Männerprostitution & Zukunftskonvent - Engelbert Weißenbacher - E-Book

Männerprostitution & Zukunftskonvent E-Book

Engelbert Weißenbacher

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Beschreibung

Er beschreibt die Welt wie wir sie heute vorfinden. Netzwerker geben die Regeln für unsere Gesellschaft vor. Sie profitieren durch diese Feudalherrschaft. Die Denker werden schonungslos ausgeschaltet. Urtriebe beherrschen jedes Tun und Handeln. Es gibt keinen Fortschritt in Ethik, die Bildung ist den Wünschen der Lobbyisten unterworfen. Der Mann prostituiert sich seinem Führer und dem Weibe, er tut dafür alles Schändliche auf dieser Welt. Weißenbacher zeigt das schonungslos auf und zeigt Wege für eine gerechtere Welt. Seine Ideen dazu sind keineswegs unrealistisch. Sie sind für die nächsten hunderte Jahre vorausgedacht. Ironie, Witz und Ernsthaftigkeit halten sich die Waage und sollen dem Leser Kurzweil sein.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2013

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ENGELBERT WEISSENBACHER, Jahrgang 1956, absolvierte eine Lehre zum Werkzeugmacher und wurde an der HTL-Bulme in Graz zum Elektrotechniker ausgebildet. Er arbeitete als Facharbeiter, Sachbearbeiter, Betriebswirt, Controller und leitender Angestellter in Großunternehmen und im Bundesrechenzentrum in Wien. Er entwickelte ein Berichts-Tool für Unternehmen, das er Institutionen, Unternehmen, Universitäten und interessierten Bürgern zum Gebrauch zur Verfügung stellt. Weißenbacher lebte lange Zeit in der Menschenrechtsstadt Graz, fand aber erst wieder in Wien eine Arbeit und eine neue Heimat.

Inhalt

TEIL I: Männerprostitution

Eine kleine traumatische Geschichte

Berufsleben

Langzeitarbeitslosigkeit

TEIL II: Zukunftsvisionen

Technische Umweltvisionen

Geistige Umweltvisionen

Politische Visionen

Die Neue BABEL

Idee einer neuen Partei

Ungerechtfertigte Wohlstandshortung

Vermehrte Sinnsuche

Unsoziale Wirtschaft

Zukunftsschädigende Parteipolitik

EUROPA – Welt der Zukunft

Ethik Partei Europa (EtP-EU)

Programm der Ethikbewegung

Ethisches Verhalten

Schutz aller Lebewesen und der Umwelt

Das offene Parteiprogramm

Bundesregierungen

Interessenorganisationen

Verwaltungen

Staatsdiener

Kontrollorgane, Kontrollinstanzen

Die Bürgerkarte

Bürger- und Unternehmenskonto

Bargeldloser Leistungsverkehr

Sozialer Friede

Entlohnungspolitik

Staatspension

Wirtschaftspolitik

Arbeiter, Angestellter und Unternehmer

Arbeitsmarkt

Gesundheitswesen

Medien

Vetternwirtschaft

Umwelt

Ethische Regelungen

Gemeinsame Sprache

Bildungspolitik

Finanzpolitik, Steuern und Abgaben

Kulturpolitik

Wiedergutmachung

Erneuerbare Energieträger

Dialoge mit den Religionsgemeinschaften

Dialoge mit den Kindern der Muslime

Terrorismus

Gedanken

TEIL III: Gesellschaftlicher Unbill

Wirtschaftsgeister

Astrologie

Provinzmedia

Arbeitslosigkeit

Fällt es Ihnen auf? Was sehen Sie? Spüren Sie nicht auch?

