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Macht Erfolg glücklich und beliebt - oder unzufrieden und einsam? Manche Menschen verzeichnen viele berufliche Erfolge und dennoch verspüren sie Unzufriedenheit. Andere Menschen sehnen sich nach großem Erfolg, haben jedoch das Gefühl, einem Phantom nachzujagen. Es existieren zahlreiche Ratgeber dazu, wie man möglichst schnell erfolgreich wird und das eigene Leistungspotenzial maximiert. Doch was bringen uns Erfolge? Machen sie uns glücklicher, bedeutsamer, beliebter oder umgekehrt unzufriedener und einsamer? Was sagt die Wissenschaft zu diesen Fragen? In diesem Buch geben Marina Schall und Astrid Schütz auf Basis wissenschaftlicher Befunde Antworten auf Fragen wie: • Warum streben Menschen überhaupt nach Erfolg? • Wie trägt Leistung und Erfolg zu Lebenszufriedenheit, Selbstwert und Beziehungen bei? • Wie gehen wir mit Erfolg um, wenn wir ihn haben? Die Autorinnen zeigen, was Leistung und Erfolg tatsächlich zur Lebensqualität beitragen können und was wir selbst tun können, um das Beste aus unseren Erfolgen zu machen.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marina Schall
Astrid Schütz
Macht Erfolg glücklich?
Wie Leistung belasten und zufrieden machen kann
Macht Erfolg glücklich?
Marina Schall, Astrid Schütz
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:
Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i. Br., Prof. Dr. Martina Zemp, Wien
Dr. Marina Schall
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Markusplatz 3
96047 Bamberg
Deutschland
E-Mail: [email protected]
Prof. Dr. Astrid Schütz
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie
Hauptsmoorstraße 37
96052 Bamberg
Deutschland
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Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Bearbeitung: Friederike Moldenhauer, Hamburg
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: iStock/Getty Images Plus/mushakesa
Umschlaggestaltung: Claude Borer, Riehen
Illustrationen (Innenteil): Marina Schall, Bamberg
Satz: Mediengestaltung Meike Cichos, Göttingen
Format: EPUB
1. Auflage 2020
© 2020 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95937-5)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75937-1)
ISBN 978-3-456-85937-8
http://doi.org/10.1024/85937-000
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Unser Dank gilt allen, die dieses Buchprojekt unterstützt haben. Wir danken Magdalena Höß, Mia Degro, Christine Szegedi, Yvonne Rau sowie Matthias und Thomas Schall für ihre Bereitschaft, die früheren Buchfassungen zu lesen und für viele hilfreiche Hinweise. Ein besonderer Dank gilt der Step-by-Step-Initiative der Frauenbeauftragten der Universität Bamberg für die finanzielle Unterstützung dieses Projekts.
Danksagung
Anlass für dieses Buch
Teil I Streben nach Erfolg
1 Was bedeutet „Erfolg“?
Die Rolle sozialer Vergleiche
Andere Vergleichsdimensionen
Großer Fisch – kleiner Teich
2 Warum brauchen Menschen Erfolge?
3 Wann hat das Streben nach Erfolg negative Folgen?
Teil II Erfolg und Lebenszufriedenheit
4 Geld macht nicht glücklich, oder doch?
Kann man Glück messen?
Allgemeine Lebenszufriedenheit
Glück und Wohlstand
Wie viel Geld braucht man für Glück?
5 Warum Geld weniger relevant ist als erwartet
Die Bedürfnishypothese
Das Gefühl der Verbundenheit mit anderen
Wie Geld Hilfsverhalten verändert
Geben wir unser Geld falsch aus?
Geld und Persönlichkeit
6 Der hedonistischen Tretmühle entkommen
Effekte von Gewöhnung und Kontrast
Hedonistische Adaptation
Wie Überfluss unsere Genussfähigkeit verringert
Positiver Verzicht
Das Prinzip „Achtsamkeit“
7 Warum Glück zu Erfolg führen kann
Was macht glückliche Menschen aus?
Die Macht der positiven Gefühle
8 Zwischenfazit
Teil III Erfolg und Selbstwert
9 Macht Erfolg selbstbewusst?
Das Hochstapler-Syndrom
Angst vor Erfolg
Erfolgsattributionen
Angst vor Misserfolg
Unterschätzen erfolgreiche Frauen ihr Leistungspotenzial?
10 Im Angst-Teufelskreis
Unter Erfolgsdruck
Ungesunder Perfektionismus
Selbstsabotage
11 Warum Fehltritte zum Erfolg gehören
Warum manche aus Fehlern lernen und andere weniger
Was nützen positive Selbstinstruktionen?
Der paradoxe Effekt der Gedankenunterdrückung
Das Festhalten an der negativen Sicht
Wie trotz Selbstzweifel von Erfolgen profitieren
12 Warum Selbstwert nicht von Erfolg abhängen muss
Erfolg als Quelle des Selbstwerts
Selbstannahme und Selbstakzeptanz
13 Zwischenfazit
Teil IV Erfolg und Beziehungen
14 Bewundert, aber nicht gemocht?
Im Glanz des Ruhms
Der Schatten von Erfolg
15 Verdirbt Erfolg den Charakter?
Macht Erfolg rücksichtslos?
