Männer vom Wühltisch - Tina Gaedt - E-Book

Männer vom Wühltisch E-Book

Tina Gaedt

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Beschreibung

Zwei Frauen sind auf der Suche nach ihrem Traummann. Eva Edelmann steht auf Grips und Humor. Ihre Freundin Christine Körber fährt auf Muskeln und heißen Sex ab. Doch leider fischen beide aus dem Männer-Wühltisch immer nur Discount-Ware und erleben eine Pleite nach der anderen.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Strip-Connection

Rache ist süß

Der Musenkuss

Königinnen der Nacht

Traum-Männer

Der Herzbube

Gabriela geht anschaffen

Fit for Love

Mister Butterfly

Männer aus dem Kaffeesatz

Luggi Lutscher

Der Schlappschwanz

Tapetenwechsel

Partygeflüster

Das doppelte Blondchen

Gefahr in Verzug

Milchkaffee sucht Croissant

Der flotte Dreier

Das Muttertier

Holiday on the Rocks

Der Dichterfürst

Vier P's auf zwölf Beinen

Wiederbelebungsversuche

Der edle Spender

1. Strip-Connection

In billigen weißen Cowboystiefeln tänzelten neunzig Kilo Muskeln auf Christine zu, stoppten genau vor ihrer Nase. Langsam schälte der Adonis mit dem wilden Silberblick seinen durchtrainierten Oberkörper aus dem blutroten Seidenblouson mit ausgeleierten Strickbündchen und schleuderte die Wühltisch-Errungenschaft in die Ecke. Christine war sich ziemlich sicher, dass der Schönling nur sie dabei anschaute – ihre Nachbarin allerdings auch. Für einen kurzen, prickelnden Moment konnte Christine sogar sein Deo riechen. Ihr Herz pochte bis zum Push up, ihr wurde ganz schwindelig. Sie konnte ihre Augen einfach nicht von diesem Eros-Bolzen abwenden.

Mit coolem Lächeln fuhr sich der Adonis durch seine schulterlangen blau-schwarzen Locken, warf sie lässig ins Genick – und wandte Christine mit einer schnellen Drehung den übermächtigen Rücken zu. Mit kreisenden Hüften wippte er auf die nächste Frau zu und warf ihr schmachtende Blicke entgegen. Doch Eva zeigte sich vom aufreizenden Muskelspiel des ölglänzenden Schönlings wenig beeindruckt. Sie lächelte nur gequält und rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum. Als die fleischgewordene Schmachtlocke sich schließlich in gespielter Ekstase die billige Jeans von den Lenden riss, abwechselnd mal die linke, dann die rechte Pobacke anspannte, stach ihr von seinem braungebrannten Gluteus maximus lediglich der weiße Fleck vom Solarium über dem Tiger-Tanga ins Auge.

Soviel Gleichgültigkeit begegnete der Beau mit einem geschmeidigen Rückzug zur Bühne, wo er sich noch ein wenig auf einem Raubtierfell räkelte, dann mit zahllosen gehauchten Küssen in die kreischende Damenrunde hinter dem langsam fallenden Vorhang verschwand.

"Applaus, Applaus für Ken, unseren umwerfenden sexy Beachboy aus Kalifornien. Und nun, Mädels, bevor ihr bei so viel männlicher Pracht vollkommen den Verstand verliert – erst mal 'ne kleine Pause zum Abkühlen", näselte der schmierige Conférencier, eine gelungene Florian Silbereisen-Imitation, ins Mikrofon, während sich vor dem Damenklo bereits eine lange Schlange bildete.

Mitten unter den Wartenden wippte auch Christine möglichst unauffällig von einem Bein aufs andere. "Das dauert ja ewig hier. Ich geh' jetzt aufs Männerklo", sagte sie mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem in der Schlange.

Doch Eva, die Frau hinter ihr, reagierte sofort: "Gute Idee, ich komm' mit. Kerle sind da heute Abend sowieso nicht."

"Wer weiß, vielleicht läuft uns dort ja ein Dream-Boy über den Weg", kicherte Christine ihrer Nachbarin zu und verdrehte dabei genüsslich die Augen.

"Oh Gott, bloß nicht! So einem schmierigen Typen wie diesem Ken will ich nicht mal auf dem Klo begegnen.

"Wieso schmierig? Ich fand den total gut."

"Im Ernst? Der guckte doch wie 'ne geistige Amöbe. Dumpfbackig eben. Und dann noch diese gelackte Strähnchen-Frisette. Igitt! Außerdem kann ich Männer mit rasiertem Oberkörper nicht ausstehen. Aber selbst dazu ist dieser Ken offenbar zu blöd. Oder woher kommen sonst die vielen kleinen Schnittwunden auf seiner Brust?"

"Da hast du aber ziemlich genau hingeschaut. Egal, einen Nobelpreisträger mit Rauschebart wirst du in so einer Strip-Show natürlich nicht finden. Außerdem haben Genies bestimmt nicht so 'nen knackigen Hintern. Ich kenne jedenfalls keine."

Mit dieser handfesten Erklärung verschwand Christine schnellstens aufs stille Männer-Örtchen. Die Diskussion wurde durch die geschlossene Klotür weitergeführt.

"Zu einem richtig tollen Mann gehört für mich noch ein bisschen mehr als wohlgeformte Karosserie. Ich find's zum Beispiel nicht schlecht, wenn der Typ auch was im Kopf hat, entgegnete Eva entschieden mit ironischem Unterton und kramte in ihrer großen Umhängetasche nach dem orangefarbenen Lippenstift.

