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Wer Macht besitzt, setzt alles daran, sie zu bewahren. Ohne Gefolgschaft aber gibt es keine Macht. Wie bringen Mächtige uns dazu, das zu tun, was sie wollen? Auch dann, wenn es gegen unsere Interessen geht und uns schadet? Mit Blick auf die Corona-Zeit, den Ukraine-Krieg und den Genozid in Gaza kann man viele Mechanismen erkennen, wie die Bevölkerung mittels Narrativen und Parolen beeinflusst wurde. Und psychologische Manipulation und Propaganda sind nach wie vor an der Tagesordnung. Schließlich gilt es, uns zur "Kriegstüchtigkeit" aufzurufen und weiteren Waffenlieferungen in Kriegsgebiete zuzustimmen. Das hat sich auch der Großteil der Medien in treuer Gefolgschaft zur Aufgabe gemacht. In diesem Buch dringen die Autoren tief in die Materie ein, denn das Phänomen Manipulation ist keineswegs neu. Die beiden Psychoanalytiker lassen zahlreiche Philosophen, Soziologen und Psychologen zu Wort kommen, die sich nicht nur mit Machtverhältnissen innerhalb eines Staates oder zwischen Staaten, sondern auch in zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigt haben. Ihre Erkenntnisse erweitern das Verständnis für das gegenwärtige politische Agieren, das eine "Neue Normalität" schaffen will.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wie mit politischer Psychologie und Propaganda unser Verhalten manipuliert wird
Almuth Bruder-Bezzel und Klaus-Jürgen Bruder
HINTERGRUND
DAS NACHRICHTENMAGAZIN
WISSEN KOMPAKT
In der Reihe WISSEN KOMPAKT bereits erschienen:
Matthias Rude: Die Grünen
Von der Protestpartei zum Kriegsakteur
Berlin, 2023, ISBN 978-3-910568-04-4 (Ebook)
Georg Auernheimer: Der Ukrainekonflikt
Wie Russlands Nachbarland zum Kriegsschauplatz wurde
Berlin, 2023, ISBN 978-3-910568-03-7 (Ebook)
Wolf Wetzel: Der Anti-Antifaschismus
Antifa, angebliche Nazis, rechtsoffener Staat und geheimdienstliche Neonazi-Verbrechen
Berlin, 2023, ISBN 978-3-910568-06-8 (Ebook)
Michael Meyen: Cancel Culture
Wie Propaganda und Zensur Demokratie und Gesellschaft zerstören
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-08-2 (Ebook)
Stefan Kreutzberger: Nachhaltigkeitsschwindel
Wie sich mit »Klimaschutz« viel Geld verdienen lässt
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-10-5 (Ebook)
Patrik Baab: Propaganda-Presse
Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-12-9 (Ebook)
Michael Meyen: Der Dressierte Nachwuchs
Was ist mit der Jugend los?
Berlin, 2024, ISBN 978-3-910568-14-3 (Ebook)
Karin Leukefeld: Krieg in Nahost
Geopolitik, Verwüstung, Widerstand und Aufbruch einer Region
Berlin, 2025, ISBN 978-3-910568-16-7 (Ebook)
Werner Rügemer: BlackRock Germany
Die heimliche Weltmacht, ihre Praktiken in Deutschland und Friedrich Merz
Berlin, 2025, ISBN 978-3-910568-18-1 (Ebook)
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ISBN 978-3-910568-20-4
© Hintergrund GmbH, Berlin, 2025
1. Auflage, 2025
www.hintergrund.de
Lektorat: Susanne George
Covergestaltung: Buchgut, Berlin unter Verwendung von Fotos von AdobeStock
PrologRückkehr der Macht in die Regelung der zwischenmenschlichen Verhältnisse
1. Macht und Herrschaftsverhältnisse
2. Staat und Kapital – Staatsapparate – Demokratie
3. Abhängigkeit der Mächtigen
4. Heimlichkeit, Verschwiegenheit, Lügen
5. Stützen der Gesellschaft: Der Intellektuelle und die Macht
6. Psychologie der Mächtigen: Lust an der Macht – Macht und sexuelle Lust
7. Fiktion von Autonomie – Verleugnung der Abhängigkeit von den Mächtigen
8. Macht und Manipulation
EpilogVom Schwinden der Demokratie und dem Beginn der Restauration
Literatur
Rückkehr der Macht in die Regelung der zwischenmenschlichen Verhältnisse
Alles macht den Eindruck, als sei die Macht – nach einer Zeit des zumindest scheinbaren Rückzugs, ihrer sogenannten »Liberalisierung« (in den Jahren nach 1968) – endgültig zurückgekehrt in die Regelung der zwischenmenschlichen Verhältnisse.
