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Frühjahr 2020: Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff und Julia weiß nicht, wo ihr der Kopf steht. Seit Wochen arbeitet sie Vollzeit im Homeoffice, parallel betreut sie ihre beiden Kinder zu Hause, denn Kitas und Kindergärten sind geschlossen. Ihr Ehemann Philipp sitzt noch im Ausland fest - und es ist ungewiss, wann es wieder Rückflugmöglichkeiten geben wird. Hin- und hergerissen zwischen Kinderbetreuung, Job und Haushalt wächst Julias Aufgabenliste stetig. Dauernd nagt das schlechte Gewissen an ihr, den Kindern in dieser schwierigen Zeit zu wenig bieten zu können. Hinzukommt, dass Philipp ihr aus der Ferne kaum eine Stütze ist, weshalb die abendlichen Telefonate mit ihm zunehmend im Streit enden. Aufgrund der zahlreichen To-Do's und der hohen Erwartungen an sich selbst gerät Julia an den Rand des Burnouts. Sie muss eine Lösung finden, denn ihre Energiereserven sind begrenzt und eines ist sicher: So wie bisher kann sie nicht weitermachen.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Wieder macht der große Zeiger der Küchenuhr einen klackenden Satz vorwärts. Mittlerweile kann ich die volle Kaffeetasse mit beiden Händen umklammert halten, ohne das Gefühl zu haben, mir meine Finger zu verbrennen. Dabei mag ich keinen lauwarmen Kaffee und schon gar keinen kalten – Eiscafé ausgenommen.
Wieder klackt es an der Wand gegenüber. Ich stelle mir eine große, blonde, schlanke Frau vor, in Bleistiftrock und mit rotem Lippenstift. Sie hätte eigentlich nur zwei Zeigerklacker von mir entfernt sein dürfen.
Was mache ich hier? Meine Beine sind schwer wie Blei. Aufstehen scheint unmöglich. Wie mit unsichtbaren Seilen fühle ich mich an den Küchenstuhl gebunden. Im Hintergrund spielen die Kinder ruhig und ausgeglichen – ich nehme ihre Stimmen nur gedämpft wahr. Alles, was ich klar höre, ist der blecherne Minutenzeiger der modernen Küchenuhr: mit einem runden Ziffernblatt ohne Ziffern.
Mittlerweile hätte mein Termin begonnen. Meinen Gesprächspartner kenne ich nicht. Aber ich stelle mir die blonde Vorzimmerdame vor, wie sie meine Personalien aufnimmt. Vielleicht hätte ich einen Fingerabdruck abgeben müssen oder in einen Irisscanner schauen?
Ich sehe den Vertreter des Auswärtigen Amts vor meinem inneren Auge. Vielleicht ein älterer, gepflegter Herr mit Glatze, in Anzug und weinroter Krawatte. Er sitzt hinter einem schweren Mahagonischreibtisch. Unter anderen Umständen hätte er mich beim Eintreten wohl mit Handschlag begrüßt und mir einen Platz in einer Sitzecke aus dunkelgrün gepolsterten Samtsesseln angeboten. Er hätte seinen Sessel zu mir herangezogen und bei der blonden Kühlen zwei Espressi geordert, bevor er mir fest in die Augen geblickt hätte: »Wie kann ich Ihnen helfen?«
Ich hätte ihm mit gefasster Stimme geschildert, dass wir seit zehn Wochen und zwei Tagen auf einen Flieger warten, der meinen Mann aus dem 15.000 Kilometer entfernten Suva, Fidschi zurück zu uns nach Hause bringt. Natürlich hätte ich mich bemüht, den Sachverhalt möglichst nüchtern darzustellen. »Ich bin mir bewusst«, hätte ich gesagt, »dass derzeit etwa 160.000 weitere Staatsangehörige im Ausland festsitzen und auf eine Rückführungsmöglichkeit warten. Mir ist auch bewusst, dass der Staat bereits mit einer aufwendigen Rückholaktion geholfen hat. Die dafür bisher aufgewendeten 50 Millionen Euro sind viel Geld und ich kann mir die reduzierten Möglichkeiten vorstellen, die dem Auswärtigen Amt noch bleiben …«
Mein Gesprächspartner hätte sicher über meine nüchterne und sachliche Haltung gestaunt. Was ich aber eigentlich von ihm hätte erfragen wollen, wäre eine Perspektive …
PERSPEKTIVE – ein seltenes Zauberwort in diesen Tagen. Ich versuche die Fragen, die nicht nur mich umtreiben, in meinem Kopf zu ordnen: Wann werden Menschen wie Philipp endlich nach Hause gebracht? Wann werden Kinder wieder dauerhaft in Kindergärten und Schulen gehen können? Wann werden Millionen Selbständige die staatlich zugesagte Finanzhilfe erhalten, auf die sie dringend warten und die sie für ihren Lebensunterhalt benötigen? Wann wird es einen Impfstoff oder eine Medizin geben?
Mein Gesprächspartner hätte mir diese Fragen höchstwahrscheinlich nicht beantworten können. Aber rechtfertigt diese Perspektivlosigkeit meine aktuelle Passivität? Es ist nicht meine Art, mich kampflos geschlagen zu geben – zumindest entspricht es nicht meiner bisherigen Selbstwahrnehmung.
Den persönlichen Gesprächstermin im Auswärtigen Amt hatte ich hartnäckig eingefordert. Ich wollte schließlich wissen, welche Kapazitäten es für den Rücktransport von im Ausland festsitzenden Staatsbürgern gibt. Bei der Vereinbarung des Termins hatte mir die Sekretärin keinerlei Hoffnung darauf gemacht, dass es etwas bewirken könne. Die staatliche Aktion sei beendet, hieß es, und es gäbe keine weiteren Rückführungsmöglichkeiten. Aber ich wollte mich nicht damit abfinden, dass Philipp keinen Platz in der vom Staat angeheuerten Maschine erhalten hatte. Deswegen hatte ich ja diesen Termin erkämpft. – Und jetzt sitze ich hier über meinem Kaffee?
