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Magie der Introversion ist ein Buch persönlicher Reflexionen zum gleichnamigen Thema. Sie wurden u. a. initiiert durch die faszinierenden Artikel und Bücher von Schriftstellerin wie Jenn Granneman ("The Secret Lives of Introverts") und Susan Cain ("Still"). Danens Thema Introversion wird allerdings weniger von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet. Vielmehr beschreibt es die persönlichen Erfahrungen dreier introvertierten Frauen derselben Familie über drei Generationen hinweg. Die große Anzahl verschiedenster Typen und Kombinationen der Introversion erschwert es, allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten für den Einzelnen zu definieren. Doch vielleicht ist ohnehin klüger, auf der Suche nach sich selbst eigene Regeln zu (er)finden. Magie der Introversion versucht, das Thema Introversion aus seinem Schatten in der Gesellschaft ins Licht des Bewusstseins nicht nur introvertierter Menschen zu locken. Es möchte jeden dazu ermutigen, seine ureigene Natur zu entdecken, dazu zu stehen und den Pfad der Fremdbestimmung zu verlassen. Möglicherweise findet der Leser die eine oder andere hilfreiche, wenn auch ungewöhnliche Technik, um schwierige Situationen zu überwinden. Introvertiertheit ist kein Manko, sondern das Gegenteil. Es ist essentiell zu verstehen, dass jeder Aspekt der Introversion einmalig und unendlich kostbar ist. In Wahrheit ist es ein Schatz, den man nur zu heben braucht, sofern man den Mut aufbringt, die abenteuerliche Heldenreise anzutreten.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2022
Es ist noch Tag auf der Terrasse
Es ist noch Tag auf der Terrasse.
Da fühle ich ein neues Freuen:
Wenn ich jetzt in den Abend fasse,
Ich könnte Gold in jede Gasse
Aus meiner Stille niederstreuen.
Ich bin jetzt von der Welt so weit,
Mit ihrem späten Glanz verbräme
Ich meine ernste Einsamkeit.
Mir ist, als ob mir irgendwer
Jetzt leise meinen Namen nähme,
So zärtlich, daß ich mich nicht schäme
Und weiß, ich brauche keinen mehr.
Rainer Maria Rilke (1898)
ISIS & NEMESIS
Magie der Introversion
© 2022 ISIS & NEMESIS
Umschlag-Illustration: Martin Vorel
Illustration: ISIS, Sabine Sparakowski
Lektorat, Korrektorat: ISIS, NEMESIS
ISBN Softcover:
978-3-347-52749-2
ISBN Hardcover:
978-3-347-52750-8
ISBN E-Book:
978-3-347-52751-5
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Inhalt
Widmung
Einleitung
Wer wir sind
Reflexion zur ‘sozialen’ Introvertiertheit
Reflexion zur ‘denkenden‘ Introvertiertheit
Reflexion zur ‘ängstlichen’ Introvertiertheit
Reflexion zur ‘zurückhaltenden’ Introvertiertheit
Gedanken zur ‘gewollten’ Introvertiertheit
Maskiert unter Extravertierten
Fremde in der Menge
Fallstrick Gruppen und Netzwerke
Introversion im Beruf
Flucht vor dem Rampenlicht
Eingriffe in gewollte Einsamkeit
Die Sache mit dem ‘Smalltalk’
Burnouts
Himmel und Hölle der Extravertierten
Vorteile der Introversion
Vielschichtigkeit des Alleinseins
Klang der Stille
Die perfekte Zeit zum Denken
Wunderwelt der Details und Präzision
Von der Kunst, sich zu konzentrieren
Eigenständiges Lernen
Gute Zuhörer
Der innere Monolog
Schreiben versus Sprechen
Fluch und Segen der Kommunikation
Zeiten erzwungener sozialer Distanz
Myriaden von Talenten
Erinnerungen und Beziehungen
Kindheitserinnerungen
Freundschaft
Partnerschaft
Introversion und Autismus
Irrtümer und Erkenntnisse
Schlusswort
Danksagung
Literaturverzeichnis
Widmung
Dieses Buch ist hauptsächlich meiner Mutter und meiner Tochter gewidmet. Wir empfinden uns als eine Art 'Spirituelle Dreieinigkeit der Introvertierten' und leuchten hell wie Kerzen, denen kein Sturm etwas anhaben kann. Unsere Wesenheiten scheinen in rätselhaften Mustern unterschiedlicher Schicksale miteinander verwoben zu sein.
Natürlich widme ich dieses Buch auch meinen Freunden. Erstaunlicherweise sind sie fast alle von introvertierter Natur. Vielleicht harmonieren wir deshalb so gut miteinander. Unsere Freundschaften sind wie wunderschöne Wandteppiche, gewoben aus Liebe, Respekt und Toleranz. Miteinander können wir so sein, wie wir sind. Danke, dass ihr in meinem Leben seid und es mit so viel Freude erfüllt.
