Manifest stetiger Einbürgerung - Fritz Udo Krause - E-Book

Manifest stetiger Einbürgerung E-Book

Fritz Udo Krause

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Beschreibung

Gemeinwohl der Gemeinschaft ist interessiert, gebunden an kulturelle Ideen und ihre Zwecke. Es ist ein- und ausgrenzend aufs Eigene und auf Führung fixiert - ein täuschender Wortbegriff. Gemeinwohl der Gesellschaft ist freigeregelter Gemeinsinn von Verbundenheit und Getrenntheit - ein idealisierendes Begriffswort. Die Gesellschaft zivilisiert Diversität mit interesselosem Wohlwollen und mit pragmatischer Rationalität im Kompromiss. Der Kompromiss wird nicht zur Halbheit herabgesetzt, sondern als Tür demokratischen Denkens vergesellschaftet und zur Weiterverarbeitung angeboten.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Lars

Gemeinwohl der Gemeinschaft ist interessiert, gebunden an kulturelle Ideen und ihre Zwecke. Es ist ein- und ausgrenzend aufs Eigene und auf Führung fixiert - ein täuschender Wortbegriff.

Gemeinwohl der Gesellschaft ist freigeregelter Gemeinsinn von Verbundenheit und Getrenntheit - ein idealisierendes Begriffswort. Die Gesellschaft zivilisiert Diversität mit interesselosem Wohlwollen und mit pragmatischer Rationalität im Kompromiss. Der Kompromiss wird nicht zur Halbheit herabgesetzt, sondern als Tür demokratischen Denkens vergesellschaftet und zur Weiterverarbeitung angeboten.

Gesellschaft ist keine Form der Gemeinschaft.

Lesehinweis

kursiv Hervorhebung des Autors

„kursiv" Buchtitel und Zitate

„gerade" Aufmerksamkeitssteuerung

Lesestichworte

Langsamkeit der Bäume: symbiontisches Lesen.

Informationen: Expertokratien.

Richtigkeit und Irrtum: Metaphysik

Leibgedächtnis: fühlendes Begreifen, vernehmende Vernunft

Ereignis: Plan

Deformationen: politische Transformationen.

Zitiertes: Text, keine Autorenidentifikation.

Sprachliche Gebrauchsbedingung: synthetische Linguistik

Sprache: Norm, System, Mechanik

Grammatisches Genus: Zufälligkeit, (kein) Sexus

Inhalt

Prolog

Erster Leseakt

Pause

Zweiter Leseakt

Vorhang

Assemblage Literatur

Dank / Autor

Privattheater Niederbarkhausen Eingang 2021

Prolog

Der Körper wird Leib, wird Gedächtnis.

Aus der Kellertür (Cover-Foto, F. K.) wurden wir 1945 in Berlin Pankow von Soldaten herausgeholt. Ein zufälliger russischer Offizier rettete uns das Leben. Lebensbeleidigungen folgten einander. Immer wieder war ein Mensch unerwartet da, der fremd bleibend gerettet hat. So begann meine Achtung vor dem Zufall Mensch. Türen, unerwartetes Öffnen und Schließen, wurden Symbol für Zufall und Sinn. Diese persönlichen Erfahrungen führten dazu, zu beobachten, inwieweit Freiheit als regulierende Idee die soziale Wirklichkeit von Gemeinschaft und Gesellschaft trennt.

Das Gemeinwohl der Gemeinschaft bindet sich an Heils- und Sicherheitsversprechen, an wahrheitlich vereinigende Lebenssinnsetzung sowie an interessierten Altruismus.

Das Gemeinwohl der Gesellschaft ergibt sich aus einem Wohlgefallen an menschlicher Gleichheit, aus offener Lebenssinnsetzung, aus interesselosem Altruismus sowie aus einem Wohlwollen gegenüber dem Fremden. Stetige Rehabilitation zwischenmenschlicher Achtung ermöglicht die Einbürgerung aller in die Gesellschaft.

Niederbarkhausen, August 2021

Erster Leseakt

Eine Theorie der Gesellschaft konstruiert einen Kreis von Menschen, welche, wie in Gemeinschaft, auf friedliche Art nebeneinander leben und wohnen, aber nicht wesentlich verbunden, sondern wesentlich getrennt sind, und während dort verbunden bleibend trotz aller Trennungen, hier getrennt bleiben trotz aller Verbundenheiten. (Ferdinand Tönnies, 1887)

Diese Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft soll die diskursive und intuitive Einstellung politischen Denkens verbinden.

