.

Trotzdem: Ich nehme mir vor, Gary erst einmal aufzuschieben. Wer weiß, vielleicht lecke ich mir nach ein paar Reinfällen noch alle zehn Finger nach ihm.

Also weiter: Neulich habe ich auf einer kleinen Party bei Dina ihren neuen Kollegen kennengelernt, Alex. Typ Werber, was kein Wunder ist, weil Dina in einer Werbeagentur arbeitet, also was machen wohl ihre Kollegen?! Haha, schlaue Luzy! Alex sieht echt gut aus: groß, schlank, trainiert, kurzes blondes Haar und hellblaue Augen. Sehr selbstbewusst – und seine Anekdote, wie er sich vor der ersten Präsentation vor einem neuen Kunden für Slipeinlagen noch eben die Hände waschen wollte, die Seife aus dem Spender dann auf seinem Hosenschlitz landete, er den peinlichen Fleck wegwischen wollte und das ganze Dilemma immer größer und größer wurde, bis es am Ende so aussah, als hätte er sich in die Hose gemacht, war wirklich zu komisch.

„Wie ist es ausgegangen?“, fragte ich.

„Ich habe dem Kunden vorgeschlagen, über ein entsprechendes Einlageprodukt für Männer nachzudenken, und wir haben alle herzlich gelacht.“

Typisch. Männer kommen aus ihren eigenen Geschichten immer als Gewinner raus – selbst aus den peinlichsten Situationen. Also Alex muss ich mir erst zutrauen, und dafür muss ich meinen Erfahrungsschatz vergrößern.

Ich durchforste meine Kontakte auf dem Handy.

1. Addy, ehemaliger Schulfreund, Computernerd mit leichtem Bauchansatz und komplett asexuell – kommt beim besten Willen nicht infrage.

2. Chris, kenne ich aus meiner Zeit im Gym – sexy, sehr trainiert, groß, blond, ein bisschen naiv, aber ganz süß. Mal sehen …

3. Daniel – mein allerbester Freund, Ende 30, Musiker, spielt Schlagzeug, superlustig, schlau, schlagfertig, gut aussehend mit dunkelroten Locken und einer Topfigur, sensationeller Tänzer. schräg und immer ‚up-to-date’. „In den USA verletzen sich jedes Jahr 11.000 Menschen bei erotischen Experimenten.“ So was muss man erst mal wissen! Also Daniel wäre mein Mr. Right – gäbe es da nicht eine Sache: Daniel ist … Nein, nicht schwul. Er ist nur 1,65 Meter groß, und das ist mir definitiv zu klein.„Das sagt aber nichts über meine Penisgröße!“Mag sein, geht aber trotzdem nicht!

4. Gil – ein ehemaliger Studienkollege von mir, groß, ein bisschen schlaksig, Typ Cordanzug, hip, mit einem ausgeprägten Sinn fürs Romantische, liebt und schreibt Gedichte – wäre einen Versuch wert. Ich habe allerdings lange nichts von ihm gehört, womöglich ist er längst in einer Beziehung und liest seinen Kindern Goethe vor

5. Herbert – hat um die Ecke von meiner Wohnung ein Architekturbüro. Anfang 40, sehr lässig, wuschelige Locken, ein Lächeln wie Ryan Gosling, Topbody – ist leider gerade frisch verliebt, sonst wäre er meine erste Wahl gewesen

6. Kasimir, Haus- und Hofhandwerker meiner Eltern. Er kommt aus Polen, dürfte so um die 40 sein, hat ebenfalls einen sehr süßen Akzent (ich merke gerade, dass ich auf Akzente stehe), trägt Glatze (steht ihm sehr gut), arbeitet gerne mit freiem Oberkörper, ist etwa so groß wie ich und hat diese erotische Ausstrahlung eines Stahlarbeiters. Ziemlich sexy.

7. Mike – guter Freund von Dina. Nicht hübsch, nicht hässlich, Typ Jeff Bezos in jung. Immer ungebunden, feiert gerne und lässt nichts anbrennen. Möglich, aber kein Muss.

8. Robin ist Ende 30. Ihn habe ich mal im Bus kennengelernt. Arbeitet in einer Szenebar. Ich war schon ein paarmal da, und er ist wirklich total niedlich: ein bisschen zerzaust, offenes Gesicht, dunkelblonde Mähne, strahlendes Lächeln, kleine Lachfältchen um Augen und Mund, nicht sehr groß, aber größer als ich, immer im sehr lässigen Outfit – Jeans und Hemden mit Blumenmuster. Ich bin mir aber nicht sicher, ob er schwul ist.

