Makaken und andere Katastrophen - Marcel Ifland - E-Book
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Makaken und andere Katastrophen E-Book

Marcel Ifland

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Beschreibung

Ein Sammelband aus dem Affenhaus namens „Leben“

Irgendwann ab Anfang 30 verschwimmt diese magische Grenze zwischen angeborener Unzurechnungsfähigkeit und beginnender Midlifecrisis. Man ist jung genug, all den Unsinn der früheren Jahre wiederholen zu wollen, aber alt genug, inzwischen die Konsequenzen zu spüren. Man wird weiser, jedoch nichts, wirklich gar nichts im Leben wird einfacher.

Marcel Ifland war einer der Hauptautoren aus 11 Jahren Internetsatire mit Stupidedia und ist gestählt aus hunderten Abenden auf Kleinkunstbühnen. Er lebt und schreibt in einer Welt aus Freundschaftsgefälligkeiten, Roadtrips, Nachbarschaftsstreits und ausnehmend höflichen Auftragsmördern: 40 Texte für 40 Lebensplagen.

Über den Verlag:

Beim Dichterwettstreit deluxe dreht sich alles rund um Poetry Slam: hier haben einige der renommiertesten Bühnenpoet*innen des deutschsprachigen Raumes ihr literarisches Zuhause. Vom Poetry Slam Buch über Gedichtsammlungen bis hin zu diversen Anthologien voller Poetry Slam Texte ist der Dichterwettstreit deluxe leidenschaftlicher Poetry Slam Verlag aus der Szene. Entdecke in unserem Programm spannende Poetry Slam Bücher aus Liebe zur Literatur - überall zu finden, wo es Bücher gibt, oder unter www.dichterwettstreit-deluxe.de

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Herausgeber

Über den Autor

Intro

Vorworte und andere Katastrophen

Kapitel 1: Nostalgie, süße Nostalgie

Das hier ist Punk, verdammt!

Tanzbären

Ilkay

Gehacktes halb und halb

Das grüne Haus

Mitten in Entenhausen

Kapitel 2: Die sanfte Eskalation des Alltags

Sauerlandblues

Treppenhaustwitter

Nahverkehrsmakake

Weihnachten

Das Starren der Ordner

Auswärtsfahrt

Einer muss es ja machen

Kapitel 3: Unter Freunden

Pokerabend

Under Construction

Bummsbeats

Heja Sverige

Paartherapie

Kapitel 4: Ein Hauch von Heimat

Die Krux der Konzerte

Fifty Shades of Football

Derbytag

Ein Schlüsselereignis

Der Wodkamann

Kapitel 5: Andere Leute haben auch beschissene Leben

Dichte Schotten

Das Phantom von Frankfurt

Die letzte Umarmung

Right Said Fred

Sohle 7

Kapitel 6: Mal kurz darüber nachgedacht...

Willkommen im Zeitalter der Differenzierunfähigkeit

Europa

Enttäuschte Erwartungen

Ein Tag im August

Heil den Falken

Kapitel 7: Ein Haufen Gebrösel

Endlich wieder richtig derbe bumsen, Baby!

Ein Biber namens Justin

Mir ist warm

Kopulationsverhandlungen

Tuppertuckerland

Kapitel 8: Zugabe

Professor*innenflirt

Bacardisteaks

Danksagungen & Lobpreisungen

Herausgeber

© 2023 Dichterwettstreit deluxe, Villingen-Schwenningen

www.dichterwettstreit-deluxe.de/impressum

Satz & Lektorat: Annika Siewert & Elias Raatz

Design: T-Sign Werbeagentur

Illustrationen: Marcel Ifland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

ISBN: 978-3-98809-011-9

ISBN E-Book: 978-3-98809-012-6

www.dichterwettstreit-deluxe.de

Über den Autor

Der 1988 im Ruhrgebiet geborene Marcel Ifland ist Elektromonteur für Tankstellentechnik. Von 2007 bis zum Ende des Projekts 2018 war der nebenberufliche Satiriker einer der Hauptautoren der satirischen Internetenzyklopädie „Stupidedia.org“, einer Parodie auf die Wikipedia. So verkorkste er den Humor einer ganzen Internet-Generation. Da man irgendetwas machen muss, wenn man zu jung für den Fernsehgarten und zu unbekannt für das Dschungelcamp ist, hat Marcel Ifland seine Aktivitäten ab 2019 vermehrt auf die Bühne verlagert. Seitdem tingelt er mit einer Mischung aus Kurzgeschichten und Gehirnabfall über Bühnen, beispielsweise bei diversen Poetry Slam-Events.

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Hey Papa!

Natürlich weiß ich inzwischen, dass du alles, was ich jemals veröffentlicht habe, heimlich gelesen und dich diebisch darüber gefreut hast.

Wo immer du jetzt bist, ich glaube fest daran, dass du einen Weg finden wirst, es auch dieses Mal zu tun.

Vorworte und andere Katastrophen

Moin.

Schön, dass wir hier sind. Gut, genau genommen bin ich nicht hier. Ich bin entweder daheim oder stecke auf der A40 im Stau fest. Aber mein Buch ist hier. Und damit schonmal herzlichen Dank dafür, dass Sie sich dieses Machwerk gekauft, geliehen oder aus einem abgeranzten Bücherschrank vor dem Stadtpark gemoppst haben, bevor dieser wie jeden zweiten Dienstag angezündet wurde und dieses Buch Opfer eines zugegeben etwas kleinformatigeren Flammeninfernos hätte werden können.

Sie sind definitiv super.

