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Der Kriegsmaschinerie galt seine Leidenschaft. Bildhauer und Maler war er nur so nebenbei. Dazu auch Architekt, Ingenieur, Philosoph, Anatom, Eventmanager. Leonardo da Vinci vereinte all diese Berufe und Berufungen in seiner Person und zählt auch noch fünf Jahrhunderte nach seinem Tod zu den berühmtesten Geistesgrößen der Geschichte. Wenig bis gar nichts weiß man allerdings darüber, dass Leonardo ein smarter, vorlauter Rebell war, der in Florenz und Mailand des ausgehenden 15. Jahrhunderts auch gerne einmal seine Fäuste für sich sprechen ließ und dem weiblichen Geschlecht alles andere als abgeneigt war. Seine Affäre mit der schönen Lucrezia Donati, Mätresse seines Arbeitsgebers Lorenzo di Medici, sorgte für reichlich Konfliktpotenzial. Ständig geriet er mit der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit in Konflikt. Und auch mit Zeitgenossen wie Michelangelo, dessen Betrug er lautstark aufdeckte, als dieser eine Statue des jungen Johannes mit Farbe und Sand auf antik trimmte und durch Pierfrancesco de Medici um teures Geld an den Kardinal San Giorgio Raffaele Riario in Rom verkaufte.
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Seitenzahl: 242
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Georg Illichmann, 1947 in Wien geboren, begann seine berufliche Karriere am Flughafen Wien-Schwechat und wechselte anschließend in die Marketing- und Vertriebsabteilung der damals größten österreichischen Fluglinie. Nach einem Arbeitseinsatz in Saudi-Arabien wurde ihm die Leitung der neu eröffneten Außenstelle in Tripolis, Libyen, anvertraut. Es folgten berufliche Stationen in Stockholm und Brüssel. Die letzten sechs Jahre seiner Karriere verbrachte er in Tokio. Nach dem Ausscheiden aus dem Flugbetrieb übersiedelte er mit seiner Familie in das Burgenland.
Seit vielen Jahren interessiert er sich für die Renaissance-Epoche in Italien und deren historischen Protagonisten im Zeitraum des 15. und 16. Jahrhunderts.
Der Kriegsmaschinerie galt seine Leidenschaft.
Bildhauer und Maler war er nur so nebenbei.
Dazu auch Architekt, Ingenieur, Philosoph, Anatom, Eventmanager.
Leonardo da Vinci vereinte all diese Berufe und Berufungen in seiner Person und zählt auch noch fünf Jahrhunderte nach seinem Tod zu den berühmtesten Geistesgrößen der Geschichte.
Wenig bis gar nichts weiß man allerdings darüber, dass Leonardo ein smarter, vorlauter Rebell war, der in Florenz und Mailand des ausgehenden 15. Jahrhunderts auch gerne einmal seine Fäuste für sich sprechen ließ und dem weiblichen Geschlecht alles andere als abgeneigt war. Seine Affäre mit der schönen Lucrezia Donati, Mätresse seines Arbeitgebers Lorenzo di Medici, sorgte für reichlich Konfliktpotenzial.
Ständig geriet er mit der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit in Konflikt.
Und auch mit Zeitgenossen wie Michelangelo, dessen Betrug er lautstark aufdeckte, als dieser eine Statue des jungen Johannes mit Farbe und Sand auf »antik« trimmte und durch Pierfrancesco de Medici um teures Geld an den Kardinal San Giorgio Raffaele Riario in Rom verkaufte.
Dem Charme des weiblichen Geschlechts erlag der ein Meter 93 großgewachsene Leonardo nur zu gerne – und das mit Folgen. So wurde ein Jüngling namens Paolo, der bisweilen in Bologna und Florenz im Gefängnis saß, während Leonardo in Mailand wirkte, als sein unehelicher Sohn mit der Aristokratin Ginevra de Benci, Tochter des steinreichen Florentiner Bankiers Amerigo de Benci, anerkannt.
Paolo begleitete seinen Vater auf Reisen, wann und wo immer es ging, und ist als Erzähler Hauptprotagonist dieses Romans.
Paolo an der Seite des großen Leonardo da Vinci, als Augenzeuge historischer Ereignisse, der auch Erzählungen seines Vaters wiedergibt; was er selbst erlebte, erzählt Paolo in diesem Buch, wobei er Leonardo grundsätzlich als Vater, aber der Zeit angepasst auch beim Vornamen Leonardo anspricht.
Kunstwerke wie die Mona Lisa oder das Letzte Abendmahl »passierten« Leonardo einfach. Seine Leidenschaft galt aber seinem visionären Gedankengut, dem er nicht nur nachhängen wollte, sondern das danach drängte, umgesetzt zu werden, weshalb er den Kontakt zu verschiedenen Kriegsherren suchte.
Leonardos Worte, »es wird Wagen geben, die von keinem Tier gezogen werden und mit unglaublicher Gewalt daherfahren«, beweisen, dass er seiner Zeit Jahrhunderte voraus war.
