Magische Freundschaft - Claudia Choate - E-Book

Magische Freundschaft E-Book

Claudia Choate

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Beschreibung

Ein schweres Zugunglück bringt das Leben der 12-jährigen Julika aus Ungarn vollkommen durcheinander. Schwer verletzt und plötzlich Waise findet sie Zuflucht bei ihrer Großmutter in Deutschland. Die Nachbarjungen Tim und Tom helfen dem Mädchen, die Sprache zu lernen und wieder Freude am Leben zu haben. Doch an ihrem 13. Geburtstag taucht Julika in eine Welt voller Magie ein, von der sie bisher nur träumen konnte. Zusammen mit ihrem magischen Freund versucht sie, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

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INHALTSVERZEICHNIS

Tödliche Reise

Magische Heilung

Ein neues Zuhause

Neue Freunde

Tierischer Besuch

Geburtstagsüberraschungen

Juwelenherz und Sternenflügel

Schulanfang

Der Zeitsprung

Abschied von der Vergangenheit

Das magische Buch

Sturm am Freundschaftshimmel

Die Hohe Schule der Magie

Die Suche nach der Lösung

Sternenflügels Geschichte

Ein Märchen wird wahr

Neue Fähigkeiten

Ein unnötiger Zauber

Klassenfahrt mit Hindernissen

Schatten und Ahnungen

Nachtwanderung

Ein Kampf auf Leben und Tod

Heilung

Wieder zurück

Unwetter am Sternenhimmel

Zusammenbruch

Versöhnung

Magische Momente

Ein neuer Freund

Kaltes Feuer

Des Rätsels Lösung

Suche in der Dunkelheit

Wahre Helden

Danksagung

Weitere Titel von C. Choate

TÖDLICHE REISE

Es traf Julika völlig unvorbereitet, als sie aus dem Schlaf hochschreckte. Reifen quietschten, Menschen schrien durcheinander und im nächsten Moment wurde das Mädchen auch schon aus ihrem Sitz geschleudert und prallte gegen eine Wand. Das war definitiv kein Traum, sondern brutale Wirklichkeit. Dies wurde ihr spätestens dann klar, als der Schmerz durch ihren gesamten Körper jagte.

Doch die 12-Jährige hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn kaum hatte sie den Aufprall gespürt, wurde sie auch schon wieder zurück gegen einen der Sitze geworfen. Sie merkte, wie ihr Arm brach, als sie gegen die Lehne prallte, und öffnete ihren Mund zu einem Schmerzensschrei, der jedoch zwischen den Schreien der anderen Menschen verklang.

Plötzlich spürte sie, wie der Wagon zur Seite kippte. Erneut wurde sie durch die Gegend geschleudert. Das Sicherheitsglas des Fensters, in das sie einschlug, krachte laut. Doch obwohl es nicht wie normales Glas in tausend Scherben zersplitterte, sondern durch eine Folie zusammengehalten wurde, zerschnitten ihr die Splitter die Haut. Dann gab es einen weiteren, starken Ruck, der sie gegen die Gepäckablage prallen ließ. Julika verlor das Bewusstsein und blieb schwer verletzt liegen.

Langsam öffnete das Mädchen die geschwollenen Augen. Sie fühlte sich zu schwach, um zu rufen oder sich zu bewegen, aber das war es nicht, was ihr Angst machte. Nein, es war die Stille, vor der sie sich fürchtete – Todesstille. Es war stockdunkel um sie herum und sie konnte demzufolge rein gar nichts erkennen. Wo waren ihre Eltern, die mit ihr zusammen auf dem Weg zu ihrer Großmutter in Deutschland gewesen waren, um diese für die Ferien zu besuchen? Und wo waren die anderen Reisenden abgeblieben, die sich mit ihnen im Zug befunden hatten?

Julika versuchte verzweifelt, irgendetwas durch die undurchdringliche Finsternis zu erkennen. Doch es war, als hätte man sie in einer verschlossenen Kiste tief in der Erde vergraben, sodass jeder Lichtstrahl und jeder Ton verschluckt wurde, bevor er zu ihr dringen konnte.

Das Mädchen erschrak. Hatte man sie etwa in einem Sarg begraben, weil niemand gemerkt hatte, dass sie noch lebte? Panik machte sich in ihr breit. ‚Nein‘, machte sie sich selbst Mut. ‚Hör’ auf damit! So etwas gibt es nur in Filmen. Bald werden sie kommen und uns alle retten.' Wieder lauschte sie angestrengt in die Stille, doch nichts rührte sich. Dann endlich hörte sie etwas. Es klang wie Sirenen, die in weiter Ferne vorbeifuhren. Danach wurde es wieder still, doch als Julika erneut die Augen öffnete, konnte sie etwas blau blinken sehen.

Es war nur ein Schimmer, der durch die Fenster drang, die sich im Moment über ihr befanden, da der Wagon nach wie vor auf der Seite lag. Und dann konnte sie plötzlich einen Lichtschein erkennen, wie von einer Taschenlampe, mit der jemand in den Zug leuchtete. Julika wollte rufen, auf sich aufmerksam machen, damit man ihr helfen konnte, doch als sie ihren Mund öffnete, brachte sie nur ein leises Krächzen hervor. Sie versuchte, den Arm zu heben, doch der Schmerz war zu stark. Lediglich ein wimmerndes Stöhnen brachte sie zustande. Enttäuscht schloss sie wieder die Augen.

Wenig später konnte sie einen hellen Lichtschein durch die geschlossenen Lider erkennen. Das Licht flutete beinahe durch den Wagon, was dem Mädchen jedoch auch nicht half, da sie ihren Kopf nicht bewegen konnte. Daher konnte sie sich nur mit den Augen umblicken und erkannte schließlich mehrere Körper, die in ihrer Nähe lagen. Ein lautes Klirren ließ sie zusammenzucken und als sie ihren Blick wieder auf das Fenster über ihr richtete, konnte sie einen Feuerwehrmann erkennen, der gerade das Fenster entfernte. Das Mädchen konnte sehen, wie der Mann wenig später durch die Öffnung kletterte, doch er kam nicht zu ihr, sondern ging zum Ende des Wagons. Hin und wieder beugte er sich zu etwas oder jemandem hinunter, aber sie konnte nicht erkennen, was er tat. Dann war er aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Julika schloss die Augen, um ihre letzten Kräfte zu mobilisieren und den Mann auf sich aufmerksam zu machen, als sie plötzlich eine warme Hand an ihrem Handgelenk spürte. Erschrocken riss sie die Augen auf und starrte den Mann angsterfüllt an, der nun seinerseits überrascht zusammenzuckte. ‚War es nur eine Laune der Natur gewesen oder sollte es tatsächlich Überlebende gegeben haben?‘, fragte er sich und legte die Finger diesmal an den Hals des Mädchens, dessen Gesicht man vor lauter Blut kaum noch erkennen konnte. Tatsächlich! Er konnte einen schwachen, aber doch deutlichen Puls spüren. Und jetzt erkannte er auch, dass sie atmete. 'Gott sei Dank!', dachte er und sagte mit sanfter Stimme: „Alles wird gut, meine Kleine. Hilfe ist unterwegs. Kannst du mich hören?“

Julika nickte fast unmerklich und öffnete endlich den Mund: „Anya... Papa...“, kam es kaum hörbar an sein Ohr.

Der Feuerwehrmann wusste nicht, dass sie ungarisch sprach und verstand daher Onja und Baba, konnte jedoch nicht verstehen, was sie damit meinte. Ihm war nicht klar, dass sie nach ihren Eltern fragte. „Ganz ruhig, Kleines. Versuche, dich nicht zu bewegen.“ Er griff mit der freien Hand zum Funkgerät. „Wolf an Einsatzleitung.“

„Einsatzleitung hört. Was hast du gefunden?“

„Ein kleines Mädchen, etwa zehn, zwölf Jahre, ansprechbar, Spontanatmung. Wo bleiben die Ärzte?“

„Sind unterwegs und sollten jede Sekunde bei dir sein. Weitere Überlebende?“

„Bisher nicht“, antwortete Wolf niedergeschlagen.

„Alles klar. Warte auf den Notarzt und schau' dich dann weiter um.“

„Verstanden.“ Der Mann namens Wolf strich Julika sanft ein paar Haare aus dem blutverschmierten Gesicht. Sie hatte im Gesicht und an den Armen viele Schnittverletzungen. Der rechte Arm war total verdreht und mit Sicherheit gebrochen. Auch die Beine wirkten alles andere als natürlich und als er vorsichtig über ihre Hosenbeine strich, konnte er deutlich einen weiteren Bruch fühlen, der mit großer Wahrscheinlichkeit verschoben war. Vielleicht handelte es sich sogar um einen offenen Bruch, auch wenn er aktuell nur wenig Blut an den Beinen erkennen konnte

Er hatte einige Erfahrung mit Unfallopfern und dabei viel gelernt, doch hatte er nie eine medizinische Ausbildung erhalten. Aber die Tatsache, dass das Mädchen bei seiner Berührung weder schrie noch aufstöhnte, ließ ihn das Schlimmste vermuten. Sie konnte sich leicht die Wirbelsäule verletzt oder gar gebrochen haben bei dem Zugunglück. Wolf drängte das Mitleid, das sich in ihm breit machte, energisch zurück. Dafür war im Moment keine Zeit. Neugierig warf er einen Blick auf die kleine Patientin.

