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Ueli Mäder nimmt Abschied von seinem älteren Bruder Marco. Er tut dies mit einem Brief, der wie ein Zwiegespräch daherkommt. »Wie kamst Du dazu, Dich zu Tode zu saufen? Du warst so erfolgreich unterwegs. Bei mir hätte ich es ja noch verstanden.« Was führte zum Bruch? Der Versuch, zu verstehen, verknüpft persönliche und gesellschaftliche Veränderungen. Zehn Jahre nach dem Tod seines Bruders Marco schreibt Ueli Mäder dieses Buch und setzt sich mit den Fragen auseinander, die schon im ersten Schrecken über ein elendes Ende aufbrachen. Marco war nicht nur ein Nationalliga-Handballer, er war belesen, feinfühlig, unabhängig und ein hoffnungsvoll engagierter Mensch. Wie konnte dieses an Möglichkeiten so reiche Leben so destruktiv zu Ende gehen? Was war das für ein Leben? In welcher Zeit? Welche gesellschaftlichen Umstände, unter denen Marco häufig litt, prägten seinen Weg? Auf der Suche nach Antworten tauchen immer mehr Erinnerungen und neue Fragen auf. Sie beziehen sich auch darauf, wie sich Marco mit Abhängigkeiten, Erwartungen, Erfolg, Liebe, Leiden, Mangel, seinen Lektüren, wissenschaft¬lichen und politischen Debatten auseinandersetzte.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ueli Mäder
Ueli Mäder
Eine Annäherung
Rotpunktverlag
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
© 2024 Rotpunktverlag, Zürich
www.rotpunktverlag.ch
Umschlagbild: suze / photocase.de
Lektorat: Andreas Simmen
Korrektorat: Jürg Fischer
eISBN 978-3-03973-033-9
1. Auflage 2024
Leben
Frohes Fest – Marco erzählt
Weitergehen
Abschied nehmen
Spaziergänge
Loslassen
Autor
Lieber Marco,
Du verfehltest deinen 66. Geburtstag nur knapp. Wer hätte das gedacht. Du wurdest trotz ruinösem Lebenswandel ziemlich alt. Und starbst doch viel zu früh.
Hedwig Kiràly, deine letzte Freundin, fand dich am Sonntag, 14. April 2013, tot in deiner Wohnung. Sie wollte mit dir den sonnigen Frühlingstag genießen, mit dir durch die Wälder streifen, zur Sissacher Fluh wandern. Hand in Hand. Aber du kauertest nackt und schier eingefroren auf der Toilette. So entdeckte sie dich, bereits ziemlich steif und kalt; deine Ellenbogen in den gekrümmten Bauch gestemmt. Laut ärztlichem Befund bist du seit dem 13. April 2013 tot.
Dein entzündeter Magen und deine verkrebste Kehle plagten dich. Dein verzerrtes Gesicht zeugt davon. Zu später Stunde hörte dein chinesischer Nachbar erst noch, wie du stöhntest. Du nanntest ihn »Chinesli«. Und schriest nachts immer wieder auf. Deine körperlichen Schmerzen überdeckten dein seelisches Leiden.
Du liebtest die Natur und pflegtest einen manchmal feinen Humor, hadertest aber mit dem Weltgeschehen und verzagtest. Dein Abgang wirft Fragen auf. Ich blende zurück.
Geboren bist du in Burg im aargauischen Wynental, du bist das vierte Kind einer achtköpfigen Familie, besuchst die Grundschulen in Frauenfeld und Sissach, die Mittelschule in Liestal, verweigerst den Militärdienst, spielst in der Handball-Nationalliga, studierst Theologie in Basel, liest viel, philosophische, theologische, historische Werke und vieles mehr, lebst in einer Wohngemeinschaft, arbeitest im Sozialbereich, hast einen großen Freundeskreis, trinkst immer mehr Alkohol, ruinierst deine Gesundheit und kehrst zweiundvierzigjährig nach Sissach zurück. Hier kümmerst du dich um die betagte Mutter, streifst durch Wälder und Kneipen.
Du bist vielseitig begabt und weckst große Erwartungen. Dennoch ist aus dir kein ehrwürdiger Herr Bundesrat geworden, sondern eher ein origineller Dorfindianer.