Gesellschaftsgeister

Sündenfall Opernball

Nationalstaaten, Nationalstolz

An unsere Nachkommen

TEIL IV: Soziologische Schwänke

Mutterliebe

Pubertät

Das gottesgläubige Mädchen

Black Beauty

Die Wohngemeinschaft

Die Klavierspielerin

ANHANG

TEIL I

Männerprostitution

Jan ist auf dem Lande aufgewachsen, er ist sehr hellhörig und eins mit der Natur. Seine Intuition hat er aus seiner Kindheit, er ist begabt darin, seine Umwelt detailliert wahrzunehmen und verfügt über einen guten Orientierungssinn. Ein mystisches Erlebnis in seinem vierten Lebensjahr kann er bis heute nicht deuten, es ist möglich, dass sich dieses Geheimnis einmal klärt. In intensiven erotischen Jugenderlebnissen hat er seine Liebe und Zuneigung zu den Frauen entdeckt.

Weil wir in einer für uns nicht mehr erkennbar organisierten Gesellschaft leben, werden Ihnen diese Ereignisse, welche wir alle ähnlich erleben, bekannt vorkommen.

Eine kleine traumatische Geschichte

Berufsleben

Als Jan nach seiner abgeschlossenen Lehre seinen Beruf zwei Jahre als Facharbeiter ausgeübt hatte, bekam er Lust auf etwas Neues. Man war auf dem Land hoch angesehen, wenn man es von der Werkstatt ins Büro gebracht hatte. »Er geht ins Büro«, hieß es, »er wird was Besseres.« Die Landbürger verbeugten sich und nickten ihm höflich aus Anerkennung zu und klatschten Beifall: »Möge er aber dabei ja nicht ausrutschen und fallen.«

Sachbearbeiter in einer Vorkalkulation war seine erste Bürostelle, er bildete sich in Abendkursen fort. Nach der Werkmeisterschule für Maschinenbau und der Ausbildung zum Arbeitstechniker absolvierte er berufsbegleitend die Höhere Technische Lehranstalt für Elektrotechnik, er bekam dafür vorerst keinerlei finanzielle Anerkennung. Auf die Frage hierauf lachte sein Chef und meinte: »Durch Ihre Fortbildung werden Sie einmal gut verdienen, Ihre Kollegen haben diese Geldzuwendungen viel nötiger als Sie.« Eine sehr logische Erklärung.

Er arbeitete sich zum Abteilungsprogrammierer empor, bisher hatte der Chef allein alle Programme erstellt. In der Anfangsphase fragte er mehrmals seinen Chef, wie denn dieses oder jenes Problem programmtechnisch zu lösen sei, wieder bekam er eine ungewöhnliche Antwort: »Sie müssen selbst denken, dafür habe ich keine Zeit.« Sodann ging er erst wieder auf ihn zu, als das Programm geschrieben und ausreichend mit Fallbeispielen geprüft war. Daraufhin war seinem Chef auch klar, dass seine eigene Arbeit - diese Art der Kalkulation mit Produktions- und Kostenfunktionen, programmiert in der Programmsprache Fortran, war sein Lebenswerk - von jemand anderem fortgeführt werden würde. Er machte Jan zu seinem Stellvertreter, weil er in zwei Jahren in Pension gehen wollte. Sein Chef kämpfte für seine Arbeit und seine Überzeugung - unbeugsam bis zum Schluss. Er war korrekt in der Sache und hatte Großes aufgebaut. Für Jan war diese Art der Arbeit seinerzeit normal, er kannte nichts anderes, wusste nicht, wie wertvoll dieses Wissen war, das er von seinem Chef mitgenommen hatte. Er baute darauf auf und entwickelte die Methode stetig weiter.