Das schlechte Gewissen nagt an mir. Wie ein kleines, verfressenes, fieses Nagetier macht es sich in mir breit. Es frisst und frisst und hinterlässt einen schmerzenden Sog, der wenig zu meiner eingefrorenen Haltung passt. Innerlich werde ich immer unruhiger. Wie eine Lawine scheint mich das angenagte schlechte Gewissen überschütten zu wollen.
Wird es besser, wenn ich versuche, eine Erklärung für meinen Zustand zu suchen? Vielleicht die Anstrengungen der letzten Wochen? Bin ich nur ausgepowert? Ist es das Gefühl, allein zu kämpfen? Fühle ich mich alleingelassen? Liegt es an dieser Kollegin Katja?
Ein fades, irgendwie grau schimmerndes und eingefallenes Gesicht blickt mich im Spiegel an, abgespannt und kraftlos. Zwischen den Augen verlaufen zwei senkrechte Sorgenfalten ziemlich parallel in Richtung Nase. Meine Haare hängen ausgefranst an den Seiten herunter, die blonden Strähnen sind schon 2 Zentimeter herausgewachsen. Der Friseurtermin ist überfällig. Egal … In der aktuellen Situation ist so manches egal geworden, auf das bisher viel – vielleicht zu viel – Wert gelegt wurde.
Die Pandemie hält die ganze Welt in Schach. Ursache ist das neuartige Coronavirus, das die zum Teil tödlich verlaufende Lungenkrankheit Covid-19 auslöst. Massengräber in dem einen Nachbarland, Kühltransporter hinter den Krankenhäusern in dem anderen. Überfüllte Notaufnahmen, Engpässe auf den Intensivstationen, knappe Beatmungsgeräte. Aus dem Ausland erreichen uns Berichte von Ärzten, die eine Entscheidung darüber treffen müssen, welcher Patient an ein lebenserhaltendes Gerät angeschlossen wird und welcher nicht. Seit Beginn des Lockdowns leben alte und kranke Menschen in Isolation, weil sie zur Risikogruppe Nummer 1 gehören. Angesichts der Ausgangsbeschränkungen und des fehlenden Ausgleichs häufen sich Meldungen von steigender häuslicher Gewalt gegenüber Frauen und Kindern.
Philipp sitzt bereits seit Wochen im Urlaubsparadies auf den Fidschi-Inseln fest. Da kam es seit langer Zeit einmal vor, dass er mit einem alten Kumpel etwas für sich machen konnte, und der Junggesellenabschied des Freundes endete so! Bald soll ein militärisches Flugzeug bereitgestellt werden, um gestrandete Urlauber aus dem abgeriegelten und unter Quarantäne gestellten Land nach Hause zu bringen. Die Heimkehrer müssten zunächst für vierzehn Tage in Quarantäne, aber wenigstens wären sie schon einmal hier und unter heimischer medizinischer Betreuung.
Nach dem Abschminken sehe ich im Spiegelbild nur noch hässliche Augenringe. Klar: zu wenig Schlaf. Wegen der Zeitverschiebung kann ich Philipp erst ab 23.00 Uhr sprechen. An manchen Abenden habe ich Glück und die Kinder schlafen schnell ein. Dann habe ich um diese Zeit schon den Haushalt erledigt und liege vielleicht um kurz vor elf im Bett – bis mich der Anrufton meines Smartphones weckt. Wenn ich dann gefragt werde, ob ich schon geschlafen habe, verneine ich meist, gestehe aber, müde zu sein. Klar, Philipp sitzt in einem Hotelzimmer fest, weit weg von zu Hause und ohne Plan, wie es weitergeht. Wer will in dieser Lage schon hören, dass die Ehefrau bereits im Land der Träume weilt? Wobei: »Land der Träume« ist übertrieben. Meine Schlafphasen sind extrem kurz. Ständig wache ich auf, weil ich Geräusche höre oder meine, welche zu hören. Oder weil ich glaube, die Kinder haben gerufen. Meist dauert es dann ewig, bis ich wieder einschlafen kann.
Heute sind die Kinder länger wachgeblieben und Staub gewischt ist auch noch nicht. Nach unserem Telefonat werde ich also noch den Putzlappen schwingen müssen.
Mein Smartphone klingelt.
»Hallo, mein Schatz, wie geht es dir und wie war euer Tag?«, fragt mein Mann. Er klingt gut gelaunt. Klar, bei Philipp ist es zehn Stunden später. Ich vermute, er hat gerade in seinem Hotelzimmer das Frühstück serviert bekommen und wird nach einem Instantkaffee, zubereitet mit dem Zimmerequipment, gestärkt sein. Dann kann man auch energisch und fast euphorisch klingen.
Ich fühle mich dagegen wie gerädert. In meinem Lieblingsschlafanzug, der vom vielen Tragen und Waschen nicht mehr vorzeigefähig ist und daher als »Krankenpyjama« bereits aussortiert war, liege ich auf dem Bett und führe die letzte Amtshandlung des Tages durch. Wir schalten die Videoübertragung ein.
Ich habe richtig gelegen. Philipp sitzt im Kurzarmpolo auf dem Zimmerbalkon und hält eine Espressotasse in der Hand. Vor ihm auf dem Tisch steht das mit Essensresten bedeckte Geschirr. Wegen der angeordneten Quarantäne im Hotel kann seine Urlaubsbräune nur vom Balkon kommen. Er lächelt in die Kamera und aufgrund seiner leuchtenden Augen muss ich annehmen, das Telefonat mit mir ist ein Ereignis, das ihm tatsächlich Freude macht. Wie ein kleiner Schuljunge, der endlich die ersehnte Fernsehsendung am Abend schauen darf, kommt er mir vor. Die Morgensonne hinter ihm scheint ironisch ins Bild und verströmt so etwas wie Urlaubsfeeling. Es scheint ein schöner, klarer Tag zu werden. Aber ich frage nicht danach. Er könnte die Sonne ohnehin nur vom Zimmerbalkon aus genießen, mit Blick auf die verlassenen Liegen am Hotelpool, ohne Badegäste und ohne Handtücher. Das muss auch beklemmend sein.
Obwohl ich mich so positionieren wollte, dass die Kamera nicht die Kampfspuren meines Alltags einfängt, muss Philipp die Wäscheberge auf seiner Bettseite gesehen haben.
»Bist du noch nicht fertig? Wir können auch später telefonieren.«
»Nein, nein, schon gut. Das hier mache ich morgen.« Ich versuche ein Lächeln.
