Machen Sie das Beste aus Ihrem Kopf - Julitta Rössler - E-Book

Machen Sie das Beste aus Ihrem Kopf E-Book

Julitta Rössler

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10,99 €

Beschreibung

"Wissen, was dem Gehirn gut tut, das ist der Schlüssel zu Erfolg und Lebensqualität", sagt Julitta Rössler. Geben wir also unserem Gehirn, was es braucht! Was die Hirnforschung herausgefunden hat, wird hier konkret: Julitta Rössler zeigt, wie Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stress die Hirnleistung beeinflussen und welche Bedeutung gute Gedanken und Gefühle, Multitasking und Sinneswahrnehmungen haben. Mit vielen alltagstauglichen und erprobten Tipps, die man sofort und einfach umsetzen kann.

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Seitenzahl: 210

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Julitta Rössler
Machen Sie das Besteaus Ihrem Kopf
Praktische Tipps der Hirnforschungfür Alltag und Beruf
KREUZ

Für alle Menschen, die in einer anstrengenden Welt versuchen, ihr Leben positiv zu gestalten,

und ganz besonders

für Horst, Kevin und Marvin, die mich immer wieder herausfordern und motivieren.

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Umschlaggestaltung und Umschlagmotiv:

[rincón]2 medien gmbh, Köln:

Autorenfoto: © Susanne Weiland

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH

ISBN (E-Book) 978-3-451-33685-0

ISBN (Buch) 978-3-451-61011-0

Vorwort

Wer geistig fit ist, kann Erfolg und Lebensqualität erlangen. Dennoch kümmern wir uns bisher nur wenig um das wohl fantastischste Organ, das wir besitzen, unser Gehirn. Im Gegenteil, oft genug schaden wir ihm im täglichen Wettkampf um geistige Höchstleistungen. Denn die mentalen Anforderungen in Beruf und Alltag werden immer größer. Die geistige Leistungsfähigkeit ist längst zur wichtigsten Ressource auf den Arbeitsmärkten geworden.

Geben Sie Ihrem Gehirn also endlich, was es braucht und was ihm guttut. Oft sind es Kleinigkeiten, die helfen können, im Hamsterrad der Überforderung keinen Schaden zu nehmen, kleine Änderungen in der Lebens- und Arbeitsweise. Sie tragen dazu bei, dass neue Energien freigesetzt und sinnvoll genutzt werden können. Für unser Gehirn sind diese Kleinigkeiten von großer Bedeutung. Es braucht einen unterstützenden und pfleglichen Umgang, um seine Potenziale voll entfalten zu können.

Im Folgenden werde ich Sie in die spannende Welt der Hirnforschung entführen. Ich erzähle Ihnen von Erkenntnissen über das Gehirn und seine Arbeitsweise. Dabei orientiere ich mich stets daran, welchen praktischen Nutzen wir daraus für Alltag und Beruf ziehen können. Ich stelle Ihnen zahlreiche Ideen und Möglichkeiten für eine gehirnfreundliche Lebens- und Arbeitsgestaltung vor. Es geht um die Bedeutung von Bewegung für geistige Leistungskraft, um Ernährung, Stress, Schlaf, um den Bio-Rhythmus, Hirndoping, Sozialkontakte, die Kraft guter Gedanken und Gefühle, Neugier, Multitasking und das Gedächtnis. Hier haben Sie vielfältige Ansatzpunkte zur Verbesserung Ihrer Leistungsfähigkeit gepaart mit Wohlbefinden, Glück und Zufriedenheit. Leistung mit und durch Wohlbefinden, Glück und Zufriedenheit, das ist meine Devise. Ist das nicht verlockend?

Damit Sie unmittelbar Nutzen aus den Erkenntnissen ziehen können, habe ich am Ende jeden Kapitels alltagstaugliche Tipps zusammengefasst. Natürlich können und müssen Sie nicht alle umsetzen. Fangen Sie mit denjenigen an, die Sie in Ihrem Leben für realisierbar halten und die Ihnen gefallen. Machen Sie da weiter, wo Sie sich ohnehin schon »richtig« verhalten. Eröffnen Sie sich neue Möglichkeiten, Ihre Arbeit, Ihren Alltag, Ihr Leben zu gestalten. Dieses Buch bietet Ihnen eine Fülle von Angeboten für mögliche Veränderungen. Wenn Sie sich darauf einlassen, werden Sie sich schon bald wohler fühlen und die Anforderungen in Beruf und Alltag besser meistern können.

