»Madame sein ist ein ellendes Handwerck« - Dirk Van der Cruysse - E-Book
SONDERANGEBOT

»Madame sein ist ein ellendes Handwerck« E-Book

Dirk Van der Cruysse

0,0
14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 14,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

1671 heiratet Liselotte von der Pfalz Herzog Philipp von Orléans, den homosexuellen Bruder von König Ludwig XIV. Ihre Eindrücke am französischen Hof hielt sie in zahlreichen Briefen fest. Diese kritische, urwüchsige und oft auch derbe Korrespondenz ist die Grundlage dieses ebenso amüsanten wie aufschlussreichen Buches.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

 

Matri memorandae

sanguine ortae hanoveriano

animo gratissimo

 

Übersetzung aus dem Französichen von Inge Leipold

ISBN 978-3-492-97470-7

Juli 2017

© der französischen Originalausgabe unter dem Titel:

»Madame Palatine« Arthème Fayard, Paris 1988

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München 1990

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.

Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

 

 

 

Einführung

»Ach, liebe Louise, Ihr flattirt mich zu sehr, zu sagen

daß meines gleichen nicht mehr in der Welt ist …«

Hol. IV, 214 (24. August 1719)

 

Die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft hat Liselotte von der Pfalz immer als etwas naive Prinzessin vom Rhein dargestellt, die es infolge unglücklicher politischer Schachzüge an den Hof von Frankreich verschlagen hatte. Ihr Leben wurde als fortwährender Kampf um die Erhaltung der ursprünglichen deutschen Schlichtheit und Geradlinigkeit an einem Hof , der eher dekadent als glänzend war, gedeutet. Andererseits war Elisabeth-Charlotte von Orléans für ihre französischen Biographen vorrangig die Schwägerin Ludwigs XIV. und die Mutter des Regenten. Ihre deutsche Abstammung und Vergangenheit wurden kaum in Betracht gezogen, außer um ihre etwas derben Manieren und ihr ungestümes Wesen zu erklären. Ihren Mangel an Flexibilität hielt man für eine grundlegende Unfähigkeit zur Anpassung, die um so bedauerlicher war, als sie sie daran hinderte, den wahren Wert des glänzendsten Hofes der ganzen Welt angemessen zu würdigen, an dem ein halbes Jahrhundert lang zu leben sie das Glück hatte.

Es ist an der Zeit, jetzt, da der Alte Kontinent sich mehr denn je bemüht, seine kulturelle Identität zu finden, Madame wieder in dem Zusammenhang zu sehen, der in der Tat der ihre war: Europa. Sie war Nachfahrin Jakobs I., eines Stuart, Wilhelms des Schweigsamen und eines Königs von Böhmen, der durch sein ungeschicktes Vorgehen den Dreißigjährigen Krieg ausgelöst hatte, und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der Rheinpfalz sowie am Hof der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Wäre sie Protestantin geblieben, so wäre sie wohl Königin von England geworden; nachdem sie jedoch gezwungenermaßen zum katholischen Glauben übergetreten war, wurde sie die Schwägerin des Königs von Frankreich. Sie war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin und korrespondierte mit den Königshöfen von Preußen, England, Schweden, Dänemark, Spanien und Sizilien sowie mit den meisten Fürstenhöfen in Deutschland und den herzöglichen Höfen von Lothringen, Savoyen und Modena . Damit sprengte sie die sie einengenden deutsch-französischen Grenzen, in denen man sie hatte einsperren wollen. Ihr umfangreicher Briefwechsel, der sich auf ganz Europa erstreckte, zeigt, daß sie eine sehr klare und bisweilen recht originelle Vorstellung davon hatte, was die Nationen trennte und was sie einte. Europäerin im wahrsten Sinne des Wortes, hat Madame ganz gewiß nicht an ein geeintes Europa gedacht, aber sie hat es gelebt, als eine vielfältige und komplexe Einheit. Mathieu Marais hatte gar nicht so unrecht, als er bei der Nachricht von ihrem Tode schrieb: »Ganz Europa trauert.«

Vorliegende Biographie [*] umfaßt daher, aufgrund der historischen Gegebenheiten, einen umfangreichen Abschnitt europäischer Geschichte, der sich über einen Zeitraum von einhundertundzehn Jahren erstreckt (1612 bis 1722); er setzt ein mit der Hochzeit ihrer Großeltern väterlicherseits in London. Dieser Rückgriff ist unabdingbar: Man kann weder die deutsche Vergangenheit der Prinzessin noch ihre Beziehungen zu England und den Niederlanden verstehen, wenn man nicht das merkwürdige Schicksal des »Winterkönigs« und seinen katastrophalen Niedergang kennt.

[* Für die deutsche Veröffentlichung wurde die Originalausgabe (Dirk Van der Cruysse: Madame Palatine, Princesse Européenne. Paris, Fayard, 1988) gekürzt, hauptsächlich um Passagen, die eher für die Leser von Interesse sind, die den historischen Zusammenhang detaillierter kennenlernen wollen. Sie seien auf die Originalausgabe und die ausführlichen bibliographischen Angaben verwiesen. (Anm. d. Ü.)]

Nur wenige Lebensläufe aus der Epoche des Sonnenkönigs sind so gut dokumentiert und doch so unbekannt geblieben wie der von Madame. Es gibt die schier endlosen Chroniken von Dangeau, Sourches und Saint-Simon, die ihr eine Sonderstellung einräumten. Es gibt 12 000 Manuskriptseiten von Depeschen des Freiherrn von Spanheim in französischer Sprache, die im Zentralen Staatsarchiv von Merseburg (DDR) liegen und die ich zum erstenmal in ihrer Gesamtheit ausgewertet habe. Spanheim kannte Liselotte noch aus Heidelberg, und er berichtete regelmäßig in allen Einzelheiten über ihr Tun und Treiben, nachdem er sie in Versailles wieder getroffen hatte; inzwischen war sie die Schwägerin Ludwigs XIV. geworden. Die beiden hatten, trotz der unterschiedlichen Konfession, eine sehr herzliche Beziehung zueinander. Aber das ist nicht alles: Madame stammte aus einer Familie unverbesserlicher vielsprachiger Briefeschreiber, die um sie ein Gespinst von Korrespondenzen und Memoiren auf deutsch, französisch, englisch und sogar niederländisch webten, in denen sie allgegenwärtig ist (vgl. Bibliographie). Schließlich und vor allem war auch sie selbst von einer unheilbaren Schreibwut besessen, wie sie wohl nur selten zu finden ist; durch sie selbst kennen wir eine schier unerschöpfliche Vielfalt von Details ihres Lebens und ihres Denkens. Sehr vorsichtigen Schätzungen zufolge hat sie vermutlich mindestens 60 000 Briefe geschrieben (zwei Drittel davon auf deutsch, ein Drittel auf französisch), von denen kaum ein Zehntel erhalten ist. Was die Menge betrifft, erscheint Madame de Sévigné mit ihren 1200 erhaltenen Briefen als Waisenkind gegenüber der schon fast professionellen Liselotte, die sich über alle Lebensbereiche schriftlich äußerte.

Dieses Meer von Tinte – Worte einer Frau, Worte aus dem Exil – scheint auch die wohlmeinendsten Biographen entmutigt zu haben. Die der Bibliographie vorangestellte kurze Übersicht der Ausgaben der deutschen und französischen Briefe erlaubt die Feststellung, daß der Briefwechsel Madames ein wahres Dickicht ist, das zu entwirren zu einem schwierigen Unterfangen gerät; hier bleibt noch viel zu tun oder erneut zu tun. Glücklicherweise freundet man sich allmählich beidseits des Rheins mit der Idee einer neuen kritischen, möglichst vollständigen Ausgabe an. Meine Entdeckung einiger unveröffentlichter Briefe an den Prinzen von Asturien im Archivo Historico Nacional in Madrid und von Briefen an Mme. de Sablé in Paris sowie das regelmäßige Auftauchen noch unbekannter Briefe in den Katalogen von Autographensammlungen legen die Vermutung nahe, daß unsere Kenntnis dieser Korrespondenz nur vorläufig ist und ihr Umfang noch nicht feststeht. »Wenn es keine mehr gibt, gibt es immer noch welche«, meinte Guillaume Depping in bezug auf die Briefe der Prinzessin.

Es versteht sich von selbst, daß man alle deutschen Texte im Original lesen sollte. Auf Kürzungen und entstellende Vereinfachungen – die letztlich einer Mißachtung des Lesepublikums entspringen – habe ich verzichtet, und alle deutschsprachigen Briefe Elisabeth-Charlottes in der Fassung zitiert, wie sie der Öffentlichkeit ursprünglich zugänglich gemacht wurden.

Was die in französisch geschriebenen Briefe angeht (denken wir nur an den großartigen Brief an Ludwig XIV., an die Briefe an die Königin von Preußen, an Polier de Bottens, an den Hof von Lothringen, an Madame de Ludres …), so sind sie in Frankreich praktisch nicht bekannt, da sie in Zeitschriften und deutschen Spezialanthologien veröffentlicht wurden. Man vergißt allzuoft, daß Madame mit etwa 850 erhaltenen französischen Briefen auch eine französische Briefeschreiberin war. [*]

[* Bei diesen französischen Texten habe ich mich um eine möglichst neutrale, das heißt weder altertümelnde noch forciert modernisierende Übertragung bemüht (französische oder ungebräuchliche deutsche Wendungen sind, in eckigen Klammern, erklärt). Entsprechendes gilt für Zitate aus zeitgenössischen französischen Memoiren oder Briefen, sofern keine neuere Übersetzung ins Deutsche vorliegt, wie beispielsweise, in Auszügen, der Memoiren Saint-Simons. (Anm. d. Ü.)]