»Du siehst müde aus. Geht es dir gut?«, probiert es Philipp noch einmal.
Ich nicke und muss schlucken. Er fehlt mir. Um mich abzulenken, beantworte ich seine Frage nach unserem Tag.
Er verlief wie üblich: Um halb sechs am Morgen beginne ich im Homeoffice. Im Normalfall schlafen die Kinder bis halb acht und ich nutze die Zeit, um einige E-Mails zu beantworten. Zum einen, weil es noch viele unbeantwortete Anfragen von den vorherigen Tagen gibt, zum anderen, um zu beweisen, dass meine Zeitangaben mit meiner Tätigkeit von zu Hause auch übereinstimmen. Ich habe noch die Worte meiner Kollegen im Ohr: »Geht es nicht anders als mit Homeoffice? Da wird doch nicht gearbeitet!« Ich war damals so entsetzt und gekränkt, dass mir keine passende Reaktion einfiel. Ich hatte mehr erwartet. Vor Corona war ich diejenige mit den meisten Überstunden auf dem Stundenkonto, und zwar innerhalb der gesamten Kanzlei. Zudem hatte ich beim ersten wie beim zweiten Kind direkt nach dem Mutterschutz wieder Vollzeit gearbeitet. Vor etwa einem Monat, als ich ins Homeoffice wechselte, gab es in unseren Nachbarländern noch Ausgangsperren, die nur das Gassigehen mit dem Hund für 100 Meter vor der eigenen Haustür erlaubten. Hierzulande schickten große Betriebe ihre Mitarbeiter freiwillig ins Homeoffice, um Infektionen zu vermeiden und eine komplette Lahmlegung des Betriebes zu verhindern. Und meine Kollegen hatten Bedenken, ich würde faulenzen? Wahrscheinlich steckte hinter ihrem Misstrauen vor allem die Angst, meine Arbeit auffangen zu müssen. Mein Chef hingegen, Begründer der kleinen Kanzlei, zeigte großes Verständnis. Ich solle meine Stunden aufschreiben und ins Zeiterfassungssystem einpflegen lassen. Damit war das Thema für ihn durch. Er ist verantwortlich für zehn Anwälte und vierzehn Fachangestellte. Ihn interessiert, dass der Laden läuft, und weniger, von wo aus. Diese Einstellung ist leider nicht selbstverständlich. Meinen Kollegen muss ich sagen: Nein, eine andere Möglichkeit gab und gibt es bis heute nicht. Kontaktverbote machen ein Babysitting unmöglich, Großeltern können nicht einspringen, da sie zu den Risikogruppen gehören, die vor einer Corona-Infektion in erster Linie geschützt werden sollen. Kita und Kindergarten sind geschlossen. Mein Mann sitzt im Ausland fest.
Seit fast vier Wochen erledige ich meinen Job von zu Hause aus und betreue meine Kinder – fünf und fast zwei Jahre alt – so »nebenbei«. Zum Glück machen sie noch Mittagschlaf, sodass ich im Idealfall drei meiner acht Arbeitsstunden mit schlafenden Kindern bewerkstelligen kann. Die übrigen fünf fühlen sich aber an wie zwölf. Ich komme mir vor, als wäre ich dreigeteilt: an Besprechungen über Handy und/oder Videokonferenz teilnehmen, Klagen schreiben, nebenher Beschäftigungen für die Kinder suchen und sie ihnen erklären oder vormachen, Kinderfragen beantworten, Kindergeschrei beenden, Kindertränen trocknen, Kinder trösten, Essen machen und nebenher noch Wäsche waschen. Ich sage bewusst nicht »Haushalt führen«, denn das musste ich mittlerweile aufgeben. Ich habe mir auch abgewöhnt, einen vollen Tag erreichbar zu sein und das Diensthandy mit mir herumzuschleppen. Sind meine acht Arbeitsstunden vorbei, logge ich mich aus der Berufswelt aus. Das ständige Auf-Standby-Halten für Mandaten, deren Tag erst um 9.00 Uhr beginnt und die eventuell um 18.00 Uhr noch eine dringende Frage haben, kann ich entgegen aller Gewohnheiten nicht mehr erfüllen. Wenn ich jetzt zwischen 15.00 und 16.00 Uhr Handy und Büro-Laptop abschalte, sind meine Kinder dran. Die haben bis dahin schon genug zurückgesteckt, ferngesehen, auf Mama gewartet (»Mama, wann spielst du mit uns?«) und sich unzählige Abfuhren abgeholt (»Wenn ihr mich jetzt nicht dieses Gespräch in Ruhe führen lasst, gibt es heute Abend keine Gute-Nacht-Geschichte!«). Ein weiteres Vertrösten kann und will ich nicht von ihnen fordern. Vorzuwerfen ist ihnen nichts. Sie kennen diesen Tagesablauf nicht.
Früher wurde bei uns kaum ferngesehen. Nach dem Kindergarten und ihren Nachmittagshobbys gab es nur eins: Kinderspielzeit mit Mama bis zum Abendessen. Anders hätte ich meine Vollzeittätigkeit als Mutter nicht vertreten können. Das ist ihnen jetzt genommen. Mama ist zwar da, aber sie arbeitet tagsüber. Und ich fühle mich jeden Abend schlecht.
Vor Corona hatte ich mich viel mit Kindererziehung beschäftigt. Und ich hatte mich auf einem guten Weg gefühlt. Klar, es gab vieles, was ich besser machen wollte, trotz oder gerade wegen der wenigen Zeit, die wir tagtäglich miteinander hatten. Aber dass ich jetzt so viel Rücksichtnahme von ihnen verlangen muss, ist nicht kindgerecht.