Du bist mein älterer Bruder, warst mein Vorbild, standest mir lange am nächsten und bist mir heute noch sehr nah. Aber was hat sich bei dir, uns und im gesellschaftlichen Umfeld verändert? Das versuche ich mir zu vergegenwärtigen und zu verstehen.
Du bist ein erwünschtes Kind und kommst am Sonntag, 20. April 1947, in Burg zur Welt, zwei Wochen später als erwartet. Die Hebamme trennt die Nabelschnur, die deinen Hals umschlingt. Sie klopft dir aufs Gesäß und legt dich in Mutters offene Arme. »Mein Markli«, flüstert sie, die erschöpfte Mama, »unser Sonntagskind ist da«.
Markus Wilhelm lautet dein amtlicher Vorname. Wilhelm steht nur im Taufschein. Und aus Markus wird später Marco. Rägel Kern, deine langjährige Lebenspartnerin, nennt dich seit euren ersten gemeinsamen Ferien so. Ihr verbringt sie, knapp zwanzigjährig, in Vernazza. Dorthin zieht es euch immer wieder. Ihr liebt die Cinque Terre an der italienischen Riviera. Dein Rufname Marco setzt sich allmählich auch im Alltag durch. Die Eltern und ein paar alte Bekannte bleiben bei Markus.
Mutter Flora ist angelernte Verkäuferin und wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern in Beinwil am See auf. Ihr Vater betrieb im Keller des zweistöckigen Wohnhauses eine kleine Schreinerei, ihre Mutter im Parterre eine Schneiderei mit drei Lehrtöchtern.
Flora nahm nach der Volksschule eine Anstellung in einem Textilgeschäft an. Sie durfte keine Berufslehre machen und musste ihren Lohn den Eltern für Kost, Logis und für ihre spätere Aussteuer abgeben. 1912 geboren, erlebte sie noch den Ersten Weltkrieg. Und dann, siebzehnjährig, die Wirtschaftskrise.
In der Schweiz verlief die Krise glimpflicher als in andern Ländern. Neue Arbeitsplätze im Wohnungsbau und in der Rüstungsindustrie verminderten die Erwerbslosigkeit. Zudem schlossen Gewerkschaften mit Unternehmen und Verbänden mehrere Gesamtarbeitsverträge ab. Wie schon nach den Streiks am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Mit dir ist die Familie nun sechsköpfig. Ihr lebt in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Die Ersparnisse der Eltern betragen siebentausend Franken. Ihr gemeinsames Bankbüchlein ist auf Vater Samuel ausgestellt. Mutter Flora verwaltet es und bewahrt es im hölzernen Kassenschrank auf. Dieser steht neben dem selbstgezimmerten Ehebett und stammt ebenfalls aus der Werkstatt ihres Vaters. In der obersten Schublade befindet sich eine Pappschachtel, die mit violettem Samt ausgelegt ist. Flora bewahrt darin ihr silbernes Besteck auf, das sie von ihrer Gotte schon an der Konfirmation »für die spätere Vermählung« erhalten hat.
Du hast, wie alle Geschwister, ein eigenes, blechernes Sparschwein, kein rosarotes. Dein Götti schenkte es dir zur Geburt. Und einen Fünfliber dazu. Alle Jahre wieder: einen Fünfliber, bis zum 16. Geburtstag. Keine Sekunde länger und keinen Rappen mehr. Mit den Zinsen kamst du damals auf über hundert Franken. Und fühltest dich reich.
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Mutter Flora wuchs also am Hallwilersee auf. Bei einem Schulfest spielte sie, neunjährig, die Göttin der Jugend. Flora kannte ihren Text noch im 95. Lebensjahr auswendig. Zwölfjährig hütete sie werktags den Fabrikantensohn Helmut. Das Entgelt gab sie zu Hause ab. Ihre Mutter legte noch einen silbernen Fünfliber dazu und bezahlte damit einer gelernten Schneiderin den vollen Lohn.
Dreizehnjährig musste Flora ihre Anstellung als Babysitterin kündigen. Da kam ihre jüngere Schwester zur Welt. Flora kümmerte sich nun um die beiden Geschwister, den kleinen Bruder Richard und das drittgeborene Schwesterchen, putzte und kochte. Und um ordentlich haushalten zu können, musste sie sich mit der Volksschule begnügen. Trotz bestandener Prüfung für die Bezirksschule. Damit haderte sie lange. Ihr Bruder Richard durfte später eine kaufmännische Lehre machen und wurde ein reicher Geschäftsmann in Schweden. Du bewundertest ihn. Vor allem, weil er so lustig war und rassig Piano spielte.