9. Und dann, ebenfalls unter „R“, stoße ich auf Ramon. Treffer! Ramon ist der Salsa-Lehrer, von dem Dina mir schon seit zwei Jahren vorschwärmt. „Der ist so wahnsinnig sexy – wenn ich nicht vergeben wäre, würde ich sofort mit ihm in die Kiste steigen!“„Susan aus unserem Kurs hat mit Ramon eine Nacht verbracht – die ist völlig hin und weg.“„Ramon hat mich heute so angetanzt, das hat mich total angemacht.“Inzwischen ist Dina von Salsa mit Ramon zu Vinyasa Yoga mit Vidya gewechselt. „Es wurde mir einfach zu heiß mit Ramon – ich suche mir jetzt nur noch Kurse, in denen Frauen unterrichten.“

Ramon! Das bedeutet: Ich muss mich zum Salsa-Kurs anmelden. Dabei ist Tanzen nicht gerade meine Stärke. Meine Kondition lässt auch zu wünschen übrig. Und Sport im Allgemeinen gehört sowieso nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Immerhin jogge ich jetzt seit zwei Monaten – das dürfte ein bisschen helfen. Auf keinen Fall kann ich da einfach so auftauchen und direkt mitmachen. Ich muss mich vorbereiten. Vor allem optisch. Deshalb kaufe ich mir erst mal ein neues Sportoutfit. In der Umkleidekabine überfallen mich übelste Selbstzweifel, weil das Licht von oben auf meinen Körper fällt. Sehe ich da erste Dellen auf meinen Oberschenkeln? Seit wann wölbt sich mein Bauch über dem Gummizug? Sind die verlorenen vier Liebeskummer-Kilos heimlich zurückgekehrt? Kann man mit Mitte 30 überhaupt noch bauchfrei zum Sport gehen? Und wie sieht das Ganze in Bewegung aus? Ich hüpfe in schwarzen Shorts und einem weißen Sport BH vor dem Spiegel auf und ab.

„Alles in Ordnung da drin?“, fragt eine männliche Stimme vor der Kabine, und in einem übermutigen Impuls öffne ich den Vorhang und frage:

„Ich weiß nicht. Was meinen Sie?“

Der junge Verkäufer, der aussieht wie der jüngere Bruder von Boris Johnson, wird rot und stammelt:

„Also, ich find’s cool.“

„Danke“, flöte ich und ziehe den Vorhang wieder zu. Ich kaufe die Shorts eine Nummer größer, dann quetscht nichts mehr, und nehme noch ein schwarzes weites Oberteil mit riesigen Armausschnitten, durch die ein bisschen Haut und weißer Sport-BH durchblitzen.

Zuhause vor dem Spiegel drehe ich mich zufrieden um mich selbst und wähle Ramons Nummer. „Oi! Ramon hier.“

„Oi! (Oh mein Gott, habe ich das gerade wirklich gesagt?) Äh, hier spricht Luzy. Ich bin eine Freundin von Dina. Sie war mal bei dir im Salsa-Kurs. Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst …“

„Querida – wenn ich mich an alle Frauen erinnern würde, die bei mir im Kurs waren, dann hätte ich keine Zeit mehr zu tanzen.“

‚Na, hoffentlich erinnerst du dich wenigstens an die, die du gevögelt hast’, schießt es mir durch den Kopf.

„Ist ja auch nicht so wichtig“, sage ich. „Ich rufe an, weil ich gerne mal eine Probestunde bei dir machen würde.“

„Allein?“, fragt er.

Meine Stunde hat geschlagen!

„Ja, am liebsten allein.“

„Das ist nicht billig, eine Einzelstunde kostet 50 Euro. Zu zweit 30 Euro und in der Gruppe 15 Euro.“

„Einzelstunde“, beharre ich.

„Esta bem, Querida. Ich könnte übermorgen um 10 oder um 18 Uhr.“

„Um 18 Uhr.“

Auf jeden Fall abends!

