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Ueli Mäder

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Beschreibung

1989 besaßen die 300 Reichsten in der Schweiz 82 Milliarden, Ende 2014 bereits 589 Milliarden Franken. Hat ihre Macht entsprechend zugenommen? Wer hat wie viel Macht in der Schweiz? Wer nimmt seinen Einfluss wie wahr? Und welche Rolle spielt dabei das Geld? Ueli Mäder analysiert das Zusammenspiel wirtschaftlicher, politischer und gesellschaft­licher Dynamiken. Er untersucht, wie sich Macht konkret manifestiert und herrschaftlich etabliert. Im Fokus stehen die Mechanismen der Macht, wie sie sich nicht nur bei den großen Banken und Konzernen aufzeigen lassen, sondern auch im Gewerbe und bei den Gewerkschaften, in Denkfabriken und Netzwerken, in Medien sowie in Politik und Verwaltung.

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Seitenzahl: 783

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ueli Mäder

macht+ch

Geld und Macht in der schweiz

Mit Fallstudien von Peter Streckeisen,Ganga Jey Aratnam, Markus Bossertund Gian Trepp

Mitarbeit: Mirja Bänninger, Cornelia Brüllmann, Christoph Brunner, Reto Bürgin, Milan Büttner, Ursina Conzelmann, Cédric Duchêne-Lacroix, Eliane Eggenschwiler, Oliver Fahrni, Bianca Fritz, Esther Girsberger, Stephan Graf, Hugo Hanbury, Veronika Henschel, Jérôme Jacky, Saskia Jaeggi, Victoria Jäggi, Anna Jungen, Sarah Kehrli, Jeremias Kläui, Markus Kocher, Rodrigo Krönkvist, Magdalena Küng, Rahel Locher, Simon Monfort, Astrid Motz, Simon Mugier, Michael Mülli, Bastian Nussbaumer, Stefanie Omlin, Riccardo Pardini, Kathrin Pavic, Martin Rohmeder, Nathalie von Rotz, Cynthia Rudin, Melina Rutishauser, Anouk Sartorius, Sarah Schilliger, Samuel Schlaefli, Hector Schmassmann, Aline Schoch, Mario Steinberg, Peter Sutter, Anja Vatter, Florian Vock, Franz C. Widmer, Davide Zollino und Eveline Zwahlen.

Rotpunktverlag.

Der Verlag dankt für die Unterstützung:

© 2015 Rotpunktverlagwww.rotpunktverlag.ch

ISBN 978-3-85869-677-9

1. Auflage 2015

Inhalt

Vorwort

Teil IGefüge der Macht – eine Annäherung

Fragestellungen und Methoden

Wer regiert die Schweiz?

Theoretische Bezüge

Methodisches Vorgehen

Biografischer Ansatz

Blick auf die Schweiz

Werte und Milieus

Ein Stimmungsbild

Zwischen Hodler und Hedgefonds

»Macht bedeutet – Vermögen«

Eigene Annahmen

Finanzplatz Schweiz

Stabilität und »Neutralität«

»Geschäftsmodell für Steuerbetrug«

Auf- und ausgestiegen

Vom Bankdirektor zum Bankenpfarrer

Ex-Bankerin: »Zu wenig geldgetrieben«

Abkehr von der Finanzgläubigkeit?

Realwirtschaft: Große Unternehmen

Staat im Staat

»Triumph am Rheinknie«

Lead im Weltmarkt

Pflanzenschutz und Saatgut

Geschäfte mit dem Wasser

Größter Wirtschaftsverband

Politische Entscheidungen beeinflussen

Machen, was möglich ist

Machtkartelle

Gewerbe und Gewerkschaften

Gewerbeverband: Im Interesse der KMU?

»Wenn es uns Gewerkschaften nicht gäbe«

»Als Unia-Präsidentin erlebt, wie Solidarität stark macht«

»Ich bin ein antikapitalistischer Unternehmer«

Vom kurdischen Widerstand zum Dönerkönig

»Wenn du dich anpasst, hast du keine Probleme«

»Eigentlich hast du es gut, als Coiffeuse«

»Hier im Kiosk bin ich meine eigene Herrin«

»Dass alles so bleibt, wie es ist«

»Ein Butler, der auch noch Soziologie studiert«

Interessen, Lobbying und Verwaltung

Wer vertritt wen (oder was)?

Wirtschaft und Politik

Kontakte mit Interessengruppen

Ein »echter Arbeiter«

»Die Verwaltung ist besser geworden«

Kontinuität und Substanz

»Gespräch unter vier Augen«

»Nach den Fichen kam die Geldwäscherei«

Wirtschaft globalisiert, Politik kantonalisiert

Justiz, Polizei und Militär

Bundes- und Staatsanwaltschaft

Recht und Politik

Militär: Alt-neue Kaderschmiede?

»Gehorsam ist noch keine Loyalität«

Ex-Polizeikommandant: »Ich sagte der Regierung – ohne mich«

Strafrichter: »Ich muss das aufdecken«

Zivilgesellschaft, soziale Ökonomie und Stiftungen

Zivilgesellschaftliche Option

Vereine als »Erbgut der Gesellschaft«

Soziale Ökonomie

Gemeinwohl-Ökonomie

Selber bestimmen

Gemeinnützige Stiftungen

»Macht ist bei uns neutral«

Denknetze und Netzwerke

Über die Mont Pelerin Society hinaus

Vom WEF zum SEF

Liberale Wirtschaftsordnung und solide Sozialpartnerschaft

Abtei benötigt Finanzgenies

Prämissen einer Denkfabrik

Wie Avenir Suisse den Mittelstand konstruiert

Wer bestimmt, was geforscht wird?

Zum Einfluss der Medien

Ökonomisiert und monopolisiert

Beispiel: Reichtums- und Steuerdiskurs

»Wider die politische Korrektheit«

Selbstverständnis: »Öffentlichkeit herstellen«

Vierte Gewalt im Staat?

Medienvielfalt: »Von Monopolen noch ziemlich weit entfernt«

»Zensur passiert mehr im Feinstofflichen«

»Was hat ein Chefredaktor schon für einen Einfluss?«

Frauen und Macht

Einflussreich

»Will ich das wirklich?«

»Massiv untervertreten«

»Wachsende Sensibilisierung«

Feine Unterschiede

Wozu Karrieren gut sind

»Frauen sind zu anständig«

»Gut war nie gut genug«

»Macht abgeben« – erste Bundesrätin

Gendersensible Analyse

Ansätze und Perspektiven

Die Schweiz ist (k)eine Insel

Finanzielle Transaktionen besteuern

Vollgeld-Initiative: »Das Gemeinwohl stärken«

Wirtschaft demokratisieren

»Konkrete Utopie«

Konzerne gesetzlich verpflichten

Abkehr von der (Markt-)Gläubigkeit

Medienvielfalt kultivieren

Digitalisierung regulieren: »Big Brother is watching you«

Sozialer Ausgleich

Soziale Sicherheit ausbauen

Garantiertes Grundeinkommen für alle?

Internationale Solidarität

Zivilgesellschaft

Und jetzt?

Zusammengefasst

Wie politisch darf eine Studie sein?

Kein Sozialpopulismus – ein Lehrstück

Macht persönlich reflektieren

Engagement und sozialer Sinn

Soziale Gerechtigkeit

Ändere die Welt: Ein gutes Leben führen

Teil IIFallstudien

Peter Streckeisen

Bankenstaat

Finma und Nationalbank als Einrichtungen der »vierten Gewalt« des Staates

UBS-Krise und »Steuerkonflikt« mit den USA

Staat und Banken

Von der Bankenkommission zur Finma

Vom Ehrenmann zum Manager

Bankwissenschaft und Rechnungswesen

Die Nationalbank als »ehrwürdige« nationale Institution

Die besten Ökonomen

Ein Gesetz nach Maß

Magier und Zauberlehrlinge

Staatsadel

Gian Trepp

Nationalbank am Scheideweg

Mehr Bankenstaat oder Deregulation?

Instabile Weltfinanz

Die Kosten der Euro-Kurs-Untergrenze

Wie weiter?

Ganga Jey Aratnam

Glencore oder die Rhizome der Macht

Eine Spurensuche in Zug

Eine rhizomatische Perspektive: Rohstoffcluster und Commodity Hubs

Diskret, riskant und teuer – eine erste Auslegeordnung

Der Fall Zug: Spezialisierte Finanzdienstleister als Teil des Rohstoffrhizoms

Wie sich das Rohstoffrhizom entwickelt hat – in der Schweiz und in Zug

Philanthropie und die feinen Verästelungen der Zuger Rohstoffmacht

Besseres Image durch Lobbying, Professionalisierung und Distanzierung

Macht macht Gegenmacht

Machtauswüchse werden beseitigt, aber das Rhizom bleibt erhalten

Kongo, Sambia, Zug: Verflochtene Geschäfte brauchen Transparenz

Der Zuger Commodity Hub und seine Steuerpolitik

Rhizome statt verengte Perspektiven

Markus Bossert

Schweizerischer Gewerbeverband

Lobbying-Organisation für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

Allmählicher Schulterschluss mit Industrie und Großkapital

Vom Gewerbe zu den KMU

Hierarchisch geführter Spitzenverband

Macht mit Kleinunternehmertum und Lehrlingen

Land und Verband suchen ihren Weg

Peter Streckeisen

Die Macht des ökonomischen Denkens

Streifzüge durch die neoliberale Schweiz

Neoliberalismus und ökonomisches Denken

Doxische Wirkung der »echten Ökonomen«

Kunst und Wissenschaft des Managements

Ärzte, Architekten und weitere »ökonomisch denkende Techniker«

Einige Schlussfolgerungen

Quellen

Vorwort

Hans Tschäni publizierte 1983 seine Studie Wer regiert die Schweiz? Der damalige Redaktor des Tages-Anzeigers kritisierte die enge Verflechtung des Staates mit wirtschaftlichen Kartellen sowie »die Selbstaufsicht der Banken«. Er analysierte, wer mit welchem Auftrag im Parlament politisierte und wie die »Filzokratie« demokratische Prozesse unterlief. Inzwischen ist die Welt stärker globalisiert, rationalisiert und modernisiert. Und das Militär ist auch nicht mehr, was es einmal war. Wir fragen, wie sich Macht und Herrschaft in der Schweiz heute manifestieren: in und über Personen, Institutionen und Ideologien. Wir wollen ergründen, wer den sozialen Wandel wie beeinflusst. Und dabei interessiert uns, welche Rolle das Geld spielt. Wir suchen Spuren mehr oder weniger verborgener Mechanismen der Macht. Im Sinne einer Annäherung.

