Marathon Woman - Kathrine Switzer - E-Book

Marathon Woman E-Book

Kathrine Switzer

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Beschreibung

Kathrine Switzer blickt in ihrer inspirierenden Autobiografie auf 40 Jahre Laufgeschichte zurück. 1967 schrieb sie beim Boston Marathon Sportgeschichte: Damals waren Frauen auf der Langstrecke nicht zugelassen, doch die zwanzigjährige Publizistikstudentin meldete sich mit "K. Switzer" an. Als sie von der Rennleitung entdeckt wurde, wollte man sie aus dem Rennen zerren, doch ihr Freund, ein Hammerwerfer, stellte den Funktionär einfach beiseite, Kathrine Switzer lief weiter und kam ins Ziel. Die Fotos des Zwischenfalls gingen um die Welt. Der amerikanischen Laufpionierin und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern ist es zu verdanken, dass der Marathon für Frauen 1984 zur olympischen Disziplin wurde. "Marathon Woman" ist die Geschichte einer mutigen Frau und Sportlerin, die gegen viele Vorurteile anrennen musste, nicht zuletzt gegen die Befürchtung, dass Frauen auf der Langstrecke möglicherweise die Gebärmutter herausfallen könnte. Witzig und unterhaltsam schreibt sie über engstirnige Sportfunktionäre und über männliche Mitläufer, die sie unterstützten, schützten und um Rat baten, wie sie ihre Freundinnen und Frauen zum Laufen bringen könnten. Kathrine Switzer beschreibt Schmerzen und Siege – no pain, no gain – und ihre Autobiografie ist die ultimative Ermutigung, sofort die Laufschuhe anzuziehen und loszurennen. Ihr Motto: Wann, wenn nicht jetzt? Switzers Autobiografie ist weder ein reines Frauenbuch, noch ein Buch nur für Sportler – sie beschreibt, wie sie sich von negativen Erlebnissen nicht entmutigen, sondern inspirieren ließ und gemeinsam mit Männern Revolutionäres schaffte. Ihr Buch zeigt, wie man negative Dinge in Positives umwandeln und mit harter Arbeit und einem festen Willen das Unmögliche möglich machen kann.

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Seitenzahl: 643

Veröffentlichungsjahr: 2014

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MARATHON WOMANDie Frau, die den Laufsport revolutionierte

Kathrine Switzer

MARATHONWOMAN

Die Frau, die den Laufsport revolutionierte

Deutsch von Gesine Strempel

 

Für Roger Robinson

»Freuet euch! Wir haben gesiegt!«

 

Und für

Anni Hemmo, geborene Simon, und Heinz Hemmo

in Liebe

 

 

 

 

Erstmals erschienen 2007 unter dem Titel »Marathon Woman« bei ­Carroll & Graf Publishers (Perseus Books Group)

© 2007, 2009 Kathrine Switzer

 

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

© der deutschsprachigen Ausgabe: spomedis GmbH, ­Hamburg 2011

 

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten. Dieses Buch oder Teile dieses Buchs dürfen nicht ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags vervielfältigt, gespeichert oder auf andere Medien übertragen werden.

 

Umschlaggestaltung, Layout und Satz: Melanie Trommer

 

ISBN 978-3-95590-027-4 (ePUB)ISBN 978-3-95590-032-8 (Kindle)

www.spomedis.de

Danksagung

 

Ich wurde in Deutschland geboren, wo ich die ersten prägenden Jahre meines Lebens verbrachte. Später lebte ich in den USA und auch in anderen Ländern und machte mir als Sportlerin, Renndirektorin, TV-Journalistin und Autorin einen Namen. Erstaunlich ist aber, dass Deutschland und deutschsprachige Freunde immer wieder meinen Lebensweg kreuzten.

 

Kurz nach dem Erscheinen von Marathon Woman in den USA im Jahr 2007 lernte ich Edith Zuschmann bei einem beeindruckenden österreichischen Frauenlauf kennen. »Ich LIEBE dieses Buch!«, sagte sie. »Warum gibt es das nicht auf Deutsch?« Angesichts der 21.000 Läuferinnen in Wien und der jeweils 13.000 Teilnehmerinnen bei den Avon-Läufen in Berlin und im schweizerischen Bern waren wir beide davon überzeugt, mit vielen laufbegeisterten Leserinnen rechnen zu können. 2010 ging Edith, die gerade am Anfang ihrer Karriere als Autorin stand, dann mit dem Buch kurzerhand zu dem deutschen Verleger Frank Wechsel und der Lektorin Anna Gutjahr von spomedis in Hamburg. Und so gibt es nun die deutsche Ausgabe meiner Autobiografie mit dem internationalen Titel Marathon ­Woman. Ich bin Edith, Anna und Frank für das Vertrauen, das sie mir und meinem Buch entgegenbrachten, ihren zuversichtlichen Glauben an den Frauensport und ihre herzliche Freundschaft sehr dankbar.

 

Das Laufen ist eine einschneidende Erfahrung für Frauen. Es bewirkt Erfolgsgefühle, fördert Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen. Kein Bereich unseres Lebens bleibt von dieser positiven und erfreulichen Veränderung unberührt. In Deutschland arbeitete ich zunächst mit Dr. Ernst van Aaken und dem Olympischen Sportclub in Waldniel, als wir dort 1979 den internationalen Avon-Frauenmarathon ins Leben riefen. Später, 1983, dann mit Horst Milde in Westberlin, wo wir den ersten 10-Kilometer-Avon-Frauenlauf in der noch geteilten Stadt veranstalteten. Schon damals wussten wir, dass die deutschen Läuferinnen an führender Stelle zu der gigantischen Lauf- und Fitness-Revolution in Europa beitragen würden.

 

Auch eine Revolution im Denken setzte sich durch. Diese beiden weit ­vorausschauenden Männer waren selbst Läufer und unterstützten, wie viele aktive Läufer rund um den Erdball, den Frauenlauf und damit das umfassende Potenzial von Frauen. Marathon Woman ist kein »Girlie-Buch«. Ich berichte von Frauen, die sich eine inspirierende Welt erlaufen.

 

Mein Dank geht auch an Avon Products, Inc. in den USA und Avon ­Cosmetics GmbH in Deutschland. Seit Jahren ist Avon »DIE Firma für Frauen«. Ohne die enorme Unterstützung des Unternehmens hätte die globale Revolution des Frauenlaufsports möglicherweise nicht stattgefunden; mit Sicherheit wären wir nicht da, wo wir heute sind. Dieser Firma ist es zu verdanken, dass der Berliner Avon-Lauf heute das Frauensportereignis mit der höchsten Teilnehmerinnenzahl in Deutschland ist.

 

Die deutsche Ausgabe von Marathon Woman unterscheidet sich von der amerikanischen Version, weil ich einige meiner Erfahrungen in Deutschland hinzugefügt habe. Bei vier Menschen möchte ich mich in diesem Zusammenhang noch bedanken. Zuallererst, wie immer, bei meinem Mann Roger Robinson für seine zuverlässige Liebe und Unterstützung. Seine Kenntnis von Deutschland, sein Humor, sein Charme und seine Fähigkeiten als Lektor sind für dieses Buch von unschätzbarem Wert. Dann bei der erfahrenen Radiojournalistin und Übersetzerin Gesine Strempel, die ich beim Avon-Frauenlauf 1999 in Berlin kennenlernte. Sie übersetzte auch mein erstes Buch, Laufen und Walking. Das sanfte Programm für Frauen ab 40 (Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2000). Seitdem sind wir Freundinnen. Und schließlich bei Anni Hemmo, meiner geliebten Nanny, die immer einen Platz in meinem Herzen hatte, sowie ihrem treuen Ehemann Heinz, der mehr als irgendjemand sonst dafür gesorgt hat, dass Anni weiterhin Teil meines Lebens ist.

Teil I Das Fundament

Im Langstreckenlauf ist das »Grundlagentraining«, oder einfach die »Grundlage«, das Fundament, auf dem das ganze restliche Lauftraining aufbaut. Es ist die Basis, auf der sich das Leistungsvermögen entwickeln kann – die Fähigkeit, länger und schneller zu laufen. Mit etwas Glück wird es auch dazu beitragen, Verletzungen zu vermeiden.

Kapitel 1 Die lange Reihe der Pioniere

»Hier ist Ihre Patientenakte. Stecken Sie die ein und geben Sie sie Ihrem Arzt, sobald Sie angekommen sind. Und diese Bescheinigung hier legen Sie bei der Einschiffungsbehörde vor. Alles Gute.«

Virginia, meine Mutter, nahm die Unterlagen an sich und bedankte sich bei dem Arzt.

Sie war fast im achten Monat mit mir schwanger und hatte es eilig, auf das erste Schiff zu kommen, das Familienangehörige der US-Armee in das vom Krieg zerstörte Europa brachte. Sie wollte zu meinem Vater, den sie seit sieben Monaten nicht mehr gesehen hatte. Es war im November des harten Winters 1946, für sie hieß es: jetzt oder nie. Denn die Überfahrt mit einem winzigen Säugling und meinem zweijährigen Bruder Warren würde viel schwieriger sein, als schwanger und mit einem Kleinkind zu reisen. Die Papiere, die der mitfühlende Arzt meiner Mutter für die Einschiffungsbehörde ausgestellt hatte, besagten, dass sie erst im sechsten Monat schwanger und somit reisefähig sei. Gerade noch.