Flora wollte eigentlich Lehrerin werden, durfte aber nur zwei Anlehren besuchen, die eine im Verkauf und die andere in einem Nähatelier. Danach arbeitete sie acht Jahre in einem Textilgeschäft im nahe gelegenen Reinach im Kanton Aargau. Abends verrichtete sie ihre »Ämtli« zu Hause mit Putzen, Vorkochen und Zuschneidern im Atelier ihrer Mutter. Über den Mittwochabend durfte Flora frei verfügen. Dann sang sie in einem Chor, spielte Gitarre und Klavier.
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Dein Vater Samuel, zuerst Pöstler und Briefträger, dann (gelernter) Metzger, kam 1914 ein paar Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur Welt. Er wuchs als sechstes Kind einer neunköpfigen Bauernfamilie ob Prehl bei Murten auf. Sein Vater, dein »Großätti«, ruinierte den stattlichen Hof. Er trank seinen Schnaps schon am frühen Morgen beim Melken der Kühe und abends im Wirtshaus. Den Branntwein löschte er mit reichlich Bier. Und die Geburt seines Sohnes Samuel meldete er zwei Tage zu spät an. Er blieb auf dem Weg zur Gemeindeverwaltung jeweils in der Gaststube stecken.
Die Brüder von Samuel hielten bald einmal mit gegorenen Kirschen und Trauben mit. Das sei gesund, meinte ein enger Freund, der, beruflich Polizist, keine vierzig Jahre alt wurde. Dein Großvater wurde immerhin neunzig. Ob er im Delirium starb, ist strittig; aber sicher mit einer Leberzirrhose.
Drei ältere Brüder arbeiteten als Metzger, Musiker und Wirt. Der eine sprach trotz Magenbeschwerden dem Rotwein bis ins hohe Alter zu. Hinzu kam der älteste im Bunde, ein angesehener und gestrenger Lehrer. Er gönnte sich ab und zu einen Schluck Kirsch. Samuel, der jüngste Bruder, ging bei ihm zur Schule. Zuerst stolz, dann widerwillig, da oft gemaßregelt. Als Nachzüglerin folgte noch, wie bei Flora, eine Schwester. Im vergilbten Familienalbum ist sie auf einem einzigen Foto abgelichtet. Eine vorher geborene Schwester fehlt. Sie lebte nur zwei Monate.
Samuel, auch Sämi genannt, ging früh eigene Wege. Er verrichtete seine Mitarbeit auf dem Hof gerne etwas abseits, besuchte wöchentlich die Jugendriege und lebte beim Kunstturnen auf. Später wechselte er zur Leichtathletik und spurtete recht flink über kurze Strecken. Das war seine Disziplin. Am späteren Abend holte er, der Mutter zuliebe, den betrunkenen Vater im Wirtshaus ab, der sich nun als Taglöhner verdingen musste, sofern er dazu kam.
Samuel konzentrierte sich nebst seiner Anlehre als Pöstler auf den Sport. Er wollte seine Kräfte auch im Schwingen messen und brach bei seinem ersten Wettkampf sein Wadenbein; einen Monat, bevor er sich als schnellster Regionalläufer behaupten wollte. Später wählte Samuel längere Distanzen, die mehr Ausdauer forderten.
Im Juni 1939 nahm ihn dann ein Kollege zu einer Heilsarmeeversammlung in Aarau mit. Dort lernte Samuel die sozial engagierte Flora kennen. Die beiden verliebten sich, wanderten am 1. August gemeinsam auf die Rigi und blieben dann – durch die Mobilmachung vom 2. September 1939 zunächst getrennt – zeitlebens zusammen.
Im April 1937 schloss Samuel schon, zehn Jahre vor deiner Geburt, seine Lehre als Metzger ab. Mit »sehr guten Berufskenntnissen« und einer 1,0 im Prüfungsausweis. Das erstaunt dich wohl. Du orientiertest dich intellektuell an der belesenen Mutter. Vater wirkte auf dich »schulisch weniger gefördert«. Nach der Volksschule erwarb er allerdings noch das Handelszertifikat am kantonalen »Collège St-Michel« in Fribourg. Das Zeugnis kam nach deinem Tod zum Vorschein. Es steckte in einem unbeachteten Dossier.