Er schätzte sie auf zehn bis zwölf Jahre, wie er bereits seinen Kollegen durchgegeben hatte. Sie war sehr schlank und ihre Haare schimmerten im Licht der Flutlichtlampen. Sie waren genauso hellbraun, wie ihre Augen, die ihn nach wie vor ängstlich anblickten.

Endlich hörte er Geräusche hinter sich und nur Sekunden später stand der Notarzt neben ihm und ließ einen Blick über das Chaos im Zug gleiten. Dann zwang er sich selbst, sich auf seine Patientin zu konzentrieren. „Rechter Arm und vermutlich beide Beine scheinen gebrochen zu sein“, teilte ihm Wolf gerade mit. Dann senkte er die Stimme, sodass Julika ihn nicht verstehen konnte. „Sie scheint es nicht zu spüren, wenn man ihre Beinverletzung berührt.“

„Vermutlich eine Rückenverletzung. Hoffen wir, dass es kein dauerhafter Querschnitt ist“, antwortete der Arzt ebenso leise und kniete sich neben dem Mädchen nieder, um ihr mit Hilfe eines Sanitäters, der inzwischen ebenfalls in das Wrack geklettert war, einen Stiff-Neck anzulegen. Der zweite Sanitäter ging mit Wolf zusammen zu den restlichen Opfern, um nach weiteren Überlebenden zu suchen, während Julika versorgt wurde.

Der Notarzt stellte noch weitere Verletzungen fest und um dem Mädchen unnötige Schmerzen zu ersparen, gab er ihr eine Narkose und intubierte sie, bevor die Brüche geschient und sie schließlich aus den Trümmern geborgen wurde. Seit dem Unglück waren bereits Stunden vergangen, als sich der Rettungswagen mit dem jungen Mädchen auf den Weg in die Klinik machte, wo sie erst einmal durch eine Trauma-Spirale lief und ihre Verletzungen anschließend chirurgisch versorgt wurden.

Als Julika ihre Augen öffnete, war es erneut dunkel um sie und sie fragte sich, wo die Beleuchtung abgeblieben war. Doch dann realisierte sie, dass sie in einem Bett lag. Rühren konnte sie sich zwar immer noch nicht, aber sie fühlte ein weiches Kissen unter ihrem Kopf. Erleichtert schloss sie die Augen und war bald darauf eingeschlafen.

Irgendwann wurde sie von einem Geräusch geweckt, als jemand leise einen Stuhl an das Bett zog und ihr anschließend etwas Weiches in den linken Arm legte, der bis auf die Schnittverletzungen heil geblieben war. Sofort riss sie die Augen auf und blickte auf den Mann neben ihrem Bett. „Hallo, junge Dame“, sagte dieser mit einem Lächeln, als er bemerkte, dass sie wach war. „Wie geht es dir inzwischen?“

Julika blickte ihn fragend an. Sein Gesicht kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht mehr, woher. Der Mann schien das zu bemerken und sagte daher: „Ich bin der Feuerwehrmann, der dich gefunden und sich um dich gekümmert hat, bis der Notarzt kam. Erinnerst du dich?“ Die Erkenntnis leuchtete in ihren Augen auf und sie nickte leicht. „Mein Name ist Wolfgang, aber alle nennen mich Wolf. Magst du mir verraten, wie du heißt?“

„Julika“, kam es leise, aber schon wieder recht deutlich aus ihrem Mund.

„Julika? Das ist aber ein schöner Name. Und wie alt bist du?“

„Zwölf“, kam es zurück.

„Aha, du heißt also Julika, bist zwölf Jahre alt und magst Einhörner“, grinste der Mann, woraufhin sie ihn erneut fragend anblickte. „Du hattest ein T-Shirt mit einem Einhorn darauf an. Außerdem lieben doch alle kleinen Mädchen Einhörner, oder nicht? Bei meiner Nichte ist das zumindest so. Von ihr soll ich dir das Kuscheltier mitbringen. Sie meinte, du könntest im Krankenhaus einen Freund gebrauchen, der auf dich aufpasst und sie hat inzwischen so viele Kuscheltiere, dass sie es nicht vermissen wird. Hoffentlich gefällt es dir.“

Julika drehte den Kopf ein wenig zur Seite. Dann wandte sie sich ihm wieder zu und nickte mit einem Lächeln auf den Lippen, während sie das Einhorn an sich drückte. Wolf genügte das vollkommen. Wenig später verschwand das Lächeln wieder und Julika sagte wieder die beiden Worte, die er schon in dem Zug nicht hatte verstehen können: „Wo Anya... wo Papa?“

„Es tut mir leid, Julika, aber ich weiß nicht, was du meinst. Sind das Namen von deinen Begleitern?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Meine – wie sagst du – Vater und Mutter“, sagte sie und zum ersten Mal fiel ihm ein deutlicher Akzent auf.

„Deine Eltern?“, fragte Wolf. „Waren sie auch im Zug?“

Wieder ein Nicken. „Auf Weg zu meine nagymama – meine große Mutter.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes. „Deine Großmutter, meinst du wohl. Ihr wart auf dem Weg zu ihr, um sie zu besuchen? Und wo kommt ihr her?“

„Magyarország.“

„Bitte was?“

„Ähm, du sagen Ungar, glaube ich.“

„Ach, aus Ungarn kommst du. Dann sprichst du also ungarisch. Kein Wunder, dass ich dich nicht verstanden habe. Diese Sprache spreche ich leider nicht. Und woher kannst du so gut deutsch?“

„Anya ist deutsch.“

„Moment, Anya heißt Mama oder Mutti, nicht? Also deine Mutter ist Deutsche und dein Papa Ungar?“ Wieder nickte das Mädchen. „Weißt du was, Julika? Ich weiß leider nicht, was mit deinen Eltern passiert ist. Es war ein schwerer Unfall und die Verletzten wurden auf verschiedene Krankenhäuser aufgeteilt. Sie können überall im Umkreis von 50 km sein. Aber ich versuche, sie zu finden, okay? Kannst du mir die Namen sagen?“ Julika nannte sie ihm und Wolf schrieb sie ordentlich in sein Handy, das er aus seiner Hosentasche zog. Viel Hoffnung hatte er allerdings nicht. Den Wagon, in dem das Mädchen gesessen hatte, hatte es am Schlimmsten erwischt. Die anderen Passagiere hatten das Unglück nicht überlebt. Doch es konnte sein, dass Julikas Eltern zum Zeitpunkt des Unfalls in einem anderen Wagon gewesen waren. Er würde sich auf jeden Fall erkundigen.

Nachdem er sein Telefon wieder eingesteckt hatte, fiel ihm auf, dass dem Mädchen die Augen zufielen. Daher erhob er sich von seinem Stuhl. „Ich werde mich dann mal wieder auf den Weg machen, damit du dich ausruhen kannst und wieder gesund wirst. Gute Besserung, Julika. Du bist ein tapferes, kleines Mädchen.“ Bevor sie sich versah, war er auch schon verschwunden und Julika drückte das Kuscheltier fest an sich, während sie die Augen schloss. Wolf hatte richtig vermutet: Sie liebte Einhörner und Einhorn-Geschichten über alles und es dauerte auch nicht lange, bis eines davon in ihren Träumen auftauchte und ihr ein Gefühl der Geborgenheit und Zuversicht bescherte.

MAGISCHE HEILUNG

Als sie aus ihrem Traum erwachte, fühlte sie sich viel besser und stärker als noch am Tag zuvor. Nach dem Frühstück kam eine Schwester zu ihr, um die Schnittwunden zu versorgen und neu zu verbinden. Sie begann mit ihrem linken Arm und löste vorsichtig den Verband.

Julika konnte sehen, wie die Augen der jungen Schwester immer größer wurden. Sie starrte das Mädchen an, wie einen Geist, legte das Verbandszeug auf den Nachttisch und wandte sich zur Tür. „Entschuldige mich einen Moment.“ Julika antwortete nicht und wartete geduldig auf ihre Rückkehr. Diese ließ auch nicht lange auf sich warten, doch diesmal kam die Schwester in Begleitung von gleich zwei Ärzten. „Sehen Sie sich das an! Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?“

Die beiden Ärzte traten näher und starrten ebenso ungläubig auf Julikas Arm, wie die junge Frau. Jetzt erst ließ Julika ihren Blick ebenfalls über ihren linken Arm gleiten, fast ängstlich, was sie dort vorfinden würde. Doch sie konnte beim besten Willen nichts Ungewöhnliches entdecken. Ihr Arm sah aus wie immer, wenn man mal von den leichten, roten Striemen absah, die von den Schnitten übriggeblieben waren.

