Märchen aus Äthiopien -  - E-Book

Märchen aus Äthiopien E-Book

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Beschreibung

Das moderne Äthiopien umfasst zahlreiche Völker und Sprachen und nennt eine entsprechend umfangreiche Erzähltradition ihr Eigen. Rund 140 Geschichten der semitischen, kuschitischen und nilotische Volksgruppen sind in diesem Band versammelt. Unter ihnen spielt das Tiermärchen eine große Rolle, ebenso wie das Heldenmärchen, das die Bedeutung des Strebens nach Ruhm und Ansehen für Äthiopier veranschaulicht.

Die Diederichs-Reihe »Märchen der Weltliteratur« ist die umfassendste Sammlung ursprünglicher Erzählliteratur aller Völker und Zeiten. Sie versammelt das Schönste, was sich die Menschen je erzählt haben: Mythen und Legenden, Göttersagen und Dämonengeschichten, Feen- und Zaubermärchen, gewitzte Tierfabeln und herrliche Schwänke. Wer die Eigenart anderer Völker verstehen will, wird hier Wege abseits des Mainstreams finden. Eine moderne Märchenbibliothek für eBook-Leser.

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Seitenzahl: 367

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Inhaltsverzeichnis

1. Abessinien2. Die Geschichte von Äksum3. Der König Ärwē4. Die Geschichte des Drachen5. Die Geschichte vom Drachen6. Der Schlangenkönig und seine Schwester7. Die Ebene Ḥäṣäbo8. Äbba Gärima9. Das Wesen der acht Länder Äthiopiens10. Die Geschichte von der Königin von Saba in der Überlieferung von Äksum11. Die Ankunft der Bundeslade in Äksum12. Salomon und die Königin von Saba13. (1) Menilek I.13. (2) Wie Ebnä Elḥäkim die Bundeslade stahl14. Der erste Krieg des Königs von Äthiopien15. Die Geschichte vom König Kalēb16. Säyfä Ärcad (1344–1371)17. Die Mauer von Ḥärär18. Aḥmad Ibn Ibrāhim al-Ġāzi, der Linkshändige (Grañ)19. (1) Das Schaf des ’Aṣē Bäkafa aus dem Reich Äthiopien19. (2) Der listige Student20. Die Sprache der Tiere21. Der Schulmeister, die Hühner und die Schüler22. Die späte Rache eines Hundes23. (1) Der Hund und sein Bild im Wasser23. (2) Der Hund und der Knochen24. Die Geschichte von den Mäusen25. Die unglückliche Maus26. Der Mäuserat27. Die Geschichte von der Maus und von der Kröte28. Die hungrige Ratte29. Die Hausratte und die Feldratte30. Die Geschichte der Spinne31. Der Junge und der Skorpion32. Die Biene und der Affe33. Sieben Löwen und ein Ochse34. Der Löwe und der Affe35. (1) Der Löwe, die Hyäne und der Schakal35. (2) Löwe, Hyäne und Schakal auf der Jagd36. Der Schakal und der Löwe37. Das Keuchel, der Schakal und der Löwe38. Der Hase, der dem Löwen gleichen wollte39. Die Geschichte von dem Löwen und dem Mistkäfer40. Die Geschichte vom Mistkäfer und der Spinne41. Der Hase und die Erde42. Gottes Wille geschehe43. Die Gabelweihe und der Hase44. Der am Schwanz ergriffene Leopard45. Der Leopard, die Ziege und der Kohlkopf46. Das Junge des Leoparden und das Junge der Ziege47. Die Geschichte einer Antilope48. Die Äffin als Gemahlin des Siebenhorns49. Die Affenmutter und ihre Tochter50. Das Rabenjunge51. Das Affenweibchen als Bäuerin52. Der Schreiber und der Affe53. Die Geschichte der Affen und ihr Grabgesang54. Zwei Katzen und ein Pavian55. Der Mann und die Schlange56. Der Wanderer und die Hyänen57. Der Schläfer und die Hyäne58. Die Hyäne als Gast59. Der Mann und die Hyäne60. Die gierige Hyäne61. Die Hyäne, der Schakal und der Affe62. Die Hyäne und der Esel63. (1) Die Esel kondolieren den Hyänen63. (2) Die Hyäne und der Esel64. Die Geschichte der Hyäne65. Der Schakal und der Raubvogel66. Die Geschichte vom Schakal und vom Geier67. (1) Der Schakal und der Rabe67. (2) Der Rabe und der Schakal68. Die Vorsicht des Schakals69. Der Schakal als Büßer70. Der Esel, der Wolf und der Schakal71. Die Geschichte der Aloë72. Die Eisenwerkzeuge und die Bäume73. Die Erzählung von Rhampsinit, dem König von Ägypten74. Die Geschichte der Tochter des Königs75. Das Urteil eines klugen Königs76. (1) Das Urteil des Königs »Unverstand«76. (2) Das Urteil eines Königs77. Die zweite Geschichte vom König »Unverstand«78. Vom König und vom Philosophen79. Der Ratgeber zweier Könige80. Der Kammerdiener des Königs und der Intrigant81. Der Däǧǧač Gwäschu und sein Diener82. Ein Sklave überbringt eine schlechte Nachricht83. König Śahlä Śellasē und Martin84. Der Mönch und der Soldat85. Zwei Geschichten von dem Bauern und den Soldaten86. Der Erzengel Uriel auf dem Flug über Äthiopien87. Die Geschichte des Heiden88. Das Wunderkind89. Das Leben Täklä Haymanots90. Der Preis der Liebe91. Ein Ehehindernis92. Das Hochzeitsmahl93. Ein dummer Mann und eine kluge Frau94. Die Geschichte einer dummen Frau95. Der Jäger und seine Frau96. Die Geschichte eines Blinden und seiner Frau97. Die Geschichte von der Frau und den Räubern98. Die naschhafte Frau und der unverschämte Student99. Die Gattin, der Gatte und der Liebhaber100. Die Verschlagenheit einer Ehebrecherin101. Die Rache des verratenen Ehemannes102. Die vergebene Mühe einer Frau103. Die Frauen, die Männer und der Dämon104. Die Geschichte vom Sohn der zänkischen Frau105. Das Narrenpaar106. Die zwei Stieftöchter107. Die Geschichte eines Mannes, der ängstlich auf die Wahrheit achtete108. Der Magen und die anderen Sinnesorgane109. Hochmut kommt vor dem Fall110. Der verzogene Hund111. Der bescheidene Reiche112. Der schwachsinnige Arme und die Reichen113. Das geizige Ehepaar und der Gast114. Die Geschichte von einem geizigen Reichen115. Der bestrafte Betrug116. Der Neid ist vorherbestimmt117. Der reiche und der stolze Diener118. Vom reichen alten Mann119. Der Reiche und der Tod120. (1) Die Geschichte von den zwei Schlauen120. (2) Die beiden schlauen Bauern121. Das Urteil der Menschen ist eitel122. Die Geschichte von den dummen Kaufleuten123. Der Furchtsame und die Furt124. Der Student als Prahlhans125. Der geübte Dieb und sein Schüler126. Die dumme Unterländerin127. Der Zudringliche128. Die drei Schiedsrichter129. Die Geschichte eines tauben Richters und zweier tauber Menschen130. Der bestechliche Richter131. Die weise Antwort eines Gelehrten132. Der fehlende Erbe133. Der Junggeselle und der Philosoph134. Acht Brüder in der Zeit der Teuerung135. Der erfüllte Traum136. Der Philosoph und der Ratsuchende137. Die drei Philosophen138. Die Geschichte von den Leprakranken139. Die Geschichte eines Bauern140. Die Getreidewächterin141. Der Überlebende142. Der freche Diener143. Die zwei Sklaven144. Die ungelegene Antwort eines Sonderlings145. Der ungeschickte Tröster146. Die Schüler und die Nadel147. Der mildtätige Gastgeber und der Blinde148. Der Zwiebeldieb149. Der Lahme und der Blinde150. Ein leichtsinniger Mensch kann eher eine große und schwere Mühle tragen als eine Sache bei sich behalten151. Ein Landmann macht sich lächerlich152. Der enttäuschte Landwirt153. Der Zwerg und seine Brüder154. Der gefräßige Gast155. Die Geschichte von den zwei Brüdern156. Geistesgegenwart157. Drei Toren158. Die Verschlagenheit Satans159. Der Spaßvogel160. (1) Die Töpferin160. (2) Der Aläqa und seine Frau im Hause160. (3) Das vertauschte Baby160. (4) Ein Genießer160. (5) Die mit Asche beschmutzte Schülerin160. (6) Der verspottete Eselstreiber160. (7) Heimweh160. (8) Gutes Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen160. (9) Rettung vor Räubern160. (10) Die Rache des Aläqa Gäbre-Hanna161. Das wunderbare Minarett162. Die wunderbare Reise des Au BahárCopyright