Künstler waren in der Hofhierarchie des auslaufenden 15. Jahrhunderts ganz unten angesiedelt. Ingenieure und vor allem jene, die sich der Kriegstechnik widmeten, genossen hingegen hohes Ansehen.
Und seine letzten Worte, bevor er Italien den Rücken kehrte und nach Frankreich übersiedelte, spiegeln sich in der folgenden Szene wider und sprechen für die besondere Art seines Genies.
In der Mailänder Weinschenke Zum Lamm fand er den Kopf des Judas, der kurz darauf die Fertigstellung des Letzten Abendmahls im Refektorium einleitete. Vor einem Krug Vino Santo aus Castiglione sitzend, plauderte Leonardo mit Malern, Steinmetzmeistern und bestellte beim Lammwirt einen Lammrücken, »recht fein gespickt«, sowie einen Kapphahn mit einem »Ragout von feinen Pilzen«.
Ihm gegenüber saßen zwei interessante Persönlichkeiten Mailands. Im Mönchshabit Bruder Luca, Mathematikprofessor an der Universität von Pavia sowie ein etwas schäbig wirkender Marktschreier, der sich aber als grandioser Dichter und Interpret von Versen hervortat: Mancino.
Leonardo legte drei Kupferdreier vor dem Mann hin und bat ihn um eines seiner intelligenten Gedichte. Dieser ließ sich nicht lange bitten, strich das Geld ein und begann:
»Ich kenn den Wein an dem Gebinde
Ich kenn des Narren Narretei
Ich kenn die Tugend kenn die Sünde
Ich kenne jedes Vogels Schrei
Kenn Zechen die ich nie beglich
Ich kenn die Hölle kenn den Himmel
Ich kenne alle nur nicht mich!«
Leonardo kramte einige Münzen aus seinem Beutel und bestellte Wein, Fisch und Braten für Mancino, den er interessanterweise »François« nannte.
Denn niemand in Mailand – außer Leonardo – wusste, wer hinter Mancino steckte: nämlich kein Geringerer als der in Frankreich verschollene und in Mailand untergetauchte Poet François Villon …
Und dieser meinte, nachdem Leonardo seinen Judaskopf skizziert hatte: »und Ihr werdet nun endlich den Herzog zufriedenstellen, dem Ihr dient und den Ruf dieser Stadt befördern, der Ihr angehört!«
»Ich diene«, sagte Leonardo, »keinem Herzog und keinem Fürsten und ich gehöre keiner Stadt, keinem Land und keinem Reich an. Ich diene allein meiner Leidenschaft des Schauens, des Erkennens, des Ordnens und des Gestaltens und ich gehöre nur meinem Werk …!«
Sprung in die jüngere Vergangenheit: Im Frühjahr 2012 eröffnete Königin Elisabeth II. von Großbritannien, in der Queen's Gallery, in unmittelbarer Nähe des Buckingham Palastes in London, eine der bemerkenswertesten Ausstellungen dieses Jahrhunderts:
Leonardo da Vinci: der Anatomist.
Arbeitstitel: Inside His Mind, Inside The Body.
Die Sekundärliteratur über Leonardo da Vinci befasst sich zu 95Prozent mit seiner Malerei. Vier Prozent der Publikationen geben über seine technischen Erfindungen Auskunft. Und nur ein verschwindend kleines, einzelnes Prozent befasst sich mit den anatomischen Studien des Meisters; den finsteren Seiten seines Lebens widmen sich nur einige Randbemerkungen.
Da Vinci wollte seine ungewöhnlich präzisen, heute noch faszinierenden Aufzeichnungen in einem Buch über Anatomie veröffentlichen, was aber – aus verständlichen Gründen – bedenkt man die Umstände am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts, nie zustande kam.
Zwar wurden nach seinem Tod am 2. Mai 1519 Notizen und Aufzeichnungen unter seinen persönlichen Unterlagen gefunden; ihre Bedeutung blieb jedoch über 400 Jahre lang unerkannt.
Zumindest bis Wissenschaftler begannen, die Ausstellung in London vorzubereiten.
Dieser Roman setzt sich aus historisch belegbaren Fakten und teilweise erfundenen oder künstlerisch ausgeschmückten Protagonisten zusammen. Um den spannenden Informationen über Leonardo da Vinci auf die Spur zu kommen, waren neben den »fact-finding«-missions in London, Mailand und der Toskana, zwei Hauptwerke von entscheidender Bedeutung:
Diese sind Giorgio Vasaris Le Vite sowie der Codex Windsor mit seinen 153 Blättern – Manuskripte und Zeichnungen, die beweisen, dass Leonardo da Vinci vor 500 Jahren bahnbrechende Erkenntnisse im medizinischen Bereich gelangen, weshalb er als historischer Begründer noch heute gültiger Medizintechnologien, wie zum Beispiel der Tomografie oder der Ultraschalldiagnostik, angesehen wird.