"Du musst den Kerl ja nicht gleich heiraten. Mir schwebt eher eine heiße Affäre vor, wo im Bett so richtig die Post abgeht. Alles andere stört da eher. Wer zu viel denkt, hat meistens nur wenig Phantasie. Da käme mir so'n optisches Appetithäppchen wie Ken gerade recht", schallte es mit dem Brustton der Überzeugung durch die Klotür.

Eva musste schlagartig an ihren leicht vergeistigten Ex-Freund Paul denken und fand, dass die schlichte Lebens-Philosophie ihrer unbekannten Gesprächspartnerin durchaus etwas hatte. Paul war im Bett nämlich eher eine Laschtablette gewesen. Statt Sex gab's bei ihm nur Nirwana-Gefasel und harte Ökobrötchen mit Soja-Frikadellen. Halleluja!

"Mag sein, vielleicht sehe ich das ja alles viel zu eng. Aber solche tänzelnden Muskel-Machos finde ich einfach zu lächerlich!"

"Und warum biste dann überhaupt hier?", fragte Christine leicht schnippisch und drückte energisch die Spülung.

"Beruflich, rein beruflich. Über diesen überaus reizenden Abend soll ich nämlich was für die Wochenendbeilage schreiben. Mein Chef hat wohl gemeint, er würde mir mit diesem Termin etwas Gutes tun. Dabei ist das Thema uralt und interessiert niemanden."

"Ach du bist bei der Zeitung? Ist ja toll, da kommst du doch bestimmt überall umsonst rein und lernst dauernd interessante Leute kennen. Prominente und so. Und natürlich interessante Männer. Oder?" Christine zog ihren Stretch-Mini etwas weiter nach unten und schüttelte ihre blonde Mähne unter einer Riesenwolke Haarspray, um sie wieder so richtig aufzutuffen.

"Schön wär's! So nah wie heute Abend kam mir schon lange kein Mann mehr. Zumindest nicht in so spärlicher Aufmachung wie Ken. Vorhin, als der so vor mir rumtanzte - ich wusste gar nicht mehr, wo ich vor Schreck hinsehen sollte. Richtig peinlich war mir das. Ich bin's wohl einfach nicht mehr gewöhnt", meinte Eva mit resignierter Stimme.

"Ach, mein Liebesleben sieht genauso trist aus, aber gestört hat mich das Muskelpaket trotzdem nicht. Im Gegenteil. Apropos, der zweite Show-Teil hat bestimmt schon angefangen. Komm', wir gehen wieder rein, du musst doch schließlich wissen, worüber du schreibst", sagte Christine grinsend und zog Eva, die endlich ihren Lippenstift gefunden hatte, schnell vom Spiegel weg.

"Übrigens, wie heißt du eigentlich? Ich bin Christine."

Die Show der "Dream-Boys" dauerte noch eine ganze Weile. Christine genoss den Aufmarsch der Tanga-Gladiatoren bis zum letzten Applaus, während Eva im Geiste schon einen Verriss der Muskel-Machos in ihr Laptop hackte.

Trotzdem sollte es für beide Frauen doch noch ein ausgesprochen amüsanter Abend werden. Nach vier Gläsern Prosecco schwärmte Christine zwar in immer rosigeren Farben von den glitschigen Strippern, und Eva fand sie immer schrecklicher. Doch in einem Punkt waren sich die beiden absolut einig: Männer sind zwar absolute Geschmackssache und manchmal ganz schön ätzend. Aber keinen zu haben, ist noch viel ätzender.

Der Beginn einer langen Freundschaft...

... zweier Frauen, die noch oft genug Gelegenheit haben würden, die Vor- und Nachteile des anderen Geschlechts durchzuhecheln.

Christine Körber mit dem schnodderigen Mundwerk und dem Faible für "richtige Kerle" ist 28 Jahre alt und war noch nie verheiratet, obwohl sie schon seit ihrer Grundschulzeit auf dem Dorf sehnlichst von einer großen Familie und einem kleinen Häuschen träumt. Mit Hans-Dieter, dem Systemtechniker, hätte sich der Traum beinahe erfüllt. Das Häuschen besaß er schon. Nur heiraten wollte er partout nicht. Seit sich Christine vor einem halben Jahr offiziell von ihm getrennt hat (genauer gesagt gab Hans-Dieter ihr den Laufpass), ist sie abends wieder viel unterwegs - immer auf der Suche nach einem neuen Prinzen, mit dem sie doch noch ihr Lebensglück aufbauen kann.

Geht man von den üblichen Männerwünschen aus, müssten ihre Chancen eigentlich auch ganz gut stehen: Christine ist nicht zu groß und nicht zu klein (167 cm), hat eine knackige Figur, die sie immer geschickt ins rechte Licht rückt. Durch weibliche Folter-Accessoires wie Bustiers, breite Gürtel, hautenge Kleider und Jeans. Ihrem leichten Hang zur Pummeligkeit sagt sie mit schöner Regelmäßigkeit den Kampf an. Doch bisher hat ihre Vorliebe für Vollmich-Nuss jedes Mal die Crash-Diät mit null Kohlehydraten besiegt.