Sind Narzissten erfolgreicher?
Die Macht der Selbstdarstellung und ihre Vergänglichkeit
Macht Erfolg sexy?
16 Erfolg und Überheblichkeit
Die „Hybris-Hypothese“
Die zwei Seiten von Stolz
Neid ist nicht gleich Neid
17 Umgang mit Neid
Sorgen um die Reaktionen anderer
Bescheidenheit als Tugend?
Risiken der Bescheidenheit
Rückschläge offenlegen
Kulturelle Unterschiede
18 Erfolg als Prüfstein von Beziehungen
Vergleiche in nahen Beziehungen
Vergleiche in Partnerschaften
Wenn Nähe heilsam ist
Warum es sich lohnt, Erfolge miteinander zu teilen
Die Fähigkeit, sich für die Erfolge anderer zu freuen
19 Zwischenfazit
Gesamtfazit und Schlusswort
Studie zum Umgang mit Erfolg
Fragebogen zur Selbstauswertung
Anhang
Literaturverzeichnis
Die Autorinnen
Sachwortverzeichnis
Im Jahr 2008 nahm ein kleiner Staat in Südasien namens Bhutan die Förderung und den Schutz des Bruttonationalglücks durch den Staat in die Grundprinzipien seiner Verfassung auf. Es umfasst psychisches Wohlbefinden, Gesundheit, Zeitnutzung, Bildung, kulturelle Vielfalt und Resilienz. Damit grenzte sich der Staat von vielen anderen ab, die sich zur Förderung des Bruttonationaleinkommens, also eines Indikators für die Leistungsaktivität und Produktivität eines Staates, verpflichten. Was bedeutet dies? Geht es in einer Gesellschaft, die sich an der Leistung orientiert, etwa nicht auch um Wohlbefinden? Sorgt nicht gerade Produktivität und Leistungsaktivität dazu, dass man Wohl erfährt und zufrieden ist?
Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie Leistung, Glück und Zufriedenheit zusammenhängen, findet man widersprüchliche Sichtweisen. Auf der einen Seite ermutigen Stimmen, ob im Internet, Büchern oder in Zeitschriften, dazu, die eigenen Fähigkeiten zu maximieren und das eigene Potenzial auszuschöpfen. Man liest über Menschen, die erzählen, wie sie es zum großen Erfolg geschafft haben und Mut machen, es selbst zu probieren. Schnell entsteht hier der Eindruck, dass hinter Leistung und Erfolg auch der Schlüssel zum persönlichen Glück liegen könnte. Auf der anderen Seite aber findet man viele Tipps und Anregungen, die erklären, wie man sich von Leistungs- und Erfolgsdruck befreit und zur inneren Ruhe findet, um herauszufinden, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind. Könnte man mit Leistung und Erfolg als persönliche Ziele doch auf dem falschen Weg zum Glück sein? Wiederum andere behaupten, es sei beides möglich: Erfolg und innere Ruhe, Karriere und persönliches Glück, sozusagen „ausgeglichen erfolgreich“. Diese |12|Stimmen geben zwar Hoffnung, können aber auch Druck erzeugen, dass beides ja auch gelingt.
Diese Widersprüche haben uns motiviert, dieses Buch zu schreiben und der Frage nachzugehen, in welchem Zusammenhang Erfolg und Glück stehen. Die Ergebnisse unserer Recherchen wissenschaftlicher Studien zum Thema haben wir in diesem Buch zusammengetragen. Auf dieser Basis stellen wir dar, welchen Beitrag Leistung und Erfolg zu wichtigen Lebenszielen wie Zufriedenheit, Selbstbewusstsein und Beziehungen leisten. Nach dem Eingangskapitel „Streben nach Erfolg“, das sich mit der Bedeutung von Erfolg beschäftigt, wird in den nachfolgenden Kapiteln der Zusammenhang von Erfolg und Zufriedenheit, Selbstwert und Beziehungen dargestellt. Ein Kapitel zum „Umgang mit Erfolg“ schließt das Buch ab. Hier finden Sie einen Fragebogen aus unserer aktuellen Studie inklusive einer Anleitung zur Selbstauswertung.
Bamberg, Sommer 2020
|15|„Es irrt der Mensch, solang’ er strebt.“
Wolfgang von Goethe
Fragt man zehn Personen, was „Erfolg“ für sie bedeutet, wird man wahrscheinlich zehn unterschiedliche Antworten bekommen. Für die eine Person bedeutet Erfolg, eine gute berufliche Position zu erreichen, für die andere, Kinder großzuziehen, gesund zu bleiben, glücklich zu sein oder die Welt zu bereisen. Offensichtlich wird Erfolg sehr verschieden definiert. Doch trotz dieser Unterschiede lässt sich auch ein gemeinsames Grundverständnis davon ausmachen, was es heißt, erfolgreich zu sein. Werden wir zum Beispiel gebeten, uns einen typisch erfolgreichen Menschen vorzustellen, haben wir schnell ein bestimmtes Bild einer Person vor Augen, das durch kulturelle und soziale Normen und Werte geprägt ist. In vielen Gesellschaften ist Erfolg mit beruflichem und finanziellem Status verknüpft. Finanzielle Aspekte, gesellschaftliches Ansehen, auch Macht spielen eine wichtige Rolle. Oft lesen oder hören wir beispielsweise von einer erfolgreichen Unternehmerin, einem erfolgreichen Autor, einer erfolgreichen Politikerin oder einem erfolgreichen Designer. Nur selten wird in den Medien von erfolgreichen Krankenpflegern oder Postbotinnen berichtet. In den folgenden Abschnitten wollen wir uns genauer damit befassen, was Erfolg heißt und warum Erfolg uns oft wichtig ist.
