Der Traum des Marco Polo - Georg Illichmann - E-Book

Der Traum des Marco Polo E-Book

Georg Illichmann

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Beschreibung

Der venezianische Kaufmann Marco Polo (ca. 1254–1324) bereiste bereits im 13. Jahrhundert als einer der ersten Europäer das unbekannte Asien. Er hinterließ mit "Il Milione" einen minutiösen Reisebericht, der das geografische Weltbild im Europa des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit stark beeinflusste. Inspiriert von den Abenteuern Marco Polos, verfasste Georg Illichmann einen lebendigen Bericht über seine eigenen Reisen, die ihn unter anderem nach Japan, China, Nordkorea, Vietnam und die Südsee führten. Kurzweilig, humorvoll und äußerst sprachgewandt schildert er die Politik, die Kultur, die Sehenswürdigkeiten und die Geschichte des jeweiligen Landes und lässt den Leser so unmittelbar an seinen Erlebnissen teilhaben.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Georg Illichmann

Der Traum des Marco Polo

Zeitreise zu den »32 Winden« Asiens und der Südsee

Books on Demand

Inhalt

Marco Polo,

seine Reisen, seine Berichte, seine Träume

Marco Polo – »in der Nussschale«

Präludium: Die Reise von Vater und Onkel

Vom Vorderen Orient bis nach Asien

Die Alte Seidenstraße

Wie alles begann

Der Vordere Orient

Kapitel I: Japan

Einleitung

Begegnungen

Die etwas andere Geschichte Japans

Japans Religionen

1. Inside Tokio

Kleines Japan-Glossar

Tokio

2. Yokohama

3. Kyoto

4. Inari

5. Nagasaki

6. Nara

7. Morioka

8. Hiroshima

9. Kamakura

10. Sapporo

11. Osaka

12. Katsunuma

13. Nagoya

14. Miyazaki

15. Okinawa

16. Ishigaki

17. Nagano

18. Fukuoka

Japan heute

Gegenwart und Zukunftsvisionen

Kapitel II: Korea

1. Abenteuer Nordkorea

Kapitel III: China

Einleitung

1. Peking/Beijing

2. Shanghai

3. Hongkong

4. Macao

5. Hainan

6. Xian

7. Taiwan

China heute

Kapitel IV: Tibet

Tibet

Kapitel V: Neukaledonien

Neukaledonien oder die Suche nach dem Südland

Neukaledonien heute

Kapitel VI: Südsee

1. Tahiti

2. Guam

3. Palau

4. Fidschi

Kapitel VII: Thailand

1. Die Brücke am Kwai

2. James Bond auf Khao Ta-Pu oder »Der Mann mit dem goldenen Colt«

Kapitel VIII: Vietnam

1. Ho Chi Minh-Stadt

2. Halong-Bucht

3. Hanoi

Kapitel IX: Kambodscha

Kambodscha

Kapitel X: Mongolei

Mongolei

Und nach der Reise…

Nachwort – oder

»der wahre«

Epilog

Marco Polo,

seine Reisen, seine Berichte, seine Träume

Der venezianische Kaufmann und Abenteurer bereiste bereits im 13. Jahrhundert als einer der ersten Europäer das unbekannte Asien. Er hinterließ einen minutiösen Reisebericht, »Il Milione«, der große Verbreitung fand und das geografische Weltbild im Europa des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit stark beeinflusste.

Marco Polo starb am 8. Januar 1324 in Venedig. Seine letzten Worte lassen keinen Zweifel an der Authentizität seiner Berichte zu, aber doch nebst starkem Selbstvertrauen den Zweifel an der Akzeptanz seiner Worte durch die Nachwelt erkennen.

»Ich habe nicht die Hälfte von dem erzählt, was ich gesehen und erlebt habe, weil keiner mir geglaubt hätte. «

Die Historizität der Geschichten und Reiseerlebnisse von Marco Polo ist teilweise weder belegt noch nachweisbar: Ungereimtheiten und Zweifel gehen Hand in Hand mit spannenden, teils wissenschaftlich erwiesenen Fakten.

In meinem Fall sind die Reisen und deren Hintergrundberichte authentisch, echt und vor allem nachvollziehbar.

Was war es, das mir Marco Polo sozusagen als »geistige Vorlage« über den Weg geschickt hat? Ich glaube, es war ein Mix aus Abenteuerlust, Neugierde, auf andere Horizonte zu stoßen, und der unausweichliche Wunsch, genau diese Impressionen festzuhalten – und zwar auf eine Weise, die wesentlich spannender ist als eine Diaschau.

Marco Polo – »in der Nussschale«

Präludium: Die Reise von Vater und Onkel

Niccolo und Matteo Polo, beide Juwelenhändler aus Venedig, brachen 1260 zu einer Reise auf, um am Unterlauf der Wolga ihrem Geschäft nachzugehen.

Vor ihnen hatte bereits der Mönch Giovanni de Plano Carpini und danach der Franziskaner Wilhelm von Rubruk, seinerseits im Auftrag des französischen Königs Ludwigs IX., dieselbe Route für die Mission gen Osten gewählt.