Ihre etwas zu kurz geratenen Beine streckt Christine durch hochhackige Sling-Pumps mit Pfennigabsätzen. Denn sie weiß: Männer stehen drauf. Genauso wie auf ihre blonde, lange Löwenmähne (ein wahres Kunstwerk des Friseurs bei ihren dünnen Schnittlauch-Locken!). Christine überlässt, zumindest was ihre Wirkung auf das männliche Geschlecht angeht, nichts dem Zufall. Für die freche Stupsnase und die blauen Kulleraugen im rundlichen Gesicht ist allerdings Mutter Natur verantwortlich. Bei der Arbeit in der Urologen-Praxis ist von diesem "heißen Feger" aber nur wenig zu sehen: Da trägt die gewissenhafte Arzthelferin einen strengen Pferdeschwanz und versteckt ihre blauen Augen hinter starken Brillengläsern, ohne die sie blind wie ein Maulwurf ist. Die Kontaktlinsen kommen erst zum Einsatz, wenn's drauf ankommt - wenn Christine auf Piste geht.

Eva Edelmann, Lokalredakteurin beim Tageblatt, hat keine Probleme mit den Augen. Sie kämpft mit ihren 33 Jahren immer noch gegen ihre Pickel. Einen Abdeckstift hat sie deshalb immer dabei. Genauso wie ihren Filofax aus rotem Leder und ihr Laptop. Und es fiele ihr schwer zu sagen, welches dieser drei Dinge für ihr Leben wichtiger ist. Wegen des stressigen Redaktionsjobs isst sie nur unregelmäßig - und ist eigentlich etwas zu dünn für die stattliche Länge von 1,80 Meter.

An ihrer Jeans-, T-Shirt-, Turnschuh-Optik hat Eva seit ihrer Studentenzeit nicht viel geändert - außer dem radikalen Kurzhaarschnitt ihrer dunklen Pferdehaare. Zu ihren spärlichen weiblichen Waffen zählen nur schwarze Wimperntusche und Lippenstift. Tagsüber perlmutt, abends Braunrot, das Eva etwas verrucht findet. Ihre einzige Leidenschaft sind auffällige Ohrringe und amerikanische Liebeskomödien mit Happy End. Evas Traummann hat denn auch ziemlich viel Ähnlichkeit mit Cary Grant und eine Liebesromanze wie in "Leoparden küsst man nicht" kommt ihrer Idealvorstellung von einer Mann-Frau-Beziehung ziemlich nahe. Überhaupt: in Sachen Liebe bröckelt bei Eva ganz schnell die Fassade der coolen, lässigen und kratzbürstigen Intellektuellen. Da ist sie plötzlich anschmiegsam, verständnisvoll, ja sogar dazu bereit, ihren Herzallerliebsten mit ihren minimalistischen Kochkünsten zu verwöhnen.

Christine und Eva - ein äußerlich sehr ungleiches Paar, das sich aber viel ähnlicher ist, als es zunächst wahrhaben wollte. Zumindest eine Sache hatten sie gemeinsam: den Wunsch, endlich einen Traummann zu finden. Oder wenigstens einen netten, sympathischen Typen, der anders ist, als die ganzen Nullnummern, mit denen sie sich die ganze Zeit abgegeben hatten. Gibt es etwas Stärkeres, was Frauen verbinden kann? Hören wir doch einfach mal rein, was die beiden nach dem ersten Kennenlernen so voneinander dachten.

Christine über Eva: "Erst habe ich ja geglaubt, die hat mit Männern nix am Hut, weil sie so über die Muckis der Dream-Boys hergezogen hat. Oder dass sie so eine zickige Emanze ist, die am liebsten alle Männer auf den Mond schießen oder zumindest kastrieren würde. Aber dann habe ich ziemlich schnell gemerkt, dass sie Männern gegenüber bloß total schüchtern und eigentlich doch ganz nett ist. Sie sollte sich bloß nicht so gammelig anziehen. Wenn ich so groß und dünn wäre... Dass die keinen Lover hat, versteh' ich echt nicht!"

Eva über Christine: "Eigentlich erfüllt sie absolut mein Tussi-Feindbild. Dieses schreckliche Katzenberger-Barbie-Outfit. Wie kann man sich nur so anziehen? Andererseits ist sie so angenehm locker drauf, natürlich und erfrischend. Und erstaunlicherweise lange nicht so hohl, wie andere Frauen, die sich so anziehen. Ich wünschte, ich hätte so ein sonniges Gemüt. Und ihre Oberweite fände ich ehrlich gesagt auch nicht schlecht. Eigentlich komisch, dass sie noch solo ist!"

2. Rache ist süß

Wow, hast Du 'ne schicke Wohnung. Die ist ja riesengroß für einen allein", sagte Christine beeindruckt, warf ihren Tiger-Plüschmantel auf Evas schwarzes Ledersofa und schaute sich neugierig um.

Eigentlich war die Einrichtung nicht ihr Geschmack. Kastige Ledersessel mit Chrombeinen, Parkettboden ohne Teppich, keine Vorhänge, nur Metall-Jalousien, drei Plexiglas-Tische und ein riesiger Flatscreen, der das ganze Wohnzimmer einnahm. An der Wand zwei meterhohe Bilder mit wildem Gekrakel drauf. Das sah für Christine alles ziemlich teuer und furchtbar ungemütlich aus. Und so viele Bücher auf einem Haufen hatte sie zum letzten Mal gesehen, als sie sich in der Stadt verlaufen hatte und in der Stadtbibliothek gelandet war. Alles nur Staubfänger. Für ein Wohnzimmer empfand Christine den Raum viel zu kahl, als sei er noch gar nicht richtig eingerichtet. Und überall diese stachligen Kakteen, überhaupt nix Blühendes. Viel besser gefiel ihr das Schlafzimmer auch nicht. Außer einem bis zur Decke reichenden Spiegelschrank stand da nur ein Bett mit einer so dünnen Auflage, wie sie wahrscheinlich nicht mal lebenslänglichen Knastbrüdern zugemutet wird. Allerdings war es zweimal zwei Meter groß. Da konnte man bestimmt ganz locker zu zweit drin schlafen.