Im deutschen Sprachraum basiert der Begriff „Erfolg“ auf dem Verb „erfolgen“ im Sinne von „geschehen“. Erfolg beschreibt damit zunächst einen Ausgang oder ein Ergebnis. In der Regel handelt es sich um ein Ergebnis einer Handlung oder einer Aktivität. Es geht also darum, etwas erreicht zu haben, ein Ziel, und zwar durch das eigene Tun. Nehmen wir zum Beispiel eine Person, die eine Aufgabe zwar erfolgreich gelöst hat, dieses Ergebnis aber Resultat eines glücklichen Zufalls war. Dies würden wir wohl kaum als Erfolg bewerten. Damit wir von Erfolg sprechen können, ist Voraussetzung, dass ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin zum Ziel geführt haben (Baumeister, Leith, Muraven & Bratslavsky, 1998).
Das Ziel kann dabei kurzfristiger oder langfristiger Natur sein. Nehmen wir die Aussage „Sein Leben war ein Erfolg“. Das wird kaum bedeuten, dass der Betreffende immer alles richtig gemacht hat, sondern dass die Tendenz auf dem Weg zur Zielerreichung insgesamt positiv war. Denn Erfolg kann also sowohl einmalig sein als auch sich lange über die Zeit entwickeln. Im Falle einer beruflichen Karriere ist Erfolg in der Regel das Ergebnis eines langen Prozesses, bei dem auch Umwege und Fehler gemacht wurden (Judge & Hurst, 2008).
Wichtig ist allerdings, dass das Ziel für uns persönlich bedeutsam ist., denn wir wollen Erfolg nicht nur sehen, sondern auch fühlen. Stolz, Freude, Zufriedenheit sind typische Emotionen, die wir mit Erfolg verbinden (Carver & Scheier, 1990). Welches Ziel persönlich bedeutsam ist, ist dabei höchst individuell. Ob das Bestehen einer Prüfung, ein Tor beim Fußball, der gelungene Aufschlag beim Tennis, das Ersteigern eines Schnäppchens, ein gutes Geldgeschäft oder eine berufliche Beför|18|derung – für den einen ist das ein großer Erfolg, für den anderen weniger. Grundsätzlich gilt, dass vor allem solche Ziele persönlich wichtig sind, die wir frei wählen können und selbstbestimmt verfolgen (Kernis, 1995).
Natürlich können Ziele nicht nur frei gewählt, sondern auch von außen als wichtig vorgegeben werden (Deci & Ryan, 1993; Rheinberg, 2008). Soziale, kulturelle, familiäre Erwartungen spielen beispielsweise eine wichtige Rolle. Sie vermitteln uns ein gewisse Vorstellung davon, was es heißt, erfolgreich zu sein. So wird in den Leistungsgesellschaften Erfolg typischerweise über das Erreichen bestimmter akademischer, beruflicher oder finanzieller Ziele definiert. Solche mehr von außen vorgegeben Ziele können im Laufe der Zeit als eigene Ziele verinnerlicht und verfolgt werden (Kernis, 1995). Auch bei der Erreichung dieser, zunächst von außen vorgegebenen, Ziele wird man von Erfolg sprechen. Allerdings wird dieser Erfolg persönlich eventuell als weniger bedeutsam erlebt.
Definition
Erfolg beschreibt das Erreichen eines Ziels durch eigene Leistung. Das Ziel kann dabei kurzfristiger oder langfristiger Natur sein. Es ist idealerweise selbstgesteckt und damit persönlich relevant. Es kann auch kulturell und sozial normativ bestimmt sein.
Doch woran erkennen wir überhaupt, dass wir das Ziel erreicht haben? Wir könnten beispielsweise sagen, dass wir erfolgreich gewesen sind, weil wir in der Prüfung 10 von 10 maximal möglichen Punkten erreicht oder weil wir fünf von fünf T-Shirts verkauft haben. Hierbei vergleichen wir unsere Leistung mit einem objektiven Kriterium. Solche äußeren Kriterien oder Vergleichsstandards geben uns bei der Einschätzung des eigenen Handlungsergebnisses Orientierung. Allerdings sind gerade objektive Vergleichsmöglichkeiten im Alltag selten zu finden.
|19|Ein wichtiges Kriterium, um die eigene Leistung zu bewerten, liefert der Vergleich mit anderen. Derartige „soziale Vergleiche“ erfolgen über das Definieren von Rängen: „Ich bin schneller als Max. Ich bin langsamer als Doris. Ich habe in der Prüfung eine höhere Punktezahl als Felix.“ Soziale Vergleiche sind für die Entwicklung des eigenen Selbstbildes hoch relevant, der Mensch hat das natürliche Bestreben, etwas über sich selbst zu erfahren und sich zu verstehen. Vergleiche mit anderen liefern hier eine wichtige Quelle der Selbsterkenntnis. Dabei geht es oft nicht nur um die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und der eigenen Meinungen. Wir wollen uns in möglichst allen Aspekten unseres Lebens einschätzen, auch hinsichtlich unserer Eigenschaften, Gefühle oder Lebensformen. Wir wollen wissen: „Liege ich richtig? Sehen andere das ähnlich? Wo stehe ich im Vergleich zu anderen?“ (Festinger, 1954; Gibbons & Buunk, 1999; Mussweiler, 2003; Sedikides & Hepper, 2009).