1. Abessinien

Abessinien bedeutet Vermischung. Die Vermischung zeigt sich auf zweierlei Weise:

Nach der einen heißt es, daß die Nachkommen Sems und die Nachkommen Japhets sich mit den Nachkommen Hams vermischten.

Nach der anderen wäre es ein Menschenname. Sie sagen, daß dieser Mensch weder rot noch schwarz war, sondern kastanienbraun. Das war zur Zeit des Pentateuchs, der Königin des Südens, ihres Sohnes Ebnä Elḥäkim. Ebnä Elḥäkim bedeutet »Sohn des Weisen«. Er ist Menilek.

Es ist bekannt, daß zu dieser Zeit die Nachkommen Jakobs in das Land kamen, die das Gesetz des Pentateuchs angenommen hatten. Von dem Einzug der Kinder Japhets zur Zeit des Pentateuchs ist sonst nichts bekannt. Er ist der Zeit des Evangeliums zuzuschreiben. Unser Vater Frumentios, genannt Sälama, ist der Offenbarer des Lichts. Die Erklärung ist, daß er das Evangelium und die Taufe gelehrt hat. Da er ein Grieche war, Sohn Japhets, kamen zu seiner Zeit viele Menschen, wie bekannt ist.

2. Die Geschichte von Äksum

Kam (= Harn) zeugte den Kusch. Kusch zeugte den Äthiopis. Und nach seinem Namen ist Äthiopien benannt worden bis auf den heutigen Tag, und sein Grab ist in Äksum und wird bis auf den heutigen Tag »das Grab des Äthiopis« genannt. Man erzählt, daß ein Feuer darin zu brennen pflegte. Es heißt, wenn Eselsmist hineinfiel und darauf ein Stück Zeug, daß er es verbrannte.

Äthiopis zeugte den Äksumawi. Äksumawi zeugte den Mäläkya Äksum, und er zeugte den Sum, Näfas, Bägico, Kuduki, ’Äkhero, Färheba. Diese sechs Söhne des Äksumawi wurden die Väter von Äksum. Und als sie ihr Land teilen wollten, erschien ein Mann, dessen Name May Bih genannt wurde, und teilte das Land, wie man erzählt. Sie aber gaben ihm jeder zwei Äcker, und er ließ sich bei ihnen nieder.

3. Der König Ärwē

Es war einmal eine große Schlange, die König des Landes Äthiopien war. Alle Statthalter verehrten sie und opferten ihr ein jungfräuliches Mädchen von schönem Aussehen. Sie ließen sie schminken und schmücken, führten sie vor jenen Drachen und ließen sie dort zurück. Daraufhin verschluckte er sie. Jener Drache war 170 Ellen lang, vier Ellen dick, seine Zähne maßen jeweils eine Elle, seine Augen waren Feuerflammen gleich, die Brauen seiner Augen ähnelten einem schwarzen Raben, und seine ganze Gestalt war wie Blei und Bronze. Wenn er trank, genügten ihm keine 17 Eimer. Zur Nahrung brachte man ihm täglich zehn ausgewachsene Ochsen, zehn junge, 100 Ziegen, 100 Schafe und abertausend Vögel. Auf seinem Haupt war ein Horn von drei Ellen Länge. Wenn er marschierte, hörte man sein Getöse acht Tagesreisen weit entfernt.

4. Die Geschichte des Drachen

Es wird erzählt, daß ein Drache oder eine Schlange namens Wäynabä 400 Jahre lang über Abessinien herrschte. Alle Menschen und Tiere waren ihm untertan und brachten ihm Tribut dar: Eine erstgeborene Tochter und ein Gäbäta Mich waren ihr Tribut. Danach aber verschwor sich ein Mann, der Ängäbo hieß und sein Diener gewesen war, mit allen Bewohnern des Landes, indem er sprach: »Ich will den Drachen töten; dann gebt mir die Herrschaft.« Und alles Volk sagte: »Ja« und schwur ihm. Er aber, das heißt der Drache, war in Tämbēn. Als er nach Äksum gekommen war, säuberte Ängäbo die Straße und stellte unter der Straße ein Eisen auf. Der Drache aber machte sich auf den Weg nach Äksum. Als er auf der Straße war, traf er zur Rechten und zur Linken Feuer. Dazwischen wälzte er sich dahin. Er gelangte nach Äksum und starb. Man begrub ihn in May Wäyno. Sein Grab ist dort bis auf den heutigen Tag und heißt das »Grab des Drachen«. Das Land gehört zu Färheba.