Intellektuelle Redlichkeit und ein Geist der Wiedergutmachung liegen diesem Buch zugrunde, in dem die ganz persönliche Kultur von Madame rekonstruiert werden soll. Man braucht nur die Rechnungen für ihre Bucheinkäufe durchzublättern, sich das Inventar ihrer Bibliothek anzusehen, die unzähligen Passagen in ihren Briefen aneinanderzureihen, in denen sich ihre biblische oder weltliche Lektüre und die Reflexionen darüber widerspiegeln, die Spannweite ihres Theaterinteresses zu ermessen, die Schubladen ihres berühmten Münzschrankes zu öffnen, die Begeisterung für die Numismatik in ihrem Kabinett zu spüren, sie bei ihren mikroskopischen Spielereien zu überraschen, um festzustellen, daß Madame so gebildet und kultiviert war, wie es eine Prinzessin nur sein konnte, ohne ins Lächerliche abzugleiten.

Die Biographen Madames waren immer sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, die Frage der allgemein bekannten Homosexualität Monsieurs, ihres Mannes, zu erörtern. Es ist jedoch von wesentlicher Bedeutung zu wissen, ob das Verhalten des Bruders Ludwigs XIV. und seiner Favoriten die Ausnahme war, oder ob man vielmehr von einer regelrechten homosexuellen Bewegung zur Zeit Ludwigs XIV. sprechen kann. Der Leser wird feststellen, daß ich dieser Problematik ein umfangreiches Kapitel gewidmet habe, bis hin zu einer eingehenden und differenzierten Lektüre des längeren Diskurses über Homosexualität in der Korrespondenz der Prinzessin, welche Proust etwas von oben herab »die Frau einer Tunte« nannte.

Die Vernichtung oder das Verschwinden von neun Zehnteln der geschriebenen und aller empfangenen Briefe ist nicht wieder gutzumachen. Der Spiegel ist zerbrochen. Und das kleinste neu entdeckte Briefchen, das winzigste in einem Zeitdokument aufgespürte Detail (ein im Zorn entschlüpftes Wort, eine unkontrollierte Geste, der Name eines Gasthofes, der Blumenschmuck bei einem Bankett, die Farbe eines Kleides …) sind Splitter des Spiegels, die es verdienen, sorgsam gesammelt zu werden. Bei meinen Streifzügen durch eine Vielzahl von Archiven und Bibliotheken in zwei Kontinenten habe ich wertvolle Splitter oder auch große Scherben entdeckt, die ihren Platz in dem großen Ganzen gefunden haben, seien es die geschwätzigen Depeschen von Spanheim, die in Merseburg entziffert wurden, oder ein sehr detaillierter holländischer Bericht über die Hochzeit der Eltern Liselottes, der in New York entdeckt wurde, oder eine gereimte Zeitung, in der ganzen Welt einzigartig, in der die Ankunft Liselottes am französischen Hof geschildert wird und die man in Amsterdam gefunden hat, und so weiter.

 

Wenn man ein solches Buch schreibt, steht man notwendigerweise in der Schuld vieler. Die Namen all derjenigen, deren Freundlichkeit, Großzügigkeit und Wissen von unschätzbarem Wert für mich waren, würden Seiten füllen; ihnen allen möchte ich an dieser Stelle mein treues Gedenken und meine tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Dennoch will ich einige namentlich nennen, ohne deren Hilfe dieses Buch nicht das wäre, was es geworden ist. Roger Duchêne (Marseille) weiß, welch bedeutsame Rolle er für diese Biographie schon zu einem Zeitpunkt spielte, als sie nicht mehr war als ein vager Plan. Und mit gutem Grund könnte man Jürgen Voss (Mannheim, Paris) als den Schutzpatron dieses Werkes betrachten; dieser auf die deutsch-französischen Beziehungen spezialisierte Historiker hat mir sein Wissen und seine Beziehungen, die Hilfsmittel des Deutschen Historischen Instituts in Paris und sehr wichtige Dokumente (etwa den nach wie vor unveröffentlichten Briefwechsel mit der Gräfin von Schaumburg-Lippe) zur Verfügung gestellt. Auch dem Grafen von Paris und der Fondation Saint-Louis (Amboise) möchte ich sehr herzlich für die Erlaubnis danken, die privaten Archive des Hauses Orléans, die im Nationalarchiv aufbewahrt werden, zu benutzen. Pierre Lemoine (Paris), dem Generalinspekteur ehrenhalber der Museen von Frankreich und ehemaligen Chefkonservator des Schlosses von Versailles, sowie Yves Martial, Berater für Kultur und Wissenschaft an der französischen Botschaft in Brüssel, habe ich es zu verdanken, daß sich mir wichtige Türen öffneten. Madame Hélène Himelfarb (Laissac) ließ mich freundlicherweise an ihren unerschrockenen Streifzügen durch die bibliographischen Labyrinthe des 17. und 18. Jahrhunderts teilnehmen. Dr. Jean-Paul Goldschmidt (Brüssel) stand mir immer zur Verfügung, um mit Humor und Sachkenntnis die jeweiligen Krankheiten Madames und der Ihren zu diagnostizieren. Ohne die Hilfsbereitschaft meines Antwerpener Kollegen Robert Verdonk und Carmen Crespo Nogueiras (Madrid) wären meine Forschungen im Archivo historico nacional ergebnislos geblieben. In sehr freundlicher Erinnerung habe ich die Liebenswürdigkeit von Meta Kohnke (Merseburg), die mir bei meinem Aufenthalt im Zentralen Staatsarchiv half. Henri und Lizzie Van Nieuwenhuyse (Gent) entdeckten das wunderschöne Porträt von Madame, das den Einband dieses Buches schmückt und allen, die sich für Liselotte interessieren, unbekannt war. François Moureau (Paris, Universität Dijon) ließ mich von seinen sehr spezialisierten Untersuchungen profitieren, indem er mir großzügig den Inhalt einiger Widmungsbriefe, die an Madame gerichtet waren, mitteilte. Philippe Hourcade (Paris) seinerseits hat mir die Ergebnisse seiner intensiven Forschungen in der Nationalbibliothek und im Nationalarchiv mitgeteilt. Dank Pierre Béhars (Le Dorat, Universität Limoges) konnte ich die Bedeutung der literarischen Beziehungen zwischen Madame und dem schriftstellernden Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel richtig einschätzen. Dominique Gerin (Paris, Nationalbibliothek) hat mir liebenswürdigerweise geholfen, im Münzkabinett den Spuren des Interesses Madames für Numismatik nachzugehen.

Meine Frau Magda hat mit Humor und Gelassenheit das Eindringen einer anderen Frau in unsere Beziehung hingenommen, die seit mehr als zweieinhalb Jahrhunderten tot, aber irgendwie immer noch lebendig und unglaublich mitteilsam ist. Sie hat mir geholfen, die geheimsten Winkel der so nuancenreichen Seele von Elisabeth-Charlotte, der Pfalzgräfin bei Rhein, zu erkunden.

Erster Teil

Vom Winterkönig zum Sonnenkönig

(1612–1671)

Ach sind auch Könige nicht von Bestand

und dürfen hingehn wie gemeine Dinge,

obwohl ihr Druck wie der der Siegelringe

sich widerbildet in das weiche Land.

Rainer Maria Rilke

(Neue Gedichte, Klage um Jonathan)

Kapitel I

Zwei Fürstenhochzeiten

(1612–1650)

Ein Feenmärchen

London glich einem Meer von Fahnen. Seit nahezu siebzig Jahren hatte England keine königliche Hochzeit mehr gefeiert. Als daher der Stuart Jakob I. Ende 1612 die Hand seiner einzigen Tochter, Elisabeth, der »Perle Großbritanniens«, dem Kurfürsten Friedrich V. von Wittelsbach gab, gerieten der Hof von Whitehall und die Stadt London in freudige Erregung. Die beiden Verlobten waren kaum sechzehn Jahre alt (sie hatten im Abstand von wenigen Tagen im August 1596 das Licht der Welt erblickt), und alle waren hellauf begeistert von ihrer Schönheit. Die gertenschlanke Prinzessin Elisabeth hatte blonde Haare und blaue Augen. Sie war von heiterem Wesen, liebte die Jagd, Pferde und Hunde und sprach französisch und italienisch. Bei dem großen John Bull, dem Organisten der Königlichen Kapelle, hatte sie gelernt, voller Anmut das Virginal zu spielen. Selten hatte England eine so vollkommene Prinzessin hervorgebracht.

Der junge Kurfürst hatte einen dunklen Teint und war recht geistreich; das Mittelmäßige seines Charakters verbarg sich noch hinter seiner Jugendlichkeit. Außer seiner Muttersprache und Latein sprach er ein elegantes Französisch, das er am Hof von Sedan, bei seinem Onkel, dem Herzog von Bouillon, gelernt hatte, und in dieser Sprache verkehrten die beiden ihr Leben lang miteinander. Friedrich, ein vollendeter Kavalier, verkörperte nahezu das Ideal eines Fürsten. Zur Vermählung mit Elisabeth war er mit einem zweihundertköpfigen Gefolge angereist, wie es seinem Reichtum und Rang entsprach. Es traf ihn wirklich wie ein Blitzschlag, als er feststellte, daß sie tatsächlich so hübsch war wie auf den Bildern, die man ihm gezeigt hatte. Er überhäufte sie derart verschwenderisch mit kostbaren Geschenken, daß sein zukünftiger Schwiegervater, den man den »Salomon des Nordens« nannte, sich gezwungen sah, ihn um Mäßigung zu bitten. Im Alter von achtzehn Jahren sollte er die Volljährigkeit erlangen und damit die Rechte und Pflichten eines Pfalzgrafen bei Rhein und Ersten Weltlichen Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (Summus in electione Imperatoris) übernehmen, da sein Vater, Friedrich IV., 1610 gestorben war.