Im ersten Teil des Buches setzen wir uns exemplarisch mit dem Einfluss von Finanzinstituten, Unternehmen, Verbänden, Denkfabriken, Netzwerken, politischen Einrichtungen und staatlichen Verwaltungen auseinander. Wir skizzieren aktuelle Entwicklungen und beziehen uns auf über 200 eigene Gespräche. Im zweiten Teil folgen Fallstudien: zum Bankenstaat und zur Macht des ökonomischen Denkens von Peter Streckeisen, zur Nationalbank von Gian Trepp, zu den größten (Rohstoff-)Konzernen von Ganga Jey Aratnam, zum Gewerbeverband von Markus Bossert.

Ich danke allen Interviewten, Autoren der Fallstudien und weiteren Mitarbeitenden. Ich danke auch allen Studierenden, die persönliche Erfahrungen bei einem Bankpraktikum oder bei Diensten auf einem Golfplatz oder einer Luxusjacht aufzeichneten. Auf einzelne Arbeiten nehmen wir Bezug. Vielen Dank auch allen, die uns wertvolle Hinweise vermittelt haben. Ein besonderer Dank gilt dem Zürcher Rotpunktverlag.

Ich verantworte den Haupttext und die meisten Interviews. Etliche Mitarbeitende unterstützten mich dabei. Deshalb dominiert im Text die Wir-Form. Wobei unsere Debatten öfter kontrovers blieben.

Des Schweizers Schweiz heißt ein Buch von Peter Bichsel. Er publizierte es 1969 und las damals an der Universität Basel daraus vor. Am Schluss fragte er: »Will noch jemand diskutieren?«, und fügte an, ohne eine Sekunde zu zögern: »Auch ich gehe lieber ein Bier trinken.« Damit beendete er die Veranstaltung. Doch seine Lesung wirkte nach. Bichsel beschrieb seine ambivalente »Liebe zur Schweiz«. Sie ist gut nachvollziehbar.

Teil I

Gefüge der Macht – eine Annäherung

Im ersten Teil unserer Arbeit nähern wir uns ausgewählten Gefügen und Konstellationen der Macht an. Dazu gehören Institutionen, Personen, Interessen und Dynamiken. Wir fragen, wer überhaupt wie Einfluss nimmt. Als Grundlage dienen Interviews, die wir geführt haben, Dokumenten-, Medien- und Kontextanalysen sowie teilnehmende Beobachtungen.

Fragestellungen und Methoden

Im Frühjahr 2015 gründeten die Unternehmer Hansjörg Wyss und Jobst Wagner den Verein Vorteil Schweiz. Sie setzen sich mit sieben Millionen Franken dafür ein, die bilateralen Verträge mit der Europäischen Union (EU) zu erhalten. Ihr Geld dient laut SonntagsZeitung (5.4.2015: 1) dazu, politische Inhalte zu befördern. Gegen die Macht, die Christoph Blocher, ein anderer Unternehmer, ausübt. Der Philosoph Georg Kohler sieht die »Gefahr einer Plutokratie«, also der Geldherrschaft, wie in den USA und anderswo, auch in der Schweiz. Reiche hätten heute bei uns mehr politischen Einfluss als vor fünfzig Jahren, erläuterte er mir. (7.12.2014) Und die Weigerung, diese Mittel offenzulegen, zeuge von einem Demokratiedefizit. Die Weltwoche (9.4.2015: 12) mokierte sich, wie die Zeitung 20 Minuten über »Vorteil Schweiz« berichtete. Statt des Vereins habe sie das »EUNo«-Komitee in den Vordergrund gerückt. Die Weltwoche illustrierte (und ironisierte?) ihre Kritik mit einem kleinen Bild von Hansjörg Wyss und einem großen Bild des EU-Gegners Christoph Blocher.

Wir versuchen, uns Dynamiken der Macht anzunähern. Wir fragen, wer in der Schweiz den Ton angibt. Sind es eher wirtschaftliche, politische oder zivilgesellschaftliche Kreise? Oder hat »das Volk« das Sagen, das an der Urne immerhin Ja oder Nein stimmen darf? Und lassen sich die erwähnten Akteure überhaupt klar voneinander unterscheiden? In unserer Studie Wie Reiche denken und lenken (Mäder/Jey/Schilliger 2010) untersuchten wir, wie Reiche auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagierten. Einzelne plädierten dafür, den sozialen Ausgleich freiwillig zu fördern. Wir warnten davor, die Existenzsicherung dem Goodwill von Begüterten zu überlassen. Hier diskutieren wir nun, wie materiell mehr oder weniger Privilegierte ihren Einfluss ausüben. Wir werfen einen soziologischen Blick auf wirkungsmächtige Praktiken.

Wer regiert die Schweiz?

Hans Tschäni beschrieb in seinem Buch Wer regiert die Schweiz? die Politik und Verwaltung als verlängerten Arm der Wirtschaft. Inzwischen liegt eine weitere Studie mit demselben Titel vor. Sie stammt von Matthias Daum, Ralph Pöhner und Peer Teuwsen. (2014) Die drei Autoren untersuchen, welchen Einfluss die Wirtschaft, Politik und Lobbys »heute tatsächlich haben«. Nach ihrer Auffassung sind viele frühere Seilschaften und der »alte Filz« passé: Neue »unbekannte Hintermänner« prägen die Geschicke des Landes. Wichtig ist zudem die Bundesverwaltung. Sie vereint viel Kompetenz. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) reguliert die Banken und Versicherungen. Die Wettbewerbskommission (Weko) kontrolliert, ob Konzerne das Kartellgesetz beachten. Und was tun die Medien? Sie sind (laut Daum et al. 2014) keine »vierte Gewalt« mehr im Staat. Sie plakatieren mehr Vordergründiges, statt gründlich zu recherchieren und eigenständig zu agieren. Wir setzen uns mit diesen Thesen auseinander und versuchen, der Macht auf die Spur zu kommen.

Uns interessiert, was heute passiert. Wie sehr prägen die Großindustrie und das Finanzkapital die Schweiz? Gebärdet sich die Politik schwach gegenüber Starken und stark gegenüber Schwachen? Oder handelt sie im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise nun selbstbewusster? Einzelne Wirtschaftsverbände versuchen derzeit, ihre eigenen Leute wieder mehr auf das politische Parkett zu hieven. Was bedeutet das? Und wie reagieren zivilgesellschaftliche Gruppen? Sind sie in der Lage, demokratische Prozesse auszuweiten?

Theoretische Bezüge

Macht bedeutet, wenn wir uns an Max Weber (1922) orientieren, die Fähigkeit, eigene Interessen gegen Widerstreben durchzusetzen. Wie gut das gelingt, hängt von Ressourcen ab. Wichtig sind ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital (Bourdieu 1983); Geld, Beziehungen, Ausbildung und Prestige. Wir analysieren Dynamiken der Macht im Kontext sozialer Gegensätze. Wir fragen, ob Reiche eher eine Macht-(Krysmanski 2004.) oder eine Leistungselite (Freiburghaus 2008) sind. Und warum Einzelne ihre eigenen Interessen als gesellschaftliche durchsetzen können. (Gramsci 2012, H. 6: 783) Zudem interessiert, wie sich Macht herrschaftlich institutionalisiert und in sozialen Beziehungen dokumentiert.

Macht lässt sich nach Michel Foucault (2005: 256) ohne direkte physische Gewalt ausüben. Sie bezieht sich auf Handlungen von Subjekten und Kräfteverhältnisse. Macht äußert sich im »Führen der Führungen« und im Schaffen von Wahrscheinlichkeiten. Sie wandelt sich ständig und passt sich veränderten Gegebenheiten an. Macht wirkt nicht nur von oben nach unten oder durch Zwang. Sie kann sich auch von unten entfalten und über soziale Bewegungen sehr produktiv sein. Wir versuchen, Dynamiken der Macht sichtbar zu machen. Machteffekte zeigen sich auch, wenn wir Widerstände gegen sie analysieren.

Macht ist an keine bestimmten Orte gebunden wie die Bundesversammlung oder Verwaltungsräte globaler Unternehmen. Sie durchfließt und verbindet sämtliche Teile der Gesellschaft. (Foucault 1983) Macht ist kein Privileg des Staates oder einer sozialen Klasse. Sie wirkt auch als »Mikromacht« in Familien, Schulen, Produktionsstätten, Gefängnissen und Armeen. Und darin liegt ihre besondere Kraft: Sie ist allgegenwärtig und prägt so die öffentliche Kontrolle und komplexe Ordnung. Die Macht ist keine Institution, keine Struktur, keine »Mächtigkeit einiger Mächtiger«.

Gilles Deleuze und Félix Guattari (1980: 15) entwarfen für die Macht das Denkbild des Rhizoms. Rhizome sind pflanzliche Erdsprosse. Sie wachsen oft dicht über dem Boden und weiten sich gerne wie das unterirdische Geflecht eines Pilzes oder ein Achsensystem aus. Macht ist demnach kein Baum mit Wurzeln, sondern eher ein verwobenes Gefüge. (A. a. O.: 10) Macht erscheint »amorph und heterogen«, als Netz oder Kräftefeld, ohne Subjekte oder Objekte. Das Rhizom hat multiple Eingänge und Ausgänge, Risse und Schaltstellen. Ganga Jey Aratnam knüpft in seiner Fallstudie über Glencore Xstrata (Seite 395) daran an.

Das Wirtschaftsmagazin Bilanz (1/2015) orientiert sich offenbar am Verständnis von Max Weber, wenn es jeweils die Mächtigsten der Schweiz vorstellt. Kriterien sind: erstens der Einfluss im eigenen Unternehmen; zweitens die Wirkung auf die Politik oder Gesellschaft; drittens die Fähigkeit, sich gegen andere durchzusetzen. Nach dem leistungsorientierten (meritokratischen) Prinzip sind wir selbst dafür zuständig, welchen Platz wir in der Gesellschaft einnehmen. Wer fleißig ist, gelangt nach oben. So setzen sich in der Schweiz (laut Freiburghaus 2008) neue Funktionseliten durch. Sie zeichnen sich durch besondere Fähigkeiten und spezialisiertes Wissen aus: Es reiche nicht mehr, Offizier zu sein, um eine Hochschule leiten zu können. Der Weg nach oben führe über eine gute Ausbildung und eine hohe Bereitschaft zur Mobilität. Leistung zähle mehr als Herkunft. Die Kinderstube, Studienfreunde und exklusive Clubs bleiben aber aus unserer Sicht wichtig. Ebenso wie Machteliten (Mills 1956; Krysmanski 2004), die vornehmlich aus begüterten Kreisen stammen und soziale Gegensätze perpetuieren.