Vom Militärdienst an der Grenze abgesehen, blieb Vater Samuel bis Ende März 1941 als Metzger tätig; zuletzt in der Conservenfabrik Lenzburg. Er habe sich, schreibt der Meister im Arbeitszeugnis, »in allen Teilen als fleißiger, ehrlicher und aufrichtiger Berufsmann erwiesen«. Nebst dem Metzgen und Kochen im Militär wirkte er noch, wie Flora, vom Herbst 1939 bis Frühjahr 1941 bei der Heilsarmee mit, bei der er an freien Tagen die Kadettenschule in Bern besuchte. Danach traten beide aus.
Bei deiner Geburt ist dein Vater allerdings bereits (Hilfs-)Stationswärter in Menziken. Nach seiner Heirat mit Flora am 4. April 1941 arbeitet er bis 1951 bei der Bundesbahn. Er beginnt in Luzern als Betriebsarbeiter. Sein Lohn beträgt neun Franken und 22 Rappen pro Tag.
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Kaum bist du im April 1947 auf der Welt, weht auf dem ehemaligen Schloss in Burg eine Schweizer Fahne. So begrüßt die Gemeinde ihre Buben. Bei Mädchen hisst sie das Aargauer-Banner.
Vom Schloss aus regierten einst die Herren von Reinach im Dienste der Habsburger über das obere Wynental, bis die Eidgenossen bei der Schlacht von Sempach 1386 den Turm zerstörten und drei Jahre nach Arnold von Winkelrieds Heldentod den Aargau besetzten. Burg kam dann in Berner Obhut und 1798 über die Franzosen zur Helvetischen Republik. Im 19. Jahrhundert stieg das obere Wynental zum Zentrum der Schweizer Zigarrenindustrie auf. Das führende Unternehmen Burger und Söhne hat inzwischen seine Produktion nach Brissago verlagert, den Konzernsitz aber in Burg belassen.
Der Schriftsteller Hermann Burger war ein Nachfahre der Konzernfamilie, Burg sein Heimatort. Er schmauchte gerne Zigarren und schrieb über Randständige und die Endlichkeit. »Gegeben ist der Tod«, hielt er vor seinem frühen und selbst gewählten Abgang 1989 fest. »Bitte finden Sie die Ursache heraus.«
Bei deiner Geburt ist Hermann fünfjährig. Er wohnt, zwei- bis dreihundert Meter von dir entfernt, in einem »Herrschaftshaus« im angrenzenden Menziken und spielt oft zusammen mit deiner ältesten Schwester Elisabeth. Sie gehen auch miteinander in den Kindergarten. Im Krippenspiel sind sie Maria und Josef. Die gläubigen Elternpaare freuen sich. Hermann stammt aus einem Familienunternehmen, das im Caux Palace ob Montreux freikirchliche Aktivitäten unterstützte.
Nebst Elisabeth sind bei deiner Geburt zwei weitere Geschwister schon da, der vierjährige Walter und die zweijährige Ruth; Christa und ich folgen später. Scheinbar wie geplant, ebenfalls im Abstand von je zwei Jahren.
Du beginnst in einem handgeflochtenen Stubenwagen mit Holzrädchen zu strampeln. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Fünfzig Millionen Menschen starben. Und jetzt, was bewegt sich in deiner weiteren Umwelt? Ich weise auf ein paar Kontexte hin und vergegenwärtige mir dann deinen weiteren Werdegang im Zwiegespräch mit dir.