Selbstverständlich müssen Sie die Kapitel nicht in der vorgegebenen Reihenfolge lesen. Beginnen Sie einfach mit den Themen, die Sie besonders interessieren. Widmen Sie sich den anderen Themen, wenn Sie Zeit und Lust dazu haben. Ich wünsche Ihnen viele Aha-Erlebnisse und viel Freude beim Lesen und Umsetzen.

Ihre Julitta Rössler

Einführung – Unser Gehirn. Oder: eine Reise in den Amazonas-Regenwald

Einführung
Unser Gehirn. Oder: eine Reise in den Amazonas-Regenwald

Jede Zeit hat ihre ganz speziellen Herausforderungen. So auch die moderne mediale Welt. Körperliche Anforderungen treten mehr und mehr in den Hintergrund. Geistige Fähigkeiten gewinnen dagegen immer mehr an Bedeutung. Längst sind sie zu den wichtigsten Ressourcen auf den Arbeitsmärkten geworden. Erfolgreich sein und sich dabei wohlfühlen, das setzt geistige Vitalität voraus. Wer mental gesund und leistungsfähig ist, erlebt Lebensqualität. Es verwundert daher nicht, dass immer mehr Menschen vor geistigem Verfall und den damit verbundenen Folgen Angst haben. Dabei muss das gar nicht sein.

Ausgestattet mit dem wohl spannendsten, aufregendsten und leistungsfähigsten Organ, das die Natur je hervorgebracht hat, dem Gehirn, ist der Mensch bestens gerüstet für die vielfältigen Chancen, Anregungen und Herausforderungen der heutigen Welt. Nehmen wir uns ein wenig Zeit, uns mit diesem ganz besonderen Organ vertraut zu machen. Je mehr wir darüber wissen, wie unser Gehirn arbeitet, desto besser gelingt es uns, seine Potenziale zu entfalten.

Ein Vergleich mit der Nutzung eines Computers verdeutlicht das. Das gesamte Spektrum der Möglichkeiten eines Computers bleibt uns verschlossen, wenn wir uns nicht mit seinen vielfältigen Funktionen vertraut machen. Wir können den Computer dann lediglich als bessere Schreibmaschine nutzen. Kennen wir aber die Nutzungsmöglichkeiten, die er uns bietet, so können wir ihn unseren Erfordernissen und Wünschen entsprechend als echte Arbeitsunterstützung, komplexes Unterhaltungsmedium oder Wissenslieferant einsetzen. Die Entscheidung liegt bei uns selbst.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Reise in eine attraktive Stadt, die Sie noch nicht kennen. Sie können völlig unvorbereitet dort hinfahren und vor Ort ziel- und planlos herumlaufen. Sie erfreuen sich dabei an dem einen oder anderen Sehenswerten und können die Atmosphäre in der Stadt genießen. Das hat seinen Reiz und kann große Freude machen. Sie können sich aber auch vorab über kulturelle und geschichtliche Hintergründe, über interessante Angebote genau in der Reisezeit und über Möglichkeiten zur Teilnahme an Führungen oder kulturellen Veranstaltungen informieren. In diesem Fall erschließen Sie sich die Stadt weitaus intensiver. Außerdem haben Sie ganz nebenbei den Genuss der Vorfreude. Auch hier liegt die Entscheidung bei Ihnen selbst.

Ähnlich ist es mit unserem Gehirn. Wir können es im Sparbetrieb nutzen und auf vielfältige Erlebnis-, Erkenntnis- und Erfahrungswelten verzichten. Wir können uns aber auch entscheiden, uns die schier unerschöpflichen Potenziale größtmöglich zu erschließen. Es liegt ganz bei uns.

Natürlich haben wir alle eine individuell unterschiedliche genetische Basis, so wie wir auch unter unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen sind. Der eine hat viel Unterstützung bei der Entfaltung seiner Potenziale erfahren und der andere weniger. Wir können aber auch eigenverantwortlich Einfluss auf unsere geistigen Ressourcen nehmen. Unsere Möglichkeiten sind immer ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, persönlicher Prägung und aus dem, was und wie viel wir selber tun können und wollen.