Über Konstantinopel kamen die Polos auf die Krim und trafen dort auf das von Dschingis Khans Enkel Berke Khan beherrschte Gebiet. Aufgrund der Kriegswirren wurden sie immer weiter nach Osten statt zurück nach Italien gedrängt und gelangten so an die Seidenstraße und bis nach Buchara. An der Rückkehr gehindert, blieben sie drei Jahre in dieser Gegend, um sich dann einer persischen Gesandtschaft auf dem Weg nach Peking (Beijing – damals Kambaluk, »Stadt des Khan«) anzuschließen. Im Winter 1266 trafen sie am Hof des Mongolenherrschers ein, wo sie vom Khan willkommen geheißen wurden. Dieser sicherte ihnen Schutz und Geleit für die Rückreise nach Italien zu, lud sie aber gleichzeitig ein, wiederzukommen und gesalbtes Öl aus dem Jesusgrab in Jerusalem mitzubringen. Außerdem bat er um einhundert christliche Gelehrte, die das Evangelium unter seinen Untertanen verbreiten sollten.

Zurück in Venedig waren die beiden Polos 1269.

Vom Vorderen Orient bis nach Asien

Zwei Jahre danach, 1271, brachen Niccolo und Matteo Polo wieder nach Asien auf, diesmal gemeinsam mit dem damals siebzehnjährigen Marco.

In Akkon, einer nördlich von Haifa gelegenen Hafenstadt, setzte Marco das erste Mal den Fuß auf asiatischen Boden. Der päpstliche Legat Tedaldo Visconti, den die Polos um Erlaubnis zur Weiterreise nach Jerusalem und zur Erfüllung der Bitte des Mongolenherrschers gebeten hatten – ihm Öl aus der Lampe des Heiligen Grabes zu bringen –, wurde gerade in dieser Zeit zum neuen Papst gewählt und beauftragte als Gregor X. die Kaufleute, den Großkhan als Bündnispartner gegen den Islam zu gewinnen.

Die Reiseroute führte die drei Männer nach Täbris, eine Stadt, die im 8. Jahrhundert von einer Frau des Kalifen Harun al Raschid gegründet worden war, weiter über die berühmte Oasenstadt Yasd bis nach Kerman, Rajen und Qamadin nach Hormoz.

Von hier wollten die Handlungsreisenden den Seeweg nach China nehmen, ließen aber wegen des schlechten Zustands der Schiffe von diesem Plan ab. Durch die jetzt notwendig gewordenen Umwege erreichten sie Balch im Norden Afghanistans und trafen schließlich in der Stadt Kaschgan an der Südroute der Seidenstraße ein.

Die Alte Seidenstraße

Als Seidenstraße bezeichnet man jene sagenumwobene, 6000 Kilometer lange Handelsstraße und Netzwerk von Karawanenstraßen, deren Hauptrouten Ostasien und das Mittelmeer verbunden haben.

Die Faszination der alten Seidenstraße liegt in ihrer interkulturellen Bedeutung.

Vertreter verschiedenster Kulturen und Religionen trafen sich in den Handelsstätten entlang der Route und tauschten neben Waren (vor allem Seide) auch Ideen, Philosophien und Traditionen untereinander aus.

In der Stadt Shazhou, einem bedeutenden Knotenpunkt der damaligen Nord-Süd-Route der Seidenstraße, war Marco Polo endgültig in China angekommen. Weiter ging es nach Anxi und Yumen bis nach Schangdu als seinem eigentlichen Reiseziel.

Dort traf Marco Polo Kublai Khan, Enkel von Dschingis Khan, und die drei Polos ließen sich unter der Obhut des Herrschers nieder, der in der Zwischenzeit die Hauptstadt von Karakorum nach Peking verlegt hatte.

Marco Polo wurde vom Großkhan zum Präfekten ernannt. In dieser Funktion reiste er mehrere Jahre quer durch China. Er war in Xian (der Stadt der berühmten Terrakotta-Armee mit dem Mausoleum des Kaisers Qui Shihuangdi). Er reiste außerdem nach Yangzhou bis zu seiner Lieblingsstadt, dem heutigen Hangzhou.

In den Unterlagen fand man auch den Namen Cipangu. Womit sich der Kreis schließt: Cipangu war nämlich der Name Japans in Europa während des Mittelalters…

Hatte Marco Polo auch dem sagenumwobenen Japan schon Ende des 13. Jahrhunderts einen Besuch abgestattet?

Marco Polo kehrte 1295 wieder in die Republik Venedig zurück und diktierte danach dem Buchautor Rustichello da Pisa seine Fernostreise. Das Ergebnis war fulminant und ging in die Literaturgeschichte als »divisament dou monde«, »Das Buch von den Wundern der Welt«, ein.

Wie alles begann

Mein Vater war kein Juwelenhändler wie der Vater von Marco Polo, Niccolo Polo, sondern Buchdrucker in der Staatsdruckerei. Mein Onkel, gelernter Hutmacher, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in der Schweiz, um diesem Beruf in Zürich nachzugehen, und kam erst vor seinem Tod nach Wien zurück. Offenbar vertraute er dem schweizerischen Hutmarkt mehr als dem heimischen.

Unsere Familie stammt auch nicht aus Venedig, sondern aus Wien; eine Familie aus dem Arbeitermilieu, von keinem Papst oder Großkhan unterstützt. Statt Edelsteinen verkaufte man Zeitungen, Bücher und Hüte. Mein Vater war, kriegsbedingt, von Frankreich bis Russland viel in der Welt herumgekommen, für meinen Onkel war schon die Reise in das Nachbarland Schweiz ein Abenteuer.