Was Sie hier in den Händen halten (sofern der Inhalt dieses Buches nicht ohne mein Wissen im Netz abrufbar geworden ist, denn ich persönlich würde wohl kaum das Vorwort einfach random ins Netz packen. So dumm bin selbst ich nicht) ist mein erstes, echtes Buch.

Ooookay, ganz genau genommen ist es das Vierte. Aber die anderen drei findet man nirgends mehr, die habe ich alle einzeln an ihre vorgesehenen Adressat*innen verteilt und mehr Exemplare gibt es nicht. Eventuell ist das auch besser so. Und mein manuell gebundenes Allererstlingswerk, eine 30 Seiten umfassende Schmähserie mit infantilen Beleidigungen an die Adresse des VfL Bochum (ja, ein echtes Nischenthema, zu dem heute sicherlich ganz, ganz dringend neuer Content benötigt würde…habe ich da gerade ein „Nicht!“ vernommen?) aus dem Jahre 2007 befindet sich irgendwo im Fundus einer guten Freundin.

Also Anki, pass gut auf den Mist auf! Wer weiß? Wenn sich ab jetzt alles, was ich herausgebe, gut verkauft, wird dieser seltene Schatz einmal deinen Nachwuchs finanziell absichern können, Versprochen! Und wenn Sie jetzt denken: „Alter, schweif doch nicht jetzt bereits ab, bist du ohne Aufsicht, oder was?“, liegen Sie richtig. Zurück zum Thema.

Dieses Büchlein enthält Texte aus den letzten vier bis fünf Jahren, darunter Kurzgeschichten, Kommentare, Satiren und Zeugs, mit dem man Poetry Slams in Dinslaken oder Bergisch Gladbach gewinnen kann. Der gesammelte Inhalt ist organisch im oben genannten Zeitraum gewachsen und – ich gebe es zu – ohne großes, zusammenhängendes Konzept. Ich habe die einzelnen Geschichten und Texte dennoch (sehr sehr) grob in Kapitel unterteilt, um Ihnen und mir das Ganze ein wenig zu vereinfachen.

So. Und jetzt ohne große weitere Umschweife: Viel Spaß mit diesem Buch. Sie sind super. Habe ich das schon erwähnt? Ja? Dann stimmt es auch.

Marcel Ifland

Ende 2023

Kapitel 1:

Nostalgie, süße Nostalgie

Es gibt einige Themen, die funktionieren IMMER. Hundewelpen zum Beispiel. Oder Witze über die Deutsche Bahn. Und natürlich Nostalgie. Denn was bitte ist schöner als Nostalgie? Außer Hundewelpen natürlich, die schlägt wirklich nichts, da sind wir uns völlig einig – aber wie oft hat Nostalgie uns bereits unsere kleinen Ärsche gerettet, damals, als die Familienfeier wieder völlig im Stillstand zu ersticken drohte?Kam da nicht Oma um die Ecke und zog diese Gschichte aus dem Ärmel, wie sie und Onkel Karl damals anno 1948 ein paar Eier und eine Tüte Mehl aus dem Schrank stahlen, um damit der generell unbeliebten Urgroßcousine vom Dachboden aus bei ihrer Gartentätigkeit eine ungewollte Sommerpanade zu zaubern? Und sie dann so völlig zugekleistert ins Haus stürmte und die Kinder jagte, bis die ganze Nachbarschaft applaudierend vor dem Haus stand und der Dorfpfarrer eine spontane Fürbitte im Vorgarten abhielt, weil da ja endlich mal Publikum greifbar war? Ist das nicht immer noch großes Gelächter wert unter all jenen, die nicht selbst dabei waren, sich aber doch amüsieren, weil Oma so plastisch erzählen kann? Dass sowohl Onkel Karl als auch besagte Urgroßcousine schon lange unter der Erde weilen, trägt dem heiteren Charakter dieser Anekdote dabei gar keinen Abbruch. Im Gegenteil – verklärte Erinnerungen sind oft das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann und immer ein Grund, auch Jahrzehnte später in trauter Runde die Gläser zu heben.

Ich persönlich bin bei Nostalgie immer gern dabei, auch wenn mein Leben aus meiner Sicht gesehen ziemlich öde ist. Geschichten, in denen der Dorfpfarrer anrückt, habe ich jedenfalls nicht zu bieten. Ehrlich gesagt weiß ich seit zehn Jahren nicht mehr, wie der Pfarrer meiner zuständigen Gemeinde überhaupt heißt. Ich würde den auf der Straße gar nicht erkennen. Ich komme sowas von in die Hölle. Aber dort kann ich sie dann erzählen, all diese Geschichten mit nostalgischem Touch. Diese Geschichten aus vergangenen Zeiten. Zeiten, die man irgendwie überlebt hat. Zeiten, die irgendwie einfacher oder vielleicht sogar schwieriger waren, als die aktuelle es ist. Oder einfach eine Zeit, durch die man etwas gelernt hat.

Hier kommen ein paar dieser verklärten Momente, die im Schnitt ein halbes Leben (meins zumindest) her sind. Ob alles daran wahr ist, fragen Sie? Nun… würden Sie Geschichten von früher erzählen, wie wahr wären Ihre? Ich bin Jonathan Frakes (Ja, auch dieses Zitat ist inzwischen pure Nostalgie).

Das hier ist Punk, verdammt!

„Warum zum Fick habe ich mich auf diesen Scheiß eingelassen?“, frage ich mich etwas zu laut und etwas zu nah am offenen Mikrofon stehend. Es ist der 11. Dezember 2004. Ich bin 16 Jahre alt und heute stehe zum ersten Mal mit meiner Band auf einer Bühne.

Rückblick: zwei Monate zuvor.