In ihm hatte Elisabeth einen des königlichen Blutes der Stuarts würdigen Gemahl gefunden. Andere Fürsten hatten ebenfalls um sie geworben, darunter der Thronfolger Schwedens, Gustav Adolf, Philipp III. von Spanien und der Herzog von Savoyen (allerdings waren die beiden letzteren katholisch), aber Jakob I. hatte den Kurfürsten vorgezogen; er hoffte, auf diese Weise seine Beziehungen zum protestantischen Deutschland zu festigen. Den Ahnenforschern galten die Wittelsbacher als das an dritter Stelle stehende Geschlecht des christlichen Abendlandes, das in ununterbrochener männlicher Linie von einem regierenden Fürsten abstammte. Seit Ende des 12. Jahrhunderts herrschten sie über Bayern, seit 1214 waren sie Pfalzgrafen bei Rhein, und seit 1356 (dem Jahr der Goldenen Bulle) waren sie Kurfürsten. Vor ihnen rangierten lediglich das Haus Mecklenburg und das Geschlecht der Bourbonen. Friedrichs Großmutter mütterlicherseits war übrigens eine Bourbonin.

Mit typisch mittelalterlicher Unverfrorenheit hatten die Pfalzgrafen bestimmte Lehen zugunsten ihrer nachgeborenen Sohne einbehalten (Simmern, Neuburg oder Sulzbach beispielsweise). Die ältere, lutheranische Linie, die Alte Kurlinie, war 1559 mit dem Kurfürsten Ottheinrich ausgestorben; ihr war der calvinistische Zweig Pfalz-Simmern nachgefolgt, so daß nun die Lehen der eigentlichen Pfalzgrafschaft wieder vereint waren. Das Ergebnis war ein kompliziertes Gebilde aus verstreuten Lehen, dessen Karte an ein Leopardenfell erinnerte. Die relativ kleine Rheinpfalz umfaßte Landstriche von sprichwörtlicher Fruchtbarkeit und kassierte den Wegezoll für die Schiffahrt auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen. Friedrich gehörte zudem das Herzogtum Nußbach in Bayern, und er unterzeichnete mit »Herzog von Bayern« – sehr zum Ärger der katholischen Wittelsbacher, die die eigentlichen Herzöge von Bayern waren.

Drei Wochen nach der Ankunft Friedrichs in London raffte der Tod den Prinzen von Wales, Henry Frederick, der der Lieblingsbruder Elisabeths war, hinweg. Sein Tod sollte unabsehbare Folgen haben. Der Nachfolger des ersten Stuart nannte sich nicht Heinrich IX., sondern Karl I., und das Drama des Bürgerkriegs, der Enthauptung eines Königs und der Diktatur Cromwells nahm unaufhaltsam seinen Lauf. Aber im Trubel der Vorbereitungen für die Verlobungs- und Hochzeitsfeierlichkeiten verdrängte man dieses Unglück schnell. Die Gelassenheit König Jakobs unter solch traurigen Umständen rief allseits große Bewunderung hervor. Friedrich Spanheim, der Vater Ezechiels, bezeugt: »Dieser Fürst bewies angesichts eines so großen Schmerzes gleichwohl eine bewundernswerte Kraft des Geistes. Er pflegte zu sagen, wenn Gott ihm einen Sohn genommen habe, so habe er ihm doch an dessen Statt einen anderen geschenkt; damit meinte er den Kurfürsten.«[2] Am 18. Dezember erhielt Friedrich in einer privaten Zeremonie aus den Händen seines zukünftigen Schwiegervaters die Insignien des Hosenbandordens.

Die Verlobung wurde am 27. Dezember im Banqueting House, inmitten der herrlichsten Tapisserien des ganzen Königreichs, gefeiert. Friedrich war in purpurroten Samt und Goldspitzen gekleidet, ein Gewand, das ein zeitgenössischer Chronist als verie fair and suitable beschrieb. Elisabeth trug eine Robe aus schwarzem Satin, mit silbernen Blumen bestickt; so brachte sie die Trauer um ihren Bruder und gleichzeitig die Freude über die Verlobung zum Ausdruck. Die weißen Federn in ihren aufgesteckten Haaren machten Furore: vom nächsten Tag an schmückten sich alle Kavaliere am Hof mit solchen Accessoires. Sir Thomas Lake, der Erste Sekretär Ihrer Majestät, mußte zu Ehren Friedrichs die Verlobungsformel übersetzen, aber sein Französisch klang derart komisch, daß die beiden Verlobten herzlich lachten. Der Erzbischof von Canterbury sprach seinen Segen über das Paar, der Bischof von Bath-and-Wells hielt eine Predigt, bei der kein Mensch zuhörte, und das Bankett war großartig und die Stimmung ausgelassen.

Die Hochzeit sollte am Sankt-Valentins-Tag gefeiert werden. Die sieben Wochen, die zwischen den beiden Festtagen lagen, waren eine nicht endende Aufeinanderfolge von Festen, Jagdpartien, Anproben und Geschenkpräsentationen. Elisabeth, die in Tiere vernarrt war, bekam vier »Inselhunde« und einen brasilianischen Papagei. Ihr Vater überreichte ihr ein besonders kostbares Hochzeitsgeschenk: das berühmte sechsreihige Perlenkollier, das Clemens VII. Katharina von Medici anläßlich ihrer Hochzeit mit Heinrich II. geschenkt hatte und das sowohl Maria Stuart als auch Königin Elisabeth getragen hatten. Friedrich erhielt von seinem zukünftigen Schwiegervater eine eben erschienene griechische Ausgabe der Werke des heiligen Johannes Chrysostomos in sechs Foliobänden; die Einbände waren luxuriös mit dem Wappen König Jakobs geschmückt – ein für den Nachkommen der Dynastie, die die berühmte Bibliotheca palatina gegründet hatte[3], angemessenes Geschenk. Friedrich und Elisabeth besuchten vierzehn Theateraufführungen in Whitehall. Sechs der Stücke stammten aus der Feder Shakespeares; der Brand des Globe Theatre sechs Monate später sollte seiner Laufbahn als Dramatiker ein Ende setzen. Im Verlauf dieser Wochen veröffentlichte außerdem John Bull den ersten Band von Musikstücken für das Virginal in England, Parthenia or the Maydenhead, der den königlichen Verlobten gewidmet war. John Donne komponierte ein an den heiligen Valentin gerichtetes Epithalamium (Hochzeitslied):

Haile Bishop Valentine, whose day this is,[…] Thou this day couplest two Phoenixes …

Die Hochzeitsfeierlichkeiten, die mehr kosteten als die Mitgift, wurden am 11. Februar 1613 mit einem überwältigenden Feuerwerk eröffnet. Hauptattraktion war ein heiliger Georg, der den Drachen niederzwingt – eine ganze Viertelstunde war diese Kunstfigur zu bewundern. Am übernächsten Tag – das Wetter war herrlich – wurde auf der Themse in Anwesenheit der königlichen Familie, die auf den Stufen von Whitehall Platz genommen hatte, eine Seeschlacht ausgetragen. Vier Stunden lang bedrängte eine »christliche« eine »türkische« Flotte, bis schließlich der – wie es sich geziemte – besiegte türkische Admiral im Triumph den Verlobten vorgeführt wurde. Einige ausgekratzte Augen hier und da und drei abgeschlagene Hände konnten die allgemeine Begeisterung nicht dämpfen. John Tayler, der Water-Poet, verfaßte einen überschwenglichen Bericht über diese denkwürdigen Ereignisse.[4]

Am Sonntag, dem 14. Februar, kurz vor Mittag, kam Elisabeth mit ihrem Gefolge und inmitten einer riesigen Menschenmenge in Whitehall an. Augenzeugen haben in allen Details ihre Virgin-Robes aus Silberbrokat, deren Schleppe von vierzehn in weißen Atlas gekleideten Jungfrauen getragen wurde, beschrieben. Ihr bernsteinfarbenes Haar, das lose auf ihre Schultern fiel und bis zu ihrer Taille reichte, schmückte eine mit Perlen und Diamanten besetzte Krone aus Gold – für die Schaulustigen Gegenstand höchster Bewunderung. William Camden, der Verfasser der Annales rerum anglicarum, faßte seine Eindrücke sehr hübsch zusammen, indem er schrieb, die Prinzessin habe wie ein Sternbild gefunkelt, und die Jungfrauen ihres Gefolges, in weißen Atlas und Silber gekleidet, seien so reich mit Perlen und Edelsteinen geschmückt gewesen, daß ihr Zug der Milchstraße glich. Auch Friedrich glänzte in Gewändern aus Silberlame.

In der Kapelle von Whitehall, die mit von Gold- und Silberfäden schimmernden Wandteppichen geschmückt war, auf denen das Wirken der Apostel dargestellt war, erklang das Wedding Anthem, God the Father, God the Son von John Bull. Der unvermeidliche Bischof von Bath-and-Wells hielt eine Predigt. Der Gottesdienst wurde in englischer Sprache abgehalten, entsprechend dem Book of Common Prayer, und die Bibeltexte wurden in der neuesten »autorisierten« Fassung (King James Bible) verlesen, jenem Denkmal englischer Sprache, das Robert Barker, der Drucker Seiner Majestät, im Jahre 1611 veröffentlicht hatte.

Friedrich hatte seine Antworten auswendig gelernt; so brauchte man keine Zuflucht zu den Übersetzungskünsten des Sir Thomas zu nehmen. Am Abend fand ein glanzvolles Festmahl mit Tanzvorführungen statt.

Am darauffolgenden Tag vergewisserte sich König Jakob im Saint James’ Palace, daß die Ehe ordnungsgemäß vollzogen und der junge Friedrich nun »wahrhaftig sein Schwiegersohn« war. Laut einem offiziellen Dokument stellte Friedrich seinen Schwiegervater voll und ganz zufrieden, und der Tag wurde mit einem Bankett und einem Ringlauf unter den Fenstern von Whitehall begangen. Wenige Tage später ereignete sich ein diplomatischer Zwischenfall, als die Stadt London in der neuen Banqueting Hall ein Festessen ausrichtete; die Wände dort waren mit Teppichen geschmückt, auf denen die Niederlage der spanischen Armada dargestellt war. Als der spanische Botschafter dies erfuhr, lehnte er es ab, bei dem Bankett zu erscheinen; die Botschafter von Frankreich und Venedig beeilten sich, ihren Regierungen einen Vorfall zu berichten, der sie ganz offensichtlich entzückte. Ein allegorischer Triumphzug, von Maskierten in beweglichen Kulissen von Inigo Jones getanzt, stellte – unter Mitwirkung einer Vielzahl von Najaden – die Hochzeit von Themse und Rhein vor, und die beiden Eheleute schlossen sich einem Tanz der Masken an, die in die »Farbe des Königs« gekleidet waren.