Soziale Ungleichheiten liegen vor, wenn Mitglieder einer Gesellschaft dauerhaft in unterschiedlichem Maße über notwendige oder begehrte Güter verfügen. Es geht dabei um die Verteilung von Ansehen, Reichtum und Macht. (Levy 2003: 286) Wichtig sind auch, nebst materieller Sicherheit, der Zugang zu sozialen und kulturellen Angeboten sowie die Chancen, ein gutes Leben zu führen. Im Vordergrund steht der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung. Er wird heute eher selten diskutiert. Die Wahrnehmung verlagert sich von der vertikalen Gliederung (oben/unten) zur horizontalen. Klassenmodelle unterschieden im 19. Jahrhunderts die Lohnabhängigen von der Bourgeoisie, die über die Produktionsmittel verfügte. Die klassentheoretischen Ansätze betrachteten diese Gegensätze als Triebkräfte des sozialen Wandels. Spätere Analysen betonten weitere Merkmale wie Ausbildung und berufliche Qualifikationen. Max Weber (1922) sah die Lebensführung als wichtige Ursache sozialer Ungleichheit. Soziale Schließung und Hierarchisierung erschweren Außenstehenden den Zugang zu wichtigen Positionen. Theodor Geiger (1932) knüpfte daran an. Soziale Schichten prägen aus seiner Sicht soziale Mentalitäten und das Prestige mit. Alle diese Ansätze gehen noch von vertikalen Ungleichheiten aus. Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neuere Theorien sozialer Lagen und Milieus betonen die Individualisierung und das subjektive Wohl (Lebenszufriedenheit). Horizontale soziale Differenzierungen scheinen alte Klassengegensätze abzulösen.

Ulrich Beck charakterisierte die Individualisierung »jenseits von Stand und Klasse«. (1983) Er subjektivierte die soziale Frage und akzentuierte: erstens das Herauslösen aus herkömmlichen Sozialformen, zweitens den Verlust traditioneller Sicherheiten und drittens neue soziale Einbindungen – dank Wahlmöglichkeiten. Solche Prozesse lassen sich teilweise nachweisen. Aber sie heben soziale Klassen keineswegs auf. Dass heute auch qualifiziert Ausgebildete erwerbslos sein können, veranschaulicht nach Beck die Klassenlosigkeit sozialer Ungleichheit. Gerhard Schulze (2000) nahm diesen »Beleg« auf und hob die Bedeutung sozialer Milieus und Erlebnisgemeinschaften hervor. Er verlagert die Ursachen sozialer Ungleichheit ins Innenleben der Menschen. Die Suche nach Glück löse die Sorge um das Materielle ab. Das erlebnisorientierte Denken ersetze das produktionsdominierte. Der Alltag erscheint so als Lebensbühne und Verlängerung der inneren Perspektive. Aber Lebenswelten sind nur beschränkt wählbar. Die individuelle Sicht verdeckt Machtverhältnisse.

Pierre Bourdieu (1979, 1993a) verknüpfte vertikale und horizontale Unterschiede sowie Struktur und Kultur. Nach seinem Verständnis sozialer Räume markiert der Lebensstil den sozialen Ort der Menschen. Angehörige der Oberschicht sind eher in der Lage, einen spielerischen Umgang mit Wissen und Werten zu pflegen, als Angehörige der Unterschicht. Wer sich im Alltag wie durchsetzt, hängt von der Ausstattung mit verschiedenen Ressourcen ab. Äußere Faktoren prägen unsere Denk- und Handlungsmuster. (Bourdieu 1997a: 779) Die eigene Klassenlage ist dabei zentral. Sie determiniert uns aber nicht kausal. »Feine Unterschiede« machen sich über Titel, Kleidung, Sprache, Manieren und den Geschmack bemerkbar. Sie verweisen auf unsere Herkunft. Unser Lebensstil folgt dem sozialen Rang. Unser Habitus drückt aus, woher wir kommen. Er hält uns so im sozialen Rang gefangen.

Wie gesellschaftliche Bedingungen persönliche Lagen prägen, analysiert der britische Sozialwissenschaftler Richard G. Wilkinson (2009) in dem (mit Kate Pickett verfassten) Buch Gleichheit ist Glück. Die Verteilung von Einkommen beeinflusst das individuelle Wohl. Mit steigendem Einkommen sinken die gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Der Bundesrat weist in seinem Bericht »Verteilung des Wohlstands in der Schweiz« (27.8.2014) darauf hin, wie der Anteil der Tieflöhne seit dem Jahr 2000 anstieg. Im Jahr 2012 lagen 13,4 Prozent aller Stellen unter der Schwelle von monatlich 4343 Franken. Das Einkommen entscheidet auch mit, wer mehr oder weniger Einfluss hat, so Wilkinson (in unserem Gespräch vom 24.5.2013). Die soziale Ungleichheit erhöht nach seinen Studien ebenfalls die wirtschaftliche Instabilität.

Methodisches Vorgehen

Wir nähern uns mit unterschiedlichen methodischen Zugängen den Dynamiken der Macht an. Eine erste Grundlage bilden die Gespräche. Wir interviewten über 200 Personen aus: Finanzinstituten, großen wirtschaftlichen Unternehmen, wirtschaftlichen und politischen Verbänden, Politik und Verwaltung, Justiz, Militär und Polizei, Denkfabriken und Denknetzen, Gemeinwohl-Ökonomien und Stiftungen sowie Medien. Aus diesen Bereichen wählten wir je fünf Personen aus, mit denen wir uns schon in einer früheren Studie (Mäder et al. 2010) unterhielten. Uns interessierte, wie sich ihre Haltungen verändert haben. Zudem kontaktierten wir je fünf weitere Personen, die mit der jeweiligen Materie vertraut sind. Zusätzliche Gespräche kamen über Empfehlungen und zufällige Begegnungen zustande. Die Gespräche begannen meistens mit einer längeren erzählerischen Sequenz zum persönlichen Werdegang. Dann folgten fokussierte Passagen dazu, wer seinen Einfluss wie ausübt. Beim Auswerten der transkribierten Interviews ordneten wir die Aussagen einzelnen Vorabkategorien zu. Dabei interessierte vor allem das eigene Verständnis sowie das persönliche Erleben und Reflektieren von Macht. Weitere Kategorien bildeten wir anhand der transkribierten Gespräche. Wir interpretieren die Interviews zurückhaltend. Etliche Auszüge drucken wir unkommentiert ab. Lesende können sich so ein eigenes Bild machen.

»Eine besondere Art der Macht ist die Selbstbestimmung, das heißt die Freiheit, die einem gegeben wird und die man sich nimmt«, sagte mir Daniel Vasella, der ehemalige Verwaltungsratspräsident von Novartis, in einem früheren Gespräch. (29.6.2010) Und: »Leider bauen die meisten Menschen ihr eigenes inneres Gefängnis und agieren zugleich als deren Wärter, sodass sie nach einem Regelwerk handeln, welches nur in ihrer eigenen Vorstellung existiert.« Eine solche Aussage dient dem Verständnis von Macht, die Daniel Vasella überhöht und zugleich herunterspielt. Oder wenn Joseph Jimenez, der derzeitige CEO der Novartis, an deren Generalversammlung 2014 einen einzigen Satz auf Deutsch sagt und alle Aktionärinnen und Aktionäre frenetisch applaudieren, dann sagt das auch etwas darüber aus, wie sich Macht legitimiert.

Bei allen Gesprächen achteten wir auf das, was wir hörten, sahen und sonst noch bemerkten. Auch intuitiv. Was löst das Gegenüber aus? Sympathie, Befremden oder Irritation? Mit einigen Interviewten konversierten wir schriftlich weiter. Mit einzelnen über eine längere Zeit. Die verwendeten Gesprächsauszüge ließen wir autorisieren. Einzelne Interviewte begnügten sich mit geringfügigen Änderungen. Andere kürzten viele Aussagen weg oder formulierten sie stark um. Diese teilweise recht aufwendige nachträgliche Kommunikation erhellte sensible Bereiche und das Bemühen, ein bestimmtes Bild zu vermitteln. Ein Bankdirektor sprach sich für eine eidgenössische Erbschaftssteuer aus, wollte das aber nicht stehen lassen.

Eine zweite Grundlage unserer Arbeit bilden zahlreiche Dokumente und Medienberichte. Wir werteten sie in einzelnen Bereichen (Denkfabriken) und Themen (Steuerdebatte) auch inhalts- und diskursanalytisch aus. Im Vordergrund stand die Frage, wer Macht thematisiert und auf welche Weise dies geschieht. Bei den Medienanalysen werteten wir zudem alle Ausgaben der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) während einer zufälligen Zeitspanne (vom 20. April bis 20. Mai 2015) aus. Als weitere Dokumente nutzten wir auch Selbstpräsentationen (Homepages), Jahresberichte, statistische Berichte und Protokolle. Zudem weitere Studien, (Auto-)Biografien und Informationen, die wir aus Ämtern, Verwaltungen und dem Umfeld von Mächtigen erhielten; von einem Butler, einem Chauffeur, von Verwandten eines Bundesrats oder von einem Strafrichter (über die Selbstbereicherung von Anwälten). Einen interessanten Einblick gewähr(t)en uns auch zugesandte Brief- und Honorarkopien. Einzelne forderten uns ethisch heraus. Wie ist es möglich, Transparenz darüber herzustellen, wie das Getriebe funktioniert, ohne einzelne Personen an den Pranger zu stellen? Was tun, wenn Verwandte eines amtierenden Bundesrates einem einen langen Briefwechsel zukommen lassen, bei dem es um massive Erbstreitigkeiten geht?

Hinzu kommen als dritte Grundlage eigene Beobachtungen; so etwa bei Weiterbildungsveranstaltungen von Finanzinstituten, in Beratungsgremien von Unternehmen oder bei gewerblichen und gewerkschaftlichen Anlässen. Dabei achteten wir darauf, wie sich Mächtige und Machtstätten präsentieren. Als hilfreich erwiesen sich auch Einladungen zu Diskussionen bei Medien, Unternehmen, Serviceclubs und Netzwerken (HSG-Alumni, Rotary, Kiwanis usw.). Nach einer Fernsehdiskussion erzählte mir beispielsweise Headhunter Björn Johansson, wie er Benedikt Weibel, den ehemaligen CEO der Schweizerischen Bundesbahnen, einschätzt. Er halte ihn für viel fähiger als manche andere CEOs in großen Konzernen. Ein Typ wie Weibel lasse sich aber kaum entsprechend vermitteln, wenn er das falsche Parteibuch habe. Bei einem späteren Gespräch (7.2.2013) dementierte der Headhunter allerdings diese Aussage, als ich ihn öffentlich darauf ansprach. Der Verwaltungsratspräsident eines großen Unternehmens fügte hingegen, nachdem er sich mir gegenüber (10.11.2014) dezidiert über eine Bundesrätin und eine frühere Regierungsrätin geäußert hatte, gleich vorsorglich an: »Und sollten Sie das jemals verwenden, dann weiß ich von nichts.« Das sind so kleine Geschichten, in denen wir uns meistens selber erkennen. Sie erhellen auch ein wenig, wie unsere Gesellschaft funktioniert.