Das Aufspüren historischer Sekundärliteratur gestaltete sich äußerst schwierig; die Akteure, über deren Existenz kein Zweifel besteht, begeben sich in diesem Roman auf teils verbrieften, teils erfundenen Pfaden.
Denn nur so konnte die Authentizität von Fakten einer Geschichte zugeführt werden, welche die genialen aber finsteren Machenschaften von Leonardo da Vinci dokumentieren, die zu seinem unbekannten Schöpfertum im Bereich der Anatomie beizutragen half.
Geldgier, Machtkämpfe, Auf- und Abstieg historischer Persönlichkeiten; Namen wie Medici und Strozzi, die Kriegslust der Borgia und Sforza sowie die politischen Intrigen eines Machiavelli dürfen dabei ebenso wenig fehlen wie eben der Hauptakteur.
Und natürlich die, bis aufs Messer geführten Streitigkeiten mit den Malertitanen Michelangelo oder Raffael.
Der Kampf um Aufträge, halbfertige, nie vollendete Wunderwerke der Renaissance, die uns heute in Enthusiasmus geraten lassen, waren die Antwort auf Neid, Missgunst und Existenzängste.
Trotzdem: Wohl nie zuvor haben Geld, Kreativität und Auserwähltheit so zielstrebig zusammengewirkt wie im Florenz des 15. Jahrhunderts.
Die Vertreter des lokalen Handels- und Finanzkapitals traten in spendable Konkurrenz, wer die größte und schönste Statue für den jeweiligen Zunftheiligen vorweisen konnte.
Die edlen Skulpturen sollten die Nischen an der Außenmauer der Kirche Orsanmichele in Florenz füllen.
Die Kaufleute bekamen ihren Patron, einen monumentalen Johannes den Täufer, in Bronze, die Bankiers und Wechsler ihren Apostel Matthäus und auch die Wollhändler zeigten sich erkenntlich: Sie gaben bei Ghiberti den Heiligen Stephanus in Auftrag. Die Waffenschmiede orderten den Heiligen Georg aus Marmor beim Ghibertilehrling Donatello.
Kaum ein anderes literarisches Werk hatte aufgrund seiner komplexen aber doch sehr präzisen Beschreibungen einen derart nachhaltigen Einfluss ausgeübt wie die von Giorgio Vasari verfassten Lebensbeschreibungen berühmter Maler, Architekten und Bildhauer, die unter dem Titel Le Vite veröffentlicht wurden.
Vasari kannte den Protagonisten, mit dem er den dritten Teil der LeVite beginnen lässt, nicht persönlich. Denn als Leonardo da Vinci 1515 im Alter von 64 Jahren nach Frankreich an den Hof von König Franz I. ging, war der spätere Künstlerbiograf noch ein Kind von vier Jahren.
Leonardo war schon damals ein Mythos und umso mehr zu jener Zeit, als Vasari in den 40er-Jahren des Cinquecento an der ersten Ausgabe seiner Vite arbeitete.
Zahlreiche Schriften anderer Autoren unterstützten ihn dabei.
Schon in den frühen 90-Jahren des 15. Jahrhunderts hatte der Vater des berühmten Raffael aus Urbino, Giovanni Santi, Leonardo als »göttlichen Maler« bezeichnet.
Weiters pries Bernardo Bellincioni, Dichter am Mailänder Hof der Sforza, Leonardo als einen der »vier göttlichen Sterne«.
In Bezug auf seine anatomische Hinterlassenschaft, dürfte der Arzt Paolo Giovio in Florenz einer der wichtigsten Zeitzeugen für Vasari gewesen sein.
Dr. Giovio hat noch die persönliche Bekanntschaft Leonardos gemacht, mit ihm gemeinsam Leichen seziert und die anatomischen Studien ebenso schriftlich festgehalten – nur nicht in der berühmten Spiegelschrift Leonardos.
Auch wenn das folgende Werk als Quelle unergiebig war, muss es doch hier erwähnt werden: Il libro del cortegiano von Baldessare Castiglione. Er entwarf – und erfand – fiktive Streitgespräche zwischen Mantegna, Raffael, Michelangelo sowie Leonardo da Vinci. Dieses Werk erfreute sich seinerzeit ungeheurer Popularität, unterlag aber auch einigen Irrtümern.
Keine Episode unterstreicht den fragwürdigen Wahrheitsgehalt mehr als jene, in der am Ende berichtet wird, dass Leonardo in den Armen von König Franz I. gestorben sei, was Historiker in Vinci bestätigen. Obwohl der König zwei Tagesritte entfernt ein Edikt unterzeichnen hätte sollen, war er am 2. Mai 1519 in Amboise am Totenbett des von ihm so verehrten Meisters.
Mit der Lebensgeschichte Leonardo da Vincis hat uns Giorgio Vasari ein farbenprächtiges, höchst ambivalentes Bild des Künstlers hinterlassen, das bis zum heutigen Tage nichts von seiner faszinierenden Wirkung eingebüßt hat.
Am Montag, dem 6. Mai 2013, verstarb in Rom Machiavellis frommster Musterschüler: Giulio Andreotti.