Woran liegt es, dass einer so eine Chance im Leben bekommt und andere nicht? Ist es Zufall? Die Arbeitsweise seines Chefs hatte Jan geprägt: Er fing selbst an, für Sachen, die es ihm Wert waren, zu kämpfen und schrieb wie sein Chef Aktenvermerke, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Die Zerschlagung der »Union« war ein Kampf, den er verlor. Seine sachlichen Argumente gegen deren Teilung in vier Firmen wurden abgeschmettert - es regierte der Parteienklüngel. Er berichtete an den damaligen Kanzler, sandte einen Durchschlag an den Industriesprecher der Oppositionspartei, und bat um Hilfe. Die Firma brachte sieben Monate keinen Auftrag aus dem Werk, weil die Teilung quer durch die Stückliste und durch die Arbeitspläne für die diversen Bauteile und Maschinen ging. Man musste Arbeitsschritte und Bauteile von den nun neu geschaffenen Firmen anbieten lassen, bestellen, fakturieren und verhandeln. Ein organisatorisches und kaufmännisches Chaos entstand. Jans Abteilung wurde aufgeteilt, er selbst wählte die Kalkulationsleitung der Maschinengruppe. Um sein tolles Team, seine Kollegen, tat es ihm sehr leid. Sein Schreiben wurde inoffiziell vom Revisionshof überprüft, danach wurde ein Firmenleiter hinauskomplimentiert. Das Bündnis aber nahm ihm dieses Schreiben sehr übel. Er sei ein Nestbeschmutzer, hieß es. Der schmissbündliche Verfechter der Teilung der »Union«, sein oberster neuer Chef, saß weiterhin fest im Sessel.

Nach einiger Zeit wurde er mit weiteren Aufgaben betraut, zum Angebotswesen kamen die Arbeitsvorbereitung und die Akkordkalkulation hinzu. Um seine Macht zu brechen, wurde Jan in der Firmenhierarchie untergeordnet. Sein neuer Vorgesetzter war angehalten, ein Auge auf ihn zu haben. Jan überzeugte ihn von bestimmten sachlichen Notwendigkeiten, und als dieser sein Anliegen beim Spartenchef vertreten hatte, bekam er wiederum einen neuen Vorgesetzten, einen Quereinsteiger, frisch von der Uni. Es brachen mühselige Zeiten an. Als eine Sparte zum Verkauf anstand, war nun sein Chef bei den Verhandlungen dabei - ein schwerer Job für einen Neueinsteiger. Die Chefs des vermeintlichen Übernehmers forderten alsbald einen kompetenten Partner. Jan bekam die Aufgabe wieder übertragen, flog nach Berlin und überzeugte alle Beteiligten, dass die »Union« eine bessere Benchmark habe als die Übernehmergesellschaft. Die Sparte wurde daraufhin nicht verkauft. Danach wurden Kooperationsgespräche mit GE aufgenommen. Jan durfte in die USA, nach Albany Schenectaty, mitreisen. Es war seine erste Reise über den Atlantik. Nach diesen Gesprächen - er war als Fachbeistand für Kalkulationen für das Aushandeln des Preises verantwortlich - begann für ihn in der »Union« eine schwere Zeit. Er hatte die Sache mit dem Schreiben an die Politiker schon verdrängt, kämpfte um einen fairen Preis für die Bauteile, um das Unternehmen zu halten. Die Preisvorstellungen des mächtigen Partners waren um vieles geringer als die Kosten. Um Potenziale zu orten, mussten sorgfältige Zeitaufnahmen bei allen Arbeitsschritten durchgeführt werden. Neue Ideen waren gefragt. Eine seiner Ideen wurde überdurchschnittlich prämiert, was ihm viel Geld einbrachte und eine tolle Anerkennung war.

Konflikte blieben in dieser hektischen Zeit nicht aus, eine angespannte Situation ist immer für alle Beteiligten nervig. Jan übersah in seinem Arbeitseifer, dass er mit immer weniger Kompetenzen ausgestattet wurde, seine Chefs stellten ihm immer mehr »Beihilfen« zur Seite, obwohl er sie nicht brauchte. Eines Tages kam sein Vorgesetzter zu ihm und meinte, er solle es sich ein wenig leichter machen, er brauche ihn für »Sonderaufgaben«. Jan wusste nicht, was das bedeuten sollte und was beabsichtigt wurde. Er kämpfte um seine Abteilung, wurde aber in ein neues eigenes Büro - und damit weitab vom Tagesgeschäft - umquartiert, damit er auch, wie es hieß, allen anderen Spartenleitern dienlich sein könne.

