Mängelwesen auf dem Mount Improbable - Jonas Grutzpalk - E-Book

Mängelwesen auf dem Mount Improbable E-Book

Jonas Grutzpalk

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Beschreibung

Als ich zum Professor für Soziologie berufen wurde, beschlich mich schon bald eine fundamentale Sorge: ob ich ehrlich und mit gutem Gewissen Soziologie lehren könnte. Ich kam mir vor, wie ein Theologe, der nach langem Studium nun endlich seine ersehnte Pfarrstelle antritt und plötzlich feststellt, dass er an der Existenz Gottes zweifelt. Denn: Kann ich als Soziologe guten Gewissens behaupten, die Mängelwesen-Anthropologie sei „Fakt“? Weiß die Broken-Windows-Theorie eigentlich, was sie aussagen will? Warum geht die Soziologie mit Parsons davon aus, dass soziales Handeln in erster Linie rational gesteuert wird? Und was genau meinen Soziologen eigentlich, wenn sie „Gesellschaft“ sagen?

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Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Mängelwesen from outer space. Gedanken zur soziologischen Anthropologie

Der Homo Sociologicus: "Übertierisch" und "mangelhaft"

"Natürlich" vs. "sozial"

Von der Zwickmühle ins Netzwerk

Konversion: Vom Mängelwesen zum nachahmenden Netzwerkwesen

Literatur

Empörung und Integration. Peter Sloterdijk als Soziologe

Wie entstehen soziale Innenräume?

Was hält Massengesellschaften zusammen?

Autosuggestiver Stress?

Integration durch Empörung?

Empört Euch!

Soweit ich die Akteurs-Netzwerk-Theorie (ANT) verstanden habe

Literatur:

Nachahmung. Zur Aktualität der Soziologie Gabriel Tardes

Noch einmal von vorne: was ist Gesellschaft?

Nachahmung im anthropologischen Vergleich

Nachahmung führt über den "Wagenhebereffekt" zur Herausbildung von Kultur

Nachahmung führt aber auch zu Neid und Konflikten

Nachahmungswellen werden in der Kriminologie mit Epidemien verglichen

Fazit

Literatur:

„There is no such thing“ – Soziologie ohne Gesellschaft

1. Soziologie mit Gesellschaft

1.1. Die Entdeckung der Gesellschaft im „Durchschnitt einer großen Zahl“

1.2. Was ist Gesellschaft? Die Antwort einiger soziologischen Riesen

1.3. Soziologische Autopoiesis

2. Soziologie ohne Gesellschaft

2.1. Vom Einzelnen zum Ganzen und zurück

2.2. Selbstorganisation auf Trampelpfaden

2.3. Per Wagenheber auf den Mount Improbable

Ausblick: Soziologie ist auch ohne Gesellschaft möglich

Literatur:

Vorwort

Als ich im Winter 2009/2010 zum Professor berufen wurde, schienen alle meine Soziologen-Träume wahr geworden zu sein. Wesentlich Schöneres als Hochschullehrer zu werden hätte ich mir schon während meines Studiums nie vorstellen können. Und in der Tat ist der Beruf schön, anstrengend und erfüllend. Ich möchte auf keinen Fall tauschen.

Und doch beschlich mich schon bald nach meiner Berufung eine fundamentale Sorge: ob ich ehrlich und mit gutem Gewissen Soziologie unterrichten könnte. Diese Sorge speiste sich aus zwei Quellen: zum einen hatte ich bis dahin immer nur Spezialsoziologien (der Gewalt, des Rechtsextremismus, des Islamismus oder der Polizei) gelehrt und musste mir eingestehen, dass ich mir die Basisüberlegungen meines Faches erst noch einmal selbst aneignen musste.