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Spannungen bestehen nach Kriegsende weiterhin im Nahen und Fernen Osten, auf der halben Welt. Sie treiben dein harmonisch wirkendes Umfeld um, in das du zufällig geraten bist. China steckt seit zwanzig Jahren in einem internen Krieg. Er dauert noch eine Weile. Indien erkämpft seine Unabhängigkeit. Mahatma Gandhi personifiziert die Befreiung. Du erzählst später viel von ihm in deiner Jugendgruppe und bilanzierst: »Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.«
Mahatma Gandhi wehrte sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Südafrika gegen die Diskriminierung nicht-weißer Menschen, die 1948 in der Errichtung des Apartheid-Regimes gipfelte. Er zählte stets zu deinen Idolen. Indiens heutige Regierung desavouiert ihn jedoch; für dich empörend, wärest du noch da. »Gandhi muss weg!«, titelt das »Zeit«-Dossier (vom 2.11.2023). »Er ist eine Ikone, weltweit bewundert für seine Idee des gewaltlosen Widerstands und seine religiöse Toleranz. Doch in Mahatma Gandhis Heimat Indien wollen viele Menschen davon nichts mehr hören«, heißt es weiter im Text. Dich würde aber auch irritieren, was Gandhi 1940 recht gefällig an Hitler schrieb: »Lieber Freund, wir halten Sie auch nicht für den Unmenschen, als den Ihre Gegner Sie darstellen. Wir sträuben uns nicht weniger gegen den britischen Imperialismus als gegen den Nazismus. Ein Fünftel der Menschheit wurde unter die britische Knute gebracht. Doch wir würden niemals die britische Herrschaft mit deutscher Hilfe beenden wollen. Wir haben in der Gewaltlosigkeit eine Kraft gefunden. Ich verbleibe als Ihr aufrichtiger Freund.« (Simon Sebag Montefiore, Geschichte schreiben, Stuttgart 2023)
Anders als in Asien setzten sich in Afrika die meisten antikolonialen Bewegungen erst ab Ende der 1950er Jahre durch. In Madagaskar lehnen sich in deinem Geburtsjahr eine Million Einheimische gegen die französische Kolonialmacht auf, die brutal reagiert und (potenziell) Aufständische massenweise hinrichtet. Im Sinne eines alten Verständnisses von »Selbstverteidigung«, das noch keineswegs passé ist.
In Europa läuft der Marshallplan an. Die USA unterstützen den Wiederaufbau. Die Tschechoslowakei nimmt die Hilfe zuerst gerne an, bis die Sowjetunion interveniert und auf eine kommunistische Einheitsregierung pocht. Osteuropa vereint sich »brüderlich«.
Der Kalte Krieg zwischen den sozialistischen und kapitalistischen Staatenblöcken dauert offiziell von 1947 bis 1989, dem Aufbrechen der Berliner Mauer. Das überwältigende Ereignis symbolisiert einen Paradigmenwechsel. Das (finanz-)kapitalistische System weitet sich aus.
Und Schriftsteller Hermann Burger, dein früherer Nachbarsbub, nimmt sich, wie erwähnt, just im Jahr des Mauerfalls mit 47 Jahren das Leben. Burger ist in einer begüterten Familie aufgewachsen. Und doch seid ihr teils ähnlich sozialisiert. »Religiös und leicht patriotisch inspiriert«, meintest du. Jedenfalls mit hohen (Ich-)Idealen ausgestattet. Aber das trifft auf viele Menschen zu. Auch säkulare Wirtschaftsliberale sind oft sehr (markt-)gläubig und autoritär, ohne es zu merken.
Du ziehst dich, ebenfalls 1989, ins ländliche Baselbiet nach Sissach zurück, wo du deine Jugend verbracht und an der Jungbürgerfeier den Schweizer Psalm gesungen hast.
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Philipp Etter heißt in deinem Geburtsjahr der Schweizer Landesvater. Er präsidiert 1947 den Bundesrat, dem er von 1934 bis 1959 angehört. Etter politisiert stramm rechtskonservativ. Nach Hitlers Machtübernahme plädiert er dafür, die liberale Demokratie in eine autoritäre umzuformen. 1940 hält Etter die Medien dazu an, sich zurückhaltender zum Nationalsozialismus zu äußern.
Nach dem Krieg warnt Bundesrat Etter vor dem Frauenstimmrecht, das die Schweizer Eigenart unterwandere. 1971 setzen sich die Frauen trotzdem durch. Und Etter stirbt sechs Jahre danach. Er ist im Familiengrab in seiner Heimat Menzingen beerdigt. Die Gemeinde liegt im Kanton Zug und ist nicht mit dem Aargauer Menziken zu verwechseln, das im Wynental an deinen Geburtsort grenzt.
Der Historiker Thomas Zaugg attestiert dem Bundesrat (Bundesrat Philipp Etter, 1891–1977, Basel 2020), im Alter etwas verständiger geworden zu sein. Du hättest den Wälzer im Nu gelesen und dem Autor vermutlich viele kritische Fragen gestellt. Etter unterstützte die Programme der neorechten Erneuerungsbewegung und behielt sein Bundesratsmandat, breit abgestützt, bis Ende der fünfziger Jahre.