Nicht so wie bei ihr in dem alten Eisenbett vom Flohmarkt. Da war Hans-Dieter fast jede Nacht rausgepurzelt und hatte unfreiwillig in den Flokati gebissen. Aber dafür passte es hervorragend zu ihrem Weichholzschrank und den romantischen Blümchen-Gardinen. Auch das Wohnzimmer war viel kuscheliger eingerichtet. Schließlich wuselte Christine für ihr Leben gern in ihren eigenen vier Wänden herum, dekorierte, hämmerte, pinselte, schraubte und stellte die Wohnung durchschnittlich einmal im Monat komplett um. Sie liebte es, durch Einrichtungshäuser zu tigern und kam nie ohne einen Kerzenständer, eine Vase oder ähnliches nachhause. Dementsprechend eng war es in ihren 43 Quadratmetern Neubau. Auch wenn sie allein war, fühlte sie sich in ihrer vollgestopften Bude pudelwohl. Niemals hätte sie mit Evas kargem hundert-Quadratmeter-Altbau tauschen wollen.

"Eigentlich ist die Wohnung für mich schon fast zu groß", unterbrach Eva Christines Gedankenfluss. "Naja, die war ja auch ursprünglich für zwei gedacht. Aber nun setz' Dich erst mal. Wie wär's mit einem Gläschen Campari oder einem Hugo?"

"Campari ist gut. Wenn du hast, mit einem Schuss Orangensaft. Aber wieso war die Wohnung eigentlich für zwei?"

Eva kam mit den zwei eisgekühlten Drinks aus der Küche und erzählte Christine von ihrem Verflossenen Tom Krankenberg: "Vor einem Jahr bin ich hier mit ihm eingezogen. War ja wohl ein Schuss in den Ofen. Tom ist Fotograf, sieht tierisch gut aus. Er hat so ein bisschen was von George Clooney. Irre sexy! Nur leider fanden das auch die Models, die er ständig für irgendwelche Hochglanzmagazine geknipst hat."

"Also ich finde es toll, einen Mann zu haben, auf den alle anderen Frauen fliegen", unterbrach Christine.

"Grundsätzlich schon. Aber wenn der Typ auch auf die Frauen abfährt. Er hat alles flach gebügelt, was ihm unterkam und jeder hat es gewusst. Nur ich hab's natürlich erst mitgekriegt, als wir gerade mal hier eingezogen waren. Da bin ich total ausgerastet und habe seine geliebte alte Leica und die teure Digitalkamera einfach zu den Goldfischen ins Aquarium geschmissen, seine Harley mir grüner Leuchtfarbe angesprüht und alle seine Nebenfrauen gleichzeitig zu einem Privat-Casting in unsere Wohnung bestellt. Selbstverständlich im Auftrag von Herrn Krankenberg. Da war was los! Und als die hysterischen Weiber endlich weg waren, hat Tom mir auch noch Vorwürfe gemacht: Das hätte er von mir nicht erwartet. Und ich könnte doch wohl nicht annehmen, dass er mit einer solch hinterhältigen Furie auch nur einen Tag länger zusammenleben könne. Da hab' ich ihn endgültig vor die Tür gesetzt!"

"Ist ja geil, das hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Dem hast du es ja gut gegeben. Sowas ähnliches habe ich auch schon mal gemacht", sagte Christine mit blitzenden Augen. "Ist allerdings schon mehr als drei Jahre her. Da war ich mit Paul, dem sündhaft schön Friseur zusammen. Sein Laden galt unter Mädels als absolut heiße Topadresse. Aber wohl weniger wegen der Haarschnitte. Paul hat von morgens bis abends nicht anderes gemacht, als alle Kundinnen anzubaggern, die ihm unter die Haube oder die Schere kamen. Zwischen Waschen, Strähnchen und Föhnen. Da war er der wahre Meister! Wusste ich zuerst natürlich alles nicht. Doch als ich es merkte, hab' ich mir lang und breit überlegt, womit ich ihn am meisten treffen kann, wie ich ihm am besten eins verpasse. Und dann fiel mir das mit dem Schild ein: "Wegen Läusen geschlossen". Von Samstagabend bis Dienstagmorgen hing dies in großen, roten Buchstaben an der Salontür. Das hat den flotten Paul ganz schön Kundschaft gekostet."

"Und, hat er Dich verdächtigt?", schmunzelte Eva und entkorkte jetzt fachmännisch den Chianti Classico.

"Verdächtigt schon. Aber diese Ratte hatte ja überhaupt nichts gegen mich in der Hand."

"Es ist schon komisch, mit was für Typen man sich so einlässt. Aber die verstellen sich am Anfang eben auch verdammt gut, und was es wirklich für Idioten sind, merkt man immer erst zu spät. So ist es mir mit Sven auch passiert. Heute würde ich auf so 'nen Typen ja nicht mehr reinfallen, aber damals an der Uni hat mir sein Porsche schon irgendwie imponiert. Er war Immobilienmakler. Seine Kundschaft bestand nur aus Schönen und Reichen. Der hat mich richtig verwöhnt. So teure Klamotten wie zu seiner Zeit hatte ich nie wieder im Schrank. Aber ich sollte ja auch repräsentieren."