Meine Mutter und auch meine Schwester waren weniger reiselustig, in umso größerem Ausmaß dafür der Sohn und Bruder, also: ich. Eines aber hatte unsere Familie gemeinsam: den Hang zum Abenteuer, auszubrechen in eine andere Welt und doch wieder zurückzukehren in die heimatliche, vertraute Umgebung. Glück durfte dabei natürlich nicht fehlen.

Begonnen hat alles irgendwann im Sommer 1960, als mich meine Eltern zum ersten Mal an die italienische Adria mitnahmen. Das erste Mal das Meer sehen: Sehnsüchte, in die Ferne schweifen, Aufbruch in unbekannte Weiten. Der Grundstein für meine spätere Reiselust ist sicher in dieser Situation verankert: mein Vater und ich am Strand von Jesolo, vor uns das Meer mit seinem unendlichen Horizont. Ich fragte meinen Vater, was sich denn hinter dem Horizont verberge. »Afrika«, war seine knappe Antwort, die sich allerdings in meinem späteren Leben als ausschlaggebend zeigte. Afrika: der Hauch der weiten Welt. Exotische Träume eines Dreizehnjährigen. Wie kommt man dorthin? Fließt das Meer da hinten bergab? Schauen die Menschen am anderen Ende zu uns herüber? Fragen über Fragen, Neugierde und Wissensdrang, festgeprägtes Schema im Hinterkopf, verdrängt, aber doch immer wieder präsent.

Nicht zu vergessen ist, dass den Fragen am Meer die Fahrt nach Italien vorausging. Mein Großonkel Otto, kurz Otti genannt, war ewiger Junggeselle und Liebhaber alter, aber großer Autos, die nicht selten, meistens tief in der Nacht, irgendwo den Geist aufgaben.

Ingenieur Otto Hochgesand war Beamter in der Niederösterreichischen Landesregierung, ehemaliger Sängerknabe (so wie ich) und ein hervorragender Pianist. Noch heute, ein halbes Jahrhundert nach unseren nächtlichen Pannen auf dem Weg in den Süden, erinnert er sich an seine Zusammenarbeit mit Peter Weck und Professor Großmann, dem legendären Talente-Entdecker. Da bei uns zu Hause ein Klavier stand und mein eigenes Talent über Mozarts Türkischen Marsch nicht hinausreichte, war der Wunsch beim Besuch des Großonkels immer: »Geh, Otti, spüü was!«, was der sich nicht zweimal sagen ließ. Mir ist heute noch in Erinnerung, dass er bei schwierigen Akkorden laut durch die Nase schnaubte. Unvergesslich auch seine Erzählung über einen Montag im Büro: »Wer es diese Woche am längsten aushält, keinen Bleistift in die Hand zu nehmen, ist Sieger!« Fast schon selbstverständlich, dass Otti am Donnerstag als Sieger hervorging.

Der »ewige Junggeselle« heiratete dann doch eines Tages »seine Inge«, mit der er bis heute, hochbetagt, abwechselnd im zweiten Wiener Gemeindebezirk und im Haus in Grein an der Donau wohnt.

In Wien gab es damals seit neuestem die sogenannte Mitfahrzentrale, eine Stelle, bei der Reisende mit Auto ihre Ziele deponierten in der Hoffnung, Mitfahrer zu finden und zu einer kleinen Aufbesserung der Benzin- und Reisekosten zu kommen (heute findet man diese interessante Institution unter mitfahrgelegenheit.at im Internet und kann seinen Mitreisewunsch natürlich online buchen).

Ich wiederum, gerade einmal 14, meldete meinen Mitfahrwunsch ohne Nennung einer bestimmten Destination an und bekam nach kurzer Wartezeit die Mitteilung, dass mich ein Reisender, dessen Ziel Passau und München war, mitnehmen würde. Die Aufregung und Vorfreude war groß, und etwaige Bedenken meiner Mutter über lauernde Gefahren wurden kurzerhand vom Tisch gewischt. Und so wurde der erste Ausflug in das benachbarte Deutschland der Grundstein einer umspannenden Reisetätigkeit.

Was meine Eltern damals 25 Schilling gekostet hatte, kostet heute 25 Euro… Allerdings liegen mehr als 30 Jahre dazwischen, obschon der Weg der gleiche ist: von Wien nach München sind es noch immer 435,6 Kilometer – der Grundstein für Zehntausende, die damals noch darauf warteten, von mir zurückgelegt zu werden.

Der Vordere Orient

In den späten 60er-Jahren führte mich mein Berufsweg auf Umwegen über einen Studienaufenthalt in London und das Bundesheer in die damalige Creditanstalt-Bankverein, bis ich – intuitive Vorsehung? – beim Flughafen Wien landete.

Die Flughafen Wien AG wickelte sämtliche Linienflüge von sogenannten Fremd-Airlines ab, sodass wir mit den Fluglinien und deren lokalen Vertretern in Wien (außer der AUA) und des arabischen Raums in Kontakt kamen. Auch Frachtflüge waren im Aufgabenbereich inkludiert, was zu einem späteren Zeitpunkt ein Schlüsselerlebnis werden sollte.