Die elaboriert künstlerische Sprachform der demokratisch komplexen Gesellschaft ist der abwägende Essay, a piece of writing on one particular subject (BBC). Partikulär, unverbindlich in seiner Dialektik, experimentiert er in Richtung empfundener Gewissheiten und betreibt für sie öffentliche Vergesellschaftung (Assoziation). Analog Aphorismen vereinzelnen sich essayistische Äußerung getrennt wie stolze Bäume des Waldes, sie sind zugleich verbunden als Symbionten mit geheimnisvoller, weitreichender Verwurzelung. Der Essay liebt aber auch den Trampolinstil, vergesellschaftet Äußerungen wie akrobatische Einzelsprünge. Jeder Sprung hält Abstand vom andern, ihm zugleich nacheifemd. Seiner Zufallsweisheit entsprechend ist der Essay nicht in der Lage, eine Genealogie begründet zu halten. Sich in dieser Not auf Autoritätsargumente zu berufen ist ihm zuwider. Institutionelle Gelehrsamkeit in den Essay einzubringen wäre Freiheitsverlust und Götzendienst. Doch er will affiziert, geradezu angesteckt sein von literarischen Wegbegleitern. Der Essay liebt die demokratische Affäre von Vielfalt, Attraktion, Krisis und plötzlicher Veränderung. Der prozessualen Weltbild-Einstellung gemäß versuchen alle Äußerungen stilistisch in der Wortart des Geschehens (sein, werden und haben) eine ontische Heimat zu finden und für die allgemeine Aufmerksamkeit proklamatisch Nomen zu hypostasieren. Jedes Wort vergesellschaftet offen seine semantischen Gebrauchsbedingungen. Ein Essay spielt mit ambigen Wiederholungen, er will nicht gelesen, es soll in ihm gelesen werden. Mit immer erneutem Hinschauen nähert sich fühlendes Begreifen (Herwarth Walden, 1915) komplexer Relation.

Werdet politisch! Das konnte - zu Beginn des 20. Jahrhunderts - heißen: Lasst die literarische Vereinsamung, werdet Aktivisten! Lebt, was ihr denkt! Dieses Werdet politisch! will im demokratischen Denken des 21. Jahrhunderts zu kommunikativ gesellschaftlicher Zivilisiertheit aufrufen und vor führungs- und befehlsgemeinschaftlichen Verlockungen warnen. Das gestaltet sich schwierig, da Wort und Begriff Gemeinschaft bei den Bürgern kaum im Zweifel stehen, zumeist gar nicht unterschieden werden. Thomas Mann hat allerdings schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gesagt: „Das Gegenteil von Kultur ist nicht Barbarei, sondern Gemeinschaft."

Hier setzt der Essay gedanklich an. Die obige abstrakte Feststellung von Ferdinand Tönnies wird mit individualer Erfahrung verbunden. Die Erfahrung besagt, dass das Böse des Menschen in der sozial bedrängenden Nähe der Vergemeinschaftung wurzelt und dass die Vergesellschaftung ihre zivilisierende Wirkung durch Abstand und Achtung in wohlwollendem Fremdbleiben gewinnt. Es ist die Kunst gesellschaftlicher Zivilisierung, das Eigene an Selbst, Besonderheit und Reichtum nicht zur Last des Anderen werden zu lassen (Richard Sennett). Von einem interesselosen Altruismus sei hier gesprochen in Analogie zu Kants ästhetischem interesselosen Wohlgefallen.

Interesselos (nicht: desinteressiert) soll anzeigen, dass keine persönlichen Zwecke leitend sind. In einer Gemeinschaft wird dagegen ein interessierter effizienter Altruismus hochgelobt, der hauptsächlich zur Selbstbewerbung des eigenen Ichs genutzt wird. Die Gegenseitigkeit in der Gemeinschaft besteht auf hierarchisierender Wertschätzung, in der Gesellschaft dagegen auf gleichstellender Achtung. Hat ein gemeinschaftliches Ich die entsprechende soziale Macht, wird es jede Wertschätzung als Privileg und persönliches Eigentumsrecht betrachten. Wer es beispielsweise in der Öffentlichkeit als „Privileg empfindet", in der väterlichen Großunternehmerfamilie „in einem klaren Wertegefüge aufgewachsen" zu sein und wer erlangtes Besitztum mit zuzugestehender Freiheit gleichsetzt, wird seine Gesellschaftsfähigkeit mit einem rehabilitierenden Umgang mit Nichtprivilegierten nachweisen müssen. In zivilisierter Gesellschaft gibt es keine sozialen Privilegien.