Schauen wir uns ein paar beeindruckende Fakten über das Gehirn an. Wussten Sie, dass dieses insgesamt nur knapp 1,4 Kilogramm schwere Organ, das so platzsparend gefaltet und geschützt unter unserer Schädeldecke untergebracht ist, etwa 100 Milliarden Nervenzellen hat, sogenannte Neuronen? Sie alle sind unmittelbar mit der Weiterleitung und Verarbeitung von Informationen beschäftigt. Eine vielfach benutzte Analogie macht die Dimensionen in unserem Kopf vorstellbarer. Die Anzahl der Bäume im Amazonas-Regenwald wird auf eine ähnlich hohe Zahl beziffert. Der Amazonas-Wald erstreckt sich dabei über eine Fläche von rund 4 300 000 Quadratkilometern. Bezieht man das Gebiet rund um alle Nebenarme des Amazonas-Flusses mit ein, so hat er sogar knapp mehr als 7 000 000 Quadratkilometer Fläche. Die für höhere kognitive (geistige) Leistungen zuständige Großhirnrinde, das ist die stark gefurchte und gefaltete graue äußere Schicht des Gehirns, bedeckt dagegen, wenn wir sie auseinanderfalten könnten, lediglich den Platz von vier Blatt Schreibmaschinenpapier.1

Die 100 Milliarden Neuronen werden bei ihrer Arbeit von einer ebenso gigantisch großen Anzahl von Hilfszellen, den sogenannten Gliazellen, unterstützt. Zählt man auch diese Zellen dazu, so verfügt unser Gehirn insgesamt über etwa 1 Billion Nervenzellen, eine schier unvorstellbar große Anzahl.

Damit aber nicht genug. Die Gesamtlänge der von den 100 Milliarden Neuronen ausgehenden Nervenfasern beträgt etwa 5,8 Millionen Kilometer. Das entspricht 145 Erdumrundungen.2 Jedes Neuron kann mit Tausenden von anderen Neuronen in Kontakt treten, um Signale zu empfangen oder zu senden. Man geht davon aus, dass zum Teil weit mehr als 10 000 Zellen mit jedem Neuron Kontakt aufnehmen. Das Neuron selbst tritt wiederum mit Tausenden von anderen Neuronen in Verbindung. So entsteht ein gigantisches Kommunikationsnetzwerk mit etwa so vielen Verbindungen, wie es Blätter im Amazonas-Wald gibt. Auf einem Gehirnstückchen von der Größe eines Stecknadelkopfes könnten bis zu 1 Milliarde Verknüpfungen liegen. Insgesamt gibt es mindestens 100 Billionen (100.000.000.000.000!) Verbindungen zwischen den einzelnen Neuronen.3

Die Neuronen stehen miteinander in Verbindung, um Informationsreize oder Botschaften untereinander auszutauschen. Diese Signale werden mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 Metern pro Sekunde, also etwa 360 Stundenkilometern weitergeleitet.4 Das erklärt die mühelose Schnelligkeit, mit der wir auf alle Reize unserer Umgebung reagieren können. Stolpern wir beispielsweise bei einem Waldlauf plötzlich über ein Stück Baumwurzel, so nehmen wir das quasi genau in dem Moment wahr, in dem es passiert. Wir sind blitzschnell in der Lage, unsere Körperhaltung zu korrigieren, wieder Gleichgewicht zu erlangen und hoffentlich einen Sturz zu vermeiden. Das kann uns nur gelingen, weil die Reizweiterleitung zwischen Fuß und Gehirn in Bruchteilen einer Sekunde geleistet wird.

Bedenken wir, dass wir ohne unser Gehirn nicht riechen, schmecken, hören, sehen, fühlen, sprechen, atmen oder uns bewegen und räumlich orientieren könnten. Ohne unser Gehirn würden unsere inneren Organe nicht ihre lebenswichtige Arbeit tun. Wir könnten weder Freude noch Schmerz empfinden. Erfahrungen und Gefühle könnten uns nicht leiten und unser tägliches Verhalten sinnvoll steuern. Neue Aufgaben und Probleme können wir nur dank unseres Gehirns komplex durchdenken und Lösungen dafür finden. Ohne dieses wundervolle Organ wäre die Menschheit heute nicht das, was sie ist, eine hoch entwickelte Spezies.