Mitten auf dem Nordatlantik havarierte der umgebaute alte Steamer, dümpelte neun Tage lang vor sich hin und wartete darauf, in Schlepp genommen zu werden. Unentdeckte Treibminen, ihre anhaltende Seekrankheit oder die Vorstellung, dass ich auf hoher See geboren werden könnte, beunruhigten meine Mutter weniger als der Gedanke, nach New York zurückgeschleppt zu werden. Doch wir wurden nach Bremerhaven geschleppt, wo ein Zug bereitstand, um die Schiffsladung Frauen und Kinder weiter ins Landesinnere zu bringen.

Es ist großartig, zu dem einen Menschen zu fahren, den man liebt. Ich kann mir die Wiedersehensfreude meiner Eltern vorstellen, meinen hünenhaften Vater Homer, der meine kleine Mutter hochhebt und lacht, weil sie sich seit ihrer letzten Begegnung so verändert hat. Es ist gut, sich in der Liebe sicher zu sein, wenn man eine schwierige Situation zu bestehen hat. Meine Mutter war entsetzt über das, was sie in Deutschland sah. Die Städte lagen in Trümmern, überall türmten sich Schuttberge, Gruppen ausgebombter und vom Krieg vertriebener Menschen hausten auf der Straße; alle hatten Hunger, alle waren auf der Suche nach einem Schutz vor der grimmigen Winterkälte.

Damals war mein Vater Major in der amerikanischen Armee, und zu seinem Aufgabenbereich gehörte es, Lager für DisplacedPersons (DP-Camps) zu errichten, für vom Krieg entwurzelte Menschen. Sie erhielten ein Dach über dem Kopf, bis sie ihre Familie wiedergefunden hätten, in ihre Heimat zurückkehren oder woanders ein neues Leben beginnen könnten. Familienleben war für meine Eltern sehr wichtig; sie hatten diese Familie und wollten anderen Menschen helfen, ebenfalls eine zu gründen. Und sie wollten ihren eigenen Kindern das Gefühl für die Bedeutung dieser Form des Zusammenlebens vermitteln. So fand meine Mutter unter den vielen verzweifelten Menschen in der Nähe unseres Hauses zuallererst eine Nanny für mich, die ich noch gar nicht geboren war, und stellte sie ein. Nanny Anni fragte, ob eine Freundin von ihr unsere Köchin werden könnte, und dann tauchte Annis Bruder auf und wurde unser Hausmeister. Bald darauf hatten wir eine Klavierlehrerin (im Haus stand ein prächtiger Flügel) und eine Schneiderin, die unsere Kleider nähte. Die meisten Angestellten wohnten bei uns. Meine Mutter war so etwas wie ein Eine-Frau-Marshallplan, sie teilte alles, was wir hatten, selbst Heizung und Strom, die höchst unzuverlässig funktionierten.

1948. Ich sitze auf dem Balkon unseres Hauses in Amberg. Meine Nanny Anni Simon passt auf mich auf. Sie war wie eine zweite Mutter für mich.

So war dann auch das Hospital der US-Armee am Tag meiner Geburt so schlecht beheizt, dass ich in einen Brutkasten gelegt wurde, sehr zum Vergnügen des Personals, denn ich wog gute acht Pfund und war 58 Zentimeter groß. Mein Vater füllte die Geburtsurkunde aus, und in seiner Aufregung buchstabierte er meinen Namen falsch, er vergaß das »e« in der Mitte, und so heiße ich Kathrine. Meine langen Beine freuten meinen Vater, der selbst 1,96 Meter groß war. Ihm gefiel die Vorstellung, dass ich eine große Frau werden würde, und er machte eine gewagte Bemerkung darüber, dass ich immerhin nach einer ausgelassenen »Der-Krieg-ist-aus-­Party« beim Kentucky Derby gezeugt worden sei. Vielleicht würde ich mich zu einem Rennpferd entwickeln! Schon komisch.

Tatsache ist, dass ich, bis ich achtzehn Monate alt war, überhaupt nicht laufen konnte und meine Eltern deshalb ziemlich besorgt waren. Ich hatte nicht vor, laufen zu lernen. Warum auch? Hatte ich nicht meine Anni, die mich überallhin trug? Anni betete mich an; ich war das Kind, das sie, wie sie glaubte, nie bekommen würde. Schließlich gab es in Deutschland nur noch wenige junge Männer, und sie war schon achtundzwanzig. Sie war meine zweite Mutter und eine wunderbare Schwester für meine Mutter, die meinen Vater tatkräftig unterstützte.

Eines Tages sagte mein Vater zu Anni, dass im Nachbarort ein Tanzabend stattfände und dass sie hingehen sollte. Anni zierte sich; sie wüsste nicht, wie sie hinkommen könnte und hätte nichts anzuziehen. Meine Mutter lieh ihr ein Tanzkleid, und mein Vater fuhr sie in seinem Jeep hin. Im Tanzsaal sah ein junger Akkordeonspieler namens Heinz, wie Anni hereinkam, in dem hübschesten Kleid, das er je gesehen hatte. Sie lernten sich kennen und sahen sich von da an öfter.

Zum Glück, denn drei Jahre später, als es für uns Zeit wurde, Deutschland zu verlassen, konnten meine Eltern Anni nicht mitnehmen, da die Einwanderung in die USA nur Familienangehörigen gestattet wurde. Die Trennung war für uns alle sehr schmerzlich, besonders aber für mich. Laut jammernd und um mich schlagend versuchte ich, mich zu Anni zurückzukämpfen, bis mein Vater, dem auch die Tränen in den Augen standen, schließlich losfuhr und Anni auf der Straße zurücklassen musste. Neben ihr stand Heinz und stützte sie.

Anni und Heinz heirateten und ließen sich in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands nieder, der späteren DDR. Aus Angst vor Repressionen stellten sie und meine Eltern ihren Briefwechsel ein. Fünfzig Jahre lang verging kein Feiertag, an dem wir uns nicht fragten, wie es Anni gehen mochte, und wir hoben unsere Gläser und tranken auf ihr Wohl. Die Trennung von Anni war meine erste einschneidende Verlusterfahrung, und trotz der Geborgenheit in meiner Familie blieb das Gefühl der Verletzlichkeit. Es gefiel mir nicht, alleingelassen zu werden. Doch zwei Jahre später, als mein Vater uns verließ, um in Korea zu kämpfen, begriff ich, dass Abschiede zu einem Dauerzustand werden könnten, an den ich mich gewöhnen musste. Wenige Amerikaner denken heute an den Koreakrieg, aber er war hässlich wie alle Kriege, und mein Vater war an der Front. Er war achtzehn Monate lang fort, und tagtäglich las meine Mutter am Frühstückstisch, bevor ich mich auf den Schulweg machte, aus der Washington Post die Namen der Gefallenen und Vermissten laut vor. Im Alter von fünf Jahren wusste ich nicht, dass die Familie im Todesfall eines Soldaten vom Militär benachrichtigt wird, und dachte, dass uns durch die Zeitung der Tod des Vaters mitgeteilt würde. Ich wusste nicht, wie es dann weitergehen sollte, aber ich wusste, dass ich an dem Tag sehr stark sein müsste.

Meine Mutter war einfühlsam, freundlich und feminin und hatte vor nichts Angst – weder vor Krieg noch vor Spinnen noch vor Gepolter in der Nacht. Ihre Gelassenheit und ihr Einfallsreichtum wirkten zwar nicht ansteckend auf mich, jedoch schämte ich mich immerhin, wenn ich Angst hatte. Als dann mein Vater aus Korea heimkam, entwickelte ich Selbstvertrauen, denn ich saugte die vielen Geschichten auf, die er mir und meinem Bruder über die Kraft und die Willensstärke unserer Vorfahren erzählte.

Immer und immer wieder hörte ich, wie unsere protestantischen Ur­ahnen 1727 in die Neue Welt aufgebrochen waren, weil sie der religiösen Verfolgung, den lästigen Steuern, der Einberufung zum Wehrdienst entgehen und ein friedliches, gottesfürchtiges Leben als »Pennsylvania Dutch«-Farmer führen wollten. Die Geschichten reisten mit ihnen gen Westen, während sie sich mit einfachen Mitteln Farmen in den Nordwestlichen Territorien (heute Illinois) schufen, und zu diesen Geschichten gehörte auch die von W. H. (Washington Harrison) Switzer, der von zu Hause fortging (nicht rannte), um in die Armee der Konföderierten einzutreten. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg brach er mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf, um sich mit dem als Soldat erworbenen Anrecht auf ein Stück Land in den 1870er-Jahren in South Dakota anzusiedeln. Der Traum von einer Farm, sogar einer Ranch, war die Gewissheit wert, ein Leben lang harte Knochenarbeit und großes persönliches Risiko auf sich zu nehmen. Ich lernte, dass es entscheidend sei, für die nächste Generation eine bessere Ausgangsposition zu schaffen.

Weder in unserer Familie noch in den Familien meiner Vorfahren hat es Abenteurertum gegeben. Ganz im Gegenteil. Wir gehen auf Nummer sicher – manchmal sogar zu sehr. Trotzdem überraschte W. H. der teuflische Winter in South Dakota, der schwarz war vor Schneestürmen und die Familie in der halb unter der Erde liegenden rußigen Hütte zu Eis erstarren ließ. Wie sie überlebten, die letzte Kuh schlachteten, das Fleisch einpökelten und verzehrten, Wurzeln aßen und Eis schmolzen, um Trinkwasser zu haben, wurde zum Stoff, aus dem Legenden sind. Nach zwei Jahren kehrten sie auf ihre Farm nach Illinois zurück, nicht als Verlierer, sondern als Sieger: Sie hatten es versucht. Irgendwann hatten W. H. und seine Frau elf Kinder, von denen zehn das Erwachsenenalter erreichten – eine unvorstellbare Leistung auch noch für heutige Verhältnisse, 130 Jahre später! W. H. starb mit achtundachtzig Jahren in seinem Bett. Deshalb habe ich als Kind nie die Frage gestellt, warum jemand einen sicheren Ort verlässt, um den Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, oder etwas als zu schwierig abtut und es gar nicht erst versucht. Entschlossenheit gehörte zum genetischen Code der Switzers.