Am Samstag, dem 16. Oktober 2004 feiert mein Kumpel Basti seinen 17. Geburtstag. Alle seine Freunde – also Steffen und ich – wurden eingeladen und sind nur teilweise widerwillig erschienen. Gruppenzwang ist auch dann eine heftige Waffe der menschlichen Psyche, wenn die Größe der Gruppe vergleichsweise überschaubar ist. Aber das sind lästige Details, die uns ohnehin nicht scheren. Vieles an diesem Abend ist ganz genau genommen von Grund auf falsch. Das Datum dieser Feier reiht sich nahtlos in dieses Bild ein. Bastis eigentlicher Geburtstag ist der 18. Oktober und das wäre – Sie haben aufgepasst – übermorgen. Aber übermorgen ist Montag und folglich ist dieses Wochenende eindeutig näher am Geschehen als das kommende. So viel Pragmatismus muss erlaubt sein. Zumindest, wenn man ein Teenager ist und die Erziehungsberechtigten nicht jedes Wochenende abwesend sind.

Basti hat den Schnapsschrank seiner Großmutter ausgeräumt. Bastis Großmutter war eine großartige Frau, die uns unsere Kindheit hindurch gutmütig verzieh, wenn wir ihr Blumenbeet wieder in den Fußballplatz einbezogen und die Eckbälle von dort ausführten. Außerdem machte sie mit Abstand die besten Pfannkuchen östlich von Gelsenkirchen-Bismarck. Doch ihr Geschmack bezüglich alkoholischer Getränke war zeit ihres Lebens fragwürdig. Eine Flasche Batida Kirsch und eine Berentzen Apfel, die vermutlich bereits in den späten 90ern nicht mehr genießbar waren, kreisen durch die übersichtliche Runde. Die Saat für dämliche Teenager-Ideen ist gesät. Die Ernte folgt auf dem Fuß.

„Lasst uns eine Band gründen!“, ruft Basti.

„Geile Idee!“, antworte ich umgehend.

Steffen verweigert jede Aussage, aber für Änderungen des Grundgesetzes genügt bekanntermaßen auch eine läppische 2/3-Mehrheit, also ist er dabei, egal was er behauptet. Die große Koalition, bestehend aus Basti und mir, setzt sich durch. Die stumme Opposition namens Steffen fügt sich.

„Ich bin der Gitarrist“, verkündet Basti.

„Ich auch“, sage ich.

„Äh. Ich bin auch Gitarrist“, sagt Steffen.

Hm. Wir sind angetrunken und halbstark. Hätte man uns damals gesagt, Terpentin mit Stracciatella-Eis wäre in Bolivien ein beliebter Partycocktail, wir hätten ihn probiert. Dass eine Band, die ausschließlich aus drei Gitarristen besteht, irgendwie nicht aufgeht, ist uns wiederum sofort klar. Ein Dilemma. Normalerweise sollte jeder ja spielen, was er spielen kann, aber eine Band, bei der niemand auch nur irgendetwas spielt, ist auch kein lohnendes Grundkonzept („Die Kassierer“ ausgenommen). Also treten wir in zähe Verhandlungen ein, an deren Ende folgendes Ergebnis steht: Basti ist der Gitarrist, er hatte die Idee und es ist ja schließlich SEIN Geburtstag. Steffens Eltern besitzen ein Autohaus, folglich sind sie absolute Kapitalistenschweine und können ihm einen Bass kaufen und für mich bleibt somit nur das Schlagzeug übrig. Ich habe keins, aber laut Basti ist das egal. Seine Argumentation ist einfach, aber anschaulich: Jeder, der schon einmal auf einem Konzert war, hat sicherlich bemerkt, dass das Schlagzeug immer bereits auf der Bühne steht, wenn die Band selbige betritt. Daraus folgt, dass die Band es nicht mitgebracht hat, also müssen wir als Band jetzt nicht zwingend ein Schlagzeug besitzen und das leuchte ja wohl völlig ein. Wie gesagt, wir hätten, sofern man es uns richtig verkauft, auch Terpentin getrunken.

„Und was ist mit Proben?“, frage ich vorsichtig und nicht restlos von Bastis nur semischlüssiger Argumentationskette überzeugt.

Das fast-Geburtstagskind weiß hier letztendlich auch keine Antwort, außer: „Ja. Da musst du dann improvisieren.“

Was dieses „improvisieren“ bedeutet, stellt sich eine Woche später heraus, die ich erfolgreich damit verbracht habe, meinen Opa davon zu überzeugen, dass sein heißgeliebter, wenn auch seit 1978 ungenutzter Gartenschuppen doch der ideale Proberaum für uns wäre. Ich sitze hinter einer Monstrosität aus Pfannen, Töpfen, einem Grillrost und einer Marschkapellentrommel als Bassdrum, die ich mit einer selbstgebastelten Vorrichtung aus Nähgarn, einem Gummihammer und den Pedalen meines Lenkrads für PC-Autorennspiele bediene. Als Krönung dieser fischertechnikgewordenen Idiotie schlage ich mit zwei Holzlöffeln auf dieses Etwas ein. Gegenüber von mir quälen sich Basti und Steffen durch eine beklemmend schiefe Version von The Clashs eigentlich ja wunderbarem „Should I Stay or Should I Go?“ und die Antwort darauf erübrigt sich bereits nach den ersten Takten: Ja, gehen wäre die bessere Alternative. Aber das tun wir nicht, denn das hier… das ist Punk, verdammt!