Von den Machtzentralen Machiavellis in Florenz bis nach Rom auf die Anklagebank in Palermo – Andreotti war überall.
Wie kein anderer Politiker Italiens verkörperte Andreotti, siebenfacher Premierminister zwischen 1972 und 1992 sowie 33-facher Minister, Machiavellis Theorie und Philosophie von »der Theorie und Erhaltung von Macht und Herrschaft«.
»Die Macht zehrt nur an jenen, die sie nicht haben« – so Andreottis wohl bekanntestes Bonmot.
Diese Passage ist deshalb so unentbehrlich, weil Niccolo Machiavelli schon vor mehr als 500 Jahren identische Höhenflüge und steile Abstürze erlebte und diese bis heute das politische Gefüge Italiens bestimmen.
Aber lassen wir zunächst den durch die Roten Brigaden, fast auf den Tag genau mit Andreottis Tod, am 9. Mai 1978, in Rom ermordeten Politiker Aldo Moro zu Wort kommen, der über Andreotti folgendes, ein nicht sehr schmeichelhaft gehaltenes Abbild präsentierte, was zweifelsohne vom Sekretär der Dieci di pace e di liberta, Machiavelli, stammen könnte:
»Ein kalter Regisseur, undurchdringlich, ohne Zweifel an seinem Tun, ohne einen Funken menschlichen Mitleids, ein Mann der die Macht erobert hat, um Böses zu tun …«
Der Rolle Machiavellis und seinem empirischen Denken sowie der geistigen Allianz mit Leonardo da Vinci und beiden Arbeitgebern, Cesare Borgia, werden wir in diesem Buch noch einige Male begegnen.
Dem Stellenwert entsprechend wird hier eine längere Passage einem der eindrucksvollsten Demonstrationen da Vincis Schaffen gewidmet: dem zwischen 1494–1498 im Auftrag des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza geschaffenen Wandgemäldes L'Ultima Cena oder Das Abendmahl.
Ganz bewusst wird allerdings von unzähligen, historischen und pseudo-historischen Publikationen Abstand genommen.
Vielmehr wird hier gemäß den Aufzeichnungen aus Windsor wahrheitsgetreu nachvollzogen, was Leonardo im Sinn gehabt hatte: durch seine anatomischen Studien, Momentaufnahmen, individueller Physiognomie, charakteristische Gesichtszüge der Apostel während des Abendmahls darzustellen.
Also eine Leib-Seele-Philosophie.
In sorgfältigen Einzelstudien erforschte und skizzierte Leonardo die Köpfe der Jünger, bevor er einen Pinselstrich setzte, was den Prior des Klosters Santa Maria delle Grazie zur Weißglut trieb und der sich beim Herzog über die »Faulheit des angeblichen Künstlers« beschwerte. Dieser ließ Leonardo zu sich rufen und erklärte ihm gleich zu Beginn, dass er dies nur wegen der Zudringlichkeit des Priors angeordnet habe.
Leonardo kannte und schätzte den klaren Verstand seines Herzogs und äußerte sich weitläufig über die Kunst. Er berichtete weiters, dass er eigentlich nur noch über die Gesichtszüge des Judas nachdenke. Am ehesten, so schien es Leonardo, wäre da wohl das Antlitz des Priors geeignet … Das brachte den Herzog so sehr zum Lachen, dass er dies sofort dem Prior mitteilte. Dieser war verwirrt und beleidigt, ließ aber Leonardo ab sofort in Ruhe arbeiten, sodass der Kopf des Judas am Schluss eine geniale Symbiose aus Verrat und Unmenschlichkeit repräsentierte. Das Haupt Christi blieb in diesem Kontext dagegen unvollendet.
Ein weiterer Schwerpunkt der Maltechnik stellt der Lichteinfall im Raum des Abendmahls dar.
Das Licht, das die Szene ausleuchtet, kommt demnach nicht von den drei Fenstern im hinteren Teil des Raumes, sondern strahlt schräg von links auf die Jünger.
Aber wo genau befand sich dieser so geschichtsträchtige Raum eigentlich?
Eine Minderheitenposition der Syrisch-Orthodoxen Kirche vertritt die Ansicht, dass es sich dabei um den Abendmahlsaal unter der heutigen Markuskirche im Armenischen Viertel der Jerusalemer Altstadt handelt.
Einem Bericht von mehreren, unabhängigen Forschern zufolge entspricht der Raum aber gemäß kirchlicher Tradition, Archäologie und Landeskunde mit größter Wahrscheinlichkeit einem Gebäude vis-à-vis der Abtei Dormitio am Südwesthügel Jerusalems, dem christlichen Zion.
Dazu trat ich anfangs des Jahres 2014 mit dem Leiter des Jerusalemer Instituts JIGG und der Bibliothek der Abtei Dormitio, deren Pressesprecher Dr. Nikodemus Claudius Schnabel in Jerusalem, in Kontakt.