Wie funktioniert die Aufnahme und Weiterleitung von Informationen zwischen den Neuronen konkret? – Chemische und elektrische Impulse spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie bewirken ein Wechselspiel zwischen Erregung (Aktivierung) und Hemmung (Deaktivierung), ähnlich dem Wechselspiel zwischen Beschleunigen und Abbremsen beim Autofahren. Basiszustand aller Nervenzellen ist der Ruhezustand. Die Zelle sendet kein Signal aus. Unser Auto, das wir gerade nicht benutzen und auf dem Parkplatz abgestellt haben, ist ein guter Vergleich. Der Ruhezustand der Zelle ändert sich schlagartig, wenn Informationen weitergeleitet werden sollen. Im Gehirn werden elektrische Impulse im sendenden Neuron aufgebaut. Man spricht von dem sogenannten Aktionspotenzial. Die entstehende elektrische Spannung entspricht der einer 9-Volt-Batterie. Das Axon, eine direkt vom Zellkörper abgehende Nervenfaser, welches Signale vom Zellkörper zu anderen Nervenzellen weiterleitet, ist jetzt aktiviert. Als Vergleich stellen wir uns vor, dass wir uns entschließen, mit unserem Auto loszufahren. Wir starten den Motor und geben Gas, um anfahren und den Parkplatz verlassen zu können. Ist der Transport über das Axon gestartet, schaltet der Zellkörper umgehend wieder in den Ruhezustand. Andernfalls wäre er blockiert für die Aufnahme neuer Signale.

Das über das Axon transportierte Signal muss nun seinen Bestimmungsort, das empfangende Neuron, erreichen. Jetzt kommen die Dendriten (griechisch dendrites: zum Baum gehörend) des empfangenden Neurons ins Spiel. Das sind baumartig verzweigte Nervenfasern, die Signale von anderen Nervenzellen aufnehmen können. Sie sind kürzer als die Axone. Das Axon, das eine Information übermitteln will, nimmt an seinem Ende mit den Dendriten der Zielzelle Kontakt auf. Das ist aber nicht einfach. Die jeweiligen Enden von Axon und Dendrit sind durch einen sogenannten synaptischen Spalt voneinander getrennt. Die Enden beider Zellen (Dendrit und Axon) bilden zusammen mit diesem Spalt die Synapse, über die alle Informationen übertragen werden. Wie kann aber das transportierte Signal seinen Bestimmungsort erreichen, wenn dazwischen ein Spalt, das heißt eine Unterbrechung liegt, die von den elektrischen Impulsen nicht einfach übersprungen werden kann?

Die Natur hat für dieses Problem eine intelligente Lösung gefunden. Zur Veranschaulichung stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind als Bote für die schnelle Zustellung von Briefen zuständig und haben einen eiligen Auftrag zu erledigen. Sie fahren mit Ihrem Auto auf kürzestem Weg in Richtung Empfängeradresse und kommen an einen Fluss. Auf der anderen Seite des Flusses wartet der Empfänger auf Ihre Nachricht. Ohne ein geeignetes Hilfsmittel wären Sie nicht in der Lage, die Information zum Empfänger zu bringen, da Ihr Auto den Fluss nicht einfach durchfahren kann. Der Fluss ist zu tief. Glücklicherweise gibt es genau an dieser Stelle eine Fähre, die Sie zum anderen Ufer bringt. Genau dort, wo der Empfänger auf Sie wartet, befindet sich eine Anlegestelle, die speziell für diese Fähre geeignet ist. Sie wechseln also das Transportmittel und benutzen die Fähre, um den Brief weiter zu transportieren. Am anderen Ufer angekommen, kann der Brief nun dem Empfänger übergeben werden.

Fast genauso kann man sich den Transport des elektrischen Impulses zur Empfängerzelle vorstellen. Angekommen am synaptischen Spalt, vergleichbar dem Fluss, sorgt die Natur für ein geeignetes Transportmittel, die Fähre. Der Impuls erreicht das empfangende Neuron auf der anderen Seite des synaptischen Spaltes, wie die Fähre das andere Ufer mit dem dort wartenden Empfänger. Das funktioniert folgendermaßen: Trifft das Aktionspotenzial am Ende des Axons auf den Spalt zwischen beiden Zellen, werden die elektrischen Signale in chemische Stoffe umgewandelt, sogenannte Botenstoffe. Diese Botenstoffe, auch Neurotransmitter genannt, werden in den Spalt ausgeschüttet. An der Schnittstelle zwischen beiden Zellen sitzen winzig kleine Bläschen, die die Botenstoffe enthalten und abgeben. Einmal freigesetzt, durchqueren diese Stoffe problemlos die wässrige, salzige Flüssigkeit, die die Neuronen umgibt, und überwinden den synaptischen Spalt ähnlich der Fähre in unserem Flussbeispiel. Am anderen Ende des Spaltes angekommen, benötigt der Botenstoff so etwas wie den Anlegesteg für die Fähre, um mit dem Zielneuron in Kontakt treten zu können. Diese Aufgabe übernehmen die sogenannten Rezeptoren am Ende der Dendriten. Hierbei handelt es sich um Proteinmoleküle, die speziell auf bestimmte Neurotransmitter eingestellt sind, sodass beide Teile zusammenpassen wie Schlüssel und Schloss. Stimmen die Codierungen von Rezeptor und Botenstoff überein, kommt es zur Informationsübertragung. Das alles passiert Tausende Male in Millisekunden, immer wenn wir denken oder handeln, zum Beispiel auch jetzt gerade, wenn Sie diese Zeilen lesen.5