In der Regel beurteilen wir unsere Leistung dann als erfolgreich, wenn wir eine andere Person, mit der wir uns vergleichen, übertroffen haben. Sind wir im Vergleich mit anderen überlegen, fühlen wir uns meist zufrieden, stolz und erleichtert (Buunk, Collins, Taylor, VanYperen & Dakof, 1990). Solche Vergleiche mit Unterlegenen ermöglichen eine positive Wahrnehmung der eigenen Person (Schütz, 2005). In diesem Fall spricht man von einem „Abwärtsvergleich“ (Wills, 1981). Vergleichen wir uns dagegen mit jemandem, der uns überlegen ist, handelt es sich um einen „Aufwärtsvergleich“. Folge solcher Aufwärtsvergleiche sind oftmals Gefühle wie Ärger und Neid (Gibbons & Buunk, 1999).
Oft sind wir uns der Tatsache nicht bewusst, dass wir uns gerade mit anderen vergleichen. Der Prozess erfolgt oftmals schnell und relativ automatisch (Gilbert, Giesler & Morris, 1995). Auch vergleichen wir uns nicht in allen Situationen gleich häufig. So gibt es Umstände, die den Wunsch nach Vergleichen fördern. Zum Beispiel vergleichen wir uns mit anderen besonders häufig in Situationen, die für uns neuartig sind. Frisch gebackene Eltern vergleichen sich beispielsweise häufiger als erfahrenere Eltern hinsichtlich ihrer Erziehungsmethoden und der Entwicklung ihrer Kinder. Auch in Zeiten von Veränderungen oder Stress nehmen wir häufiger soziale Vergleiche vor, um uns zu orientieren (Taylor, Buunk & Aspinwall, 1990). Schließlich sind auch individuelle Unterschiede zu beobachten. Manche Menschen tendieren mehr als andere dazu, sich zu |20|vergleichen (Gibbons & Buunk, 1999). Dies gilt zum Beispiel für Menschen, die hinsichtlich der eigenen Person unsicher sind größere Selbstzweifel haben (Wood, Giordano-Beech, Taylor, Michela & Gaus, 1994).
Definition
Beim sozialen Vergleich wird Erfolg (bzw. Misserfolg) in der Regel durch die eigene Position im Vergleich zu anderen definiert. Von einem Abwärtsvergleich spricht man, wenn man sich mit einer Person vergleicht, die einem selbst unterlegen ist. Aufwärtsvergleich kennzeichnet einen Vergleich mit einer überlegenen Person (Gibbons & Buunk, 1999; Wills, 1981).
Sozialer Vergleich
Um zu beurteilen, wie gut die eigenen Leistungen sind, vergleichen wir sie aber nicht nur mit der Leistung anderer Personen, sondern auch mit unseren eigenen vorausgehenden Leistungen. In diesem Fall legen nicht andere das Vergleichskriterium für uns fest, sondern wir selbst (Chiu, 2012). Man spricht dann von einem Vergleich „über die Zeit“ (|21|Wolff, Helm, Zimmermann, Nagy & Möller, 2018). Absolviert Doris zum Beispiel ihren ersten Marathonlauf mit 3 Stunden, wird sie beim nächsten Lauf 2:25 Stunden als einen neuen persönlichen Erfolg werten. Die Beurteilung von Erfolg hängt hier von der Beziehung zwischen der eigenen Leistung und der eigenen Leistungserwartung ab, die sich aufgrund eigener vergangener Leistung gebildet hat (Lewin, 1958). Liegt die aktuelle Leistung oberhalb des eigenen Erwartungsniveaus, werden wir mit höherer Wahrscheinlichkeit von Erfolg sprechen. Umgekehrt kann zum Beispiel die Schulnote 2 für ein Kind, das üblicherweise die Note 1 erhält, gar einen Misserfolg darstellen.
Wir können unsere Leistung in einem Bereich aber auch mit der in einem anderen Bereich vergleichen. Um das Schulnotenbeispiel aufzugreifen, können Schülerinnen und Schüler ihre Schulleistung in Mathematik mit ihrer Schulleistung in Englisch vergleichen, um zu einer Einschätzung ihrer Fähigkeiten und den eigenen Stärken zu gelangen. Dies wäre der Fall in einem „dimensionalen Vergleich“ (Möller & Köller, 2001; Möller & Marsh, 2013; Müller-Kalthoff, Helm & Möller, 2017).
Definition
Während soziale Vergleiche andere Personen als Vergleichswerte nutzen, verwenden Vergleiche über die Zeit Informationen über die eigenen vergangenen Leistungen als Referenz (Brown & Middendorf, 1996); dimensionale Vergleiche nutzen die Leistungen in anderen Bereichen (Greif, Möller & Scholl, 2016; Möller & Köller, 2001; Möller & Marsh, 2013).