Philipp sagt mir in unseren abendlichen Gesprächen immer, ich solle mir keinen Kopf machen, die Kinder würden mir die Situation nicht übel nehmen. Aber er weiß auch nicht alles. Ich schwäche ihm gegenüber die Darstellungen ab, wenn ich von unserem Tag erzähle. Ich sage ihm, ich verlöre oft die Geduld oder müsse die Kinder während einer beruflichen Telko anraunzen, sie sollten nun endlich ruhig sein. In Wahrheit bin ich dann so genervt, dass ich meinen Lautsprecher stumm schalte, die Kinder nach nebenan bringe und sie anschreie, ich bräuchte dreißig Minuten Ruhe und der Große solle sich gefälligst um die Kleine kümmern, bis ich fertig bin. Es hilft dann auch nicht, dass ich in der Regel heulend mit den Kindern kuschele, sobald das Gespräch mit den Mandanten beendet ist. Ich entschuldige mich bei ihnen, gelobe Besserung und versuche zu erklären, warum es gerade oft so ist, dass ich nicht gestört werden kann. Es verkrampft mir das Herz, wenn mein Großer dann meint: »Mama, weine doch nicht, es ist doch nichts passiert.« Denn es ist sehr wohl etwas passiert und ich fühle mich schlecht!
Heute hatte ich zum Glück nur zwei kleine Besprechungen und die Kinder waren relativ ruhig. Sie haben neben mir gemalt und gepuzzelt. Dass es sich um zwei neue Puzzles handelte, habe ich Philipp nicht gesagt. Meine Ausgaben für Kinderspielzeug sind in den letzten Wochen explosionsartig gewachsen. Der entsprechende Versandhändler müsste eigentlich demnächst eine Prämie ausgeben!
Anfangs hatte ich Philipp in meinen Plan eingeweiht: »Ich brauche Neues, Spannendes für die Kinder, etwas zum Ausprobieren und zur Beschäftigung.«
»Sie haben doch so viele Spielsachen!«, hatte Philipp entgegnet. »Und wer weiß, welche Kosten hier noch auf mich zukommen.« Inzwischen ist er bereits einmal »umgezogen«, von dem ursprünglichen Nobelhotel in ein angeblich kleineres, das bereit war, die gestrandeten Ausländer aufzunehmen. »Es ist nun etwas entspannter«, hatte er damals im Hinblick auf die Finanzen gemeint. Genaueres wollte ich nicht wissen. Denn zu dieser Zeit kursierten Gerüchte über Rücktransportmöglichkeiten für 15.000 Euro pro Person. Es war diesbezüglich aber bei Gerüchten geblieben.
Da die Läden hierzulande geschlossen sind (bis auf Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte, Tankstellen und Apotheken) bestelle ich Spielsachen online. Und wenn schon ein Paket für mich auf die Reise geht, dann ordere ich nicht nur zwei Malbücher. Mittlerweile habe ich mir einen ordentlichen Vorrat angeschafft. Immer wenn die Kinder den Höhepunkt ihrer Quengeligkeit erreicht haben, übergebe ich ihnen eine Kleinigkeit aus meinem Spielzeug-Depot. Zuvor lasse ich mir jedoch das Versprechen geben, dass ich dafür die nächsten dreißig Minuten bitte nicht gestört werden will. Erziehungstechnisch überhaupt nicht mein Stil, aber aus der Not geboren. Neue Stifte, Malbücher, Puzzles, Hörspiele, kleine Plastikspielfiguren oder Bausteine sind für eine gewisse Zeit ganz interessant. Leider verliert sich der Reiz auch bei absolut nicht verwöhnten und grundsätzlich anspruchslosen Kindern nach drei Wochen allmählich. Und wenn ich mein monatliches Gehalt nicht komplett aufbrauchen will, muss ich mir bald eine andere Strategie überlegen.
»Heute war es ganz gut!«, fasse ich für Philipp meinen Tag zusammen. »Nach meiner Arbeit konnten wir bei schönem Wetter eine Runde spazieren gehen.« Das ist ein großes Glück, denke ich jedes Mal, wenn ich die Chance habe, die Kinder nach dem Ausloggen am PC zu schnappen und mit ihnen nach draußen zu gehen. Ich kann runterkommen und die Kinder kommen an die frische Luft (was sicher für ihr Immunsystem gut ist) und powern sich etwas aus. Leider können wir nicht auf den Spielplatz gehen, denn die sind alle wegen der Ansteckungsgefahr gesperrt.
Derzeit ist kein Spaziergang gänzlich entspannt. Ich halte sprichwörtlich die Luft an, wenn mir andere Leute auf dem Radweg entgegenkommen und der angeordnete Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Dennoch bin ich einfach dankbar, dass es uns nicht so geht wie unseren Nachbarn hinter der Landesgrenze, denen Spaziergänge verboten worden sind. Steht uns das auch noch bevor? Meine Freundin wohnt mit ihren beiden Kindern mitten in einer Großstadt und ich beneide sie nicht. Bei geschlossenen Spielplätzen fehlt ihr schlicht die Möglichkeit, kindgerecht »kurz« vor die Tür zu gehen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie oder die Kinder sich anstecken.
»Spazieren gehen klingt gut«, meint Philipp und mir wird bewusst, dass auch er sich wie ein Gefangener fühlen muss.
Ich wechsle schnell das Thema: »Finn malt sehr viel. Ich muss mir zwar immer etwas einfallen lassen, was er malen könnte, aber es macht ihm Freude. Aus Spaß haben wir begonnen, Additionen zu üben. Er will teilweise gar nicht mehr aufhören zu rechnen!«
Philipp strahlt sichtlich gerührt. Ich bin mir nicht sicher, ob er gegen seine Emotionen ankämpfen muss. Jedenfalls schluckt er.
»Er ist ein kluger Junge«, meint er und seine Stimme ist voller Stolz.
»Ich hoffe, die Kinder verpassen ohne Kita und Kindergarten nicht allzu viel«, versuche ich zum Sachlichen zurückzukommen.
»Wir haben ja keine Schulkinder, da ist es nicht so schlimm«, ist Philipps Einschätzung.
»Ja, aber ich denke auch an ihre sozialen Kontakte. Beide sind es gewohnt, von Gleichaltrigen umgeben zu sein, seit sie elf Monate alt sind. Und jetzt haben sie schon über drei Wochen lang nur sich. Henriette profitiert zwar enorm von ihrem großen Bruder, aber er muss immer nur Rücksicht nehmen«, erkläre ich meinem Mann meine Bedenken.