Diese Geschichten schnappten meine Eltern, beide mittellose Farmer- beziehungsweise Kleinstadtkinder, in der Zeit der Großen Depression auf. Sie hatten es sich fest in den Kopf gesetzt, ein College zu besuchen, und es gelang ihnen, Stipendien zu ergattern und mehrere Jobs gleichzeitig anzunehmen: Als jeweils Erste ihrer Familien schafften sie den College­abschluss. Sie waren sieben Jahre lang miteinander verlobt, bis sie sich ­finanziell sicher genug fühlten, um zu heiraten, und dann ging meine Mutter allein zum Gesundheitsdienst der Universität und ließ sich ein Diaphragma anpassen, damit sie die Zahl ihrer Kinder planen konnten. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Mein Bruder und ich wurden mit den gleichen Erwartungen erzogen, ohne einen Deut von Bevorzugung, was für die damalige Zeit erstaunlich war. Die Familie erwartete von uns beiden, dass wir aufs College gingen; mir wurde nicht erlaubt, weniger anzustreben, und gnade mir Gott, wenn ich diese Chance nicht nutzte! Ausdauer, Geduld und später die Belohnung gehörten ebenso wie Entschlossenheit zum Code.

Die Männer in meiner Familie waren alle groß gewachsen. Nein, hünenhaft! (Mein Vater war so riesengroß, dass ich ihn, als ich klein war, mit Gott verwechselte. Man hatte mir doch erzählt, Gott sei ein großer Mann im Himmel, der auf einen hinunterblicke.) Keiner maß weniger als 1,90 Meter, sie hatten einen beträchtlichen Leibesumfang und waren ungeheuer stark. Sie wären gute Sportler gewesen, aber mangels Zeit und Geld wäre diese Vorstellung nicht nur undenkbar, sondern auch extravagant gewesen. Sie waren stolz auf ihre Kraft und nutzten sie: Sie konnten wirklich alles. Die Frauen, für die sie sich entschieden hatten, waren ihnen ebenbürtig – feminin, aber fähig und resolut. Als ich in den Fünfzigerjahren und Anfang der Sechziger in einem Vorort von Chicago und in Washington D.C. aufwuchs, waren die Mütter meiner Freunde meistens zu Hause, spielten Bridge und empfingen ihre Männer an der Haustür mit einem Drink. Meine Mutter machte zwar auch oft Martinis für meinen Vater und begrüßte ihn an der Haustür. Aber sie war selbst gerade erst von einem arbeitsreichen Tag als Beraterin und Lehrerin nach Hause gekommen und hatte sich ein die Figur umschmeichelndes Kleid angezogen. Meine Mutter konnte alles, und mein Vater achtete sie. Ihr Gehalt war eine wichtige Einnahmequelle.

Als Kind kletterte ich an Seilen auf hohe Bäume, ich spielte mit den Nachbarjungen »Krieg« (und rannte schneller als die meisten von ihnen) und sprang von unserem Hausdach, um zu zeigen, dass ich auch ein Fallschirmspringer sein könnte. Ich wurde als erstes Mädchen gewählt, wenn die Jungen ihre Mannschaften zusammenstellten. Wenn mein großer ­Bruder in Sport besser war als ich (was er immer war), dachte ich nie, dass er als Junge besser ist, sondern als der Ältere. Gleichzeitig liebte ich Rüschenkleider, spielte zusammen mit meinen Freundinnen mit Puppen und war unsterblich in den Jungen im Nebenhaus verknallt, mit dem ich eng tanzte, wenn die Lehrerin in der Grundschule ein Kindertanzfest ­veranstaltete.

Ich war die Tochter meiner Eltern. Ich hatte keine anderen Vorbilder, nur sie und meinen Bruder. Und vielleicht war das mein Glück. Ich fand meine Welt aufregend, weil ich beides sein durfte, feminin und stark, zielstrebig und verträumt, besonnen und waghalsig, und dabei der Erwartung meiner Familie entsprechen konnte: Ich würde die Lage der nächsten Generation verbessern. Ich stammte von einer langen Reihe von Pionieren ab. Sie waren nicht berühmt, aber unermüdlich. Ich wollte sie nicht enttäuschen.

Kapitel 2 »Das Leben ist zum Mitmachen da, nicht zum Zuschauen.«

»O Gott, Liebes! Du willst doch wohl nicht Cheerleader werden! Die sind doch so, naja, dumm«, sagte mein Vater beim Abendessen. Ja, dumm stimmte, ich fand sie auch ziemlich einfältig. Sie kannten noch nicht mal die Spielregeln beim Football, sangen ein dreifaches Hoch, auch wenn wir den Ball gerade verloren hatten. Trotzdem wollte ich mich zur Aufnahme im Junior Cheerleader Team an der Madison High School bewerben. Mitglied der Cheerleader zu werden, das war wie der Besitz einer Eintrittskarte für das Reich der Schönen und Beliebten, die Berechtigung, mit dem Kapitän des Footballteams auszugehen. Ich war dünn, hatte krauses Haar, trug eine Brille und war flach wie ein Brett, schlimmer ging es nicht. Ich hoffte auf eine wundersame Veränderung und dachte, sie würde vielleicht eintreten, wenn ich ein Cheerleader wäre.

»Ich verbiete dir, in der Nähe von Umkleideräumen herumzuhängen und auf Jungen zu warten«, sagte meine Mutter und sah mich über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an.

»Sie hängen nicht bei den Umkleideräumen rum und warten auf Jungen!«, sagte ich.

»Tun sie doch«, sagte mein Bruder.

Oh, vielen Dank, dachte ich. »Tun sie nicht.«

»Tun sie wohl.«

Dad unterbrach uns. »Weißt du, Liebes, du solltest nicht am Rand stehen und anderen zujubeln. Die Leute sollten dir zujubeln. Du bist eine sehr gute kleine Sportlerin. Du läufst gern, du schießt Tore, du denkst strategisch.« Dad konnte gut schmeicheln, wenn er jemanden von seinem Standpunkt überzeugen wollte. Ich schmollte. »Das wahre Spiel findet auf dem Spielfeld statt. Das Leben ist zum Mitmachen da, nicht zum Zuschauen. Und du weißt auch, dass deine Schule sogar ein Mädchen­hockeyteam hat. Dort solltest du hingehen, hart trainieren, Kapitän werden.« Das stimmte, ich trainierte gern hart, aber die einzigen Mädchen, die ich in diesen Sportmannschaften sah, waren sehr burschikos. Kein Junge würde sie jemals, auch in einer Million Jahren nicht, zum Aus­gehen auffordern. Das wollte ich aber nicht sagen, denn dann hätte meine Mutter wieder recht.

»Ich kann gar kein Feldhockey. Ich würde es niemals in das Team schaffen«, sagte ich. Auch das stimmte. Ich hatte noch nie einen Hockeyschläger in der Hand gehabt.

»Also, das ist leicht, Kind! Du musst nur in Form sein! Lauf einfach ­jeden Tag eine Meile, und du wirst zu Beginn der Hockeysaison in Form sein.«

Eine Meile? Jeden Tag eine Meile laufen? Er hätte genauso gut sagen können, dass ich auf den Kilimandscharo klettern soll. Eine Meile war lang!

»Pass auf, ich zeige dir, wie du das schaffen kannst.« Er griff zu Bleistift und Papier und rechnete mir genau aus, dass ich sieben Runden in unserem Hof laufen müsste, um auf eine Meile zu kommen.

Ich stöhnte. »Das ist viel.«

»Du könntest gleich damit anfangen, einfach loslaufen. Du fängst sowieso langsam an, und mit der Zeit wird es besser. Du meine Güte, ich habe ein ganzes Bataillon trainiert, und dann marschierte die ganze Gruppe oft dreißig Kilometer am Tag. Und ich musste vor- und zurückjoggen und noch die Nachzügler einsammeln, um die Gruppe zusammenzu­halten!«

Es gibt eine »Grundlage« im Training und eine »Grundlage« im Leben. Meine ­Familie, die mich stets ermutigt hat, war meine stärkste Grundlage. Hier sitze ich als Dreizehnjährige auf dem Knien meines Vaters, neben mir meine Mutter und mein Bruder.

Dad schaffte es immer, deutlich zu machen, wie schwierige Dinge Stück für Stück bewältigt werden können, und er hatte immer ein extremes und motivierendes Beispiel parat, anhand dessen er demonstrierte, dass es ­eigentlich gar nicht so schwer war. Ein großartiges Rezept. Und das Beste daran war: Er stellte ein verlockendes Ziel in Aussicht. »Ich garantiere dir eins: Lauf den Sommer über jeden Tag eine Meile, und du schaffst es im Herbst ins Team.« Das war ein großartiges Ablenkungsmanöver; Cheerleading stand nicht mehr zur Debatte.