Wertvolle Informationen trugen zahlreiche Studierende bei. Dies im Rahmen von Vorlesungen und Seminaren zu »Geld und Macht: Die Schweiz zwischen Meritokratie und Oligarchie« (HS 2012, Universität Zürich), »Raum und Macht« (FS 2013, Universität Basel), »Wer regiert die Schweiz?« (HS 2013, Universität Basel), »Macht und Ohnmacht: biografisch erforscht« (HS 2014, Universität Basel). Die Studierenden interviewten und porträtierten ausgewählte Personen, sie berichteten von ihren Praktika bei Banken und Unternehmen, ihrer Zugbegleitung beim Orient-Express oder ihrem Babysitting bei Reichen. Mehrere Hundert Berichte liegen vor. Einzelne nahmen wir hier auf. Die Studierenden wirkten auch als Sounding Board. Wir werteten mit ihnen ab und zu anonymisierte Interviews aus.

Zum kollektiven Validieren unserer Wahrnehmungen trugen auch intensive Debatten bei. Zudem bezogen wir gezielt externe Sichtweisen ein. Wir baten beispielsweise zwei Journalisten, unsere Studie kritisch zu kommentieren. Der eine (Oliver Fahrni, Redaktor Work) gilt politisch als progressiv-links, der andere (Franz C. Widmer, ehemaliger Chefredaktor Basellandschaftliche Zeitung, bz) als konservativ-liberal. Beiden verdanken wir wertvolle Kommentare. Bei konkreten Hinweisen zitieren wir sie namentlich. Fahrni enthielt sich als Angestellter der Unia beim Kapitel Gewerkschaft, Widmer beim Kapitel Medien. Einzelne Wahrnehmungen diskutierten wir auch mit weiteren Fachleuten, zum Beispiel mit Dagobert Kuster, dem ehemaligen Geschäftsführer der Basler Volksbank, und Urs Hägeli, einst stellvertretender Direktor der UBS Schweiz.

Biografischer Ansatz

Unsere Arbeit ist biografisch orientiert. Wir diskutieren, wie sich Macht bei einzelnen Personen und Institutionen manifestiert. Das Biografische erhellt dominante Strukturen, Werte und Einstellungen. Unsere Interviews dokumentieren, wie Mächtige ihre Haltungen plausibilisieren. Die subjektiven Deutungen vermitteln ihre Sicht von Wahrheiten, Wirklichkeiten und Sinngehalten. Das hilft, sich verstehend sozialen Realitäten anzunähern. Die Macht der Mächtigen lässt sich allerdings nie wahrheitsgetreu eruieren. Wir konstruieren sie mit, auch wenn wir unsere Eindrücke kollektiv validieren und möglichst wenig Eigenes in die anderen hineinprojizieren wollen. In der Schweiz ist der Zugang zu Mächtigen relativ einfach. Das sagt auch etwas über sie und das Land aus. Auch die erhöhte Offenheit von (älteren) Personen, die schon etwas mehr Distanz zum aktuellen Geschehen haben, kam uns entgegen.

In der Regel führten wir die Gespräche im gewohnten Umfeld der Interviewten. Dabei erörterten wir auch Kontexte, in denen Mächtige so handeln, wie sie handeln. Der Wert von Erinnerungen und Deutungen ist allerdings umstritten. Sie erhellen und trügen zugleich. Wenn wir Geschichten aus dem Blickwinkel von Beteiligten rekonstruieren, ist Erlebtes subjektiv wahr und – wie jede Quelle – kritisch zu betrachten. Sichtweisen verändern sich in kommunikativen Prozessen. Je nach Interview kommen besondere Gefühle, Deutungen und Fantasien auf. Das Zusammenspiel der Beteiligten beeinflusst die Darstellung. Weitere Gegebenheiten wirken schon vor dem Gespräch. Zum Beispiel Medienberichte sowie die unterschiedlichen sozialen Milieus, in denen sich Fragende und Interviewte bewegen. Wir unterscheiden bei unseren Interviews zwischen dem Erzählten, Erlebten und der Sinngebung. (Rosenthal 1995: 130) Zudem achten wir auf Schlüsselerlebnisse und biografische Wendepunkte. (Haumann/Mäder 2008: 279) Unsere Studie beinhaltet also einen deutenden und sinnverstehenden Zugang. Eine solche Forschung gestaltet sich als kommunikativer Prozess. Sie erfordert eine Sensibilität für die eigene Wahrnehmung und die Interaktionen zwischen allen Beteiligten. Mit einzelnen Interviewten finden seit Jahren regelmäßige Treffen statt, mit andern ein häufiger Austausch per E-Mail. Die etablierten Bande helfen, nachzufragen und Sichtweisen präziser wahrzunehmen. Sie erhöhen aber auch die Gefahr, kritische Distanz zu verlieren. Umso wichtiger sind die Transparenz und das kollektive Korrektiv. Dies im Sinne eines permanenten Austauschs mit Personen, die unterschiedliche Sichtweisen einbringen. Hilfreich war für uns auch ein mehrtägiger Austausch mit Bettina Dausien, die an der Universität Wien Biografieforschung lehrt.

Die Biografieforschung ist daraufhin zu befragen, ob sie die individualistische Sicht verstärkt. Sie tut das aus unserer Sicht nicht, wenn sie die sozialen Kontexte einbezieht und danach fragt, wie sich im Individuellen das Gesellschaftliche dokumentiert. Der biografische Ansatz erlaubt jedenfalls keine Generalisierung; er ist vielmehr eine spezifische Form sozialer Annäherung, die es mit strukturellen Voraussetzungen zu verknüpfen gilt.

Pierre Bourdieu (1986: 69) warnt vor der biografischen Illusion, die der »Lebenserzählung« anhaftet. Dem Erzählen wohne in vielen Fällen die Tendenz inne, zwiespältige Lebensphasen als eine »kohärente Geschichte« darzustellen. Bourdieu wehrt sich dagegen, das Ich als das scheinbar Wirklichste der Wirklichkeiten anzuerkennen. (Bourdieu 1986: 72) Er geht (strukturalistisch) davon aus, dass es in der sozialen Welt auch Strukturen gibt, die unabhängig von den Akteuren sind. Sie beeinflussen die Individuen, die selber auf Strukturen zurückwirken. Bourdieu nimmt auch (konstruktivistisch) eine soziale Genese der Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata an. Sie konstituieren den Habitus. Strukturen bilden die Grundlage der subjektiven Repräsentationen. Sie prägen die Zwänge der Interaktionen. Die Repräsentationen sind aber ebenfalls wichtig. Sie veranschaulichen individuelle und kollektive Alltagspraxen, die wiederum Strukturen erhalten und verändern.

Blick auf die Schweiz

Der Schriftsteller Alex Capus berichtet in seinem Buch Mein Nachbar Urs (2014), wie die Züge von Olten aus ohne Halt in alle Himmelsrichtungen zu wichtigen Schweizer Städten fahren. In Olten kreuzen sich zwei wichtige Verkehrsachsen. Und so sind morgens um sieben Uhr schon viele Leute auf den Perrons. Beim Gleis 2 stehen die Leute, die in Zürich bei einer Bank oder beim Fernsehen arbeiten. Sie tragen taillierte Anzüge, machen kompetente Gesichter und nehmen niemanden wahr. Beim Gleis 3 stehen die Leute, die in der Basler chemischen Industrie arbeiten. Hier sind die Dresscodes weniger streng. Und die Leute tragen Wasserflaschen mit sich, als ob sie auf eine Expedition gingen. Beim Gleis 9 stehen jene, die bei der Bundesverwaltung in Bern arbeiten. Sie tragen graue Jacketts und Mephisto-Schuhe. Und beim Gleis 12 stehen die Touristen, die nach Luzern, und die Italiener, die nach Italien fahren. Das sind allerdings keine Berufspendler. Denn in Luzern arbeitet niemand. So erzählt Alex Capus in seiner literarischen Sozialstudie von Olten und der Schweiz. Er erhellt, wie Menschen unterschiedliche kulturelle Mentalitäten repräsentieren.

Wir fragen ebenfalls, was die vielfältige Schweiz kennzeichnet. Nach ein paar Kennzahlen und sozial-strukturellen Hinweisen vergegenwärtigen wir uns das Bild, das die Sinus-Milieustudie (2013) von der Schweiz vermittelt. Darauf folgt ein Stimmungsbild aus der Gemeinde Vorderthal (SZ). 85 Prozent der Stimmenden sagten dort Ja zur »Masseneinwanderungsinitiative« (MEI). Die Gemeinde zählt 8 Prozent ausländische Personen, darunter sechs Asylbewerbende. Samuel Schlaefli besuchte die Gemeinde während seines Forschungspraktikums im Rahmen unserer Studie. Er führte zahlreiche Gespräche und typisierte zwei völlig unterschiedliche Haltungen anhand zweier Personen. Um die neoliberal konservative Haltung besser zu verstehen, fragte ich bei alt Bundesrat Christoph Blocher nach.

Was kennzeichnet also die Schweiz? Ist es die direkte Demokratie, die Neutralität, der Föderalismus, die Binnenlage, die schöne Landschaft, der Reichtum, die Stellung in der Welt, das Rote Kreuz oder was sonst? Und wann entstand die Schweiz? Beim Rütlischwur 1291, nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648, am Wiener Kongress 1815, mit der neuen Verfassung 1848 oder mit deren Revision 1872? Wichtig ist, nebst dem Zweiten Weltkrieg, der Fall der Berliner Mauer 1989. Darauf bezieht sich eine Kernthese von uns. Das eigentlich erfreuliche Ende des Kalten Krieges markiert deutlich einen Paradigmenwechsel, der sich schon seit den späten 1970er-Jahren abzeichnete. Er führt vom politischen Liberalismus, der auf einen minimalen sozialen Ausgleich achtet, zum wirtschaftsorientierten Neoliberalismus, also einem finanzgetriebenen Kapitalismus. Dieser überlagert viele Lebensbereiche. Er ökonomisiert und kommerzialisiert sie.

Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Sie verfügt über ein Bruttoinlandprodukt (BIP) von nahezu 80 000 Franken pro Kopf (2015). Wie die kleine Schweiz groß geworden ist, beschreibt Gerhard Schwarz, der Direktor von Avenir Suisse und ehemalige Chef des NZZWirtschaftsressorts. Er betont in Wirtschaftswunder Schweiz (Breiding/ Schwarz 2011) den Fleiß und die Innovationen. Gesellschaftliche Ungleichheiten sind nach seiner Darstellung unvermeidbare Begleiterscheinungen einer offenen und leistungsbezogenen Gesellschaft. »Reich ist die Schweiz nicht wegen des Geldes«, ergänzt Gerhard Schwarz (2013: 18) im Magazin der Bank Vontobel. Zum Geldreichtum dazu komme das immaterielle Kapital: Bildung, politische Führung, Behördenqualität und das Rechtssystem. Weiter zu erwähnen wären: der Fleiß unzähliger Migranten und Migrantinnen, günstig importierte Rohstoffe sowie das ausgeklügelte Wechselspiel zwischen Freihandel und Protektionismus, den die Schweiz immer wieder zum Schutz ihrer eigenen Produktion betrieb. Gleichwohl empfiehlt sie heute ärmeren Ländern, rigoros die Schranken zu öffnen und den Freihandel auszuweiten. Gerhard Schwarz befürwortet diese Liberalisierung, wie er in unserem Gespräch (9.2.2012) bemerkte. Wir plädieren für einen fairen Handel im Rahmen einer neuen Weltwirtschaftsordnung mit indexierten Preisen für Rohstoffe und Fertigprodukte.