Ängäbo, der den Drachen getötet hatte, herrschte zweihundert Jahre. Es heißt, daß er der Vater der »Königin des Südens« (= der Königin von Saba) war. Die »Königin des Südens« aber gebar den Menilek von König Salomon. Und Menilek starb in Äksum und wurde bei seiner Mutter, der »Königin des Südens«, begraben. Ihr Grab ist dort bis auf den heutigen Tag auf dem Gebiet von Mäläkya Äksum.

5. Die Geschichte vom Drachen

Ein Drache oder eine Schlange namens Wäynabä regierte 400 Jahre in Abessinien, wie es heißt. Alle waren ihm untertan und zahlten ihm Tribut: Ein erstgeborenes Mädchen und ein Gäbäta Milch waren ihr Tribut. Aber dann verschwor sich ein Mann namens Ängäbo, der einer seiner Diener war, mit dem ganzen Land, indem er sprach:

»Ich werde die Schlange töten; danach übergebt mir das Reich!«

So sprach er. Alle Menschen stimmten ihm zu und schwuren ihm. Und sie, nämlich die Schlange, hielt sich in Tämben auf. Nun, für die Zeit sobald sie nach Äksum kam, hatte Ängäbo die Straße geglättet, und unter der Straße hatte er Eisen verlegt. Und die Schlange machte sich auf den Weg, um sich nach Äksum zu begeben. Während sie nun auf der Straße war, machte Ängäbo Feuer zu seiner Rechten und zu seiner Linken. Die Schlange wälzte sich bis nach Äksum und starb dort. Sie begruben sie in May Wäyno. Bis heute findet sich dort ihr Grab. Es heißt »Das Grab der Schlange«. Und der Boden ist von Färheba, sagt man.

Jener Ängäbo, der die Schlange tötete, regierte für einen Zeitraum von 200 Jahren. Es heißt, er wurde der Vater der Königin des Südens. Und die Königin des Südens empfing Menelik von dem König Salomon. Und Menelik starb in Äksum. Er wurde mit seiner Mutter zusammen begraben, der Königin des Südens. Und bis heute ist dort ihr Grab. Sein Platz ist der Boden von Mäläkya Äksum, heißt es.

Und auf dem Boden von Mäläkya Äksum befindet sich die Skulptur eines Löwen, dessen Geschichte folgendermaßen erzählt wird: Weil der Löwe ständig fraß, erzürnte sich der heilige Michael und befestigte ihn an diesem Stein, und er blieb dort abgebildet. Und sein Abbild findet sich dort bis heute. Und nahe bei ihm befand sich ein Dorf bis zu der Zeit des Königs Johannes.

Und über diesen Ort erzählt man sich die Geschichte eines Mannes, der Ayana Äzgi hieß. Und er, der ein Fürst war, sammelte sein Heer, und als er nach Westen zog, sagte er zu den Soldaten.

»Jeder einzelne sammle an diesem Orte einen Stein für heute abend.«

So sprechend, gab er ihnen diesen Befehl, damit er – zurückkehrend – sein Heer erkennen und wissen würde, wie viele von ihm fehlten. Und als er zurückkehrte, sprach er zu ihnen:

»Jeder von Euch hebe einen Stein auf!«

Als diejenigen, die zurückgekehrt waren, ihre Steine aufhoben, blieben viele zusammengesammelt auf der Erde. Dort sind sie bis heute!

6. Der Schlangenkönig und seine Schwester

Azeb, ein junges Mädchen, und Agabuos, eine große und lange Riesenschlange, waren Geschwister. Agabuos war Oberhaupt der Schlangen und Schlangenkönig. Seine Schwester war seine Dolmetscherin. Sie vermittelte den Untertanen seine Absichten, die sie verstehen sollten.

Sie residierten in Schum Ärwē, was »Ort des Schlangenoberhauptes« heißt. Die Notabeln von Schum Ärwē hatten Azeb den Thron versprochen. In der Tat zettelten sie eines Tages eine Verschwörung an, als das Schlangenoberhaupt sich nach Äksum begab und den Ort jenseits von Ueri Guaharò erreicht hatte. Sie zündeten die Wiesen an, so daß Agabuos keinen Ausweg aus dem Feuer fand und verbrannte. Und so geschah es, daß die Flammen das Schlangenoberhaupt verzehrten. Agabuos wurde in Äksum begraben, in der Gegend von Meerabe Decchenai.

Doch Azeb wurde nach dem Tode des Bruders nicht zur Königin ausgerufen. Die Notabeln hielten sich nicht an das Abkommen mit ihr. Sie begab sich daher nach Äksum zum Grabe ihres Bruders und weinte dort, unter Tränen sprechend:

»Komm, o Gott des Agabuos!

Komm, o Gott des Agabuos!

Komm Du, schaffe Gerechtigkeit!«

Nachdem sie diese Worte gesagt hatte, erhob sich ein großes Erdbeben, und das Land verdunkelte sich. Die erschreckten Notabeln von Schum Ärwē wußten Bescheid, begaben sich zu Azeb, baten sie um Verzeihung und erhoben sie zur Königin mit Sitz in Äksum, nahe bei dem Kirchhof, auf dem Agabuos ruhte.

7. Die Ebene Ḥäṣäbo

Wer von Ädwa nach Äksum geht, stößt auf eine Ḥäṣäbo genannte Ebene (südöstlich von Äksum). Woher kommt der Name Ḥäṣäbo? Einige Leute erklären sich das so:

In Äthiopien war vor langer Zeit die Schlange Herr der Erde und König, wie man erzählt. Und die Landbewohner machten es so, daß sie ihr als Speise ein Gäbäta voll Milch und eine erstgeborene Jungfrau gaben. So verlangte es das Gesetz des Landes für viele Jahre, sagt man. Während es so geschah, zogen die neun Heiligen die Straße entlang, wo die Schlange ihre Speise erwartete. Als sie vorbeizogen, setzten sie sich am Fuß einer Sykomore nieder, um ihren Schatten zu genießen. Während sie so saßen, fielen Tränen herab, und diese Heiligen, sich umwendend, entdeckten das an der Sykomore aufgehängte Mädchen.

»Wer bist Du?« fragten diese sie. Und sie sprach zu ihnen: »Ich bin ein menschliches Wesen.«

»Was machst Du also?« fragten sie sie.