Einleitung
Als ich damit begann, das erste Kapitel dieses Buches in der englischen Fassung zu schreiben, geschah dies unter den ungewöhnlichsten Umständen. Es war am 22. März des Jahres 2020. Die ganze Welt war in Aufruhr und schien am Rande des Zusammenbruchs zu sein. Wenn man mir damals gesagt hätte, dass uns eine weltweite Pandemie bevorsteht, hätte ich es nicht für möglich gehalten. Bis dato kannten wir dieses Wort nur vom Hörensagen, denn in unserer modernen Welt schien so eine Katastrophe undenkbar zu sein.
Beim letzten Mal, als eine Pandemie solchen Ausmaßes auftrat, war es die Spanische Grippe, welche im Jahr 1918 begann. Sie dauerte bis Dezember 1920. Niemand wusste, wo die Spanische Grippe ursprünglich begonnen hatte. Aber wir wissen, dass im Dezember 2019 das Corona Virus COVID-19 angeblich erstmals in China entdeckt wurde. Mittlerweile wurden Stimmen laut, dass das erste Auftreten bereits wesentlich früher gewesen sein soll. In kürzester Zeit hatte sich die Infektion zeitgleich in vielen Ländern der Welt ausgebreitet. Natürlich hoffte jeder hier, dass Europa der drohenden Katastrophe entgehen würde. Wie wenig wir doch wussten…
Zunächst erschienen die Symptome wie trockener Husten, Fieber und Müdigkeit nicht so schlimm zu sein. In leichten Fällen traten sogar nur Halsschmerzen oder Schnupfen auf. Gar mancher hatte überhaupt keine Symptome. Nicht lange jedoch und es kamen schwerwiegendere Komplikationen wie Atembeschwerden, Lungenprobleme und Organversagen hinzu. In kürzester Zeit stieg die Zahl der Todesopfer in unfassbare Höhen. Spätestens jetzt hatte das Corona Virus die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen.
Schließlich geschah das Unvermeidliche. Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch von COVID-19 zur Pandemie, was sich für mich irgendwie unwirklich anfühlte. Von diesem Moment an begann die deutsche Regierung in einer Weise zu handeln, wie wir es noch nie erlebt hatten. Bald jagte auch in meiner Firma eine alarmierende Meldung die andere. Zuerst durften wir nicht mehr zwischen den Standorten unseres Unternehmens reisen. Darauf folgten Einschränkungen bei Reisen in andere Länder und sogar innerhalb Deutschlands. Doch das war erst der Anfang, denn bald mussten die viele unserer Mitarbeiter in ihren Heimbüros arbeiten. Die deutsche Regierung war kurz davor, Ausgangssperren zu verhängen, was etwa 9 Monate später Wirklichkeit und damit zu einem normalen Bestandteil unseres täglichen Lebens wurde.
Wie zu erwarten, gibt es auch Menschen, welche die Ursache der Pandemie mit kruden Verschwörungstheorien zu erklären versuchen. Das sind diejenigen, welche alle erdenklichen Corona Schutzmaßnahmen ablehnen und damit sowohl sich als auch andere gefährden. Die zum Teil gewalttätigen Demonstrationen gegen die Corona-Politik sind der Sache genauso wenig dienlich. Das Ganze gipfelte darin, dass Virologen und Politiker in Deutschland massive Morddrohungen erhielten.
An diesem Punkt wurden mir plötzlich jene Vorteile bewusst, die es mit sich bringt, ein introvertierter Mensch zu sein. Auch wenn es angesichts einer Pandemie makaber klingt, kann selbst eine solche Situation teilweise ein Segen für das Individuum sein. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen, denen der Gedanke, zu Hause eingesperrt zu sein, gar nicht gefiel, blühte ich regelrecht auf. Ich fühlte mich wie eine Blume in der Wüste, die plötzlich und unerwartet Wasser bekommen hatte. Endlich konnte ich ein Leben führen, von dem ich schon immer geträumt hatte, wenn auch nur für eine Weile. Allein in meinem stillen Heim, das für mich wie eine Trutzburg ist, konnte ich ungestört und in willkommener Einsamkeit arbeiten. Jeden Tag stand ich im Einklang mit meinem Biorhythmus auf, und es war nicht nur eine Freude, meine Mahlzeiten frisch zubereiten, sondern sie auch allein einnehmen zu können.
Ein weiterer Vorteil: Ich war keinem Smalltalk mehr ausgesetzt. Was für ein ironischer Segen, der aus dem neuesten Fluch der Menschheit hervorging! Aus meinem Unterbewusstsein tauchte mitunter die Frage auf, ob ich mich hätte schuldig fühlen sollen, weil ich nicht in Panik geraten bin wie viele andere. Es gibt jedoch immer zwei Seiten einer Medaille, genau wie bei Dunkelheit und Licht. Ich habe die letztere gewählt, denn Menschen, die in Panik geraten, können nicht klar denken - ein Zustand, den ich an mir selbst verabscheue. Also blieb ich ruhig und vertraute darauf, dass für meine Familie, Freunde und mich alles gut ausgehen würde, weil wir ohnehin ein eher zurückgezogenes Leben führen. Es klingt vielleicht grausam, aber aufgrund der stiller gewordenen Welt schien es für mich keinen besseren Zeitpunkt als diese Pandemie zu geben, um mit dem Schreiben eines Buches zu beginnen, also beschloss ich, das Beste daraus zu machen.