Ob soziale Vergleiche, Vergleiche über die Zeit oder dimensionale Vergleiche – alle drei Prozesse helfen uns, unsere eigenen Leistungen zu beurteilen und diese in „mehr“ oder „weniger erfolgreich“ einzustufen. Dabei ist es unabhängig, welche Quellen wir dafür nutzen (d. h. andere Personen, eigene vergangene Leistung oder eigene Leistung in einem anderen Bereich): „Aufwärtsvergleiche“ mit besserer Leistung führen zu negativer Bewertung der eigenen aktuellen Leistung. „Abwärtsvergleiche“ mit schlechterer Leistung führen zu positiver Bewertung der eigenen aktuellen Leistung (Müller-Kalthoff et al., 2017; Wolff et al., 2018). Vergleicht |22|man die Relevanz dieser Informationen für die Beurteilung der eigenen Leistung, wird allerdings deutlich, dass Informationen, die wir aus Vergleichen mit anderen Personen ziehen, den stärksten Einfluss auf die Bewertungen unserer Fähigkeiten haben (Müller-Kalthoff et al., 2017). Wie wir im Vergleich zu anderen stehen, scheint uns besonders wichtig zu sein.
Interessanterweise können wir im Übrigen auch unterschiedliche Vergleiche gleichzeitig vornehmen. Wir können unsere Leistungen beispielsweise sowohl mit anderen Personen als auch über die Zeit vergleichen.
Beispiel
In einer Studienreihe (Reh, Tröster & Van Quaquebeke, 2018) wurde dieses Phänomen bei Angestellten einer Firma gezeigt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verglichen sich mit Kolleginnen und Kollegen hinsichtlich ihrer Karriereentwicklung. Dabei wurden nicht nur diejenigen als Konkurrenz betrachtet, die aktuell höhere Leistungen erzielten, sondern auch diejenigen, die seit ihrem Einstieg in der Firma besonders schnell aufgestiegen sind. Solche „Schnellaufsteiger“ waren beispielsweise Personen, die in Vergangenheit schneller und häufiger als andere Beförderungen oder außerplanmäßige Gehaltserhöhungen erhalten haben. Sie stellten zum aktuellen Zeitpunkt vielleicht noch keine unmittelbare „Bedrohung“ dar und ihre Leistungen waren aktuell nicht besser. Dennoch ging von ihnen eine zukünftige Bedrohung aus, da sie die betreffende Person später „überholen“ könnten. Es zeigte sich, dass diese Schnellaufsteiger von ihren Kolleginnen und Kollegen daher besonders intensiv beobachtet wurden. Auch gab es seitens des Kollegiums Impulse, Schnellaufsteiger in ihrer Entwicklung zu bremsen und ihnen Steine in den Weg zu legen.
Die obige Darstellung macht deutlich, dass Vergleiche eine wichtige Informationsquelle bilden, um zu einem Urteil über die eigene Leistung zu gelangen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass solche auf Vergleichen |23|basierenden Urteile nicht notwendigerweise fair oder korrekt ausfallen. Was wir als Erfolg bezeichnen, ist immer Ergebnis unserer Bewertung. Sie hängt wiederum davon ab, welche Informationen uns zur Verfügung stehen und welchen Standard wir als Vergleichsmaßstab nutzen. Man denke zum Beispiel an jemanden, der dazu neigt, sich stets mit Besseren zu vergleichen. Diese Person läuft Gefahr, ihre Leistungen immer negativ zu bewerten. Egal, wie viel sie leistet und wie sehr sie sich verbessert, durch den wiederkehrenden Aufwärtsvergleich mit anderen tut sie sich schwer, Situationen als Erfolg zu erleben (Maddux, 2009).
Beispiel
Stellen wir uns vor, Petra und Boris haben eine Aufgabe erfolgreich erledigt. Würden wir beide nur nach diesem Ergebnis messen, so würde man sagen, dass bezüglich dieser Aufgabe beide Erfolge verbucht hätten. Was man allerdings nicht weiß: Petra hatte auf dem Weg zu diesem Erfolg viele Hindernisse zu überwinden, Boris musste sich aufgrund günstigerer Umstände kaum anstrengen. Lassen sich also die beiden Leistungen überhaupt miteinander vergleichen? Vermutlich wird Petra in stärkerem Maße Stolz erleben als Boris, nachdem sie die Aufgabe gelöst hat, und dies als größeren Erfolg betrachten. Denn Leistungen sind umso bedeutsamer, je schwieriger es uns fällt, diese zu erbringen (Eidelman & Biernat, 2007). In diesen Situationen werden wir unseren Erfolg eher auf unsere besondere Anstrengung und Widerstandskraft zurückführen (Russell & McAuley, 1986; Tice, 1991). Oftmals sind aber gerade solche Hürden und Hindernisse für einen Erfolg für Außenstehende nicht offensichtlich bzw. ihnen nicht bekannt. Diese Informationen fließen entsprechend nicht in ihre Leistungsbeurteilungen ein. Man bewertet das Leistungsergebnis der anderen Person womöglich „verzerrt“ bzw. im falschen Licht.