Einer der wohl sympathischsten Manager war Stanimir Stoimenov von der staatlichen bulgarischen Fluglinie TABSO. Ihn hatten wir Mitarbeiter des Flughafens besonders ins Herz geschlossen, da er neben professionellem Fachwissen eine große Portion Humor und Herzenswärme besaß. Seine Flugzeuge waren stets die pünktlichsten, saubersten und vor allem sichersten Maschinen am Flughafen. Ein Problem war allerdings die Auslastung: Außer einigen Beamten der bulgarischen Regierung saß kaum jemals ein Passagier an Bord dieser Tupolev, zu deren Grundausstattung, neben den Vorhängen an den Kabinenfenstern, ein beißender Geruch nach Lysoform zu gehören schien. Das tat jedoch einem anderen, riesigen Vorteil keinen Abbruch: Von Herrn Stoimenov konnte man Freitickets auf dem gesamten Streckennetz von TABSO bekommen – wenn auch eine Nächtigung auf dem Flughafen von Sofia mit zum Paket gehörte.

Eine der ganz großen Frachtmaschinen kam zu dieser Zeit aus dem Libanon nach Wien. Das riesige Flugzeug mit dem Zedern-Emblem an der Heckflosse brachte Waren aus der ganzen Welt nach Österreich. Der Libanon war vor dem Bürgenkrieg ein wohlhabendes, international wirtschaftlich prosperierendes Land, und die Flugzeuge flogen nach vierstündiger Flugzeit von Beirut nach Wien in die USA weiter. Die Piloten wechselten am Flughafen Wien, bevor sie nach der Ruhepause mit der nächsten Maschine weiterflogen.

Einer der immer wieder nach Wien kommenden Piloten der TMA war ein gewisser George Redwanly, mit dem ich und ein Kollege uns alsbald anfreundeten – Fritz Magner, der damalige Pressesprecher der Flughafen Wien AG, der sämtlichen Anrufern stets sagte: »Nein, M wie Martha und nicht W wie Wilhelm!« George ermunterte uns bei jedem Aufenthalt, ihn doch einmal in seiner Heimat zu besuchen. Und so entschlossen Fritz und ich uns, Herrn Stoimenov um Tickets nach Beirut zu bitten.

Gesagt, getan. Der Flug von Wien nach Sofia und die dortige Übernachtung sind in meinem Gedächtnis nicht mehr vorhanden, zumal die darauffolgenden Ereignisse eine derart prägende, langzeitliche Wirkung hatten.

Das Flugzeug am nächsten Morgen hatte die Route Sofia – Istanbul – Beirut und die Enddestination Bagdad im Flugplan. Nach einem kurzen Flug nach Istanbul und einem ebenso kurzen Aufenthalt sollte es in Kürze weiter in Richtung Beirut gehen. Dort wollten wir aussteigen, bevor das Flugzeug weiter nach Bagdad flog.

Wir waren schon im Taumel der Vorfreude darüber, dass wir bald über dem Mittelmeer sein würden und die Warteschleife über Zypern Richtung Libanon vor uns hatten. Zunächst war am Flughafen Istanbul Endstation: Die Maschine war defekt, und so mussten wir stundenlang auf eine Ersatzmaschine warten. Als dann der Weiterflug angesagt wurde, erfuhren wir, dass der Flug direkt von Istanbul nach Bagdad geführt werde und der Zwischenstopp in Beirut ausfallen würde. Auf die Frage nach dem Warum erfuhren wir, dass wir die einzigen Passagiere für Beirut seien und man für sogenannte Freipassagiere keinen teuren Stopp mit Landung und Start in Beirut machen würde. Und so flogen wir bedrückt nach Wien zurück.

Aber knapp ein Jahr später erreichten wir unser Ziel dennoch. Wir landeten am Beirut International Airport und fuhren in das am Meer gelegene Hotel »Riviera« direkt an der Corniche am Mittelmeer und nahe der berühmten Hamra gelegen. Und dort trafen wir George Redwanly wieder, unseren Freund aus Wien. Aber irgendwie ließ Fritz und mich das Gefühl nicht los, dass hinter der entgegengebrachten Gastfreundschaft ein anderer, fahriger, unzuverlässiger George steckte.

Wir verbrachten interessante Tage in Beirut, bis wir irgendwann hinter dem so charmanten und charismatischen Piloten sein wahres, fanatisches Gesicht kennenlernten.

George war ein besessener Anhänger der »Eiferer«, der Hamas, dessen Ziel während seines Militäreinsatzes es war, so viele israelische Soldaten wie möglich zu eliminieren. Kurz darauf starb er selbst durch die Kugel seiner Organisation, der er zeit seines Lebens sehr nahestand.

Den Abend, an dem wir vom Ende George Redwanlys erfuhren, verbrachten Fritz und ich im Casino de Liban. Aber die Stimmung war äußerst gedrückt, sodass wir relativ bald ins Hotel, dann nach Wien zurückkehrten.

Kapitel I.

Japan

»Das Reich im Osten Chinas«

Shogun Minamoto no Yoritomo

Einleitung

Für die kommenden Kapitel und Seiten kann ich dem Publikum schon vorab ankündigen, dass Eindrücke und Fakten sich gleicherweise mit Emotionen und Befindlichkeiten ablösen werden.

Eine ungeheure Fülle von Ereignissen, beruflicher wie privater Natur, stürzt schon beim bloßen Überlegen und Nachdenken über die Themen- und Wortwahl auf mich ein.

Ich verspreche aber schon jetzt, weder wehmütig noch wehleidig zu berichten, sondern meiner sechsjährigen Tätigkeit im Land der aufgehenden Sonne jenen Wert zukommen zu lassen, den der Leser verdient: völlige Authentizität – was man von meinem launischen Vorbild, Marco Polo, ja nicht unbedingt behaupten kann.

Faszinierendes Japan. Exotisches Japan. Land der Moderne.

Woraus, eigentlich, besteht die Faszination des heutigen Japan?