Er richtete sein Büro ein, fühlte sich irgendwie von der Beförderung geehrt, war aber doch im Zweifel und er dachte zum ersten Mal über diese Vorgänge nach. Was wohl spielten die für ein Spiel? Er kannte nur Arbeit, nichts als Arbeit. Wenn er seinen neuen Chef im Hof traf, machte dieser einen Bogen um ihn. Wenn er überhaupt grüßte, war sein Gesicht gequält, er schaute ein wenig von unten, in seitlich gebückter Haltung, etwas schräg zu ihm auf. Jan wollte mit ihm über seine Aufgaben reden, bekam aber keinen Gesprächstermin. Nach vielen Wochen fragte ihn sein Chef, wie es ihm in seinem neuen Büro so gehe. Jan erwiderte, dass er sich eingerichtet habe und dass er ihm zur Verfügung stünde, sein Chef aber antwortete ihm, momentan mache das alles sein Nachfolger und er solle sich an diesen wegen einer Beschäftigung wenden, solle fragen, wo er denn für ihn, für seinen Nachfolger, seine Arbeitskraft einbringen könne. Eine grausame Erniedrigung.

Jetzt erst wusste Jan, was diese Herren für ein Spiel trieben. Seit seinem Schreiben an die Politiker hatten sie nur ein einziges Ziel verfolgt: ihn auf die grauslichste Art hinauszubringen, zu erreichen, dass er selbst kündige. Er verbrachte schlaflose Nächte, hatte das erste Mal wirklich Existenzangst. Seine Befugnisse im EDV-System wurden Tag für Tag um eine Berechtigung beschnitten. Einmal in der Woche kam der Belegschaftsrat vorbei, der jüngste Belegschaftsrat, mit dem Auftrag, ihm ans Herz zu legen, er solle doch kündigen. »Du wirst es hier so nicht lange aushalten.« Darauf folgten seine gewohnten Widerworte. Jan überlegte, ob er zu studieren beginnen solle, und schrieb sich an der betriebswirtschaftlichen Universität ein. Zeit zum Lernen hatte er ja genug; so begann er die faden Arbeitstage sinnvoll zu nutzen. Mit seinen Gedanken war er aber andauernd bei seiner Arbeit und konnte sich auf nichts anderes konzentrieren, war er doch in der Firma, um zu arbeiten.

Sechs Monate vergingen. Die Kollegen aus den benachbarten Büros besuchten ihn nie, nur einige wenige seiner ehemaligen Mitarbeiter kamen über den Hof spontan zur Tür herein. Sie hatten Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie zu Jan Kontakt suchten. Sie fragten ihn, was denn jetzt seine Aufgabe sei. Er musste ihnen antworten, dass er für nichts zuständig sei und in der Firma keine Arbeit habe. Sie bemitleideten ihn, was ihm aber wenig half. Der Belegschaftsrat tat wöchentlich seine Pflicht.

Jan wurde von Mitarbeitern abfällig beäugt: »Da sitzt einer im Turm«, sagten sie, »und wartet bis wieder acht Stunden vorbei sind.« Tag für Tag, Monat für Monat. So erfuhr er, dass Tage lang sein können. Er erfuhr, dass man sich nicht mehr bei Tisch wohlfühlt, er erfuhr, dass sich vormalige Kollegen mittags immer an einen anderen Tisch setzten, nicht mehr zu ihm. Es kam ihm so vor, als würde überall über ihn getuschelt. Er brach zusammen. Auf so eine Welt war er in seiner Heimat, in seiner Kindheit nicht vorbereitet worden. Er informierte als letzten Ausweg den Revisionshof über diese unlauteren Vorgänge, die auf die fragwürdige Teilung der Firma gefolgt waren. Er verließ das Haus nach einer Unterredung atemlos, heftigst hatten der Ministerialrat und der Herr Doktor auf ihn in einer kleinen fensterlosen Kammer eingeredet. Er verstand die Welt nicht mehr, hatte das Gefühl, er sitze in einem schlechten Film. In der Bundeshauptstadt ist es etwas rutschig, sagt man hier auf dem Land, recht haben, heißt noch lange nicht, recht bekommen. Man schlug sein Anliegen nieder, sie wollten keinen Ärger mehr.