Ich machte mich am nächsten Tag an die sieben Runden. Ich joggte sehr langsam, war mir sicher, nicht anzukommen. Es war tatsächlich mühsam. Der Rasen in unserem Hof war holprig, mit vielen Steinen und Baumstümpfen im verholzten hinteren Teil. Ich kam mir ungeschickt vor, war atemlos und wusste, dass ich ziemlich albern aussah. Aber ich hielt durch und schaffte es. Ich schaffte es gleich beim ersten Mal, so wie Dad es gesagt hatte, und ich fühlte mich, ja, ich fühlte mich wie eine Königin in meiner Welt.

Es gab mehrere prägende Einschnitte in meinem Leben, und dieses Gespräch mit meinem Vater beim Abendessen war der Erste. Er wusste, dass ich in der Highschool unsicher war und mich, wie so viele Kinder vor der Pubertät, mit Problemen der eigenen Identität, dem Selbstwertgefühl und der Sexualität auseinandersetzte, und ich stellte mich der Aufgabe. Eine meiner größten Herausforderungen hatte begonnen, als meine Eltern mich im Alter von fünf Jahren in ein Förderprogramm steckten. Das Problem eines Schulanfangs mit fünf Jahren besteht darin, dass man in der achten Klasse erst zwölf ist, und wenn alle anderen schon in der Pubertät sind, ist man selbst noch ein Kind. Mein achtes Grundschuljahr war mein erstes Jahr in der Highschool – damals gab es keine Mittelschulen – und dieses spezielle Förderprogramm bedeutete, dass ich zusammen mit siebzehn-, achtzehnjährigen Schülern Fächer wie Algebra hatte. In einer Klasse saß ich neben dem fabelhaft aussehenden Kapitän des Footballteams, und ich weiß nicht, wer von uns beiden sich idiotischer vorkam, aber der Punkt ist, dass viele dieser Schüler junge Erwachsene waren, die sich auf ihren Beruf vorbereiteten oder auf das Leben im College, vielleicht auch auf die Ehe, und ich spielte noch mit Puppen.

Ich fühlte mich so, wie sich nur ein Kind unter Erwachsenen fühlen kann, nämlich ganz und gar unfähig. Ich wusste weder auf sozialer Ebene noch im Bildungsbereich, was überhaupt los war. Bis zur Pubertät war es noch lange hin. Da ich keinen blassen Schimmer von Sexualität hatte, setzte ich mir in den Kopf, dass das Geheimnis der sozialen Anerkennung etwas mit dem Tragen eines BHs und dem Besitz eines Lippenstifts zu tun haben musste, und so erbettelte ich mir von meiner Mutter einen Sport-BH (den ich ausstopfte) und einen Lippenstift von Tangee, um meine Rolle spielen zu können. Heute, da ich selbst erwachsen bin, sehe ich, wie heimtückisch solche Zwänge für ein junges Mädchen sind, und ich verstehe, warum meine Eltern glücklich waren, wenn ich möglichst lange ein Kind blieb.

Im Bildungsbereich lief es ganz ähnlich. Manchmal reicht das Fassungsvermögen einer Zwölfjährigen noch nicht aus für Abstraktionen, etwa die »Unbekannte« in Algebra (was für eine Unbekannte? Das große Unbekannte im All? Der unbekannte Soldat?) oder die Struktur einer Sprache. Nach meiner ersten Französischstunde geriet ich in Panik, weil ich keine Ahnung hatte, was konjugieren bedeutete. Aber was sollte ich machen? Einen Jahrgang tiefer zu gehen wurde noch nicht einmal erwogen – das war damals eine Schande, und obwohl meine Mutter erkannte, wie sehr ich kämpfen musste, war sie, die Erzieherin, zufrieden, dass ich in diesen fortgeschrittenen Kursen war. Ich konnte nicht sagen: »Das ist zu schwer für mich!« Das wurde einfach nicht akzeptiert, zu Hause gab es nichts, was »zu schwer« war. Man hatte die Pflicht, sich der Herausforderung zu stellen, und sei es, dass man sich ins Auswendiglernen flüchtete.

Zum Glück hielt unsere Familie fest zusammen, und jeden Abend wurde beim Essen heftig diskutiert. An den Wochenenden arbeiteten wir alle gemeinsam in Haus und Hof, in den Ferien machten wir lange Camping­reisen. Und wir haben unser Leben lang glückliche Ereignisse zusammen gefeiert. So war es nur natürlich, dass ich, als ich anfing, täglich meine Meile zu laufen, von ihnen häufig ein »Toll, Mädchen!« hörte. Das half mir auch wirklich sehr, denn manche Leute, zum Beispiel der Milchmann oder der Postbote, die mich im Hof meine Runden laufen sahen, fragten mich: »Ist bei dir zu Hause alles in Ordnung?« Dann klopften sie an und fragten meine Mutter, ob mit mir alles in Ordnung sei. Meine Freundinnen meinten, ich solle damit aufhören, weil ihre Eltern gesagt hätten, ich würde davon dicke Beine bekommen und einen Schnurrbart. Wir alle gewöhnten uns an die Tatsache, dass ich allen anderen seltsam vorkam, aber zu Hause fand man mich einfach gut.

Die Meilen bauten sich auf. Jeden Tag. Aus keinem erklärlichen Grund war die eine Meile an einem Tag leicht, an anderen Tagen hatte ich das Gefühl, sie ginge nie zu Ende. Meistens war ich so tief in Gedanken versunken, dass ich ein Stück Kreide mitnahm und an einem Baum einen Strich machte, um mich an die Zahl der Runden zu erinnern. Egal wie schwer es mir vorkam oder wie wenig Lust ich manchmal auf Laufen hatte: Hinterher ging es mir besser. An manchen Tagen brachte das Laufen mich dazu, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Das Beste daran war das Ende des Tages, wenn ich das herrliche Gefühl hatte, etwas Messbares und genau Bestimmbares erreicht zu haben. Jeden Tag errang ich einen kleinen Sieg, den mir niemand streitig machen konnte. Das Gefühl kannte ich nicht, wenn ich nicht lief, also versuchte ich, keinen Tag zu versäumen. Langsam verging der Sommer, und ich sah dem kommenden Schuljahr mit neuem Selbstvertrauen entgegen.

Dann war es Herbst, die Schule fing an, und ich bewarb mich beim Hockey­team. Natürlich war ich nervös; aufmerksam folgte ich jedem Wort der Trainerin Margaret Birch. Etwas ganz Erstaunliches geschah: Da ich nicht ermüdete, nicht aus der Puste geriet und keine schmerzenden Muskeln bekam, eignete ich mir die Fähigkeiten schneller an als die anderen Anfängerinnen. Wenn wir auf dem Platz trainierten, konnte ich schon mit den Schnellsten mithalten. Wow, wie war es dazu gekommen? Als ich es in die Juniorenauswahl schaffte, wurde zu Hause vor Freude laut gejubelt, und ich war das stolzeste Mädchen, das je einen Hockeyrock getragen hat.

Ich war auch außerordentlich dankbar. Da ich damals nicht ganz verstand, wie körperliche Kondition funktioniert, meinte ich, einen Zauber entdeckt zu haben. Fünfundvierzig Jahre später denke ich noch immer, dass es ein Zauber ist, aber ich greife voraus.

Ich glaube, nie war eine Spielerin stolzer auf ihren Hockeyrock als ich!

Ich fing an zu glauben, dass ich den Zauber nur behielte, wenn ich weiterhin liefe. Was tatsächlich stimmte. Ich sah das Laufen als meine Geheimwaffe; ich fürchtete, dass die anderen, sollte ich ihnen davon erzählen, mich und meinen Zauber als Spinnerei abtun würden, also behielt ich es für mich. Der Besitz der Geheimwaffe gab mir das Selbstvertrauen, es mit anderen Sportarten zu versuchen. Ich schaffte es auch in das Basketballteam. Dann fand ich heraus, dass die Geheimwaffe auch funktionierte, wenn ich an anderen Aktivitäten teilnehmen wollte, zum Beispiel als Mitglied eines Tanzkomitees oder als Autorin einer Schülerzeitung.

Die Arbeit für die Schülerzeitung bot sich an, weil es so wenig Berichterstattung über den Mädchensport gab (manche Dinge ändern sich nie), und ich wollte unser Team etwas hochjubeln. Ich liebte mein Team! Manche der Mädchen waren burschikos, andere Abschlussballköniginnen, und ich verlor meine Vorurteile gegen jungenhafte Mädchen. Wir spielten uns alle die Seele aus dem Leib, und trotz der unterschiedlichen sozialen und finanziellen Verhältnisse, aus denen wir stammten, unternahmen wir auch jenseits des Sportplatzes viel miteinander, gingen zusammen zum Tanzen, zu Fußballveranstaltungen oder zu Pyjamapartys und waren unerreichbar für all die stutenbissigen Cliquen der Highschool.

Meine Freundinnen nannten mich Kathy, aber für meine besten Kumpel war ich Switz. Ich fand, dass Kathy ein bisschen zu unbedeutend als Verfasserin eines Sportartikels klang, aber die Studienberaterin der Fakultät ­erlaubte mir nicht, einfach als Switz zu unterzeichnen, was ich sehr cool gefunden hätte. Aber dank meinem Vater wurde »Kathrine« von den ­Typografen (ja, damals wurde noch mit Lettern gesetzt) immer in ­»Katherine« geändert, und ich ärgerte mich, wenn ich meinen falsch buchstabierten Namen sah. Also unterzeichnete ich oft einfach mit K. V. Switzer. Damals schwelgte ich in der Lektüre von Der Fänger im Roggen. J. D. Salinger war wie ein Gott für mich, und gleich danach kamen T. S. Eliot und E. E. Cummings. K. V. Switzer, die Sportreporterin, zu sein gefiel mir.