Die Schweiz ist stark exportorientiert. Sie hat eine hohe Außenhandelsquote. Ihr Binnenmarkt ist relativ klein. Europäische Märkte sind für die Schweiz wichtig. Sie nehmen (je nach Quelle) rund 50 bis 60 Prozent der Exporte auf. Von dieser Bedeutung zeugen auch zahlreiche bilaterale Abkommen mit der Europäischen Union. (Oster 2011: 1) Angewiesen ist die Schweiz, nebst Absatzmärkten, vor allem auf Rohstoffe. Und der industrielle Sektor ist, trotz dem stark ausgebauten Dienstleistungssektor, immer noch recht bedeutend. (BAK Basel Economics 2011: 8) Der tertiäre Sektor beschäftigt in der Schweiz etwa drei Viertel aller Arbeitskräfte. Im Jahr 2014 waren es 76,1 Prozent. (www.bfs.admin.ch) Bedeutsam sind Handel, Gastgewerbe und vor allem Finanzdienstleistungen. Das Handelsvolumen beläuft sich auf rund zwei Drittel des BIP (2014: 64,3%). Andere Quellen geben niedrigere Anteile an. Die Schweiz importierte im Jahr 2014 Waren im (unterschiedlich veranschlagten) Wert von 179 bis 253 Milliarden Franken. Die Exporte betrugen zwischen 208 und 285 Milliarden Franken. Fast drei Fünftel gingen in die Europäische Union. Chemikalien gehören zu den wichtigsten Handelswaren, zusammen mit Arzneimitteln. Auch Maschinen und Uhren sind sehr gefragt. Zu den zentralen außereuropäischen Handelspartnern zählen die USA, China und Japan.

Die Handelsbilanz der Schweiz war allerdings im 19. und 20. Jahrhundert überwiegend negativ. Das ist vielen kaum mehr bewusst. Der Historiker Jakob Tanner erinnerte in unserem Gespräch (15.4.2015) daran. Um die Mitte der 1990er-Jahre kehrten die Vorzeichen. Und im 21. Jahrhundert setzt sich der Trend zur überschüssigen Handelsbilanz fort. Somit ist die Schweiz weit mehr als ein traditionelles Kapitalexportland mit einem großen Nettovermögen im Ausland, was Yves Wegelin in seinem Beitrag »Gut so, Herr Jordan!« (WOZ 22.1.2015) problematisierte: Die Schweiz schreibe seit Anfang der 90er-Jahre Leistungsbilanzüberschüsse. Sie exportiere also mehr Dienstleistungen und Waren ins Ausland, als sie importiere. Wenn ein Land Exportüberschüsse erziele, brauche es ein anderes Land, das weniger exportiere, als es importiere. Und um diesen Importüberschuss aufzukaufen, komme es vor, dass sich dieses Land beim Überschussland verschulde.

In der Schweiz verfügt 1 Prozent der privaten Steuerpflichtigen über mehr steuerbares Nettovermögen als die übrigen 99 Prozent. Darauf wies der Global Wealth Report der Credit Suisse (2010: 120) hin. In späteren Ausgaben relativierte die Bank ihre Angabe. Sie schlug nun auch die Pensionskassengelder, bei denen es sich eigentlich um aufgeschobene Löhne handelt, zu den Vermögen. Aber das Verhältnis bleibt krass; egal, ob es nun 1 oder knapp 3 Prozent sind, die mehr besitzen als der große Rest. Wie der Reichtum zunimmt, dokumentierte das Wirtschaftsmagazin Bilanz im Dezember 2014. 1989 besaßen die 300 Reichsten in der Schweiz 82 Milliarden Franken, Ende 2014 bereits 589 Milliarden.

1 Prozent der Weltbevölkerung ist übrigens vom Jahr 2016 an ebenfalls reicher als die restlichen 99 Prozent. Das geht aus einer Studie von Oxfam, dem Verbund unabhängiger Hilfswerke, hervor. Die ursprünglich britische Entwicklungsorganisation präsentierte die Studie 2015 am WEF in Davos. Während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien gegründet, engagiert sich Oxfam in vielen Ländern für mehr soziale Gerechtigkeit. Laut Oxfam besitzen die achtzig reichsten Menschen der Welt ebenso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das sind 3,65 Milliarden Menschen (2015). Von den zehn reichsten Griechen leben übrigens fünf in der Schweiz. (Blick am Abend, 1.7.2015: 6) Philip Niarchos wohnt in St. Moritz (GR). Sein Familienvermögen beträgt 10,8 Milliarden Franken. Verfügt ein Haushalt über mehr Vermögen als 4000 Dollar, dann gehört er bereits zur reicheren Hälfte der Erdbevölkerung. Die ärmere Hälfte kommt laut dem Global Wealth Report (Credit Suisse 2013) auf weniger als 1 Prozent der weltweiten Vermögen.

Werte und Milieus

Wie sich die Schweiz verändert (hat), analysiert die Sinus-Milieustudie von 2013. (Media Trend 2014) Ich diskutierte (am 19.6.2014) mit Christoph Müller darüber, dem Verantwortlichen des Sinus-Instituts in Heidelberg. Die Studie sondierte insbesondere die Folgen von Globalisierung, Digitalisierung und Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Befindlichkeiten der Schweizer Bevölkerung. Die Flexibilisierung von Arbeit und Privatleben, die Erosion klassischer Familienstrukturen, die Digitalisierung des Alltags und die wachsende Wohlstandspolarisierung erscheinen in einer neu skizzierten Milieulandschaft. Wir leben nach dieser Darstellung in einem Zeitalter der Entgrenzung – das für manche Milieus ungeahnte Chancen bietet, andere dagegen überfordert und verunsichert.

Die Sinus-Milieus gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise sowie in ihrer sozialen Lage ähneln. Die Landkarte der Sinus-Milieus erscheint als »Kartoffelgrafik« (»Härdöpfel-Chart«). Sie zeige auf, wie die Lebenswelten und Werte auseinanderdriften: Die digitale Spaltung nimmt zu. Und die gesellschaftliche Mitte gerät unter Druck. Sie grenzt sich verstärkt gegen die soziale Unterschicht ab, die sich durch die gesellschaftliche Modernisierung noch stärker prekarisiert. Gleichzeitig nehmen die Wahlmöglichkeiten in der Gesellschaft zu. Das erhöht insbesondere die Lebensqualität der Wohlsituierten. Das eigene Leben erscheint als Projekt, das stets effizient zu managen ist. An der Spitze entsteht eine kosmopolitische Elite.

Die jungen Milieus stehen für Machen und Erleben. Zwei neue Milieus tauchen hier auf. Das Milieu der Adaptiv-Pragmatischen reagiere auf die unsicheren Lebensperspektiven mit verstärkter Anpassung: Pragmatismus und Nützlichkeitsdenken nehmen zu. Man ist leistungsbereit im Beruf und hedonistisch in der Freizeit. Anders zeigt sich das Milieu der digitalen Kosmopoliten: Diese sind experimentierfreudig, weltoffen und avantgardistisch. Grundmotive sind die Selbstverwirklichung und der Individualismus.

Laut Christoph Müller teilen Mentalität und Sprache die Schweiz in verschiedene Regionen auf: In der Deutschschweiz zählen besonders Leistung, Status und Prestige, in der Suisse romande regionale Eigenarten. Die Menschen sind offen und legen Wert auf persönliche Kontakte. Traditionelle Werte bestimmen indes die italienische Schweiz.

Zu andern Ergebnissen kommt die repräsentative Studie Point de Suisse (management tools research ag 29.7.2015), die wir vom Basler Seminar für Soziologie aus wissenschaftlich begleiteten. So antworten etwa die Französisch- und Italienischsprachigen bei der Frage nach dem »guten Schweizer« deutlich strenger als die Deutschsprachigen. Wer von Sozialhilfe lebt, kann in der Deutschschweiz für 65,1 Prozent der Befragten ein guter Schweizer sein, in der Romandie aber nur für 50,2 Prozent und im Tessin sogar nur für 46 Prozent. Nun, in der hier vorliegenden Arbeit betonen wir mehr sozial-strukturelle Veränderungen. Machtgefüge sind zudem komplex miteinander verknüpft und erodieren. Das macht sie schwierig fassbar. Sie zentralisieren sich aber zugleich und sind ideologisch legitimiert. Dominant sind derzeit markt- und finanzgläubige Sichtweisen. Sie prägen das gesellschaftliche Handeln und zielen darauf ab, zentrale Lebensbereiche zu ökonomisieren.

Ein Stimmungsbild

Am 9. Februar 2014 stimmte eine knappe Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer für die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Die Initiative verlangt, die Zuwanderung von Ausländerinnen und Ausländern in die Schweiz zu begrenzen. Die Initiative tangiert die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der Europäischen Union, die eine Personenfreizügigkeit vorsehen. Soziologe und Journalist Samuel Schlaefli (2015) wollte mehr darüber herausfinden, welche Dynamiken zu diesem Abstimmungsergebnis geführt haben. Er recherchierte im Rahmen eines Forschungspraktikums nach Einstellungen und Ängsten in der Schweizer Bevölkerung, die dem Abstimmungsresultat zugrunde lagen. Schlaefli führte seine Recherchen in der Gemeinde Vorderthal (SZ) durch. 85 Prozent der Stimmenden hatten dort Ja zur MEI gesagt. Die gut tausendköpfige Gemeinde zählt 8 Prozent ausländische Personen, darunter sechs Asylbewerbende. Zusätzlich zur Analyse der sozioökonomischen Dorfstruktur führte Schlaefli halbbiografische, leitfadengestützte Interviews mit zwei Dorfbewohnern, die sich durch unterschiedliche Biografien, entgegengesetzte Einstellungen und ein divergierendes Abstimmungsverhalten bei der MEI unterscheiden.