Als es darum ging, was für Musik wir überhaupt spielen wollen, waren wir uns überraschend schnell einig: Punkrock der 70er und 80er sollte es sein. Erstens hatten wir gerade diese Phase, die Beatles-, Nirvana- und Avril Lavigne-Phasen waren weitgehend spurlos vorbeigeglitten. Zweitens haben Bastis Eltern die entsprechenden Platten in ihrer Sammlung und drittens ist diese Musik so dermaßen einfach gestrickt, dass auch saucoole Volldilletanten wie wir sie problemlos spielen können.

Dachten wir. Stimmt aber nicht.

Steffen hat einen Nachmittag im Internet verbracht, was bei mir und Basti damals noch Modem bedeutet hätte. Steffens Eltern sind da bereits einen Schritt weiter (Kapitalistenschweine!) und so bringt Steffen liebevoll recherchierte, ausgedruckte Notenblätter einschlägiger Songs mit, die uns aber nichts nützen, da nur ich Noten lesen kann – und ich bin der fucking MacGyver-Sperrmülldrummer! Ob ich Noten lesen kann oder Paul Stalteri Werder Bremen zur Weltherrschaft schießt, wäre vollkommen egal gewesen, abgesehen von der Tatsache, dass Noten lesen und sie auch spielen können immer noch zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. So verbringen wir unsere Nachmittage im Gartenschuppen damit, uns die Lieder anzuhören und darauf zu vertrauen, dass jeder einzelne von uns sich seinen Part rein durch Hören und Probieren irgendwie selbst draufschafft. Glaube kann Berge versetzten. Aber haben Sie je die Zugspitze auf einem Stadtfest „Anarchy in the U.K.“ performen sehen? Ich nicht.

Ein paar Wochen später hat Basti etwas Dramatisches zu verkünden: „Ich kenn einen, der lässt uns in seinem Club auftreten. Als Vorband. Der Vorband. Der Vorband.“

Ich frage mich in den folgenden Tagen, was das für ein Typ sein soll, der uns – also UNS – freiwillig auftreten lässt und die Antwort erhalte ich, als ich an ebenjenem 11. Dezember 2004 einen Hip-Hop-Schuppen in der Nachbarstadt betrete, dessen Besitzer Rasta-Gehänge um die Halbglatze trägt und dessen auf links getragenes Cypress Hill-Shirt mit Cannabisfragmenten übersät ist. Eminem und 50 Cent dröhnen aus den Boxen.

„Ich bin der Jochen. Voll knorke, dass ihr auftreten wollt. Ihr könnt gern anfangen“, sagt der Rasta-Mann und deutet mit zwei Fingern, zwischen denen ein Joint von der Größe Rotterdams klemmt, auf die leere Bühne. Dort stehen zwei Mikrofone, ein Mischpult, zwei Boxen und sonst… Nichts. Kein Schlagzeug. Natürlich kein Schlagzeug. Wieso auch? Keiner hielt es für nötig, Jochen vorher darüber in Kenntnis zu setzen, dass wir eine Punkband sind – oder vielmehr eine Punkband sein wollen – die technisch gesehen Instrumente benötigen würde. Entsprechend irritiert ist er, als Steffen und Basti ihre zwei kleinen Fender-Verstärker auf die Bühne stellen und ihre Instrumente anschließen. Unter Saft und auf Lautstärke acht. Den folgenden Störton hören einige damals Anwesende bis heute.

Dann geht es los. Basti schiebt mich vor eines der Mikrofone. Meine heroische Aufgabe: In Vertretung eines echten Schlagzeugs muss ich eines imitieren, indem ich „Bumm Bumm Bumm Kisch Kisch Kisch“ ins Mikrofon blöke. Klar, in einem Hip-Hop-Laden wie diesem könnte es theoretisch möglich sein, dass irgendwer im Publikum Beatboxing beherrscht und Bock hätte, einfach mit uns eine Runde zu jammen, was sicher eine originelle Alternative wäre. Auf diese abendrettende Idee kommen wir jedoch nicht, denn wir sind doof. Und außerdem: Das hier ist Punk, verdammt!

„Warum zum Fick hab ich mich auf diesen Scheiß eingelassen?“, frage ich mich etwas zu laut und etwas zu nah am offenen Mikrofon stehend. Die Leute schauen irritiert. Dann beginnen wir, wie original jede einzelne aller 34.643 Punkrockcoverbands der Republik unseren Auftritt mit dem Blitzkrieg-Bop der Ramones. Basti stellt dabei recht bald – und doch zu spät – fest, dass gleichzeitig Gitarrenspielen und Singen vor Publikum dann doch eine Nummer zu viel für ihn ist und schiebt mir den Gesang zu und da mir das immer noch lieber ist als ein Schlagzeug zu imitieren, lasse ich es mir nicht zweimal sagen. Ich beginne „Teenager-Liebe“ der zweifelsohne besten Band der Welt (aus Berlin!), als mich der erste Pappbecher am Kopf trifft. Das Publikum ist offensichtlich eher auf Sidos Arschficksong als auf schlagzeuglose Versionen von Bad Religions „No Control“, „Teenage Kicks“ der Untertones und „Love and a Molotow Cocktail“ von den Flys aus. Die Unmutsbekundungen vor uns werden lauter und intensiver. Jochen ist auf dem Mischpult liegend eingepennt. Von ihm ist kein Eingreifen mehr zu erwarten. Basti versucht, die Stimmung zu drehen. Er greift sich ein Mikro und beginnt sein selbstgeschriebenes Stück „Hass auf alle Hopperschweine“. Die Idee ist gar nicht mal so gut, stellen wir fest, denn nun werden wir mit allem beworfen, was nicht festgeschraubt ist: Becher, Deko, Nokiahandys (die halten das aus), sie alle fliegen uns um die Ohren. „Should we stay or should we go now?“