Die grundlegende Inspiration kam von Jenn Granneman's Webseite https://introvertdear.com. Die Art und Weise, wie sie das heikle Thema der Introversion aufbereitete, hat mir sehr gut gefallen, vor allem die weniger wissenschaftlichen Teile. Als ich damit begann, mein Buch zu strukturieren, entschied ich mich für ausgewählte Schwerpunkte, die mich besonders interessierten. Jenn erwähnte, dass es keine Menschen gibt, die in ihrer introvertierten Ausprägung absolut gleich sind. Es hat mir viel Freude bereitet, ihren Standpunkt zu untermauern, sowie die innere Welt meiner Familie und anderer Menschen anhand der vielfältigen Anzeichen von Introversion zu analysieren.
Wenn ich über Introvertierte und Extravertierte schreibe, beziehe ich mich ausschließlich auf Menschen, die mir bekannt sind. Das Geschriebene stellt keineswegs eine Verallgemeinerung in Bezug auf Introversion oder Extraversion dar, denn dafür gibt es zu viele Variationen.
Die meisten Illustrationen im vorliegenden Buch sind Scherenschnitte, die ich vor etwa vierzig Jahren anfertigte, worauf ich in einem anderen Kapitel zurückkommen werde. Den Abschluss bildet eine Zentangle-Malerei meiner Freundin S., die ihre Abende u. a. gerne mit Zeichnen verbringt und dabei sehr kreativ ist.
Wer wir sind
Wer wir sind, ist eine Frage, auf die es viele Antworten gibt, welche sich in Abhängigkeit von unserem geistigen Entwicklungsstand mit den Jahren signifikant verändern können. Es gibt viele verschiedene Einflussfaktoren, zum Beispiel bewusste Persönlichkeitsveränderungen, die eine lange Zeit benötigen, um Gestalt anzunehmen. Des Weiteren denke ich, dass das, was unser Geist in diese Welt mitbringt, wesentlich entscheidender und prägender ist als die Erziehung.
Mit seinem Persönlichkeitstyp wird man geboren und dieser lässt sich nicht ändern, wie zum Beispiel Extravertiertheit oder Introvertiertheit. Das Beste, was wir tun können, ist zu erkennen, wer wir wirklich sind und uns als einzigartige Wesen mit großem Potenzial zu akzeptieren. Leider wird uns dies durch unsere Erziehung zu Hause oder in der Schule oft erschwert. Viel zu früh werden Kinder einer Welt der Magie und Wunder entrissen, nur um so schnell wie möglich zu dienstbereiten und möglichst widerspruchslosen Rekruten für die Wirtschaft geformt zu werden. Es scheint immer mehr ein Ziel unserer Gesellschaft zu sein, das kreative Denken und Arbeiten der Menschen zu unterdrücken und deren individuelle Entwicklung im Keim zu ersticken. Menschen, die selbständig denken und wissen wer sie sind, neigen dazu, sich zu wehren und unangenehme Fragen zu stellen. Das kann natürlich weder die Regierung noch der Kapitalist brauchen. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder seine eigenen Regeln aufstellt oder die der Gesellschaft in Frage stellt? Das würde ja bedeuten, an den Pfeilern der Macht derjenigen zu rütteln, die nicht nur unsere Politik, sondern auch zunehmend unser Privatleben bestimmen.
Wir Introvertierte stellen zwar eine Minderheit in der Gesellschaft dar, doch verfügen wir immerhin über die Mehrzahl an hochbegabten Menschen. Studien legen nahe, dass Introversion mit zunehmender Intelligenz ansteigt. Das bedeutet, dass mehr als 75% der Menschen mit einem IQ von über 160 introvertiert sind. Das kann kein Zufall sein! Als Menschen voller Ideen und abstrakter Erfindungen sind wir oft schwierig zu verstehen und halten als vielschichtige Persönlichkeiten unser privates und öffentliches Selbst sorgfältig auseinander. Nicht selten intensiv und leidenschaftlich, neigen wir dennoch dazu, unsere Gefühle zu unterdrücken. Zudem leben wir in einer inneren Welt des Verstehens und der Zurückgezogenheit, die unsere wichtigste Energiequelle darstellt.