Henriette hat in den letzten Wochen so viele neue Worte gelernt wie nie zuvor. Wir hatten schon Sorge, dass sie sich mit dem Sprechen zu viel Zeit lassen würde. Die enormen Entwicklungsschritte bei unserer Tochter habe ich, wie auch bei meinem Sohn, sorgfältig in einem Kindertagebuch festgehalten. Philipp habe ich bruchstückhaft von ihren Fortschritten berichtet. Ich wollte ihm nichts vorenthalten. Gerade was seine Prinzessin angeht, belastet es ihn sicherlich, dass er ihr Fortkommen momentan verpasst.
»Das stecken sie schon weg«, versucht Philipp zu beruhigen.
Einerseits will ich beruhigt sein, andererseits kann ich nicht ganz glauben, dass er recht hat. Ich hoffe es aber.
»Wie war es bei dir?«, wechsle ich das Thema und unterdrücke ein Gähnen. Plötzliche Müdigkeit überkommt mich. Ich konzentriere mich auf Philipps Schilderung: Er erzählt vom Reinigungsservice und von dem Essen, das man ihm dreimal täglich aufs Zimmer bringt. Ich nehme noch wahr, dass irgendein älteres Ehepaar unter den Notgästen im Hotel ziemlich Stunk gemacht hätte, weil sie zwischendurch auf eine Flasche Wein bestanden hatten, die ihnen scheinbar erst verweigert wurde. Meine Gedanken kreisen gerade um die Frage, wie ich eigentlich mit drei Mahlzeiten ohne schokohaltige Zwischensnacks überleben würde. Denn Philipp hatte schon mehrfach mitgeteilt, dass bestellte Besorgungen nicht durchgeführt wurden und seine Hotelbar nicht aufgefüllt wurde.
»Weißt du, was das Beste ist?«
Ich erschrecke fast bei der Frage, weil ich gedanklich noch bei den Bergen von Schokolade hänge, die ich über den Tag verteilt momentan verdrücke.
»Meine VPN-Verbindung ins Büro blieb gestern den ganzen Tag stehen. Keine Störung, keine Unterbrechung, ich konnte endlich mal richtig gut arbeiten. Ich hoffe, das läuft heute genauso.«
»Zum Glück habt ihr schon vor einiger Zeit begonnen, auf einen papierlosen Schreibtisch umzustellen und alles digital zu bearbeiten«, werfe ich ein.
Es hatte Wochen gebraucht, um den Büro-PC durch den Zoll und ins Hotelzimmer meines Mannes zu bekommen und ihn dort mit dem System in seinem Büro zum Laufen zu bringen. Die letzten Tage hatte es immer wieder Aussetzer und Unterbrechungen gegeben, die das Arbeiten unmöglich machten. Wenn auch die remote zugeschalteten IT-Experten keine Erklärung für derartige Störungen haben, kann einen das ziemlich verzweifeln lassen. Zumal die Arbeitsbedingungen im Home- oder Hoteloffice eh schon beschränkt sind: Philipp hat nur einen kleinen runden Tisch auf dem Zimmer, die Klimaanlage surrt, sobald sie angeschaltet ist – ohne würde die Zimmertemperatur schnell auf über 25 Grad klettern. Gespräche oder auch Streitereien aus dem Nachbarzimmer sind oft besser zu verstehen als die Gesprächspartner am Handy.
Philipp erzählt wenig von den Umständen vor Ort. Und er berichtet kaum von der Belastung, die eine Quarantäne offensichtlich mit sich bringt. Es wundert mich wenig, denn er hat sich noch nie groß beklagt. Es muss schon einiges im Argen liegen, bis er seinen Unmut auch nur mir gegenüber äußert. In einem Café würde er sich wohl erst nach stundenlangem Warten bei der Bedienung bemerkbar machen, wenn um ihn herum alle Gäste nicht nur bestellt, sondern auch gegessen und schon gezahlt hätten. Wäre ich auf 20 Quadratmetern eingeschlossen, würde ich sicher innerhalb von zwölf Stunden einen Nervenzusammenbruch erleiden.
Philipp sucht in solchen Situationen das Positive. So könne man ohne große Ablenkung viel wegschaffen, was in den ersten Wochen liegengeblieben sei, meint er. Er bearbeitet Versicherungsmeldungen an seinen Arbeitgeber, diktiert und weist die Kollegen ein, wenn persönliche Gespräche mit den Versicherungsnehmern nötig sind. Diese kann er, wegen der Zeitverschiebung, nicht selbst führen, aber seine Kollegen unterstützen ihn aus der Ferne.
Für seinen Zweitjob an der Abendschule (zweiter Bildungsweg) überarbeitet er bis spät in die Nacht Schulungsunterlagen. Aber werden die Kurse, die er vor dem Lockdown gehalten hat, überhaupt wieder in gewohnter Form stattfinden können? Und wenn ja, wann?
Der Zimmerservice bringt ihm dreimal täglich Essen und Trinken und putzt einmal täglich das Zimmer. Ablenken kann er sich nur mit dem Fernsehprogramm. Spazierengehen ist ihm – im Gegensatz zu uns – nicht erlaubt. Ich würde mich schon nach zwei Tagen fett und eingerostet fühlen. Nicht, dass ich eine durchtrainierte Sportskanone wäre, aber derartige Beschränkungen des Bewegungsapparates müssen doch an die Substanz gehen. Philipp macht täglich Workout auf dem Zimmer. Neuerdings ruft ein Fitnesstrainer des Hotels zu Mitmachgymnastik im Hof auf. Die Übungen seien einfach, meint Philipp, schwitzen sei nicht nötig, aber viele Leidensgenossen würden vom Balkon aus den Anweisungen des »Nicht-Gefangenen« folgen. Auch Philipp hat schon ein paar Mal mitgemacht, weniger weil er den jungen, braungebrannten Bodybuilder so überzeugend fände, sondern eher gezwungenermaßen. Während der dreißigminütigen Bewegungseinheit dringen die armeeartigen Befehle und die Musik derart laut in sein Zimmer, dass sie die Tonübertragung aus dem Büro übertönten. Alternativen seien somit deutlich anstrengender als Mitmachen.