Das Mädchen blickte zu dem Arzt auf, der ihren Arm beinahe ehrfürchtig in seine Hände genommen hatte. „Unglaublich“, gab er bekannt und Julika verstand nun überhaupt nichts mehr.

„Was hast du?“, fragte sie verwirrt. „Mit meine Arm doch alles gut.“

Der Arzt lächelte freundlich. „Ja, Julika, das ist richtig – und genau das ist das Verwunderliche. Du hattest teilweise recht tiefe Schnitte davongetragen und deine Haut ist plötzlich völlig in Ordnung. Man kann lediglich noch erkennen, wo sich neue Haut gebildet hat.“

Julika verstand noch immer nicht. „Aber müssen das nicht so sein?“

„Doch natürlich, aber normalerweise dauert es mindestens ein bis zwei Wochen, bis die Haut sich selbst so weit geheilt hat. – Nicht etwas mehr als einen Tag!“

„Doch, ist immer so“, klärte ihn seine Patientin auf.

Jetzt starrten seine Augen ungläubig das Mädchen an. „Du meinst, Wunden heilen bei dir immer so schnell?“ Julika nickte und er drehte sich zu seinem Kollegen um. „Hast du schon einmal von so etwas gehört?“

„Nein, noch nie. Lass' uns mal die anderen Pflaster und Verbände entfernen.“ Das taten sie auch und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sämtliche Schnitte im Gesicht waren genauso verheilt, wie die am Arm, ebenso die Platzwunde an ihrer Schläfe. „Jetzt will ich es aber wissen!“, sagte der zweite Arzt und trat an eines der beiden Beine, das mit einem Verband umwickelt war. Da Julika eine Rückenverletzung hatte und daher ihre Beine nicht bewegen konnte, lagen sie lediglich in einer Gipsschiene, waren aber nicht vollständig eingegipst worden. Daher war es relativ einfach, den Verband zu entfernen und die Stelle freizulegen, an der die Chirurgen das Bein hatten aufschneiden müssen, um die Bruchstücke passgenau wieder zusammenzusetzen. Der Schnitt sah aus, als wenn er vor Wochen durchgeführt worden wäre und doch waren es nicht einmal dreißig Stunden. Sprachlos starrten die beiden Mediziner erst das Mädchen an und anschließend den jeweiligen Kollegen.

„So etwas gibt es doch nicht! Schwester Ina, machen Sie ein paar Fotos von den Wunden... oder besser: von den nicht mehr vorhandenen Wunden. Die Verbände können Sie abnehmen und die Fäden ziehen wir heute Nachmittag. Schicken Sie die Bilder aufs Tablet, bitte. Ich möchte sie zusammen mit den ursprünglichen Bildern meinem Chef zeigen und ein paar Nachforschungen anstellen.“ Dann wandte er sich an seine kleine Patientin: „Keine Sorge, Julika. Wir finden schon raus, was los ist.“

Die 12-Jährige blickte den beiden Männern nach, während die Schwester auch noch die letzten Verbände abnahm. „Warum ist schlimm, wenn Wunde heilen?“, fragte Julika in die Stille hinein.

Schwester Ina lächelte ihr aufmunternd zu. „Das ist überhaupt nicht schlimm, Kleines. Nur sehr, sehr ungewöhnlich, wenn es so schnell geschieht. Hast du denn schon früher Verletzungen gehabt, die derart schnell verheilt sind?“

Julika nickte. „Ja, schon oft. Manchmal ich fallen hin und Knie bluten. Ist aber an nächste Tag wieder gut.“

„Sehr verwunderlich. Na ja, vielleicht gibt es ja auch eine Erklärung dafür, dann werden unsere Ärzte sie bald finden. Und bis dahin machen wir weiter, wie bisher.“

Julika sah die Ärzte erst am Nachmittag wieder, als sie die Fäden an ihren Beinen zogen. Das Mädchen ließ dies ohne Schwierigkeiten über sich ergehen, was allerdings niemanden verwunderte, da sie gelähmt war. Sie fragte lediglich nach ihren Eltern, von denen jedoch noch keine Informationen vorlagen. Niemand schien etwas über deren Verbleib zu wissen.

Am nächsten Morgen bekamen die Ärzte die nächste Überraschung präsentiert. Die Polizei hatte inzwischen Julikas Großmutter ausfindig gemacht und als diese zusammen mit dem behandelnden Arzt das Zimmer betrat, hockte das Mädchen auf der Bettkannte und ließ ihre Beine nach unten baumeln. Dem Arzt fiel alles aus dem Gesicht. „Julika! Was machst du denn da? Deine Beine dürfen nicht bewegt werden, sonst können die Knochen doch nicht heilen.“ Er trat an ihr Bett und hob ihre Beine ganz vorsichtig zurück in die Gipsschalen. Dabei fragte er sich, wie sie das geschafft hatte.

Julika blickte ihn verwirrt an und fragte dann. „Aber warum? Es tun doch gar nicht weh.“

Der Arzt seufzte und setzte sich auf ihre Bettkannte, während Julikas Großmutter noch immer in der Tür wartete und es kaum erwarten konnte, ihre Enkeltochter in die Arme zu schließen. Das Mädchen hatte sie noch gar nicht bemerkt und auch nicht die Tränen, die dieser beim Anblick des Mädchens in die Augen traten.

„Hör' mir mal zu, Julika“, sagte der Arzt nun und strich ihr sanft über die Haare. „Es ist richtig, dass du keine Schmerzen hast. Dennoch sind deine Beine gebrochen und müssen wieder zusammenwachsen. Der Grund, warum du es nicht fühlen kannst, ist ein anderer. Bei dem Unfall hast du dir nicht nur den Arm und beide Beine gebrochen, sondern auch einen Wirbel. Dabei wurde das Rückenmark verletzt, Julika. Und zwar so stark, dass es leider irreparabel ist.“

„Was ist das 'irreparel'?“, fragte das Mädchen.

„Irreparabel bedeutet, dass wir es nicht mehr heil machen können. Es tut mir leid, Kleines, aber du wirst nie wieder laufen können und von nun an auf einen Rollstuhl angewiesen sein.“ Der Arzt blickte auf das Mädchen, das diese Nachricht erstaunlich gefasst aufnahm.

„Nie wieder?“, fragte sie dann leise.

„Nie wieder“, bestätigte der Arzt. „Aber du wirst lernen, damit umzugehen und mit dem Rollstuhl zurecht zu kommen. Ich lasse dich jetzt erst einmal allein. Du hast nämlich Besuch bekommen.“ Er stand auf und gab den Blick auf die Frau frei, die sich schnell eine Träne aus den Augen wischte und nähertrat.

„Mimi!“, rief Julika begeistert und schloss ihre Großmutter in ihre kleinen Arme, die sie ihrerseits ganz fest an sich drückte. Minutenlang hielten sie sich in den Armen, bis es erneut an der Tür klopfte und wenig später der Feuerwehrmann Wolf eintrat. „Oh, Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast, Julika. – Guten Tag, mein Name ist Wolfgang Molitor.“

Julika löste sich sanft aus den Armen ihrer Großmutter. „Er hat mich gefindet und Arzt geholt nach die Unfall“, klärte sie die Frau auf. „Und sein Nichte hat mir geschenkt egyszarvú – ähm… Einhorn?“ Sie hob das Kuscheltier hoch.

Die Frau stand auf und reichte ihm die Hand. „Annette Ziegler – Guten Tag, Herr Molitor. Ich bin Julikas Großmutter. Vielen Dank, dass sie sich um sie gekümmert haben.“

„Nichts zu danken. Das ist mein Job“, winkte der Mann ab.

Die ältere Frau betrachtete ihn nachdenklich. „Besuchen Sie alle Geretteten im Krankenhaus?“

„Nein, das nicht“, gab Wolf zu. „Aber Julika hat irgendwie einen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Und sie hat mich gebeten, herauszufinden, was mit ihren Eltern passiert ist.“

Frau Zieglers Augen weiteten sich. „Haben Sie etwas herausgefunden? Die Ärzte konnten mir nicht sagen, in welches Krankenhaus sie gebracht wurden. Wissen Sie etwas Genaueres?“

Wolf senkte niedergeschlagen den Kopf. „Es tut mir sehr leid, Frau Ziegler“, antwortete er mit leiser Stimme.

Julikas Großmutter schlug die Hände vors Gesicht und wäre beinahe zusammengebrochen, wenn der Mann sie nicht geistesgegenwärtig festgehalten hätte. Vorsichtig ließ er sie auf den Stuhl nieder, wo sie in Tränen ausbrach.