»Ich bin als Tribut für die Schlange gekommen«, sprach sie zu ihnen. Und diese fragten:

»Aber wo ist sie?« Und sie antwortete:

»Dort ist sie!« Und sie sprachen zu ihr:

»Vielleicht dort, nahe bei dem Hügel?«

Aber sie sprach zu ihnen:

»Sie selbst ist es, die ein Hügel zu sein scheint.«

Und sie wandten ihre Gesichter der Schlange zu und machten mit ihren Kreuzen das Kreuzzeichen, und jene Schlange starb berstend, und ihr Blut floß nach Ḥäṣsäbo. Diese Heiligen sagten zu der Ebene: »Sie hat Dich gewaschen«  – und seitdem nennt man sie Ḥäṣäbo.«

Andere erzählen hingegen so, indem sie sprechen:

»Äbreha und Äṣbeḥa waren dabei, die Kirche von Äksum zu erbauen. Nachdem sie den Tag über gebaut hatten, begaben sie sich am Abend auf ihr Land und wuschen sich im Fluß Ruba, der in jener Ebene ist. Und der Name jener Ebene wurde Ḥäṣäbo genannt«, erzählen sie.

8. Äbba Gärima

Die neun Heiligen waren zu der Michaelskirche gekommen, erzählt man. Nachdem sie dort angekommen waren und sich in der Michaelskirche aufhielten, war Fastenzeit, wird berichtet. Sie aber fanden – bevor die Zeit des Fastenbrechens herangekommen war – etwas zu essen, teilten es unter sich und aßen es. Äbunä Gärima jedoch, nachdem er gesagt hatte: »Ich werde nicht essen, bevor die Zeit herangekommen sein wird«, legte seine Portion nieder. Während er seine Portion niederlegte, sahen ihn seine Genossen nicht.

Nachdem sie nun gegessen hatten, fragte ein Küster sie, indem er sprach:

»Wer unter Euch kann die Anaphora feiern?« Alle sagten:

»Wir können nicht!«

Der Äbunä Gärima, nachdem er gesagt hatte: »Ich hier, ich«, feierte die Anaphora. Die anderen Heiligen sprachen über Äbunä Gärima und sagten:

»In der Tat, nachdem er mit uns gegessen hat, ist er gegangen, um die Anaphora zu feiern!«

Nach der Feier der Anaphora, während Gärima zurückkehrte, sprachen seine Genossen zu ihm:

»Entferne Dich von uns, auf daß wir uns beraten.«

Und als er gesagt hatte: »In Ordnung!« und nachdem er – während er sich von ihnen trennte – gesagt hatte: »O Wald, entferne Dich zusammen mit mir!«, da entfernte sich der ganze Wald und bewegte sich zusammen mit ihm. Als die Heiligen angesichts dieses Wunders gesagt hatten: »Bleibe stehen, o Gärima, o König, Du hast uns verwundert«, da blieb er stehen. Und als er nun stand, sagten sie zu ihm: »Vergib uns, wir waren dabei, schlecht von Dir zu reden«, sprechend: »Seht, nachdem er Nahrung zu sich genommen hat, hat er die Anaphora gefeiert!«

Aber der Äbunä Gärima zeigte ihnen dieses bißchen Nahrung, das ihm zuteil geworden war, und sagte:

»Ich habe es nicht gegessen.«

Und alsdann vergab er ihnen.

Bis heute ist es in unserem Lande jedes Jahr so, daß man den Tabot der Kirche des Äbunä Gärima nimmt und zu der Michaelskirche in Ädwa geht. Das ganze Volk geht zu der Feier der Anaphora. Danach veranstaltet man ein großes Fest. Dieses Fest heißt Gäbrä Tä’ammer, was bedeutet, »der Tag, an dem das Wunder geschah!«

9. Das Wesen der acht Länder Äthiopiens

Von Jerusalem kamen acht nach Äthiopien. Sie hießen Leichtfertigkeit, Halsstarrigkeit, Stolz, Gesittung, Tapferkeit, Treulosigkeit, Einfalt und Klugheit. Als sie nach Tegrē kamen, sprach Leichtfertigkeit:

»Brüder, ich habe mein Land gefunden und werde hierbleiben, lebt wohl.«

Als sie dann nach Semen kamen, sagte Halsstarrigkeit:

»Meine Brüder, ich habe meinen Ort gefunden, lebt wohl«, und blieb zurück. Als sie Wäggära erreichten, sagte Stolz: »Brüder, ich bin in mein Erbteil gekommen, lebt wohl«, und blieb zurück. Als Gesittung Gondär erreichte, sagte er: »Meine Brüder, ich habe mein Lager gefunden und bleibe hier, lebt wohl«, und blieb dort. Die vier zogen weiter, und als sie Bēgämder erreichten, nahm Tapferkeit Abschied von ihnen und sprach:

»Meine Freunde, ich habe einen Platz zum Verweilen gefunden, möge Gott Euch recht leiten.«

Als sie dann Däbrä Tabor erreicht hatten, stand Treulosigkeit auf der Höhe von Däbrä Tabor und schaute über . Und nachdem er gesagt hatte: »Brüder, erlaubt mir, in mein Land zu gehen«, zog er hinüber nach Goǧǧam. Die zwei zogen welter und gelangten in das Amharenland. Da sprach Einfalt: »Mein Bruder, möge Gott Dich an einen guten Ort führen« und blieb zurück. Klugheit reiste allein weiter, kam nach Šäwa und herrschte dort.

10. Die Geschichte von der Königin von Saba in der Überlieferung von Äksum

König Menileks Mutter war ein Tegrēmädchen namens Eteyē Äzēb. Damals verehrte man in Tegrē einen Drachen, den Drachen, dem man folgendes Opfer darbrachte: Jeder Mann gab reihum seine erstgeborene Tochter und ein Entälam Met und ein Entälam Milch. Als nun die Eltern Eteyē Äzēbs an die Reihe kamen, banden sie ihre Tochter für den Drachen an einen Baum. Und an den Ort, an dem sie an den Baum gefesselt war, kamen sieben Heilige und setzten sich dort in den Schatten. Und während sie dort saßen, begann das Mädchen zu weinen, und eine ihrer Tränen fiel auf sie. Und als diese Träne auf sie gefallen war, blickten sie nach oben und sahen sie dort gefesselt und fragten sie, indem sie sprachen:

»Wer bist Du? Bist Du Mariens oder ein menschliches Wesen?« Und sie antwortete ihnen:

»Ich bin ein menschliches Wesen!«

Sie sprachen zu ihr:

»Und warum bist du hier angebunden?«

»Sie fesselten mich, damit mich der Drache verschlingen kann«, sagte sie. Sie fragten sie:

»Ist er jenseits des Hügels oder an dieser Seite?«

»Er ist der Hügel«, war ihre Antwort. Und als sie ihn sahen, packte Äbba seinen Bart, und Äbba Gärima sagte:

»Er hat mich erschreckt«, und Äbba Menṭelit erklärte: »Ergreifen wir ihn«, und in schnellem Lauf warf er sich auf ihn und schlug ihn. Daraufhin griffen ihn alle an, schlugen ihn mit dem Kreuz und töteten ihn. Und als sie ihn töteten, spritzte Blut auf das Mädchen und tropfte auf ihre Ferse, die ein Eselshuf wurde.