Besonders eindrücklich zeigen sich vergleichsbedingte Unterschiede in der Bewertung der eigenen Leistungen im Schulkontext (Marsh, Trautwein, Lüdtke & Köller, 2008). In der Schule sind Noten quasi der Prototyp der Bewertung und Einordnung eigener Leistung in „besser“ und „schlechter“ bzw. „erfolgreich“ und „weniger erfolgreich“. Dies erfolgt |24|auf Basis des Vergleichs mit anderen. Schülerinnen und Schüler vergleichen ihre Fähigkeiten mit denen ihrer Klassenkameradinnen und -kameraden. Mehr oder weniger freiwillig sammeln sie Informationen über die Leistung anderer, zum Beispiel über den Klassenspiegel oder die Rückmeldung durch Lehrkräfte. Es ist schlichtweg schwierig bis unmöglich, solche Vergleiche im Schulkontext zu vermeiden (Marsh, Trautwein, Lüdtke, Köller & Baumert, 2005).
Dabei messen Schülerinnen und Schüler ihre Erfolge und Misserfolge danach, wie die anderen abschneiden. So zeigt sich, dass in Klassen, die leistungsstark sind, Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten grundsätzlich negativer bewerten. In leistungsschwachen Klassen beurteilen die Lernenden dieselben Fähigkeiten und Leistungen dagegen positiver (Keyserlingk, Becker, Jansen & Maaz, 2019; Marsh et al., 2015; Nagengast & Marsh, 2012). Mit anderen Worten: Das Leistungsniveau der Klassenkameradinnen und -kameraden beeinflusst das eigene Urteil über die persönlichen Fähigkeiten.
So wird zwar oft angenommen, es sei für die Lernenden förderlich, von fleißigen und intelligenten Menschen umgeben zu sein. Und tatsächlich zeigt sich einerseits, dass das durchschnittliche Leistungsniveau einer Klasse oder Schule die eigene Leistung verbessern kann (Hanushek, Kain, Markman & Rivkin, 2003). Aber umgeben zu sein von besonders leistungsstarken Personen wirkt sich auf der anderen Seite auch negativ auf die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Leistungen sowie das eigene Selbstbild aus (Stäbler, Dumont, Becker & Baumert, 2017). Menschen, die in einer leistungsschwachen Gruppe den ersten Platz belegen, sind mit sich und ihrer Leistung zufriedener, als Menschen, die mit derselben Leistung in einer leistungsstarken Gruppe den letzten Platz einnehmen (Alicke, Zell & Bloom, 2010).
Definition
Der Effekt des Leistungskontexts auf die Selbstbeurteilung wird als big-pond-little-fish effect bezeichnet (Marsh et al., 2008). Der Name verdeutlicht, dass sich der Fisch im großen Teich klein vorkommt und dass sich seine Selbstbewertung in einem kleinen Teich positiver |25|darstellen würde. Je nachdem, wer uns als Vergleich für die Bewertung unserer Fähigkeiten zur Verfügung steht, resultieren also unterschiedliche Urteile über die eigenen Leistungen (Becker & Neumann, 2018; Huguet et al., 2009).
Big-pond-little-fish
Wie dargestellt, wird insbesondere in Leistungsgesellschaften Erfolg mit beruflichen und finanziellen Errungenschaften gleichgesetzt. Es besteht die Erwartung, dass Menschen einer bezahlten Arbeit nachgehen oder sich anderweitig nutzbringend für die Gesellschaft betätigen. Tatsächlich ist für viele Menschen finanzieller und beruflicher Status ein zentrales Lebensziel. Eine Befragung, die in 48 Nationen mit insgesamt über 10 000 Teilnehmenden durchgeführt wurde (Oishi, Diener & Lucas, 2007) zeigte, dass materieller Wohlstand als der zweitwichtigste Faktor im Leben beurteilt wurde. Glück stand an erster Stelle. Die Bedeutung, der individuelle Leistung beigemessen wird, spiegelt sich auch in der großen Auswahl an Ratgeberliteratur zur Optimierung eigener Fähigkeiten. Training- und Coachingangebote sollen dabei helfen, die persönlichen Stärken zu erkennen und das eigene Potenzial auszuschöpfen und zu maximieren.
Allerdings sind gesellschaftliche Einflüsse und äußere Anreize nicht allein dafür verantwortlich, dass Menschen etwas leisten und sich entwickeln wollen. Leistungsmotivation stellt eine der grundlegenden Motivationen dar, die das Verhalten von Menschen in verschiedenen Situationen prägt (Elliot, 1999; Elliot & Thrash, 2002). Es wird davon ausgegangen, dass Menschen in der Regel an ihren Erfolg glauben und grundsätzlich bestrebt sind, Entwicklungsmöglichkeiten und Erfolgschancen zu ergreifen (Heckhausen, 1991). Eigene Fähigkeiten und Kompetenzen einzubringen und zu nutzen, wird in der Regel auch als befriedigend empfunden (Deci & Ryan, 1985, 1993), denn der Mensch will sich als kompetent und selbstbestimmt erleben. Als kompetent und selbstbestimmt erleben wir uns vor allem dann, wenn wir unsere Fähigkeiten |28|und Fertigkeiten so einsetzen können, dass wir die an uns gestellten Anforderungen gut bewältigen und das Gefühl von Kontrolle über die Situation haben (Maddux, 2009). Diese Aufgaben und Tätigkeiten empfinden wir als besonders interessant, erfüllend und angenehm (Deci & Ryan, 1985, 1993).