Zwischen Themse und Neckar

Acht Wochen nach der kirchlichen Trauung verließ am 10. April 1613 das Gefolge des Kurfürsten und der Kurfürstin London, um sich auf der Royal Prince einzuschiffen. Nach kurzem Anlegen in Ostende verließ man in Seeland das Schiff, um auf dem Landweg in die rheinische Pfalz weiterzureisen.

Den ganzen Mai hindurch durchquerten Friedrich und Elisabeth gemächlich die Vereinigten Niederlande; in allen großen Städten empfing man sie mit Fanfaren, Triumphbögen, Ansprachen, Jagdpartien, Festmählern, Theateraufführungen und mit kostbaren Geschenken, die voller Würde überreicht und anmutig empfangen wurden. Friedrich wohnte in Den Haag der Unterzeichnung eines wechselseitigen Verteidigungspaktes zwischen den Vereinigten Niederlanden und der Union der protestantischen deutschen Fürsten bei. Dieser Vertrag sollte, als Reaktion auf die vor kurzem zustandegekommene Annäherung zwischen Frankreich und Spanien, das Gleichgewicht wiederherstellen.

Friedrich hatte sich von Elisabeth verabschiedet, um ohne Verzug in seine Ländereien zurückzukehren und dort einen »fröhlichen Empfang« vorzubereiten, der der Tochter eines Königs würdig war. Elisabeth und ihr zahlreiches Gefolge setzten ihre beschauliche Reise nach Deutschland fort. Unter den Geschenken, die ihr überreicht wurden, verdienen sechzehn Wandteppiche, Goldgeschirr, in einer mit duftendem Brokat ausgeschlagenen Schatulle dargebotene Perlen und Diamanten, ein achtundsechzigteiliges Service aus chinesischem Porzellan und chinesische Lackmöbel besondere Erwähnung. Die Ostindische Kompanie existierte damals seit elf Jahren, und immer mehr Schätze des Fernen Ostens gelangten nach Europa. Die Stadt Harlem, vorausschauend und praktisch denkend, überreichte der jungen Frau eine Wiege und Babywäsche; den Wert schätzte man auf 50 000 Gulden. Elisabeth sollte sie so manches Mal gut gebrauchen können.

An der Grenze des Herzogtums Kleve verließ Elisabeth das Hoheitsgebiet der Vereinigten Niederlande. Prinz Maurice gab ihr mit einer bewaffneten Eskorte bis vor die Tore Kölns das Geleit. Diese Stadt hatte die Prinzessin eingeladen; allerdings erschrak man gelinde, als man sie mit einem Gefolge von viertausend Personen näher kommen sah. Einige Tage später schlug der junge Markgraf Georg Wilhelm von Brandenburg, der Schwager Friedrichs, ihr eine galante Zerstreuung vor, die Aufmerksamkeit erregte: ein morgendliches Picknick in der Nähe des Dorfes Mondorf, zwischen Köln und Bonn, in einer Senke am Ufer des Rheins gelegen; von dort aus konnte man in der Ferne die Türme von einem halben Dutzend wohlhabender rheinischer Städte sehen. In Mondorf erwartete Elisabeth eine »Hochzeits«-Barke, die Friedrich geschickt hatte; diese sollte sie unverzüglich nach Heidelberg bringen, quer durch eine der schönsten Flußlandschaften Europas, inmitten eines Geleitzuges von vierunddreißig festlich geschmückten Booten.

Zur Überraschung Elisabeths war ihre Barke noch luxuriöser als die Royal Prince. Die staunenden Augenzeugen verglichen sie mit dem Nachen Kleopatras. Ein mit goldgewirkten Wandteppichen geschmückter Salon und ein mit Silber und grünem Samt ausgeschlagenes Gemach waren für sie reserviert. Auf der Schiffsbrücke konnte sie von einer Tribüne aus, die ein von vier fein kannelierten Säulen getragener Baldachin überschattete, in aller Bequemlichkeit die herrlichen Landschaften bewundern, die sie Anfang Juni durchquerten. Die Kreuzfahrt führte sie am Fuße alter Festungen vorbei, die auf unzugänglichen Felsen kauerten und auf ihre Weise die bewegte Geschichte des rheinischen Mittelalters widerspiegelten. In Koblenz, am Zusammenfluß von Mosel und Rhein, erwies ihr der Erzbischof von Köln an einem Freitag die Ehre eines Banketts, bei dem Krebse und Fisch gereicht wurden, eine willkommene Gelegenheit für Elisabeth, die goldenen Weine dieser Gegend zu kosten. Kaum wahrnehmbar verengte sich der Fluß immer mehr, und die ersten Weinberge kamen in Sicht. In Bacharach schob sich ein kleines Segelschiff, das mit voller Geschwindigkeit den Rhein herunterkam, längsseits an die Barke Elisabeths, und der »verliebte Kurfürst« ging an Bord.

Gaulsheim war die erste Station in der Kurpfalz. Damit begann eine erneute Folge von Empfängen, Reden und Banketten. Als sie Mainz hinter sich gelassen hatten, war Elisabeth am Ende ihrer Kraft. In Oppenheim flehte sie ihren Gemahl an, die Reise doch abzukürzen und auf den Landweg auszuweichen. Am Tag darauf brachten Kutschen das kurfürstliche Paar nach Worms, wo man die Vorbereitungen für den unvermeidlichen festlichen Empfang etwas beschleunigen mußte, der dann auf einem Teppich von Blüten stattfand. In Frankenthal führte ein Triumphbogen zu einem regelrechten Tunnel aus Blumen; ein prachtvoller Geleitzug stellte die Belagerung von Troja dar.

Der fröhliche Einzug in Heidelberg, der Hauptstadt der rheinischen Pfalz, fand am 7. Juni 1613 statt. Kolorierte Drucke, auf denen dieses Ereignis festgehalten ist, zeigen uns Elisabeth mit einem großen roten Hut, einem breiten Jabot aus gestärkten Spitzen und einem bauschigen Rock aus Goldstoff. Ein Gewitter zog auf; man war gezwungen, die Militärparade und das Abfeuern des Ehrensaluts abzukürzen und ein Bankett unter freiem Himmel abzusagen. Elisabeth, die darüber wohl eher erleichtert war, begab sich ins Schloß; sie nahm zusammen mit ihren Hofdamen in einer geräumigen Karosse Platz, die mit karmesinrotem Samt ausgeschlagen und auf allen vier Seiten offen war.

Die Festlichkeiten in Heidelberg zogen sich über eine gute Woche hin, in deren Verlauf in den Küchen und Kellern des Schlosses zweitausend Personen bewirtet wurden. In den Stallungen des Kurfürsten kümmerte man sich um die 1540 Pferde, die den Gefolgsleuten der geladenen Fürsten gehörten. Es wurden Wasserspiele sowie ein Feuerwerk über dem Neckar, ein Turnier im großen Hof des Schlosses und Festgelage nach deutscher Art veranstaltet und mit Allegorien geschmückte Triumphbögen aufgestellt. Der Prorektor der Universität hielt eine große Rede auf lateinisch, deren eleganten Schliff Kenner bewunderten, und der kurfürstliche Hauskaplan steuerte eine solide Ansprache auf deutsch bei. Außerdem wurde ein barockes Stück aufgeführt, bei dem Friedrich selbst mitwirkte, und zwar in der Rolle des Jason, wie er nach der Eroberung des Goldenen Vlieses von Kolchis zurückkehrt. Die allegorischen Anspielungen waren ziemlich eindeutig. In einer anderen mythologischen Pantomime stieg Venus vom Olymp herab, um der neuen Kurfürstin den berühmten goldenen Apfel zu überreichen. Eine aufwendige Jagdpartie beim Schloß Schwetzingen beendete die Festlichkeiten, die die Einkünfte eines ganzen Jahres verschlungen hatten.

»Vivat rex Fridericus!«

Der Herrschaft des neuen rheinischen Kurfürsten schien ein glückliches Schicksal, ohne irgendwelche Mißlichkeiten, beschieden zu sein.[5] Friedrich »erbte« von seinem Vater und von seinem Onkel Johann von der Pfalz-Zweibrücken, der die Herrschaft ausgeübt hatte, weise Ratgeber und eine gut funktionierende Verwaltung. Häufige Reisen in andere Fürstentümer Deutschlands, die dem Zweck dienten, die protestantische Union zu konsolidieren, nahmen einen Teil seiner Zeit in Anspruch. Die Vorahnung eines drohenden Konflikts zwischen der Union und der Katholischen Liga stürzte ihn bisweilen in Anfälle tiefer Melancholie. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, die Schloß- und Parkanlagen weiter zu verschönern. Das stolze Schloß aus rosafarbenem Sandstein, das in einer Senkung des Königsstuhls lag, stellte ein Juwel der Architektur der deutschen Renaissance dar, seitdem die Kurfürsten Ottheinrich und Friedrich IV. es durch zwei Flügel ergänzt hatten, die nach ihnen benannt waren. Friedrich V. ließ für seine Gemahlin den Englischen Bau hinzufügen, einen Flügel mit Wohngemächern im nachpalladianischen Stil; die Pläne dafür gingen möglicherweise auf Inigo Jones zurück. Salomon de Caus ließ hinter dem Schloß Stützmauern und drei Terrassen errichten; dort sollte der berühmte Hortus palatinus, der kurpfälzische Garten, angelegt werden.