Danach befreiten sie das Mädchen und sagten zu ihr:

»Gehe nun in Dein Dorf.«

Und als sie in ihr Dorf kam, trieben die Leute des Dorfes sie weg, denn sie wußten nicht, daß der Drache tot war. Außerhalb des Dorfes erklomm sie einen Baum und verbrachte dort die Nacht. Am nächsten Tage kehrte sie zurück und sprach:

»Kommt, damit ich Euch zeige, daß der Drache tot ist.«

Die Dorfleute folgten ihr also und sahen den Drachen tot vor sich liegen. Und als sie ihn so tot liegen sahen, sprachen sie:

»Laßt sie uns zu unserem Meister (= Rabbi) machen! Denn wenn Gott ihr das nicht gegeben hätte, wie hätte der Drache dann durch sie seinen Tod finden können?«

Und sie machten sie zu ihrer Anführerin. Und nachdem sie das geworden war, machte sie ein Mädchen wie sie zu ihrer Beraterin.

Danach hörte sie, daß man folgendes berichtete: In Jerusalem ist ein König namens Salomon. Wer immer zu ihm geht, wird von der Krankheit kuriert, die er hat.

»Wenn Du hingingest, dann würde Dein Fuß wieder so werden wie vorher, sobald Du durch seine Tür eintreten würdest«, erklärte man ihr. Nachdem sie das gehört hatte, flocht sie ihr Haar, so daß sie einem Manne glich. Ihre Beraterin tat ein Gleiches. Dann gürteten beide sich mit Säbeln und zogen davon. Als sie sich der Stadt näherte, hörte König Salomon von ihr. Man berichtete ihm:

»Der König von Abessinien kommt.« – »Laßt ihn eintreten«, sagte er. Und als sie kam, da wurde ihr Fuß wie früher, sobald sie durch die Tür trat. Und sie trat zu dem König ein und ergriff seine Hand, ihn grüßend. Der König befahl: »Bringt Brot, Fleisch und Met«; und sie setzten sich zum Mahl. Und während sie speisten, aßen die Frauen aus Bescheidenheit nur wenig und tranken auch nur wenig. Daher argwöhnte der König, daß sie Frauen seien.

Als es Abend wurde, befahl er:

»Bereitet die Betten für sie.«

Und sie bereiteten sie in dem gleichen Raum mit ihm, eines gegenüber dem anderen. Und er nahm einen Fellschlauch voller Honig und hing ihn im Raum auf. Und er stellte eine Schale darunter. Auch machte er ein Loch in den Schlauch, so daß es tröpfeln würde. Er hatte aber die Angewohnheit, seine Augen halb zu öffnen, wenn er schlief. Und wenn er wach war, so schloß er sie. Des Nachts, während sie ruhten, schlief er ein, und seine Augen blieben halb offen. Und die Frauen sprachen:

»Er schläft nicht. Er sieht uns. Wann wird er schlafen?«

Während sie so sprachen, erwachte er und schloß seine Augen.

»Nun ist er eingeschlafen«, sagten sie und leckten aus der Schale. Da wußte er bestimmt, daß sie Frauen waren, und er näherte sich ihnen beiden und schlief mit ihnen. Jede von ihnen sprach zu ihm:

»Das ist die Reinigung von meinen Blumen (= Ich bin entjungfert worden).«

Und er gab jeder einen silbernen Stab und einen Ring und sprach zu ihnen:

»Wenn es ein Mädchen ist, laßt sie diesen silbernen Stab nehmen und zu mir kommen. Und wenn es ein Junge ist, laßt ihn diesen Ring nehmen und zu mir kommen.«

Und die Königin des Südens kaufte einen Spiegel. Beide kehrten schwanger in ihr Land zurück. Und beide gebaren einen Sohn. Als die Jungen größer waren, sagten die Tegrē-Leute zu ihnen:

»Sie sind vaterlose Kinder!«

Und sie fragten ihre Mütter. Und ihre Mütter anworteten ihnen:

»Euer Vater ist der König Salomon. Er lebt in Jerusalem.«

Und der Sohn der Königin des Südens glich genau seinem Vater. Selbst in seiner Hautfarbe war er wie König Salomon.

Jetzt sagte sie zu ihm:

»Mein Sohn, Dein Vater gleicht Dir. Nimm diesen Spiegel und begib Dich zu ihm. Und wenn Du einen anderen Mann auf dem Thron sitzen siehst, begrüße ihn nicht!«

Danach zogen sie nach Jerusalem. Und als sie ankamen, sagte der König Salomon:

»Wenn es meine Söhne sind, laßt sie warten!«

So blieb er drei Jahre weg von ihnen und zeigte sich nicht. Nach diesen drei Jahren sagte er: »Laßt sie eintreten.«

Aber er hatte seine königliche Kleidung abgelegt und sich in Lumpen gekleidet. Und auf seinen Thron hatte er einen aus seinem Volk gesetzt, und er selbst war in den Stall gegangen. Und als sie eintraten, ergriff der andere Junge die Hand desjenigen, der auf dem Thron saß und begrüßte ihn. Menelik aber stand steif da und betrachtete sein Antlitz im Spiegel und sah, daß die Hautfarbe des Mannes nicht wie seine war. Dann wandte er sich in alle Richtungen, fand jedoch niemand, dessen Gesichtsfarbe der seinigen glich. Nach einiger Zeit schaute Salomon aus dem Stall heraus. Sofort ging Menelik zu ihm hin und ergriff seine Hand, um ihn zu grüßen. Daraufhin sagte Salomon:

»Du bist mein wahrer Sohn, der andere ist auch mein Sohn, aber ein Narr«, und setzte sich nun selbst auf den Thron.

Nun pflegte sein Vater zu sagen: »Wenn Vieh in ein fremdes Feld eindringt, dann mag der Besitzer des Feldes es sich aneignen.« Er aber sagte:

»Der Besitzer des Feldes mag sechs Maß Korn nehmen«; und er tadelte seinen Vater, indem er fragte:

»Wie kann das Vieh beschlagnahmt werden?«

Daraufhin beschwerte sich das Volk der Stadt bei dem König, indem es sprach:

»Wie können zwei Führer über uns herrschen? Sende diesen Deinen Sohn weg von uns in sein Land!« – »Laßt mich wenigstens beratschlagen, danach werde ich Euch meine Antwort wissen lassen«, antwortete der König.