Die eigenen Genossen, mit denen er mehr als fünfzehn Jahre zusammengearbeitet hatte und ihresgleichen Mitglied war, trieben dieses Spiel. Es wäre fairer gewesen, wenn sie ihm einfach gekündigt hätten. Aber dieses hinterhältige Spiel zu treiben, hatte System, diese Provinzapparatschicks waren erstmals gefordert und agierten in tierischer Lust. Sie täuschten die ganze Belegschaft in ihren Ausführungen zum Kampf für die Firma, sie hatten aber schon längst hinter verschlossenen Türen dem Verkauf zugestimmt. Alle Angestellten zahlten brav ihre Mitgliedsbeiträge an ihr Bündnis.

In dieser Zeit lernte Jan zwei interessante junge Menschen kennen, die irgendwie mit dem ehemaligen Chef einer Technikfirma verwandt waren. Als er in der Innenstadt von Auslage zu Auslage wandernd seine Zeit vertrieb, stand plötzlich ein Mädchen vor ihm und sprach ihn mit seinem Namen an. Er kannte dieses Mädchen nicht, hatte sie noch nie gesehen. Sie lud ihn zu sich zu einem Kaffee ein, das ließ er sich nicht entgehen. Als sie dort waren, öffnete sie behutsam die Tür ihrer Studentenwohnung. Es rief eine männliche Stimme vom oberen Stockwerk, er wollte nun flüchten. Doch das Mädchen nahm ihn am Arm und sie gingen nach oben. Ein smarter junger Mann streckte ihm seine Hand entgegen und bat ihn, Platz zu nehmen. Das Mädchen machte Kaffee. Der junge Mann fing an zu erzählen, sprach von Gott und der Welt und vom aktuellen Zeitgeschehen. Nach einiger Zeit fragte er Jan knapp und bestimmt, warum er denn die »Union« verlassen musste. Jan wunderte sich, dass dieser junge Mann davon wusste, obwohl sie dieses Thema zuvor nicht angesprochen hatten. Nun weihte ihn der junge Mann in sein Anliegen ein: Er fragte Jan, ob er ihm aufgrund seiner Erfahrungen bei der »Union« in einer anderen Sache helfen könne. Er erzählte ihm vom tragischen Tod des ehemaligen Chefs der Technikfirma, seinem Onkel. Dieser sei, so meinte er, bei einem sonderbaren Unfall verstorben. Jan ahnte, was der junge Mann andeutete, erschrak ein wenig und ignorierte seine Ahnung davon, welche Mechanismen hier am Werke gewesen waren, weil er es mit der Angst zu tun bekam, auch hier eingeweiht zu werden. Hatte er nicht selbst schon genug Probleme? Die Kaffeezeit wurde beendet. Doch es ließ ihn nicht mehr los, dass zwei junge, verzweifelte Menschen Gerechtigkeit suchten und anscheinend nirgends Gehör fanden.