Das Mädchen starrte von einem zum anderen und verstand nicht, was los war. „Was du sagst? Was tut leid, Wolf? Ich verstehen gar nichts. Wo ist Anya und wo Papa?“

Wolf trat an Julikas Bett und setzte sich auf die Bettkannte. Dann nahm er ihre gesunde Hand in die seine und drückte sie vorsichtig. „Julika… der Wagon, in dem du und deine Eltern gesessen haben, ist von den Schienen gestürzt bei dem Unglück. Dabei kamen fast alle Insassen ums Leben.“

„Aber du sagen, dass Menschen gebracht in viele Krankenhaus in Umgebung“, rief das Mädchen verzweifelt, entriss ihm ihre Hand und schlug ihm mit der kleinen Faust auf die breite Brust.

Wolf hielt ihre Hand sanft fest. „Das stimmt auch, Kleines. In den anderen Wagons gab es viele Verletzte, die auf die umliegenden Krankenhäuser verteilt wurden. Ich hatte gehofft, dass deine Eltern zum Zeitpunkt des Unglücks in einem der anderen Wagons waren – vielleicht, um etwas im Speisewagen zu essen. Inzwischen weiß ich, dass sie auch in deinem Abteil waren. In diesem Wagon bist du die einzige, die den Unfall überlebt hat, Julika. Es tut mir so unendlich leid, aber deine Eltern werden nicht wieder zurückkommen.“

„Das nicht wahr. Sie versprechen, immer da sein für mich. Sie nicht gehen einfach“, rief das Mädchen nun verzweifelt, während ihr die Tränen über die Wange liefen.

Wolf wusste, dass sie jetzt eigentlich ihre Großmutter brauchte, doch die war im Moment nicht in der Lage, das kleine Mädchen zu trösten. Deshalb zog er sie in seine Arme und strich ihr sanft über den Rücken. „Ich weiß, Kleines. Aber sie wollten dich auch nicht verlassen. Es war ein schrecklicher Unfall, den niemand hätte vorhersehen können. Ich weiß, wie weh das tut. Meine Eltern sind auch bei einem Unfall gestorben. Aber deiner Oma tut das auch sehr weh. Ihr müsst jetzt ganz doll aufeinander aufpassen und euch gegenseitig trösten. Dann wird der Schmerz irgendwann erträglicher werden. Ich weiß, dass sich das jetzt leicht gesagt anhört, aber irgendwann wirst du mich verstehen.“

Der Feuerwehrmann blieb noch eine ganze Weile im Krankenhaus, worüber sowohl Julika als auch ihre Großmutter sehr froh waren. Er half ihnen, den ersten Schock zu überwinden und als der Arzt zurückkehrte, um Julika für ein Kontroll-Röntgen abzuholen, damit sie überprüfen konnten, ob sich bei Julikas Beine-Baumeln die Brüche verschoben hatten, waren die Tränen einer stummen Trauer gewichen. Julika ließ sich ohne Widerstand mitnehmen, während Wolf solange bei der Großmutter blieb, die sich erneut für seine Hilfe bedankte. Auch der sonst starke Mann war aufgewühlt. Julikas Schicksal hatte ihn an seine eigene Vergangenheit erinnert, brachte Gefühle zutage, die er lange verdrängt hatte. Seine Eltern waren gestorben, als er fünfzehn war. Damals hatte er nur noch seine Schwester gehabt und noch heute ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Er war der Patenonkel ihrer Tochter und wohnte sogar im gleichen Haus in einer Einlieger-Wohnung.

Nachdem das Mädchen zurück auf ihr Zimmer gebracht worden war, ließ er die beiden allein und verließ leise das Zimmer, doch nicht, ohne Julika versprechen zu müssen, sie wieder zu besuchen. Auf dem Gang blieb er jedoch stehen, als er in einen Streit zwischen dem Arzt und der Schwester platzte. „Wollen Sie mich verarschen?“, fragte der Arzt ungehalten. „Wir haben die Kleine an einem Trümmerbruch operiert!“

„Ich weiß, Herr Doktor“, verteidigte sich die Schwester mit Tränen in den Augen. „Aber es sind wirklich Julikas Bilder. Ich kann doch auch nichts dafür.“

„Das kann trotzdem nicht sein. Völlig unmöglich! Damit treibt man keinen Schabernack!“, brauste der Arzt erneut auf und funkelte die Schwester böse an, die immer mehr zu schrumpfen schien.

„Entschuldigen Sie bitte“, mischte sich nun auch Wolf in das Gespräch ein, „aber gibt es ein Problem?“

„Nein, überhaupt nicht. Ein kleines, technisches Problem, das ist alles“, winkte der Arzt schnell ab und wandte sich dann wieder an die Schwester: „Holen Sie Julika noch einmal zum Röntgen. Ich werde die Bildgebung diesmal selbst überwachen.“

Schwester Ina wandte sich ab und ging zur Zimmertür von Wolfs kleiner Freundin, doch er konnte deutlich die Worte „Das ändert auch nichts an dem Ergebnis“, vernehmen, während sie davonstapfte.

Nachdenklich verließ der Feuerwehrmann das Krankenhaus und dachte noch darüber nach, was da wohl los gewesen war, als die Schwester Julika noch einmal in die Radiologie brachte.

Nach weiteren Röntgenbildern und einem anschließenden MRT trafen sich mehrere Chirurgen, Orthopäden und Fachärzte für Pädiatrie im Ärztezimmer, um über Julikas Befunde zu diskutieren. Doch niemand konnte sich erklären, warum ein nicht einmal drei Tage alter Bruch auf den Bildern lediglich als ein vollständig verheilter Bruch sichtbar war, wie es nach frühestens drei bis vier Wochen hätte der Fall sein dürfen. Das Mädchen, beziehungsweise ihre Befunde, trieben die erfahrenen Ärzte in den Wahnsinn und egal, was für haarsträubende Theorien sie aufstellten, niemand konnte eine Erklärung für diese Spontanheilung finden.

Julika wusste von den heißen Diskussionen innerhalb der Belegschaft jedoch nichts, sondern lag wieder auf ihrem Zimmer und versuchte, mit ihrer Großmutter über den Tod ihrer Eltern hinwegzukommen. Dabei hielt sie das Kuscheltier von Wolf fest an sich gedrückt und schlief irgendwann völlig erschöpft ein. Einige Zeit später ging auch Frau Ziegler in eine nahe gelegene Pension, um dort zu übernachten. Bis zu ihr nach Hause war es zwar nur eine gute Stunde, aber sie wollte in der Nähe bleiben, falls etwas mit ihrer Enkeltochter sein würde.

Oma Annette kam am nächsten Morgen zurück in die Klinik, gerade als das Frühstück weggeräumt worden war. Julika wirkte den ganzen Tag apathisch, sprach kaum und starrte an die Decke. Die Ärzte fanden das nicht sehr verwunderlich, nachdem sie gerade erfahren hatte, dass ihre Eltern bei dem Zugunglück ums Leben gekommen waren. Das Mädchen interessierte es nicht einmal, dass die Ärzte nun auch ihren Arm noch einmal röntgen ließen und anschließend den Gipsverband entfernten, da ihr Arm – ebenso wie beide Beine – vollständig verheilt war. Selbst der im Nachgang gerufene Physiotherapeut konnte nicht viel tun. Da Julikas Arm lediglich ein paar Tage nicht bewegt worden war, gab es für ihn keine Muskeln, die er trainieren oder wieder fit machen konnte. Julika konnte ihren Arm vollständig normal bewegen, es gab keine Hämatome mehr und keine Wunden. Eigentlich war das Mädchen vollkommen geheilt, wenn man mal von der Querschnittslähmung absah, von der die Ärzte ihr mitgeteilt hatten, dass sie nicht heilbar war.

Daher blieb dem Krankenhaus nichts Anderes übrig, als Julika am vierten Tag nach dem Unglück nach Hause zu entlassen. Da Annette Ziegler die einzige Verwandte war, würde sie mit zu ihr kommen und die Großmutter wollte das Sorgerecht für ihre Enkelin beantragen. Glücklicherweise war die ältere Dame noch sehr rüstig und sicherlich in der Lage, sich adäquat um die 12-Jährige zu kümmern.

EIN NEUES ZUHAUSE

Am späten Nachmittag vor ihrer Entlassung kam Wolf sie noch ein letztes Mal besuchen und betrachtete sie aufmerksam, als er sie zur Begrüßung in die Arme schloss. „Sag‘ mal, sind deine Haare gewaschen worden?“, fragte er schließlich, als er sie losließ.

„Nein. Wieso fragen?“, gab das Mädchen zurück.