Definition
Wenn Anforderungen einer Aufgabe auf die eigenen Fähigkeiten abgestimmt sind, erleben wir einen angenehmen Zustand, bei dem wir das Gefühl haben, in der Aufgabe aufzugehen. Diesen Zustand bezeichnet man auch als Flow. Dabei stehen nicht das zu erreichende Ergebnis, sondern die Tätigkeit an sich und das Erleben der eigenen Person in dieser Tätigkeit im Vordergrund (Csikszentmihalyi, 1999; Csikszentmihalyi et al., 2018; Rheinberg, 2008).
Entsprechend zeigen Studien, dass finanzielle Anreize allein keine ausreichende Basis dafür sind, dass Menschen einer Tätigkeit motiviert nachgehen und Erfolge anstreben (Bang & Ross, 2009; Simonson, Vogel & Tesch-Römer, 2016). Menschen engagieren sich für verschiedene Ziele – selbst wenn sie dafür nicht finanziell oder materiell entlohnt werden (Kernis, 1995). Zum Beispiel berichten Menschen, die ehrenamtlich tätig sind und sich unentgeltlich für ein Ziel einsetzen, hohe Zufriedenheitswerte. Besonders zufrieden sind sie laut Umfragen dann, wenn sie ihre persönlichen Werte und Interessen durch die freiwillige Tätigkeit zum Ausdruck bringen können und das Gefühl haben, sich in ihren Kompetenzen weiterzuentwickeln (Bang & Ross, 2009).
Die Wissenschaftler Edward Deci und Richard Ryan gehen von drei zentralen menschlichen Bedürfnissen aus. Sie postulieren, dass unser Wohlbefinden in dem Maße wächst, in dem es uns gelingt, diese drei zentralen Bedürfnisse zu erfüllen: Bedürfnis nach Kompetenz bzw. Wirksamkeit, Bedürfnis nach Autonomie bzw. Selbstbestimmung und Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit bzw. Zugehörigkeit (Deci & Ryan, 1985). Einer beruflichen Aufgabe nachzugehen und sich in seinem Leistungsbereich erfolgreich weiterzuentwickeln, kann prinzipiell all |29|diese Basisbedürfnisse ansprechen. Menschen können Kompetenz und Autonomie erleben, indem sie eine Arbeit finden, die sie interessiert und die ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten selbstbestimmt zu nutzen und weiterzuentwickeln. Auch kann man sich durch die Tätigkeit anderen Menschen zugehörig fühlen. Denn einer Tätigkeit nachzugehen, bedeutet oft auch, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, zu entwickeln und zu pflegen. Viele Menschen suchen gezielt Aufgaben, in denen sie sich in Gemeinschaft mit anderen und im Austausch mit diesen erleben.
Bedürfnispyramide
Exkurs
Die Befriedigung unserer grundlegenden Bedürfnisse ist zentral für unser Wohlbefinden. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow (Maslow, 1958) entwickelte früh die Vorstellung einer „Bedürfnispyramide“. Unten in der Pyramide sind die grundlegenden „physiologischen“ Bedürfnisse (z. B. Schlaf, Nahrung) angelegt. Menschen sind bestrebt, diese Bedürfnisse als erstes zu erfüllen. Höher in der Pyramide sind „psychologische“ Bedürfnisse wie nach Sicherheit und sozialen Beziehungen angesiedelt. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, strebt das Individuum weiter nach „Selbstverwirklichung“.
|30|Jenseits der Bedürfnispyramide haben sich modernere Vorstellungen der menschlichen Grundbedürfnisse etabliert. Zum Beispiel postulieren die Psychologen Deci und Ryan (Deci & Ryan, 1985) drei zentrale Bedürfnisse, die wichtig sind, um sich im Leben wohl zu fühlen:
Bedürfnis nach Kompetenz,
Bedürfnis nach Autonomie und
Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit.
Andere Wissenschaftler ergänzen weitere Bedürfnisse wie das Bedürfnis nach Selbstakzeptanz und erlebter Sinnhaftigkeit (Ryff & Keyes, 1995).
Somit ist das Streben nach Erfolg und Leistung nicht nur gesellschaftlich relevant, wie die obigen Darstellungen zeigen, sondern kann auch eine wichtige Quelle sein, um eigene Fähigkeiten und Kompetenzen frei und selbstbestimmt auszuleben. Allerdings kann es auch hier ein „Zuviel“ geben.