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Eine andere Biografie hätte dich mehr interessiert. Sie erschien ein Jahr nach deinem Tod: Zwei Herren am Strand (München 2014). Michael Köhlmeier beschreibt darin die Freundschaft zwischen dem englischen Premierminister Winston Churchill und dem Schauspieler Charlie Chaplin.
Chaplin skizziertest du in Kneipen oft auf Bierdeckel und Zeitungen. Und zwar so, als ob er mit Stock und seitlich überschlagenen Beinen tanzen würde.
Chaplin und Churchill lernten sich am Rande einer Party in Hollywood kennen. Sie entzogen sich dem Small Talk und spazierten dem Strand entlang, beide psychisch verstimmt und suizidgefährdet.
Die Depression, der »schwarze Hund«, blieb fortan der dritte in ihrem Bund. Die beiden suchten sich immer wieder in Krisen auf. Das konnte auch, kurzfristig anberaumt, an Weihnachten oder Silvester sein; am Rande eines Familienfestes.
Chaplin ist für dich ein sensibler Komiker. Churchill verkörperte eher den Machtmenschen. Die konträren Charaktere entsprachen sich im Hang zum Melancholischen. Beide hielten den Freitod für eine freiheitliche Variante. Das half, eigene Krisen und sentimentale Koller zu mindern. Churchill stürzte öfters nach glänzenden Reden ab. Und Chaplin fiel meistens nach gelungenen Filmproduktionen in ein Loch. So fanden die beiden 1927 in Santa Monica zusammen und blieben Freunde, wie Michael Köhlmeier in seiner Biografie beschreibt. Du hättest sie gleich bestellt.
Der Natur wenig verbunden, spazierten Churchill und Chaplin meist spätabends los. Das Dunkel schützte beide. Es symbolisiert gemeinsame »troubles« (Probleme). Ohne Erfolgsgehabe, aber verklausuliert, delegierten sie ihre depressiven Neigungen an einen »schwarzen Hund«, den verbindenden dritten. Beide konnten auch Zweifel zulassen. Darin lag ihre Stärke.
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Der Neurologe David Owen, einst britischer Außenminister, geht in seiner Studie über Krankheit und Macht (London 2011) auf die Stärke ein, Zweifel zu äußern und ernst zu nehmen. Diese Arbeit beeindruckte dich. Du entdecktest sie »leider zu spät«, wie du sagtest, und erahntest vielleicht bereits deinen Abgang.
Owen deutet das Streben nach Macht als Zwang, sich über andere zu erheben und eigene Interessen egomanisch gegen Widerstreben durchzusetzen. Er expliziert das an Leuten aus der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft; zudem an sich selbst. Er sei, wie die meisten Männer in Führungspositionen, ebenfalls der Machtkrankheit erlegen. Sie wirke wie eine Droge und Sucht. Und wer vornehmlich Zunickende um sich schart, kommentiertest du, nimmt sich selbst umso mehr nach dem eigenen Wunschbild wahr.
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Du weilst 1947 nur kurz in deinem Geburtsort in Burg. 1948 zügelt die Familie ins nahe gelegene Beinwil am See, ins Elternhaus von Mutter Flora. Ihre Eltern räumen den zweiten Stock für euch. Vater Samuel hatte seine Arbeit am Fließband in der Lenzburger Konservenfabrik ja schon ein paar Jahre zuvor aufgegeben. Statt weiter Kühen ihre Innereien im Akkord herauszuschneiden, wechselte er zur Bundesbahn. Zuerst schrubbte er Waggons und Perrons in Luzern, dann in Menziken.
Als pflichtbewusster Bähnler und (Aushilfs-)Stationswärter ist Samuel nun in Beinwil am See auch dafür verantwortlich, die Barriere rauf- und runterzukurbeln. Die Schranke befindet sich mitten im Dorf; dort, wo die Hauptstraße die Gleise quert. Einmal kollidiert eine Draisine fast mit einem Lastwagen. Samuel ist abgelenkt. Er vergisst, die Barriere zu senken. Seine Gattin Flora ist mit mir schwanger. Der kärgliche Monatslohn reicht für ein sechstes Kind kaum aus. Ich komme 1951 trotzdem auf die Welt.
