Maren und der Weihnachtsmann - Irene Beddies - E-Book

Maren und der Weihnachtsmann E-Book

Irene Beddies

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Beschreibung

Der vorliegende Band enthält Erzählungen für Advent und Weihnachten. Zum Teil sind es ganz reale Geschichten, zum Teil Geschichten mit einem Geheimnis, das sich in der Phantasie des Lesers löst. Aus allen Kurzgeschichten spricht die positive Lebenseinstellung der Autorin.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Am Waldrand

„Faules Trinchen“

Der Weihnachtsstern

Ein verkürzter Adventskalender

Das rote Auto

In der Nacht

Rendezvous am 2. Advent

Gibt es ihn?

Maren und der Weihnachtsmann

Olafs Schneemann

Das Weihnachtsbild

Unruhe im Einkaufszentrum

Drei Weihnachtsmänner

Im Park

Bastelstunden

Kellerarbeit

Das Weihnachtskonzert

Nudelauflauf

Wie die Freundschaft begann

Die Spinne

Das Weihnachtsmannkostüm

Einbruch im Museum

Ja, ich nehme an

Am Ende der Welt

Der ganz besondere Weihnachtsbaumschmuck

Schutzengel

Der Weihnachtsmann ist krank

Die Überraschung

Beim Friseur

Die geheimnisvolle Laterne

Heiligabend mit dem Karpfen

Wichtel

Vorratssuche

Bei Oma

Reichliche Ausbeute

Neue Spuren

Die Überraschung

Weihnachtsstimmung

Weihnachten

Am Waldrand

Am Waldrand, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, stand eine herrliche, hohe Tanne. Ihre Zweige reichten weit am Stamm herunter fast bis auf den Sandboden. Zwischen ihren Wurzeln hatten Mäuse ihre Gänge gegraben. Auf ihrer Spitze saß oft ein Raubvogel und hielt Ausschau nach Beute. Neben ihr standen Eichen, die jetzt im Herbst ihre Blätter braungefärbt trugen. Ab und zu klackte es deutlich, wenn wieder eine Eichel zu Boden fiel. Sonst störte nichts den Frieden am Waldrand. Nachts wagten sich Rehe auf die Wiese und den nahen Acker auf der Suche nach frischem Futter.

Eines Tages kam ratternd ein Traktor in die Nähe. Zwei Männer stiegen ab und gingen auf die Tanne zu.

„Ein besonders schöner Baum“, sagte der eine. „Er wäre der perfekte Weihnachtsbaum vor unserem Rathaus. So einen stattlichen hatten wir schon lange nicht mehr.“

„Ja“, sagte der andere Mann, „das wäre ein Schmuckstück für unsere Stadt.“

Beide Männer sahen bewundernd zum Baum auf.

„Wie bekommen wir eine Genehmigung, ihn zu fällen? Der Förster hält beim Thema Weihnachtsbäume beide Ohren verschlossen.“

„Wir müssen ihm nur genug Geld bieten. Für Geld ist alles zu haben, da sei sicher. Schließlich kostet die Pflege des Waldes eine Menge Geld.“

Beide Männer guckten sich an und nickten. Dann fuhren sie wieder davon.

Einige Tage später hielt ein Mercedes vor der Försterei. Im Büro trat der Förster den Männern entgegen. Er ahnte breits, was sie wollten. Die machten keine großen Umstände, sondern kamen gleich zur Sache: „Wir kommen im Auftrag der Stadt. Es geht um eine wichtige Angelegenheit. Unsere Verwaltung möchte einen besonders schönen Weihnachtsbaum auf dem Markt aufstellen. Immer mehr Touristen kommen jedes Jahr zu uns wegen des Weihnachtsmarktes und der Konzerte in der Kirche. Ihnen wollen wir etwas bieten. Dazu brauchen wir den Baum am Waldrand.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage“, gab ihnen der Förster Bescheid, „der Baum steht nicht zum Fällen in unserem Holznutzungsplan. Die Stadtverwaltung hat den Holznutzungsplan gerade erst in diesem Frühjahr aufgestellt.“