Als mein Freshman-Jahr zu Ende war, hatte ich es satt, ein dünnes kleines Mädchen zu sein. In einer der vielen Illustrierten meiner Mutter, die sich im Haus stapelten, fand ich einen faszinierenden Artikel über den Kaloriengehalt von Nahrungsmitteln. Die beiden Lebensmittel mit den meisten Kalorien waren Erdnussbutter und Schokolade, die man möglichst vormittags essen sollte, um leichter abzunehmen. Das leuchtete mir ein, und deshalb aß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Sandwich mit Erdnussbutter und trank ein großes Glas Kakao. In den nächsten zwölf Monaten nahm ich sieben Kilo zu und wuchs zehn Zentimeter. Ob mir die Erdnussbutter geholfen hat, in die Pubertät zu kommen, oder ob sich das Frausein sowieso anbahnte, werde ich nie erfahren, aber plötzlich war ich eine Frau. Ich werde nie den Gesichtsausdruck meines Vaters vergessen, der mich eines Tages musterte und dann ins Nebenzimmer ging, um sich mit meiner Mutter zu unterhalten. Ich bekam nur einen Teil ihres Gesprächs mit, nämlich seinen Satz: »Heiliger Strohsack, wann ist denn das passiert?«

Da ich jeden Tag lief, gewöhnte ich mich problemlos an meinen neuen Körper. Tatsächlich schien mir mein neues Gewicht mehr Kraft zu verleihen, und ich fügte Liegestütze und Kniebeugen zu meiner täglichen Routine hinzu. Mein Bruder sagte, die echten Profis würden Kniebeugen auf einem Bein machen, deshalb fing ich an, jeweils zehn Kniebeugen auf ­einem Bein zu üben, und hangelte mich an dem dicken Kletterseil hinauf, das mein Vater im hinteren Teil des Hofs für uns angebracht hatte.

Obwohl ich mich hingebungsvoll meiner Fitness widmete, war die Leidenschaft doch nicht groß genug, um mir eine Karriere als Leistungssportlerin zu wünschen. Erstens gab es eine derartige Möglichkeit überhaupt nicht, und zweitens sehnte ich mich gar nicht so sehr danach, wie beispielsweise die Tennisspielerin Billie Jean King es tat, die als Kind Profibasketballer werden wollte. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn es damals schon professionelle Läuferinnen gegeben hätte. Davon abgesehen strebte ich einen Beruf an, der meiner Ausbildung entsprach. Als ich aufwuchs, war man noch der Ansicht, dass Leute, die ihren Lebensunterhalt mit körperlicher Arbeit verdienten – und dazu gehörten nun mal Leistungssportler –, bemitleidenswert waren. Denn entweder hatten sie keine gute Ausbildung, oder sie waren nicht intelligent genug, um in leitenden Positionen zu arbeiten. Ich wollte Ausgewogenheit: Der Satz des Römers Juvenal, der vom mens sana in corpore sana sprach, kam mir sehr entgegen.

Und eine Römerin nahm mich gefangen. Mit großen Augen betrachtete ich die Statue der Jägerin Diana und genoss es, wie mein neuer Körper aussah, wie ich mich in ihm fühlte. Ich verglich mein nacktes Spiegelbild mit ihrer Statue und staunte über die Ähnlichkeit unserer Körper und – ja – unserer Geisteshaltung. Diana war athletisch, weiblich und selbstbewusst, und auch sie hatte kleine Brüste. So wurde sie zu meinem neuen Vorbild. Ich fühlte mich in meinem Körper so sicher wie sie sich in ihrem. Und als die Jungen in der Schule jetzt anfingen, mir nachzulaufen, war ich keine leichte Beute. Ich brauchte ihre Aufmerksamkeit für mein Selbstwertgefühl nicht. Obwohl es in der Schule keinen Sexualkundeunterricht gab, vermittelte mir das Laufen körperliches Selbstvertrauen genug, um die kleinen Langweiler auszubremsen.

Vielleicht klingt es abwegig, dass ich mir eine Göttin der römischen Antike zum Vorbild wählte, tatsächlich aber gab es bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 1960 für mich keine modernen sportlichen Vorbilder. Doch trotz der anmutigen Bilder von Wilma Rudolf, der Siegerin in den Sprintwettkämpfen, werde ich nie die abstoßenden Fotos der sowjetischen Kugelstoßerin Tamara Press vergessen, die sie mit Armen wie Schinkenschlegel, einer schwabbeligen Rolle in der Taille und mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht zeigen. War das der Inbegriff einer weiblichen Athletin? Ich kann mir vorstellen, dass solche Bilder viele Tausend Leserinnen der Illustrierten Life entmutigten und junge Mädchen dem Sport für ewig abschwören ließen.

Damals erfuhr ich es nicht, aber die Olympischen Spiele in Rom boten noch einen weiteren Reibungspunkt für die Wahrnehmung weiblicher Kraft im Sport. Zum ersten Mal seit zweiunddreißig Jahren gab es bei den Spielen einen 800-Meter-Lauf für Frauen. Bei den Spielen in der Antike war Frauen allein schon das Zusehen unter Androhung der Todesstrafe verboten, und im Jahr 1896 wurden sie von der Teilnahme an den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit ausgeschlossen. Nach massiven Protesten ließ man Frauen 1900 für die Sportarten Golf, Tennis und Krocket zu. 1928 kam die Leichtathletik hinzu. Längster Lauf war der 800-Meter-Lauf (zwei Runden auf der Bahn), und nachdem sich die ersten drei Frauen eine erbitterte Schlacht um den Sieg geliefert hatten und Lina Radtke einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte, taumelten die Teilnehmerinnen keuchend in den Innenkreis des Stadions, so wie jeder Mensch, der so schnell wie möglich 800 Meter läuft. Diese »Zurschaustellung von Erschöpfung« entsetzte die Zuschauer, die Veranstalter und – das war das Schlimmste – die Medien. Harold Abraham, der Respekt einflößende Olympiasieger, inzwischen Sportjournalist, dessen große Leistungen später in dem Film Die Stunde des Siegers gewürdigt werden sollten, nannte die öffentliche Zurschaustellung von Erschöpfung eine »Schande für die Weiblichkeit« und eine »Gefahr für alle Frauen«. Er empfahl, diese Strecke für künftige Veranstaltungen zu streichen. Und so geschah es.

In den kommenden zweiunddreißig Jahres mussten Frauen, die längere Distanzen als die Sprintstrecken liefen, immer wieder beweisen, dass sie weder zu schwach noch zu zart dafür waren, weder sich selbst gefährdeten noch der Weiblichkeit Schaden zufügten. Während für die Männer die 1.500 Meter, 3.000 Meter Hürden, 5.000 und 10.000 Meter und der Marathon (26,2 Meilen beziehungsweise 42,195 Kilometer) hinzukamen, wurde jeder längere Lauf für Frauen weiterhin als gefährlich bezeichnet. Es war ein schwerer Kampf, für die Olympiade 1960 die 800 Meter für Frauen durchzusetzen, und jeder Gedanke an eine noch längere Strecke löste eine heftige Kontroverse in den Medien aus.

Damals wurden viele andere Sportarten für Frauen abgeändert, um sie davor zu bewahren, sich selbst Schaden zuzufügen. Interessanterweise blieb das harte Feldhockey unangetastet, nicht aber Basketball: Schon in den Sechzigerjahren spielten Mädchen eine Basketballversion, die das Laufpensum reduzierte, indem sechs Spielerinnen eingesetzt wurden, die nur dreimal dribbeln und die Mittellinie nicht übertreten durften. Als ich die Trainerin des Mädchenteams für unsere Schülerzeitung interviewte und fragte, ob wir je nach denselben Spielregeln wie die Männer würden spielen dürfen, sagte sie: »Niemals.« Das viele Springen könnte die Gebärmutter verrutschen lassen. Ich hätte fast laut losgelacht. Zehn Jahre später erhielten Mädchen an Universitäten Vollstipendien, um dort in einer der ältesten Universitätssportligen nach »Männerspielregeln« Basketball zu spielen.

Im zweiten Jahr in der Oberstufe hatte ich einen Freund, Dave, und ich besuchte eine neue Schule, die George C. Marshall High School in Falls Church, Virginia. Mit Dave hatte ich eine gute Zeit. Er war Mittelstürmer in der Footballmannschaft, und da sein Dad den gleichen Offiziersrang in der Navy innehatte wie mein Dad in der Armee, hatten wir viel gemeinsam. Jeden Freitagabend nach dem Footballspiel kamen Dave und sein Freund Larry müde, glücklich, zerschunden und angeschlagen zu mir nach Hause, wir machten uns eine Pizza und besprachen das Spiel. Oft berichtete ich von meinen Erfahrungen beim Hockey oder Basketball, und sie nahmen mich und meinen Sport immer ernst. Wir prahlten damit, wer mehr Liegestütze konnte, aber sie staunten jedes Mal, dass ich mehr Sit-ups und Kniebeugen schaffte als sie. Ich lebte für den alljährlich stattfindenden President’s Council of Physical Fitness and Sports Fitness, wo auch getestet wurde, wie viele Sit-ups wir in der Minute schafften (ich schlug Dave und Larry mit dreiundsechzig in der Minute) und wie schnell wir auf der 600-Yards-Strecke (548,64 Meter) waren. Ich war das schnellste Mädchen, aber nicht so schnell wie Dave und Larry, was mich ärgerte. Eines Abends provozierte ich sie mit der Frage, bis zu welcher Grenze sie Kraftanstrengungen bei Frauen akzeptieren würden. Sie taten sich schwer mit der Definition, aber schließlich einigten sie sich darauf, dass sie es nicht mochten, wenn Frauen trainierten, bis ihr T-Shirt am Rücken durchgeschwitzt war. Ich nahm das ohne ein Gefühl von Zustimmung oder Ablehnung auf, ich behielt es lediglich als eine interessante Beobachtung im Gedächtnis. Ich selbst schwitzte nicht sehr beim Sport. Noch nicht.