„Super.“

Er gibt mir die Adresse des Studios, und wir legen auf. Ich weiß überhaupt nicht, wie Ramon aussieht, deshalb gehe ich ins Internet und tippe „berühmte Brasilianer“ ein. Neymar, Ronaldinho, Ronaldo – alles Fußballer. Ich kenne keinen und finde einen unattraktiver als den nächsten. Deshalb beschließe ich, nicht weiter zu forschen und mich überraschen zu lassen. Schließlich will ich ja auf Abenteuerreise gehen, und Abenteuer lassen sich nicht planen. Aber wenn Dina ihn so umwerfend findet, dann wird da ja was dran sein.

Meine Lässigkeit hält bis zu dem Moment, in dem ich in meinem Mini Cooper Richtung Salsa-Studio fahre.

‚Wenn er dir nicht gefällt, musst du ja nichts mit ihm anfangen’, beruhige ich mich.

‚Aber was, wenn ich ihm nicht gefalle?’, ätzt eine andere Stimme in mir. ‚Was, wenn er nicht die geringsten Anstalten in Richtung Flirt macht?‘ Der Blick in den Rückspiegel entstresst mich ein wenig. Ich sehe gut aus, nur wenig geschminkt, die Haare zu einem sportlichen Dutt hochgebunden, leicht rote Wangen, vielleicht vor Aufregung. Ich trage ein hellblaues sportliches Hemdblusenkleid, das vorne mit Druckknöpfen verschlossen ist, und dazu weiße Turnschuhe. Meine Sportsachen will ich vor Ort anziehen. Ramon soll mich schließlich erst einmal als Frau wahrnehmen.

Als ich am Studio ankomme, steht die Tür weit offen, aus dem Inneren dringt brasilianische Musik. Ich trete in den gut 100 Quadratmeter großen, komplett verspiegelten Raum, und mir strahlt ein ausgesprochen gut geschnittenes Gesicht mit blendend weißen Zähnen entgegen, das auf einem sehr trainierten, nicht allzu großen Körper sitzt.

‚Hoffentlich ist er nicht kleiner als ich’, schießt mir Regel Nummer 8 durch den Kopf. Ramon kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, umfasst meine Schultern und küsst mich zur Begrüßung mit drei Küsschen auf die Wange: links, rechts, links.

„Oi, meine Schöne.“

Ich verkneife mir ein weiteres ‚Oi‘ und belasse es bei einem halbwegs entspannten „Hi.“

„Komm rein.“

Wir plaudern ein wenig über das Wetter, das Studio und Brasilien. Dann sagt er:

„Willst du dich noch umziehen? Ich zeige dir die Kabinen.“

In der Umkleide schlägt mir das Herz doch tatsächlich bis zum Hals. Ramon ist total heiß. Er bewegt sich wie eine geschmeidige Katze, mit sehr lässigem Hüftschwung und aufrechtem Gang. Er ist charmant, flirty und sexy. Und: Er ist definitiv nicht kleiner als ich.

‚Gute Wahl, Luzy’, sage ich mir und wage mich in meinem Sportdress in die Höhle des Löwen.

„Schon mal Salsa getanzt?“, fragt er mich.

„Nicht wirklich – deshalb wollte ich ja auch eine Einzelstunde.“

„Ach ja?“

Er lächelt, und ich weiß nicht recht, was ich antworten soll.

„Dann stell dich mal hier vor den Spiegel.“

Er schaltet die Musikanlage an, platziert sich direkt hinter mir, umfasst meine Hüften und beginnt, mich langsam hin und her zu wiegen.

„Schön lockerlassen.“

Es dauert ein paar Sekunden, aber dann bewege ich mich im Rhythmus zu seinem Hüftschwung. Erst von rechts nach links, dann kreisend. Unsere Blicke begegnen sich im Spiegel. Ramon lächelt und setzt einen Fuß nach rechts. Ich folge ihm, Fuß zur Mitte, Fuß nach links. Ich fühle seinen Atem in meinem Nacken, und mir stellen sich die Härchen auf. „Nicht nachdenken, Querida!“, flüstert er. „Konzentrier dich nur auf meine Bewegungen.“

Sein Körper schwingt warm und geschmeidig hinter meinem. Seine Hände wandern von meinen Hüften zu meiner Taille. Er dirigiert mich sanft zu der Musik, lässt mich los, dreht mich zu sich, zieht mich an sich, schiebt mich wieder weg, wirbelt mich zurück. Das Ganze mit einer Anmut und Eleganz, die mir die Sinne rauben. Seine Handgriffe sind bestimmt, aber nicht fordernd. Wir kommen uns ganz nah und entfernen uns wieder voneinander. Mein Atem geht schneller, aber mein Herz klopft im ruhigen Rhythmus der Vertrautheit. Wir tanzen wie Liebende, die sich verlieren, suchen und wiederfinden.