„Und es gibt keine Möglichkeit, eine Sondergenehmigung zu bekommen – auch nicht ausnahmsweise? Die Touristen bringen viel Geld in die Stadt. Davon könnte auch das Forstamt seinen Nutzen haben. Wir wollen den Baum nicht umsonst. Wir sind bereit, eine hübsche Summe für ihn zu bezahlen. Denken Sie darüber nach, Herr Förster, und lassen es uns wissen, wie viel der Baum wert sein könnte. Wir werden das Geld schon lockermachen. Im Notfall veranstalten wir bei den Stadtbewohnern eine Sammlung.“

Dem Förster verschlug es die Sprache. Er starrte die beiden Männer grimmig an. Glaubten die, für Geld ließe sich alles erreichen?

„Ich sage nein. Guten Tag die Herren.“ Damit ließ er die Männer stehen und stürmte zornig aus dem Büro.

Die beiden Männer stiegen in ihren Mercedes.

„Was hältst du davon?“, fragte der eine.

„Er wird sich‘s überlegen. Er hat nur so getan, schließlich musste er sein Gesicht wahren“, sagte der andere.

Am folgenden Tag läutete das Telefon in der Försterei. Die Sekretärin war sehr erstaunt, dass so schnell das Angebot für die Tanne wiederholt wurde. Als sie dem Förster von dem Telefonat berichtete, bekam der einen gewaltigen Schreck.

Diesen unverschämten Stadtvertretern war nicht zu trauen.

Die würden jeden Trick anwenden, um an den Baum zu kommen. Was sollte er tun?

In seiner Not rief er einen Kollegen und alle seine naturbegeisterten Freunde an. Er schilderte ihnen in immer denselben Worten, was ihm zugemutet wurde, und bat um ihren Rat.

„Gib bloß nicht nach“, hörte er von allen Seiten.

„Ich will dir helfen“, versicherte jeder einzelne seiner Gesprächspartner.

Der Förster lud sie an einem der nächsten Abende zu sich ein, um die Lage zu beraten. Als erste Maßnahme wollte jeder einzelne wiederum seine Freunde alarmieren und ihnen die Zumutung der beiden Abgesandten der Stadt schildern. Es sollte sich herumsprechen, wie wenig rücksichtsvoll die Stadt mit der Natur umgehen wollte. Schließlich gab es Plantagen, von denen man Weihnachtsbäume in jeglicher Größe beziehen konnte. Niemand brauchte in den Wald zu gehen, um dort eine Tanne zu schlagen.

Als weitere Maßnahme, überlegten sie, wollten sie notfalls Handzettel drucken lassen mit der Frage, ob ein Bürger in der Stadt bereit sei, die Natur zu schädigen, damit ein Weihnachtsbaum ihren Marktplatz ziere.

Drittens wollten sie ab November ständig Wache am Baum halten, damit er nicht bei Nacht und Nebel heimlich gefällt würde.

Ein kleines grünes Zelt stand eine Woche später, von der Tanne verdeckt, im Wald. Jeden Abend kamen zwei Freunde des Försters mit ihren Schlafsäcken, um darin Wache zu halten.

So vergingen mehrere Nächte. In dieser Nacht hielt der Förster selbst Wache mit seinem Freund Peter und seinem Hund Wotan. Es war ein mondheller Abend. Die Männer flüsterten leise im Dämmerlicht vor dem Zelt. Ein Reh lief etwas weiter entfernt auf die Wiese, gefolgt von einem Jungtier. Der Förster lächelte und legte den Finger auf den Mund. Peter nahm das Fernglas und beobachtete die Tiere.

Plötzlich setzten sie zur Flucht an und verschwanden mit Riesensprüngen im Wald. Der Förster und Peter waren alarmiert.

Da knurrte Wotan auch schon leise.

„Nimm dein Schrotgewehr“, mahnte Peter, „vielleicht können wir damit erschrecken, wer immer dort kommen mag.“

Eine Weile war nichts zu hören oder zu sehen. Dann knackte ein Ast in ihrer Nähe. Beruhigend legte der Förster Wotan die Hand auf die Schnauze, um ihn vom Bellen abzuhalten.