Einen Moment verharren wir in stiller Unentschlossenheit. Dann drehen wir uns zueinander. Drei Augenpaare schauen sich an. Fixieren sich gegenseitig. Ein Lächeln huscht über drei verpickelte Gesichter. Im Dreieck zueinanderstehend spielen wir unser Set zu Ende, während ein Regen aus Beleidigungen, Mikro- und Maxiplastik auf uns herniederprasselt. Nichts davon dringt zu uns durch. Das hier ist unser Moment. Das hier ist, was wir tun und wir tun es nur für uns. Scheiß auf die Welt da draußen, das hier ist unsere kleine Welt. Hier sind nur wir. Wir drei und unsere beschissene kleine Band – und die Welt da draußen kann uns kreuzweise. Das hier ist Punk, verdammt! Es ist ein Moment der knisternden Magie. Wir können sie zwischen uns mit den Händen greifen. Jeden Moment erwarten wir, dass das Dach sich öffnet und zwischen den Wolken Johnny Thunders uns mit erhobenen Daumen angrinst. Wir können es vor uns sehen. Diesen Moment sengender, flimmernder Magie… okay, vielleicht sind das auch die Haschdämpfe aus Richtung Mischpult… aber nein. Nein! Es ist Magie. Bestimmt ist es Magie. Ganz sicher sogar ist es Magie!

Irgendwie kamen wir halbwegs heil aus dem Schuppen heraus und haben nie wieder dort gespielt. Keine Ahnung wieso. Unsere Band existierte noch gut drei Jahre, bis Ausbildungen und Freundinnen interessanter wurden. Wir haben noch einige weitere Auftritte hingelegt, die auch nicht alle unbedingt glattliefen, aber wir lernten mit der Zeit dazu. Eine Sache jedoch lernte ich bereits an diesem schicksalhaften Tag im Dezember 2004. Warum zum Fick hab ich mich auf diesen Scheiß eingelassen? Die Antwort ist banal: für Momente wie diese. Für Momente, an die du den Rest deines Lebens zurückdenken wirst und die du vermissen würdest, hättest du sie nicht auf dich zukommen lassen… und für die 3310-Nokiaförmige Delle, die ich seit diesem Abend oberhalb der linken Niere trage.

Aber hey: Auch das ist Punk, verdammt.

Tanzbären

Ich habe das Gefühl, alle von uns haben schwarze Flecken in ihrer Biografie. Diese kleinen Geschichten, bei denen die Wahrheit gern gestreckt, umerzählt oder lieber gleich vollständig verschwiegen wird. Bei einem ganz bestimmten Thema ist die Schnittmenge der Menschen, die sich an dieser Stelle doch am liebsten in ausführliches Schweigen hüllen, besonders groß: Das erste Mal. Also, jetzt nicht ein beliebiges erstes Mal, sondern DAS erste Mal. Sie verstehen schon: Knick-Knack. Dieser einschneidende Moment im Leben der meisten von uns ist ein Garant für Geschichten exorbitanter Peinlichkeit, über die wir wahlweise schweigen oder blumige Halbwahrheiten aus dem Paulanergarten erzählen. Dabei kann ich jedem und jeder einzelnen von Ihnen blind vor den Kopf sagen: SIE haben versagt oder sich wenigstens ziemlich bescheuert angestellt. Nur erzählen wollen Sie das nicht. Ich bin da etwas anders. Aber ich kann da ja auch auf dicke Hose machen: Mein erstes Mal hatte ich auf der Liege eines Krankenwagens und es war ein infernaler Höhepunkt in der Geschichte der menschlichen Liebe.

Quatsch!

Das stimmt natürlich nicht.

Mein wirkliches erstes Mal hatte ich im schummrigen Kinderzimmer von und mit Sophie, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem ich binnen der folgenden zwei Wochen für die Dauer einer Olympiade anbandeln würde – und es warf mehr Fragen auf, als es Antworten gab. Es waren die Standardfragen, die sich wohl jedes junge, zu unerfahrene Paar in diesem Zusammenhang zwangsläufig stellt. Fragen wie „Was bitte war das?“, „War das jetzt alles?“ und natürlich der Klassiker „War ich eigentlich drin und wenn ja, wo genau eigentlich?“. Ja, wir waren jung und ungeübt und stellten uns an wie zwei Tanzbären auf einem Hochseil zwischen Everest und Nanga Parbat. Zwei Tanzbären ohne Sauerstoffflaschen, nackt und mit plattem Einrad. Immerhin, beim Vorspiel hatten wir uns Mühe gegeben: Es dauerte alles in allem zwei Wochen und bot alles auf der autobahnbreiten Spanne von Anzüglichkeiten, mehr oder minder direkten Angeboten und zufälligen Berührungen jeder Form und Gestalt. Was wir dabei im Ansatz zu umgehen versuchten, war der möglicherweise nicht ganz zu vernachlässigende Punkt, dass wir nur deshalb so lange um den heißen Brei herumlamentierten, weil wir schlicht und einfach KEINE AHNUNG von praktischem Geschlechtsverkehr hatten – und zwar BEIDE – und jeweils warteten, bis die andere Partei die Zügel in die Hand nahm. Oder andere Dinge. Sie wissen schon.