Ist es der Aufbruch des alten Japan der Samurai und des Feudalismus in das Nippon und die Moderne von heute?

Ist es das älteste Kaiserhaus der Welt oder die Frauenfrage im Land der Geishas?

Oder, um die neueste Geschichte zu bemühen, wie konnte ein Land, das die USA mit Atombomben verwüstete, zum engsten Verbündeten von Amerika und zum Nuklearstaat werden?

Oder sind es doch nur die Klischees, die, bestehend aus Sushi, Sony und Sumo, den Weg in den europäischen Alltag gefunden haben?

Bevor ich meine Tätigkeit als Manager einer Fluglinie in Tokio antrat, war ich niemals zuvor in Japan gewesen. Am nächsten kamen noch die Besuche in Hongkong oder Shanghai, aber über das japanische Meer hatte ich es irgendwie nie geschafft.

Obschon es von Chinas Grenzen bis Japan nur knapp zwei Flugstunden sind, hat man es mit Welten zu tun, die unterschiedlicher nicht sein können. Auch halten sich die Vorstellungskraft und das konkrete Wissen über Japan doch in bescheidenen, europäischen Grenzen. Aber die Mystik, die neue Gesellschaftsordnung, teilweise falsch überlieferte, falsch interpretierte Traditionen und Voreingenommenheit lassen sich nicht durch Sushiläden verdrängen. Vor allem die sogenannte japanische Seele, also die Denkweise der Inselbewohner, seit Jahrtausenden geprägt, ist in der Realität doch um einiges komplexer als vorgestellt und fordert vom Ausländer großes Einfühlungsvermögen.

Allerdings, und das sei hier vorausgeschickt, machen es Japaner den Besucherinnen und Besuchern mit ihrer Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und dem weitgehenden Fehlen von rassistischen Einstellungen im Regelfall nicht allzu schwer. Natürlich bedarf es zu dieser Erkenntnis des Alltags mit all seinen Facetten. Und wenn auch die sprachliche Komponente schwierig ist, wird dies durch die ausgeprägte japanische Hilfsbereitschaft mehr als kompensiert.

Lassen Sie mich das anhand einer Episode verdeutlichen. – Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit hatte ich einen Termin in einem Geschäftsbezirk von Tokio. Selbstbewusst nahm ich die Metro im Glauben, goldrichtig zu liegen. Als ich ausstieg und nicht gleich den Weg fand, kam leichte Panik auf, da man ja bekanntlich nie zu spät kommen darf – schon gar nicht in Japan. So stand ich ziemlich dumm am vermeintlich richtigen Ort, drehte den Stadtplan in alle Richtungen, aber die Adresse war nicht festzumachen – als plötzlich ein Postler in knallroter Uniform mitsamt seinem roten Moped neben mir anhielt und mich fragte, wo ich denn hin wollte. Nach einem kurzen Blick auf meinen Plan war in seinem Gesicht eine Mischung aus Entsetzen und Amüsement.

Ohne viele Worte zu verlieren, schob er seine Postkiste 20 Zentimeter nach hinten, um mir Platz auf seinem Gefährt zu schaffen. Gleich darauf brauste er mit Volldampf in die entgegengesetzte Richtung und hatte offenbar großen Spaß daran, einen Ausländer im Businessanzug auf dem Sozius zu haben. Bei jeder Kreuzung gab er Vollgas, um so die Aufmerksamkeit des belustigten Publikums zu erheischen. Damit wollte er aber nicht mich blamieren, sondern sich selbst ins beste Licht setzen.

Als wir dann exakt um 09.55 Uhr anhielten, war ich an der vereinbarten Adresse. Ein Durchschnaufer und ein Dankeschön – aber der Postler war nach einigen tiefen Verbeugungen schon wieder zu seinem Arbeitsplatz unterwegs. Als gelernter Wiener hätte ich ihm natürlich ein Trinkgeld angeboten, als Entschädigung für die Mühe und Unterstützung. Aber auch das hatte ich in der Zwischenzeit gelernt: dies wäre eine glatte Beleidigung gewesen, da es die Geste der Hilfsbereitschaft untergraben hätte…

Lassen Sie mich an dieser Stelle gleich eine weitere Episode anknüpfen, die sich einige Jahre später in Osaka ereignete.

Ich hob Bargeld an einem Geldautomaten ab. Dass mir nach Abschluss der Transaktion die Karte zu Boden fiel, bemerkte nur der Kunde hinter mir.

Ich war längst anderswo, als zehn Minuten später meine Assistentin Naoko Shimoda am Mobiltelefon anrief und mich instruierte, doch gleich die Polizeistation beim Geldautomaten aufzusuchen. Meine Bankomatkarte sei gefunden und dort abgegeben worden. Sofort machte ich kehrt und mich auf den Weg zur Polizei. Was war geschehen? Der Bankkunde hinter mir hatte mich nicht mehr erreichen können, war dann gleich in die einen Stock höher gelegene Polizeidienststelle gegangen, die ihrerseits unverzüglich herausgefunden hatte, wer ich war und wo ich arbeitete – und schon hatten sie Naoko in Tokio angerufen und informiert.

So weit, so gut – aber die Überraschung folgte auf dem Fuß. Anstatt mir die Karte auszuhändigen, teilte mir der uniformierte Polizist mit, dass ich nach hinten in die Kriminalabteilung gehen sollte. Mich wunderte zwar, dass die Kripo sich mit so einer Lappalie beschäftigte – wurde aber gleich eines Besseren belehrt. – »Ich muss Sie leider bitten, Japan umgehend zu verlassen.« – Ich verstand kein Wort. Was war geschehen? Was hatte das mit meiner verloren gegangenen Bankkarte zu tun?