Fünfzig Jahre später schreibt mir Mutter Flora in einem achtseitigen Brief, wie sie schier verzweifelte, als sie neues Leben in sich spürte. Überfordert zog sie sich mit einem Hintergedanken in den Garten zurück, arbeitete besonders fleißig auf dem Kompost. Die erhoffte Wirkung blieb jedoch aus. Und drastischere Maßnahmen kamen für sie nicht infrage. Trotz Kenntnis giftiger Misteln, auf die anno dazumal etliche Frauen notgedrungen zurückgriffen.
Ich wunderte mich oft, lieber Marco, wie viele Hürden du scheinbar locker überhüpftest. Ich musste mich enorm anstrengen und eckte oft an. Zudem frage ich mich heute noch, woher meine Mühe rührt, mich in Gemeinschaften zugehörig zu fühlen. Aber andern Menschen, die ebenfalls »gut integriert« sind, geht es offenbar ähnlich. Und du zogst dich ja als Sonntagskind mit viel Anerkennung und Kontakten auch immer mehr zurück.
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1951 zügeln wir, die mittlerweile achtköpfige Familie, nach Frauenfeld. Vater Samuel gibt seine Bähnlermütze ab. Obwohl er keine soziale Ausbildung hat, wird er Alkoholfürsorger im (Most-)Kanton Thurgau. Samuel betreut dreihundert Fälle allein. Die dicht beschrifteten Karteikarten stecken in einer länglichen Kartonschachtel neben dem Telefon. Sein Einstiegslohn beträgt 650 Franken im Monat. Sein Vollzeiteinkommen liegt auch nach vier Jahren mit 740 Franken unter dem Existenzminimum.
Du fühlst dich trotzdem privilegiert. Du spielst viel draußen, gehst in den Wald, hilfst beim Holzen und freust dich auf gemeinsame Hörspielabende. Die Eltern sind abends oft abwesend. Mutter begleitet Vater zu Vorträgen. Elisabeth und Walter sind neun- und achtjährig. Sie hüten uns, ihre kleinen Geschwister.
Die Eltern organisieren auch jedes Jahr Sommerlager mit sechzig bis neunzig Kindern in Wildhaus und Zernez. Vater kocht für alle. Mutter Flora und Mitleiter »Onkel Köbi« übernehmen das Spielen und Wandern. Die älteren Buben und Mädchen helfen mit. Sie sind für kleine Schlafgruppen mitverantwortlich. Du gewährst mir in deinem Schwalbennest Unterschlupf. Bei dir fühle ich mich wohl.
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150 Jahre vor unserem Umzug nach Frauenfeld fand übrigens im Kanton Thurgau auch Schriftsteller Friedrich Hölderlin eine neue Bleibe. Er amtete in Hauptwil als Hauslehrer, wie der Historiker Stefan Keller in Spuren der Arbeit (Zürich 2020) beschreibt.
Eine einzige Familie verfügte damals in diesem Dorf über Arbeit, Wohnen und rechtliche Belange. Hölderlin nahm wahr, wie sich im frühindustriellen »Musterdorf« die »ärmere Klasse« von der Obrigkeit emanzipierte, dank der Französischen Revolution. Und die (Textil-)Manufaktur minderte die Abhängigkeit von der Landwirtschaft. Sie brachte aber auch neue Formen der Ausbeutung. Hunger kam auf. Hölderlin entdeckte in der Provinz eine kleine Weltgeschichte.
Du erkundest die Welt später im oberen Baselbiet. Und Hölderlins Gesammelte Briefe begleiten dich von der Mittelschule bis zum Lebensende. »Wir müssen große Forderungen an uns machen«, schreibt der Schriftsteller. Du hast den Satz mit Bleistift unterstrichen (in der frühen, undatierten Leipziger Ausgabe).
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Vater Samuel ist im Thurgau als Alkoholfürsorger für den ganzen Kanton zuständig. Seine Gattin Flora steht ihm bei den vielen Referaten und Schreibarbeiten ehrenamtlich zur Seite. Sie verfasst seine »Monatsberichte« (für Behörden, alle »Schützlinge«, Mitglieder des Blauen Kreuzes und Spendende), betreut sechs Kinder, bekocht Arbeits- und Ratsuchende und beherbergt ab und zu während mehreren Wochen gestrandete Alkoholabhängige.