„Ich weiß nicht“, antwortete der Mann irritiert. „Irgendwie kommen sie mir viel heller vor als noch vor einigen Tagen. Kann das sein?“

Jetzt erst achtete auch Frau Ziegler darauf und musste dem Mann Recht geben. Julikas Haare waren tatsächlich heller, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte. Das Mädchen war mit fast schwarzen Haaren auf die Welt gekommen. Im Laufe der Jahre waren die zwar in ein Braun gewechselt, doch heute wirkten sie fast wie ein sehr dunkles Blond oder Goldbraun. Definitiv heller als bei ihrem letzten Besuch. Und wenn sie ehrlich war, sogar heller als gestern. Aber konnte das sein? Dass Haare über Jahre hinweg etwas aufhellten – okay. Aber in der kurzen Zeit von wenigen Tagen sollte man eigentlich keinen Unterschied sehen können. Und doch war es sowohl ihr als auch dem Ersthelfer aufgefallen.

Dennoch versuchte sie, die Tatsache herunterzuspielen: „Vermutlich ist das Licht heute einfach nur anders. Oder kann Trauer die Haare heller werden lassen?“

„Gehört habe ich das noch nie“, gab der Mann zu. „Aber ist ja auch egal. Vielleicht täusche ich mich ja auch einfach nur oder brauche vielleicht sogar eine Brille.“ Er lachte vergnügt und zauberte damit sogar dem traurigen Mädchen ein klitzekleines Lächeln auf die Lippen.

Ihre Großmutter nickte zustimmend, beschloss jedoch, die Sache im Auge zu behalten. Irgendetwas war merkwürdig an ihrer Enkelin. Wunden verschlossen sich rasend schnell, Brüche heilten innerhalb weniger Stunden und ihre Haare verblassten. Das alles konnte ja schlecht auf den Unfall zurückzuführen sein.

Kurz nach Wolfs Ankunft im Krankenhaus verabschiedete sich die Großmutter, da sie noch zur Polizeistation musste, um Julikas Koffer und den ihrer Eltern abzuholen, die aus den Trümmern geborgen worden waren. Vor allem Julikas Sachen waren wichtig, da sie sonst nichts zum Anziehen haben würde. Frau Ziegler war daher froh, dass Wolf in der Klinik blieb, um ihrer Enkelin noch ein wenig Gesellschaft zu leisten. Wolf hatte das Mädchen irgendwie ins Herz geschlossen. Sie tat ihm unendlich leid und er konnte aufgrund seiner eigenen Erfahrungen gut verstehen, wie sie sich gerade fühlte. Dann musste sie noch mit dem Verlust ihrer Mobilität klarkommen und würde in Zukunft nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können, sondern von nun an in Deutschland wohnen und dort in die Schule gehen. Das waren viele Veränderungen, die gerade auf das kleine Mädchen einstürmten und konnten sogar einem Erwachsenen Angst machen. Aber er hatte Julika als starkes Mädchen kennengelernt und war sich sicher, dass sie es bewältigen würde. Doch für den Fall, dass sie jemanden zum Reden brauchte, gab er ihr seine Visitenkarte mit seiner Telefonnummer und seiner Email-Anschrift und versprach ihr, dass sie sich jederzeit an ihn wenden könnte, wenn sie Hilfe benötigte. Das Stofftier-Einhorn durfte sie natürlich behalten und seine Nichte hatte ihr sogar noch ein Bild gemalt, das er ihr auf den Nachttisch legte.

„Wie alt ist Nichte?“, fragte das Mädchen, als sie das Bild betrachtete, auf dem ein wunderschönes Einhorn über eine Wiese galoppierte.

„Kira ist neun“, antwortete Wolf stolz.

„Sie malen sehr schön für neun. Ich kann nicht so schön.“

„Mach’ dir nichts draus. Meine Schwester und ich auch nicht. Das Talent hat sie eindeutig von ihrem Vater geerbt. Der macht das sogar beruflich. Und wenn Kira so weitermacht, wird sie später vielleicht auch etwas damit machen. Wer weiß? Aber sie malt sehr gerne. Kira hat übrigens gefragt, ob du Lust hättest, dass sie dir mal schreibt. Auch wenn ihr euch nicht kennt. Vielleicht könnt ihr ja Brieffreunde werden. Ein gemeinsames Interesse habt ihr ja auf jeden Fall schon einmal“, lächelte er und deutete auf das Kuscheltier, dass Julika noch immer im Arm hielt.

„Warum du und Kira so nett zu mir? Ihr mich doch gar nicht kennen. Vielleicht ich bin böse oder verruckt.“

„Du meinst verrückt? Bestimmt nicht, Julika“, widersprach Wolf energisch. „Und böse schon gar nicht. Das kann ich in deinen Augen sehen. Aber ich kann es dir auch nicht genau sagen. Du hast mich bei dem Unfall mehr berührt als alle Menschen zuvor, die ich aus einem Feuer oder einem Unfall retten musste. Und glaub’ mir, das waren einige. Ich bin schon seit vielen Jahren bei der Feuerwehr und ich liebe meinen Beruf. Natürlich können wir nicht immer alle retten und das zerrt an den Nerven, aber die Freude über ein Leben, das erhalten werden konnte, wiegt stärker und macht den Verlust erträglicher. Viele Schicksale gehen mir nur schwer aus dem Kopf. Und du bist etwas ganz Besonderes, Julika. Das wusste ich bereits in der Nacht des Unfalles, als ich durch den Wagon gegangen bin und schon nicht mehr mit Überlebenden gerechnet hatte. Dann starrtest du mich plötzlich an und da wusste ich, dass es sich doch gelohnt hatte, sich durch die Trümmer zu wühlen. Es war meine Bestimmung, da zu sein, und dich da rauszuholen. Und vielleicht hat das ja einen ganz bestimmten Grund gehabt.“

„Du erinnern mich an meine Papa. Er auch gerne Träumer – glauben an Schicksal und Gute in Mensch. Ich glaube, du ihn mögen, wenn noch da.“

„Ganz bestimmt sogar, Julika. Und ich bin mir sicher, dass er sehr stolz auf dich ist – und in deinem Herzen werden er und deine Mutter immer bei dir sein. Du musst sie nur ganz doll festhalten, okay?“

Das Mädchen nickte und drückte das Einhorn noch etwas enger an ihren Körper. Eine Träne kullerte ihr über die Wange, die sie jedoch entschlossen wegblinzelte. „Und warum Kira? Warum malen Bild und schenken Einhorn und wollen schreiben Worte auf Papier?“

Wieder glitt dem Mann der Hauch eines Lächelns über das Gesicht. Er mochte die Art, wie Julika sich ausdrückte, auch wenn sie es nicht mit Absicht tat, sondern ihr einfach manchmal die deutschen Wörter fehlten. „Ich weiß nicht genau“, gab er zu. „Kira hatte in den Nachrichten von dem Unglück gehört und als ich nach vielen Stunden nach Hause kam, ist sie zu mir gekommen. Ich bin ihr Patenonkel und ich wohne im gleichen Haus. Sie kann kommen, wann immer sie möchte, und als sie mich gehört hat, kam sie zu mir. Natürlich merkte sie sofort, dass ich ziemlich fertig war. So ein Einsatz geht an niemandem spurlos vorbei. Sie fragte mich, ob es wirklich so viele Opfer gegeben hatte, und da habe ich ihr von dem Mädchen erzählt, das ich gefunden habe und das ins Krankenhaus gebracht worden war. Ich habe dabei auch dein T-Shirt mit dem Einhorn erwähnt und da hat sie mir ihr Kuscheltier in den Arm gedrückt und gesagt, ich solle dich besuchen gehen und dir das von ihr geben. Du würdest bestimmt ein bisschen Trost brauchen und Einhörner hätten magische Kräfte und könnten dir bei der Heilung helfen. Kira kennt mich sehr gut. Ihr war klar, dass du mir nicht aus dem Kopf gehen und ich dich besuchen wollen würde, um festzustellen, ob du wieder gesund wirst. Und das habe ich auch getan.“

„Du selbst auch Kind hast?“

„Nein. Ich habe nicht einmal eine Frau oder Freundin.“

„Schade. Du bestimmt guter Papa. Ich wären stolz auf Vater wie dir, der sein da, wenn wirklich brauchen. Ist wie Schutzengel zu Hause haben.“

„Das ist lieb von dir. Aber jetzt solltest du dich ein bisschen ausruhen. Morgen geht es in dein neues Zuhause. Und vergiss nicht, dich zu melden, wenn du mich brauchst oder du Probleme hast, ja?“

Julika nickte. „Bitte sagen Kira danke und ich mich freuen, wenn sie schreiben. Ich sagen Mimi, sie dir schicken Straße auf Telefon.“

„Ich freue mich, Julika. Pass’ auf dich auf.“ Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und wandte sich zur Tür. Bevor er sie schloss, warf er einen letzten Blick auf das kleine Mädchen und hatte schon wieder das komische Gefühl, dass ihre Haare etwas heller wirkten als noch vor wenigen Stunden. Verwirrt schüttelte er den Kopf und machte sich auf den Heimweg.