SVP-Gemeinderat Karl Mächler ist in Vorderthal aufgewachsen und hat sein gesamtes Leben im Wägital verbracht, wo seine Familie seit mehreren Generationen lebt. Er setzt sich für traditionelle Tugenden der Schweiz ein, zu denen für ihn Arbeitswille, Fleiß, Bescheidenheit und Rechtschaffenheit gehören. Seine konkrete Lebenswelt beschränkt sich im Wesentlichen auf das Wägital und den Kanton Schwyz, bei dem er angestellt ist. Im offenen Gespräch eröffneten sich Widersprüche zwischen persönlichem Handeln und politischer Überzeugung. Drei seien hier genannt: erstens sein persönlicher Einsatz für das Einbürgern einer Familie aus Ex-Jugoslawien im Dorf, die er für ihren Fleiß und ihre Assimilation lobt; zweitens der Verkauf von eigenem Land an einen deutschen Bauunternehmer; drittens seine eigene Anstellung beim Staat, den er für den Ausverkauf der Schweiz an die EU und eine verfehlte Sozial- und Arbeitspolitik kritisiert.

Auf der anderen Seite interviewte Samuel Schlaefli Margret Zimmermann, die Geschäftsführerin des Campingplatzes Vorderthal. Sie ist ebenfalls im Wägital aufgewachsen, entstammt jedoch einer Zürcher Industriellenfamilie. Nach ihrer obligatorischen Schulzeit zog sie zuerst nach Zürich, dann weiter nach New York, wo sie einige Jahre arbeitete, teils im Büro, teils als Künstlerin. Sie kehrte in die Schweiz zurück und übernahm nach dem Tod der Mutter den Campingplatz. Sie hat zwar Bekannte in der Region, aber ihr Freundeskreis ist über den gesamten Erdball verteilt. Ihr Handlungsraum ist zugleich lokal, national und global. Margret Zimmermann kann auf viel Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen zurückgreifen und war einst selbst eine »Fremde« in den USA. Im Gegensatz zu Karl Mächler hat sie in Vorderthal »unangenehme Erfahrungen mit Ausländern« gemacht. Rumänische Fahrende brachen in einen Campingwagen ein. Trotzdem vertritt sie das Ideal einer liberalen, multikulturellen und weltoffenen Gesellschaft.

Samuel Schlaefli interessiert sich für die unterschiedlichen Erfahrungen und Einstellungen gegenüber Veränderungen in der Schweiz und gegenüber dem Fremden. Die beiden Interviewpartner stehen für zwei Pole, welche die Gegensätze der Schweiz symbolisieren. Schlaefli unterscheidet zwei Typen, einen konservativen und einen kosmopolitischen.

Beim konservativen besteht ein enger Bezug zur unmittelbaren Umgebung. Veränderungen, wie der Zuzug von Ausländern oder eine geplante Unterkunft für Asylsuchende bedrohen das heimatliche Gefühl. Das Fremde wird dämonisiert; das Eigene und Lokale hingegen glorifiziert. Zur Stärkung der eigenen Identität werden geteilte Referenzen aus der Vergangenheit hochgehalten. Dazu gehören Gründungsmythen wie der Nationalfeiertag oder der Rückbezug auf Freiheitskämpfe. Dadurch wird eine symbolisch überhöhte Heimat konstruiert. Gemeinschaft hat für Karl Mächler eine wichtige Bedeutung. Er sucht nach persönlichen Freundschaften im überschaubaren Raum, nach geteilten Werten und Geselligkeit. Deswegen engagiert er sich im Vorstand zahlreicher Vereine und ist politisch aktiv.

Für Margret Zimmermann hingegen sind das Dorf und die Nation kein ausreichender Bezugsrahmen mehr für die Identität. Wichtiger sind ihr kulturelle Inspiration und Kontakte zu Freunden, die auf der ganzen Welt verteilt sind. Gemeinschaft spielt bei ihr eine untergeordnete Rolle. Ihr Bezugsrahmen ist die Stadt.

Samuel Schlaefli diagnostiziert Prozesse der »Glokalität« (Robertson 1998). Dabei verknüpfen sich Globalisierung und lokale Kultur. Die beiden Typen stehen für zwei gegenläufige Tendenzen. Sie beeinflussen sich und prägen die politische Dynamik in der Schweiz: Der Konservative sucht nach Übersichtlichkeit in der globalen »Unordnung« in einer Zeit ohne große Erzählungen. Für ihn gewinnt das Lokale an Bedeutung. Die Kosmopolitische hingegen versucht, aus der Kleinräumigkeit auszubrechen. Sie sucht nach dem Globalen, nach Kontrasten, Widersprüchen und dem Unbekannten.

Die SVP Schweiz, die Urheberin der MEI vom 9. Februar 2014, profitiert in Zeiten des rasanten Wandels vom zunehmenden Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und Konstanz. Sie findet ihre Basis vor allem auf dem Land und zunehmend auch in der Stadtagglomeration. Es war kein Zufall, dass Christoph Blocher für den Auftakt seiner Anti-EU-Kampagne am 20. Juni 2014 die Gemeinde Vorderthal auswählte. Seine dortige Rede war darauf bedacht, das ländliche Leben als Schweizer Ideal zu stilisieren. Zu den Versprechungen der SVP gehören: Kleinräumigkeit, Gemeinschaft, Tradition, patriarchale Strukturen, Schutz vor dem Fremden, Einzigartigkeit des Heimatlandes und Einigkeit des Volkes.

Samuel Schlaefli rekurriert in seiner Studie auf Dieter Freiburghaus (NZZ 30.7.2014), der als verbindendes Element der erstarkten nationalistischen Parteien in Europa »die Furcht vor der Globalisierung, die Ablehnung der Einwanderung, die Skepsis gegenüber der EU und das Misstrauen gegen die ›Classe politique‹« erkennt. Thomas Zaugg (Magazin 9.5.2014) wiederum macht darauf aufmerksam, dass Überfremdungsinitiativen schon in der Vergangenheit dort am populärsten waren, wo der geringste reale Kontakt mit ausländischen Personen stattfand. Für die MEI votierten überwiegend Stimmberechtigte in ländlichen und konservativen Gegenden, die wenig Berührung mit »Fremden« haben. Die MEI verknüpfte mit der Migration Themen wie Arbeitslosigkeit, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, Lohndruck, Kriminalität und Sozialhilfemissbrauch. Dadurch seien Freiheit, Sicherheit und der Wohlstand der Schweiz bedroht. Was scheinbar hilft, sind eine Re-Nationalisierung und Re-Lokalisierung. So weit die einfache Typisierung.

Zwischen Hodler und Hedgefonds

Jo Lang beschrieb in unserem Gespräch (6.10.2011), wie eine »nationalkonservative Welle« mit dem Aufschwung der SVP einhergeht. Der Historiker führte neopopulistische Strömungen unter anderem auf eine »Sehnsucht nach dem Dorf« zurück. Dahinter verberge sich eine Skepsis gegenüber einer Moderne, die immer vielfältiger, komplizierter, unübersichtlicher und unheimlicher werde. Hinter den regressiven und aggressiven Stimmungen in vielen Dörfern und Agglomerationen der Deutschschweiz stecke letztlich aber etwas höchst Modernes, betonte Lang in einem späteren Gespräch (17.4.2015); nämlich eine Existenzangst und Identitätskrise. Fazit: Nur eine Modernisierung, die das ernst nehme, vermöge die Menschen aus der Traditionsfalle zu befreien.

Der Ökonom und Publizist Oliver Fahrni lehnt indes die Zuschreibung »nationalkonservativ« für die SVP ab. Er wies in unserem Gespräch (8.6.2015) darauf hin, wie das SVP-Programm oder die »moderne Zürcher SVP« zwar die erwähnten »traditionellen Werte« propagiert, aber faktisch die neoliberale Deregulierung praktiziert. »Sie tat das in den vergangenen zehn Jahren viel aktiver als die FDP. Diesen Widerspruch zwischen Hodler und Hedgefonds hat Christoph Blocher ja schon immer verkörpert. Zum Beispiel als Verwaltungsrat der UBS oder als Konzernzerstörer der Alusuisse. Er hat, zusammen mit seinem Bankier-Freund Ebner, manche finanzkapitalistische Praktiken in der Schweiz eingeführt. Blocher wetterte auch stets gegen die EU, hielt den Bundesrat aber an, den Geschäftsverkehr mit ihr zu fördern. Bis zu einem gewissen Grade ist Hodler also nur vorgeschützte Folklore. Die Ideologie der SVP ist in diesem Sinne nicht konservativ, sondern revolutionär antiaufklärerisch, antiparlamentarisch, antidemokratisch, antiintermediär, antipolitisch oder postpolitisch. Davon zeugt auch der Wandel der Klientel, wie ihn etwa Roger Köppel von der Weltwoche verkörpert. Für mich stellen diese Kräfte eine ›vierte Rechte‹ dar. Wir sollten Blochers Beschimpfungen des Parlaments ernst nehmen. Bedeutend ist, was die bürgerliche Politik eigentlich noch reguliert und wie sich Besitzende dazu verhalten. Vielleicht ist der Rekurs der SVP auf Nationalismus und ›Traditionen‹, die oft eine Fiktion sind, nur ein rhetorisches Kernstück. Da die Abschottung und die Ausländerfrage das einzige politische Kapital der SVP sind, entsteht da immer wieder ein Widerspruch zu ihrem Wunsch, die große Wirtschaftspartei zu sein. Auf der äußeren Rechten ist das in allen europäischen Ländern ein Thema. Die Erben des Faschismus sind grundsätzlich eben eher korporatistisch, volksgemeinschaftlich und ›sozial‹ orientiert. Und ihr Übergang zur neoliberalen Deregulierungsideologie hat sie überall gespalten. Blocher ist beides in einer Person.«

»Macht bedeutet – Vermögen«

Um die neoliberal-konservative Haltung besser zu verstehen, fragte ich direkt beim ehemaligen Bundesrat und Nationalrat Christoph Blocher nach, der auch als Parteileader entscheidend dazu beitrug, die SVP zu einer einflussreichen Partei werden zu lassen. Christoph Blocher blickt auf eine lange Karriere im Militär, in Wirtschaft und Politik zurück. Seine Antworten (20.7.2015) ergänzen das Stimmungsbild.

Sie haben viel Erfahrung. Was freut Sie besonders, wenn Sie zurückblicken?

Wenn ich zurückblicke, freue ich mich über viele Begebenheiten im Leben, wie das bei anderen Leuten auch der Fall ist: All die schönen Erinnerungen der Kindheit, der Jugend, meine schöne Zeit auf den Bauernhöfen während meiner landwirtschaftlichen Lehre. Sogar die Schul- und Universitätsjahre können mir etwas Freude abringen. Dann natürlich die vielen gelungenen Dinge beim Aufbau und der Rettung des größten Unternehmens im Kanton Graubünden, verbunden mit all den reichen Kontakten zu vielen Ländern und Menschen auf der ganzen Welt. Auch die Tatsache, dass die etwas windige sozialistische Geisteshaltung der 60er- und 70er-Jahre – all die intellektuellen Irrwege – durch eine solide liberal-konservative Geisteshaltung langsam aus dem Weg geräumt wird, freut mich. Zusammenfassend: Ich freue mich über die Macht des Lebens.

Sie verfügen über viel Macht. Wie (konstruktiv) gehen Sie damit um? Und was bedeutet es für Sie, wenn Sie allmählich Macht abgeben müssen?