Gesellschaftliches Denken reizt zum experimentellen Regelspiel für eine sich vertrauende, das Fremde wahrende Öffentlichkeit. Gesellschaftliche Regeln charakterisieren soziale Spiele als charmant duldsame und umso ernstere Verpflichtungen. Lebt in politisch offener Gesellschaft und nicht in vorpolitisch geschlossenen Gemeinschaften, so die gesellschaftspoltische Schlussfolgerung. Demokratisches Verhalten darf sich nicht in einträchtigem Schweigen, in invisibility hinter einem Bekenntnis-Zaun eingemeinden; es lebt vielmehr vom fantasievollen und abenteuerlichen Verhandeln in sich wandelnder Welt und vom Kosmopolitismus. In Gemeinschaften ist der demokratisch Libertine und Agnostiker ein Abgelehnter. Er ist von allen aus der Achtung als fremd entlassen. Entschlossener Purismus überzieht ihn mit Häme und Thementabuierung.

„Mein Vater hat mich geprägt "vervollständigt den oben erwähnten Anspruch auf familiäre soziale Führerschaft, und er verabschiedet sonstige Verhältnisse in die Zufälligkeit der Patchworkbiographie. Eine gelingende Gesellschaft gleichstellender Achtung weist dagegen die Heterogenität freier politischer Zusammensetzung aus. Ihr Denken verschafft sich keine Macht durch soziale Herabsetzung und sucht im Kompromiss geregelten Umgang mit nicht zu lösenden Problemen. Monokraten bestehen auf Plan und Einhaltung; Demokraten rehabilitieren Ereignis und Erleben.

Gesellschaftlich akratisches Denken wird sich demütig und kühn, ohne Sorge um Nachstellung, Verhaftung und Folter verbreiten können, und es dankt mit Duldsamkeit, Großherzigkeit und Gewaltlosigkeit. Der freie Bürger will keine Revolutionen, sucht aber immer die Wehrhaftigkeit des politischen Diskurses gegen die Gefährdungen tyrannischer Expertokratie. Der demokratische Anarcho erlebt Ordnung wie ein sonderliches obsessives Fest, bereitet von Pragmatisten, das vorübergeht, sein Ende findet in fruchtbarer Anomalie. Finale Ordnung deformiert, wenn sie nicht gesellschaftliche Komplexität rehabilitiert. Politisch gesellschaftlich zu leben ist demokratisches Gemeinwohl. Die gemeine Ordnung lässt zu vorpolitischem Gemeinsinn erstarren. Der Anarcho ist skeptisch gegenüber seiner eigenen heimlichen Liebe zu Ordnungen und ordnenden Menschen. Mit zugewandter Zurückhaltung begegnet er jedermann, darunter denen mit Vorsicht, die sich nach Gemeinschaftsart verplanen lassen. Sein Gemeinwohl ist anarchisch gestimmt, er will demokratische Ereignisse mit rücksichtsvoller Achtung und „zivilisierter Verachtung" (Carlo Strenger, 2015) kommunizieren und entscheiden. Das demokratisch komplexe Sprachspiel gewollter, stetiger „unpopulärer Betrachtungen" (Bertrand Russell, 1951) zivilisiert sich zu rechtlicher Eindeutigkeit, Vereinfachung und Überschaubarkeit erst dann, wenn eine soziale Notwendigkeit, etwa öffentliche Sicherheit, regelnde Entscheidung unausweichbar macht. Politisches Denken hat dazu die Kultur parlamentarische Vereinbarungen herausgebildet. Es ist das Ziel offener demokratischer Lebensart, den engen Möglichkeiten konvergenter Natur mit den weiten Möglichkeiten divergenter Kultur Enhancement zu bieten.

Gesellschaftliches Gemeinwohl muss ohne Eigeninteresse sein. Das entspricht naturhaftem Gemeinwohl. Die Vögel entfliehen (Peter Kropotkins Sibirische Erfahrungen) Eis und Schnee durch den gemeinsamen Flug ins Wärmere. Sie tun es ihrer Art nach interessefrei geschlossen und in Gesamtheit. Mit den Menschen in Gemeinschaft wird kulturhaftes Gemeinwohl, ausgrenzend und parikularisierend, also interessiert. Die Gesellschaft will die ihrer Art gemäße wohlwollende Interesselosigkeit im Kompromiss zurückholen. Der Kompromiss wird nicht als „Halbheit" herabgesetzt, sondern als fruchtbares Angebot demokratischen Denkens vergesellschaftet und zur Weiterverarbeitung angeboten.