Die Art und Weise, wie wir unser Gehirn nutzen, bestimmt, wie es beschaffen ist. Sind wir geistig aktiv, so verändert sich dadurch die Architektur und Struktur unseres Gehirns. Das passiert zum Beispiel immer dann, wenn wir etwas Neues erfahren, denken oder lernen. Die Anzahl der Verzweigungen und der neuronalen Verbindungen vergrößert sich. Das neuronale Netz wird dichter. Je dichter das Netz, desto leichter können wir neues Wissen an bereits vorhandenes Wissen anknüpfen, desto leichter fällt uns flexibles, schnelles und effizientes Denken. Jede noch so kleine Änderung oder Neuerung in unserem Leben und in unserer Umwelt trägt dazu bei – auch das Lesen dieses Buches.

Das funktioniert leider auch in gegenläufiger Richtung. Bleiben Erfahrungen und Lernprozesse im Leben eines Menschen aus, weil er sein Leben monoton und passiv gestaltet, so verkümmern die nicht mehr häufig gebrauchten Synapsen. Das neuronale Netz wird dünner. Die geistige Leistungskraft lässt nach.

Die neuronalen Verbindungen können sich ein Leben lang ändern. Das Gehirn eines Menschen ist niemals fertig ausgebildet. Es ist also nie zu spät, etwas für seinen Geist zu tun. Intellektuelle Anregung in Verbindung mit einer abwechslungsreichen Umgebung und Lebensweise trägt bis ins hohe Alter entscheidend zu mentaler Gesundheit und Leistungskraft bei.6

Ein Beispiel soll die nutzungsabhängigen Prozesse in unserem Kopf anschaulich machen: Stellen Sie sich vor, Sie spazieren durch den Wald und nehmen eine Abkürzung durch ein Stück unwegsamen Geländes. Nach Ihnen entdecken weitere Spaziergänger den nun etwas flach getretenen Pfad und benutzen ihn ebenfalls. Mit der Zeit entsteht ein Pfad, der immer breiter und fester wird. Irgendwann entschließt sich die Forstverwaltung, hier einen regulären Weg anzulegen. Wird dieser Weg aber nicht mehr regelmäßig benutzt und gepflegt, so wird er mit der Zeit wieder mit Pflanzen zuwachsen und nach und nach ganz verschwinden.

Nehmen Sie als weiteres Beispiel das Wachstum unseres Autobahnnetzes. In den Anfängen waren es wenige ausgebaute Strecken, mit der Zeit wurden stark frequentierte Strecken ausgebaut. Es entstanden Streckenabschnitte mit mehreren Fahrspuren. Verzweigungen in viele verschiedene Richtungen wurden gebaut. Große und komplexe Autobahnverteiler entstanden. Es wurde immer einfacher, von einer Verbindung auf eine andere zu wechseln. Auch weit entfernte Ziele können problemlos und schnell erreicht werden (vorausgesetzt natürlich, wir stehen nicht im Stau!). Aus den anfänglich nur wenigen Wegstrecken ist ein verzweigtes Netz von Verbindungen geworden. Stetige, intensive und starke Streckennutzung hat das bewirkt.