»Ihre Aufenthaltserlaubnis ist gestern abgelaufen«, teilte mir der Beamte mit. Mir trieb es den kalten Schweiß auf die Stirn – wie war das möglich? Ich hatte das übersehen, Naoko ebenfalls – und jetzt das… du meine Güte!

Als geschulter Kriminalbeamter sah mir mein Gegenüber das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, um mir mit einem Lächeln mitzuteilen: »Seien Sie bitte morgen um Punkt 8.30 Uhr im Büro der Immigration in Tokio, und ich werde die Sache unbürokratisch lösen.« Sprach’s, gab mir die Karte zurück und verabschiedete sich unter vielen Verbeugungen.

Klar, dass ich am nächsten Morgen schon lange vor halb neun am richtigen Schalter war und auch schon mit Namen und dem bereitgestellten Formular empfangen wurde. Wenige Minuten später durfte ich wieder drei Jahre länger in Japan bleiben.

Ich bin sicher, dass der Beamte in Osaka sich gleich bei seinen Kollegen in Tokio informiert hatte, ob ich denn auch tatsächlich gekommen sei – ich bin mir auch sicher, dass seine Zuvorkommenheit ein jähes Ende zur Folge gehabt hätte, wäre ich nicht (pünktlich) im Immigration Office erschienen…

Begegnungen

Ohne Mitarbeiter, Freunde und Bekannte geht natürlich nichts im Leben und schon gar nicht im Ausland – deswegen werde ich, trotz der sensiblen Thematik, versuchen, jene Begegnungen zu schildern, die auf meinem Lebensweg nach und in Japan und danach eine wichtige Rolle gespielt haben.

Beginnen möchte ich mit Thomas Novohradsky, künstlerischer Direktor des Opernhauses in Tokio. Thomas machte seine Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar, studierte Gesang, um die Sänger und deren Möglichkeiten besser zu verstehen, und absolvierte dann auch noch ein Regiestudium.

Seine große Erfahrung und weltweite Vernetzung basieren auf seiner 19-jährigen Tätigkeit als Regieassistent und Produktionsleiter an der Wiener Staatsoper; er arbeitete in der Folge mit vielen bedeutenden Dirigenten, Sängern, Regisseuren, Bühnenbildnern und Musikmanagern auf der ganzen Welt zusammen.

Sein Auftrag in Tokio lautete, das etwas verstaubt wirkende New National Theatre Tokyo, NNTT, auf Vordermann zu bringen. Und dazu engagierte Japan den am besten geeigneten Musikmanager aus Wien, der auch ein großes Fachwissen im Bereich des internationalen Opernmanagements mitbrachte.

Thomas kam etwa zur gleichen Zeit wie ich selbst nach Japan, und kurze Zeit später trafen wir uns zum ersten Businessgespräch.

Ich war fasziniert: von seiner Persönlichkeit und davon, wie er Dinge einfädelte und realisierte. Er, ein begeisterter »Flieger«, und ich, in der Zwischenzeit ein begeisterter Besucher von Opern, hatten genügend Gesprächsstoff über unser jeweiliges und gegenseitiges Spezialinteresse. So wurden wir schnell Freunde und sind es bis zum heutigen Tag.

Ich kann es nicht bestätigen – nur vermuten, dass noch nie derart viele Weltstars den Weg nach Tokio gefunden haben wie während seiner Zeit als Künstlerischer Leiter des Tokioter Opernhauses. Modernes Bühnenbild, Sängerinnen, Sänger und Dirigenten von Weltrang und eine Auslastung, von der andere Opernhäuser nur träumen können – das alles macht jenes Haus aus, das der Herald Tribune als siebtbestes Opernhaus der Welt bezeichnete. Es ist schwierig, einzelne Inszenierungen hervorzuheben, da doch jede einzelne ein grandioses Ereignis war. Ad hoc fallen mir Fidelio, Die Meistersinger von Nürnberg oder Madama Butterfly als prägnanteste Beispiele ein. Um auch dem Bildungsgedanken nachzukommen, wurden Produktionen auf den Spielplan gesetzt, die bisweilen auch Buh-Rufe ernteten – wie etwa Lulu von Alban Berg.

Beeindruckend auch Thomas’ Wunsch, Kindern und Jugendlichen Oper näherzubringen. Ich erinnere mich an eine der letzten Aufführungen, in der ein großes Opernwerk »kindergerecht« adaptiert wurde. Space Turandot war ein eindrucksvolles Exempel und wurde im NNTT enthusiastisch von Kindern und Eltern gefeiert.

Berührend und unvergesslich war auch sein Abschied mit dem Falstaff. Nach dem Ende holten ihn die Künstler auf die Bühne, und das Tokyo Philharmonic Orchestra intonierte den Radetzkymarsch. Das Publikum tobte, und die Standing Ovations wollten nicht enden…

»Ein Österreicher, der auszog, um Japans Opernwelt zu revolutionieren«nannte es eine Zeitung; zugleich repräsentierte Thomas Novohradsky als eine Art Aushängeschild österreichische Opernkultur in Japan. – Mein Freund!