Das größte Hindernis für die Vergesellschaftung ist die nicht zu überwindende Hierarchiegläubigkeit und Loyalitätssucht derer, die zur Zaunkultur einer Gemeinschaft erzogen worden sind. Zur Sektiererei verführt, richten Gemeinschaftler ihre Privatheit oft ganz auf ein Gemeinschaftsdiktat aus und verschließen sich dem debattierenden Ermessen und der öffentlichen Vorbereitung von Entscheidungen. Zugleich aber missionieren sie werteüberzeugt die ungläubige Gesellschaft. Mit strategisch eingesetzter Pseudointelligenz , also mit dem Sozialcharme sich anbiedernder moralischer Selbstverständlichkeit versuchen sie öffentlichen Einfluss zu gewinnen. Jede Gemeinschaft entwickelt ihr gemäße missionarische Interessen, und sie spricht jedermann an, selbst unansprechbar bleibend. Die gesellschaftlich orientierte Öffentlichkeit sträubt sich zwar gegen die Simulation von Gemeinschaft (Bernard Giesen, 1997), kann aber nur schwer verhindern, dass gemeinschaftliches Gemeinwohl demokratisches Verhalten anheimelnd konnotiert. Diese auf geschlossene Gemeinschaft hin ausgerichtete Einbürgerei fordert notwendigerweise gesellschaftliche Freiheit in Form wehrhafter anarchischer Kommunikation heraus bis an die Grenzen rechtlich verfasster Sicherheit. Damit soll deutlich gesagt sein, dass Gesellschaft keine moderne Form der Gemeinschaft ist.

Jene versteht sich nicht vereinigend, sondern oppositional als ein auf Abstand und Rehabilitation gerichteter Kommunikationsprozess. Im Entscheidungsfalle lässt sie zuverlässige Sachlichkeit vermitteln und wehrt personale Gesinnungsdiktatur ab. Freies, gesellschaftliches Denken wird als Chance gesehen, den Menschen zu einer humanidealen Zivilisiertheit zu veredeln, die nicht nur bioevolutionäre, sondern auch kulturevolutionäre Zustände der Enge verhindert. Nach Friedrich Schiller führt der Weg zum veredelten Politischen über die Ästhetische Erziehung. Auf Kant zurückgehend soll das gesellschaftliche Ideal interesselos wohlwollender Menschlichkeit analog dem künstlerischen Ideal ästhetisch interesselosen Wohlgefallens verstanden sein. Mit der Dominanz und Beliebtheit gemeinschaftlicher Geneigtheiten steht dieser vernunftbezogenen Denkungsart ein ernsthaftes Hindernis entgegen. Die Durchsetzung gesellschaftlicher Idealität macht ein mühsames Debattieren nötig. Dabei ergänzt Vemunftgebrauch als skeptisches Vernehmen die erfahrungsreife intuitive Leiberinnerung.

Die Freiheit des Menschen und der Stolz auf die Besonderheit seiner irdischen Existenz begründen sich dem demokratischen Menschen paradoxerweise auf dem fehlenden Zugang zur Wahrheit und auf dem Zweifel an kreationistischer Endgültigkeit. Mit dem „Mythos des Sisyphos" (1943) erzählt Albert Camus im weiten Sinne von der Absurdität aller essentialistischen Erkenntnisannahme.

Das Leben ist ein stetiger Versuch der Einbürgerung ins Irdische, der aber letztlich in einem erfolglosen So-sein bleibt. Methodenbewusste Anthropologen arbeiten zwar ernster Miene mit deterministischen Imperativen, doch diese sind heiter begleitet von der Gewissheit des Irrtums.