Introvertierte Menschen bevorzugen es, durch Beobachtung zu lernen und leben ihr Leben erst dann richtig, wenn sie es verstanden haben, d.h. sie gehen vom Überlegen zum Tun über, um danach wieder zum Überlegen zurückzukehren. Ebenso tendieren Introvertierte dazu, vorsichtig, zurückhaltend und reflektierend zu sein. Im Gegensatz zu Extravertierten verankert die Bedeutung, welche von innen kommt, unseren Realitätssinn. Trotzdem sind wir in der Lage, unseren geringen Anteil an Extraversion klug zu nutzen, um mit der Außenwelt kompetent umgehen zu können, ohne sie zu wichtig zu nehmen. Introvertierte Menschen haben den Vorteil, aus den Eigenheiten ihres Persönlichkeitstyps eine unerschütterliche Orientierung zum Leben ableiten zu können, weil das innere Selbst weitaus beständiger ist als äußere Bedingungen und Situationen es je sein werden. Das birgt einen weiteren Nutzen, nämlich dass das Fehlen von Ermutigung keine großen Auswirkungen auf ihre Motivation oder Arbeitsergebnisse hat. (Lesley Sword)
Wie zu erwarten, unterscheiden sich Introvertierte voneinander und sind sensibel für unterschiedliche Dinge. Der amerikanische Psychologe Jonathan M. Cheek erforschte zusammen mit den Doktorandinnen Jennifer Grimes und Courtney Brown diese Unterschiede. Sie stellten die Hypothese auf, dass es verschiedene Typen von Introvertierten gibt, oder anders ausgedrückt, verschiedene Arten, wie die Introvertiertheit einer Person ausgeprägt sein kann. Introvertierte wurden von ihnen in 4 Kategorien unterteilt: die "Sozialen", die "Denkenden", die "Ängstlichen" und die "Zurückhaltenden". (Granneman, Introvert, Dear, 2015)
Diese Hypothesen bewogen mich dazu, über meine eigene Familie und mich intensiver nachzudenken, und tatsächlich konnte ich klare Unterschiede zwischen unseren introvertierten Naturen entdecken.
Ab und zu schreibe ich über meine Mutter, als ob sie noch leben würde, denn in meinem Herzen bleibt sie lebendig und wird es immer sein. Da Geist und Seele unsterblich sind, ist es kein Wunder, dass die Verbindung zwischen uns noch immer genauso stark ist, wie vor ihrem Tod.
Interessant ist, dass Introversion in unserer Gesellschaft einen eher negativen Anstrich zu haben scheint. Wie kommt es sonst, dass Introvertierte oft darüber definiert werden, was sie ihrem Kern nach nicht sind, nämlich extravertiert. Das deutet bereits darauf hin, dass hauptsächlich extravertiert veranlagte Menschen in der Überzahl sind und somit die Tendenz besteht, dass Regeln und Gesetze automatisch nach deren Bedürfnissen ausgerichtet werden. Man geht davon aus, dass etwa nur ein Drittel der Weltbevölkerung introvertiert ist. Wie schade, dass man daran nichts bewusst ändern kann.
Reflexion zur ‘sozialen’ Introvertiertheit
Soziale Introvertiertheit ist im Wesentlichen dadurch bestimmt, wie sich ein Mensch in Bezug auf andere Menschen bzw. Menschengruppen verhält. Das heißt, dass sich sozial Introvertierte vorzugsweise gar nicht in Gruppen aufhalten und wenn ja, dann eher in kleineren. Grundsätzlich ist Einsamkeit die erste Wahl. Man verweilt lieber in den eigenen 4 Wänden mit einem guten Buch oder geht anderen Hobbys nach, die keine Gesellschaft anderer erfordern. Fremden Menschen geht man, wenn möglich, ganz aus dem Weg. (Granneman, Introvert, Dear, 2015)
Wie sich herausstellte, sind meine Mutter, meine Tochter und ich tatsächlich "soziale" Introvertierte. Wir mögen es nicht sonderlich, mit mehr als zwei Leuten auf einmal zusammen zu sein. In der Tat ziehen wir es vor, uns mit niemandem zu oft zu treffen. Wir bevorzugen es allein zu sein und in Ruhe gelassen zu werden, mit der gelegentlichen Ausnahme, wenn wir das Zusammensein mit geliebten Menschen genießen wollen. Auch sind wir durchaus damit zufrieden, allein stundenlang unseren Hobbys nachzugehen, anstatt nachts um die Häuser zu ziehen. Es ist nicht so, dass wir schüchtern seien oder uns vor Gruppen fürchten würden. Wir sind einfach lieber allein. In einer Welt, die von Extravertierten dominiert wird, erweist sich Zurückgezogenheit jedoch als schwierig und manchmal sogar als unmöglich. Es hängt natürlich auch davon ab, wie stark man sich durchsetzen kann und will.
Verständnis dafür darf man von seinen extravertierten Zeitgenossen allerdings nicht erwarten. Eher neigen diese dazu, es als negative Eigenschaft zu bewerten, wenn jemand seine Energie und Aufmerksamkeit vorwiegend auf sein Innenleben ausrichtet. Das liegt vermutlich entweder in mangelndem Vorstellungsvermögen oder fehlender Toleranz begründet. Merkwürdig ist, dass ich überhaupt kein Problem damit habe, das Verhalten Extravertierter nachzuvollziehen und zu verstehen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie in der Außenwelt wesentlich mehr von ihrer Persönlichkeit preisgeben als wir Nesthocker.
Meine Mutter
Meine Mutter wurde 1925 geboren, und ihre Jugend war sehr stark durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Als eine der gütigsten und liebevollsten Seelen der Welt, war sie genauso stark wie sie still gewesen ist. In Zeiten der Muße betrachte ich manchmal unsere alten Schwarz-Weiß-Familienbilder. Auf einem Bild sieht man eine schöne, schlanke Frau, die offensichtlich nicht gern im Rampenlicht steht. Meine Mutter muss damals etwa 17 Jahre alt gewesen sein. Scheu lächelnd steht sie neben einem grasenden Pferd auf der Wiese des Grundstücks ihrer Tante. Es war Sommer, und ihr Leben schien sich vor ihr auszubreiten, so üppig wie die Blumen um sie herum. Ich wette, sie tanzte gern über das Gras, wenn niemand sie sah. Ihre Unschuld und Reinheit kommen auf eine so rührende Weise zum Ausdruck! Oft wünschte ich, dass ich sie schon damals gekannt hätte. Ihr Bruder R. und ihre Schwester J. waren ebenfalls stark introvertierte Menschen und die Geschwister liebten einander innig.