Beispiel
Nehmen wir eine Person, die sich durch ihren Einsatz im Beruf und wiederholte Erfolge als kompetent und autonom erlebt. Durch ihre berufliche Leistung erfährt sie Zugehörigkeit und Anerkennung von anderen. Um diese positiven Erfahrungen aufrechtzuerhalten, beginnt sie, sich um weiteren Erfolg zu bemühen und hierfür all ihre Kraft einzusetzen (Crocker & Wolfe, 2001; Crocker et al., 2006). Sie setzt Leistung mit Zufriedenheit und Glück gleich und beginnt, sich zunehmend an äußeren Faktoren wie Status, Position und finanziellem Erfolg zu orientieren. Dabei entfernt sie sich mit der Zeit davon, was ihr ursprünglich wirklich wichtig war: Klavier spielen, ihre Freunde und Familie. Sie wird Angst entwickeln, Erfolg und Anerkennung zu verlieren und wird ihr Leistungsverhalten zunehmend als fremdgesteuert erleben (vgl. Kernis, 1995).
Studien zeigen, dass eine einseitige Ausrichtung des eigenen Lebens am finanziellen und materiellen Erfolg auch auf Kosten von bestimmten Bedürfnissen gehen kann, die für die eigene Lebenszufriedenheit wichtig sind. Dies kann dazu beitragen, dass sich Menschen tendenziell als unglücklich erleben. So wurde in einer Studie (Kasser & Ryan, 1993) unter|32|sucht, wie Menschen unterschiedliche Lebensbereiche gewichten. Darunter waren „finanzieller Erfolg“, „Beziehungen zur Familie und zu Freunden“, „Gemeinschaftsgefühl“ als das Streben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und „Selbstakzeptanz“ als Streben nach Wachstum und Autonomie. Die Ergebnisse der Studie zeigten: Menschen, die finanziellen Erfolg höher gewichteten als die anderen Bereiche, fühlten sich schlechter. Sie waren unzufriedener und berichteten verstärkt von Ängsten und Depressivität (Kasser & Ryan, 1993). Natürlich könnte man argumentieren, dass finanzielle Ziele andere Lebensziele nicht zwangsläufig ausschließen müssen, wie dies hier dargestellt ist. Prinzipiell lassen sich ja unterschiedliche Ziele gleichzeitig verfolgen. Im Alltag erweist sich das jedoch oftmals als schwierig, da Zeit eine begrenzte Ressource ist, deren Einsatz mit Entscheidungen einhergeht, die die Qualität unseres Lebens beeinflussen. Studien zeigen etwa, dass es vielen Berufstätigen schwerfällt, die Anforderungen des Berufs und der Familie zu vereinbaren (Lyness & Judiesch, 2008). Deshalb haben so viele Menschen das Gefühl, dass einer dieser beiden wichtigen Aspekte des Lebens immer zu kurz kommt.
Auf diese Art und Weise können Menschen, die sich einseitig auf Leistung, Erfolg und Anerkennung konzentrieren, ihre eigentlichen Bedürfnisse und deren Ursprung immer mehr vernachlässigen (Crocker & Wolfe, 2001; Crocker, Brook, Niiya & Villacorta, 2006; Deci & Ryan, 1985). Mögliche Folgen davon sind arbeitsbedingte Erschöpfungszustände (Burisch, 2010). Diese werden in der Öffentlichkeit oftmals unter den Schlagwörtern Burn-out oder Arbeitssucht diskutiert. Die Fachliteratur verweist auf eine Vielzahl an Faktoren, die zu arbeitsbedingten Problemen beitragen können, darunter starke Fokussierung auf Arbeit und der damit einhergehende Verlust von Freiräumen, sozialen Kontakten und Aktivitäten (Maslach & Leiter, 2008).
Definition
Sowohl Burn-out als auch Arbeitssucht sind Phänomene mit Krankheitswert. Das heißt, sie werden zwar nicht als eigenständige Krankheitsdiagnosen geführt, können aber zur Entwicklung vieler Erkran|33|kungen beitragen – sowohl psychischer Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen als auch körperlicher Erkrankungen wie Verdauungsstörungen oder Herz-Rhythmus-Störungen (Schaufeli, Leiter & Maslach, 2009).
Burn-out beschreibt einen emotionalen Zustand der Erschöpfung und des Mangels an Energie (Hillert, Koch & Lehr, 2018). Dem Phänomen geht oft eine Verausgabung von Kraft und Ressourcen voraus. Meist wird die Ursache in Charakteristika der modernen westlichen Arbeitswelt gesehen (z. B. der erlebten Arbeitsbeschleunigung, den ungünstigen Arbeitsbedingungen) und dem Gefühl geringer Kontrolle über diese Charakteristika (Hillert et al., 2018; Maslach & Leiter, 2008).
Arbeitssucht beschreibt ein pathologisches Arbeitsverhalten (Städele & Poppelreuter, 2009). Zu Beginn steht in der Regel ein hoher Anreiz der Tätigkeit. Es ist für die Person attraktiv zu arbeiten, auch viel zu arbeiten. Denn Erfolg erzeugt gute Gefühle und diese verstärken wiederum den eigenen Einsatz. Auch kann das exzessive Arbeiten einen Ausweg aus einer unliebsamen persönlichen Situation darstellen. Daraus entwickelt sich immer mehr der Drang zu arbeiten. Die Person verliert die Kontrolle über die Menge ihrer Arbeit und entwickelt Schwierigkeiten in der Freizeitgestaltung. Die Arbeit wird dann zum Mittelpunkt des Lebens. Der oder die Betroffene ist nicht mehr fähig, sich wirklich zu erholen und fühlt sich dauerhaft unruhig und angespannt (Städele & Poppelreuter, 2009).