Er bestätigte, dass die Abtei Dormitio in Jerusalem als legitimer Ort anerkannt sei.
Der dritte Schwerpunkt liegt im Studium Leonardos vom Alten und Neuen Testament. Woher er die Unterlagen beziehungsweise die Sprachkenntnisse hatte, liegt im Dunkeln. Es wird vermutet, dass gelehrte Mönche des Klosters, in welchem Leonardo arbeitete, ihn in zahlreichen Gesprächen mit der Materie vertraut gemacht haben, zumal Aufzeichnungen von Streitgesprächen vorliegen, die Leonardos Zweifel an theologischen Ungereimtheiten bestätigen.
Kaum ein Künstler hat unsere abendländische Vorstellung vom letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern so nachhaltig geprägt wie Leonardo da Vinci. Aber entspricht sein Gemälde den damaligen historischen Begebenheiten?
Wie gut kannten die ihn beratenden Mönche das antike Judentum und existiert eine verlässliche, historische Aussage über das, was sich beim Abendmahl 33 n. Chr. ereignete?
Im Juni 2014 begaben meine Frau und ich uns auf die Suche nach der »größtmöglichen Wahrheit«. Monate im Voraus buchten wir die Eintrittskarten für das Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie in Mailand, um schließlich vor dem Phänomen zu stehen und mit der italienischen Fremdenführerin darüber zu diskutieren.
Was von Dan Browns Sakrileg zu halten sei, nämlich die Theorie, dass zur Rechten von Jesus Christus Maria Magdalena und nicht der Jünger Johannes dargestellt sei, quittierte sie mit einem klaren »völliger Unsinn«.
Ein Abendmahl mit nur elf Jüngern?
Das wäre zur Zeit Leonardos ein Religionsfrevel – also ein wahres Sakrileg – gewesen.
Moderne Museumslabors haben bei ihrer Spurensuche den historischen Hintergrund des Gemäldes einwandfrei bewiesen, wobei sie sich auf Fakten berufen, die in das Jerusalem des 1. Jahrhunderts, in der Zeit, als Jesus lebte und wirkte, zurückgehen.
Und so steht man überwältigt und gerührt vor einem Gemälde, das den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit darstellt; nicht nur als das, wie die Geschichte ihn charakterisiert, sondern auch mit seinen unzähligen anderen Lebensformen und Lebensbereichen, die den Betrachter in gleicher Weise mit Ehrfurcht erfüllen und schaudern lassen: »La simplicità costituice l´ultima sofisticazione« – »Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung ...«
»Maestro, die Suppe wird kalt«
Pöttschinger See, Sommer 2015
Ich, Paolo, wachte noch vor dem Morgengrauen auf. Es fröstelte mich.
Ich hatte schlecht geträumt und folgedessen schlecht geschlafen.
Der Frühling war längst in der Toskana eingezogen. Aber hier in Florenz fielen die Temperaturen in der Nacht noch immer unter den Gefrierpunkt.
Man schrieb das Jahr 1500.
Es war Freitag, der 20. April im Monat des Jahres, in dem Luzifer aus dem Himmel verstoßen wurde.
Wie schon so oft in den vorangegangenen, einsamen Nächten, hatte ich davon geträumt, dass mein Vater endlich nach Florenz zurückkehren würde.
Seine bottega in der Via Cesare Battista No. 6, in unmittelbarer Nähe der Piazza di San Marco und etwas mehr als zehn Gehminuten durch die Via Calimala und Via Ricasoli von den Uffizien entfernt, war schon lange verwaist.
Ich und die Haushälterin, die ich trotz ihrer französischen Abstammung statt Mathurine Maturina rufen durfte, bewohnten je eine Kammer bei den Servitenbrüdern der Kirche Santissima Annunziata, was diese freundlicherweise und aus Dankbarkeit meinem Vater gegenüber kostenlos zur Verfügung stellten.
Auch hatte ich Zugriff zu einem Bankkonto im Spital Ospedale Santa Maria Nuova, welches sich rund acht Gehminuten von der Unterkunft an der Piazza Santa Maria Nuova 58, Ecke Via Maurizio Bufalini, befand. Und dort hatte mein Vater, im Keller der Ägidius Kapelle, welche provisorisch als Sezierraum eingerichtet war, seine ersten Leichen seziert.
Woher das Geld kam wusste ich nicht.
Aber es war praktisch, meinen bescheidenen Lebensstil zu finanzieren, auch wenn die Summe gering, begrenzt und vor allem peinlichst genau dokumentiert wurde. Und nach meinem Gefängnisaufenthalt in Bologna hatte ich mich sowieso entschieden, in Florenz nicht weiter aufzufallen. In die Fußstapfen meines Vaters zu treten, hatte ich auch nicht vor.
Dazu fehlte mir die nötige Ausbildung und der Intellekt meines Vaters.
Auch teilte ich seine vielfältigen Interessen kaum, da ich mir aus Malerei, dem Erfinden von Kriegsgeräten, Architektur und Naturwissenschaften nichts machte.