Im Vergleich mit Philipps Situation dürfen wir uns nicht beschweren. Bei uns bestehen zwar Kontaktverbote zu allen Personen außerhalb des eigenen Haushalts, aber Spaziergänge und Sport im Freien sind erlaubt, solange man Abstand hält. Gehe ich mit den Kindern eine Runde um unseren Block, suche ich mir Zeitfenster, in denen ich mit wenigen Mitbenutzern der Gehwege rechne. Mundschutzpflicht besteht im Freien nicht. Ich hätte auch Zweifel daran, ob meine Kinder – bei aller Einsicht für Abstandsregeln und Verzicht auf soziale Kontakte – das ständig verrutschende Stück Stoff im Gesicht akzeptieren würden, da es die Atmung erschwert und die Ohren abknickt.
»Die meisten Anfragen sind zur Betriebsunterbrechungsversicherung«, holt mich Philipp wieder zurück in die Realität. »Morgen gibt es bereits einen Termin, zu dem ich einen Kollegen schicken werde!«
»Konntest du ihn denn aus der Ferne ausreichend informieren?«, frage ich nach.
Für den Kollegen bietet sich damit die Möglichkeit nach etwas Normalität außerhalb des Homeoffice-Alltags. Eigentlich hätte Philipp in den Genuss kommen sollen, denn Abwechslung täte ihm auch ganz gut. Ich versuche mir einzureden, dass er so zumindest kein Ansteckungsrisiko eingehen muss.
Philipp fasst mir die Vorbereitung mit dem Kollegen zusammen, und ich bemerke, wie meine Gedanken abschweifen: Was steht bei mir morgen an? Drei Besprechungstermine! Welche Beschäftigungsmöglichkeit kann ich den Kindern für diese Zeit anbieten?
»… Julia?«
Ich versuche zu überspielen, dass ich nicht richtig zugehört habe: »Mir fällt gerade ein: Meine Nähmaschine ist heute geliefert worden.«
»Du hast jetzt nicht wirklich das Ding bestellt, nur um Mund-Nasen-Schutzmasken zu nähen? Du weißt doch nicht mal, wie man einen Faden einspannt. Warum willst du dir das aufhalsen?« Philipp klingt besorgt.
Ich versuche es locker: »Das Gerät hat eine Gebrauchsanleitung und ich kann lesen!«
»Ich finde es ja löblich, dass du dich am Maskenspenden beteiligen willst«, meint Philipp beschwichtigend. »Aber wann willst du denn noch nähen?«
»Jetzt lass es mich doch erst einmal ausprobieren. Immerhin bin ich ja keine Verpflichtung eingegangen, tausend Masken zu liefern! Ich hatte einfach das Bedürfnis, ein wenig zur Bewältigung der Krise beizutragen. Was kann ich anderes mit zwei Kindern neben dem Homeoffice machen, als vielleicht hin und wieder eine Maske zu nähen? In der Zeit sehe ich schon weniger Horrorbilder in den Nachrichten – sie berichten hier täglich von Massengräbern, überfüllten Krankenhäusern und übermüdetem Pflegepersonal. Sinnfreie Fernsehserien wären erst recht Zeitvergeudung!«
Schon während meiner Rechtfertigung beschleicht mich der Gedanke, dass mein Vorhaben vielleicht doch zu groß ist in Anbetracht meiner zeitlichen Kapazitäten. So versuche ich mir einzureden, dass die Nähmaschine ein Schnäppchen war und schließlich auch für andere Einsätze Verwendung finden könnte – mit zwei kleinen Kindern. Geritten hatte mich aber das Gefühl, der Gesellschaft einen Beitrag schuldig zu sein: Schließlich habe ich keine medizinische Ausbildung, die mich befähigen würde, an der Front Menschenleiden zu lindern. Ich habe auch nicht die Zeit für Freiwilligendienst in den neu errichteten »Drive-in-Testzentren«, die wie Musikfestivalzelte aufgestellt wurden. Ich kann weder Pizzas für Krankenhäuser backen noch Toilettenpapier spenden (wir haben selbst nur eine halbe Großpackung im Vorrat, und dank der Hamsterkäufe nach Verhängung des Lockdowns ist noch keine Entspannung in den Regalen erkennbar). Mundschutz in den Läden war zu Beginn der Pandemie Mangelware. Mittlerweile kann man gar keinen mehr kaufen. Selbst die Regale mit den Gummibändern zum Selber-Nähen sind des Öfteren leer.
»Aber vielleicht sollten wir für heute Schluss machen, Philipp, ich bin schrecklich müde und mein Tag beginnt gleich wieder!«
Wir verabschieden uns. Mein »Hab dich lieb« bleibt mir fast im Halse stecken. »Pass auf euch auf«, höre ich noch von ihm, dann muss ich ihn wegdrücken.
Zur Ablenkung rufe ich die aktuellen Infektionszahlen des zuständigen Instituts auf: Seit heute Morgen keine großen Veränderungen. 1.775 Neuinfektionen im Land. International sieht es zumeist schlechter aus. Bei Philipp sind die Neuansteckungen wenigstens nur im zweistelligen Bereich.
Angesichts dieser beunruhigenden Meldungen kann ich unsere persönliche Lage etwas relativieren. Ich schaffe es auch, meine Sehnsucht nach Philipps starker Schulter und seinen tröstenden Worten in den Hintergrund zu schieben.
Wo führt uns die Pandemie nur hin? Für Generationen, denen es bisher im Grundsatz gut ging, eine ungewöhnliche Frage. Klar, Krankheiten gab es vorher auch schon. Von anderen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder dem Verlust des Ersparten während der Finanzkrise 2008/2009 ganz zu schweigen – die Auswirkungen machten sich auch in unserem Umfeld bemerkbar. Aber die momentane Situation wird oft mit einem Kriegszustand verglichen. So kann ich nicht anders, als die Pandemie ebenfalls mit etwas bedrohlich Wachsendem, beinahe Außerirdischem gleichzusetzen. Die Wucht und Aufprallmacht, mit der sie unsere Gesellschaft trifft, scheint für niemanden messbar und abschätzbar.