Die Vorschläge der Wissenschaft haben wegen ihrer Fehlbarkeit lediglich den Status von Empfehlungen. Sie bedürfen bei öffentlicher Durchsetzung der politischen Debatte und Entscheidung, gestützt von Gemeinwohl-Intuition. Das demokratische Denken hat das naturrechtliche und statisch positivistische Entscheiden weitgehend aufgegeben und favorisiert mit eigendynamischem Sinn in allen Situationen das Abwägen der jeweiligen prozessualen Relationen. Gesellschaftlicher Umgang bedarf so der kommunikativen Kunst, die Beziehung zwischen konvergenten und divergenten Momenten beurteilbar zu machen. Somit macht nicht die richtige Richtigkeit einer Situationsbeurteilung demokratisches Leben aus, sondern die gelingende Reduktion von Komplexität hin zu gesellschaftlich nachvollziehbarer Beurteilbarkeit. Relationismus und Achtung von Kompromissen sind grundlegender Maßstab prozessualen gesellschaftlichen Lebens. Da richtiges Recht nicht zu erreichen ist, hat Demokratie mit sicherem Recht wenigstens erwartbare Verlässlichkeit geben wollen. Die zugestandene Ambiguität und Ambivalenz des Lebensweltlichen haben vertraglicher Verlässlichkeit, allgemeiner Zuverlässigkeit Respekt verschafft und Achtung vor unterlassener Korruption entstehen lassen. Die verträgliche Gemeinsamkeit verbleibender Unbestimmtheit und bemühter Genauigkeit reiht Aporetik (Jens Ole Schneider, 2020) zu den demokratischen Gemeinwohl-Empfindungen.

Das sofortige Verstehen sprachlicher anderer Situationen macht geistig träge. Das Alltagsleben in Selbstverständlichkeiten wird aber begrüßt, da es passives Rezipieren als allgemeines Grundverhalten fördert und damit Anstrengung und Zeit erspart. Verstehen wird traditionell als eine passive Vergemeinschaftung verstanden und gelobt, als eine Art besserndes und erweiterndes Wiedererkennen von Altem im Neuen. Mentale Erstbegegnung verläuft, derart gerichtet, als schneller gedanklicher Orientierungsprozess und Assimilationsversuch. Dieses Angleichen ist verbunden mit ökonomisierter Denkarbeit und der Scheu, sich durch etwas Neues aus der Erfahrungsgewohnheit bringen zu lassen.

Dieses sofortige Verstehen-wollen bedient aber ein Missverständnis geistiger Zusammenarbeit und somit auch Lesearbeit. Da es auf eine Selbstbestätigung hinausläuft, verhindert es das sich Einstellen auf Neues. Tatsächlich neu ist, was zuvor in keiner Weise erwogen worden ist. Weisen solchen moderaten und radikalen Wechsels von Paradigmen probt man seit der historischen Aufklärung. Aktive Rezeption beginnt zumeist mit moderater und schleichender Weiterverarbeitung von Vorgegebenen. Es führt über die Krisis zur Neuorientierung. Verstehen im gesellschaftlichen Sinn ist ein ereignishaftes Fremdwerden des ehemals Bestehenden. Fremd wahrnehmendes Rezipieren dient der Irritation des bisher Verstandenen, mit dem Wagnis der Selbsttransformation. Es dauert Zeit, bis ein Rezipient mit der Wahrnehmung seinem Selbst fremd wird. Das Bekannte drängt und besteht auf Verbleib. Gesellschaftliche Prozessualität setzt dann ein, wenn die Gemeinschaft eines Rezipienten mit sich selbst durchbrochen wird. Jede Lektüre hat sich so lange dem Verstehen zu entziehen, bis sie als unbekannt attraktiv wird. Ansteckung hat den Zweck, mit Kontextvarianten aktiv so lange zu experimentieren, bis schließlich ein Verständnis einsetzt, mit dem man sich, ökonomisch gedrängt, neu und auf Zeit zufrieden gibt.

Idiomatik ist das Ergebnis sprachlicher Trägheit, sie gibt sich mit ritualisierter Wiederholung des bereits Gesagten zufrieden. Der idiomatisierte Sprachraum ist eng gezogen, tendiert zur Dürftigkeit. Jeder weiß ohnehin, was der andere sagen wird und redet so schlecht wie möglich. Was möglich ist, bestimmt der ökonomische Maßstab der Genauigkeit des Sprechens. Das standardsprachliche Sprechverhalten ist im Gegensatz dazu auf demokratische Vielfalt, ist auf räumliche Weite hin angelegt und auf die Fremdheit der Begegnung. Die Standardsprache muss jeden Lebensbereich erfassen können. Schüler werden deshalb auch in Standardsprache und nicht in Fachsprache unterrichtet. Jede Idiomatisierung wird als Stereotypenbildung gemieden.