Tapfer kämpfte sich meine Mutter durch die Kriegsjahre, die sehr hart gewesen sein müssen. Danach begann sie eine Ausbildung als Lehrerin, wo sie meinen Vater kennenlernte. Später zeigten mir meine Eltern gelegentlich Bilder von ihren Nachkriegsschulklassen. Heutzutage ist es undenkbar, dass eine Person vierzig Schüler unterschiedlichen Alters gleichzeitig und in einem Klassenzimmer unterrichtet. Trotzdem bewältigten sie die schweren Aufgaben. Als ich herausfand, dass meine Mutter introvertiert war, fragte ich mich, wie sie jemals vor einer Klasse stehen oder Jahre später als Direktorin ihrer Schule arbeiten konnte. Heute weiß ich, warum. Sie war mit unglaublichen Begabungen gesegnet, von denen niemand etwas wusste. Diese Erkenntnis verblüfft und beschämt mich noch heute. Wie kann man so viele Jahre mit seinen Eltern verbringen und doch so wenig von ihnen wissen?
Meine Mutter hatte eine unglaublich positive Aura. Sie strahlte diese seltene Art von stiller, aber unnachgiebiger Stärke aus, gepaart mit Liebe zu allen, vor allem zu den 'verlorenen Söhnen' unter ihren Schülern. Oft nutzte sie nachmittags ihre Freizeit, um ihnen Nachhilfeunterricht zu geben, aber ohne erhobenen Zeigefinger oder Moralpredigten. Stattdessen ermutigte sie die Kinder, ihre eigenen Grenzen auszuloten und nicht aufzugeben.
Die soziale Introvertiertheit meiner Mutter behinderte sie also offensichtlich nicht in ihrer Tätigkeit als Lehrerin. Vermutlich kann man im Beruf nicht ohne den Schutz einer Art von Rüstung überleben. Doch auch in ihrem Privatleben benötigte sie diese dringend. In gewisser Weise war ihr Zuhause nur eine andere Art von Schlachtfeld. Wohlgemerkt, sie war Mutter von vier Töchtern. Meine Eltern arbeiteten beide in Vollzeit. Heutzutage können Mütter jahrelang zu Hause bleiben, bevor ihre Kinder eingeschult werden. Damals, zu DDR-Zeiten, hatten die Frauen dieses Privileg leider nicht. Sechs Wochen nach der Geburt mussten sie wieder ganztags arbeiten gehen. So sehr ich mich auch bemühte, konnte ich mir nie erklären, woher meine Mutter die Stärke nahm, solch schwere Last zu tragen.
Es ist ironisch und traurig, dass die soziale Introvertiertheit meiner Mutter überhaupt keine Chance hatte, ihr zum Nachteil zu gereichen, weil sie weder Zeit noch Muße für soziale Kontakte hatte. Solange wir Kinder zu Hause lebten, blieb ihr schlichtweg keine einzige Minute für sich selbst. An Schultagen stand sie morgens spätestens um 5.30 Uhr auf und bereitete das Frühstück für alle vor. Nachdem sie die Betten gerichtet hatte, ging sie in die Schule, noch ehe wir Kinder das Haus verließen. Wenn sie am Nachmittag zurückkam, gab es die üblichen Aufgaben zu erledigen: Einkaufen, Putzen, Kochen und sich um die Kinder kümmern. Zudem kam mein Vater spätabends oft mit großen Mengen von Obst und Gemüse aus unserem Garten zurück. Stolz platzierte er seine Ernte auf dem Küchentisch, ohne die müden Augen meiner erschöpften Mutter zu bemerken.
Das erinnert mich vage an das Verhalten von Höhlenmenschen, bei dem der Mann das Wild auf den Boden wirft und erwartet, dass sich die Frau sofort darum kümmert. So viel hat sich seit damals gar nicht geändert, oder? Auf der anderen Seite muss man ehrlich sagen, dass es damals ein Segen war, einen Garten bewirtschaften zu können, weil es bei uns in den Geschäften nicht immer alles zu kaufen gab. Einerseits war meine Mutter froh, dass wir eigenes Obst und Gemüse hatten, aber es bedeutete andererseits auch zusätzliche Arbeit. Heute wünschte ich, ihr damals mehr geholfen zu haben.
Nun begann die dritte Schicht meiner Mutter, denn es musste alles geputzt, kleingeschnitten und verarbeitet werden. Wenn sie mit all dem fertig war, galt es noch die Vorbereitungen für den Unterricht am nächsten Tag zu treffen, und die erledigte sie sehr gründlich. Es war etwa 1 Uhr nachts, manchmal auch später, wenn sie vollkommen erschöpft ins Bett fiel. Ich schäme mich darüber, ihre extreme Belastung erst erkannt zu haben, als ich selbst erwachsen war. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, bereue ich es bitterlich, nicht hilfsbereiter und verständnisvoller gewesen zu sein, anstatt ihr so manches Mal frech über den Mund zu fahren. Oh je!