Als er am Wochenende nach Hause zu seinen Eltern fuhr, war der Bürgerchef gerade in seinem Wald bei der Arbeit und ging bestiefelt an Jans Zufahrtsstraße entlang. Er winkte ihn heran, Jan hielt seinen Wagen und kurbelte das Autofenster herunter. Der Bürgerchef sprach ihn sofort auf den Tod des Chefs der Technikfirma an und bemerkte lapidar, der sei wohl auch früh und sonderbar unglücklich verstorben. Jan lief eine Gänsehaut über den Rücken, als er an die jungen Menschen dachte, die er vor ein paar Tagen getroffen hatte. Es verging einige Zeit, bis Jan, nachdem er drei Wochen nachgedacht hatte, wieder zu dem Haus der Studenten fuhr, um nochmals mit ihnen zu reden. Die Besitzerin öffnete ihm die Tür und sagte ihm, dass beide schon vor Wochen ausgezogen waren, ausziehen mussten, weil sie keinen Meldezettel vorweisen konnten. Somit waren sie beide für ihn spurlos verschwunden, auf Nimmerwiedersehen. Es folgten noch weitere Berichte über frühzeitig aus dem Leben geschiedene namhafte und bekannte Manager.

Eines Tages kam ein Exkollege auf Jan zu und riet ihm, sich auf eine ausgeschriebene Stelle zu bewerben. Er bewarb sich und bekam sie prompt, als wäre sie für ihn bestellt. Er arbeitete fast Tag und Nacht, so sehr war ihm nach Arbeit zumute. Er konnte sein Know-how in dieser Firma vorteilhaft einbringen. Als er das Kalkulationsprojekt fertig programmiert hatte, war sein Chef so begeistert, dass er sich eine Einschulung in das Programm erbat, bevor Jan in den Urlaub gehen wollte. Das Programm brachte unter anderem zutage, dass in der Vergangenheit falsche Kalkulationsansätze gewählt wurden, durch die viele kleine Aufträge zu schlechten Preisen angenommen worden waren. Bei den großen, lukrativen Aufträgen hatte man sich durch falsche Kalkulationen aus dem Markt manövriert. Nun hatte auch die kaufmännische Abteilung ihren gerechten Anteil am schlechten Geschäftsgang. Den Vertriebsmitarbeitern und ihren Vorgesetzten war damit geholfen, was aber den kaufmännischen Geschäftsführer ein wenig verstimmte.

Jan wurde durch die Arbeit an diesem Projekt für alle Techniker und Kaufleute der Ansprechpartner im Unternehmen, die Leute gingen bei ihm ein und aus, was seinem ihm direkt gegenübersitzenden Vorgesetzten sehr missfiel. Dieser wurde innerhalb einer Woche in das Programm eingeschult. Jan trat seinen Urlaub an, und als er zurückkam, rief ihn sein Chef zu sich, um ihm zu kündigen. Der Nachfolger, ein Student, kommentierte: »So ist es, der Alte geht und der Junge kommt, hast aber ein tolles Programm geschaffen.« Jan war einigermaßen befremdet und grübelte, was denn da wieder vor sich gegangen war. Vielleicht zeigte das Programm erst jetzt, wie viele Aufträge in der Vergangenheit durch falsche Ansätze unnötig verloren gegangen waren? Er verstand das Ansinnen seines Vorgesetzten nicht wirklich, machte sich darüber aber nicht zu viele Gedanken. Zu sehr beschäftigte ihn noch die Trennung von seiner vorherigen Firma, in der er so lange gearbeitet hatte.

Sein Programm war schließlich so gut gewesen, dass es sein Nachfolger, dieser Studiosus, in seiner Diplomarbeit als seine »Erfindung« in einer Tageszeitung veröffentlicht hatte. Als Jan das sah, traute er seinen Augen nicht. Ein Student hätte so ein Projekt nie und nimmer aus dem Ärmel schütteln können, an dem jahrzehntelang entwickelt worden war. Er ließ das die Tageszeitung und die Universität wissen. Bei späteren Begegnungen mit seinem enttarnten Nachfolger, auf der Straße oder in Lokalen, erhielt er nur stechende Blicke von ihm. In Jans Dienstzeugnis war keine Rede von diesem tollen und, wenn auch über Umwege, prämierten Projekt, keine Rede von Wohlwollen. Man schrieb ein monatsmittiges Austrittsdatum mit Anmerkung »im gegenseitigen Einvernehmen« hinein. Der Unmut des kaufmännischen Geschäftsführers war aufgrund der Ergebnisse des Projektes zu groß, man hat den Vertriebsgeschäftsführer unfairerweise für den Schuldigen am stagnierenden Geschäftsgang gehalten, nun aber hatten beide ihr Fett.