Fast dankbar bin ich, als wenig später Henriette aufwacht und weinend nach mir ruft. Nachdem ich sie beruhigt habe, befreie ich Philipps Bettseite von Wäschebergen. Dann lege ich meine Tochter in ihrem Schlafsack ins Ehebett und kuschele mich eng an sie. Sie schnappt sich meine Hand und hält sie fest. Schnell schläft sie ein. Ihr ruhiger Atem und das regelmäßige schmatzende Geräusch vom Nuckeln an ihrem rosa Schnuller beruhigen mich. Ich fühle mich getröstet und geerdet zugleich: Hauptsache, den Kindern geht es gut! Nur diesem kleinen unschuldigen Wesen lauschen, wie es im Dunkeln schläft und nichts zu brauchen scheint als meine Hand – das tut gut!
Schon am nächsten Morgen vermisse ich dieses Gefühl. Um 4.30 Uhr stehe ich auf und ziehe mich an. Bluse und Stoffhose ist mein aktueller Kompromiss zwischen Business-dress und Alltagskleidung. Während ich die Cornflakes für Finn und den Brei für Henriette zubereite, drücke ich mir nebenbei mein Müsli viel zu hastig rein. So früh habe ich zwar keinen Hunger, aber was ich hab, hab ich – wer weiß, wie chaotisch der Tag heute läuft und wann wieder Zeit zum Essen ist.
Henriette lässt einen ohrenbetäubenden Schrei aus meinem Schlafzimmer verlauten und ich lasse fast die geblümte Müslischale fallen. Hastig sprinte ich ins erste OG – teils aus Angst, das Töchterchen könnte aus dem Bett gerollt sein, obwohl ich die Bettkanten vorsorglich mit Decken- und Kissenbarrieren versehen hatte, teils aus Sorge, dass von dem Gebrüll auch mein Sohn wach wird und beschließen könnte, heute mal früher als geschickt fit und wach zu sein.
Zur Beruhigung nehme ich Henriette auf den Arm und spreche ihr sanft zu: »Alles gut. Mama ist da, du kannst weiterschlafen!« Aber das beeindruckt sie nicht und sie schläft auch nicht wieder ein. Erst versuche ich es mit Schaukeln auf dem Arm, dann lege ich mich noch mal neben sie. Schon zwölf Minuten hinter dem Zeitplan! Sie weint weiter, etwas leiser, aber nicht annähernd versöhnlicher. Ich versuche es mit einem Schlaflied. Da sie lauter wird, stelle ich das Singen schnell wieder ein. Vierzehn Minuten nach Plan. Trinken will sie auch beim zweiten Versuch nicht. Schnulli abwaschen, bringt nichts. Den Schlafsack ausziehen darf ich nicht, dann wird das Schreien sofort wieder lauter! Siebzehn Minuten: Eigentlich müsste das Obst als Zwischenmahlzeit für die Kinder schon geputzt sein. Und auf dem Essensplan für heute stehen Bratkartoffeln mit Spiegelei und Spinat, so dass ich schon die Kartoffeln hätte vorkochen wollen …
Ich gebe auf: »Also, Schatz, dann gehen wir zusammen in die Küche, ja?«
Sofort ist meine Tochter ruhig. Keine Krokodilstränen fließen mehr aus ihren Augen.
Mit einem Kleinkind auf dem Arm kann ich den morgendlichen Verzug nicht aufholen. O.k., es gibt heute zu Mittag Pizza, beschließe ich, wie vorgestern auch schon! Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die Ernährung meiner Kinder derzeit nicht annähernd ausgewogen ist. Behutsam setze ich Henriette, aus Angst vor einer erneuten Schreiattacke, auf den Küchentisch und drücke ihr eine für später bereitgelegte Traube zum Knabbern in die Hand. Der Plan geht auf: Sie quiekt sogar versöhnlich »Mal, mal!«. Auch ihre kleinen ausgetreckten Händchen verlangen »noch mal« Obst. Mir steigen unweigerlich Tränen in die Augen! Vielleicht war das Theater nur ein Ruf nach Nahrung?!
Was bin ich für eine Mutter, wenn ich das nicht merke? So groß kann der Stress doch gar nicht sein, dass ich auf die Grundbedürfnisse meiner Kinder nicht mehr reagiere?! In ihren Kauzeiten zwischen den einzelnen Trauben drücke ich sie und lasse Vorbereitung Vorbereitung sein.
Henriette lässt sich nach dem Imbiss noch mal hinlegen und döst vor sich hin. Meine erste Besprechung mit einem Mandanten beginnt um halb acht.
Noch während des Gesprächs werden beide Kinder wach und verlangen nach Frühstück. Ich habe mir angewöhnt, ihnen ihr Müsli auf einem kleinen Kindertisch neben meinem Schreibtisch zu servieren – dann kann ich Multitasking üben: Besprechung und nebenher die Kinder beim Essen beaufsichtigen, damit sie mir das Frühstück nicht auf dem Boden verteilen oder mit den Händen essen, was wir auch schon hatten (und was mit einem riesen Gebrüll endete: »Wie könnt ihr mir so viel Arbeit machen?!« Natürlich können sie das, es wird gerade sehr viel von ihnen verlangt …)
An diesem Morgen hat mein Gesprächspartner viel Verständnis, sodass ich zwischendrin auch aufstehen und Milch nachschenken kann. Gegenüber von meinem »Büro« liegt eines der Kinderzimmer, in das die beiden nach dem Frühstück zum Duplo-Bauen und Puppen-Füttern verschwinden. Wenn ich über die Schulter schaue, habe ich sie grob im Blick und kann beobachten, dass sie im Grundsatz schön zusammen spielen. Natürlich gibt es auch mal Zank und Streit. Und dann ist es egal, ob Mama gerade mit dem Geschäftsführer eines Mandanten telefoniert. Ich muss sofort Trost spenden! Ist ja auch klar: Mama ist nebenan, warum sollte sie da nicht helfen, trösten, angeschlagene Knie pusten oder mitspielen! Dennoch frage ich mich täglich, wie es Familien mit Einzelkindern schaffen, von zu Hause aus zu arbeiten und ihr Kind zu unterhalten.
Unsere Abkömmlinge sind eine Ganztagesbetreuung gewohnt. Kita und Kindergarten boten ihnen seither ein vielseitiges Programm: gemeinsames Basteln, Singen, Tanzen, Puppentheater, Spazieren und begleitetes Spielen. Mein Eindruck ist, dass die Kinder dies bereits im Alter von ein oder zwei Jahren vermissen. Es heißt doch immer, geregelte Abläufe und Rituale seien für Kinder wichtig. Wir haben zu Hause zwar auch unseren Rhythmus, aber der ist nun mal nicht kindgerecht auf Beschäftigung und Förderung ausgerichtet, sondern in erster Linie darauf, dass Mama ihre Arbeit schafft und die Kinder mit dem Wesentlichen versorgt sind.