Einzig seinen anatomischen Studien, die er zu meiner Verwunderung spiegelverkehrt aufzeichnete – warum, erfuhr ich erst später – konnte ich ein gewisses Interesse entgegenbringen.
Trotzdem war es mir nicht klar, wozu das Wissen um Hirnanatomie und sagittalem Hirnschnitt gut sein sollte und vor allem welchen Nutzen man daraus für seinen Lebensunterhalt ziehen konnte.
Wozu studierte er die Physiognomie eines Menschen und was hatte das mit seiner Malerei zu tun?
Die Vorurteile seiner Zeit und die päpstlichen Anordnungen, die das Sezieren von Leichen strengsten untersagten, ignorierend, zersägte er methodisch Knochen, öffnete Schädel und interessierte sich in großem Maße für die Pathologie.
Irgendwann bestätigte er selbstbewusst, dass er das nicht gelöste Geheimnis von Hippokrates und Avicenna von vor ziemlich genau 1000 Jahren gelöst hätte: die Arteriesklerose.
Aber das war Jahre her und seitdem kursierten Gerüchte, dass er sich bei seinem Freund und Gönner, Luca Pacioli, in Mailand in den Diensten von Ludovico Maria Sforza, auch wegen seiner dunklen Haut- und Haarfarbe Il Moro genannt, aufhielt und ebendort ein gigantisches Reiterstandbild Francesco Sforzas zu errichten beauftragt worden war.
Maturina wusste ebenso wenig wie ich, wo er sich tatsächlich aufhielt. Ständig trafen Eilbriefe der Herzogin Isabella Gonzaga d'Este aus Mantua ein, was darauf schließen ließ, dass sich mein Vater auf dem Weg nach Florenz befand. Auch die Servitenbrüder forderten ungeduldig von meinem Vater das versprochene Altarbild, welches er ihnen zu malen gelobte, bevor er Florenz verließ und nach Mailand aufbrach.
Den Auftrag hatte in der Zwischenzeit Filippo Lippi halbherzig bekommen – trotzdem wollten sich die Klosterbrüder mit einem Gemälde meines offenbar berühmten Vaters schmücken.
Lippi zeigte sich zwar enttäuscht, hatte jedoch die Entscheidung akzeptiert.
Hier in Florenz herrschte seit fast zwei Jahren eine Art Aufbruchstimmung und vorsichtige Erleichterung …
Hatte man doch am 23. Mai 1498, einem trüben, regnerischen Montag, den ursprünglich geliebten, doch später gehassten Bußprediger Girolamo Hieronymus Savonarola gemeinsam mit seinen beiden Mitbrüdern Domenico Buonvicini und Silvestro Maruffi zuerst gehängt und dann verbrannt.
Die Menschenmenge auf der Piazza della Signoria war unübersehbar, zumal einige Jahre vorher Bruder Savonarola auf exakt diesem Platz die »Verbrennungen der Eitelkeiten« getätigt und die Medici aus Florenz verjagt hatte.
Aber über ihn und seine Machenschaften sollen wir noch mehr erfahren …
Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich den Weg in meine Kammer. Draußen hörte ich schon Maturina wie jeden Morgen in der Küche hantieren.
Ich wollte noch etwas dösen, als mich Lärm, Stimmengewirr und das Klappern von Pferdehufen endgültig aus dem Bett warfen: Mein Vater war zurück.
Ich wusste nicht, ob das ein gutes Zeichen für mich, für ihn und für Florenz darstellte.
Polternd, was gar nicht seine Art war, öffnete er die Haustüre, umarmte zuerst Maturina und maß mich dann von Kopf bis Fuß, ob denn diese eigentümliche Gestalt auch wirklich sein Sohn war.
Er kam direkt von der Santa Maria Nuova, wo er 50 Florin von seinem Konto abgehoben hatte.
Er fand viel Altes, was ihm in Florenz vertraut war. Aber auch viel Neues.
Sein Vater, also mein Großvater, wohnte noch immer in der Via Ghibellina, nicht weit von dem Ort, wo mein Vater als Lehrjunge in der Bottega von Verrocchino sein Handwerk zu lernen begonnen hatte. Ser Piero da Vinci arbeitete nach wie vor als Notar, hatte wieder geheiratet und in der Zwischenzeit weitere eheliche Kinder bekommen.
Alte Ressentiments zwischen Vater und Großvater bestanden noch immer, hatten aber in der Zwischenzeit keinen besonderen Brennpunkt mehr.
In der künstlerischen Welt waren alte Gesichter verschwunden, neue hinzugekommen.
Ich wusste zu berichten, dass die Brüder Pollaiuolo und Domenico Ghirlandaio tot waren. Unten, in der Via della Porcellana, malte Botticelli noch immer seinen altmodisch anmutenden Stil.
Außer Sichtweite – denn er lebte bereits in Rom – legte der arrogante, neue Star, der Magistratssohn aus Caprese, Michelangelo di Ludovico Buonarroti, gerade mal 25 Jahre alt, letzte Hand an sein erstes, bildhauerisches Meisterwerk: der Pietà.