»Beratschlage«, sprachen sie. Und er berichtete dieses seinem Sohn, indem er sprach:

»Sie haben sich bei mir beschwert und gesagt: ›Schicke Deinen Sohn fort von uns‹, und sie bleiben dabei. Was sollen wir nun machen?« Darauf antwortete er ihm:

»Rede folgendermaßen zu ihnen: ›Ist er nicht mein erstgeborener Sohn? Schickt Ihr auch Eure erstgeborenen Söhne mit ihm!‹« – »Es ist gut«, sagten sie, und jeder von ihnen schickte seinen erstgeborenen Sohn mit ihm.

Und König Salomon sprach zu seinem Sohn:

»Nimm die Lade (Tabot) Michaels mit.«

Aber er nahm die Lade (Tabot) Mariens und tat die Decke der Lade Mariens auf die Lade Michaels und diejenige der Lade Michaels auf die Lade Mariens. Und er zog mit dieser Lade von dannen. Nach wenigen Tagen erhob sich ein Sturm in Jerusalem, und Salomon sprach:

»Schaut nach der Lade Mariens!«

Und nachdem sie geschaut hatten, ohne daß sie die Decke weggezogen, also nur kurz hingeschaut hatten, sprachen sie:

»Sie ist da.«

Aber er wiederholte: »Nehmt die Decke weg und schaut!«

Und als sie die Decke weggenommen hatten und schauten, zeigte sich vor ihnen die Lade Michaels. Und er sandte einen Boten zu seinem Sohn, der sprach:

»Schicke sie zurück zu mir!«

Aber der Sohn weigerte sich. Als sie nun nach Qäyeḥ-Kor gelangten, starb ein Diakon namens Gäbrä Ḥeywät, der die Lade trug, und er wurde dort begraben. Und nachdem sie ihn begraben hatten, wollten sie weiterziehen. Aber die Lade ließ sich nicht aufheben. Darauf sagte Menelik:

»Grabt ihn aus, und legt seinen Körper in einen Sarg!«

Und sie gruben ihn aus und legten seinen Körper in einen Sarg. Aber als sie nun mit ihm weiterziehen wollten, ließ sich die Lade noch immer nicht aufheben. Und wiederum sprach er: »Grabt«, und sie gruben und fanden, daß sein Finger aus dem Sarg herausragte. Daraufhin steckten sie ihn in den Sarg.

Danach konnte die Lade aufgehoben werden, und sie zogen weiter und kamen nach Tegrē. Und nachdem sie nach Tegrē gelangt waren, erreichten sie Äksum. Nun baute der Satan ein Haus, um gegen Gott zu kämpfen. Aber als sie sagten: »Maria ist zu Dir gekommen«, da zerstörte er es und verließ es. Einen großen Stein hatte er aufgehoben, um ihn fortzuschleppen. Aber als sie sagten: »Sie ist zu Dir gekommen«, da ließ er ihn fallen und zog von dannen. Und mit den Steinen, mit denen er gebaut hatte, bauten sie die Marienkirche. Der große Stein hingegen steht dort noch heute aufrecht.

11. Die Ankunft der Bundeslade in Äksum

Die Lade kam zur Zeit Salomons mit Ebnä Elḥäkim. Dieser ist es, der Menilek genannt wird. Er nahm sie, nachdem er sie aus Jerusalem gestohlen hatte. Und mit ihm kamen Leviten und von jedem Stamm Israels je ein Mann. Damals hörte Salomon, wie die Haustiere weinten. Und er wunderte sich, indem er sprach:

»Was ist geschehen?«

Und er schickte Diener, denen er befahl:

»Sehet nach, ob die Lade Zion an ihrem Platz ist!«

Sie gingen hin, schauten nach ihr, sahen aber nicht genau hin, und nachdem sie den Vorhang gesehen hatten, sprachen sie:

»Sie ist da!«

Als der König ihre Rede hörte, schwieg er.

Nachdem die Lade Äksum erreicht hatte, blieb sie vierzig Jahre auf dem Feld, ohne daß sie in die Stadt gelangte. Danach aber, zu der Zeit des Äbreha und Äṣbeha, ward inmitten der Stadt ein Heiligtum gebaut, und sie ward dorthin gebracht, wo sie jetzt ist. An der Stätte war früher ein See gewesen. Äbreha und Äṣbeha hatten den Herrn gebeten, er möchte ihnen offenbaren, wo sie ihm ein Haus bauen sollten. Und Gott erschien von Osten her, nachdem er etwas Staub aus dem Paradies mitgenommen hatte. Den Staub aber warf er in die Mitte jenes Sees. Da ward der See trocken. Und Gott gebot ihnen:

»Baut in seiner Mitte!«

Nachdem sie von Gott den Befehl erhalten hatten, begannen sie den Bau. Und es regnete sieben Tage Gold vom Himmel. Und so bauten sie das ganze Heiligtum aus Gold. So erzählt man.

12. Salomon und die Königin von Saba

Ein Großkaufmann namens Tamrin war bei dem weisen Herrscher Salomon gewesen und berichtet nun ausführlich seiner Königin. Diese ist von der Erzählung so angetan, daß sie beschließt – trotz der weiten Entfernung – , selbst nach Jerusalem zu reisen und den weisen Salomon in Augenschein zu nehmen. Und daraufhin begann sie, ihr Haus zu bestellen, ihren Knechten Aufträge zu erteilen, ihre Mägde zu ermahnen und ihren Besitz zu ordnen. Sie wählte aus, was zur Reise notwendig war und als Begrüßungsgeschenk für den König sowie als Gabe für ihre Präfekten und Belohnung für ihre Mägde. Sie versammelte bei sich Kamele, Maultiere, Pferde, Esel sowie Schiffe und Kähne, Wasserschläuche und Futtersäcke und Reisetaschen, Trinkgefäße und Sänften. So bereitete sie sich zur Reise vor und befahl allen ihr unterstellten Präfekten, daß sie in sechs Monaten reisebereit sein und Reisetaschen mitnehmen sowie ihre Häuser bestellen sollten. Denn das Land, in das sie reisten, sei weit entfernt.