Die durch intensive Nutzung wachsende Komplexität und Dichte von neuronalen Netzwerken lässt sich mit modernen Verfahren zur bildlichen Darstellung des Gehirns sichtbar machen. Damit kann man dem Gehirn bei der Arbeit zusehen und beispielsweise erkennen, bei welchen Aufgaben und in welchem Umfang bestimmte Areale aktiv sind. So konnte zum Beispiel bei Taxifahrern in London festgestellt werden, dass die Region des Gehirns, die für räumliche Orientierung zuständig ist, umso größer ist, je länger sie dieser Tätigkeit bereits nachgingen.7 Bei langjährig tätigen Kellnerinnen funktioniert kurzzeitiges Merken und Erinnern deutlich besser als bei Nichtkellnerinnen.8 Für hoch qualifizierte Musiker konnte beobachtet werden, dass der für Lautverarbeitung zuständige Teil des Gehirns um fast 25 Prozent größer ist als bei Menschen, die noch nie ein Instrument gespielt haben.9

Erfahrungen, die wir häufig machen, oder wiederholte Lernprozesse führen dazu, dass sich die Synapsen am Ende der Neuronen verstärken und an Volumen zunehmen.

Dinge, die wir häufig tun, fallen uns leichter als Dinge, die wir nur selten oder gar nicht machen. Auto zu fahren ist für uns zum Beispiel ein automatisierter Vorgang, den wir ohne viel Nachdenken immer wieder ausführen. Kommen wir auf einer Reise aber in ein Land, in dem Linksverkehr gilt, so tun wir uns zunächst schwer damit. Haben wir die Gelegenheit, für ein paar Tage oder Wochen in diesem Land zu bleiben, so bereitet uns mit der Zeit auch das sichere Fahren auf den Straßen mit Linksverkehr immer weniger Schwierigkeiten. Neue synaptische Verbindungen sind geknüpft worden und konnten durch wiederholtes Üben gestärkt werden.

Die Fähigkeit des Gehirns, sich rasch auf Veränderungen einzustellen und seine neuronale Architektur immer wieder neu zu formen, wird als Plastizität des Gehirns bezeichnet. Sie bleibt ein Leben lang erhalten. Das menschliche Gehirn kann außerdem, in Abhängigkeit von Lebensweise und Beanspruchung, ein Leben lang neue Nervenzellen bilden. Dieser Prozess heißt Neurogenese. Das menschliche Altern muss also nicht zwangsläufig mit Einbußen in den geistigen Fähigkeiten einhergehen. Jegliche Form von Demenz ist eine Erkrankung und nicht notwendigerweise die Begleiterscheinung hohen Alters. Zumindest zum Teil (schicksalhaft bedingte Erkrankungen oder Unfälle können wir natürlich nicht verhindern) sind wir bis ins hohe Alter selbst verantwortlich für unsere geistige Entwicklung. Ein sehr alter Mensch kann von großer geistiger Vitalität sein, wogegen junge Menschen bereits deutliche Anzeichen von Minderleistung haben können.10 Unser Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt ist ein leuchtendes Beispiel für hohe geistige Leistungskraft bis ins hohe Alter. Sicher hat er sich diese Fähigkeit nicht durch Passivität und Desinteresse erhalten.

Letztlich entscheidet wesentlich die Art, wie wir leben und unser Gehirn benutzen, über unser geistiges Vermögen. Es hängt zu einem großen Teil von unseren eigenen Bemühungen ab, ob wir ein Leben lang geistig leistungsfähig sind. Je eher wir anfangen, unserem Gehirn zu geben, was es braucht, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch in fortgeschrittenem Alter noch über eine verlässliche geistige Leistungskraft verfügen. Das bedeutet Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Lebensqualität.

Ja, Sie können Ihr Gehirn formen und sich damit neue Lebensqualitäten eröffnen. Das ist vergleichbar mit dem Körpertraining. Treiben wir regelmäßig Sport und kümmern wir uns obendrein um eine gesunde Lebensweise, so bauen wir Muskelmasse auf, verbessern unsere Kondition und sind insgesamt leistungsfähig und gesünder. Vernachlässigen wir ein regelmäßiges Training und gewöhnen wir uns eine ungesunde Lebensweise an, so werden die Muskeln weniger, unsere Kondition lässt nach, wir werden dicker, vielleicht sogar übergewichtig und tragen weit größere gesundheitliche Risiken. Genau so verhält es sich auch mit unserem Gehirn.

Schon Leonardo da Vinci stellte einst fest: »So wie das Eisen außer Gebrauch rostet und das stillstehende Wasser verdirbt oder bei Kälte gefriert, so verkommt der Geist ohne Übung.«11

Wissenswertes über das Gehirn auf einen Blick

Das menschliche Gehirn besitzt etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) für die Verarbeitung von Informationen.

Die Neuronen werden bei ihrer Arbeit von Hilfszellen, den sogenannten Gliazellen, unterstützt. Sie machen etwa 90 Prozent der gesamten Gehirnmasse aus.