Das geistige Training, dasselbe Geäußerte immer wieder anders wahrzunehmen und das vorzeitige Verstehen zu vermeiden, beunruhigt und belebt. Es übt, Vorgefundenes selbstaktiv bis zur Brauchbarkeit in jeweiliger Situation weiterzuverarbeiten. Standardsprache ist nicht auf Eindeutigkeit hin angelegt und fordert das aktive Hören. Experimentierende Attribuierung modifiziert und sichert (beispielsweise) den vom Text benutzen Wörtern ihre Gebrauchsbedingungen. Dichterische Äußerungen sind immer mehrdeutig verwendet, denn jeder Rezipient muss die Möglichkeit haben, sie so verstehen, dass er seine ästhetische Wirkung selbst erzeugen kann. Rezipienten sind stets Koproduzenten. Bei unserem Theaterspiel hat sich von einer (!) dichterischen Äußerung von August Stramm das gesamte Material für ein lebensweltliches Schauspiel deduzieren lassen:

„Schwermut//Schreiten Streben / Leben sehnt/ Schauern Stehen /Blicke suchen/ Sterben wächst / Das Kommen schreit! / Tief /Stummen / Wir." (August Stramm)

Die Ausdruck-Inhalt-Beziehung des sprachlichen Zeichens einerseits, dann die Zeichen-Gemeintes-Beziehung stoßen bei jedem einzelnen auf ein individuelles Verständnis. Das führt dazu, dass jeder dieselbe Äußerung anders versteht und auf Wirkung hin verarbeitet. Er behält die Freiheit, sein Verstehen durch dolmetschende Kommunikation zu ändern.

Ist das Verstehen zur Koproduktion gereift, wird es somatisch. Ein Leibgedächtnis legt sich an, ein biophysikalischer Algorithmus wird zur digitalen Intuition. Der wahrnehmende Leib politisiert in einem folgenden Schritt Musterwechsel. Analog demokratischem Sinn sollen damit Zustandswechsel gemeint sein. Politisieren ist ein aus der Leiberinnerung heraus debattierendes Denken.

Seid klug wie die Schlangen! sagt der verletzliche Leib. Dieses Debattieren nutzt die Plastizität der Gesellschaft und hat das Ziel, Illusionäres in Realität und unlösbare Probleme in beantwortbare Fragen zu verwandeln. Realität erfindet sich mit nachweisbarem Irrtum. Fragen finden ihre Antwort bei Irrtum überwindenden Experten. Politisches Denken nimmt sich der Realität und der beantwortbaren Fragen an. Es wird zum Prüfverfahren der Intuitionskompetenz und der Belastbarkeit von Leiberinnerungen bei wechselnden Mustern und Zuständen.

Wenn im Folgenden von liberalem Denken, von demokratischem Denken, von rehabilitierendem Denken, von immoralischem Denken, von ambigem und ambivalentem Denken (u. s. f.) gesprochen wird, ist immer der Blick auf den sich individuierenden Einzelnen gerichtet. Die obigen Bezeichnungen des Denkens sind Wahrnehmungsprototypen, die sich jeweilig mit der sparsamen Nutzung von dominanten Einzelmerkmalen hervortun. Es ist das zivilisierte geistige und physische Verhalten, mit (stoischer) Haltung eigenes chronisches Irrtumsleiden und die Mangelerscheinung eines Gegenübers in achtende Beziehung zu setzen. Hier ist eine Chance für mitmenschliches Gemeinwohl. Das Gemeinwohl erwächst aus einem geregelten Verhältnis zur Schwäche, zur generellen Hilflosigkeit, zur Anerkennungs-und Geltungssucht des cosmosapiens überhaupt (John Hands, 2015). Hier werden auch die Symptome der Diktatur des elitären Liberalismus als Gefahr der Demokratie eingeschätzt und durch Begriffe wie Markt, invisible hand, Debatten- und Kompromissfähigkeit, kritische Pluralität regulierend angegangen. Ereignisoffene Begriffe dieser Art sind demokratische Wahrnehmungsprototypen und stehen in abgrenzender Beziehung zur autoritaristischen Planungsmentalität. Definitionen als solche sind standardsprachlich unüblich und werden vom möglichkeitsoffenen Denken als pragmatisch reduktionistisch eingeschätzt. Im vernünftig skeptischen Kontroll- und Nicht-Verstehen liegt die Möglichkeit, die digitale Intuition reifen zu lassen für Momente, in denen robuste Entscheidungen nötig sind.