Kurz vor dem Mittagessen liegt meist eine anstrengende Phase. Da reichen sich die beiden gegenseitig nicht mehr aus: Henriette hat ihr erstes Müdigkeitstief und dem Großen wird langweilig. Ungeschickterweise läuft heute um diese Zeit noch eine Konferenz: Ich bin für meinen Mandanten, einen Großhändler im Lebensmittelbereich, tätig, um einen Rahmenvertrag mit seinem Zulieferer zu erstellen. Es geht um die Sicherung der Belieferung gerade in ressourcenknappen Zeiten. Während der Krise erscheinen internationale Abhängigkeiten nachteilig. Der Lieferant produziert in einem von Corona stark betroffenen Nachbarland. Dort wurden vor zwei Wochen alle Unternehmen zwangsgeschlossen: harter Lockdown. Das zuliefernde Unternehmen hat, als eines von wenigen, nach langen Diskussionen mit den lokalen Behörden den Status »systemrelevant« erhalten und darf unter Auflagen weiter produzieren. Für wen, liegt jetzt am Verhandlungsgeschick des Lieferanten. Er könnte durch das Virus plötzlich zu einer Art Monopolist werden.
Kurz bevor wir uns in dem Gespräch eine Mindestliefermenge sichern können, halten es die Kinder nicht mehr aus.
»Mama, wann bist du fertig?«, will Finn nun zum dritten Mal wissen.
»Mama, Arm!«, verlangt Henriette zeitgleich und zieht an meiner Bluse.
Ich versuche es mit einer Ablenkung: »Noch ein paar Minuten, Kinder! Bitte malt noch etwas, ihr dürft euch auch an euren kleinen Tisch hier neben mir setzen, wenn ihr schön LEISE seid!«
»Mama, ARM!«, meine Tochter wird lauter.
»Ich will aber nicht malen. Ich will, dass du mit mir mit dem Parkhaus spielst!«, fordert Finn.
»Jetzt nicht!«, zische ich ungeduldig und mittlerweile ist es mir egal, dass meine Gesprächspartner das Spektakel mit anhören. Ich nutze die beleidigte Stille und wende mich wieder dem Geschäftlichen zu: »Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung!«
»Kennen wir doch alle«, meint der Lieferant, zieht aber offensichtlich genervt die Augenbrauen hoch. Er will schnell mit dem letzten Punkt durchkommen. »Also, wenn wir dann weitermachen könnten …«, drückt er auf die Tube.
Ein klapperndes Rauschen von ausgeschütteten Duplo-Bausteinen lässt mich herumfahren. Finn steht auf dem kleinen Tischchen neben meinem Arbeitsplatz. Mit ausgestreckten Armen hält er den umgedrehten Karton über seinem Kopf, als wollte er den Höhenunterschied vom Boden nutzen, damit die Bauklötze beim Ausleeren noch lauter sind. Er schaut mich trotzig an, ich verliere endgültig die Nerven. Kamera und Ton der Übertragung in die Kanzlei schalte ich ab.
Kochend vor Wut springe ich von meinem Homeoffice-Platz auf und kann mich gerade noch beherrschen, nicht loszubrüllen. Ich packe den laut protestierenden Finn, trage ihn mit Schwung über den Flur ins Kinderzimmer nebenan, stelle ihn unsanft auf den Boden und drohe mit erhobenem Finger ziemlich nah vor seinem Gesicht: »Wenn du nicht sofort leise bist, spiele ich nie mehr mit dir!«
Pädagogisch eine Sechs minus, mindestens. Ist mir total klar. Aber in diesem Moment habe ich keine Zeit, meinen Impuls abzuwägen und ihn gegen ein vertretbares oder gar richtiges Verhalten zu tauschen. Ich schwitze, ich ärgere mich – über mich am meisten – und ich will jetzt diese Lieferzusage und dann eine Pause.
Henriette weint noch immer, als ich mich an meinen Platz zurücksetze. Ich nehme sie auf den Schoß – jetzt ist es eh egal. Die Kamera lasse ich aus, dann brauche ich nichts an meinem genervten Gesichtsausdruck zu ändern. Per Lautsprecher melde ich mich zurück in die Sitzung. Es kostet mich einige Anstrengung, meine Konzentration wieder auf das geschäftliche Geschehen zu lenken. Henriette fängt an, auf der Tastatur zu spielen. Meine Versuche, ihr stattdessen ein Buch spannend zu machen, scheitern. Auch malen will sie nicht. Mittlerweile weist das von mir verfasste Gesprächsprotokoll auf dem Bildschirm geheimnisvoll scheinende Codierungen auf: »idjwlwigks34«. Hatte ich gespeichert?!
Während meine Gesprächspartner über die Laufzeit der Vereinbarung diskutieren, erscheint Finn mit verweinten Augen und zerknirschtem Gesicht in der Tür: »Tut mir leid! Ich wollte doch nur spielen!«
Mir steigen die Tränen in die Augen (zum Glück ist die Kamera aus). Er hat recht. Immer müssen die Kinder Rücksicht nehmen, dabei machen sie generell so gut mit. Duplo-Steine sind beim Ausschütten nun mal laut, da kann ich Finn keinen Vorwurf machen. Mit fünf Jahren muss er den Geräuschpegel nicht abschätzen können oder gar die Frage berücksichtigen, ob sein Spiel irgendjemanden stört. Er verletzt damit niemanden! Ich will nicht immer zu Lasten der Kinder aus der Haut fahren.
Ich winke Finn zu mir, drücke ihn und ziehe ihn auch auf meinen Schoß. Jetzt dürfen beide Kinder meine Tastatur bearbeiten. Wir bekommen es tatsächlich noch hin: Mindestmengen und Laufzeit werden zu Gunsten meines Mandanten zugesagt, und ich kann die Geheimcodes aus meinem Protokoll eliminieren. Nach Verabschiedung meiner Gesprächspartner leite ich die Mittagspause ein.