"Mensch, Eva, warum hast du diesen Traummann nicht geheiratet? Ich hätte den nicht mehr laufen lassen, soviel steht fest."

"Traummann, ok! Aber wenn man diesem Traummann von morgens bis nachts ständig sagen muss, wie traumhaft er ist, dann ist das verdammt nervig. Und so war's bei Sven. Er war ein richtig eitler Fatzke mit Sauberkeitswahn. In seinem Bad sah es aus wie in einem Kosmetikstudio und gestunken hat er wie ein ganzer Puff: Deo, After Shave, Eau der Parfüm, Fußpuder, Bodylotion und, und, und..."

"Ich liebe gutriechende Männer, die sich pflegen", kommentierte Christine begeistert.

"Auch noch, wenn er jeden zweiten Abend mit einer Gesichtsmaske, Haarpackung und Augencreme neben Dir im Bett liegt? Von seiner panischen Angst vor Bakterien ganz zu schweigen. Vorher duschen, danach duschen, eigentlich immer duschen. Ich bin nur noch aufgeweicht mit schrumpeligen Fingerkuppen rum gelaufen. Dass er seine Calvin Klein-Badelatschen überhaupt im Bett ausgezogen hat, war schon ein Wunder. Hätte ja Fußpilz unter meiner Decke lauern können. Umgezogen hat er sich natürlich mindestens dreimal am Tag. Von der Socke bis zur Krawatte. Und ich sollte alles bügeln. Aus lauter Dankbarkeit, dass ich mit so einem Mann zusammen leben durfte. Na danke! Und was überhaupt das Härteste war: Dann fing er auch noch damit an, ständig an meinem Äußeren rumzumeckern. Du könntest Dir ruhig mal wieder die Beine rasieren, deine unreine Haut wird auch immer schlimmer, iiih, ist das vielleicht ein Hühnerauge?', willst du nicht mal was gegen Deine Cellulite tun? Du solltest mit dem Rauchen aufhören, deine Zähne werden sonst gelb. Widerlich! Da hat's mir endgültig gereicht!"

"Das glaube ich! Und wie bist du die Ätzqualle wieder losgeworden?"

"Ganz einfach, ich habe meine Klamotten gepackt und bin zu einer Freundin gezogen. Aber vorher habe ich Sven in seine heißgeliebte Dusche noch einen ganzen Eimer glitschige Nacktschnecken gekippt."

"Ah, eine hervorragende Idee, super!"

"Ja, aber warte, Tini, es kommt noch besser: Die Glühbirne habe ich natürlich auch rausgeschraubt. Als Sven dann im Dunkeln mit seinen Badelatschen zur Dusche geschlappt ist, hat es ihn auf dem Glibber voll umgehauen. Und weil es ausgleichende Gerechtigkeit doch noch gibt, hat er sich dabei am Beckenrand seinen römisch-griechischen Zinken gebrochen. Er musste dem Schönheitschirurgen 'ne Menge Geld zahlen, bis er den Knick im Riechkolben wieder los war."

"Toll! Richtig toll, wie du das gemacht hast. Aber das erinnert mich an meine Liaison mit Gernot, dem Krankenkassen-Angestellten und Hypochonder. Er fühlte sich immer krank. Wahrscheinlich hat er mich nur deswegen als Freundin genommen, weil ich Arzthelferin bin. Wenn ich mit ihm schlafen wollte, hatte er starke Migräne. Aus der Praxis durfte ich ihm gar nichts erzählen. Da bekam er sofort Unterleibsschmerzen, Fieber und Krämpfe. Und wenn Gernot die Pollenflug-Warnung im Radio hörte, sah er an seinem Körper überall rote Pusteln wachsen und fing zu Niesen an. Schweißausbrüche und Herzrasen traten immer dann auf, wenn er mit seiner kreislaufschwachen Tante telefonierte. Auf Gesundheitsmagazine im Fernsehen war er total scharf. Die lieferten ihm immer neue Ideen für Krankheiten, die er noch nicht hatte. Den Rest hat er sich im Internet zusammen gesucht. Er hat mich dann verlassen, weil er eine ausgebildete Krankenschwester kennenlernte. Von ihr erwartete er sich eine professionellere Betreuung, als von einer kleinen Arzthelferin. Und die bekam er anscheinend auch. Jedenfalls erschien er ein paar Monate später bei Dr. Weber in der Praxis. Mit einem satten Herpes genitalis.

Eva und Christine unterhielten sich noch eine ganze Weile über die hemmungslose Triebhaftigkeit und unendliche Dummheit der Männer. Die beiden fanden es fast schon wieder niedlich, wie hilflos die Herren der Schöpfung eigentlich weiblichen Rachemanövern gegenüberstehen, falls sie sie überhaupt in ihrer ganzen tragischen Ausgestaltung mitbekommen.

Aufgekratzt und leicht hysterisch steigerten sich die "Rachegöttinnen" in immer raffiniertere Folterqualen für das andere Geschlecht. Kastration war noch das Harmloseste. Ihre Verflossenen würden heute noch einen tristen Aufenthalt im Bergkloster dem leidenschaftlichen Tete-à-tete mit einer dieser wilden Amazonen vorziehen, wüssten sie um Evas und Christines blühende Horror-Phantasien, von denen ein Stephen King oder von Schirach wenn überhaupt nur zu träumen vermögen.