Mein Vater war ruhig, wirkte gelassen und entspannt und nahm sich viel Zeit, mir vorerst zuzuhören. Als er die ersten Neuigkeiten – ohne besondere Gemütsregung – vernommen hatte, lehnte er sich zurück, blickte mir lange in die Augen und versprach, mir am Abend ausführlich über seine Zeit, die letzten Jahre, die er außerhalb von Florenz verbracht hatte, zu erzählen.
Maturina hatte in der Zwischenzeit seine geliebte Zuppa Toscana, die klassische Minestrone auf toskanische Art, mit viel Borlotti und Pancetta zubereitet und aufgetischt. Doch mein Vater wirkte auf einmal abwesend, in sich gekehrt und mit seinen Gedanken weit weg.
Erst als Maturina rief: »Maestro, die Suppe wird kalt!« … schien wieder Leben seinen Körper zu durchströmen und ein glückliches Lächeln verzauberte sein Gesicht.
Meine Neugierde war unbeschreiblich und ich wartete mit Spannung auf seine angekündigten Erzählungen.
Und so begann Leonardo mir, seinem Sohn, zu erzählen, wie alles im Jahre 1482 am Hofe der Sforzas in Mailand seinen dramatischen und richtungsweisenden Lauf nahm …
Als mein Vater 18 Jahre alt war, dürfte sich eine einschneidende Episode in seinem Liebesleben ereignet haben, in deren Mittelpunkt drei junge, hübsche Frauen aus Ferrara standen.
Wie und ob sie ihn nachhaltig geprägt haben, lässt sich aus seinen Schilderungen nicht erkennen, zumal er sich oft verspricht, die Stirn runzelt oder den Faden verliert.
An einem Freitag, den 29. April 1470, packt Laodomia Strozzi im Eckzimmer des Palazzo Strozzi Beviacqua in Ferrara einen großen Reisekoffer.
Ein letzter Blick auf die Via Palestro und den Park Ariostea, als es an der Tür klopft: Eine der engsten Freundinnen von Laodomia, die schöne Patrizierin Aureliae Perucci, betritt den Raum.
»Bist du reisefertig, Domina?« Domina war der Spitzname der stolzen Laodomia.
»Wenn Peruschka auch fertig ist, können wir abreisen«, sagte Laodomia.
Die Kutsche stand bereit und die Stationen auf dem Weg von Ferrara nach Florenz waren von den Dienern ihres Vaters bereits auf das Kommen der drei Frauen vorbereitet.
»Die florentinischen Männer sollen stolz und reich sind«, flötete Laodomia und Aurelia bekräftigte das, indem sie mit ihrer Löwenmähne heftig nickte. »Genau was wir suchen. Und wenn wir Glück haben, treffen wir sogar auf Lorenzo di Medici – oder, was mir noch lieber wäre, auf seinen Bruder Guiliano.«
»Übermorgen, Sonntag, soll auf dem Hauptplatz eine Hinrichtung stattfinden. Meinst du, wir sollen da hingehen?«
»Wie aufregend!« Laodomia konnte die Ankunft in Florenz nicht mehr erwarten.
»Hast du eigentlich keine Bedenken, Girolamo hier sitzen zu lassen? Er ist doch unsterblich verliebt in dich?«
»Savonarola ist ein Langweiler – lass mich mit ihm in Ruhe. Er steht Tag und Nacht vor seinem Schreibpult.«
»Aber er hat gedroht, dass er im Falle einer Zurückweisung von dir ins Kloster gehen wird …«
»Soll er doch. Was fange ich mit einem gehemmten Mönchlein an, der die Verwilderung der Sitten anprangert! Und bei seinen vorgefassten Predigten überkommt mich regelmässig der Schlaf … Ich will raus aus Ferrara, hinaus in die Ferne. Nach Florenz!
Und er soll der sündigen Welt den Rücken zeigen – aus ihm wird niemals eine faszinierende Persönlichkeit.«
Wenig später verließ eine vollbepackte Kutsche die Stadttore von Ferrara und das Klatschen der Peitsche ging im aufgeregten Geschnatter der drei Frauen unter.
Spätnachts kamen sie in dem kleinen Örtchen Casalecchio di Reno südlich von Bologna an, wo sie in der Herberge Tira L'Aura sprach- und grußlos in ihren Betten verschwanden.
Zeitig am nächsten Morgen ging es weiter, um auf direktem Weg in die blühende Stadt Florenz zu gelangen, wo die großen Abenteuer auf sie warten sollten …
Sonntag, der 1. Mai 1470, präsentierte sich mit Sonnenschein und blauem Himmel. Der Sommer hatte schon einen Fuß in die Toskana gesetzt.