Fast ein halbes Jahr weilt auch der hochbetagte Vater unseres Vaters bei uns. Wir drei Buben schlafen nun in einem Bett. Das ist etwas eng, aber irgendwie gemütlich. Einmal ersticke ich fast, weil Walter auf mir liegt, wie unsere Mutter rechtzeitig bemerkt.
Du, Marco, besuchst in Frauenfeld den Kindergarten und die Primarschule. An verschneiten Wintertagen saust du mit deinem eisernen Gitzi-Schlitten bis zur einbrechenden Dunkelheit die alte, vereiste Gerlikoner Straße hinunter. Einmal schlägst du beim brüsken Stoppen jäh auf. Dein rechtes Auge kollidiert mit einem verzierten Haltegriff und bleibt lange verletzt.
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1956 geht die Reise weiter ins Baselbiet. Hier arbeitet Vater Samuel wiederum als Alkoholfürsorger. Das Sekretariat befindet sich in dem Wohnhaus, das Flora und er seinem Vorgänger zu günstigen Bedingungen abkaufen konnten.
Das Bienenhaus im Garten dient zeitweise als Notschlafstelle für »Schutzbefohlene«. Vater Samuel nennt sie auch seine »Schützlinge«. Das klingt zwar etwas paternalistisch, ist aber gut gemeint. »Sämi« fühlt sich ihnen verbunden. Er trifft sie auch in Kneipen. Das Klima ist ihm vertraut. Wie dir, später.
Für Samuel war die Beiz früher ein Ort der Verführung und des Verprassens. Aus ihr musste er seinen Vater herausholen. Vor allem der Mutter zuliebe. Und mit der Erfahrung, dass sein Vater dann frustriert zu Hause nochmals eine Flasche Sprit ansetzte. In der Kneipe hätte vielleicht ein letzter Schlummerbecher genügt. Samuel traf seine »Schützlinge« jedenfalls gerne dort, wo sie sich wohlfühlten. Und für ihn gehörte die Kneipe zur Arbeiterkultur, der er sich als ehemaliger Metzger weiterhin verbunden fühlte. Er wollte sogar für die Sozis in die Politik, aber seine Vorgesetzten akzeptierten nur die christlich-soziale Evangelische Volkspartei.
Für dich wurde die Beiz ein lebendiger Ort des regen Austauschs, an dem du dich zunächst vorwiegend mit Handballkollegen trafst. Du kamst hier aber auch mit Leuten ganz unterschiedlicher Herkunft ins Gespräch. So erlebtest du die Kneipe als einen öffentlichen Raum, der für alle zugänglich ist und Menschen verbindet. Und du kanntest auch eine interessante Studie von Franz Dröge und Thomas Krämer-Badon über Die Kneipe (Frankfurt a. M. 1987), die dir Knastautor René Reinhard an deinem 40. Geburtstag in die Tasche steckte. Alkoholismus finde vornehmlich hinter verschlossenen Türen statt, gehäuft sogar in sogenannt oberen Schichten. In Kneipen spiele zwar eine gewisse Animation mit, aber die soziale Kontrolle sei stärker als in privaten Kreisen. So lautet der Befund, den übrigens die von mir befragte Psychoanalytikerin Claudine Aeschbach bezweifelt.
Daheim sei die Scham eher stärker. Zudem fänden in Beizen oft Alkoholabhängige an einem informellen Stammtisch zusammen, an dem sie sich eher gegenseitig darin bestärkten, die wirklich Normalen und kleinen Helden des Alltags zu sein. Auch seien die Beziehungen untereinander oft weniger sozial, als es den Anschein erwecke. Die Bereitschaft, sich gegenseitig kritisch zu spiegeln, sei minim. Und das sei ja in der Therapie ein wichtiges Moment.
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In Sissach besuchst du ab 1956 die Primarschule. Du findest, von Frauenfeld kommend, guten Anschluss: im Rechnen, Lesen, Schreiben und auch sozial. Deine körperliche Beweglichkeit hilft dir. Du bist bei den Ritterkämpfen auf dem Pausenhof bald ein beliebtes Rössli; standfest und geschickt. So findest du auch Anschluss zu den beiden Großfamilien Bachmann und Kamber, die sehr einfach leben. Letztere haben neunzehn Kinder. Mit Buben in der überwiegenden Mehrzahl. Fast alle spielen Fußball und Eishockey.