In einer weiteren Drehung zieht Ramon mich ganz nah an sich heran und streift mit seinen Lippen leicht meine Wange, beim nächsten Mal berührt seine Hand wie zufällig meinen Busen. Als ich mit dem Rücken zu ihm stehe, zieht er mich an sich, und ich spüre, während unsere Hüften im Gleichklang kreisen, seine Erregung. Wieder stößt er mich von sich weg, hält dabei meine Hand, wirbelt mich herum, und während mir vor Aufregung schwindelig wird, tanzt Ramon mich Richtung Sofa. Wir gleiten hinein, und er flüstert ganz leise:

„Nicht bewegen.“

Was dann passiert, habe ich eingangs beschrieben: Ich erlebe den besten Orgasmus meines bisherigen Lebens, und während ich noch bebe, fährt Ramon mit seinem harten Penis in unseren verschränkten Händen auf und ab, bis er sich leise stöhnend auf meinem Bauch entlädt. Er lächelt mich strahlend an.

„Zufrieden?“

„Mehr als das. Du bist ein Magier“, sage ich. „Woher weißt du, was Frauen lieben?“

„Ich weiß es, weil ich die Frauen liebe!“

Und ich liebe Ramon. Zumindest in diesem Augenblick.

Auf dem Heimweg überdenke ich meine Regeln. Maximal drei Treffen. Das ist hart. Am liebsten würde ich Ramon von nun an jeden Tag sehen. Aber ich reiße mich zusammen.

‚Wenn du etwas erleben willst, Luzy, dann bleib’ nicht gleich an der ersten guten Geschichte hängen.’

Ich nehme mir vor, Ramon im Laufe meiner Abenteuerreise noch zwei weitere Male zu treffen – irgendwann zwischendurch, wenn mir der Sinn nach gutem Sex steht.

Kapitel 3

Offenbare dir selbst deine geheimsten Fantasien

Heute treffen wir uns zum Mädelsabend. Bei mir. Das heißt: Ich bin für das Essen zuständig. Und das ist in unserer Konstellation jedes Mal eine neue Herausforderung, weil jede von uns ernährungstechnisch auf einem anderen Trip ist. Fragt sich nur, auf welchem! Dina verzichtet zur Zeit mal wieder komplett auf Weißmehl, Elisa ist ketogen unterwegs und nimmt keinerlei Kohlenhydrate zu sich.

„Was denn, auch keinen Alkohol?“, frage ich entsetzt.

„Doch, Gin pur darf man. Sonst würde ich das nicht durchhalten.“

„Ich dachte schon.“

Die Vierte im Bunde, Carmen, kann heute leider nicht dabei sein. Das Musicaltheater, an dem sie als Kostümbildnerin arbeitet, bringt gerade ein neues Stück an den Start, und das bedeutet am Anfang jede Menge Stress. Wenn eine von uns vieren fehlt, fühlen wir uns immer ein bisschen unvollständig. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir uns gut ergänzen, weil wir so unterschiedlich sind.

Dina ist die ‚Entspannte‘. Sie nimmt die Dinge, wie sie kommen, stellt nicht alles infrage, folgt ihrem Herzen und ihrem Instinkt, weiß, was sie will und handelt danach. Elisa ist die ‚Rationale‘. Sie folgt immer ihrem Verstand, bleibt sachlich, nüchtern und ist sehr direkt. Sie macht keine Kompromisse und hasst Überraschungen. Carmen ist die ‚Experimentierfreudige‘. Als Interfrau, dazu später mehr, hat sie immer schon für ihre Freiheit gekämpft. Sie liebt das Abenteuer, steht allem Neuen offen gegenüber und ist total angstfrei. Ich bin die ‚Sicherheitsbestrebte‘. Oder sagen wir, das war ich bis vor wenigen Tagen. Ich weiß gerne, was mich erwartet, kann mich nur schwer von Menschen oder Dingen trennen und hadere mit meinen Entscheidungen. Als neue Version meiner selbst träume ich davon, die ‚Abenteuerlustige‘ zu werden, die sich was traut, spontan ist und offen für neue Erfahrungen. Und ich verbiete mir, mit diesem Ziel zu hadern.