Es war schon weit nach Mitternacht, als sie schließlich bei ihren verflossenen Teenagerlieben angekommen waren, die in der Erinnerung auch alles andere als positiv wegkamen: Ob der proletige und kleinwüchsige Mofarocker Elmar, der dickwadige Torwart Max oder der maulwurfblinde Poet Heinz - keine Verjährung für Machos, Prolos und Softies. Und überhaupt: kein Pardon für Chauvi-Schweine!

Mit dieser Parole und der dritten Flasche Rotwein pinnte Eva kurzentschlossen ein großes Porträtfoto von Weiberheld Tom an die Wohnzimmertür und kramte nach den Dartpfeilen in der Schreibtischschublade. Unter lautem Gejohle versuchten Eva und Christine, direkt ins treulose Herz des Fotografen zu treffen. Und während der Papiertiger langsam Pfeil für Pfeil sein Leben aushauchte, dröhnten die Ärzte im Hintergrund lautstark "Männer sind Schweine"!

3. Der Musenkuss

Seit einer geschlagenen halben Stunde stand Christine nun schon vor der Galerie und wartete auf ihre neue Freundin Eva. Punkt 20 Uhr vorm Eingang hatten die beiden verabredet. Und da stand sie nun im Nieselregen, kam sich ziemlich blöd vor. Lauter schwarzgekleidete Gestalten mit bedeutungsschwerer Miene, Rollkragenpulli und nerdiger Hornbrille drängten sich an ihr vorbei. Und sie: hautenges, türkisfarbenes Kleid, Nahtstrümpfe, hohe Hacken, die blonden Locken hoch gesteckt und zur Feier des Tages ihre azurblauen Kontaktlinsen.

Der Regen wurde stärker und Christine beschloss, nicht länger draußen auf Eva zu warten und schon mal in die Galerie zu gehen, bevor sich ihre kunstvoll drapierte Frisur vollkommen in Wohlgefallen auflöste. Während sie quer durch den Raum zur Bar stöckelte, wurde ihr klar: "Ich fall´ auf wie ein Trapper. Jetzt wäre 'ne Tarnkappe genau das Richtige". Dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben, stundenlang ihren Kleiderschrank durchwühlt und schließlich den Entschluss gefasst, ein gutes Werk zu tun und gleich morgen zum Altkleider-Container zu gehen, weil ihr Schrank außer Schrott mal wieder nichts zu bieten hatte.

Für diesen Abend musste einfach noch mal das Chiffonkleid herhalten. Obwohl es von Anfang an eine Nummer zu klein war und um die Hüften zwickte. Doch jetzt, wo sie da so aufgemotzt in der Galerie auf und ab ging, rückten selbst diese weltbewegenden Gewichtsprobleme in den Hintergrund.

"Wenn Eva wenigstens schon da wäre. Typisch Frau, unzuverlässig und unpünktlich", murmelte Christine ziemlich angesäuert vor sich hin, während sie das Gefühl nicht los wurde, von der anthrazitgrauen Masse der Kunstbeflissenen hochnäsig und abschätzig taxiert zu werden. Jetzt half nur noch Alkohol pur und in Mengen. Am liebsten hätte Christine dem Keeper gleich zwei Gläser vom Tablett gegrapscht. Doch da kam plötzlich diese sonore Stimme von hinten: "Lassen Sie uns auf die Kunst anstoßen, meine Schöne". Bevor Christine feststellen konnte, wer da mit feuchter Hand ihren Ellbogen ergriffen hatte, wurde sie auch schon mit sanftem Druck von der Bar wegdirigiert. "Sie gehen ja ganz schön ran für Ihr Alter", sagte sie leicht verdutzt zu dem Herrn mit den grauen Schläfen und dem bordeauxroten Krawattenschal. "Ich bitte Sie. Was ist Alter, was sind Jahre. Was ist Zeit, was ist Raum. Grenzen überschreiten im Auge der universellen Kraft der Kunst und ihrer Magie, die letztendlich in orgiastische Liebesträume mündet", lispelte der Greis emphatisch. Dabei rollte er mit seinen blutunterlaufenen Augen, hüpfte aufgeregt von einem Bein aufs andere und wedelte hektisch mit seinem Schal.

"Verrückt, der ist total verrückt. Wenn Eva jetzt nicht gleich kommt..."

Eva kam nicht. Dafür kam Bruno, der blonde Galerist mit goldenem Siegelring am kleinen Finger: "Hallöchen, Hallöchen. Laszlo, alter Schwerenöter. Du bist mir ja ein ganz schlimmer Finger. Einfach die schönste Frau des Abends zu entführen...

Nun aber die Patschhändchen weg, jetzt zeig' ich der Dame die Schätze der Ausstellung", schwulte Bruno, der von geschlechtlichen Grenzgängern hie und da auch Brunhilde genannt wurde.

Christine hatte in diesem Moment eigentlich schon genug von der Kunst. Wie so oft wusste sie aber auch diesmal nicht, wie man sich am besten aus solch einer bizarren Situation retten konnte. Also ergab sie sich ihrem Schicksal und lächelte, scheinbar interessiert, mal in Brunos Richtung, dann zu Laszlo, dem abgehalfterten Burgschauspieler mit GZSZ-Qualitäten. Dabei hätte sie beiden am liebsten den Hals rumgedreht.