*

Am nächsten Vormittag wurde Julika aus dem Krankenhaus entlassen. Die Ärzte hatten weder eine Begründung für die schnelle Heilung ihrer Wunden noch für die Spontanheilung ihrer Knochen gefunden, aber es gab einfach keinen Grund, das Mädchen länger in der Klinik zu lassen. Die Gehirnerschütterung, die sie eigentlich hätte haben müssen, war auf genauso geheimnisvolle Weise verschwunden, wie ihre Verletzungen, und somit konnte sie auch nach Hause gehen. Ihr behandelnder Arzt ließ es sich jedoch nicht nehmen, sie persönlich zum Auto zu bringen und in das Fahrzeug zu heben, wo er ihr half, sich ordentlich festzuschnallen. Einen Kindersitz brauchte sie glücklicherweise nicht mehr, da sie bereits zwölf Jahre alt war. Der Rollstuhl wurde zusammengeklappt und im Kofferraum des Wagens verstaut und dann ging es auf die Autobahn, die sie eine dreiviertel Stunde später wieder verließen. Julika hatte während der Fahrt kein einziges Wort gesprochen und starrte noch immer gedankenverloren aus dem Fenster, als die Umgebung ländlicher wurde. Sie erkannte das Dorf wieder, durch das sie fuhren, und auch die Brücke, über die der Wagen wenig später rumpelte.

Oma Annette wohnte in einem kleinen, gemütlichen Häuschen am Ende einer Straße, die wirkte, als wenn man sie vergessen hätte. Sie glich mehr einem Feldweg als einer Straße, hatte keine Laternen und es standen nur wenige Häuser darin. Genaugenommen waren es nur drei Häuser und ein alter Bauernhof. Im Gegensatz zu diesen Gebäuden wirkte das Häuschen der Großmutter sehr gepflegt. Der Rasen im Vorgarten war ordentlich gemäht, der Zaun frisch gestrichen und die Blumenbeete zeigten nicht die Spur von Unkraut. Das Haus selbst war klein und gemütlich, hatte zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, Küche und Bad im Erdgeschoss, doch Julika wusste, dass es im Dach noch weitere Zimmer gab.

Bisher hatte sie immer dort oben gewohnt, wenn sie zu Besuch kam. Es gab dort ein gemütliches Zimmer und ein kleines Bad sowie einen weiteren Raum, der jedoch als das genutzt wurde, für was er ursprünglich angelegt worden war: ein ganz gewöhnlicher Dachboden. Nun aber, da Julika keine Treppen steigen konnte, würde Annette ihr das Gästezimmer im Untergeschoss als Kinderzimmer einrichten müssen, doch das nahm die ältere Dame gerne auf sich. Sie war körperlich fit und arbeitete stundenweise in einer Kanzlei. Den Rest der Zeit würde sie sich gut um Julika kümmern können und finanziell hatte sie genügend Rücklagen, um sich und die Enkelin für viele Jahre versorgen zu können, auch wenn sie dann ganz in Rente gehen würde. Doch solange sie gebraucht wurde, wollte sie gerne noch arbeiten gehen. Es war besser, als den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und sich zu langweilen. In ihrer Freizeit kümmerte sie sich um Haus und Garten und baute sogar ihr eigenes Gemüse an.

Das Grundstück grenzte direkt an einen Wald und es kam nicht selten vor, dass ein Reh oder Fuchs durch ihren Garten stromerte, von den vielen Kaninchen ganz zu schweigen, die sich hin und wieder an den Karotten vergriffen. Doch das störte die Frau nicht, solange sie selbst noch etwas abbekam.

Der altersschwache Geländewagen von Oma Annette rumpelte über die unebene Straße auf besagtes Häuschen zu und kam schließlich in der Einfahrt zum Stehen. Hier war der Weg gepflastert, sodass Julika sich mit dem Rollstuhl würde gut bewegen können. Allerdings würde die Großmutter noch eine kleine Rampe anlegen lassen müssen, damit Julika die beiden Stufen vor der Eingangstür ohne Hilfe bewältigen konnte. Darum würde sie sich am Nachmittag kümmern. Jetzt bugsierten sie gemeinsam den Rollstuhl erst einmal über die kleine Treppe und Annette zeigte dem Mädchen das Gästezimmer, in dem sie nun wohnen würde. Durch das dort befindliche Doppelbett war es zwar für den Rollstuhl etwas eng, aber sie würde sich schnellstmöglich um neue Möbel und ein paar kräftige Hände für die Umbauarbeiten kümmern. So lange mussten sie eben so zurechtkommen. Deshalb ging sie kurz rüber zum Bauernhof und kam bald darauf mit zwei Jungen im Alter von dreizehn beziehungsweise vierzehn Jahren zurück. Es handelte sich um die Söhne des Bauern, zwei kräftige Kerle mit Sommersprossen, kurzen Hosen und braungebrannter Haut.

„Julika? Das sind Tim und Tom. Erinnerst du dich noch an sie? Ich weiß, sie sind im letzten Jahr ganz schön groß geworden – richtig erwachsen.“

Das Mädchen nickte dennoch, denn sie hatte früher in den Ferien schon oft mit den beiden auf dem Bauernhof gespielt. Ein wenig geschockt blickten die beiden auf den Rollstuhl, in dem Julika saß. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Tim, als er die Sprache wiedergefunden hatte, während sein kleinerer Bruder noch immer mit offenem Mund auf das Mädchen starrte.

„Das kann sie euch alles später erzählen, Tim. Bitte lasst sie erst einmal ankommen und sich an die neuen Umstände gewöhnen. Ihr werdet in Zukunft noch viel Zeit haben, euch zu unterhalten. Jetzt würde ich euch erst einmal um eure Hilfe bitten. Wir müssten den Nachttisch dort in der Ecke wegräumen und das Doppelbett direkt an die Wand schieben, damit Julika etwas mehr Platz hat, um sich mit dem Rollstuhl zu bewegen. Könntet ihr das für uns tun.“

„Klar doch“, antwortete Tim sofort, knuffte seinem Bruder in die Seite und machte sich an die Arbeit. Zehn Minuten später war es schon viel einfacher, sich in dem Zimmer zu bewegen. Julika konnte mit dem Rollstuhl sowohl den Kleiderschrank als auch das Bett bequem erreichen, ohne ständig irgendwo dagegen zu stoßen.

Dankbar reichte Annette ihnen die Hand. „Ohne euch hätte ich das nie geschafft. Vielen Dank, ihr beiden. Wenn ihr wollt, kommt doch die Tage mal auf einen Tee vorbei. Julika wird jetzt hier wohnen und nach den Ferien in eure Schule gehen. Ihr werdet euch also in Zukunft öfter sehen. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, Julikas Geburtstag mit ihr zu feiern.“

„Gerne, Frau Ziegler“, antwortete Tom und sein Bruder nickte ebenfalls. „Kommen Julikas Eltern dieses Jahr nicht mit auf Besuch?“ Der Junge bemerkte sofort, dass er etwas Falsches gesagt hatte, als dem Mädchen Tränen in die Augen stiegen und auch die Großmutter sich nur schwer unter Kontrolle halten konnte.

„Ich glaube, wir sollten jetzt besser gehen. Julika ist bestimmt müde“, sagte Tim schnell und zog seinen Bruder hinter sich her aus der Tür, die er leise schloss, als sie auf der Treppe waren.

„Was habe ich denn Schlimmes gesagt?“, fragte Tom verwirrt.

„Nichts Schlimmes, Tom. Nur etwas Unüberlegtes. Denk’ doch mal nach! Vor einigen Tagen war doch dieses schreckliche Zugunglück in den Nachrichten, bei dem mehr als zehn Menschen gestorben sind. Und wir wissen, dass Julika und ihre Eltern eigentlich immer mit dem Zug kommen, wenn sie Frau Ziegler besuchen. In den Nachrichten wurde ein kleines Mädchen erwähnt, das als einzige in dem umgestürzten Wagon überlebt haben soll, Julika sitzt plötzlich im Rollstuhl und Frau Ziegler teilt uns mit, dass sie nun hier wohnen und mit uns in die Schule gehen wird. Zähl’ doch mal eins und eins zusammen, Tom. Sie ist dieses Mädchen aus dem Zug und infolgedessen vermute ich, dass ihre Eltern…“

„Du meinst, sie kommen nicht wieder? Sie sind bei dem Unglück gestorben?“, fragte der jüngere geschockt.

Tim nickte traurig. Sie kannten Julikas Eltern von den jährlichen Besuchen ganz gut, hatten viele Stunden im Garten von Frau Ziegler verbracht und Julikas Vater hatte hin und wieder ungarisch gekocht. Das war immer sehr lecker gewesen.