Ich hatte am Anfang meines Lebens nichts Besonderes – vor allem weder Vermögen noch familiäre Protektion. Aber ich hatte – wie jeder Mensch – Kräfte und Zeit, und die nützte ich. Auch bin ich ganz und gar ein Mann der Praxis – Industrieller, ehemaliger Nationalrat und ehemaliger Bundesrat einer sehr pragmatischen Partei, früher Regimentskommandant, pater familias – also weder ein Philosoph noch ein theoretischer Idealist. Ich bin aber sehr interessiert an der Sprache, den Wörtern und ihrer Bedeutung. Denn ich glaube, dass aus den Wörtern viel für das Verständnis des praktischen Lebens zu gewinnen ist. Also: Was heißt »Macht«?

Ein Blick in Dudens Herkunftswörterbuch ergibt, dass das Wort zusammenhängt mit »mögen« (Vergangenheit: mochte) – und nicht etwa mit »machen« – und dass die »Macht« zunächst nichts anderes bedeutet als das »Ver-mögen« – die »Möglichkeit« und die Fähigkeit –, zu sein und zu handeln. »Macht« bedeutet das, was man kann und zu dem man auch die Kraft hat, es auszuführen.

»Macht« ist offenbar etwas, was selbstverständlich zu allem Lebendigen gehört. Ja, man muss wohl nicht weitergehen: »Macht« hat alles, was wirklich ist. (Vgl. Blocher 1989)

Ich weiß nicht, ob ich über viel Macht verfüge. Aber ich weiß von der Gefährlichkeit der Macht – wie übrigens auch von der Gefährlichkeit des Lebens. Wie bei allem Guten lauert auch hinter der Macht der Missbrauch. Damit habe ich keine Mühe, hingegen ist Ohn-macht Unrecht.

Ich bin ein intuitiver Mensch und tue das, was mir richtig erscheint und frage stets besorgt nach der Macht – dem Ver-mögen, dies zu tun. Darum setze ich mich mit meinen Möglichkeiten dafür ein. Wenn Sie so wollen, mit meiner Macht. Fehlt mir die Macht, dann mache ich es nicht, und wenn ich keine Kraft und also keine Macht mehr habe, muss ich auch nichts mehr tun. So weit ist es jetzt noch nicht.

Sind Sie, was die Zukunft der Schweiz betrifft, eher zuversichtlich? Und was geben Sie heutigen Jugendlichen mit auf den Weg?

Ich bin für die Zukunft der Schweiz eher zuversichtlich. Die Schweiz wird in Bezug auf die Freiheit und auf die Wohlfahrt der Menschen dann eine gute Zukunft haben, wenn sie ihren Staatssäulen liberaler Rechtsstaat, direkte Demokratie, Erhaltung der Selbstbestimmung und der Neutralität treu bleibt. Trotz allen Irrwegen der leitenden Personen und zahlreicher Intellektueller in diesem Land scheint die breite Bevölkerung diesem Weg zunehmend wieder zu trauen und ihn zu gehen. Die Macht des Lebens setzt sich gegen alle Wirklichkeitsfremden durch. Diese Stärke der Schweiz ist den heutigen Jugendlichen auch mit auf den Weg zu geben, um ihnen zu zeigen, dass sie damit der Zukunft zuversichtlich entgegengehen können.

Eigene Annahmen

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte in der Schweiz ein politisch liberaler Kompromiss. Er harmonisierte den Widerspruch von Kapital und Arbeit. Der angestrebte soziale Ausgleich sollte den sozialen Zusammenhalt fördern, dem Arbeitsfrieden dienen und die Konzentration von Macht beschränken. Das Einkommen der Arbeitenden stieg, sie konnten nun mehr von den Produkten kaufen, die sie herstellten. Die Ökonomie expandierte, die Produktionsfortschritte wurden geteilt. Die Gewerkschaften setzten ohne große Mühe immer bessere Gesamtarbeitsverträge durch. Die Lohnerhöhungen überstiegen zuweilen sogar die Produktivitätsgewinne. Es gab also echte Umverteilungseffekte zur Arbeit hin. Breite Bevölkerungskreise konnten in dieser Zeit ihre materielle Lebenssituation verbessern. Der soziale Fahrstuhl fuhr für viele eine Etage nach oben. Die Beatles sangen: »It’s getting better all the times.« Und der Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning, der die christliche Soziallehre mitbegründete, betitelte seine Schrift mit Arbeit vor Kapital (1983). Seit Ende der 1980er-Jahre kommt indes ein anderes Verständnis stärker auf. Ein finanzgetriebener Wirtschaftsliberalismus verbreitet sich. Er nimmt rigoros an, der Markt bestimme den Wert der Arbeit. Dieses Credo überlagert hegemonial Konzepte einer »Rheinischen Marktwirtschaft«. So kommt eine neue Wirtschafts- und Marktgläubigkeit auf. Sie ist stark (angelsächsisch) neoliberal indoktriniert und legitimiert finanzgetriebene Machtballungen. Seither verstärken sich gegenläufige Tendenzen, die sozialen Errungenschaften und auch das politisch liberale Verständnis zurückzudämmen und eine Umverteilung von unten nach oben zu forcieren. Offener kommt damit auch die alte klassenkämpferische Absicht wieder zum Vorschein, die Macht der Gewerkschaften zu schwächen. Bei der englischen Premierministerin Margaret Thatcher galt sogar schon die »heilige Trilogie: Industrie deregulieren, Gewerkschaften zerschlagen, Finanzmärkte entfesseln«. Die Besitzenden gingen wie in den USA dazu über, die Produktionsgewinne mehr zu privatisieren und für sich allein zu behalten. Diese Veränderungen zeitigten fatale Folgen.

Erstens nimmt die strukturelle Erwerbslosigkeit zu. Wenn Maschinen und Computer manuelle Arbeit ersetzen, könnte das zwar eine Chance sein und uns mehr Zeit und Geld bescheren; zumal die Produktivität steigt. Es hapert aber mit der Verteilung. Und die erhöhte private Aneignung der Produktivitätsgewinne führt dazu, die Kaufkraft stagnieren zu lassen. Zweitens halten Teile der nominell steigenden Löhne mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt. Das führt (bei stagnierendem Medianwert) vor allem zu mehr erwerbstätigen Armen (Working Poor) und dazu, den Niedriglohnsektor auszuweiten. Drittens orientiert sich das (vornehmlich lohnfinanzierte) System der sozialen Sicherheit einseitig an der Erwerbsarbeit. Es ignoriert neue Lebenslagen. So geraten viele Alleinlebende, Alleinerziehende und Familien mit Kindern in Bedrängnis. Dies auch deshalb, weil die Schweiz laut Bundesamt für Sozialversicherungen (2014) seit dem Jahr 2004 trotz enorm steigendem gesellschaftlichem Reichtum zeitweise wieder weniger Anteile des Bruttoinlandproduktes für die soziale Sicherheit ausgibt. Viertens erhöht sich die soziale Kluft bei den privaten Vermögen. Und das politisch-demokratische Korrektiv ist nur beschränkt in der Lage, die soziale Polarisierung zu verhindern und wirtschaftliche Machtgefüge zu kontrollieren. Was steckt dahinter?

Ein wichtiger Faktor ist, so lautet die erste Annahme, der eigentlich erfreuliche Fall der Berliner Mauer (1989). Seither drängt das Kapital noch offensiver dorthin, wo es sich optimal vermehren lässt. Forcierte Deregulierung und Liberalisierung lassen die Finanzmärkte weiter expandieren. Zuvor dienten Finanzinstitute mehr der Realwirtschaft. Mittlerweile dominiert das finanzliberale Regime die Realwirtschaft. Was zählt, sind die rasche Verwertung des Geldes und hohe Profite. Dieser Trend ist zwar nicht neu. Er äußerte sich schon mit den rezessiven Einbrüchen der 1970er-Jahre, verschärfte sich aber mit dem Ende des Kalten Krieges und der Systemkonkurrenz.

Das finanzkapitalistische Verständnis verdrängt das politisch liberale. So lautet die zweite Annahme. Sie benennt einen Paradigmenwechsel. Er führt von der Rheinischen (sozialen) Marktwirtschaft zur angelsächsischen (neo-)liberalen Marktwirtschaft. Das finanzliberale Regime forciert die Kapitalakkumulation und rationalisiert die Produktion. Es flexibilisiert die Arbeitsbedingungen und die Löhne und erhöht die Gewinnmargen. Die Privatisierung öffentlicher Unternehmen entspricht dieser Logik. Sie beeinflusst ebenfalls die Politik. Und sie krempelt öffentlich-rechtliche Einrichtungen nach Markt- und Preismechanismen um. Das beschrieb uns auch die Wirtschaftsprofessorin Ève Chiapello aus Paris im Gespräch. (25.11.2014) Sie verfasste mit Luc Boltanski zusammen eine Studie über den neuen »Geist des Kapitalismus«. (2003) Das finanzgetriebene Regime ideologisiert die individuelle Freiheit und favorisiert eine Restrukturierung, die noch mehr Lasten auf jene abwälzt, die über keine Reserven verfügen.

Das finanzgetriebene Verständnis akzeptiert auch, so lautet unsere dritte Annahme, extreme Kapitalgewinne und legitimiert soziale Gegensätze sowie die einseitige Verteilung von Macht und Besitz.

Der finanzgetriebene und der real produzierende Kapitalismus lassen sich allerdings nicht mechanisch voneinander trennen, so die vierte Annahme. Sie bedingen sich gegenseitig. Aber machtmäßig verschob sich das Gewicht zugunsten des Finanzregimes. Und dies nicht nur bis zum Eklat der Wirtschafts- und Finanzkrise (2007/2008), sondern darüber hinaus – bis heute. Davon zeugt auch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Selbst bei lokalen oder nationalen Fragen der Sozialhilfe steht das Geld im Vordergrund. Und bei globalen ist das erst recht der Fall. Das zeigen die Debatten zu den multilateralen Abkommen über internationale Dienstleistungen (wie beim Trips). Da drängt das immer stärker konzentrierte Kapital politische Verbindlichkeiten zurück. Und dies aufgrund handfester Interessen.