Kategorien wie Demokratie, Republik, Gemeinschaft, Gesellschaft, Politisches Denken, Demokratisches Denken, Gemeinwohl, Gemeinsinn u. a. verhandeln für sich regulative Ideen wie Freiheit und Gleichheit, um ihren politischen Status zu sichern. Mentalgeschichtlich nutzt die vorpolitische Einheit Gemeinschaft sie als essentials zum trügerischen Umgang mit sozialen Bedürfnissen. Als trügerisch wird verstanden, dass sie soziale Wahrheiten mit eigeninteressierter Intention suggerieren, dass sie keinerlei zivilisierten Nachweis finden und dass sie zum Erhalt ihrer Macht keine verblendete Selbstbewerbung scheuen. Essentials des Gemeinschaftsdenkens haben stets ontischen Anspruch. Aus gesellschaftlicher Sicht haben Wesens-Vorstellungen den Status von Problemen. Probleme kennen - trotz gegenteiligem Sprachgebrauch - nicht das Merkmal Lösbarkeit. Sie sind der Aporetik zuzuordnen.

Der aller Vernunft zum Trotz nicht mündige Mensch neigt zur Hingabe an gemeinschaftsbestimmende Obrigkeit und gerät damit in die Falle der Infantilität von Rettungsversprechen. Diese Versprechen sind mit fürgsorglichem Anschein formulierte Vaterworte für eine Gemeinschaft. Die Pflege des Bedürfnisses Sicherheit ist beispielsweise eine Strategie, Gemeinschaften auf Gefolgschaft und Gehorsamkeit hin zu schließen. Stets werden damit Proselyten für zentralistisch ausgerichtete Denkungsart gemacht. Führer von Gemeinschaften berufen sich auf einen Erfüllungsauftrag für menschheitlich archaische Bedürfnisse. Die Frage nach Sicherheit ist jedoch ein empirisch begründetes Bedürfnis, und sie kann nur mit sehr realistischer Betrachtungsweise halbwegs angemessen beantwortet werden.

In der Beziehung Wahrheit und Vernunft werden traditionell zwei Positionen unterschieden: Zunächst einmal wird angenommen, dass es keine kreationistisch wahren Entitäten gibt und dass der Mensch sich damit auf solche Wahrheiten beschränken muss, die er sich selbst erfindet und irrtumfähig macht. Tatsächlich ist jede Synthesis aus kleinsten Elementarteilen als zufällig zu denken. Keine Entität ist als urgegebene auszumachen und die Bestätigung eines mereologischen Essentialismus. Das betrifft auch die Entitäten, die der Erfahrung nach scheinbar tatsächlich kreationistischen Ursprungs sind und deren menschliche Erfindung als Anmaßung einzuschätzen wäre. Vermutlich ist alles Erkennen ein Erklären autopoietischer Systeme (Niklas Luhmann) und nur ein selbstgestaltendes Wahrnehmen, erzeugt mit menschlicher Einbildung, ausgeführt mit gebräuchlichen Denkwerkzeugen. Undurchschaubar wie die kommunikative Verwurzelung der Waldbäume bleibt die komplexe Wirklichkeit ohne partikularisierende Maßnahmen. Die Konsequenz ist, dass der Mensch Einheiten selbst erfindet, sie phantasievoll nominalisiert und sie als scheinbare Individuen möglichst messbar und dem Irrtum zugänglich macht. Sinnvollerweise verzichtet er damit auf die Suche nach Urgegebenheiten. Man kann auch davon ausgehen, dass es Wahres und damit Wahrheit gibt und dass wir beides durchaus auch bereits gefunden und benannt haben, allerdings weiterhin nicht in der Lage sind nachzuweisen, was von dem Benannten tatsächlich zum Wahren zu zählen ist. Karl Popper nimmt letzteren Standpunkt ein im Vortrag „Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit" am 26. Mai 1981 in Tübingen. Alles gesellschaftliche Vermuten nimmt mit dieser Einstellung seinen Anfang, und es kann sich verirren in die Gemeinschaft meinungshoheitlicher Rechthaberei. Die erstgenannte Position der freien Synthesis ist ein gesellschaftlicher Standpunkt; sie ermöglicht die Idee der Freiheit und gibt dem Menschen den höchst eigensinnigen schöpferischen Status des Individuums.

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