Zu meinen wohl faszinierendsten Bekanntschaften in Japan zählte Dietmar Schweisgut. Im Jahr meiner Ankunft war der Tiroler aus Landeck als österreichischer Botschafter nicht nur der höchste Vertreter meines Landes, sondern gemeinsam mit seiner bezaubernden Frau Kaoru, einer Japanerin aus Kobe, ein »Wanderer zwischen den Welten«, wie die Tiroler Tageszeitung nicht ohne Stolz vermeldete.

Blitzgescheit, ruhig und doch diplomatisch in seiner Geschäftsführung, hatte Dietmar viele Freunde und Bewunderer nicht nur in Japan, sondern auch in der österreichischen und internationalen Gemeinschaft.

Obschon offizielle Anlässe selten Spaßcharakter hatten, gelang es Dietmar im inoffiziellen Teil »danach«, den harten Kern der Übriggebliebenen und Freunde auf charmante Art bis in die frühen Morgenstunden in der Residenz des Botschafters in Moto-Azabu bei Laune zu halten.

Bald wechselte er als Botschafter nach Peking, wo wir ihn noch einmal besuchten.

Dietmar, der bald darauf Leiter der Ständigen Vertretung Österreichs bei der EU in Brüssel wurde, krönte seine Karriere ab 2010 als EU-Delegationsleiter – wieder – in Tokio. Eine Bilderbuchkarriere für einen der sympathischsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte!

Sein Nachfolger in Tokio war Peter Moser, mit Sicherheit eine der schillerndsten Persönlichkeiten. Im diplomatischen Dienst Österreichs in Neu Delhi, Sofia, als Generalkonsul in L.A. und Botschafter in Südkorea tätig, war er vor seinem Amtsantritt in Japan Botschafter in Washington. Als am 11.9.2001 Flugzeuge in das World Trade Center krachten, war Peter Moser gerade bei Vizekanzlerin Riess-Passer zum Gespräch, während die ersten Meldungen eintrafen. Moser kehrte unverzüglich nach Washington zurück, um dann mit viel Geschick das Krisenmanagement der österreichischen Community zu übernehmen.

In Japan kam der äußerst belesene und vielsprachige Botschafter bei den dortigen Behörden, aber auch bei seinen Landsleuten aufgrund seiner Leutseligkeit sehr gut an. Und so ernannte ihn das japanische Alumni-Network IIASA, das zum Ziel hat, ehemalige Studierende wieder zusammenzubringen, zum ersten Ausländer in der Funktion eines Ehrenpräsidenten.

Seine Nachfolgerin, Jutta Stefan-Bastl, war als Frau am männlich dominierten diplomatischen Tokioter Parkett (neben Österreich hatten nur die Türkei und Indien eine Botschafterin) gefordert. Aber auch sie, aus Graz stammend, verband Weltgewandtheit, Offenheit und viel Erfahrung im ausländischen Dienst (Abidjan an der Elfenbeinküste, Genf, Slowenien und Neu-Delhi) und hinterließ einen bleibenden, nachhaltigen Eindruck in der japanischen Szene. Eine Anekdote sei hier noch erzählt, da ich mir nur schwer vorstellen kann, dass ein anderer Botschafter so etwas zugelassen hätte. – Enrico Martini, Tourismuschef Italiens in Tokio und lange Jahre in gleicher Funktion in Österreich tätig, also mit einem unverkennbaren Wiener Dialekt ausgestattet, ist nicht nur ein brillanter Unterhalter, sondern obendrein ein begnadeter Koch. Eines Tages landeten wir fünf, also Frau Botschafterin Jutta Stefan-Bastl, ihr Mann Peter, Enrico, meine Frau und ich in einem erstklassigen sizilianischen Restaurant in Tokio. Nach einigen Flaschen Cerasuolo di Vittoria kam Jutta auf die Idee, Enrico und meine Frau sollten doch in der Botschaftsküche einmal aufkochen.

Welcher Botschafter auf der Welt kommt auf die Idee, seine »heilige« Küche für ein privates Dinner zur Verfügung zu stellen? Gesagt, getan, und nur einige Zeit später war es so weit. Dinner zu fünft, im großen Speisesaal der Residenz. Italienische und österreichische Spitzenküche – ein wahrlich unvergessliches Erlebnis!

Eine besondere Ehre erfuhr Botschafterin Stefan-Bastl in den Memoiren des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers, Franz Vranitzky: in seinem Buch Politische Erinnerungen nennt er »die Leiterin der OSZE im Außenministerium eine ausgezeichnete Beraterin«.

Von den Mitgliedern der Botschaft möchte ich noch Michael Haider erwähnen. Dieser etwas schlaksig wirkende, aber hochintelligente Historiker und brillante Formulierer war vor seiner Berufung nach Japan an der österreichischen Botschaft in Prag. Kaum hatte er seinen Vorgänger Arnold Obermayr als Kulturattaché in Tokio abgelöst, krempelte er diese Organisation kräftig um. Seine klare Philosophie war: Weniger ist Mehr. Das heißt, die Veranstaltungen im Kulturforum wurden reduziert, aber dafür mit mehr Substanz ausgestattet. Aus rund zwölf verschiedenen Events pro Jahr wurden fünf – aber mit ausgesuchten Künstlern. Und der Rotweinausschank zur Eröffnung jeder Vernissage wurde ebenfalls eingestellt, da sich dabei eher Liebhaber des Weins als der Kultur in der Botschaft tummelten…

Christoph Weidinger, dessen Vater Botschafter in Japan gewesen war, ergänzte den Reigen. Christoph war eher der zurückhaltende, unauffällige »Minister«. Dafür stand seine – spanische – Frau bei offiziellen Anlässen mit spanischem Temperament und wortgewaltigem Sprachschatz im Mittelpunkt.