"Sorry, dass ich zu spät komme. Aber in der Redaktion war wahnsinnig viel zu tun", platzte Eva atemlos in die illustre Gesellschaft. "Ich glaub', ich schau mich hier erst mal kurz um und dann können wir ja was trinken. Okay?", rief sie der immer noch sprachlosen Christine zu. "Bruno, erzähl' mir doch mal schnell was über diesen Video-Künstler. Ich brauch unbedingt sofort ein paar Infos für Online."

Laszlo folgte den beiden wild gestikulierend: "Wartet, ich muss euch die tiefe Botschaft dieser flirrenden Bilder erklären".

Es dauerte nur einen kleinen Moment, bis Christines Verdutztheit über Evas Sekundenauftritt blanker Wut wich: "Die spinnen wohl. Erst diese zwei schrägen und nervigen Vögel, dann hektikt Eva einfach an mir vorbei, und jetzt lassen die mich auch noch stehen wie einen Idioten."

Christine wollte eigentlich nur noch nach Hause, beschloss dann aber doch, zur Beruhigung noch ein Gläschen Schampus zu trinken (Das tut sie immer, wenn sie sich aufregt). Als sie grummelnd auf die Bar zusteuerte, stieß sie filmreif mit einem jungen Mann zusammen, der gerade einen Schritt zurück gemacht hatte, um eine der großflächigen Installationen besser betrachten zu können. Die zierliche Arzthelferin konnte nur durch starkes Rudern mit den Armen verhindern, unsanft auf dem spiegelglatten Parkett zu landen. Sie wollte gerade ein "Können Sie nicht gefälligst aufpassen" zischen, als sie in die vor Schreck weit aufgerissenen Augen des Mannes blickte, der sie beinahe zu Fall gebracht hätte. Jetzt brachte sie nur noch ein gehauchtes "Oh" über ihre Lippen. Denn der Typ gefiel ihr auf Anhieb: Mitte dreißig, baumlang, braunes, gewelltes Haar, jungenhaftes Lächeln - und Dreitagebart. Christine liebte diese maskulinen Stoppeln. Obwohl sie nach einer Affäre mit solchen Männern immer aussah, als hätte sie einen Rasenmäher geknutscht.

"Es tut mir wirklich leid. Darf ich Sie als Wiedergutmachung für mein tölpelhaftes Verhalten zu einem Glas Champagner entführen?"

"Hmmh", nickte Christine und schwebte diesem gutaussehenden Mann nur allzu gerne hinterher.

"Wenn ich mich vorstellen darf: mein Name ist Laurenz Liebermann, Produktmanager."

"Oh, ich heiße Körber, Christine Körber", flötete die Arzthelferin eine Oktave höher und wähnte sich in Gedanken schon als Dinner-Party gebende Frau Liebermann. Mit rotem Cabrio, weißer Jugendstilvilla und sündhaft teuren Designer-Klamotten.

Doch während sich Christine ganz ihrem Traum vom Eigenheim mit englischem Rasen, von Familie und einem dicken Bankkonto mit Unterschriftsberechtigung hingab, ergoss sich der Produktmanager über die Kunst im Allgemeinen und diese Ausstellung im Besonderen. Dabei versuchte er, möglichst viele Wörter aus dem Kunstlexikon zu zitieren um Christine zu imponieren: "Diese Baselitz'sche Expressivität... fast wie bei Warhol. Neoklassizistisch und doch irgendwie an Beuys erinnernd. Wissen Sie eigentlich," - und dabei kam er ganz nah - "dass Ihre Augen das monochromatische Blau von Yves Klein haben?" Schleim, schleim!

"Klein? Nein. Das sind Kontaktlinsen von Fahlmann. Die von Klein kenn' ich gar nicht. Sind die besser?"

Leicht konsterniert und in seiner Anbagger-Taktik ziemlich vom Kurs abgebracht, wechselte Laurenz Liebermann jetzt das Thema:

"Mögen Sie eigentlich Schokokekse?"

"Wieso, bin ich zu dick?"

"Im Gegenteil. Es ist nur, weil ich in exponierter Stellung, äh ich meine bei Biehlsen, in der Geschäftsleitung sitze."

"Oh, dafür sind Sie aber sehr schlank, ich habe zum Glück nichts mit Süßigkeiten zu tun. Aber mit Nieren, hihi. Ich arbeite in einer sehr renommierten Urologen-Praxis. Waren Sie schon mal bei einem Urologen?"

Der Produktmanager schluckte und genehmigte sich unangenehm berührt von dieser Frage gleich den nächsten Schampus. Auf ex.

"Wenn Sie mal was haben, Sie wissen schon, was ich meine, müssen Sie unbedingt zu meinem Chef gehen. Der ist spezialisiert auf Prostatavergrößerungen und Hodenkrampfadern. Sie glauben gar nicht, was man da für Sachen sieht. Aber keine Angst, mein Chef ist spitze. Ein Schnitt und das Problem ist erledigt", sprudelte es nur so aus Christine heraus. Sie wollte überhaupt nicht mehr aufhören, lauthals ihr Fachwissen, die unteren Regionen betreffend, an den Mann zu bringen.

Laurenz Liebermann war das Gespräch mittlerweile ziemlich peinlich. Ängstlich schaute er sich um: "Hoffentlich hört das bloß keiner. Zum Schluss glauben die Leute noch, die redet über meine kränkelnden Extremitäten", dachte er und überlegte krampfhaft, wie er sich möglichst unauffällig verkrümeln könnte. Während Christine davon natürlich nichts merkte, munter weiterplapperte und so richtig aufblühte.