Heute Abend will ich Lachs im Ofen zubereiten, deshalb öffne ich noch morgens im Bett mein Laptop, um nach einem Rezept zu suchen, als mehrere E-Mails eingehen. Na, das wird doch nicht etwa eine Reue-Litanei von David-Alexander sein? (Ach Luzy, du bist so naiv …) Oder vielleicht Liebesschwüre von Ramon (… und so verpeilt, der hat ja noch nicht mal deine E-Mail-Adresse). Doch statt Sätzen wie: „Ich vermisse dich“ oder „Wann sehen wir uns wieder?“ stehen folgende Zeilen im Betreff:

Luzy! Penis zu klein?

Luzy! Erektion garantiert – auch bei 85-Jährigen

Luzy! Ständer auf Kommando

Moment mal – wie kommt denn solche Werbung in mein Postfach? Meine Enttäuschung weicht Empörung, aber nach kurzer Überlegung wandelt sich meine Empörung in leichte Beschämung. Ich bin gestern Abend im Bett hemmungslos durch sämtliche freie Pornoseiten gesurft! Nein, nicht was Ihr denkt. Ich finde, jetzt, wo ich frei und ungebunden bin und meine Zukunft unter dem Zeichen der sexuellen Selbstverwirklichung steht, muss man sich ja mal informieren. Also darüber, was so angesagt ist und darüber, was überhaupt alles geht. Und ich sage Euch: Es geht ALLES. Aber dazu gleich mehr. Was mich zuerst stutzig macht, ist, dass Google doch angeblich alles weiß. Und dann checken sie nicht, dass ich eine Frau bin? Oder geht der Algorithmus automatisch davon aus, dass nur Männer auf Pornoseiten surfen? Und zwar solche mit Potenzproblemen oder zu kleinem Penis? Im Grunde ist es mir ganz recht, dass ich anscheinend unter dem Radar unterwegs war, aber lustig ist das schon: Luzy – Penis zu klein? Wobei, jetzt bin ich doch neugierig. Was schlagen die denn in diesem Fall vor? Auf die Gefahr hin, in den nächsten zwei Wochen mit Penis-Verlängerungs-Angeboten erschlagen zu werden, öffne ich die Seite. Dahinter verbirgt sich der sogenannte Penis-Expander – eine Art Foltergerät für das beste Stück des Mannes. Zu kurz Gekommene spannen ihren Unglücksraben am Schaft und an der Eichel in eine Art Streckbank, drehen dann auf jeder Seite am Gewinde und ziehen ihr Teil in die Länge. Aua! Laut Anbieter springen bei regelmäßiger Anwendung 5–25 Zentimeter Längengewinn dabei raus. Echt jetzt? Die Anwender sind jedenfalls begeistert.

„Mein Penis ist so groß wie nie zuvor“ (Das wäre ja dann auch Sinn der Sache)

„Mein großer Penis ist jetzt noch größer“ (Klar, kann ja nicht groß genug sein)

Ich liebe meinen neuen großen Penis“ (Jetzt noch mehr als vorher)

Die Vorstellung, wie Tausende Männer weltweit unter Schmerzen ihr angeblich bestes Stück in dieses Folterbett spannen, um dann wöchentlich zu überprüfen, ob er schon gewachsen ist, ist wirklich zu komisch.

Abgesehen davon fand ich meinen kleinen Ausflug in die Welt der Pornographie eher ernüchternd. Nicht, dass ich nicht schon vorher so etwas gesehen hätte – aber ich habe diese Seiten noch nie so lange durchforstet wie gestern. Ich dachte, es würde mich vielleicht inspirieren. Deshalb habe ich nicht einfach nur das Erstbeste, das mir angeboten wurde, angeschaut, sondern mich durch die Kategorien geklickt, von denen ich die wenigste Ahnung habe. Ich erspare Euch langweilige beziehungsweise bekannte Fetische. Nur so viel: Ich wusste bisher nicht, dass sich manche Männer Brennnesseln auf ihre Eichel legen und dabei masturbieren, oder dass Partner sich freiwillig vor dem Verkehr gegenseitig Gipsverbände anlegen.