Außerdem errichtete man neue Jagdpavillons auf den wildreichen Hügeln, die über Neckar und Rhein aufragten. Elisabeth, der ihre Jagdleidenschaft den Beinamen «Diana vom Rhein« eingetragen hatte, tat sich bei den Jagdgesellschaften des Kurfürsten hervor, soweit dies ihre zahlreichen Schwangerschaften erlaubten. Zwischen dem 1. Januar 1614 und dem 2. Januar 1632 schenkte sie ihrem Gemahl dreizehn Kinder; fünf von ihnen werden eine manchmal nicht unbedeutende Rolle in dieser Biographie spielen. Heinrich Friedrich (1614), Karl Ludwig (1617) und Elisabeth (1618) kamen in Heidelberg zur Welt. Rupert (1619) sollte während der kurzen königlichen Herrschaft seiner Eltern in Prag geboren werden, auf den Stufen zum Thron; die anderen neun Kinder erblickten das Licht dieser Welt im Exil.

Zu seinem Unglück war Friedrich von der Pfalz der Führer der Protestantischen Union, die unter der Herrschaft seines Vaters gegründet worden war. Nach einem halben Jahrhundert einer manchmal schwierigen Koexistenz von römischem Katholizismus und Protestantismus, das dem Augsburger Frieden (1555) gefolgt war, hatten die protestantischen Fürsten das Bedürfnis verspürt, im Hinblick auf einen möglichen Konflikt ihre Kräfte zu vereinen. Darüber hinaus grenzte das Staatsgebiet Friedrichs an Böhmen, wo ein Krieg bevorstand. Der Habsburger Kaiser Rudolf II. hatte Böhmen den Böhmischen Majestätsbrief verliehen, der dem Königreich die Religionsfreiheit und das Recht zur Erbauung von Gotteshäusern verschiedener Konfession zugestand. Nach seinem Tod im Jahre 1612 hielt sich sein Bruder und Nachfolger Mathias nicht an dieses Privileg und verärgerte dadurch die Protestanten, die in Böhmen in der Mehrheit waren.

Mathias, der selber keinen Sohn hatte, taktierte, um den Königreichen Ungarn und Böhmen, für die er lediglich gewählter König war, seinen Neffen und Erben Erzherzog Ferdinand aufzuzwingen, der von den Ingolstädter Jesuiten ganz im kämpferischen Geist der Gegenreformation erzogen worden war. Gegen diese Zukunftsaussicht sperrte sich Böhmen; am 16. Mai 1618 begab sich eine protestantische Abordnung auf den Prager Hradschin. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, in deren Verlauf die Rebellen zwei katholische Ratgeber von Mathias aus dem Fenster warfen. Dieser starb im darauffolgenden Jahr, ohne noch die Zeit gehabt zu haben, den Aufstand niederzuschlagen.

Die böhmischen Protestanten nutzten diesen unverhofften Tod, um sich von dem neuen Kaiser Ferdinand II. loszusagen und Ende August 1619 die Krone Böhmens Friedrich V. anzutragen. Sein Schwiegervater, weise wie immer, und fast alle seine Ratgeber rieten ihm dringlich davon ab, dieses Danaergeschenk anzunehmen. Seine Mutter, Louise-Juliane von Oranien, hatte sich nach Kaiserslautern zurückgezogen; jetzt, in dieser schwierigen Situation, kehrte sie nach Heidelberg zurück. Ihr Biograph, Friedrich Spanheim, berichtet: »Man muß jedoch zugestehen, daß der alten Kurfürstin diese Affaire sehr mißfiel, und sie ahnte Böses voraus … Diese weise Fürstin hatte lange genug in dieser Welt der Staatsaffairen gelebt, um vorauszusehen, daß Neid unvermeidlich, Freundschaften unbeständig und Haß gewiß seien …«[6] Sie sollte nur allzu recht behalten. Aber Friedrich war jung (wie soll man auch nein sagen zu einer Krone, wenn man dreiundzwanzig Jahre alt ist?) und vor allem unerfahren. Elisabeth, romantisch und ebenso naiv wie ihr Gemahl, scheint ihn noch ermutigt zu haben; zumindest behaupteten dies die Geschichtsschreiber zu Beginn des darauffolgenden Jahrhunderts. Liselotte, um die es in diesem Buch vor allem geht, nahm später ihre Großmutter in Schutz. 1718 schrieb sie an ihre Halbschwester Louise: »Historien seindt auch lügen. In meines groß herr vatters, der könig in Böhmen, historie hatt man gesetzt, daß mein groß fraw mutter, die königin in Böhmen, auß purer ambition dem könig, ihrem herrn, keine ruhe gelaßen, biß er könig worden, welches kein wordt wahr ist […]. Die königin hatt kein wordt davon gewust undt nur damahl ahn commedien, baletten undt romanleßen gedacht.«[7]

Allerdings traf dies so nicht ganz zu. Die Geschichte, Elisabeth habe ihrem Gemahl versichert, sie würde »lieber am Tische eines Königs Sauerkraut essen als köstliche Leckerbissen am Tisch eines Kurfürsten«, scheint eine Erfindung zu sein.[8] Sie beschränkte sich vielmehr darauf, ihrem Mann zu schreiben, es läge bei ihm, diese Frage zu entscheiden; sollte er sich jedoch dazu entschließen, die Krone Böhmens anzunehmen, so sei sie bereit, ihm überallhin zu folgen, jegliches Leid zu erdulden, welches Gott ihr sende, und ihren Schmuck und alles, was sie auf dieser Welt besitze, zu verpfänden.[9] Die Würfel waren gefallen: der Dreißigjährige Krieg stand bevor.

Die Ereignisse überstürzten sich. Am 4. November 1619 wurde Friedrich V. zum König von Böhmen gewählt. Goldene Gedächtnismünzen erinnern an dieses glanzvolle Ereignis; seine Enkelin Liselotte sollte eine davon in ihrer Münzsammlung aufbewahren. Als König von Böhmen, Herzog von Schlesien und Markgraf der Ober- und Niederlausitz kehrte er in die rheinische Pfalz zurück. Aber die Truppen, die die protestantischen Fürsten zu seiner Unterstützung schicken sollten, erschienen nicht. Kein Zweifel, die Fürsten der Union hatten ihn im Stich gelassen. Die Katholische Liga unter der Führung des Fürsten Maximilian und General Tillys war in der Übermacht. In der Schlacht am Weißen Berg wurde Böhmen niedergeworfen.

Dem königlichen Paar wurde in Den Haag in den Vereinigten Niederlanden Exil gewährt. In der Folgezeit konnte Friedrich sich noch so sehr auf den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges tummeln – seine Besuche in Den Haag führten bei Elisabeth zu einer Schwangerschaft nach der anderen. Von den dreizehn Kindern, die sie gebar, sollten nur drei legitime Nachkommen haben: Karl Ludwig, Eduard und Sophie. Sie schickte ihre Kinder nach Leiden, wo sie von Gouvernanten und Erziehern nach den strengen Grundsätzen ihrer Zeit erzogen wurden.

Der »Winterkönig« versuchte inzwischen weiterhin, eine herausragende Rolle im Kriegsgeschehen zu spielen. Aber Wallensteins Heer war im nördlichen Deutschland in der Übermacht, und die Sache der Protestanten schien verloren. Doch als König Gustav Adolf von Schweden in den Krieg eingriff – wohl weniger, um die Interessen der Protestanten zu wahren, als vielmehr, um seinen Thron zu stützen –, mußte Wallenstein 1632 auf den Feldern von Lützen den Rückzug antreten. Allerdings kam dabei auch König Gustav Adolf ums Leben. Im selben Jahr starb der »Winterkönig« und Pfalzgraf Friedrich V. an einem Fieber. Seine Kinder hatte er noch auf dem Sterbebett beschworen, dem calvinistischen Bekenntnis treu zu bleiben.

Pfalzgraf Karl Ludwig

Neues Familienoberhaupt war nun der fünfzehnjährige Karl Ludwig. Er brach sofort sein Studium in Leiden ab, um sich an der Seite seines Großonkels, Friedrich Heinrichs von Nassau, der Armee anzuschließen, die in den südlichen Niederlanden gegen Spanien kämpfte. Bei Vlotho an der Weser besiegte ihn im Oktober 1638 der österreichische General Hatzfeld, und er flüchtete sich nach London zu seinem Onkel, Karl I. Von dort aus begann er eine internationale Pressekampagne, um die Pfalzgrafenschaft zurückzuerobern. Ansonsten führte er in dem erzwungenen Exil ein recht munteres Leben. Mit der Herzogin von Kent zeugte er einen Bastard, den zukünftigen Baron Selz. Er erlebte also den Dreißigjährigen Krieg in angenehmer Umgebung vor allem aus der Ferne.

Als 1648 der Westfälische Friede geschlossen wurde, eröffnete sich damit auch die Möglichkeit einer Rückkehr in die Pfalz. Am 7. Oktober 1649 traf Karl Ludwig schließlich in der pfälzischen Hauptstadt Heidelberg ein, die er 1620 im Alter von drei Jahren hatte verlassen müssen. Das Schloß, das seine Vorgänger mit viel Liebe renoviert und erweitert hatten, war weitgehend zerstört. Dennoch, sein Volk war beeindruckt von den vielen Titeln, die er führte. Er unterzeichnete mit: Karl Ludwig, von Gottes Gnaden Pfalzgraf bei Rhein, Erzschatzmeister und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches, Herzog von Bayern, Gulch, Kleve und Berg, Graf von Veldenz, Sponheim und Ravensburg, Freiherr von Ravenstein und anderen Orten. Aber die einstmals blühende Provinz, die sich über das Neckartal und beide Rheinufer erstreckte und von Mösbach im Südosten bis Oppenheim, Alzey und Bacharach im Norden reichte, bot ein Bild des Schreckens: Die Weinberge waren verwüstet, die Städte leer. Ludwig Häusser schätzt, daß lediglich ein Fünftel der Stadtbevölkerung die Schrecken des Krieges überlebt hatte.[10] Die Lage war grauenerregend. Der Kannibalismus war wiederaufgelebt: die Überlebenden steckten ihre eigenen Kinder in Pökelfässer und nutzten einen Augenblick der Zerstreutheit bei einem Nachbarn, um ihn zu marinieren. Häusser erwähnt, daß es gegen 1638 in der rheinischen Pfalz Bratküchen gab, in denen ausschließlich frisches Menschenfleisch verwendet wurde. Diejenigen, die nicht über die Mittel verfügten, dort zu speisen, scharrten auf den Friedhöfen die Kadaver Verstorbener aus. Karl Ludwig sah sich also vor eine ungeheure Aufgabe gestellt. Und er hat diese Aufgabe auf eine Weise erfüllt, die den Zeitgenossen Bewunderung abnötigte.