Da nahte zum Glück die Erlösung: Boris, Laszlo und Eva steuerten direkt auf die beiden zu. Doch als Christine voller Stolz dem gutgelaunten Trio ihre neue Nobel-Bekanntschaft vorstellen wollte, hatte sich der flotte Keksspezialist aus der Chefetage plötzlich verkrümelt und war wie vom Erdboden verschwunden. Laurenz Liebermann hatte die Gunst des Augenblicks genutzt und seinen Unterleib in Sicherheit gebracht.

4. Königinnen der Nacht

Christine hatte erst mal die Nase voll vom intellektuellen Freizeitvergnügen und überredete Eva zu einer heißen Disco-Nacht. Das war gar nicht so einfach. Denn Eva hatte jede Menge Vorbehalte: gegen durchgeschwitzte T-Shirts, grelle Lichtblitze, zuckende Techno-Körper. Sie fühlte sich einfach zu alt für die Katakomben eines David Guetta. Außerdem glaubte sie im Gegensatz zu Christine nicht, dass man gerade in der Disco seinem Traumprinzen begegnen würde. Prinzessinnen hatten beide allerdings nicht einkalkuliert. Ein großer Fehler wie sich noch herausstellen wird!

"Ich finde, wir zwei sehen heute Abend absolut bombig aus", strahlte Christine, als sie sich vor der Diskothek 'IN' langsam aus dem Taxi schälte.

Eva war mit ihrer Optik weniger zufrieden. Erst heute Morgen um kurz vor sieben Uhr hatte sie beim Schminken auf der Stirn einen fiesen Pickel entdeckt. Mit diesen Dingern war das sowieso so eine Sache bei Eva: Hatte sie keine, traute sie dem Frieden nicht; tauchte in ihrem Gesicht auch nur die kleinste Unebenheit auf, steigerte sie sich in ein Szenario hinein, dass sich die kleinen Pusteln tatsächlich fast zusehends vermehrten. Und heute war mal wieder so ein Tag.

Mit einem lässigen "Hi" wollten die beiden gerade an dem mächtigen Türsteher vorbeiziehen, als dieser ihnen seinen kräftigen Arm vor die Brust streckte: "Moment, Mädels. Geschlossene Gesellschaft!"

"Genau dazu gehören wir, Alter. Und nun mach' Platz, du Wichtigtuer!", giftete Eva und wunderte sich innerlich darüber, dass sie so einen Spruch überhaupt herausgebracht hatte. Aber arrogante Dumpfbacken konnte sie nun mal auf den Tod nicht ausstehen. Der Herr über Rein und Raus war denn auch so verblüfft, dass er den beiden vor Schreck sogar die schwere Tür aufhielt.

"Das war echt super", lobte Christine ihre Freundin, als die beiden die Treppe hinunterstiegen. Und das war auch das Letzte, was für die nächste Zeit von ihr zu hören war, denn ohrenbetäubender Techno-Sound schlug wie eine Welle über ihnen zusammen. Eva lauschte wie versteinert auf den hämmernden Bass in ihrer Magengrube, Christine zuckte schon einmal vorsichtig mit dem rechten Knie und schaute interessiert in die Runde. Was sie sah, konnte sie nur wenig begeistern. Außer ein paar aufgemotzten Teenies auf der Tanzfläche gab´s nichts. Vor allem war kein einziger Mann in Sicht, der ihr auf Anhieb gefallen hätte.

Davon wollte sich Christine aber auf keinen Fall die Laune vermiesen lassen. Per Handzeichen signalisierte sie Eva, dass jetzt abgehottet wird. Doch ihre Freundin hatte einfach keine Lust mehr. Auf Techno, House- und Dancefloor-Musik fuhr sie nun mal überhaupt nicht ab. Stattdessen steckte sie sich lieber ihre Elektro-Zigarette in den Schnabel, suchte sich einen freien Platz und bestellte sich einen Whisky Sour.

Der Drink stand kaum vor ihr, da bekam Eva Gesellschaft: "Hallo, du. Auch keine Lust zum Tanzen?", hauchte ihr eine sanfte Männerstimme von hinten ins Ohr. Der dazugehörige Mann pflanzte sich gleich neben sie. Selbstbewusst und mit einem strahlenden Zahnpasta-Lächeln.

Und das brauchte er auch, um überhaupt auf sich aufmerksam machen zu können. Denn bei nur geschätzten 1,65 Metern gehörte er zu der nur allzu leicht übersehbaren Microchip-Spezies, die ganz andere Werte in die Waagschale werfen muss als lumpige Zentimeter. Manchmal klappt das sogar, was sich im Laufe der Nacht noch herausstellen sollte...

Eva nahm trotzdem keine Notiz von dem Bonsai-Fredi der Kompaktklasse. Sie beobachtete lieber Christine amüsiert, wie diese, etwas ungeschickt in den Bewegungen, den Dancefloor rockte.

Derweil das knuffige Kerlchen mit den weißen Zähnen hektisch in seinem karierten Jackett kramte und einen dicken Montblanc-Füller hervorholte. Dann gab er dem Keeper Handzeichen und ließ sich die Getränkekarte geben. Mit schnellen Strichen kritzelte er schnell irgendwas aufs Papier und hielt es Eva direkt vor die Nase.

Sie musste laut losprusten vor Lachen. Auf der "IN"Getränkekarte prangte ihr Konterfei und das der schnellen Feder ebenfalls. Der Cartoon zeigte Eva als scheues Burgfräulein im Turm. Zu ihren Füßen zupfte ein kleiner Minnesänger auf der Mandoline inbrünstig sein Liebeslied.