Beim Sex gibt’s offenbar keine Grenzen. Aber bei mir. Mich machen diese extrem realistischen Darbietungen echt nicht an. Das ist alles so direkt, so wenig geheimnisvoll oder romantisch. Ich lese lieber etwas Anregendes, etwas, das meine Fantasie weckt, oder ich fantasiere mir selbst etwas zusammen. Und nennt mich ruhig spießig, aber ich habe auf den ganzen Seiten keine Praktiken oder Konstellationen entdeckt, die mich irgendwie angetörnt oder meine sexuelle Neugier geweckt hätten. Da bleibe ich doch lieber bei meinen eigenen Fantasien. Hier meine Top Drei:

Fantasie Nummer 1:

Heimlicher Sex in der Öffentlichkeit. In meiner Lieblingsfantasie bin ich irgendwo ganz edel zum Essen eingeladen, wahlweise sitze ich auch in einer Konferenz oder in einer Bibliothek am Schreibtisch. Ein gutaussehender Mann hat mich von Anfang an im Visier. Er lächelt mir zu, aber plötzlich ist er verschwunden. Kurz darauf fühle ich, wie jemand unter dem Tisch meinen Rock hochschiebt und mit seiner Zunge zwischen meinen Beinen spielt.

Fantasie Nummer 2:

Wir befinden uns in einem anderen Jahrhundert. Ich stehe am Wegesrand in den schottischen Highlands, und der Outlander rettet mich mit seinem Pferd, auf dem wir dann wilden Sex haben.

Fantasie Nummer 3:

Es ist total peinlich, aber ich will ehrlich sein. In meiner dritten Fantasie liege ich zu Hause auf meinem Bett. Ich bin gerade erfrischt aus der Badewanne gestiegen, räkele mich in einem roten Seidenkimono auf meinem Bett und beginne, mich selbst zu streicheln. Ich habe meine Airpods in den Ohren und höre „Let’s get it on“ von Marvin Gaye. Ich bin völlig versunken, als ein Rascheln an der Tür mich aufhorchen lässt. Ich öffne die Augen, und da steht David-Alexander mit heruntergelassenen Hosen – was undenkbar ist – und masturbiert wie besessen – was noch viel unwahrscheinlicher ist!

Fragt mich nicht, warum mich das anmacht – vor allem, nachdem er mich für angeblich ach so großartigen Sex verlassen hat, aber es ist wirklich immer noch eine meiner Lieblingsfantasien. Die Vorstellung, dass David-Alexander beim Anblick meines halbnackten Körpers vollkommen die Selbstbeherrschung verliert, macht mich total scharf. Oh mein Gott, ich bin so simpel gestrickt. Vielleicht wird diese Vorstellung ja mit der Zeit von Erinnerungen an neue Erlebnisse überlagert. Ich sollte mal ausprobieren, was in meinem Kopf mit Ramon so alles geht.

Auf dem Rückweg vom Supermarkt treffe ich Harry, den Architekten. Den hatte ich überhaupt nicht mehr auf dem Schirm. Er war in den letzten Wochen anscheinend viel unterwegs, entweder auf einer Baustelle oder bei seiner Neuen. Jedenfalls hab ich ihn länger nicht gesehen. Und plötzlich sitzt er da, mit seiner Flamme vor seinem Büro in der Sonne. Er ist wie ausgewechselt. Normalerweise haben wir immer ein bisschen geflirtet, zumindest habe ich mir das eingebildet. Vielleicht habe ich in meinem David-Alexander-Frust auch zu viel in „Hey Luzy, wie geht’s dir? Lust auf einen Kaffee?“ hineininterpretiert? Meistens hat er mir dann einen Espresso gezaubert und mir auf seinem Computer gezeigt, woran er gerade arbeitet. Und heute?

„Na, Luzy, wie geht’s?“

Nix Kaffee oder Computer. Dafür folgt:

„Darf ich dir Cloe vorstellen? Cloe, das ist Luzy, eine Nachbarin.“

Cloe – klar, wahrscheinlich direkt vom Laufsteg aus Paris eingeflogen. Sieht aus wie ein Supermodel: ellenlange Beine, eine Taille, die ich nie haben werde, selbst wenn ich einmal um die Welt jogge und Haare, die der Wahnsinn sind: eine dicke, lange blonde Mähne – wie aus dem Katalog. Dazu das Gesicht! So perfekt, als hätte man alle Foto-Bearbeitungsprogramme auf einmal angewandt. ‚Vielleicht ist sie Model für Trockenshampoo‘, hoffe ich, aber nein, sie ist natürlich auch noch superschlau und Zahnärztin. Und ich? Bad Hair Day – Very Bad Hair Day – Very Very Bad Hair Day. Angeklatscht wäre noch gnädig umschrieben. Und dazu mein Outfit: meine Putzklamotten, bestehend aus einer hellgrauen, zu großen Jogginghose von David-Alexander, die ich wirklich nur zum Putzen trage und einem albernen Sweatshirt mit der Aufschrift: ‚Not perfect – just awesome‘. Oh mein Gott, ich möchte mich in Luft auflösen. Aber zu meinem Glück haben die beiden nur Augen füreinander. Wir plaudern kurz über dies und das, dann sehe ich zu, dass ich wegkomme.