Die Macht ist zurückgekehrt in ihre verwaisten Gefechtsstände, hat die Zügel wieder angezogen, verlorenes Terrain zurückerobert. Sie hat sich breitgemacht, ist in alle Bereiche der Gesellschaft, des Alltags wieder eingedrungen, forsch auftretend, anmaßend, als wären wir bereits im Krieg – auf den wir doch erst vorbereitet werden müssen. Und so fühlt sich diese Vorbereitung bereits wie Krieg an. Und es fühlt sich nicht nur so an, es ist Krieg – gegen die Bevölkerung.
Auch die lange Vorbereitung ist bereits ein Krieg, im Wesentlichen zunächst propagandistischer Art, wie er in der Corona-Pandemie-Inszenierung eingeübt worden war. Aber es gibt auch den schon länger andauernden ökonomischen Krieg mit der neoliberalen »Deregulierung« der zuvor gültigen sozialen und arbeitsrechtlichen Errungenschaften. Dessen Folgen: Intensivierung der Arbeit, Sinken der Löhne, Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der Infrastruktur, Prekarisierung des Lebens, Unsicherheit, Individualisierung.
Dieser Krieg gegen die Bevölkerung bedeutet zugleich eine Schwächung der »Zivilgesellschaft« – gegenüber der gestärkten Macht. Es ist die dreiste Missachtung der Zivilgesellschaft durch die »politische Klasse«, wie die Inhaber der Macht in Regierung, Parlament und den anderen Organen der staatlichen und quasi-staatlichen Gewalt sowie mitunter auch die Medien sich bezeichnen.
Die Macht entzieht sich der Kontrolle durch die Bürger. Sie emanzipiert sich von der Zivilgesellschaft. Ein Beispiel: 2011 holte ein langjähriger Redakteur der FAZ, Georg Paul Hefty, in seiner »Laudatio« vom 19. Februar 2011 für den Kriegsminister Theodor zu Guttenberg den berüchtigten Satz von Carl Schmitt, dem staatsrechtstheoretischen Wegbereiter des Faschismus, aus der Versenkung: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet«, um dann seiner Bewunderung für den Staatsmann freien Lauf zu lassen: »Wie man ihn [diesen Satz, diese Regel] in der gewöhnlichen Politik anwendet, das beherrscht der CSU-Politiker zu Guttenberg zurzeit wie kein Zweiter in der Bundesrepublik Deutschland.«1
Diese Stärkung der Macht – auf Kosten der »Zivilgesellschaft« – bedeutet nicht nur, dass die Macht immer rücksichtsloser ihre Politik gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzt, die dieser Politik in Meinungsumfragen immer wieder mit überwältigender Mehrheit ihre Absage erteilt hatte: vom Krieg in Afghanistan angefangen bis hin zum Krieg gegen Russland.
Sie bedeutet auch, dass die Bevölkerung die Folgen dieser Politik tragen muss – die Umgangsweisen werden immer rüder, die soziale Kälte nimmt zu – und dass diejenigen, die dabei überfordert sind, krank werden. Die Zunahme »psychischer Krankheiten« wird regelmäßig dokumentiert.2
Psychische Krankheiten – statt Rebellion? Stéphane Hessels 2010 erschienene Streitschrift »Empört Euch!«, das »Manifest der empörten Ökonomen«3(2011) von unter anderem Philippe Askenazy, die unverzichtbaren Bücher des großen Jean Ziegler – sie waren Aufschreie, die erstickt sind.