Danach zog Jan in die Bundeshauptstadt, in der Heimat fand er keine Jobs mehr. Er freute sich über eine Stelle im Konzerncontrolling.

In der ersten Zeit musste er sich beruflich wie privat einleben. Er mietete sich eine kleine, aber feine Wohnung. In seinen neuen Aufgabenbereich wurde er schnell eingeführt, zu den üblichen Aufgaben im Controlling kamen noch Anforderungen im Finanz- und Rechnungswesen hinzu, im Berichtswesen und in Bewertungen, Zusammenführung von Unternehmen, im Konzernrechnungswesen, Konsolidierung, Abwicklung von Hauptversammlungen usw. Er hatte noch nie so viel Neues gelernt wie in diesem Unternehmen. Viele Dienstreisen führten ihn zu den in Europa verstreuten Anlagenbaufirmen, die er betreuen durfte.

Seine erste große Aufgabe war es, im Zuge einer Fusion die operativen Ergebnisse beider Gruppen getrennt voneinander zu ermitteln. Er rechnete Tage und Nächte, zog viele Quervergleiche, um ein fundiertes Ergebnis vorzulegen. Schließlich ging es um die Vormachtstellung im gemeinsamen Konzern. Wer würde in Zukunft das Sagen haben - die eine oder die andere fusionierte Gruppe? Er brachte es in kurzer Zeit auf den Punkt: Die Standorte im Süden hatten ausgeglichene Bilanzen, jene im Norden waren zu hundert Prozent für den erheblichen Verlust verantwortlich. Er ging mit dieser Botschaft zum Finanzvorstand. Dieser sah ihn fassungslos an und schimpfte, ob er nicht ganz bei Trost sei, er solle wieder so hinausgehen, wie er hereingekommen sei. Er ging rückwärts hinaus und machte die Tür leise zu. Danach schickte der Vorstand ihm den Leiter des Finanz- und Rechnungswesens, um die operativen Ergebnisse gemeinsam auszuarbeiten. Jan erklärte seine Kontrollrechnungen, seine Überleitungen, und der Finanzchef fand nichts, was zu korrigieren war: »Ist so!«, meinte er. Jan empfand dies als eine Bestätigung seiner Arbeit. Sie gingen gemeinsam zum Finanzvorstand. Jan stand einen Schritt dahinter schweigend dabei, während der Finanzchef ruhig die Ergebnisse bestätigte. Wiederum brüllte der Vorstand, ob sie nicht wüssten, was gebraucht werde, und schickte sie zur Kontrolle wieder zurück. Sie haderten mit seinen Weisungen, waren doch die Unternehmenskennzahlen sehr genau, unter Rücksprache aller vormaligen Buchhalter und Finanzleiter abgeglichen worden. Ihr nächster Gang zum Vorstand begann ähnlich. Sie fragten ihn nun offen heraus, wie er es haben wolle, was sie zu tun hätten. Mit erhobenem Kopf befand dieser: »Ihr müsst euch geirrt haben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Überschriften müssen getauscht werden.« Jetzt verstand der Finanzchef, nur Jan wandte mit besorgter Mimik und vorgestrecktem Kopfe ein, dass er sich in den Überschriften nicht geirrt habe, die Überschriften seien korrekt zugeordnet, gebühre doch jedem, was geleistet wurde. Der Vorstand antwortete unwirsch, er solle diese Berechnung dem Finanzchef aushändigen, es dabei belassen und sich neuer Aufgaben annehmen.