Neuronen und Gliazellen zusammen sind etwa 1 Billion Nervenzellen.

Die Nervenzellen (Neuronen) sind durch etwa 100 Billionen Verbindungen (Synapsen) miteinander zu einem gigantischen Netzwerk der Gedanken verbunden.

Auf einem Gehirnstückchen der Größe eines Stecknadelkopfes können bis zu 1 Milliarde Neuronen-Verknüpfungen liegen.

Die Neuronen leiten Informationsreize mit einer Geschwindigkeit von etwa 360 Stundenkilometern weiter.

Die Länge der Nervenbahnen des Gehirns beträgt bei einem erwachsenen Menschen insgesamt etwa 5,8 Millionen Kilometer. Das entspricht ungefähr 145 Erdumrundungen.

Das Gehirn macht ungefähr 2 Prozent der Körpermasse aus, benötigt aber etwa 20 Prozent der gesamten Körperenergie und etwa 50 Prozent des gesamten Sauerstoffs.

Das menschliche Gehirn wiegt bei einer erwachsenen Frau knapp 1300 Gramm und bei einem erwachsenen Mann knapp 1400 Gramm.

Die Datenübermittlung im Gehirn wird durch chemische und elektrische Impulse gesteuert. Die aufgebaute elektrische Spannung entspricht der Spannung einer 9Volt-Batterie.

Chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) ermöglichen den Transport von Reizen von einem Neuron zum anderen.

Das menschliche Gehirn kann in Abhängigkeit von Lebensweise und Beanspruchung ein Leben lang neue Nervenzellen bilden. Dieser Prozess heißt Neurogenese.

Das menschliche Gehirn kann lebenslänglich seine Netzwerk-Struktur verändern, sich selbst reparieren und sich auf Veränderungen der Umwelt einstellen. Diese Fähigkeit nennt man Plastizität des Gehirns.

Durch neue Erfahrungen und Lernprozesse kann die Architektur des Gehirns immer wieder neu geformt werden.

Das menschliche Gehirn ist immer zu 100 Prozent im Einsatz. Wenn unser Gehirn arbeitet, geschieht das immer in verschiedenen Regionen und über beide Gehirnhälften verteilt.

Das menschliche Gehirn ist vergleichbar mit einem Körpermuskel. Regelmäßige anspruchsvolle Nutzung stärkt die geistige Leistungskraft. Wird das Gehirn nicht regelmäßig beansprucht, so verkümmern die geistigen Potenziale.

Der Mensch kann bis ins hohe Alter seine Denk- und Gedächtnisleistung erhalten und ausbauen.

Ein 80-jähriger Mensch kann das gleiche geistige Leistungsniveau haben wie ein 20-jähriger Mensch. Lediglich die Art und Weise der Verarbeitung von Informationen und die Schnelligkeit der Informationsaufnahme sind unterschiedlich.

Den Geist auf Trab bringen – Die Bedeutung von Bewegung für die grauen Zellen

Den Geist auf Trab bringen
Die Bedeutung von Bewegung für die grauen Zellen

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer langweiligen Sitzung und Ihre Konzentration lässt nach. Wie verhalten Sie sich? Fangen Sie an, auf Ihrem Papier herumzukritzeln? Rutschen Sie unruhig auf Ihrem Stuhl hin und her? Tippen Sie nervös mit den Fingern auf die Tischplatte oder recken und strecken Sie sich sogar, soweit das die Situation zulässt? Wie ist es, wenn Sie ein langes Telefonat führen? Bleiben Sie die ganze Zeit sitzen oder stehen Sie irgendwann auf und gehen dabei im Raum umher? Wenn Sie sitzen bleiben, fangen Sie dann nach einer Weile an, Ihre Sitzposition immer wieder ein wenig zu verändern? Was machen Ihre Kinder, wenn sie für die Schule arbeiten? Sitzen sie still am Schreibtisch oder fällt es ihnen schwer, sich nicht zu bewegen?

In diesen und ähnlichen alltäglichen Situationen verhalten wir uns unbewusst richtig im Sinne unseres Gehirns. Wir bewegen uns.