Die Ansprüche der Macht auf Kontrolle und Besitzergreifung scheinen unersättlich. Die Belastung der Bevölkerung wird mit jeder neuen Stufe des Krieges gesteigert. Die Macht scheint unbezwingbar.
Die Stärke der Macht liegt in ihrem Diskurs. Daraus ist auch die Schwäche der Bevölkerung verstehbar. Der Diskurs der Macht hat die Bevölkerung eingefangen. Sie hängt an ihm, an seinen kleinen Wanzen, den Smartphones wie an einer Nabelschnur. Sie will teilnehmen, dabei sein, mitkriegen, was in der Welt passiert – ohne eingreifen zu können oder auch nur zu wollen, nur dabei sein, nichts versäumen, die Sirenengesänge der »kannibalistischen Weltordnung« (Ziegler 2015; s. a. Bruder 2020).
Die Schwäche der Bevölkerung ist die Stärke der Macht. Die Bevölkerung will daran teilhaben, statt einen Gegendiskurs zu entwickeln. Der Verrat der Intellektuellen, der Linken im Besonderen, hat sie dieser Waffe beraubt.
1 Georg Paul Hefty, »Im Ausnahmezustand« (Kommentar), in: FAZ, 19. Februar 2011, https://www.faz.net/aktuell/politik/die-guttenberg-affaere/verteidigungsminister-zu-guttenberg-im-ausnahmezustand-1589478.html
2 Zum Beispiel auf der Internetseite www.sozialpolitik-aktuell.de
3Manifest der entsetzten Ökonomen, die im Gefolge der sogenannten Subprime-Krise entsetzt feststellen, dass sich weder an den Diskursen zur Unterstützung des Wirtschaftsliberalismus noch an der Wirtschaftspolitik, die zu dieser Krise geführt hat, etwas geändert hat.
Wenn ich jemanden dazu bringe, meine Meinung zu übernehmen, sein Denken und Verhalten zu ändern, dann habe ich Macht. Von dieser gängigen Machtdefinition, die von dem Soziologen Max Weber stammt, können wir im ersten Schritt ausgehen. Bei Weber heißt es wörtlich: »Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.« (1922, S. 28)
Unser Verhalten, unsere Gedanken, Meinungen, Bedürfnisse sollen so sein wie die der Herren beziehungsweise wie sie wollen, dass wir wollen sollen. Dass sie diesen Willen durchsetzen können, ist Ausdruck ihrer Macht. Die Macht der Herrschenden, also Herrschaft, definierte Max Weber als »Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden« (ebd., S. 38).
»Herrschaft« engt also die Machtausübung auf das Verhältnis von Befehl und Gehorsam ein – als institutionalisierte Form der Über- und Unterordnung –, während nicht jede Machtausübung an dieses Verhältnis gebunden ist.
»Herrschaft ist der konkrete Ausdruck der ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Struktur einer spezifischen Gesellschaftsformation.« (Bernhard 2021, S. 78) Allerdings setze »Herrschaft« – im Gegensatz zur »Macht« – »Legitimität« voraus. Diese müsse erst durch die Akzeptanz der Herrschenden durch die Beherrschten sichergestellt werden (»Legitimitätsglauben«). »Herrschaftssicherung bedarf des Einverständnisses der Unterworfenen – auch wenn der Staat auf dem staatlichen Gewaltmonopol beruht.« (ebd., S. 78) »Herrschaft muss stets aufs Neue durch Konsens sichergestellt werden.« (ebd., S. 219) Dieser Konsens wiederum kann durch die Macht selbst hergestellt werden. »Zuckerbrot und Peitsche« (Bruder 2020). Wer die Macht hat, kann auch die Köpfe beherrschen, und zwar durch eine einzige, offizielle Meinung. Armin Bernhard spricht von den »inneren Besatzungsmächten« als »Komplement« der Herrschaft in den Individuen (ebd., S. 78).