Sophie war bekannt für ihre legendäre Geduldsspanne, die traditionell wenig länger als von null Uhr bis Mitternacht reichte. Daraus folgend war es zwangsläufig sie, die eines Nachmittags die weitere Planung an sich riss und die Dinge entschied – und zwar dahingehend, dass sie einen auf die Minute durchgetakteten Plan aufstellte, wann, wo, wie und weswegen ihre und zugleich meine Entjungferung stattfinden sollte. Ich sah die Dinge lockerer. Es würde schon schiefgehen, wie immer wir es auch anstellten, daher ließ ich Sophie gewähren. Auch, als sie mir im Rahmen eines nachmittäglichen gemeinsamen Spaziergangs durch die romantische Industriebrache unserer städtischen Abraumhalde (Nein, Wanne-Eickel hat nicht viele landschaftliche Hochgenüsse zu bieten, wir müssen uns behelfen) eine bis ins Detail ausgefeilte Checkliste für den geregelten Ablauf des folgenden Abends in die Hand drückte. Was für eine Checkliste! Sieben Seiten, eng beschrieben, an alles gedacht!

Bitte abhaken bei Erledigung:

Ankunftszeit M (also ich): 18:00 Uhr.

Socken: Aus.

Zimmerlicht: Aus.

Musikanlage: An.

Kerzen: Weiß.

Landeklappen 15 Grad, Steuerkurs 185, Start beim Tower melden: Check.

Und so weiter und so weiter. Jeder 747-Pilot hätte vor ekstatischer Erregung zielsicher abgespritzt. Mir fällt übrigens jetzt erst auf, wie viel Kalauerpotenzial das Wort „Verkehrspilot“ in diesem Zusammenhang hat. Ich bin jetzt schon ein wenig stolz auf mich.

Als ich um 18:00 Uhr pünktlich bei Sophie ankam, hakte ich den entsprechenden Punkt auf der Liste pflichtbewusst ab. Ihre Eltern waren über das Wochenende nicht da, wir hatten die Wohnung also für uns. Sehr schön. Und vor allem hatten wir Zeit. Den eigentlichen Akt hatte Sophie auf Punkt 23:00 Uhr terminiert, vorher konnten wir uns noch in Stimmung bringen. Wir schalteten den Fernseher ein und ließen die Sportschau laufen. Anschließend sah die Checkliste einen romantischen Film vor, den ich doch bitte mitzubringen hatte. Was damals noch hieß, eine DVD auszuleihen. Dummerweise hatte ich noch keinen Führerschein und obwohl es damals noch Videotheken gab, befand sich keine einzige von ihnen in Wanne-Eickel. Ich musste nehmen, was sich bei meinen Eltern so finden ließ und entschied mich für „Der Exorzismus der Emily Rose“. Für mich einleuchtend: Da kommt immerhin eine Rose vor. Rose gleich Romantik. Passt. Sophie war einverstanden: Solange weder Spinnen noch Wespen und vor allem nicht Ben Affleck vorkamen, ging der Film klar. Check. Fußball und Horrorfilme. „Diese Frau solltest du irgendwann heiraten“, schoss es mir durch den Kopf.

Die Uhr zeigte 22:50 Uhr.

„Sollen wir dann“, säuselte Sophie in einem Ton, der Erotik suggerieren sollte, aber eher nach eitriger Angina klang. „Frag in zehn Minuten nochmal. Dann sage ich auch Ja“, antwortete ich, um mir Zeit zu verschaffen. Die Verdrängungstaktik war gescheitert. Die Anspannung stieg und so merkte ich, während Sophie die Musikanlage einschaltete und die nächsten zehn Minuten angestrengt die Wanduhr anstarrte, wie sich in mir Druck aufbaute. Aber nicht an gewünschter Stelle.

Durch das Rauschen in meinem Kopf hindurch drangen Norbert Dickel und die Südtribüne.

„Uuund hier der aktuelle Spielstand: Tapsige Teenager?“

„ZWEI!“

„Erregung?“

„NULL!“

„Danke!“

„BITTE!“

Ein langgezogenes „Jeeeetzt“ aus anderem Munde zog mich zurück in die Realität. Vor meinen Augen erschien Sophie. Wir waren nackt. Hä? Wie hatte die das jetzt gemacht? War sie eine Hexe? Also geahnt hatte ich das ja schon aber… Stopp! Das war nicht das Thema! Konzentration, Junge! Auf diese Situation hier hatten wir (also sie, wenn wir ehrlich sind) hingearbeitet und jetzt ersparte ich mir sogar die Blöße, eindrucksvoll beweisen zu müssen, dass ich KEINEN Schimmer hatte, wie so ein BH aufgeht. An prominenter Stelle rührte sich etwas, entschied dann aber doch „Och, hier auf der Halb-Acht-Stellung ist es eigentlich ganz angenehm“ und verharrte dort. Zwei Augenpaare schauten hin, dann sich an. Wird schon. Weiter im Programm. Wie zwei angeschossene ü70-Wrestler warfen wir uns pseudoerotisch auf Sophies ausgezogene Schlafcouch und landeten unsanft aufeinander. Etwas knackte. Es war die DVD-Hülle. Ach, da war die gelandet? Mist. Das würde kosten. Hilflos wie zwei umgedrehte Schildkröten lagen wir aufeinander und versuchten, es nicht wie einen Unfall aussehen zu lassen. Sophie langte nach links, griff die Checkliste und prüfte den Stand der Prozedur. Romantik pur.