Ich bat den Ökonomen Oliver Fahrni, die Annahmen kritisch zu kommentieren. Er wendet sich gegen das »Credo«, als wäre das Neoliberale gedankengetrieben oder das Resultat einer Analyse: »Der Neoliberalismus, jedenfalls in seiner Chicago-Variante und in der Von-Hayek-Variante, war eine klassenkämpferische Zweckideologie. Sie zielte nicht darauf, quasi wirtschaftstheoretisch den Wert der Arbeit dem Markt zu überlassen, sondern das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital umzustürzen und zu brechen.« Fahrni wendet sich auch dagegen, den Finanz- und Werkplatz dual auseinanderzuhalten: «Eine KMU und eine Bank haben zwar tatsächlich meist gegenläufige Interessen. Aber: Das Geld, das die Finanzmärkte treibt, stammt aus den Extraprofiten der realen Wirtschaft und aus den unterlassenen Investitionen.« Es sei also »entkapitalisiertes Kapital«. Dazu komme, aber erst in einem zweiten Schritt, das Geld aus der neuen Geldschöpfung (»Securization«, Hebelprodukte usw.). Die Akteure des Finanzkapitalismus und des produzierenden Kapitalismus seien oft dieselben. »Manche produzierende Konzerne verfügen über so viel Kapital, dass sie mehr Devisenhändler und Finanzmarkthändler beschäftigen als Banken. Nestlé, so sagte man, sei eine Bank mit angehängter Produktion.« Aber das ist wissenschaftlich nicht aufgearbeitet, und seit etwa fünf Jahren ist die Tendenz eher wieder rückläufig. Die Theorie der getrennten Sphären sei, so Fahrni, jedenfalls Mumpitz. »2007 war für eine kurze Zeit die Meinung recht verbreitet, die Finanzmärkte seien ein Nullsummenspiel, und ihre Krise würde nicht auf die reale Ökonomie durchschlagen. Das ist durch den Gang der Dinge gründlich widerlegt. Die Finanzmärkte haben als Grundlage fast immer eine reale Produktion.«

Deshalb reden wir auch von einer Finanz- und Wirtschaftskrise. Die beiden Bereiche sind – trotz unterschiedlichen Ausrichtungen und Wachstumsdynamiken – eng miteinander verknüpft. Sie haben zudem ein politisches und gesellschaftliches Pendant, das ihnen entspricht und sie stützt. Die heute viel kritisierten »Auswüchse« bei spekulativen Geschäften basieren auf verbreiteten ideologischen Annahmen, die bestehende Gefüge und Konstellationen der Macht stützen.

Wichtige Entscheide werden auch in »Grauzonen« gefällt: von Institutionen zwischen Staat und Privatwirtschaft, einer Art »vierten Gewalt«. (Vogl 2015) Diese Macht ist weder wirtschaftlich noch politisch klar zu verorten. Sie profitiert von mangelnden Kenntnissen und rechtlichen Grundlagen sowie von intransparenten Finanzmechanismen und Anpassungsleistungen von Medien und Hochschulen.

Finanzplatz Schweiz

»Vor fünf Jahren standen die Banken am Rande des Abgrunds«, stellte Daniel Weber im NZZ-Folio (3/2014: 5) fest. »Alle gelobten Besserung, passiert ist wenig.« Im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise kündigten Banken diverse Änderungen an. Die Redaktion des NZZ-Folio fragte, was wirklich geschah. Und stellte fest: wenig. Roland Rasi, der frühere Direktor des Schweizerischen Bankvereins, sandte mir den Folio-Artikel zu und schrieb dazu: »Wen wundert’s!« Nach seiner Einschätzung müssten die Banken »noch viel mehr über die Bücher gehen«. Wir skizzieren hier einzelne Entwicklungen und nehmen auch einen Auszug aus einem historischen Protokoll einer Sitzung der Bankiervereinigung auf.

Vertiefungen zum Finanzplatz Schweiz folgen im zweiten Teil dieses Buches. Peter Streckeisen setzt sich mit dem »Bankenstaat« auseinander ( Seite 347). Er geht erstens von der staatlichen Rettung der UBS und zweitens von der Bankenaufsicht aus, die Daten von Kunden den US-Behörden zur Verfügung stellte. Daran knüpft seine Frage an, ob und inwiefern Finma und Nationalbank eine »vierte Gewalt« im Staat sind. Gian Trepp nimmt den Faden auf. Aus seiner Sicht ist die Nationalbank an einem Scheideweg. Mehr Bankenstaat oder Deregulierung? Das ist hier die Frage.

Schweizer Banken verwalten über 2000 Milliarden Franken private Vermögen von Personen, die in der Schweiz wohnen. (Credit Suisse 2013; SNB 2014) Hinzu kommt ein noch höherer Betrag von Reichen aus aller Welt. Mit einem Marktanteil von 26 Prozent und einem verwalteten Vermögen von über 2200 Milliarden Dollar ist die Schweiz der größte Offshore-Finanzplatz der Welt. (Vermögensverwaltungsstudie Swissbanking 2013) Ein Offshore-Finanzplatz ist, einfach gesagt, so etwas wie eine Steueroase mit hoher Vertraulichkeit, aber wenig Aufsicht und Regulierung. Dabei erweist sich die politische Stabilität (trotz gegenläufiger Entstaatlichung) als zentral. Weitere Aspekte sind die Verschwiegenheit und die Bereitschaft, Steuerhinterziehung und Steuerbetrug zu schützen. Die Schweizer Banken verfügten bislang über 200 Milliarden Franken unversteuerte Privatvermögen aus dem Ausland. (PwC-Studie zu Private Banking in der Schweiz 2014)

Bei den Finanzgeschäften ist die kleine Schweiz ein Imperium. Die Schweiz hat im Jahre 2013 Direktinvestitionen von 32 Milliarden Franken getätigt und nimmt mit einem Bestand von 1073 Milliarden Franken an Direktinvestitionen weltweit den siebten Platz ein. Schweizer Investoren spielen auch auf dem internationalen Markt für Hedgefonds eine zentrale Rolle. Hedgefonds verfolgen eine spekulative Anlagestrategie. Sie gehen für hohe Gewinne hohe Risiken ein. Jeder siebte Franken, der in London oder New York in Hedgefonds fließt, kommt aus der reichen Schweiz. 32 Prozent des Kapitals der fünfzig weltweit größten Hedgefonds stammt von Hedgefonds, die in der Schweiz ansässig sind. (ZHAW-Studie zur Schweizer-Hedge-Fund-Industrie) Die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse dominieren den Sektor. Ihre Bilanzsumme übersteigt das schweizerische BIP immer noch um das Dreifache (BIP 2014: 648 Milliarden Franken; Bilanzsumme UBS: 1062 Milliarden Franken; CS: 922 Milliarden Franken; Seco 2015). Vor dem Jahr 2007 war die Diskrepanz noch viel größer. Machtmäßig bedeutend sind ebenfalls die hohen Marktanteile der größten Banken. So lautete denn auch die Begründung für die UBS-Rettung vom Oktober 2008. Ein Fall würde zu viele KMU in Mitleidenschaft ziehen.

Ob die Finanzwelt entscheidende Korrekturen einleitet, stellten mir gegenüber einzelne Vizedirektoren und weitere Kader von Schweizer Banken infrage. So etwa (am 28.2.2015) im Rahmen des Advanced Executive Program des »Swiss Finance Institute« (im Ausbildungszentrum der Credit Suisse). Mit der Kritik an spekulativen Geschäften und hohen Boni der großen Banken steige auch der Druck, den Umsatz im Kernbereich zu erhöhen. Damit verschärfe sich die Konkurrenz innerhalb der Branche. Das komme eher den Großbanken entgegen. Sie hätten mehr Möglichkeiten, mit Deregulation umzugehen. Dass alle das Eigenkapital ein wenig erhöhen müssen, weist indes auf Änderungen hin. Wie die Abschaffung des Bankgeheimnisses und die Einführung des automatischen Informationsaustausches. Das sind immerhin Schritte. Wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht! Und wie geht es weiter?

Der Soziologe Peter Streckeisen beobachtet, wie sich in der Schweiz das verschiebt, was traditionell »der Filz« hieß. Nämlich in Richtung des aus den USA als revolving doors bekannten Phänomens. Damit ist ein Drehtüreffekt gemeint. Wir haben es heute demnach weniger mit einer integrierten, über verschiedene Handlungsfelder (Politik, Wirtschaft, Armee) verflochtenen, nationalen Elite zu tun, als mit einer gewissen Entkoppelung zwischen den Managern der global tätigen Konzerne und den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, die primär auf der nationalen Bühne agieren. Revolving doors ist laut Peter Streckeisen kein unproblematisches Phänomen, aber es hat weniger den Aspekt des Stallgeruchs. Der häufig verwendete Begriff »verbandelt« assoziiert mehr den »alten Filz«. Der neue Verbund ist loser, aber sehr wirkungsvoll. Konzerne haben sich durch die dezentralisierten, vernetzten neuen Führungsstrukturen ein reiches Know-how antrainiert. »Sie herrschen durch Unordnung«, ergänzte Oliver Fahrni. (8.6.2015)

Stabilität und »Neutralität«

Die Schweiz ist ein zentraler Finanzplatz. »Politische, wirtschaftliche und mentale Rahmenbedingungen« führten laut Schweizer Bankiervereinigung (SBVg 2007: 4) dazu. Zudem die geografische Lage. Die Schweiz liegt im Zentrum Europas. Hier kreuzen sich wichtige Handelsstraßen. Hier entstanden schon im Mittelalter internationale Messen. Das Geld folgte den Waren. Hinzu kam der Mangel an natürlichen Rohstoffen. Er verlangte eine frühe internationale Ausrichtung. (Zollino 2013) Der Weg zu den Nummernkonti führte über die Söldnerei und Reisläuferei.

Die Basler Staatsbank verwaltete bereits im 16. Jahrhundert Anlagevermögen für französische Könige und einzelne Städte im näheren Umkreis. (A. a. O.) Der eigentliche Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz folgte allerdings später. Er setzte vor rund hundert Jahren ein. In den 1920er- und 30er-Jahren transferierten viele Europäerinnen und Europäer große Vermögen in die Schweiz. Sie fürchteten eine Entwertung der Währung. Im Vordergrund standen politische und wirtschaftliche Unsicherheiten. (Gütersloh/Hieber 2010: 4) Und der Schweizer Finanzplatz galt »als sicherer Hafen in Krisenzeiten«. Vor allem wegen der politischen Stabilität und der Neutralität der Schweiz. Die verschwiegenen Banken boten gerne Hand dazu, Geld am Fiskus vorbeizuführen.

Mit der wachsenden Bedeutung des Finanzplatzes Schweiz expandierten Schweizer Banken auch in die weite Welt. Sie eröffneten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr Niederlassungen und Tochtergesellschaften. Dazu trug laut SBVg (2007: 5) die »liberale Grundeinstellung in Gesellschafts- und Wirtschaftsfragen einer Mehrheit der Schweizer« bei. Stark ins Gewicht fielen wohl das Bankgeheimnis und die (Zurück-)Haltung der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Zudem deregulierten viele Länder ihre Devisenbestimmungen und den Kapitalverkehr. Seit Ende der 1980er-Jahre konzentrieren Finanzinstitute ihre Standorte und spezialisieren ihre Dienste. Trotz steigenden Gewinnen bauten sie viel Personal ab. Vier Großbanken schlossen sich in der Schweiz zu zwei Konzernen zusammen. Viele regionale Banken und Arbeitsplätze verschwanden.