Für Karl Marx war klar, dass in der (kapitalistischen) Klassengesellschaft »die Gedanken der herrschenden Klasse […] die herrschenden Gedanken« sind. Und weiter: Das heißt, dass »die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, […] zugleich ihre herrschende geistige Macht ist. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.« (Marx & Engels 1846, S. 46) Dadurch haben die Herrschenden Macht, können sie Macht behalten, dirigieren, kontrollieren.
Bei der Lektüre des Marx-Textes fällt auf, dass die Formulierung lautet: »die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist« (!). Marx spricht hier nicht davon, dass jemand Macht hat. Allerdings: Dieser Jemand, der die Macht ist, ist bei Marx eine Klasse. Diese Klasse, die Bourgeoisie, ist die Macht, der Inbegriff von Macht, sie muss sie nicht erst erwerben. Es sind also die Verhältnisse, die eine Klasse zur herrschenden machen. Das Machtsein ist an die Verhältnisse gebunden, Produkt der Verhältnisse.
Müssen wir da nicht sagen: Wir haben es bei Marx mit einem anderen Macht-Begriff als bei Weber zu tun? Vielleicht lässt sich der Unterschied mit den Begriffen »Macht als soziale Beziehung« bei Weber gegenüber »Macht als gesellschaftliches Verhältnis« bei Marx ausdrücken.
Macht als soziale Beziehung – die wir bei Weber annehmen dürfen – gibt es in allen Bereichen des Lebens, auf niederer oder höherer Ebene, auf persönlichen, privaten, institutionellen, politischen, ökonomischen Ebenen. Zumindest auf dem niedrigsten Niveau von Macht wird man sagen können, dass nahezu alle Menschen in ihren jeweiligen Rollen zumindest vorübergehend auch über Macht verfügen und Macht erleben. Macht kann durchaus in einer Beziehung von im Prinzip gleichen oder auch voneinander abhängigen Partnern ausgeübt werden, ja sogar aus der unterlegenen Position in einer ungleichen Beziehung, wie das Kind gegenüber der Mutter, der Lehrer gegenüber der Schule, der Angestellte gegenüber dem Vorgesetzten.
Im weitesten Sinn handelt es sich dabei um delegierte Macht, delegiert von den Herrschenden im großen Ganzen. So bei der Macht im Verhältnis von Arzt–Patient, Lehrer–Schüler, Kellner–Gast, Chef–Angestellter, Schaffner–Fahrgast, ja auch Vater–Sohn und Sohn–Vater etc. Es gibt allerdings beträchtliche Unterschiede, wie weit die Macht reicht, wie groß ihr Einfluss und ihre Wirkungsmöglichkeit ist, es gibt die große und die kleine Macht, große und kleine Fürsten und Despoten. Diese Unterschiede sollte man nicht negieren oder geringschätzen, auch die »grundlegende Interdependenz von Herrschaft und Knechtschaft […]. Sie sind untrennbar miteinander verbunden und aufeinander wechselseitig verwiesen.« (Bernhard 2021, S. 48)
Macht ist also zunächst Ausdruck einer sozialen Beziehung, ist relational, in der sich zudem die Beteiligten, Herr und Knecht, gegenseitig in diesen Rollen bestätigen. So heißt es bei Karl Marx, im Nachgang von Hegels dialektischem Verhältnis von Herr und Knecht: ein »Mensch ist nur König, weil sich andere Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist« (1867, S.72) – das Legitimationsprinzip der Herrschaft.
Macht gründet auf zumindest vorübergehender oder bereichsweiser Ungleichheit und verfestigt und legitimiert Ungleichheit. Da, wo es Macht gibt, gibt es auch Ohnmacht und Unterworfene, Macht ist auf Ohnmächtige – zumindest zeitweise – angewiesen.