„Ich wusste doch, da fehlt was“, sagte Sophie, fingerte nach ihrer Hose und zog eine Packung Kondome aus der Tasche. Mist. Das hatte ich in weiser Voraussicht geübt, wie eine Formel 1-Crew den Boxenstopp. Das Problem: Mein kleiner Kimi Räikkönen steckte im Kiesbett fest, versuchte verzweifelt, auf Allrad zu schalten und würde es versuchen, bis sich irgendwann die Erkenntnis einstellt, dass Formel 1-Boliden überhaupt keinen Allradantrieb besitzen. Sophie jedoch griff beherzt zu und versuchte einzutüten, was immer sie vorfand. Ihr Gesichtsausdruck erreichte fatalistische Züge und mir wurde klar: Wir würden das hier jetzt durchziehen, vollkommen egal, wie viele psychologische Gutachter*innen sich das in den kommenden Jahren würden anhören dürfen. Ich brachte mich in eine halbwegs bequeme Position und versuchte zu tun, was meiner naiven Vorstellung nach das Richtige war: Augen zu und Konzentration. „Du willst das hier doch auch“, erinnerte ich meine untere Körperhälfte. Im Hintergrund lief derweil die einzige Band, auf die Sophie und ich uns einigen konnten: Die Ärzte. „Bitte komm zurück“, jaulte Farin Urlaub aus dem Boxen. „Lieber Gott, bitte lass als nächsten Song nicht die fette Elke kommen, denn dann geht hier gar nichts mehr!“, schrie eine meiner Gehirnhälften ins Leere. Aber viel ging hier eh nicht, von der suboptimalen Kombination aus Schweiß und Frustration abgesehen. Ich stieß hilflos in die Nacht, während Sophie sich sichtbar Mühe gab, mit allen ihr gegebenen Sinnen auszuloten, wo ich mich gerade überhaupt befand. Die nächsten Minuten verstrichen ereignislos. Irgendwann musste ich aufs Klo. Wir gaben auf.

Lagebesprechung. Sophie ging wiederholt die Checkliste durch und bat um Feedbacks. Ich verkniff mir die obligatorische Frage, wie es denn für sie eigentlich gewesen war. Natürlich nicht, weil ich mir die Antwort denken konnte und sie nicht hören wollte, sondern weil mir klar war, dass sie auch keine Vergleichswerte hatte. Natürlich.

In den folgenden Wochen und Monaten würde sich zeigen, dass wir uns von diesem Fehlstart in unserem Sexualleben nicht entmutigen ließen. Dafür waren wir ohnehin beide viel zu stur. Und zu geil aufeinander, zumindest dann, wenn es nicht gerade darauf ankam. Kein Druck. Learning by doing. Es würde alles von selbst kommen. Oder wir halt.

8 Monate später.

Orgasmus: Doppelcheck.

Keuchend zückte Sophie den Kugelschreiber und hakte den Punkt von der Checkliste ab. „Und mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung fahren sie den erwarteten Favoritensieg ein“, resümierte Norbert Dickel in meinem Kopf. Gekonnt rollten wir uns von der Liege ab, landeten elegant auf den Füßen und legten unsere Klamotten wieder an. Schnell los, bevor die beiden Sanitäter zurückkamen. Wir schlossen die Tür des Krankenwagens und verschwanden lautlos in den Sommer. Denn inzwischen waren wir keine Tanzbären mehr. Inzwischen waren wir verdammte Ninjas.

Check!

Ilkay

Vor über 15 Jahren und – ich gebe es zu – über 20 Kilo Gewichtsunterschied spielte ich aushilfsweise in unserer örtlichen Fußball-Kreisligamannschaft. Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders talentiert war. Zwar hatte ich genug PS im linken Bein, um einen Ball ansatzlos auf den Mond zu prügeln, also zumindest in der Theorie, in der Praxis war meine Streuung dabei derart groß, dass ich so etwas Kleines wie den Mond wirklich niemals getroffen hätte. Da ich aber einen Knall hatte und mich wirklich sehr gern in meiner Freizeit in Schlammpfützen warf, reichte es zumindest für die Position des Ersatztorhüters und das ist immerhin die absolute Idealposition, wenn man total darauf steht, Sonntagnachmittage schlafend auf Plastikbänken zu verbringen. Obwohl ich mir nicht mal sicher bin, dass wir wirklich in einer Liga waren, in der ein Abstieg möglich gewesen wäre, steckten wir doch wieder einmal mitten im Abstiegskampf – das war dann halt eine Prinzipfrage. Eines wenig schönwettrigen Sonntages stand ein Heimspiel gegen eines der Spitzenteams der Liga an. Wir waren hochmotiviert und unsere Vorbereitung strotzte vor kühler Professionalität.

Noch am Vorabend des Spiels hielten wir eine intensive Taktikbesprechung im Biergarten unserer Stammkneipe. Wobei ich anmerken muss, dass „Biergarten“ vielleicht nicht die richtige Bezeichnung ist. Eigentlich war es der Innenhof einer mittelprächtigen Kleinstadtkaschemme, in dem ein Haufen angeranzter Plastikstühle stand und in den man uns das abgezapfte Nass servierte, wahrscheinlich nicht aus Gründen betulichen Services, sondern vielmehr, um uns von der restlichen Kundschaft zu separieren. Da würde ich mir heute Gedanken drüber machen, aber damals fand ich es ganz angenehm. „Sport verbindet“ hatte mir mal wer gesagt und wo kann man das besser erkennen als bei konstruktiven Mannschaftsabenden?

Trotz allem, irgendwo in dieser Vorplanung lag scheinbar ein kleiner Denkfehler, denn als wir am nächsten Tag am Sportplatz aufschlugen, hatte sich die Hälfte der Mannschaft krankgemeldet, was unseren Trainer dann doch ein klein bisschen irritierte. Zum Glück war Tommy ein Top-Trainer. Er hatte nachweislich die Champions League gewonnen. Gut, bei Anstoß 3. Und vielleicht auch nur im mittleren Schwierigkeitsgrad, aber was machte das schon aus? Anstoß 3 war und ist der ungekrönte König aller Fußball-Managerspiele und Tommy war in dieser Welt ein wahrer Tausendsassa, der seine Tricks gekonnt aufs wirkliche Leben zu übertragen vermochte. Mit wenigen Handgriffen und nur einer kleinen Verzögerung, weil der Würfel einmal vom Tisch rollte, arbeitete er eine neue Taktik aus. Und laut der war ich – der Ersatzkeeper – nun irgendwie Linksverteidiger.