Guiliano und sein Bruder Lorenzo di Medici schlenderten bestens gelaunt durch die engen Gassen der Altstadt von Florenz, spazierten auf der Via della Condotta, bogen nach links und erreichten die Piazza della Signoria. In der Nähe befand sich das Gerüst eines zukünftigen Bauwerks, des Platzes Biancone und seinem Fontana del Nettuno, wie es ihn schon in Rom und Bologna gab.
In unmittelbarer Nähe war das Schafott errichtet worden. Um die Mittagszeit sollte eine öffentliche Enthauptung stattfinden.
»Wir sind das Salz von Florenz«, meine Lorenzo spöttisch. Über ihren Notar, Piero da Vinci, hatten sie Kenntnis über dessen Sohn Leonardo bekommen, der in der Werkstatt von Andrea del Verocchio Musik, Zeichnen und Malen studierte. »Aber sein wahres Talent soll in der Technischen Physik liegen«, meinte Guiliano, der sofort an modernes Kriegsgerät dachte.
»Er müsste so in unserem Alter sein«, sinnierte Lorenzo.
»Vielleicht sollten wir ihn mal zu uns einladen und seine Fähigkeiten ausloten«, meinte Guiliano.
Guiliano hatte ein Verhältnis mit Simonette Vespucci, der zweifellos schönsten Frau von Florenz. Diese war zwar mit dem Sohn des berühmten Seefahrers Amerigo Vespucci, Marco, verheiratet. Aber dessen homosexuelle Vorlieben veranlassten Simonetta nicht unbedingt zu bedingungsloser, ehelicher Treue.
Im Gegenteil: Die regina della bellezza, wie Guiliano sie nannte, löste durch ihr Verhältnis mit einem Mediciregenten einen stadtbekannten Skandal aus …
Zu dieser Zeit eröffnete Alessandro Mariano Filipepi seine eigene Künstlerwerkstatt im Florentiner Arbeiterviertel Ognissanti.
Und einer, der dort ab sofort ein- und ausging, war mein Vater Leonardo. Aber nicht der schönen Künste wegen, sondern wegen des hervorragenden Weins, dem er dann in Gesellschaft von Alessandro in großem Maße zusprach.
Und so dauerte es auch nicht lange, bis Leonardo seinem älteren Freund den Spitznamen »Botticelli«, das Fässchen, verpasste. Da meinem Vater Alessandro auch zu lange erschien, ward alsbald Sandro Botticelli in aller Munde.
Und er, nicht Leonardo, bekam von den Medici den Auftrag, ein Gemälde mit dem Arbeitstitel »einer aus dem Meeresschaum steigenden Liebesgöttin« zu malen.
Und Modell stand keine Geringere als Simonetta Vespucci …
Und so entstand Botticellis »Geburt der Venus«.
An diesem herrlichen Sonntagvormittag spazierte auch Leonardo mit seinem elfjährigen Mitschüler Lorenzo di Credi über die Via Calimaruzza und sie erreichten die Piazza della Signoria auf der westlichen Seite. Und trafen dort fast zeitgleich mit den Medicibrüdern beim Fontana del Nettuno ein.
Laodomia, ihre Freundin Aurelia und die Magd Peruschka kamen die Via dei Gondi entlang zum Hauptplatz, um dem Schauspiel der Hinrichtung beizuwohnen.
Im Gewimmel der riesigen Menschenansammlung trafen sich Leonardos und Laodomias Blicke gleichzeitig mit jenen von Giuliano di Medici.
Beide Männer hatten augenblicklich die Schönheit aus Ferrara erblickt und strebten sofort zu ihr hin. Und so standen sich die drei gegenüber: der mächtige Herrscher aus dem Hause Medici, die bildhübsche Tochter der Strozzidynastie und das schon aufsteigende Talent, Leonardo da Vinci.
Guiliano witterte Gefahr. Mit einer schnellen Bewegung erfasste er die Hand der Signorina und deutete einen galanten Handkuss an. Mein Vater hingegen, nicht sehr geschult im Umgang mit jungen Damen, verneigte sich nur kurz und murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart. Die Weichen für einen Erfolg bei Laodomia waren für Giuliano Medici gestellt.
Aber nur für einen Augenblick.
Leonardo, für seine 18 Jahre mit ein Meter 85 schon groß und attraktiv, erregte sofort die Aufmerksamkeit von Laodomia.
Was war es, was sie so in den Bann zog?
Im Florenz des ausgehenden 15. Jahrhunderts war Gepflegtheit bei Frauen aber ebenso bei Männern von essentieller Bedeutung. Und da war Leonardo – im krassen Gegensatz zu Michelangelo – eine besondere Lichtgestalt. Handgefertigte Schuhe der Marke Scarosso aus Montegranaro, gepflegte Hände und vor allem Fingernägel, raffinierte Bescheidenheit und vor allem intellektueller Witz. Seine aufrechte Haltung und sein offenes Lächeln ließen Leodomia die Brüder Medici gleich vergessen.
Aber so schnell gab sich Guiliano nicht geschlagen. Er forderte Leonardo ganz offen zu einem Marostica auf; und dem Gewinner stünde dann die Gunst Laodomias zu …