Eine Taschenlampe beleuchtete jetzt die untersten Äste der Tanne. Dahinter kam ein kräftiger Mann zum Vorschein. Auf seinem Rücken trug er einen, in Säcke gehüllten Gegenstand.

Als er bei der Tanne ankam, hievte er den Gegenstand von seiner Schulter und schlug die Säcke auseinander. Tatsächlich: eine Motorsäge kam zum Vorschein.

„Heda!“ Der Kerl erschrak und blickte sich suchend um. Auf der anderen Seite der Tanne stand Peter mit der Flinte im Anschlag.

„Was soll das hier? Wer hat dich geschickt?“, fragte Peter in barschem Ton.

„Die Belohnung. Ich will die Belohnung. Nun bist du mir zuvorgekommen.“

„Welche Belohnung?“, fragte nun der Förster und trat in den Mondschein.

„Ach du meine Güte“, entfuhr es dem Mann mit der Säge, „der Herr Förster!“

„Welche Belohnung, habe ich gefragt!“

„Ein Unbekannter gab mir einen Zettel. Auf dem Zettel stand, es gäbe eine Belohnung von 500 €, wenn ich den Baum soweit einsägen könnte, dass er beim nächsten Sturm von selbst umfällt.“

„Das ist Waldfrevel. Ich werde jetzt die Polizei holen, die wird dich mitnehmen und dem Richter vorführen. Wage nicht zu fliehen, du siehst wir haben ein Gewehr, von dem wir auch Gebrauch machen können. Schrotkugeln sind äußerst schmerzhaft.“ Damit nahm der Förster sein Handy aus der Tasche und rief die Polizei. Sie kam nach einer Viertelstunde und nahm den Mann in Gewahrsam.

„Jetzt können wir nach Hause“, meinte Peter.

„Nein, noch nicht. Vielleicht haben noch mehr Männer einen solchen Zettel bekommen. Wir dürfen unsere Wachen nicht aufgeben, bis auf dem Marktplatz ein Weihnachtsbaum aufgestellt ist. Erst dann ist die Gefahr für diesen Baum wohl vorüber.“

Die Nachtwachen wurden fortgesetzt. Am 28. November, einen Tag vor dem ersten Advent, glänzten in der Stadt tausend kleine Glühbirnen in einem hohen Tannenbaum auf dem Marktplatz und beleuchteten das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt. Kaum ein Besucher sah sich die Tanne wirklich an, alle waren damit beschäftigt, ihre kleinen Einkäufe zu machen, Bratwurst zu essen und Glühwein zu trinken.

Es fiel niemandem auf, dass in dem Weihnachtsbaum mehrere Äste künstlich angebracht waren.

„Faules Trinchen“

Katrinchen war sieben Jahre alt und ging in die zweite Klasse. Von ihren Eltern und ihrem großen Bruder Rolf wurde sie scherzhaft „faules Trinchen“ genannt, denn sie tat nichts freiwillig und drückte sich vor jeder Anstrengung und Aufgabe. Auch in der Schule war sie nicht fleißig, deshalb konnte sie nur ganz schlecht lesen und rechnen.

Der erste Dezember war gekommen. Schon früh wachte Katrinchen auf, sie wollte schnell heimlich ihren Adventskalender angucken und alle Türchen öffnen. Sie suchte am Nagel über ihrem Bett. - Nichts.

Am Fenster hingen ein ziemlich dickes Säckchen und eine Kette mit kleinen Briefchen. Sollte das etwa ein Adventskalender sein? Das Säckchen enthielt sicher das Naschzeug.

Eines davon konnte sie immerhin probieren, denn der Kalender galt ab heute. Sie nahm den Sack freudig in die Hand und befühlte ihn. Sie ertastete einen Gegenstand, der ein Schokoladenweihnachtsmann sein könnte. Da hielt sie es nicht länger aus. Sie zog an der Kordel des Säckchens. Es ließ sich aber nur einen winzigen Spalt öffnen, denn ein Schloss war angebracht. Wer hatte den Schlüssel dazu? Ob er in einem der Briefchen steckte? Sie befühlte alle 24 Briefchen, aber in ihnen war kein noch so kleiner Schlüssel zu ertasten.