Langsam gingen die beiden Jungen zurück zum Bauernhof. Ihre strohblonden Köpfe hingen traurig herab, als sie sich vorstellten, wie es ihnen gehen würde, wenn ihre Eltern bei einem Unglück ums Leben kämen. Es wäre bestimmt einfacher für sie als für Julika, zumal sie sich gegenseitig hatten und auch in Deutschland aufgewachsen waren. Für Julika war hier vieles fremd. Sie sprach zwar ganz gut Deutsch, hatte aber mit der Grammatik große Probleme und würde bestimmt Schwierigkeiten in der Schule bekommen. Tim nahm sich vor, ihr zu helfen, wenn die Schule wieder anfing. Sie würde bestimmt einen guten Freund gebrauchen können. Vor allem, wenn sie im Rollstuhl in der Schule auftauchte. Ihre Schule war nicht sehr groß, es gab meist nur eine Klasse pro Jahrgang. Er wusste nicht, in welche Klasse Julika gehen würde nach den Ferien. Sein Bruder und er kamen beide in die siebte Klasse. Tim hatte Anfang des letzten Schuljahres eine schwere Krankheit gehabt und war dadurch mehrere Monate nicht in der Schule gewesen. Deshalb war er nach seiner Genesung ein Jahr zurückgegangen, um den Anschluss nicht zu verlieren und ging nun in dieselbe Klasse, wie sein zehn Monate jüngerer Bruder.

Julika war etwas jünger als sein Bruder Tom, wurde aber noch im Sommer ebenfalls dreizehn. Er selbst war im April erst vierzehn geworden. Vielleicht kam das Mädchen ja in ihre Klasse; er kannte das Schulsystem in Ungarn nicht und wusste daher nicht, welche Klasse sie bereits besucht hatte in ihrer Heimat.

Doch das würden sie bestimmt im Laufe der Sommerferien alles herausfinden. Als die beiden auf dem Hof ankamen, ging Tim seine eigenen Wege. Er hatte noch mehr Schwierigkeiten als Tom, zu akzeptieren, dass das unternehmungslustige Mädchen vom letzten Jahr plötzlich im Rollstuhl saß. Sie hatten immer so viel Spaß zusammen gehabt, aber ob sie das jetzt immer noch schaffen würden? Was konnten sie jetzt noch gemeinsam unternehmen? Diese Fragen beschäftigten den Jungen auch in den nächsten Tagen immer wieder und oft stand er irgendwo auf dem Bauernhof und starrte gedankenverloren in die Ferne.

NEUE FREUNDE

„Hey, Tim, träumst du schon wieder?“, riss Tom ihn am Wochenende aus den Gedanken, die sich wieder einmal in weiter Ferne befanden.

„Nein, schon gut“, widersprach Tim. „Ich habe nur über etwas nachgedacht.“

„Lass’ mich raten. Dieses Etwas hat zwei Beine, zwei Arme, ein hübsches Gesicht und lange, hellbraune Haare. Stimmt‘s oder hab’ ich Recht?“

Seinem Bruder stieg eine verlegene Röte in die mit Sommersprossen übersäten Wangen und er senkte den Kopf ein wenig, um es zu verbergen. „Ich weiß nicht, wie du auf so etwas kommst, Tom.“

„Ach, war nur so ein Gedanke“, grinste der jüngere Bruder, dem Tims Verlegenheit natürlich nicht entgangen war. „Komm’ schon, großer Bruder, wir werden zum Tee erwartet.“

Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend folgte er Tom über den Hof, schlüpfte kurz ins Haus, um sich die Hände zu waschen und ein sauberes Shirt überzuziehen, und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Er hatte es schon lange aufgegeben, seinen Haaren eine Form zu geben, denn sie taten sowieso, was sie wollten. Mit den Fingern stricht er sich einmal kurz durch das strohblonde Haar und rannte dann wieder nach draußen. „Können wir jetzt endlich?“

„Klar“, gab Tim zurück und schritt neben seinem Bruder her zum Haus von Frau Ziegler. Sie fanden Großmutter und Enkeltochter im Garten vor, wo Frau Ziegler gerade dabei war, den Kaffee-Tisch zu decken.

„Kann ich Ihnen etwas helfen“, fragte Tim sofort, während sich sein Bruder kurz entschlossen einfach neben Julika setzte und sie in ein Gespräch verwickelte.

„Gerne, Tim. Holst du bitte den Tee aus der Küche.“

„Natürlich, sofort.“

Kurze Zeit später saßen die vier gemeinsam am Tisch und ließen sich Tee und Kuchen schmecken, den Oma Annette frisch gebacken hatte. Anschließend setzten sich die drei Kinder zusammen auf eine große Decke auf die Wiese, unterhielten sich über das letzte Jahr und spielten sogar einige Ratespiele. Frau Ziegler stellte mit Freude fest, dass die beiden Jungen es schafften, das stille und in den letzten Tagen sehr verschlossene Mädchen ein wenig aufzuheitern und ließ die drei schließlich allein.

Für die nächsten Stunden vergaß Julika ihre Trauer und ihre Sorgen und schaffte es sogar, ausgelassen mit den Jungs zu lachen. Sie rollten sich sogar über das kühle Gras, das unheimlich weich auf ihrer Haut kribbelte. „Vorsicht, Julika!“, rief Tim schließlich warnend. „Nicht weiter!“

Julika hielt mitten in der Bewegung inne und blickte sich überrascht um, während Tim aufgesprungen war und über sie hinwegsetzte, um eine Blindschleiche aufzuheben, die dicht neben dem Mädchen entlanggekrochen war. „Nicht anfassen!“, rief Julika ängstlich. „Was, wenn giftig?“

„Keine Angst, Julika. Tim kennt sich damit aus. Das ist eine Blindschleiche – die tut niemandem etwas“, beruhigte sie Tom und half ihr, sich wieder aufzurichten.

Das Mädchen starrte ungläubig auf den älteren Bruder. „Warum du mich dann warnen, Tim?“, fragte sie schließlich.

„Ich wollte nicht, dass sie sich verletzt, Julika. Sie tut niemandem etwas.“ Vorsichtig ließ Tim das Tier auf seine Hand kriechen und zeigte sie Julika. „Siehst du? Sie ist völlig harmlos.“

„Wie du das gemacht?“

„Was meinst du?“, fragte Tim verständnislos.

„Warum sie kriecht auf deine Hand? Haben Schlange nicht Angst vor Mensch?“

Tim lächelte. „Das ist keine Schlange, Julika. Eine Blindschleiche ist genaugenommen eine Eidechsenart.“

„Aber wo sind Beine? Eidechse hat Beine.“

„Normalerweise schon“, gab Tim zu. „Aber diese Art nicht. Ich lasse sie mal da hinten frei, damit sie uns nicht wieder ins Gehege kommt.“ Der Junge stand auf und ging an den Waldrand, wo er sich niederbeugte und das Tier von seiner Hand gleiten ließ. Die Blindschleiche drehte sich noch einmal zu ihm um, und man hätte den Eindruck gewinnen können, dass sie sich bei ihm bedanken wollte, weil er sie gerettet hatte.

„Tim hatte schon immer einen ganz besonderen Draht zu Tieren aller Art. Wie oft habe ich ihn schon beobachtet, wenn sonst scheue Tiere einfach auf ihn zukommen, sich von ihm streicheln lassen oder er sie sogar dirigieren kann. Keine Ahnung, wie er das macht – bei mir ergreift jedes Tier die Flucht, wenn ich mich ihm nähere.“

„Dabei du doch auch nett, Tom. Wenn auch anders als Bruder. Ihr sehen fast gleich aus, aber innen ganz verschieden.“

„Sind wir das?“, fragte Tom.

„Glaube schon“, gab das Mädchen zu. „Du mehr Abenteurer, gehen klettern, kämpfen mit böse Junge letztes Jahr. Dein Bruder mehr träumen, lieben Pflanzen und Tiere, spazieren durch Wald.“

„Jetzt, wo du es sagst, muss ich zugeben, dass du Recht hast. Ist mir selbst noch nie so aufgefallen. Und was findest du besser?“

„Ich weiß nicht“, stellte Julika fest. „Beides gut, aber unterschiedlich. Manchmal, man muss sein mutig und stark, manchmal mehr Gefühl. Ist schwer zu entscheiden zwischen beide Eigenschaft.“

„Worum geht es denn?“, fragte Tim nun, als er zurückkehrte und sich neben das Mädchen setzte.

„Ach, Julika hat nur gerade festgestellt, dass wir uns zwar äußerlich sehr ähnlich sind, aber vom Charakter völlig unterschiedlich.“

„Ja, und?“, fragte Tim.