Acht Jahre nach der Rückkehr Karl Ludwigs machte Marschall Gramont, der die Kurpfalz während des Krieges durchquert hatte, in Heidelberg halt, wo er vom Kurfürsten mit großem Gepränge empfangen wurde. Seine ersten Eindrücke schrieb er in der dritten Person nieder: »Das Erstaunen des Marschalls Gramont war nicht gering, als er sein Land bestellt, seine Dörfer wieder aufgebaut, sein Haus mit wunderschönen Möbeln ausgestattet vorfand; Heidelberg und der Staat waren bevölkert, als hätte es nie einen Krieg gegeben, gleichgültig, wie dieser Schauplatz so viele Jahre hindurch ausgesehen hatte, seit er vor zwölf Jahren mit dem Heer des Königs durch diese Gegend gekommen, die er damals verlassen und völlig zerstört vorgefunden hatte. Aber der Eifer des Kurfürsten, seine Sorge und seine Sparsamkeit haben sein abscheuliches Antlitz verändert.«[11]

»Bericht von den Geschehnissen am Hofe zu Kassel …«

Nach seiner Rückkehr beschloß Karl Ludwig, sich zu verheiraten. Er war jetzt zweiunddreißig; seine Brüder kämpften irgendwo in der Fremde auf Schlachtfeldern oder waren zum Katholizismus übergetreten, und die Zukunft seiner protestantischen Dynastie stand auf dem Spiel. Seine Wahl fiel nach einigem Zögern auf das Haus Hessen-Kassel. Landgraf Wilhelm V., genannt »der Beständige«, war 1637 im Krieg gefallen. Seine Witwe, die schöne und kluge Amalie Elisabeth von Hanau-Münzenberg, hatte im Namen ihres Sohnes, des Landgrafen Wilhelm VI., erfolgreich die Regierung übernommen. Sie liebte Frankreich und hatte im Mai 1648 ihre älteste Tochter einem protestantischen La Trémoille vermählt, der den Titel eines Prinzen von Tarent trug. Karl Ludwig schätzte die geistvollen Gespräche mit der Landgräfin sehr, suchte aber vor allem die Gesellschaft ihrer jüngeren Tochter Charlotte. Diese war gerade zweiundzwanzig Jahre alt geworden und sehr überzeugt von ihrer eigenen Schönheit, die sie mit unendlicher Sorgfalt pflegte. Anfangs zeigte sie dem Kurfürsten die kalte Schulter und zog ihm Friedrich von Württemberg-Neuenstadt vor, der genauso alt, dem Wesen nach aber weit umgänglicher als Karl Ludwig war.

Von ihrer Mutter dazu gedrängt, reagierte sie schließlich – nicht gerade begeistert – auf die Avancen des Kurfürsten, den diese Kühlheit erregt zu haben scheint. Ohne Zweifel glaubte er, Charlotte würde schließlich, da sie geliebt wurde, seine Gefühle erwidern. Er mochte »die Männer noch so gut kennen« (so Gramont), seine Kenntnis der weiblichen Psychologie ließ jedenfalls sehr zu wünschen übrig. Über Karl Ludwig schrieb Charlotte später an ihren Bruder: »Auch könte ich ihn mit Gott versichern, daß ich den vesten vorsatz gehabt, ob ich gleich den Chur [fürsten] nit gern genohmen, auß devoir [Pflichtgefühl] alles zu thun was andere auß amytié [Zuneigung] …«[12] Die Hochzeit wurde am Hof zu Kassel gefeiert, am 12. Februar 1650, kaum vier Monate nach der Rückkehr Karl Ludwigs nach Heidelberg; dies legt die Vermutung nahe, daß man die Angelegenheit sehr zielstrebig anging und der Freier sich kaum Zeit nahm, das Temperament seiner harschen Verlobten zu zähmen.

Ich hatte das Glück, in den Sammlungen der New York Library eine 1650 in Den Haag gedruckte Schilderung der Vermählung Karl Ludwigs von der Pfalz mit Charlotte von Hessen-Kassel zu entdecken. Es handelt sich dabei um eine achtseitige Flugschrift mit dem Titel: Relatie van’t ghepasseerde aen’t Hof van Casselgeduyrende de Celebratie van het Houwelijck vanden Doorluchtighen ende Hoogh-Gebooren Vorst ende Heere Karel Lodewyck, Pfaltz-Grave by den Rhijn, des H. Roomsche Rijcx Electeur ende Hertogh van Beyeren, etc. (Bericht von den Geschehnissen am Hofe zu Kassel anläßlich der Hochzeitsfeier des erlauchten und sehr edlen Fürsten und Herren Karl Ludwig, Pfalzgraf bei Rhein, Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches und Herzog von Bayern …)[13] Dieses Dokument, in dem die Festlichkeiten anläßlich der verhängnisvollen Heirat der Eltern Liselottes geschildert werden, verdient es, daß wir ein wenig dabei verweilen.

Die Geladenen wurden für Montag, den 11. Februar, erwartet, aber 83 hessische Adelige hatten sich bereits am 9. in Kassel eingefunden, um sich freiwillig an den Vorbereitungen zu den Festlichkeiten zu beteiligen. Am 11. bereitete sich ein großes Gefolge von Soldaten der Garnison, fahnenschwenkenden Bürgern der Stadt, Beamten und Edelleuten des Hofes von Hessen und eine große Menge von Kutschern, Falknern, Stallmeistern, die zahlreiche »schicklich geschmückte« Pferde am Zügel führten, livrierten Lakaien und Musikern, die »silberne Trompeten, bestickte Banderolen und blaue Schärpen trugen«, darauf vor, die Gäste am Fuße der Befestigungsanlagen von Kassel zu empfangen. Sie zogen vor dem jungen Landgrafen Wilhelm einher, der von Edlen des Landes umringt war. Ein langer Zug von leeren Karossen bildete den Schluß.

Kurz darauf traf Karl Ludwig ein, begleitet von einem zahlreichen Gefolge; sie hatten eine Woche gebraucht, um mitten im Winter die 250 Kilometer, die zwischen Heidelberg und Kassel liegen, zu bewältigen. Nach dem üblichen Begrüßungszeremoniell (der Bericht erwähnt »kurzweilige Reden und Ehrbezeugungen«) vereinten sich die beiden Züge, um gemeinsam in die Stadt einzuziehen. Die zahlreichen Schaulustigen, die den Weg säumten, zeigten mit den Fingern auf die hohen Herren, die den Landgrafen und den pfälzischen Kurfürsten begleiteten: die Prinzen von Hessen-Homburg und von Hessen-Darmstadt, der Herzog Ludwig Philipp von Simmern mit seinen beiden Sohnen, der Landgraf von Homburg, die Grafen von Salm, Waldeck, Isemburg, Löwenstein und Hohenlohe. Die Flugschrift erwähnt, daß die Landgrafen Hermann und Ernst, der Graf von Hanau und andere Herren zu spät kamen, so daß sie sich dem Zug nicht mehr anschließen konnten. Die Damen folgten, umringt von einem zahlreichen Gefolge, in Kutschen, die mit den jeweiligen Wappen verziert waren. Beifallrufe und Kanonen- und Musketensalven untermalten den allgemeinen Jubel. Der Bericht weist ausdrücklich darauf hin, daß bei dem Salutschießen keinerlei Verwüstungen angerichtet wurden; man kann daher davon ausgehen, daß dies nicht immer der Fall war.

Nachdem der Zug wohlgeordnet beim Schloß angekommen war, wurden die Gäste in ihre Unterkünfte geleitet. Die Landgräfin und ihre Tochter Charlotte kamen, um die Damen persönlich zu begrüßen. Elisabeth von Böhmen, die in Den Haag geblieben war, wurde von ihrer Schwägerin, der Herzogin von Simmern vertreten. Noch am gleichen Abend wurde »auf sieben langen Tischen und zweihundert gewöhnlichen Tischen« ein Festmahl serviert. Am darauffolgenden Tag, dem Tag der Hochzeit, servierte man den Gästen das Mittagessen in ihren Gemächern, »damit sie es beim Ankleiden bequemer hatten«.

Am Abend, nach einem musikalischen Vorspiel mit Trompeten (vermutlich eine Pavane für Blechbläser von Heinrich Schütz, der am Hof von Kassel gelebt und gewirkt hatte, oder aber von seinem Mäzen, dem fürstlichen Komponisten Moritz von Hessen), formierten sich Offiziere zu einem Fackelzug; sie trugen die Livrée der Rheinpfalz (azurblauer Taft und Silber) und geleiteten das Paar zur Kapelle. Nach der Kantate hielt der Pastor eine »weitschweifige Predigt« und sprach den Hochzeitssegen über das Brautpaar. Charlotte trug ein Kleid aus prunkvollem Silberlamé. Eine Krone mit Diamanten, deren Wert man auf einige tausend Taler schätzte, schmückte ihr Haar, das offen auf die Schultern fiel. Ihre breit gefächerte Schleppe wurde von ebenfalls in Silber gewandeten Ehrenjungfrauen getragen. Nach den letzten Akkorden des Te Deum, das den Gottesdienst beschloß, wurden die beiden Neuvermählten feierlich zum Brautgemach geleitet, das sie »nach Vollzug der Ehe (nae volbrachte copulatie)«wieder verließen. Die üblichen Scherze siegten über die deutsche Gesetztheit, und alle versammelten sich in der großen Halle zum Bankett. Das großartige Abendessen war »sehr üppig«. Daran schloß sich ein Ball à l’allemande, bei dem die Herren mit Fakkeln in der Hand um die Eheleute herumtanzten, die unter zwei Baldachinen aus karmesinfarbenem Samt thronten.