Der Süden musste negativ sein und der Norden positiv, weil der Norden der führenden Partei und dem Bündnis sehr nahe stand. Er traute seinen Augen nicht, wie hier getäuscht und die Entscheidungsgrundlage missbraucht wurde. Als aufgrund der manipulierten Ergebnisse Konsequenzen anstanden, nämlich Kosten zu sparen und Mitarbeiter abzubauen, sollte Jan die Konzernweisung dazu an den Betrieb schreiben, der eigentlich unter operativem Gesichtspunkt effektiv arbeitete, aber aus politischen Motiven fallen gelassen werden sollte. Jan gab die Tastatur seinem Vorgesetzten und bat ihn, es selbst zu tun. Zögernd nahm auch dieser davon Abstand. Das betroffene Unternehmen wurde sodann mit anderen Methoden ausgehungert und verkleinert. Es wäre fairer gewesen, den Mitarbeitern die Konzernstrategie aufrichtig mitzuteilen, da die Konzentration auf einen Standort im Geschäftsleben an sich nichts Ungewöhnliches ist. Immerhin begründen doch die Vorstände immer wieder ihr hohes Gehalt mit der Verantwortung, die sie tragen müssen.

Von nun an war das Verhältnis zum Finanzvorstand getrübt und es renkte sich nie wieder ganz ein. Jan baute seine Beziehungen zum Technikvorstand, der für die Engineeringgruppe zuständig war, auf und konnte so seinen Aufgabenbereich weiter bereichern. Er war in den Augen des Technikvorstandes »ein Großmeister des Rechnungswesens und Controllings«. Im Ressort des Finanzvorstandes wurden die Mitarbeiter oftmals aus unerklärlichen Gründen ausgewechselt. In Jans dreijähriger Dienstzugehörigkeit waren sieben Mitarbeiter erst nach ihm gekommen, aber noch vor ihm, freiwillig oder unfreiwillig, gegangen. Er war nun schon ein Oldie, ein »alter Hase« und erfahren. Eines Tages kam es zu einem erheblichen Konflikt zwischen dem Technik- und dem Finanzvorstand, seinem Chef. Eifersüchteleien waren wegen eines neuen Mehrjahresdatenberichtes entstanden, der im Konzern sehr geschätzt wurde. Jan überstand diese Eifersüchteleien nicht, er wurde gekündigt. Die Chemie stimme nicht mehr so recht, übermittelte sein direkter Vorgesetzter ihm mit zittriger Stimme, zu sehr stand dieser selbst seitens des Finanzvorstands unter Druck. Alle wunderten sich, warum das passierte. Der Technikvorstand wiegte sich in falscher Sicherheit, weil man dort die Angelegenheit als Gentlemen’s-Agreement betrachtet hatte. Jan ließ den Aufsichtsratsvorsitzenden wissen, was geschehen war und dieser bedankte sich für die Information. Bei nächster Gelegenheit »verließen« der Finanzvorstand, der Personalchef und der Vorstandsvorsitzende den Konzern.

Für Jan folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit. In den Absageschreiben gab es eigenartige Formulierungen und Hinweise.

Im Rahmen einer intensiven Arbeitsplatzvermittlung las er eines Tages ein unscheinbares Inserat, woraufhin er bei seinem Vorstellungsgespräch einen seinerzeit in der Bundeshauptstadt mächtig gewesenen Mann kennenlernte. Sein Kollege, es war der Sachverständige der »Union«-Teilung, war von Jans Bewerbung nicht sehr begeistert, weil er nun bei den Jahresabschlüssen mit ihm zusammenarbeiten müsste. Der alte Mann unterstützte ihn trotz aller Interventionen seines Kollegen mit Erfolg, und Jan wurde Mitarbeiter in der Gruppe Finanzwesen eines staatsnahen Unternehmens. Man brauchte dort jemanden, der das Rechnungswesen und ein gutes Controlling beherrschte. Im Laufe der Zeit arbeiteten sie alle gut und vertrauensvoll zusammen.

Sein direkter Vorgesetzter war ein netter, offener und ehrlicher Mensch, der ein tolles und freundliches Team um sich versammelt hatte. Das Projekt selbst war anfangs