Zum anderen sind meine Studenten Leute, die von den an der FHöV gelehrten Fächern erwarten, dass sie „Fakten“ liefern, an denen sie sich dann in ihrer Berufswelt als Polizei- oder Kommunalbeamte orientieren können. Aber kann ich guten Gewissens behaupten, die Mängelwesen-Anthropologie der deutschsprachigen Soziologie sei „Fakt“? Weiß die Broken-Windows-Theorie eigentlich was sie aussagen will? Die ihr zugrunden liegenden Experimente jedenfalls lassen zahlreiche Deutungen zu. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Handeln häufig nicht rational ist. Warum geht die Soziologie mit Parsons dann davon aus, dass soziales Handeln in erster Linie rational gesteuert werde? Und was genau meinen Soziologen eigentlich, wenn sie „Gesellschaft“ sagen?

Ich kam mir vor, wie ein Theologe, der nach langem Studium nun endlich seine ersehnte Pfarrstelle antritt und plötzlich feststellt, dass er an der Existenz Gottes zweifelt. Einem Kollegen, der sich über solche Gedanken wunderte habe ich einmal versucht, mein Problem wie folgt zu beschreiben: „Wir lehren Ansichten über das gesellschaftliche Leben, die beim Schein von Öllampen aufgezeichnet wurden.“ Damit wollte ich vermutlich genau das sagen, was der Buchtitel „Dead White Men“1 illustrieren möchte: dass wir lehrenden Soziologen im Grunde eine Art philosophische Weltsicht vortragen, die im 19. Jahrhundert in Europa entwickelt wurde, als sei sie „Fakt“.

In meiner Not habe ich die Flucht in die Philosophie angetreten. Peter Sloterdijk hat mich dabei besonders begleitet und ich habe viel von ihm gelesen. Philosophische Texte bieten eine Art Epoché, eine Entfremdung unter gleichzeitigem Verbleib. "Die Epoché entspricht hier der Einstellung des Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen" (Peter Sloterdijk). Ähnlich war es auch bei mir: ich bin über den philosophischen Markt geschlendert, ohne Philosoph zu sein – denn ich bin und bleibe Soziologe. Aber es hat mir gut getan, der soziologischen Autopoiesis zu entfliehen und noch einmal neu über Gesellschaft und ihre Wirkung nachzudenken.

Die Ideen begannen nun langsam zu sprudeln: was ich an der Soziologie auszusetzen habe, was Soziologen von Philosophen, Anthropologen und Netzwerkforschern lernen könnten, wie die Fragestellung einer anderen Soziologie lauten könnte. Ich habe versucht all diese Gedanken in einzigen Artikel zusammen zu fassen. Das aber wollte nicht gelingen. Ich hätte aus Erfahrung wissen müssen, dass große Würfe so gut wie nie gelingen und dass es meistens evolutionäre Schritte sind, die Entwicklungen ermöglichen.

Meiner Frau verdanke ich die entscheidende Idee in dieser Hinsicht. Sie riet mir dazu, einen Blog einzurichten, in dem ich in unregelmäßigen Abständen meine Überlegungen an die frische Luft setzen könnte. Das habe ich seit September 2011 auch getan. 2013 habe ich dann einen rein soziologischen Blog eingerichtet.

Der erste Beitrag war hier ein Artikel über das Menschenbild der Soziologie. Das nämlich hat mich von Anfang an provoziert. Zu behaupten, der Mensch sei ein „Mängelwesen“, das sich mit Hilfe sozialer Institutionen von seiner biologischen Umwelt abgrenzt schien mir nur spärlich verkleidete Metaphysik zu sein. Ich halte es aber für wissenschaftlich anständig und notwendig, sich möglichst eng an beobachtbaren empirischen Befunden zu orientieren und Deutungen oder gar Wertungen so lang wie möglich heraus zu zögern. So verstehe ich auch Max Webers Appell zur Werturteilsfreiheit. Er spricht ja nicht umsonst nicht von Objektivität, (die es gerade im sozialwissenschaftlichen Bereich nicht geben kann), sondern von dem Werturteil, dessen man sich enthalten muss, wenn man etwas über die Wirklichkeit herausbekommen möchte. Und mir schien die These vom Mängelwesen schon in ihrer Begrifflichkeit zu wertend zu sein, um eine werturteilsfreie Bewertung menschlichen Handelns möglich zu machen. Darüber hinaus lässt sie nur wenig Spielraum zwischen instinktivem und rationalem Handeln zu, was der Sache des Menschen ja auch nicht unbedingt gerecht wird.