Am Ende meines letzten Schuljahres waren Dave und ich fest zusammen, wir waren verliebt, tauschten Klassenringe aus, versprachen uns alles Mögliche und machten Pläne für die Hochzeit nach dem Studium. Diese Zwangsläufigkeit finde ich heute unvorstellbar, schließlich entwarfen wir diesen Lebensplan bereits mit sechzehn. Dave wollte Marineoffizier werden, und sein Ehrgeiz in der Highschool war, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und zunächst in die U. S. Marineakademie von Annapolis einzutreten. Als Dave dort im Frühling angenommen wurde, jubelten wir. Er trat eine Woche nach seinem Schulabschluss die Ausbildung an, und ich war seltsamerweise glücklich, eine Zeit lang wieder allein zu sein.

Meine Eltern hatten die Universität von Illinois abgeschlossen, und ich hatte den Ehrgeiz, ebenfalls eine große Universität zu besuchen. In Anbetracht der Tatsache, dass meine Mutter eine fortschrittliche und beliebte Leiterin der Studienberatung der größten Highschool unseres Countys war, hätte man annehmen können, dass ich Insidertipps für die passende Auswahl eines College bekam, aber der Plan für mich lautete anders. Dad bevorzugte aus finanziellen Gründen ein College in unserem Heimatstaat Virginia und riet mir, an einem College mit Koedukation zu studieren. Frauenuniversitäten waren in seinen Augen wirklichkeitsfremd. Es ist mir peinlich zuzugeben, dass ich ihm damals zustimmte. Kaum zu glauben, dass es zu jener Zeit in Virginia nur zwei Colleges mit Koedukation gab – William and Mary, die mich mit meinen mittelmäßigen SAT-Noten nicht aufnehmen würden, und Lynchburg College, eine Schule, kleiner als meine Highschool! Ich wollte an eine große Universität wie die von Michigan! Heimlich bewarb ich mich dort und wurde abgelehnt. Ich hätte sie trotzdem besuchen können, aber der Bewerbungsprozess schüchterte mich ein. Dad wusste von meiner Enttäuschung, und wie üblich schlug er mir einen Kompromiss vor: Da er die Ausbildung in den ersten beiden Jahren bezahlte, würde er die Auswahl treffen, und er entschied sich für Lynchburg. Für die darauffolgenden zwei Jahre könnte ich entscheiden, ob ich wechseln wollte. Ich willigte ein, zumal es in Lynchburg ein Frauenhockeyteam gab. Es schien ein bisschen pervers zu sein, dass große Universitäten keinen Frauensport boten, wohl aber die kleinen Colleges. Ich sagte mir, dass ich mich auf mein neues Team vorbereiten müsse, und verlängerte meine Laufstrecke. Wenn mich eine Meile täglich ins Highschoolteam gebracht hatte, müsste ich zulegen, um es ins Collegeteam zu schaffen. Ich erfuhr, dass die Jungen im Crosslaufteam der Highschool drei Meilen täglich liefen. Ich kannte bis jetzt niemanden, der noch mehr lief, also steckte ich mir das Ziel, drei Meilen täglich zu laufen. Wenn ich das schaffte, würde meine Geheimwaffe zur Superwaffe werden.

Jeden Abend ging ich nach meinem Sommerjob auf die Bahn in der Highschool und lief meine Runden, jede Woche lief ich eine Runde mehr. Ich staunte, wie leicht mir das fiel, und wahrscheinlich hätte ich die drei Meilen auf Anhieb geschafft. Aber das war mir nicht klar, und ich hielt es für besser, die Laufstrecke vorsichtig zu erhöhen, um eine Verletzung zu vermeiden. Instinktiv tat ich das Richtige: Eine schrittweise Steigerung ist ein Schlüsselprinzip im Training und der Aufbau eines sicheren Fundaments. Ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken, und während eines dieser Hochgefühl-Momente, die während des Laufens eintreten oder unter der Dusche, erkannte ich, was ich beruflich machen wollte. Das, was ich neben dem Laufen am liebsten machte, war Schreiben für die Schülerzeitung. Ich hatte nie daran gedacht, Journalismus zu studieren und so meine beiden Leidenschaften zu verbinden. Ende Juli lief ich drei Meilen täglich. Ich war schweißgebadet. Ich fühlte mich wie eine Königin.

Kapitel 3 »Könnt ihr eine Meile laufen?«

Ich traf mit einem leichten Groll, aber auch überglücklich, von zu Hause fortzukommen, im Lynchburg College ein. Überrascht entdeckte ich, dass es dort sehr schön war, freundlich, und – ich gebe es ungern zu – es gefiel mir dort fast auf Anhieb. Ich hatte befürchtet, der ganze Campus wäre von unerträglicher Religiosität geprägt, aber es stellte sich heraus, dass nur die Theologiestudenten die Religion forcierten. Der Rest der Schule war erstaunlich ausgewogen, wenn man bedenkt, dass sie mitten in den fundamentalistischen Süden eingebettet war.

Ein paar der »heiligen« Studenten, die Priester werden wollten, waren aber kleine Teufel! Sie luden Mädchen ins Kino ein und bogen dann stattdessen in eine kleine Landstraße ein und versuchten, dort den Abend zu verbringen. Als mir das zum ersten Mal passierte, blieb ich vor dem Auto auf der Straße stehen und weigerte mich, wieder einzusteigen, bis der Student mir versprach, mich ohne Umweg direkt in mein Studentenwohnheim zurückzubringen. Nach diesem Erlebnis war ich sprachlos, als er mich fragte, ob er mich am nächsten Tag zur Kirche begleiten dürfe, so als sei er die Unschuld in Person!

Die akademische Atmosphäre in Lynchburg gefiel mir. Sie war anspruchsvoll, aber nicht einschüchternd, und die Seminare waren klein genug, um sich als Individuum fühlen zu können. Da ich überzeugt war, Journalistin werden zu wollen – obwohl mein militärischer Vater Journalisten verabscheute, sie »schwatzende linke Typen« nannte, »die nie dem Feind gegenübergestanden hätten« – , studierte ich zum ersten Mal mit Leib und Seele.

Begeistert ging ich zur ersten Sitzung meines Englischseminars am College. Ein Tag, den ich nie vergessen werde. Der Professor hieß Charles Barrett, ein leicht skurriler und bezaubernder Mensch. Er trug uns auf, ­einen Essay über eine Kurzgeschichte von Orwell zu schreiben. Dann schmunzelte er und referierte über die Schwierigkeit, einem Essay einen guten Titel zu geben. Ein fabelhafter Titel beinhalte entweder »Schlangen« oder »Sex«. Diese beiden Begriffe würden Leser sofort gefangen nehmen. Noch nie hatte ich im Unterricht von einem Lehrer das Wort »Sex« gehört, und ich fand es herrlich verrucht. Ich arbeitete lange an meinem Essay, unterzeichnete ihn mit K. V. Switzer, und in einem mutigen Moment setzte ich den Titel »SEX« darüber. In der nächsten Woche sagte Dr. Barrett, er wolle einen Essay laut vorlesen, und begann mit »Sex«. Ein kollektives Schnappen nach Luft folgte, und ich duckte mich auf meinem Platz. Dann las er die ganze Arbeit vor, erklärte, warum sie gut sei und er die beste Note gegeben habe. Ich war völlig fertig. Als wir den Seminarraum verließen, sagte ein Mitschüler: »Kannst du dir vorstellen, dass jemand diesen Titel gewählt hat?!« Und ich sagte nur: »Ja. Nein.« Ich belegte schließlich alle Englischkurse von Charles Barrett, ebenso Kurse für Kreatives Schreiben und Journalismus, und bald schrieb ich für die College­zeitung Critograph.

Das einzig wirklich Enttäuschende am LC war das Niveau der Frauenhockeymannschaft – und dann noch der Südstaatenakzent und die Hüfthalter. Wenn man sich einen Dialekt angewöhnt hat, ist es schwer, ihn wieder loszuwerden, und ich fand, dass Frauen mit diesem langsamen Südstaatenakzent weniger ernst genommen wurden als Frauen ohne Akzent. Vor lauter Angst, mir diese sirupsüße Sprache anzugewöhnen, bemühte ich mich um eine hochgestochene Ausdrucksweise. Ich muss wie eine arrogante Ziege geklungen haben, aber ich glaube wirklich, dass mir das später bei meiner Radio- und Fernseharbeit geholfen hat.

Die Hüfthalter – anscheinend trugen alle Mädchen diese grässlichen Gummidinger, die sie von der Taille bis zu den Oberschenkeln versiegelten – waren vordergründig dazu da, die Strümpfe oben zu halten und die Hüften schlanker wirken zu lassen, aber auch schmale Mädchen trugen sie. Warum irgendjemand überhaupt ein Kleidungsstück trug, das den Muskeltonus beeinträchtigte und Pinkeln zu einer zehnminütigen Tortur machte, war mir unbegreiflich, bis ich »den Code« begriff. Irgendwann fiel mir auf, dass meine simplen Baumwollstrumpfhalter gerümpfte Nasen und Kopfschütteln bei meinen Mitbewohnerinnen hervorriefen. Denn der dreifach gewirkte Hüfthalter signalisierte, dass man nicht »leicht zu haben« war. Wie sich später zeigen sollte, waren am Ende des ersten Semesters etliche dieser Latexjungfern schwanger, und ich kann mir absolut nicht vorstellen, wie sie es geschafft haben, diese Dinger auf dem Rücksitz eines Autos auszuziehen und vor der mitternächtlichen Ausgangssperre wieder anzubekommen.