„Das trifft sich eh gut“, sagte Tommy, „die haben auf Rechtsaußen so einen kleinen Türken, der könnte drei bis vier Ligen höher spielen. Gegen den brauche ich einen, der notfalls auch bereit ist mit dem Kopf zu grätschen. Da du sonst nix kannst, kann ich ja wenigstens das von dir erwarten.“

„Ja super, das ist ja voll motivierend“, dachte ich.

Das Spiel begann. Nach zehn Minuten lagen wir 3:0 hinten. Mein Gegenspieler hatte zwei Tore vorbereitet, eines selbst erzielt. Sein hämisches Grinsen blendete uns und alle 18 Zuschauende, die unser Platzwart als „ausverkauftes Haus“ verbuchte. Der Linienrichter zog sich eine Sonnenbrille auf, damit keiner sehen konnte, dass er ab und an im Stehen einnickte. Doch so geruhsam sein Nachmittag war, so frustrierend verlief meiner. Ich kam nicht in die Zweikämpfe, denn dieser Dreikäsehoch von Gegenspieler war schneller, wendiger und technisch besser als ich. Gut, ein einbeiniger Weltkriegsveteran, ein Gartenzwerg und ein Staubsaugerroboter wären das auch gewesen, aber das war nicht der Punkt. Ich stolperte hilflos über den Kartoffelacker, der sich Platz nannte, und in der 14. Spielminute hatte mein Gegenspieler mir nach einem dreifachen Übersteiger den Ball durch die Beine geschoben und war zum wiederholten Male lächelnd vorbeigezogen. 0:4.

„Arschloch“, raunte ich.

„Angenehm! Ilkay“, antwortete mein Gegenspieler.

„Ja geil. Auch noch ein Komiker“, dachte ich.

Kurz darauf wiederholte sich die Szene. Ilkay, den Ball wie mit Pattex am Fuß fixiert, täuschte eine Bewegung nach außen an, drehte den Fuß und spielte mir die Pille wieder durch die Beine. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Irgendwann reichte es mir.

„Hömma!“, rief ich Ilkay zu, „Wenn du diese Nummer jetzt nochmal machst, schenke ich dir einen Freiflug auf die Laufbahn, haben wir uns verstanden?“

Ilkay lächelte. Keine Minute später passierte, was passieren musste: Ilkay ging erneut ins Dribbling, ich jedoch versuchte dieses Mal überhaupt erst gar nicht mehr, irgendwie an den Ball zu kommen. Stattdessen nahm ich Anlauf, sprang einige Meter vor Ilkay ab und traf ihn mit beiden Beinen am linken Knöchel. Ilkay hob gut eineinhalb Meter ab und drehte in der Luft eine Fassrolle, sowie einen in der Körperachse um 60 Grad verschobenen Vorwärtssalto. Ein im Publikum stehender Sportlehrer mit Faszination fürs Turmspringen klatschte begeistert Beifall. Dann klatschte etwas anderes, nämlich Ilkay. Mit dem Steißbein voran prallte er auf die Tartanbahn und blieb dort liegen. Der Schiedsrichter, dem Kreisligatypus „gemütlicher Rentner mit Bierplauze“ entsprechend, kam seelenruhig angetrabt. Ich plädierte auf Notwehr und entgegen meiner eigenen Erwartung gab der Schiedsrichter meinem Plädoyer statt und hielt mir statt der wohlverdienten Roten nur die Gelbe Karte unter die Nase. „Isch seh ja, datt du komplett hilflos bist“, sagte der Schiedsrichter gönnerhaft. Ja vielen Dank auch.

Zur Halbzeit stand es 0:6. In der zweiten Halbzeit blieb Ilkay in der Kabine. Sein Ersatzmann wechselte ob dessen, was er gerade gesehen hatte, lieber den Flügel und konnte auch keinen seiner Kollegen für einen Wechsel auf die rechte Spielfeldseite erweichen, sodass sich die zweite Halbzeit für mich sehr einsam gestaltete. Klar, andere Spieler hätten die Abwesenheit eines Gegenspielers auf einem kompletten Flügel vielleicht produktiv nutzen können, aber ich war halt nicht wie die anderen. Meine Mitspieler wussten das auch und spielten mich vorsorglich gar nicht erst an. Etwa in der 70. Minute ging ich an den Spielfeldrand, fragte einen Fotografen der Lokalpresse nach dessen Plastikstuhl, stellte diesen ans linke Strafraumeck und verbrachte den Rest des Spiels sitzend. Es war ja eh alles egal. Ohne Ilkay lief bei unseren Gegnern nicht mehr ganz so viel zusammen. Sie machten es gnädig. Am Ende stand es 1:9. Alle waren glücklich. Wir, weil wir es mal nicht zweistellig bekamen und unserer Gegner aufgrund wichtiger Punkte im Aufstiegskampf.

Zwei Stunden später saßen wir wieder in unserer Vereinskneipe und läuteten die im Amateurfußball so eminent wichtige dritte Halbzeit ein. Acht Tore aufholen ging am besten über acht Kurze und daran wurde hart gearbeitet, denn hier waren wir wenigstens gut trainiert. Plötzlich öffnete sich die Tür und Ilkay humpelte herein.