Das soziale Leben meiner Mutter spielte sich vorwiegend im Familienkreis ab. Natürlich gab es gelegentliche Anlässe wie Geburtstagsfeiern. Doch auch hier war sie diejenige, welche die meiste Arbeit allein erledigte. Wenn sie dann endlich die Gelegenheit hatte, sich hinzusetzen, schien sie sich im Kreise ihrer Gäste wohlzufühlen, denn es handelte sich in der Regel um Familienangehörige und sehr enge Freunde. Doch die friedlichen Momente waren meistens nicht von langer Dauer. Irgendwann begann mein extravertierter Vater das Wort zu ergreifen und hörte nicht mehr auf, bis die Party zu Ende war. Er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen und den Entertainer zu spielen. Es wäre vielleicht lustig gewesen, wenn er nicht zum hundertsten Mal die gleichen Geschichten zum Besten gegeben hätte oder meiner Mutter nicht ständig ins Wort gefallen wäre. Größtenteils war er der einzige Held in seinen Storys. Seltsamer Weise war es nie meine Mutter, obwohl es in Wirklichkeit oft genau andersherum war. Erstaunlicherweise zeigte meine Mutter nie ihren Unmut, obwohl ich weiß, wie sehr sie sich im Stillen darüber ärgerte. Versteht mich nicht falsch, mein Vater liebte seine Frau sehr, aber er konnte sich in manchen Situationen offensichtlich nicht zurückhalten. Mein Vater arbeitete hart, doch unter dem Strich trug meine Mutter wesentlich mehr Last als er. In seiner Freizeit beschäftigte sich mit dem, was ihm die meiste Freude bereitete: Freunde, Auto, Sport und Gartenarbeit. Meine Mutter konnte an so etwas nicht einmal denken, geschweige denn Freundschaften pflegen. So funktionierten damals offensichtlich viele Ehen. Wenn ich mich manchmal so umhöre, habe ich jedoch das Gefühl, dass auf diesem Gebiet noch immer Nachholbedarf für uns Frauen besteht.
An den Wochenenden, nach dem Mittagessen und wenn wir endlich den Abwasch erledigt hatten, war die Zeit meiner Mutter gekommen. Zuerst setzte sie sich in ihren Schaukelstuhl, um die Zeitung zu lesen. Danach gab sie sich der Lektüre eines ihrer Lieblingsbücher hin, bis sie einschlief und eine höchst willkommene Siesta hielt. Die Bücher waren entweder Krimis oder Fantasiegeschichten. Dies waren jene Stunden, die sie am meisten liebte: allein zu sein und in Ruhe zu genießen, was ihr am meisten Freude bereitete.
Obwohl wir in einem Haus mit anderen Familien lebten, sah ich meine Mutter nie Smalltalk mit ihnen pflegen. Zum einen hatte sie keine Zeit, zum anderen war sie grundsätzlich nicht an sozialen Kontakten interessiert. Einmal fragte ich sie, ob sie es nicht vermisse, eine Freundin zu haben. Traurig lächelnd erzählte sie mir, dass es in ihrer Kindheit eine gab, aber nein, sie will keine anderen Freunde mehr. Das fand ich sehr schade, aber vermutlich hätte sie sich ohnehin nicht getraut, für eine solche Beziehung Zeit abzuzweigen, denn ihre große Familie und der Job verlangten bereits alles von ihr ab. Sie hatte ja nicht einmal freie Zeit für sich selbst.
Meine Tochter
Jetzt, da ich über die Situation meiner Mutter nachdenke, finde ich es erstaunlich, wie sehr ihr meine Tochter in mancher Hinsicht ähnelt. Sie war ein liebes und fröhliches Kind. Die meiste Zeit habe ich sie allein großgezogen. In der DDR kannten wir keine Arbeitslosigkeit, einer der vielen Vorteile, die ich sehr vermisse. Jeder hatte nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, in Vollzeit zu arbeiten; Männer und Frauen gleichermaßen. Wir haben das nie in Frage gestellt. Für uns war es ganz selbstverständlich, sein Kind vor dem ersten Hahnenschrei in Kinderkrippe oder Kindergarten abzugeben und am späten Nachmittag wieder abzuholen.