Am nächsten Tag, dem 13. Februar, mußten die Gäste eine zweite Hochzeitspredigt über sich ergehen lassen, die nicht weniger weitschweifig war; daran schlössen sich ein Souper und ein Ball mit Fackeln. Für den 14. war eine Jagdpartie auf dem Platz vor dem Schloß angesetzt; vier Wölfe, drei Wildschweine und zahlreiche Füchse und Hasen wurden zum Vergnügen der Gäste zusammengetrieben, die sie ohne jegliche Anstrengung und Risiko erlegen konnten. Ein großartiges, mehrstündiges Feuerwerk beschloß den Tag. Am 15. ließ der Graf von Waldeck ein »Ballett des Friedens« mit zwölf Auftritten aufführen, das »sehr sehenswert« war.

Der Nachmittag des 16. war für einen Ringlauf reserviert. Das Glück wollte es, daß der Gastgeber, Landgraf Wilhelm, den ersten Preis davontrug, eine Wasserkanne mit zugehöriger Schüssel. Aus Höflichkeit verzichtete er darauf, sie zu behalten, und nach einem erneuten Durchgang fiel der Preis an den Grafen von Salm. Am Abend konnten die Geladenen wiederum ein Ballett mit zwölf Soloeinlagen bewundern, das die Unterwerfung aller Nationen unter Cupido darstellte; der Titel lautete – angemessen – Triumphus Amoris. Der folgende Tag war ein Sonntag; die Gäste nahmen am Gottesdienst teil und verbrachten diesen und den nächsten Tag mit festlichen Gelagen. Das herausragende Ereignis des Dienstags war eine Otterjagd vor dem Schloß. Am 20. Februar schließlich machten die Gäste sich allmählich auf den Heimweg.

Der Bericht hebt hervor, seit Menschengedenken habe man nicht erlebt, daß sich im Heiligen Römischen Reich eine derart erlauchte Gesellschaft zusammenfand; alles sei »gut und schicklich« abgelaufen. Aber nichts ist vollkommen. »Wenn es«, so schließt der Bericht, »dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Lüneburg, die gleichermaßen zu der Vermählung geladen waren, möglich gewesen wäre zu kommen, so wären die Versammlung und das Fest noch herrlicher gewesen.«

Der »festliche Einzug« des kurfürstlichen Paares in Heidelberg fand am 3. April statt. Charlotte fuhr in einer mit karmesinrotem Samt ausgeschlagenen, goldverzierten Kutsche – einem Geschenk ihrer Mutter – in ihre Hauptstadt ein, inmitten von grünen Girlanden und unter Glockengeläut, Kanonenschüssen und begleitet von Ansprachen, die in gelehrtem Latein die Schönheit der neuen Kurfürstin priesen. Aber es stand geschrieben, daß es Karl Ludwig weniger Mühe bereiten sollte, die rheinische Pfalz wieder aus Schmach und Schande zu erheben, als eine erfolgreiche Ehe zu führen.

Kapitel II

Karl Ludwig und seine zwei Frauen

Charlotte

Karl Ludwig war jedoch von seiner Schwiegermutter, der Landgräfin Amalie, gewarnt worden. Schon geraume Zeit vor der Hochzeit hatte sie ihn auf die Gefühlskälte und Eigensinnigkeit Charlottes aufmerksam gemacht. Aber er wollte nun einmal heiraten und die rheinische Pfalz in den Genuß der Vorteile einer Verbindung mit dem mächtigen Hause Hessen kommen lassen, dessen Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt durch Heiraten mit allen regierenden Dynastien des Heiligen Römischen Reiches liiert waren. Eine Verbindung mit einer derart angesehenen Verwandtschaft würde ihm viele Türen öffnen und ihm bei seinen Unternehmungen nützlich sein. Das unausgeglichene, reizbare Wesen Charlottes wog wenig im Vergleich zu den politischen Vorteilen, die er sich von dieser Verbindung versprach. Romantisch und despotisch zugleich, glaubte er, es würde genügen, wenn er dieses Püppchen, das die Politik ihm in sein Bett gelegt hatte, nur genügend liebte und gelegentlich die Zügel anzog, damit sie ihrerseits ihn liebte und respektierte. Schließlich war er zwölf Jahre älter als sie und verstand sehr wohl mit Damen umzugehen – nachsichtig und zärtlich, wenn möglich, mit Festigkeit und Strenge, wenn nötig. Kurz, er fühle sich der Sache gewachsen.

Auch wenn man Charlotte gegenüber unvoreingenommen sein will, muß man doch die Dinge so sehen, wie sie sind: die Fakten, die gegen sie sprechen, sind erdrückend. In ihrer Bewertung der Streitigkeiten des kurfürstlichen Paares sind sich die Zeitgenossen erstaunlich einig: Auch wenn sie fast durchwegs die ganz offensichtliche Bigamie des Kurfürsten mißbilligen, verstehen sie doch, daß er, zum Äußersten getrieben, seine widerspenstige Gemahlin schließlich verstieß und bei einer sanften und unterwürfigen Frau Trost suchte. »Es ist nicht zu leugnen«, schreibt einer, »daß die Kurfürstin oft unrecht hatte.« Und ein anderer, in seinem etwas gewundenen Kanzleilatein: »Quamquam et ipsa commoda satis moribus non esset [Wiewohl diese von nicht sehr umgänglichem Wesen war].«[1]

Die Geschichte Karl Ludwigs und seiner zwei Frauen zu schreiben ist vor allem deswegen so schwierig, weil sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts die Legende ihrer bemächtigt hat. 1692, zwölf Jahre nach dem Tod des Kurfürsten also, wurde in Köln bei Jérémie Plantre ein kleines Bändchen in Oktav mit dem Titel La Vie et les Amours de Charles Louis Electeur Palatin (Leben und Liebschaften des rheinischen Kurfürsten Karl Ludwig) veröffentlicht; eine Übersetzung ins Englische erschien noch im gleichen Jahre in London.[2] Fünf Jahre später wurde eine zweite französische Ausgabe in Amsterdam bei Paul Marret verlegt; aus dieser werde ich im folgenden Kapitel zitieren. Schon bald erschienen jenseits des Rheins auch deutsche Übersetzungen, die sich mehr oder weniger eng an das Original hielten.

Es überrascht nicht weiter, daß dieses kleine Büchlein mit seinem marktschreierischen Titel und seinen indiskreten Enthüllungen vor Liselotte, der Tochter eben jenes verliebten Kurfürsten, keine Gnade fand. Sie erwähnt es in ihren Briefen an ihre Tante Sophie zweimal. Im Mai 1692, also in dem Jahr, als die Originalausgabe erschien, schreibt sie ihr in einem Postscriptum: »P. S. Ich habe alß vergeßen, E. L. zu fragen, ob E. L. ein buch gesehen haben, so zu Cöln getruckt worden undt den titre [Titel] hatt: La vie et les amours de Charle Louis Electeur palatin. Es ist übel geschrieben undt voller lügen.« Und 1710, voller Entrüstung: »Das buch von die amour von Charles Louis hatt mich so ungedultig gemacht, daß ichs verbrent habe.«[3] Und in der Tat sucht man diesen Titel im Inventar ihrer Büchersammlungen vergeblich. Diese extreme Reaktion bei einer Prinzessin, die Bücher zwar wirklich liebte, noch mehr aber ihre Würde, macht deutlich, wie demütigend es für sie vermutlich war, mitansehen zu müssen, wie die manchmal in der Tat heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern und die Doppelehe ihres Vaters in aller Öffentlichkeit ausgebreitet wurden.

Das Glanzstück dieses kleinen Bändchens ist ein ausführliches Gesuch Charlottes an Kaiser Leopold I., in dem sie in allen Einzelheiten ihre unglückliche Ehe schildert. Dieser offene Brief, der auf den 21. Juli 1661 datiert ist, wird dem Leser als »eine getreuliche Übersetzung, in der ihr im Französischen nichts anderes lesen werdet als im Deutschen des Originals«, präsentiert. Der deutsche Text der Bittschrift Charlottes wurde zum erstenmal 1714 von Lünig in seinem Werk Teutsche Reichs-Cantzley veröffentlicht und von Gustav Freytag in seinen Bildern aus der Deutschen Vergangenheit wieder aufgegriffen.[4]

Dieser Bericht ist mit Anekdoten gespickt und wird zusätzlich glaubhaft gemacht durch die Einfügung von Briefen der drei Protagonisten des Ehedramas, das einen düsteren Schatten auf Kindheit und Jugend Liselottes warf. Es wäre wirklich zu wünschen, daß der Brief Charlottes an den Kaiser authentisch wäre: der gemäßigte Ton, die teilweise durchaus zutreffenden Details, die er enthält, machen ihn auf den ersten Blick zu einem wahrheitsgetreuen Dokument. Einige Ungenauigkeiten und Widersprüche haben jedoch die meisten deutschen Historiker zu dem Schluß kommen lassen, daß wir es hier mit einer geschickten Fälschung zu tun haben, die man mit Vorsicht lesen muß. Und dies geschieht auf den folgenden Seiten, wenn dieser Brief Charlottes – allerdings mit gewisser Zurückhaltung – zitiert wird, da er durchaus wahrheitsgetreue Tatsachen zu berichten scheint. Vor allem aber nehme ich Bezug auf die sehr aufschlußreichen Memoiren der Sophie von Hannover, die sich damals in Heidelberg aufhielt, auf die Briefe von Sophie, Karl Ludwig und Charlotte sowie auf die recht verläßliche Biographie der Louise von Degenfeld (der anderen Frau Karl Ludwigs), die J. Kazner Ende des 18. Jahrhunderts verfaßte. Eine Reihe von Zeugnissen aus dem 17. Jahrhundert, die Karl Ludwig von der Pfalz betreffen und unter dem bezeichnenden Titel Licht und Schatten veröffentlicht wurden, erlaubten eine nuanciertere Darstellung dieser vielschichtigen Persönlichkeit.[5]