„Macht’s gut, ihr zwei“, sage ich zum Abschied.

„Ciao“, flötet Cloe, und Harry ruft:

„See you!“

Und dann, an seine Flamme gewandt:

„Wir müssen auch los, Engelchen.“

Und sie: „Du hast recht, Teufelchen.“

Whaaaat? Engelchen und Teufelchen? Der coole Harry und seine Superfrau? Verliebte sind wirklich zu komisch. Auf dem Heimweg erstelle ich ein Top Five-Ranking der schlimmsten Kosenamen.

Platz 1: Pupsi (ungeschlagen!)

Platz 2: Hasimausi, Mausebärchen (geht für mich gar nicht)

Platz 3: Schatz, Schatzi (so was von abgestanden)

Platz 4: Mama und Papa (es gibt wirklich Partner, die sich so nennen)

Platz 5: Engel, Engelchen und Teufelchen (so kitschig!)

Zum Glück lässt der Name Luzy wenige Variationen zu und klingt schon von sich aus ein bisschen wie ein Kosename. Das hält die meisten Leute davon ab, sich Alternativen auszudenken. In seltenen Momenten hat mich David-Alexander, der, wie man sich denken kann, in Sachen Kosenamen nicht gerade ein Quell der Kreativität war, „Süße“ genannt. Damit konnte ich leben. Ich habs mal mit D. A. – also englisch ausgesprochen, DiiÄii – versucht. Das fand ich cooler als das lange David-Alexander, doch irgendwie bin ich auf taube Ohren gestoßen. Tja, wäre mir doch „Stallion“ oder wenigstens „Hengst“ eingefallen – dann hätte sich mein Liebster wahrscheinlich in Höchstform galoppiert, aber wie schon erwähnt: Dieser Begriff ist mir in Zusammenhang mit David-Alexander nie in den Sinn gekommen.

Mein Ofenlachs ist eindeutig zu trocken geraten, aber meine Freundinnen nehmen es mit Humor.

„Auf jeden Fall besser als dein Huhn letztes Mal“, beruhigt mich Dina.

„Ich hätte ihn nicht besser machen können“, räumt Elisa ein, die noch weniger kochen kann als ich.

„Vielleicht solltet ihr mal zusammen einen Kochkurs besuchen“, schlägt Dina uns vor. „Da lernt ihr was und trefft bestimmt coole Typen.“

„Bist du irre?“, erwidert Elisa entsetzt. „Ich will doch keinen Typ kennenlernen, der Kochkurse belegt.“

„Och“, wende ich ein. „Männer, die kochen, sind doch ganz sexy.“

„Finde ich nicht“, sagt Elisa, die überzeugter Single ist und Männer im Allgemeinen für „überbewertet“ hält. Dina und ich grinsen uns an. Wir glauben, dass Elisa einfach nur Angst hat, sich zu binden und viel cooler tut, als sie ist.

„Irgendwann“, sagt Dina immer, wenn wir allein sind, „kommt der Richtige. Einer, der Elisa knackt, und dann werden wir sie nicht mehr wiedererkennen.“

„Aber wer soll das sein?“

„Einer, der die wirkliche Elisa hinter der professionellen Ärztin erkennt. Einer, der sie mit ihrer Coolness nicht durchkommen lässt. Einer, der sie in Grund und Boden vögelt. Einer, der sie will, aber nicht braucht.“ Elisa ist Frauenärztin in einem Kinderwunschzentrum. Sie hilft Paaren, die auf natürliche Weise keinen Nachwuchs bekommen. Das geht von Hormontherapie über künstliche Befruchtung bis zur Samenspende. Ich bin sicher, dass Elisa eine sehr einfühlsame Ärztin ist, aber als Privatperson hat sie wenig übrig für Träumereien, Romantik oder Verliebtsein.