Üblicherweise brachte ich meine Tochter Punkt 6 Uhr morgens in die nahegelegene Kindertagesstätte. Sie hasste es, täglich aufs Neue von mir verlassen zu werden und weinte jedes Mal, wenn ich wegging. Es war herzzerreißend und ich fühlte mich wie eine Rabenmutter. Im Gegensatz zu den anderen Kindern zog es meine Tochter vor, nach dem Mittagessen grundsätzlich keinen Mittagsschlaf zu halten. Nach Aussage der Erzieherinnen musste eine von ihnen ständig an ihrem Bett wachen, da meine offenbar seelisch gestresste Tochter dazu neigte, sich Strähnen aus ihrem schönen dunklen Haar zu reißen. Meine Vermutung ist, dass sie sich in einer Gruppe nicht wohl fühlte und ihre Mutter vermisste. Sie war ja auch erst anderthalb Jahre alt! Wenn ich sie endlich gegen 17.30 Uhr wieder abholen konnte, waren immerhin fast 12 Stunden vergangen. Über den Tag hatte sie sich wieder beruhigt und war abgelenkt worden, jedoch war sie nachmittags oft ziemlich erschöpft. Es war spürbar, dass das lange Zusammensein mit Fremden seinen Tribut gefordert hatte. An manchen Tagen endete das Ganze auch in einem ausgewachsenen Tantrum, sobald wir zuhause angekommen waren. In diesem Alter haben Kinder wenige Chancen, ihren Protest auf andere Weise kundzutun und als Mutter, die ebenfalls einen anstrengenden Tag hinter sich hatte, war ich der Situation nervlich nicht immer gewachsen.
Als Schulkind spielte meine Tochter nachmittags oder an den Wochenenden gelegentlich mit Kindern in der Nachbarschaft, zog es jedoch vor, sich mit jedem einzeln zu treffen. An den Wochenenden ging sie gerne mit mir hinunter zum Fluss und dem Spielplatz. Damals liebte sie es, sich frei und ungestört in der Natur zu bewegen, versorgte sie einen doch mit allem was man gerade zum Spielen brauchte. Mit ihr fühlte ich mich selbst wie ein Kind und vergaß alle meine Sorgen.
Je nach Wetter, verbrachte sie ebenso viele Stunden zu Hause allein im Kinderzimmer. In ihrer selbstgewählten Einsamkeit spielte sie fröhlich mit Puppen, Tieren oder baute geduldig kleine Städte und Zoos auf dem Teppich. Dabei pflegte sie andächtig zahllosen Märchen von der Kassette zu lauschen. Ich erinnere mich noch gut an ihre tägliche Frage: "Mama, willst du mit mir spielen?" Bei dem engen Zeitplan war das manchmal schwierig, aber ich versuchte dennoch, so viel Zeit wie möglich mit meinem ‚Röslein‘ zu verbringen. Sobald meine Tochter dazu in der Lage war, las sie ebenfalls gerne Bücher, womit sie in die Bücherwurm-Fußstapfen ihrer Mutter und Großmutter trat und eine langjährige Familientradition fortsetzte.
Im Laufe der Jahre zogen wir des Öfteren innerhalb von Deutschland um. Wo immer wir uns niederließen, fand meine Tochter einige gute Freunde, mit denen sie gelegentlich gerne ihre Zeit verbrachte. In ihrer Teenagerzeit führte sie ein viel weniger zurückgezogenes Leben als heute, obwohl sie damals nicht sehr viele Partys besuchte. Am Anfang versuchte sie es, weil es für andere das Normalste der Welt zu sein schien. Aber bald entdeckte sie, dass ihr der ohrenbetäubende Lärm, die Menschenmassen sowie die Mengen an Alkohol, die dort konsumiert wurden, zuwider waren. Irgendwann kam eine Zeit, in der mein Sprössling das Haus gar nicht mehr verlassen wollte. Die meiste Zeit verschanzte sie sich in ihrem Zimmer, las, tanzte, sah fern oder träumte vor sich hin. Meine Tochter war außerdem Teil einer Mädchengruppe, die ihre Abneigung gegen Partys teilte. Sie besuchten die gleiche Schulklasse und trafen sich in ihrer Freizeit manchmal zu zweit oder zu dritt. So hatte sie ihren Anteil an sozialen Kontakten auf eine Art und Weise, die ihr am meisten zusagte.
Während ihres Studiums führte meine Tochter ein eher untypisches Studentenleben. Auch in dieser Zeit blieb sie weitestgehend lieber für sich oder mit ihrem Freund zusammen und konzentrierte sich auf das Lernen, anstatt Partys zu feiern, Drogen zu konsumieren oder sich am Komasaufen zu beteiligen. Belohnt wurde das am Ende ihrer Studienzeit damit, dass sie als Beste ihrer Studienklasse ausgezeichnet worden ist. Ich werde nie ihren ungläubigen Gesichtsausdruck und das Lächeln vergessen, als es verkündet wurde und sie ihre Auszeichnung erhielt.
Das Leben meiner Tochter als Erwachsene begann ganz anders als das meiner Mutter oder mir, da sie keine Kinder hatte. Auch dann führte sie ein eher privates, zurückgezogenes Leben, zumal sich ihre Freunde nach dem Studium in alle vier Himmelsrichtungen verstreut hatten. Das ließ ihre sozialen Kontakte immer weiter schwinden. Genau wie ich ist sie zufrieden in ihrem Zuhause, einem Rückzugsort der Stille und Geborgenheit.