Sie sprach zu ihnen:

»Hört, Ihr Meinigen, meine Stimme und vernehmt meine Rede. Ich selbst begehre nämlich Weisheit, und mein Herz sucht nach Erkenntnis; denn ich bin erfüllt von der Liebe zur Weisheit und getrieben von dem Willen zur Erkenntnis. Denn die Weisheit ist besser als Schätze von Gold und Silber. Die Weisheit aber ist besser als alles, was auf Erden geschaffen wurde. Mit was unter dem Himmel soll man die Weisheit vergleichen? Sie ist süßer als Honig und bringt mehr Freude als Wein. Sie ist leuchtender als die Sonne und liebenswerter als kostbare Edelsteine. Sie macht fetter als Öl, satter als süße Leckerbissen und ehrenhafter als Mengen von Gold und Silber; eine Freudenspenderin für das Herz und Lichtquelle für die Augen, Beflüglerin für die Füße, Panzer für die Brust, Helm für das Haupt, Kette für den Hals, Gürtel für die Lenden, Verkünderin für die Ohren, Unterweiserin für die Herzen, Lehrende für die Kenntnisreichen, Trösterin für die Klugen und Ruhmspenderin für die Suchenden. Ein Reich kann nicht bestehen ohne die Weisheit. Und Reichtum kann nicht erhalten werden ohne die Weisheit. Wohin der Fuß tritt, steht er nicht fest ohne die Weisheit. Und was die Zunge spricht, findet keinen Gefallen ohne die Weisheit. Die Weisheit ist besser als alle Schätze. Wer Gold und Silber anhäuft, hat keinen Nutzen ohne die Weisheit. Und wer Weisheit sammelt, dem kann sie niemand aus dem Herzen rauben. Was die Toren sammeln, verzehren die Weisen. Und um der Schlechtigkeit der Gottlosen willen werden die Gerechten gepriesen. Und um der Fehler der Toren willen werden die Weisen geliebt. Die Weisheit ist hoch und reich, und ich will sie lieben wie eine Mutter, und sie wird mich umfangen wie ihr Kind. Ich aber will der Spur der Weisheit folgen, und sie wird mich in Ewigkeit umfangen. Ich aber will die Weisheit suchen, und sie wird fortan mein sein. Ich werde ihrer Spur folgen und von ihr nicht verstoßen werden. Ich will mich auf sie stützen, und sie wird mir eine diamantene Mauer (eine nicht zu überwältigende Mauer) sein. Ich will meine Zuflucht bei ihr nehmen, und sie wird mir Kraft und Stärke sein. Ich will mich an ihr freuen, und sie wird mir eine große Gnade sein. Denn es geziemt sich, daß wir der Spur der Weisheit folgen und unsere Fußsohle die Schwelle der Tür der Weisheit betrete. Laßt uns sie suchen, und wir werden sie finden. Laßt uns sie lieben, und sie wird nicht von uns weichen. Laßt uns sie verfolgen, und wir werden sie finden. Laßt uns sie erbitten, und wir werden sie erhalten. Laßt uns ihr unser Herz zuwenden, daß wir sie niemals vergessen! Denn wenn man sich ihrer erinnert, so erinnert auch sie sich. Bei den Toren aber sollst Du der Weisheit nicht gedenken, denn diese ehren sie nicht, und sie liebt sie nicht. Die Ehrung der Weisheit jedoch besteht in der Ehrung der Weisen und die Liebe zur Weisheit in der Liebe zum Weisen und weiche nicht von ihm. Und durch seinen Anblick wirst Du weise werden. Höre auf das Auftuen seines Mundes, daß Du werdest wie er. Blicke auf seine Fußspur, auf daß Du bleibest, wo er hingetreten ist; und entferne Dich nicht von ihm, damit Du die Reste seiner Weisheit erhältst. Ich aber habe ihn schon vom Hörensagen liebgewonnen, bevor ich ihn gesehen habe; denn der ganze Bericht von seiner Geschichte war mir ein Herzensgenuß wie das Wasser dem Lechzenden.«

Da antworteten ihre Präfekten und Diener und Mägde und Räte und sprachen zu ihr: »Unsere Herrin, an Weisheit gebricht es Dir nicht, und mittels Deiner Weisheit liebst Du Weisheit. Wenn Du aber ziehst, wollen wir mit Dir ziehen; und wenn Du bleibst, so wollen wir bei Dir bleiben. Unser Tod sei mit Deinem Tod und unser Leben mit Deinem Leben!«

Da bereitete sie sich zur Reise mit viel Herrlichkeit und Prunk und großer Zurüstung und Vorbereitung. Denn nach dem Willen Gottes sehnte sich ihr Herz danach, nach Jerusalem zu ziehen, um die Weisheit Salomons zu hören; denn sie hatte davon gehört und verlangte danach. Sie bereitete sich zur Reise vor. Es wurden 797 Kamele beladen, und zahllose Maultiere und Esel wurden beladen. So reiste sie ab und machte sich auf den Weg, während ihr Herz auf Gott vertraute.

Sie kam nach Jerusalem und brachte dem König viele ihm erwünschte Kostbarkeiten. Und auch er ehrte sie und freute sich und gab ihr Wohnung in einem königlichen Palast nahe bei sich. Er schickte die Abend- und Morgenmahlzeit, jedesmal 15 Maß Qor von feingeriebenem und mit Öl und viel Brühe gekochtem Weizenmehl und 30 Qor zerstoßenes Weizenmehl, woraus Brot für 350 Personen bereitet wurde, zusammen mit den Tellern und Porzellanplatten, und zehn Mastochsen und fünf Stiere und 50 Schafe; außerdem noch Ziegen und Hirsche und Büffel und gemästete Hähne, ferner einen Krug Wein, 60 Maß Gerät und von altem Wein 30 Maß; an Sängern und Sängerinnen je 25; ferner reinen Honig und sonstige Nahrung, nämlich von der Speise, die er selbst aß und von dem Getränk, das er selbst trank. Täglich gab er ihr je elf die Augen entzückende Gewänder. Er kam zu ihr und tröstete sich, und sie kam zu ihm und tröstete sich und war seiner Weisheit inne, seines Urteils, seiner Herrlichkeit und Huld und der Süßigkeit seiner Rede. Da verwunderte sie sich in ihrem Herzen und ergötzte sich in ihrem Sinn, vergewisserte sich in Erkenntnis und erspähte mit ihren Augen, wie begehrenswert er war und staunte gar sehr über das, was sie bei ihm sah und hörte: Wie vollkommen er war in Eintracht und weise an Gedanken, wie freudig in Huld und schön in der Stattlichkeit der Erscheinung. Und auch die Genauigkeit seiner Rede und ebenfalls die Beredsamkeit seiner Lippen, aber auch die Würde seiner Befehle und seine Antworten, die in Frieden und Gottesfurcht erteilt wurden. All das sah sie und staunte über die Fülle seiner Weisheit. Nicht das Geringste an seinem Wort und seiner Rede war unvollkommen, sondern alles war vollkommen, was er sprach.