Zu Beginn ihres gemeinsamen Lebens war der Kurfürst ganz offensichtlich sehr in Charlotte verliebt. Er liebkoste sie in aller Öffentlichkeit und nannte sie nicht selten »mein Schatz«. Aber diese Äußerungen ehelicher Liebe stimmten die Kurfürstin durchaus nicht milder; sie fand den verliebten alten Knaben schlichtweg lächerlich. Karl Ludwig, den seine unerwiderte Leidenschaft schon bald eifersüchtig machte, konnte es nur schwer ertragen, wenn seine Gemahlin mit anderen kokettierte, um ihn zu reizen. In einem Brief an ihren Bruder, den Landgrafen Wilhelm, erklärt Charlotte: »Nie wurde ein uneben wortt zwieschen uns gefallen seyn, woefern der Chur. mich nicht stetz mit seynen argwohn persecutiret [verfolgt] und solches, dar man so unschuldig war und in allem sich so gewahrt, eim endtlig auch ermudt undt den gedult verlohren, undt solligs war von ersten tag angefangen, dar fragte er, worin er mich supczonnirt [verdächtigt], sagte ich: in galanterien, dar sagte er: o fuy fuy c’ n’est pas a souffrir [oh, das ist unerträglich] …«[6] Dieser zweisprachige Brief legt die Vermutung nahe, daß die Eltern Liselottes sich in einer Mischung aus Deutsch und Französisch unterhielten. Charlotte geriet schon bei den kleinsten Vorwürfen fürchterlich in Zorn, so daß ihr Mann – zumindest anfänglich – sie mit kleinen Geschenken und Zärtlichkeiten zu besänftigen versuchte.

Sophie in Heidelberg

Nur wenige Monate nach der Vermählung des kurfürstlichen Paares machte sich Prinzessin Sophie, die jüngere Schwester Karl Ludwigs, auf den Weg nach Heidelberg. Sie war eben erst zwanzig geworden, und da sie alles andere als dumm war, erkannte sie wohl, daß ihre Zukunftsaussichten am Hof des rheinischen Kurfürsten wesentlich besser waren als am Hof ihrer Mutter. Sie war der Schatten der Vergangenheit, der Hündchen und Äffchen überdrüssig, die die Residenz in Den Haag bevölkerten. Die ewigen finanziellen Sorgen der Königin von Böhmen hatten sie schließlich deprimiert und ihr für immer einen gesunden Respekt vor Geld mitgegeben. Daher überlegte sie nicht lange, als Karl Ludwig sie einlud, an den Hof von Heidelberg zu kommen. Es fiel ihr nicht weiter schwer, ihre Mutter zu überreden, dem zuzustimmen, und so brach sie, mit kühlem Kopf und klopfendem Herzen, in eine ungewisse Zukunft auf. Mit dem Schiff fuhr sie rheinaufwärts bis nach Mannheim, wo ihr Bruder und ihre Schwägerin sie erwarteten. Hier ihre ersten Eindrücke: »Der Herr Kurfürst mit seinem ungezwungenen Wesen schien sehr erfreut, mich zu sehen, aber die Frau Kurfürstin machte eine sehr leidende Miene und sprach sehr wenig an dem Tage, was mir um so mehr Muße gab, sie recht zu betrachten. Ich sah, daß sie eine sehr große Frau war mit ziemlich kurzem Oberkörper und sehr langen Beinen; sie hatte einen wunderschönen Teint und den schönsten Hals von der Welt. Ihre Züge waren nicht regelmäßig, und ich fand auch, daß ihre Augenbrauen, die sie schwarz färbte, einen zu starken Gegensatz zu ihren sehr schönen, aschblonden Haaren bildeten; und wenn sie ihre Augenbrauen in die Höhe zog, gab dies ihrer sehr hohen Stirn eine Bewegung, die sie recht häßlich machte. Zum Ersatz hatte sie schöne, glänzende Augen, einen ausdrucksvollen Mund, sehr schöne Zähne, und alles in allem konnte man sagen, daß sie eine schöne Frau war.

Ich stieg mit ihr und dem Herrn Kurfürsten in einen Wagen, um mich nach Heidelberg zu begeben, und ich freute mich sehr, in Deutschland einen zu sehen, der besser gebaut war, als die, welche ich unterwegs gesehen hatte; deshalb lobte ich seine Schönheit. Ich war überrascht, an einer Grimasse der Frau Kurfürstin zu bemerken, daß es ihr Hochzeitswagen war, der ihren Ärger erregt hatte, weil er nicht so schön war als der, welchen ihre Schwester erhalten hatte. […] Am Abend kamen wir in Heidelberg an […] Ich konnte mich nicht enthalten, mit meiner holländischen Offenherzigkeit zu sagen: ›Meine Frau Schwägerin ist nicht sehr geistreiche.‹

Am folgenden Tag, der ein Sonntag war, überzeugte ich mich noch mehr davon, als ich sie abholte, um sie in die Kirche zu begleiten, und sie alle ihre schönen Kleider auf einen Tisch ausbreiten sah, während sie die Orte nannte, woher sie gekommen waren, und die Zeit, seitdem sie sie hatte. Ich behandelte das als etwas Gleichgültiges. […] Nachdem sie mir die Herkunft aller ihrer Kleider entwickelt hatte, gingen wir in die Predigt. Auf dem Rückwege machte sie mir das Geständnis, daß sie den Herrn Kurfürsten gegen ihre Neigung geheiratet habe, daß mehrere andere Prinzen um sie angehalten hätten, daß aber ihre Frau Mutter für sie gewählt habe und sie einen eifersüchtigen Alten habe heiraten lassen […] Diese Rede überraschte mich ernstlich, und ich wünschte mich tausendmal nach dem Haag zurück […].

Der Herr Kurfürst machte mir seinerseits ebenfalls vertrauliche Mitteilungen über die Gemütsart seiner Frau Gemahlin. Er sagte mir, sie habe sehr viel Vorzüge und gute Eigenschaften, aber sie sei schlecht erzogen, und bat mich, ihr ihre Ziererei abzugewöhnen und ihr zu sagen, daß sie bei Personen von ihrem Stand nicht üblich sei. Ich sah wohl, daß er sie trotz der Fehler, die er an ihr fand, abgöttisch liebte, und ich schämte mich oft, wenn ich sah, daß er sie vor allen Leuten küßte. Das war ein beständiges Sichumarmen; ich habe sie oft auf den Knien vor ihm und ihn vor ihr gesehen. Damals hätte man gesagt, ihre Liebe werde ewig dauern …«[7]

Dieses Zeugnis ersten Ranges verdiente ausführlich zitiert zu werden. Besser als endlose Kommentare ermöglicht es uns, Charlotte so zu sehen, wie sie war: oberflächlich, eingebildet und ziemlich dumm. Ihr fehlte es ganz offensichtlich an Anpassungsfähigkeit, die ihr ein Auskommen mit dem »eifersüchtigen Alten« ermöglicht hätte, den man ihr aufgezwungen hatte. Das war bedauerlich, denn Karl Ludwig wollte ja gar nicht mehr als eine Frau lieben. Die Meinung, die Sophie sich über ihre Schwägerin gebildet hatte, sollte sich nicht mehr ändern: »Die sei und der leib accordirten [harmonierten] nicht; was das ehne gutt war, verdurb das andere widerum, dan Ihre Libden konten ihre passion [Leidenschaft] nicht schwiegen, aber wan sie zeit hatten, sich zu bedencken, war alles gutt.«[8]

Ein Jahr nach der Ankunft Sophies ließ sich auch ihre ältere Schwester Elisabeth in Heidelberg nieder. Sie hatte gerade den von ihr sehr verehrten französischen Philosophen Descartes verloren, mit dem sie bis zu seinem Tod in Kontakt gestanden hatte. Die beiden Schwestern erlebten voller Beklemmung die Streitigkeiten des Kurfürstenpaares mit.

Indessen trugen die nächtlichen Versohnungen, die es beiden Parteien erlaubten, sich von den Streitigkeiten des Tages zu erholen, Früchte. Kurprinz Karl erblickte am 31. März 1651 das Licht der Welt. Seine Schwester, die kurfürstliche Prinzessin Elisabeth-Charlotte (unsere Liselotte), kam am 27. Mai 1652 zur Welt. »Das kurfürstliche Geschlecht«, bemerkt F. Aussaresses, »zeichnete sich vor allen anderen des Reiches durch unerschöpfliche Fruchtbarkeit aus. Die Pfalzgräfinnen, so könnte man sagen, verbrachten ihr Leben damit, schwanger zu sein.«[9] Mit den achtzehn Kindern, von denen man weiß, übertraf Karl Ludwig sogar noch seinen Vater Friedrich. Charlotte ihrerseits befürchtete – und das zu Recht –, daß dieser Heißhunger nach Vaterschaft ihrer kostbaren Figur schaden könnte.

Auf die Geburt eines dritten Kindes unter ziemlich dramatischen Umständen gehen die Memoiren von Sophie nicht ein. Uns sind zwei Zeugnisse dieses Ereignisses erhalten geblieben; sie stimmen jedoch nicht in allen Einzelheiten überein.[10]