Noch erwähnen möchte ich einen Mitarbeiter in der Außenhandelsstelle: Johann Waschl. Als Chauffeur und »Mädchen für alles« hatte er offiziell kein Portfolio und fiel daher auch nicht besonders auf. Aber der Mann ist einer der besten Kenner Tokios: kein Navigationsgerät oder GPS findet Gassen und Gässchen, Plätze und unauffindbare Orte schneller als er. Oft, wenn ich das Glück hatte, mit ihm zu fahren, bewunderte ich seine Abkürzungen, die allen Taxifahrern wahrscheinlich fremd waren.

Herr Waschl hatte aber noch ein weiteres, interessantes Hobby: er war Funker und praktisch mit der ganzen Welt vernetzt. Wenn man wissen wollte, ob die Boeing 747 der Air New Zealand schon über Kiribati war: Johann Waschl fand es heraus!

Ein ebenfalls interessante Persönlichkeit war Herr A. Watanabe, Chef der ASAHI-Werbeabteilung. Watanabe-san hatte unser Unternehmen schon lange bezüglich Marketing und Advertising beraten, als ich nach Japan kam. Irgendwie stimmte aber die Chemie mit meinem Vorgänger nicht so sehr, während wir einander praktisch von einem auf den anderen Tag unglaublich sympathisch waren und somit perfekt zusammenarbeiteten. Ein Vollprofi, österreichaffin und immer bestens gelaunt, begleitete Herr Watanabe nebst seinem Team unsere Gesellschaft durch weitere sechs Werbejahre.

ASAHI ist zwar die zweitgrößte Werbegesellschaft Japans, aber äußerst diversifiziert. Tageszeitungen, Bier- und Weinproduktion und eine nicht enden wollende Liste von weiteren Aktivitäten und Bereichen machen ihr Geschäft aus. Warum dieses Riesenunternehmen gerade unsere, vergleichsweise kleine Firma so groß vertrat, wird mir für immer ein Geheimnis bleiben. Aber manchmal reicht es in Japan, dass man sich versteht, die »gleiche Sprache spricht« und einfach das Produkt mag. Und so wird es Herrn Watanabe sicher gegangen sein.

Natürlich dürfen die wichtigsten Begegnungen nicht fehlen, mit denen man ja Tag für Tag mehr zu tun hatte als mit sonst jemandem: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Büro in Tokio, in Osaka und auf den Flughäfen Narita und Kansai. Die Angestellten waren aus vielfältigen Gründen die wichtigsten und vor allem kompetentesten Glieder der Firma. Allesamt praktisch seit Beginn des Flugbetriebs beim Unternehmen, kannten sie das Umfeld, die Konkurrenz und vor allem den Umgang mit dem Hauptbüro in Wien in- und auswendig und waren grundsätzlich loyal zum Unternehmen und seinen entsandten Chefs, von denen ich nunmehr der dritte war. Kein einfaches Unterfangen, zumal man natürlich als oberstes Ziel die Vorgaben des Unternehmens umzusetzen hatte, andererseits auf die Mitarbeit seiner Kolleginnen und Kollegen angewiesen war, wollte man den rauen Alltag halbwegs erfolgreich überstehen.

Naoko Shimoda, die schon eingangs und bei meiner Ankunft eine wichtige Rolle spielte, tat dies auch in weiterer Folge und sechs Jahre lang.

Naoko kannte alle: die wichtigsten Herren im Ministerium für Luftfahrt, die Chefs und meine Kollegen der anderen Fluglinien und vor allem die wohl wichtigste Informationsquelle: ihre Kolleginnen und Chefsekretärinnen der anderen Fluglinien, im Besonderen von ANA, All Nippon Airways, und JAL, Japan Airlines. Die zwei wichtigsten Protagonisten im Feld und natürlich den Ton angebend, hatte Naoko die absolut besten Beziehungen zu beiden.

Am besten kann ich das wohl mit einigen Anekdoten vergegenwärtigen. Es kamen immer wieder suspekte Anrufe von Leuten, die mir Geldanlagen, tolle Versicherungsdeals und mehr anboten. Irgendwie kannten wir die Anrufer dann schon, da es immer die gleichen Keiler waren, meistens ein fein geschliffenes Englisch sprechend und, wie aus der Telefonanzeige ersichtlich, irgendwo in Asien angesiedelt.

Einer dieser »Vertreter« war besonders lästig und versuchte einen Trick, um nicht schon wieder von Naoko abgewimmelt zu werden, was diese weltmeisterlich verstand. Er rief jedenfalls nach seinem ersten missglückten Versuch wieder an und meinte auf die Frage, wer er sei, frech, er sei ein hoher Vorgesetzter von mir aus Wien und wünsche, mich unverzüglich zu sprechen. Naoko schaute auf die Uhr und teilte dann eiskalt mit, dass in all den Jahren noch niemals jemand aus dem Wiener Hauptbüro um zwei Uhr nachts angerufen hätte. Das saß. Der Herr Anlageberater hatte den Zeitunterschied von acht Stunden zwischen Österreich und Japan glatt übersehen… Er wagte es jedenfalls nie wieder, sich mit Naoko anzulegen, und musste sich einen anderen Ausländer suchen, dessen Assistentin vielleicht nicht so schlagfertig war.