Die Dritte im Bunde
Ja, wo ordne ich mich als dritter Teil unserer ‚Spirituellen Dreieinigkeit der Introvertierten‘ ein? Bei mentalen Reisen in meine Vergangenheit wird mir immer wieder deutlich, wie viele faszinierende, wenn auch holprige Wege ich bereits beschritten habe. Vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde ich als drittes von vier Kindern geboren. Die 3 werte ich als ein gutes Zeichen, denn immerhin ist sie eine magische Zahl! In den Märchen war das dritte Kind oft dazu auserwählt, schwierige Proben erfolgreich zu bestehen, aus denen es am Ende als Held und Retter hervorging. Die Vorstellung, dass ich so ein Kind bin, hat mir schon immer sehr gut gefallen.
Nun, zwei ältere Schwestern zu haben, war ganz und gar kein Zuckerschlecken. Zumindest nicht in meinem Fall! Zunächst einmal mochten sich die Beiden nicht. Das äußerte sich z.B. in regelmäßigen Zickenkriegen, bei denen Haare ausgerissen wurden und Schlimmeres. Außerdem war meine zweite, eher extravertiert ausgerichtete Schwester aus unerfindlichem Grund eifersüchtig auf mich und neidete mir alles und jedes. Das hat sich leider bis heute nicht geändert und muss etwas sein, womit sie geboren wurde. Meine Eltern erzählten uns oft, dass sie schon als Baby lauthals bei jeder Mahlzeit eine zweite Portion Essen forderte. Sie schrie entweder so lange, bis sie mehr bekam oder heiser vom Kreischen war. Körperliche Gewalt von ihrer Seite gegen mich war eher selten, da ich mich bereits als Kleinkind recht gut verteidigen konnte und es meine kriegerische Natur einfach nicht zuließ, dass mich jemand ungerechtfertigt und ungestraft angreift. Mit meiner ältesten, introvertierten Schwester kam ich gut aus, so lange ich keine Widerworte gab und alles guthieß, was sie tat und sagte. Zu Beginn verehrte ich sie für ihre Schlagfertigkeit und Fröhlichkeit. Allerdings änderte sich das einige Jahre später, als sich meine eigene, starke Persönlichkeit zu entwickeln begann und ich in der Lage war, hinter ihre Fassade zu schauen.
Ehrlich gesagt, habe ich mich in der Gegenwart meiner älteren Geschwister nie wirklich wohl gefühlt. Dass mir nachgesagt wurde, das Wunschkind meiner Mutter und das Lieblingskind meines Vaters zu sein, hat die Lage nicht unbedingt verbessert. Zwar stimme ich Rudolf Steiner zu, welcher der Ansicht war, dass sich der Geist die Eltern erwählt, aber auf keinen Fall hat sich mein Geist meine älteren Schwestern ausgesucht. Ein Gutes hatte es jedoch, denn immerhin haben mich die regelmäßigen Kämpfe mit ihnen bestens auf die künftigen Schlachten des Lebens vorbereitet. Zum Glück erblickte meine jüngere Schwester zwei Jahre nach mir das Licht der Welt. Sie war ein entzückendes, ruhiges und liebenswertes Kind, das niemals Streit suchte. Altersmäßig nahe beieinander und beide introvertiert, kamen wir ausgesprochen gut miteinander aus.
Obwohl mir meine Eltern das nie gezeigt haben, war ich ein schwieriges Kind, gesegnet mit einer göttlich-explosiven Mischung aus cholerischem und sanguinischem Temperament. Zugegeben, meine melancholische Seite flammte während der Pubertät kurz auf, beruhigte sich aber, nachdem ich Mutter geworden war. Was den phlegmatischen Teil meines Temperaments betrifft, so schwöre ich, dass er praktisch nicht vorhanden ist.
Cholerisch veranlagte Menschen werden oft und in erster Linie mit Unbeherrschtheit und Wutanfällen in Verbindung gebracht. Es ist nicht zu leugnen, dass wir diese haben, doch daneben gibt es auch viele positive Aspekte. Dieses Temperament ermöglicht es einem u.a., die schier unerschöpflichen Quellen des Geistes zu erschließen, welche die körperlichen Ressourcen um ein Vielfaches übertreffen. Dem sanguinischen Temperament verdanke ich u.a. meine innere Freude und Flexibilität. Es versorgt mich darüber hinaus mit Begeisterungsfähigkeit, Wissbegierde, einem guten Gedächtnis, sowie einer sensiblen Wahrnehmungsfähigkeit.
Die soziale Introvertiertheit während meiner Kindheit trat auf unterschiedliche Weise zutage. Mein Vater führte ein strenges Regiment, und wir alle waren natürlich gezwungen, uns an die Regeln der Familie zu halten. Das bedeutete unter anderem während der Mahlzeiten pünktlich anwesend zu sein, fleißig zu lernen, keine Widerworte zu geben und die anfallenden Hausarbeiten zu erledigen. Letzteres war nicht selten konfliktreich, denn als geborene Kämpferin ließ ich mir ungern von anderen etwas sagen (nicht, dass sich das bis heute wesentlich geändert hätte). Auf einigen Fotos meiner frühen Kindheit sehe ich aus wie ein furchtloser Pirat, der mit zusammengezogenen Augenbrauen bereit war, jede Herausforderung anzunehmen, - ein früher Beweis dafür, dass ich so gar keine Lust hatte, Regeln zu befolgen, die ich nicht selbst aufgestellt hatte.