Er war gerade mit dem Bau des Tempels des Herrn beschäftigt. Er pflegte sich zu erheben und nach rechts und links, nach vorn und hinten zu gehen und ihnen Maße und Gewichte und Gefäße (Hohlmaße) anzugeben. Den Schmiedekünstlern sagte er die Hämmer, Brechwerkzeuge und Köcher, und den Steinmetzen zeigte er die Winkel, den Kreis und die Oberfläche. Und alles geschah nach seinem Wort. Niemand war seinem Wort ungehorsam, denn das Licht seines Verstandes war wie eine Leuchte in der Finsternis, und seine Weisheit war wie viel Sand. Auch von der Sprache der Tiere und Vögel war ihm nichts verborgen, und selbst die Dämonen bezwang er mit seiner Weisheit. Alles vollführte er mit der Kunst, die ihm der Herr verliehen hatte, als er zu ihm flehte. Denn er hatte nicht darum gebeten, seinen Feind zu besiegen oder Reichtum und Ruhm zu erlangen, sondern darum, daß er ihm Weisheit und Erkenntnis verleihe, um damit sein Volk zu richten, seinen Tempel zu erbauen und so die Schöpfung Gottes zu schmücken in aller Weisheit und Erkenntnis, die er ihm verliehen hatte.

Die Königin Makeda sprach zu dem König Salomon:

»Selig bist Du, mein Herr, daß Dir solche Weisheit und Erkenntnis verliehen wurde. Ich wünschte, ich wäre wie eine Deiner geringsten Mägde, um Deine Füße zu waschen und Deine Weisheit zu hören und Deine Erkenntnis zu verstehen, Deiner Herrschaft zu huldigen und mich an Deiner Weisheit zu ergötzen. Wie sehr hat mir Dein Antworten gefallen und die Süßigkeit Deiner Stimme, die Schönheit Deines Ganges und Dein liebliches Sprechen! Die Beredsamkeit der Süßigkeit Deiner Stimme erfreut das Herz und macht die Knochen fest, umgürtet die Herzen, schmückt die Lippen und erfüllt sie mit Dank und festigt den Tritt. Ich sehe an Dir, daß Deine Weisheit maßlos ist und Deine Einsicht unvermindert, wie eine Leuchte in der Dunkelheit, wie ein Granatapfel im Garten und wie eine Perle im Meer; wie der Morgenstern unter den Sternen und wie das Mondlicht im Nebel, wie das Morgenrot und der Sonnenaufgang am Himmel. Ich danke dem, der mich hergeführt hat und mich hat Dich sehen lassen und die Schwelle Deiner Tür betreten und mich Deine Stimme hören lassen.«

Da antwortete der König Salomon und sprach zu ihr:

»Weisheit und Klugheit sind aus Dir heraus gewachsen. Ich besitze sie nur insoweit, als sie mir der Gott Israels verliehen hat, den ich angefleht und bei dem ich darum gebeten habe. Du aber hast, obwohl Du den Gott Israels nicht kennst, diese Weisheit Deinem Herzen entsprießen lassen, um mich zu sehen, den untertänigen Knecht meines Gottes und den Vorstand seines Zeltes, dem ich vorstehe und diene und bei dem ich wandle, meiner Herrin, der Gesetzeslade des Gottes Israel, der Heiligen Himmlischen Zion. Denn ich bin der Knecht meines Gottes und nicht ein Freier, und ich diene nicht nach meinem Willen, sondern nach seinem Willen. Und dieses Wort spreche ich nicht von mir aus, sondern was er mich sprechen ließ, spreche ich, was er mir gebot, tue ich, worin er mich begünstigte, wandle ich, was er mich lehrte, rede ich, worin er mich weise machte, das verstehe ich. Denn da ich Staub war, hat er mich zum Leib gemacht, und da ich Wasser war, hat er mich zum verdichteten Menschen gemacht, und da ich ein kleiner Tropfen war, ein Speichel, der auf die Erde gespien war und auf der Erde vertrocknet, hat er mich nach seinem Bild gemacht und nach seinem Gleichnis erschaffen.«

Als er dieses zu der Königin redete, da sah er einen Arbeiter, der einen Stein auf dem Kopf trug und einen Wasserschlauch auf seinem Nacken und seine Wegzehrung und seine Sandalen an seinen Lenden. Und er hatte noch Holz in seine Hände genommen. Seine Kleider waren alt und zerrissen, sein Schweiß lief von seinem Gesicht, und das Wasser des Schlauches rann auf seinen Fuß. Und er ging vor ihm her. Und während er nun voranging, sprach Salomon zu ihm: »Bleibe stehen«, und er blieb stehen. Da wandte Salomon sich zu der Königin und sprach zu ihr:

»Siehe diesen! Was ist mein Vorzug gegenüber diesem, was ist meine Trefflichkeit gegenüber diesem, und was ist meine Herrlichkeit gegenüber einem solchen? Denn auch ich bin ein Mensch und Asche, der ich morgen Wurm und Gestank sein werde. Jetzt aber erscheine ich wie ein ewig Unsterblicher. Wer würde Gott tadeln, wenn er diesem dasselbe wie mir verliehen hätte und wenn er mich aber zum Arbeiter wie ihn gemacht hätte? Sind wir denn nicht beide eine Lunge, was bedeutet: ein Mensch? Wie der Tod von diesem, so ist auch mein Tod, und wie das Leben von diesem, so ist auch mein Leben. Und dieser ist kräftiger zur Arbeit als ich; denn er gibt Stärke den Schwachen, wie er will.«

»Dann sprach er zu ihm:

»Gehe an Deine Arbeit!«

Dann sprach er abermals zu der Königin:

»Was nützt es uns Menschenkindern, wenn wir nicht Reue und Barmherzigkeit üben auf Erden? Sind wir nicht alle eitel, ein Gras des Feldes, das zu seiner Zeit verdorrt und das das Feuer verzehrt? Auf Erden versehen wir uns mit süßen Leckereien und köstlichen Kleidern. Während wir aber leben, faulen wir schon. Wir versehen uns mit wohlriechenden Pflanzen. Während wir aber leben, sind wir schon tot durch die Sünde und Missetaten. Während wir weise sind, sind wir doch Toren durch Ungehorsam und Schlechtigkeit. Während wir geehrt sind, sind wir doch verachtet wegen Zauberei und Götzendienst. Ein ehrenhafter Mensch, der nach dem Ebenbild Gottes erschaffen ist, wird – wenn er Gutes tut – wie Gott sein. Ein nichtswürdiger Mensch aber wird – wenn er Sünde tut – wie der Teufel sein, der seinem Schöpfer nicht gehorchen wollte, auf dessen Pfad alle Hoffärtigen von den Menschen wandeln und mit ihm zugleich gerichtet werden. Gott aber liebt die Demütigen. Die Demut üben, die wandeln auf seinem Pfad und freuen sich in seinem Reich. Und selig ist, wer die Weisheit kennt, welche ist Reue und Gottesfurcht!«

Als die Königin dieses gehört hatte, sprach sie:

»Wie hat mir Dein Wort wohlgetan, wie hat mich Deine Rede erfreut und das Auftun Deines Mundes! Sage mir nun aber, wen ich anbeten soll. Wir beten nämlich die Sonne an, wie uns unsere Väter gelehrt haben; denn wir sagen: ›Die