Das Verständnis von Macht muss aber über die engeren sozialen Beziehungen hinaus auf verschiedene Arten und Ebenen von Macht und Herrschaft bezogen werden. Macht zeigt sich und wirkt sich aus in gesellschaftlichen, politischen Zusammenhängen und Strukturen, in erster Reihe die ökonomische Macht, die Macht des Kapitals. Allerdings tritt auch hier die Macht des Staates oder des Kapitals personalisiert auf, als Kapitalisten, als Politiker usw. Personalisiert wird uns die Macht auch – mit »Pappkameraden« – öffentlich präsentiert, womit die eigentlichen Machtstrukturen und Interessen versteckt werden. Sie wird auf viele Einzelpersonen oder Einzelinstitutionen delegiert, sodass tatsächlich unendlich viele institutionelle, strukturelle und ganz persönliche Machtbeziehungen existieren, als Delegation der Herrschenden.
Macht erscheint als politische Macht auf verschiedenen hierarchischen Ebenen, national, kommunal, global, und in unterschiedlichen Herrschaftsformen, seien es Sklavenhalter- oder Klassengesellschaften, Demokratien oder Diktaturen. Im großen gesellschaftlichen Gefüge geht die Macht selbstverständlich von der herrschenden Klasse, von den Eliten, aus.
Macht will sich durchsetzen und muss damit das Gegenüber gefügig, abhängig halten. Die Wenigen herrschen über die Vielen. Dagegen kann sich »Gegenmacht« entwickeln und erheben: Das Kräfteverhältnis ist im Fluss. Herrschaft bedarf der Zustimmung und Anerkennung, ohne diese kann sie sich nicht halten. Der weniger Mächtige muss den Willen des Mächtigeren erfüllen, darauf kommt es an, gleichgültig, ob er ihn sich zu eigen macht oder nicht. Der weniger Mächtige hat aber zuweilen die Möglichkeit, auch nur so zu tun, als ob er den Willen des Mächtigen erfüllt.
Auch der berühmte französische Philosoph Michel Foucault definiert Macht als eine »Weise des Einwirkens«, die wirke, indem sie »anstachelt, eingibt, ablenkt, verhindert, erleichtert oder erschwert, erweitert oder begrenzt, mehr oder weniger wahrscheinlich macht; und nur im Grenzfall nötigt oder verhindert sie vollständig; aber stets handelt es sich um eine Weise des Einwirkens auf ein oder mehrere handelnde Subjekte, und dies sofern sie handeln oder zum Handeln fähig sind.« (1982, S. 255)
Aber im Unterschied zu Marx und Weber erscheint diese Macht merkwürdig »subjektlos«. Sie müsse als etwas analysiert werden, das »zirkuliert« und »über eine netzförmige Organisation« (1976, S. 82) ausgeübt werde – von wem, wird nicht mitgeteilt. Damit wäre Foucault zumindest in diesem Punkt näher an Marx (als Max Weber): Macht sei nicht etwas, das man besitzen oder sich aneignen könne.
Die Individuen seien stets in einer Position, in der sie diese Macht »zugleich erfahren und ausüben«; sie seien nicht die unbewegliche und bewusste »Zielscheibe« dieser Macht, auf die die Macht angewandt oder treffen würde, eine Macht, die die Individuen unterwerfen oder zerbrechen würde; sie sind stets ihre »Verbindungselemente« (ebd., S. 83).
Foucault erklärt stattdessen, er habe sich im Lauf seiner Forschungen immer mehr von der Vorstellung von Macht als eines »Phänomens der Herrschaft eines Individuums über andere, einer Gruppe über andere, einer Klasse über die andere« (ebd., S. 82) abgewandt.
Die Vorstellung einer Macht, die wie ein Medium zwischen den Individuen zirkuliert, mal das eine, mal das andere in die Position des Mächtigeren dem anderen gegenüber hebt, entspricht vielleicht dem alltäglichen Bewusstsein des »neoliberalen« Menschen. Der neoliberale Zeitgenosse kennt ebenso wenig wie Kaiser Wilhelm »Klassen« noch soziale Unterschiede, die nicht durch Leistung hervorgebracht worden wären.