Ich hatte gehofft, auf stärkere Feldhockeyspielerinnen zu treffen, um meine Technik zu verbessern. Aber wie sich herausstellte, war ich eine der besseren Spielerinnen. Es schmeichelte meinem Ego nicht, es war frustrierend. Als einige Spielerinnen nach einem Sprint außer Atem eine Pause machen mussten, war mir klar, dass wir nie ein erfolgreiches Team sein würden. Und als einige Abwehrspielerinnen darauf bestanden, ihren ­Longline-BH samt Hüfthalter zu tragen, wusste ich, dass es keine Hoffnung gab.

Das Spielfeld war ein Witz. Es war mit Steinen und Unkrauthügeln und kahlen Stellen übersät, der Ball rollte überall hin, nur nicht in die Richtung, in die er sollte. Ab und an errangen wir dennoch einen Heimsieg, weil niemand sonst auf diesem Feld spielen konnte. Die Mannschaften, die uns besuchten, besonders die aus den schicken Schulen, wie zum Beispiel Hollins, waren daran gewöhnt, auf traumhaften Anlagen zu spielen, die wie Golfplätze waren. Unser Platz brachte sie völlig durcheinander.

Eines Tages besuchte uns die legendäre Engländerin Constance ­Appleby, die Feldhockey im Jahr 1901 nach Amerika gebracht hatte, und hielt mit uns eine Trainingseinheit in Theorie und Praxis ab. Ich betete sie an und schätzte sie auf ungefähr achtzig Jahre. Man kann sich mein Erstaunen vorstellen, als ich herausfand, dass sie dreiundneunzig war. Sie wirkte nicht im Mindesten gebrechlich, war ziemlich kräftig um die Mitte herum und hatte sich mit einer schokoladenbraunen Tunika und farblich passender Schärpe und Schienbeinschützern angetan.

Nach einer kurzen Ansprache schockierte uns Miss Appleby, indem sie uns aufs Spielfeld jagte und mit uns spielte. Wir griffen gerade das Tor an, als Miss Appleby nicht weit von mir entfernt über einen großen Maulwurfshügel stolperte und lang hinschlug. Ich rannte zu ihr und schrie: »Oh, Miss Appleby, ist Ihnen etwas passiert? Oh, oh, oh!« O Gott, dachte ich, wir haben Miss Appleby umgebracht, aber als ich ihr aufhelfen wollte, sprang sie auf die Füße, wies mit ausgestrecktem Arm wie ein General auf das Spielfeld und rief mit ihrem unnachahmlichen britischen Akzent: »­Weiterspielen!«

Von diesem Moment an wusste ich, dass ich Sport machen würde, um mein Leben lang in Form zu bleiben. Miss Appleby war eine fitte, lebhafte alte Schachtel, und so wollte ich im Alter auch sein. Das Problem war nur, dass Frauen keinen Mannschaftssport außerhalb der Universität treiben konnten, es sei denn, man wurde Trainerin und konnte auf diese Weise dabei sein. Ich wollte nicht Trainerin werden, und ich wollte nicht nur dabei sein. Ich wollte eine Sportlerin sein, aber auch mehr als das. Ich wollte einen Beruf haben, einen journalistischen Beruf. Ich wollte sein wie die griechischen Athleten, die auch Philosophen waren: Ich wollte heraus­gefordert werden und an der Herausforderung wachsen.

Ich hatte dies oft mit mir selbst diskutiert, meistens beim Laufen, was ich weiterhin fast täglich nach dem Hockeytraining machte. Laufen war unglaublich befriedigend, selbst wenn es nur um den Sportplatz herum ging oder hin und wieder in einer großen Schleife um den Campus. Die Strecken hielten sich in Grenzen, sie gaben mir das Gefühl, etwas zu schaffen, und es war eine angenehme Art, die Frustrationen des Trainings mit der Mannschaft abzubauen, bei dem ich kaum außer Atem geriet. Ich fürchtete, mit der Mannschaft meine Form zu verlieren – was für eine Ironie! –, und ich wusste, dass Laufen mich stark und selbstsicher machte, bis ich die Lösung gefunden hatte.

An einem herrlichen Nachmittag im Herbst spielten wir beim nahen Sweet Briar College. Noch nie hatte ich ein so gepflegtes Spielfeld gesehen, und entsprechend schnell war auch das Spiel. Unsere Mädchen waren nicht in Form, und die Spielerinnen von Sweet Briar hatten uns in der Hand. Unsere Hüfthalter tragende Verteidigerin ließ die Gegnerin vorbei, und lachte dabei auch noch. Da spurtete ich los, um ihre Position einzunehmen, und versuchte, ein Tor zu verhindern. Verärgert, weil ich sowohl ihre Arbeit als auch meine verrichten musste, schrie ich sie an: »Das ist nicht lustig. Renn ihr nach!« Und ich schwöre, sie blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sagte: »Das ist nur ein Spiel, Kathy.« (Spiel sprach sie wie »Spie-hiel« aus.)

Nach dem Spiel schien niemand in unserem Team etwas dabei zu finden, dass wir verloren hatten. Sie waren begeistert, mit den Sweet-Briar-Mädchen Tee zu trinken. Ich war so wütend, dass ich mich verkrümelte, die sanften Linien der Blue Ridge Mountains betrachtete und mich fragte, warum es für mich nicht nur ein »Spie-hiel« war, warum ich es wichtig fand. Die Trainerin kam zu mir und sagte: »Du verlierst nicht gern, stimmt’s?« Es war viel komplizierter als das, aber ich war nicht gewandt genug, um ihr zu erklären, wie mir zumute war. Ich konnte lediglich sagen: »Nein, ich verliere nicht gern«, aber ich fing immerhin an, mich zu fragen, ob ich das Zeug zur Mannschaftssportlerin hatte. Vielleicht brauchte ich einen individuellen Sport. Dann musste ich nur auf mich selbst wütend sein. In drei Jahren würde ich sowieso keinen Mannschaftssport mehr betreiben können, weil es damals keinen Mannschaftssport für Frauen gab.

Heute – vierzig Jahre später – träume ich manchmal, dass ich Feld­hockey spiele. Dann habe ich die Schnelligkeit und die Ausdauer, die ich damals hatte, bin aber so erfahren und gewieft wie heute. Meine Mannschafts­kolleginnen und ich arbeiten zusammen, wir bauen brillante Spiele und Spielzüge auf, die ich mir mit achtzehn nie hätte ausdenken können. Dann ­wache ich lachend auf und frage mich, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn Feldhockey schon damals eine olympische Disziplin gewesen wäre.

 

Dave und ich hatten uns darauf geeinigt, im College auch mit anderen auszugehen, aber weiterhin fest zusammenzubleiben. Da er ein Erstsemester in der Marineakademie in Annapolis war, würden wir uns sowieso nur sechsmal im Jahr sehen können, warum sollten wir da nicht auch mit anderen ausgehen? Die wichtigsten Feierlichkeiten im College wurden June Week genannt, sie fanden am Ende des Ausbildungsjahres statt, und in der Akademie wurde jeden Abend getanzt. Meiner Mutter lag es besonders am Herzen, dass ich, ihre Tochter, daran teilnahm. Sie gab, was nicht oft vorkam, ihren weiblichen Fantasien Ausdruck, und ihre Geschenke zu Weihnachten in jenem Jahr bestanden aus Abendkleidern und allgemeinen Accessoires zur Gestaltung der June Week.

Das erste Weihnachten zu Hause in den Collegeferien war eine Entzauberung für mich, weil Dave sich so verändert hatte beziehungsweise weil die Marineakademie ihn verändert hatte. Er war nicht mehr der fröhliche Junge, den ich gekannt hatte, er kommandierte herum, sagte, ich müsse vom Lynchburg College zum Goucher College wechseln, um näher bei ihm und der Akademie zu sein, es sei egal, wo ich den Abschluss mache, ich würde sowieso nicht zu arbeiten brauchen. Darüber musste ich laut lachen, denn wir hatten unsere Berufswünsche in der Highschool besprochen.

»Wenn ich Marineoffizier bin, wird meine Frau nicht arbeiten«, eröffnete er mir.

»Aha«, sagte ich. »Und was soll ich in den sechs Monaten im Jahr machen, in denen du auf See bist?«

»Meine Mutter hat auch nicht gearbeitet, und sie war glücklich und zufrieden damit, für ein schönes Heim zu sorgen.«

»Nun, meine Mutter hat immer gearbeitet, und sie ist auch glücklich und zufrieden. Sie verdient ihr eigenes Geld, sie ist anerkannt in ihrem Beruf, und ich habe auch vor zu arbeiten, also mach dich darauf gefasst.«

Unsere strahlende Beziehung verdüsterte sich. Ich wollte immer noch zur June Week gehen – ich hatte schließlich diese schönen Abendkleider! –, aber ich war aus zwei weiteren Gründen von Dave immer weniger begeistert. Erstens lehnte er es plötzlich ab, dass ich lief, weil es mich in seinen Augen zur Außenseiterin machte. Das sagte er mir auf einer Party, und ich wurde so wütend, dass ich mich ohne ihn auf den sieben Meilen langen Heimweg machte. Es war spät, und ich wusste, dass es dumm von mir war. Als ein Freund im Auto vorbeikam und anbot, mich nach Hause zu fahren, willigte ich ein. Als ich eingestiegen war, merkte ich, dass ich mich geirrt hatte, der Mann war kein Freund, nicht mal ein Bekannter. Während der Fahrt dachte ich, o Gott, das ist sehr gefährlich! An einem Stoppschild sprang ich aus dem Wagen, rannte durch die Vorstadtgärten und versteckte mich unter einer Hecke. Dort lag ich eine Ewigkeit, und der Typ suchte nach mir. Als ich sein Auto wegfahren hörte und wusste, dass ich in Sicherheit war, ging ich zur Party zurück und bat einen Freund, mich nach Hause zu bringen. Dave kam später zu mir, wir stritten uns, weinten beide, und ich schrie ihn an, es sei verflucht gut, eine Läuferin zu sein, sonst hätte ich dem Verfolger nie entkommen können.