Bewegung prägt das menschliche Verhalten seit Beginn der Menschheitsgeschichte. Sie war von lebenswichtiger Bedeutung, um Gefahrensituationen durch Flucht oder Angriff zu bewältigen und um die Ernährung durch die Jagd zu sichern. Auch zur Erschließung neuer Lebensräume mussten die Menschen sich fortbewegen. Erst in neuester Zeit sind viele körperliche Aktivitäten durch überwiegend sitzende und bewegungsarme Verhaltensweisen abgelöst worden. Das beginnt bereits in der Kindheit. Früher haben Kinder auf der Straße, dem Spielplatz oder in freier Natur bewegungsreich gespielt. Dabei waren alle Sinne beteiligt. Heute verbringen schon viele Kleinkinder einen großen Teil ihrer Freizeit sitzend vor dem Fernseher, dem Computer oder der Spielkonsole. Auch der Schulunterricht wird überwiegend sitzend und ohne gezielte Bewegungsförderung durchgeführt. Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder findet nur noch wenig Raum zur Entfaltung.

Die Welt der Erwachsenen ist ebenso bestimmt durch Bewegungsmangel. Ein immer größerer Teil der Arbeitsplätze verlangt immer weniger körperliche Betätigung und Anstrengung. Immer mehr Menschen sitzen zehn und mehr Stunden am Tag bewegungsarm vor einem Computer. Die moderne Elektronik unterfordert den Körper und macht träge. Dieser Trend setzt sich außerhalb des Arbeitsplatzes fort. Auch für kleine Entfernungen benutzen wir das Auto, den Fahrstuhl ziehen wir dem Treppenhaus vor. Vieles von dem, was wir einkaufen, bestellen wir online und lassen es uns ganz bequem direkt nach Hause liefern. Entspannung suchen wir sitzend vor dem Fernseher. An die Stelle des aktiven Jagens ist passiver und bewegungsarmer Konsum getreten.

Damit berauben wir uns des wirkungsvollsten und wichtigsten Ansatzes für geistige Leistungskraft, der körperlichen Bewegung.

Bereits in der Antike wusste man um die Bedeutung von Bewegung für das Denken. So hat Aristoteles seinen Schülern seine Lehren vermittelt, indem er mit ihnen ins Gespräch vertieft wandelnd durch die Säulengänge des Marktplatzes im antiken Athen gegangen ist. Ein Ausspruch, den der heilige Augustinus getan haben soll, lautet: ›Solvitur ambulando‹. Das bedeutet soviel wie ›Im Gehen findet sich die Lösung‹. Auch Goethe sagt man nach, dass er seine besten Gedanken auf Spaziergängen und Wanderungen hatte.

Die mittlerweile zahlreichen Studien von unterschiedlichsten Forschern aus der ganzen Welt belegen, dass Bewegung der Schlüssel für lebenslange geistige Vitalität ist. Bewegung ist das Wichtigste, was wir für den Erhalt und auch den Ausbau unserer geistigen Fähigkeiten tun können. Bewegung stärkt die geistigen Fähigkeiten sogar mehr als direktes kognitives (geistiges) Training. Körperlich aktive Menschen können sich mehr Informationen merken, sie besser verarbeiten und ermüden dabei langsamer als diejenigen, die sich nicht bewegen.1 Experimente mit zuvor untrainierten älteren Menschen zeigen zum Beispiel bessere Gedächtnisleistungen nach 20 Wochen mit jeweils 30 bis 60 Minuten dauernden zügigen Spaziergängen dreimal pro Woche.2

Der Mediziner Ana Pereira und sein Team von der Columbia University in New York hat Erwachsene im Alter zwischen 21 und 45 Jahren, die bis dahin keinen Ausdauersport betrieben haben, einem Gedächtnistest und einem Hirnscan per Magnetresonanztomografie (MRT) unterzogen. Anschließend nahmen sie drei Monate lang viermal pro Woche eine Stunde an einem Ausdauertraining teil. Der danach erneut durchgeführte Gedächtnistest und der Hirnscan zeigten eine stärkere Durchblutung des Hippocampus, einem Hirnareal, das für die Einspeicherung und Konsolidierung von Gedächtnisinhalten zuständig ist. Auch die Ergebnisse in den Tests waren besser als zuvor.3

»Bewegte Schüler« können sich besser und länger konzentrieren, benutzen beim Lernen mehrere Gehirnareale gleichzeitig und vernetzten das Gelernte beim Abspeichern vielfältiger. Gleichzeitig zeigen sie ein deutlich ausgeprägtes Selbstwertgefühl, sind seltener depressiv verstimmt, insgesamt weniger ängstlich und stärker motiviert.4