Der zweite Artikel war eine Hommage an Peter Sloterdijks fast-soziologische Überlegungen zum Zusammenhalt großer Menscheneinheiten, die man auch „Gesellschaften“ nennt. Sloterdijk fasst diesen Begriff nur mit rhetorischen Handschuhen an und häufig setzt er ihn in Anführungszeichen. Ich finde nicht, dass Sloterdijk ein besseres Bild von der Gesellschaft zeichnet als die klassische Soziologie, aber ich fand den Gedanken verlockend, seine Idee von der selbsthypnotisierenden Kraft gesellschaftlicher Empörungen einmal ernst zu nehmen und soziologisch zu prüfen.

In zwei weiteren Artikeln habe ich mich mit zwei soziologischen Denkern auseinandergesetzt, die dem, was sich als klassische Soziologie durchgesetzt hat, skeptisch gegenüber geblieben sind. Das ist zum einen Bruno Latour, dessen Bemerkung, Soziologen stellten Gesellschaft gerne mit einer kürbisförmigen Handbewegung dar, mich sehr inspiriert hat. Gabriel Tarde ist wiederum ein Denker, an den ich für mich wichtige Leseerfahrungen anschließen konnte. So sind Micheal Tomasellos Beobachtung zum „Wagenhebereffekt“ und die Ergebnisse aktueller Netzwerkforschung recht einfach in das Theoriegebäude Tardes einzupflegen. Nun ist Eleganz kein Beweis für Wahrheit, aber es ist schon erfreulich für einen Wissenschaftler, wenn verschiedene Versatzstücke zusammen genommen Sinn ergeben und ein umfassendes Bild von Wirklichkeit liefern.

Mit dem letzten Artikel habe ich noch einmal den großen Wurf versucht: hier fasse ich meine Kritik an der Lehrbuch-Soziologie darin zusammen, dass ich ihr vorwerfe, allzu leichtfertig mit dem Begriff der „Gesellschaft“ umzuspringen. Zudem rege ich an, evolutionslogisch an das Phänomen Gesellschaft heranzugehen und sich ihre beobachtbaren Phänomene als Resultate langfristiger Entwicklungen zu erklären. Um diesen Gedanken zu illustrieren, arbeite ich in diesem Artikel mit der Metapher des Trampelpfades, der keine individuelle Entscheidung ist, aber auch kein „fait social“ im Durkheim’schen Sinne.

Nun veröffentliche ich meine Überlegungen aus mehreren Gründen in Buchform: zum einen schließt mein Blog-Anbieter im Dezember 2015 sein Angebot, zum anderen ist es vielleicht auch an der Zeit, die Phase des Zweifelns und Grübelns abzuschließen. Leider kann ich nicht behaupten, „fertig“ zu sein und z.B. eine zusammenhängende neue soziologische Theorie entwickelt zu haben.

Der Titel des Bandes erschließt sich bei der Lektüre des letzten Artikels „Soziologie ohne Gesellschaft“. Hier berufe ich mich auf Richard Dawkins und seine Illustration des Evolutionsgedankens: wenn man von unten einen auf den Gipfel eines Berges hinaufschaut, wirken die dort sichtbaren Phänomene wie von einem Gott dorthin gesetzt. Das Auge z.B. wirkt dermaßen komplex, dass man sich nicht vorstellen kann, wie es sich evolutionär entwickelt haben könnte. Doch schaut man von der anderen Seite, sieht man einen stetig meandernden Pfad, der erkennen lässt, dass es keines Gottes bedarf, um z.B. ein Auge zu entwickeln, sondern nur viel Zeit. Dawkins nennt diesen zu Illustrationszwecken erdachten Berg „Mount Improbable“.