Der zweite Grund war, dass ich in Lynchburg seit dem Spätherbst mit einem Mitstudenten namens Robert Moss ausging, der anders war als alle Jungen, die ich bisher kennengelernt hatte. Seine Mutter war Engländerin, sein Vater Amerikaner. Er war groß und dünn, ruhig und zurückhaltend, hatte einen trockenen Humor, und er war im Besitz eines Regenschirms; all dies waren unamerikanische Züge, die mich faszinierten. Außerdem war er Mitglied der Crosslaufmannschaft, was für mich der Inbegriff der Romantik war. Er war der erste Mensch, dem ich die Geheimnisse meines Herzens offenbarte, auch meinen Wunsch, mich im Sport auszuzeichnen, was ein großes Wagnis war in dieser Ära der Geschlechterstereotypen. Robert hat meine Begeisterung nie abgewertet, nur weil ich ein Mädchen war, und ich hielt seinen erstaunlichen Sinn für Gleichwertigkeit unglücklicherweise für selbstverständlich.

Im Frühling waren wir dann ineinander verliebt und verbrachten viel freie Zeit, die wir in der Bücherei zum Lesen hätten nutzen sollen, unter einem Busch mit duftenden Blüten und tauschten bis zur Sperrstunde Zärtlichkeiten aus. Da ich die Freundin eines anderen war, schwebten wir in einem romantischen Nebel, wie es zu einer verbotenen Liebe gehört. Ich war verliebt, aber an Dave gebunden, oh, es war aussichtslos, bis Robert vorschlug, Dave sausen zu lassen. Was, und nicht zur June Week zu gehen? Unmöglich! Es war der falsche Vorschlag. Stur nahm ich an der June Week teil, und Robert, der mir vorwarf, ihm ein paar Ballkleider vorgezogen zu haben, weigerte sich ebenso stur, unsere Beziehung danach fortzusetzen. Wir blieben Freunde, aber ich habe Jahre gebraucht, wirklich über ihn hinwegzukommen.

Achtzehn Monate später, an einem regnerischen Nachmittag, waren die harten Grasflächen des Spielfelds, auf denen ich sonst lief, so matschig, dass ich beschloss, auf der Bahn des Sportplatzes zu laufen. Normalerweise lehnte ich Bahnläufe ab, weil ich es so langweilig fand, im Kreis herumzulaufen, aber auch deshalb, weil an einer Seite die Wohnheime der Jungen lagen. Als ich das letzte Mal dort gelaufen war, hingen ein paar blöde Kerle aus den Fenstern und sangen im Chor »Hüpf, hüpf, hüpf!« Aber an diesem Nachmittag regnete es so stark, dass ich trotzdem beschloss, dort zu laufen.

In der letzten Zeit hatte ich einige meiner Läufe mit einem schnellen Erstsemester namens Martha Newell absolviert. Marty und ich spielten Hockey zusammen, und dann liefen wir gemeinsam und beschlossen sogar, einer Organisation namens Amateur Athletic Union (AAU) beizutreten, die, wie man uns sagte, 880-Yards-Rennen (804,68 Meter) durchführte, die längste für Frauen erlaubte Distanz. Marty lief die respektable Zeit von 2:23 Minuten und war auch auf den kürzeren Strecken schnell. Meine Bestzeit auf 880 Yards waren 2:34 Minuten, und ich war frustriert, weil ich spürte, dass ich auf diesen kurzen Strecken kaum in Fahrt kam. Wir reisten zu ein paar Wettkämpfen nach Baltimore. Obwohl es sich, wie ich fand, kaum lohnte, irgendwohin zu fahren, nur um zwei Runden um ­einen Sportplatz zu laufen, war ich begeistert von dem Training mit Marty. Das Laufen machte mir so viel Spaß, dass ich mich darauf einstellte, Hockey und Basketball dafür aufzugeben. Laufen war etwas, was ich mit einer Freundin oder allein tun konnte, und zwar mein ganzes Leben lang. Dafür brauchte ich weder einen Trainer noch ein Team. Ich hatte eine ­Lösung für mein Dilemma gefunden.

Ich war mit meinen drei Meilen fast fertig, als ich bemerkte, dass der Bahntrainer der Männer, Aubrey Moon, nach draußen gekommen war und irgendwie einsam in seinem tropfenden Regenanzug am Rand der Bahn stand. Er hielt Stoppuhren in jeder Hand, deren Bändsel zwischen seinen Fingern baumelten. Aber es gab keine Läufer auf der Bahn, deren Zeit er nehmen könnte. Nach meiner letzten Runde rief er mich zu sich.

»Kannst du eine Meile laufen?« fragte er mich.

Leicht indigniert sagte ich: »Ich kann drei Meilen laufen.«

»Das ist gut. Denn ich habe in dieser Saison nur sechzehn Jungen auf der Bahn, und zwei davon sind 2-Meilen-Läufer, Mike Lannon und Jim Tiffany. Wenn du für uns eine Meile läufst, können wir noch mehr Punkte bekommen. Du musst nur ankommen. Mehr nicht.«

Er hätte auch seinen Cockerspaniel gebeten, wenn er ihn dazu hätte bringen können, vier Runden lang auf der Innenseite der Bahn zu laufen, nur um seine Punkte zu kriegen, aber es freute mich trotzdem, dass ich ihm und dem Team aus der Patsche helfen sollte. Es war keine große Sache. In Lynchburg wurde dem Bahnlauf sowieso keine große Aufmerksamkeit geschenkt.

»Sicher, Trainer, stellen Sie mich auf«, sagte ich lachend. Diesen klassischen Kinospruch wollte ich schon immer mal sagen können.

Lynchburg College war Mitglied in zwei Athletic Conferences (Sportligen). Die eine, Mason-Dixon Conference, verbot die Teilnahme von Frauen in männlichen Teams, die andere, die Dixie Conference, ließ sie zu. Die kommenden drei Wettkämpfe waren mit drei Colleges angesetzt, die Mitglieder der Dixie Conference waren. An diesen Rennen konnte ich also teilnehmen.

Am selben Abend noch rief ich meinen Freund Mike Lannon an und bat ihn um Rat. Denn noch nie war ich eine Meile unter Wettkampfbedingungen gelaufen. Ich glaube, Mike war der einzige Student, der als Läufer in Lynchburg so etwas wie ein Stipendium hatte. Er war ein sehr guter Läufer und wohnte im oberen Stockwerk der alten Turnhalle, was wahrscheinlich eine Art Gegenleistung in Form von Unterkunft war. Mike holte sich ein Stück Papier und sagte, seiner Meinung nach könne ich die Meile in sechs Minuten laufen, was bedeutete, eine Runde in neunzig Sekunden zu schaffen. Wichtig wäre, die erste Runde nicht schneller als neunzig Sekunden zu laufen, sonst würde mir die Luft ausgehen. Mike war sehr lebhaft, er machte mir Mut, ohne mich zu bevormunden. Wie sich beim Training in den kommenden Tagen zeigte, blinzelte mir kein Junge zu oder grinste vieldeutig. Das waren offensichtlich nicht die Kerle, die mir aus den Wohnheimfenstern hinterhergebrüllt hatten. Ich fühlte mich wohl.

Ein paar Tage später forderte Coach Moon auch Marty auf, am Wettkampf teilzunehmen. Sie sollte die 880 Yards laufen. Gott sei Dank musste ich das nicht! Da es keine Wettkampfhemden für uns gab, gingen wir in ein Sportgeschäft und kauften uns rot-weiße Oberteile, die einigermaßen zum Rot der Lynchburg College Hornets passten.

Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber in der Zeit war ich auch Teilnehmerin des Schönheitswettbewerbs Miss Lynchburg. Ich fand, dass alle Schönheitswettbewerbe nur dumm waren und sagte das auch eines Abends während des Essens zu meinen Freundinnen. Unter ihnen war auch meine Mitbewohnerin, Hockeymitspielerin und beste Freundin Ronette ­Taylor, die meine radikalen Ansichten über Frauenrechte teilte. Meine Freundinnen buhten mich aus, die Schönheitswettbewerbe hätten sich geändert, sie würden heutzutage Interviews beinhalten und die Beurteilung von Talent, außerdem könnte man Stipendien gewinnen, Reisen, schöne Kleider und ein paar Wochen lang ein nagelneues Auto fahren. Als wir wieder in unserem Zimmer waren, meinte Ronnie, ich wäre verrückt, mich nicht zu bewerben, ich hätte ebenso gute Chancen wie die anderen. Ich schätzte ­Ronnies Urteilsvermögen, und schließlich hatte ich diese Abendkleider! Also nahm ich am Wettbewerb teil.