„Sie weiß nicht, was sie besser findet. Da sieht man es wieder – niemand ist perfekt.“

„Vielleicht sind wir gerade deshalb so ein gutes Team, kleiner Bruder“, grinste Tim und wandte sich dann an Julika: „Ich hoffe, du hast keine Angst vor Eidechsen. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Nein, Eidechsen eigentlich interessant und manchmal auch hübsch. Aber ich nicht gewusst, dass blind Schleiche sein keine Schlange. Deshalb erschrecken. Schlange nicht wirklich liebstes Tier auf Welt für mich. Aber Eidechse sein okay. Werden gerne öfter sehen wollen.“

„Das tust du bestimmt, Julika. Hier gibt es viele von diesen Tieren.“

„Glaubst du, sie kommen auch zu mir auf Hand?“

„Das wohl eher nicht. Es sei denn, du hast eine ähnliche Gabe, wie mein Bruder. Aber beobachten kannst du sie hier im Garten bestimmt. Vor allem in der Dämmerung krabbeln sie gerne an der Hauswand oder Mauern herum und suchen nach Insekten. Vielleicht kannst du sie dabei beobachten“, schlug Tom vor.

„Au ja. Ich werden nachsehen. Gleich heute Abend, wenn dunkel geworden.“

„Sag’ mal, Julika“, lenkte Tim das Gespräch auf ein anderes Thema, „in welche Klasse kommst du eigentlich nach den Ferien? Deine Oma hat uns erzählt, dass du auf unsere Schule gehen wirst.“

„Ich nicht weiß. Zu Hause, ich machen Klasse sechs, also müssen hier in sieben. Aber meine Deutsch nicht sehr gut für Schule. Deshalb vielleicht müssen nochmal machen letzte Klasse.“

„Vielleicht können wir dir helfen und mit dir in den Ferien lernen, damit du mit der Grammatik besser zurechtkommst. Vielleicht kannst du dann mit uns in eine Klasse gehen. Wir kommen nämlich auch in die siebte. Dann könnten wir dir bei den Hausaufgaben helfen und weiter Deutsch lernen. Bestimmt bist du bald genauso gut wie wir.“

„Du machen mich verlegen, Tim. Ich niemals so gut, wie deutsche Jungen. Aber wieso du auch in siebte Klasse? Du nicht gehen in siebte Klasse letzte Sommer?“

„Das stimmt schon, Julika. Ich bin letztes Jahr bereits in die siebte gekommen. Aber nachdem du nach Ungarn zurückgefahren bist, bin ich sehr krank geworden. Ich war lange im Krankenhaus und in einer Reha-Einrichtung und habe deshalb fast ein halbes Jahr verpasst in der Schule. Daher hielten es meine Eltern für besser, mich ein Jahr zurückzustufen, damit ich den Anschluss nicht verliere.“

„Deshalb du dieses Jahr stiller und immer nachdenklich? Nicht mehr wild, wie deine Bruder?“

Die Brüder grinsten sich an. „Ja, vielleicht“, gab Tim zu. Tatsächlich war er seit seiner Krankheit viel nachdenklicher geworden. Das Leben – egal, ob sein eigenes oder das von anderen Menschen und Tieren – hatte plötzlich eine andere Bedeutung bekommen und er tat sein Möglichstes, um dieses zu schützen. Denn Tim war alles andere als ein ganz gewöhnlicher Junge. Doch das war sein Geheimnis, das er mit niemandem teilen durfte.

„Genug geredet“, unterbrach Tom seine Gedanken. „Also, was hältst du davon, Julika? Wir geben dir Unterricht in Deutsch und du kommst zu uns in die Klasse. Dann mischen wir die Schule mal so richtig auf, wir drei.“

„Was ist das – aufmischen?“, fragte Julika.

„Hör’ nicht auf ihn. Es reicht, wenn wir einfach nur gute Freunde sind.“

„Das wären schön. Aber beide ihr müsst etwas versprechen.“

„Ja?“, fragten die Brüder im Chor.

„Ihr mich verbessern, wenn machen Fehler. Immer wieder, so ich begreifen, was machen falsch. Vielleicht zusammen lesen Buch, damit lernen, wie Satz richtig stehen muss, damit man verstehen.“

„Ich denke, das bekommen wir hin, nicht wahr, Tim?“

„Klar. Aber dann darfst du uns auch nicht böse sein, wenn wir dich am Anfang öfter verbessern müssen.“

„Ganz bestimmt nicht. Ich sein dankbar für euer Hilfe.“

Tom grinste: „Das heißt: Ich bin dankbar für eure Hilfe.“ Julika wiederholte den Satz, um ihn sich einzuprägen und für den Rest des Nachmittags behielten sie es so bei. Sie vereinbarten, dass sie sich vormittags abwechselnd zwei bis drei Stunden mit dem Schreiben beschäftigen wollten, während der zweite Bruder auf dem Bauernhof half. Und nachmittags wollten sie etwas zusammen unternehmen, Julika die Schule und die Umgebung zeigen und sie mit ihrem neuen Zuhause vertraut machen.

An diesem Abend fühlte sich Julika das erste Mal seit dem Tod ihrer Eltern wieder etwas besser. Natürlich reichte ein lustiger Nachmittag mit Freunden nicht aus, um ihre Trauer und ihre trüben Gedanken zu vertreiben, doch er hatte so etwas wie einen Samen in ihrem Inneren gepflanzt. Ein Samen der Hoffnung, der nun gehegt und gepflegt werden musste, um aufzugehen und sich voll entfalten zu können. Nach dem Essen fuhr das Mädchen in ihr Zimmer und zog sich um. In den letzten Tagen hatte sie gelernt, allein vom Rollstuhl ins Bett oder wieder zurückzukommen und sich allein umzukleiden. Sie war ihrer Großmutter sehr dankbar, aber ihre Mimi, wie sie sie nannte, war auch nicht mehr die jüngste und Julika wollte nicht, dass sie sich wie um ein kleines Baby um ihre Enkelin kümmern musste. Deshalb gab sie sich große Mühe, möglichst viel selbst zu erledigen. Es war schlimm genug, dass sie ihre Hilfe bei alltäglichen Dingen, wie Duschen oder Baden benötigte, oder sogar beim Toilettengang, was ihr extrem peinlich war. Wie sollte das nur in der Schule werden?

Nach dem Umziehen setzte Julika sich an das offene Fenster und blickte in den Garten, während die Schatten der Abenddämmerung sich immer weiter über den Rasen und die Beete ausbreiteten. Etwa zur gleichen Zeit verabschiedete sich ein nachdenklicher Junge von seinem Bruder und machte sich auf den Weg zu einem Abendspaziergang, wie er es oft tat. Manchmal kam er erst spät in der Nacht wieder. Tom hatte sich schon lange daran gewöhnt und bewunderte ihn im Stillen dafür, dass Tim trotzdem am Morgen ausgeschlafen aus seinem Bett springen konnte, während er selbst das Gefühl hatte, noch ein, zwei Stunden länger schlafen zu wollen. Noch ein gravierender Unterschied zwischen den äußerlich so gleichen Brüdern.

Tom behielt Recht. Je weiter sich die Dämmerung über den Garten senkte, desto lebendiger schien es draußen an einer alten Mauer zu werden. Julika konnte deutlich mehrere Echsen sehen, die wie festgeklebt über die Wände krabbelten, sogar zu ihrem Fenster kamen auf der Suche nach kleinen Insekten. Doch eine ähnliche Gabe wie Tim schien sie wohl eher nicht zu haben, denn sobald sie die Hand ausstreckte, ergriffen die kleinen Tierchen die Flucht. Julika gab es bald auf und begnügte sich damit, die Tiere einfach zu beobachten. Im Halbdunkel waren sie schwer zu erkennen, meist konnte sie nur einen Schatten sehen, der durch die Efeuranken huschte. Ein bisschen enttäuscht senkte sie irgendwann den Kopf. Wie gerne hätte sie eine in die Hand genommen, um sie ein bisschen genauer zu betrachten.

Julika atmete tief durch und wollte dann das Fenster schon wieder schließen, als sie mitten in der Bewegung innehielt und auf den Fensterrahmen starrte. Mitten auf dem Rahmen hockte eine wunderschöne Echse, gerade einmal so lang wie ihre Hand. Sie hatte den Kopf gehoben, sodass Julika ihren schönen Bauch erkennen konnte. Sie schien das Mädchen genau zu beobachten und auf etwas zu warten. Diese betrachtete das kleine Tier mindestens ebenso neugierig. Der Bauch und die Seiten waren von einem hellen Grasgrün mit schwarzen Flecken, während der Rücken vom Kopf bis zur Schwanzspitze mit einem braunen Streifen überzogen war, der an den Seiten jeweils etwas heller war, als in der Mitte. Die kleinen, dunklen Augen blickten sich aufmerksam um und ließen das Mädchen nicht aus den Augen. Wie eine kleine Statue stand sie da und bewegte sich nicht von der Stelle.