Mama kam, um sie zu wecken.

„Na, mein Schatz, hast du einen Adventskalender bekommen?“, fragte sie und lächelte seltsam.

„Ja sieh mal, Mama, ich habe einen Sack gefunden und lauter kleine Briefe. Den Sack kann ich aber nicht aufmachen. Wo ist der Schlüssel?“

„Ja, faules Trinchen, das ist ein ganz besonderer Adventskalender. Der Nikolaus, der uns Eltern beauftragt, die Kalender zu besorgen, hat bestimmt, dass du zuerst das jeweilige Briefchen lesen musst, bevor Papa oder ich dir das Säckchen aufschließen dürfen.“

„Ich will gleich nachsehen, was in Nummer eins steht.“

Begierig riss Katrinchen das Briefchen Nummer eins ab, als sie es gefunden hatte. Sie öffnete den Umschlag und las mühsam: „Erste Aufgabe. Räume heute das re…, rechte Schrankfach in deinem Schrank gut auf!“ Sie schaute zweifeln zu ihrer Mutter hoch.

„Ja, mein Mäuschen, der Nikolaus war sehr böse, als wir ihm erzählt haben, wie bequem du bist. Da hat er uns diesen Kalender empfohlen. Nun tu, was er dir aufgegeben hat.

Nachher darf ich den Sack öffnen und dir eine Belohnung daraus geben.“

Katrinchen schluckte tapfer ihre Tränen herunter. Da heute Samstag war, konnte sie gleich mit ihrer Arbeit beginnen. Sie warf erst einmal alle Sachen, die in dem Schrankfach waren, auf die Erde. Sie erschrak, es war ein wüster Haufen der unterschiedlichsten Sachen. Neben sauberer und schmutziger Wäsche lagen Spielzeugautos, Kastanien, eine halbvolle Tüte Chips und einige Blätter Buntpapier in dem Durcheinander.

Wie sollte sie das denn machen? Sie hatte doch noch nie aufgeräumt!

Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging zu Rolf. Der saß an seinem Schreibtisch und machte Hausaufgaben.

„Hast du auch einen komischen Adventskalender bekommen, Rolf?“

„Was heißt komischer Adventskalender? Dieses Jahr ist meiner statt voll mit Schokolade zu sein, voll mit Marzipan. Das mag ich ja auch lieber.“

„Ich hab einen schrecklichen bekommen. Ich muss erst immer etwas tun, bevor Mama oder Papa mir etwas daraus geben können. Ich weiß nicht weiter. Kannst du nicht kommen und ihn dir ansehen?“

Rolf war neugierig, von einem solchen Kalender hatte er noch nicht gehört. Als er das Durcheinander auf dem Fußboden vor dem Schrak sah, fragte er verdutzt: „Hat das mit dem Adventskalender zu tun?“

„Ja, sieh mal: diesen Zettel habe ich bekommen.“ Rolf las, was darauf stand, und grinste.

„Tut dir gut, Trinchen, vielleicht lernst du etwas davon.“

Er wollte schon wieder gehen, da hielt Katrinchen ihn zurück: „Wie soll ich das denn nun machen?“

„Du weißt nicht, wie man aufräumt? Na gut, ich will es dir verraten. Du musst alle Sachen von einer Sorte auf einen Stapel tun und nur die wieder in den Schrak räumen, die dort hinein gehören. Alle anderen musst du dahin tun, wo sie eigentlich ihren Platz haben.“

Das sollte doch eigentlich nicht so schwer sein, wenn sie es bedachte. Katrinchen fing mit der schmutzigen Wäsche an und brachte sie ins Badezimmer in den Korb. Dann nahm sie die Chipstüte und steckte sich eine Handvoll Chips in den Mund. So würden sie am schnellsten verschwinden. Die Chips schmeckten eklig, sie waren alt und weich. Also ab damit samt den alten Kastanien in den Mülleimer in der Küche!

Die Spielzeugautos wollte sie in der Spielkiste unter ihrem Bett verstauen, fing dann aber an, sie auf dem Teppich hin- und herzufahren. Als ein Auto in ihr rosa T-shirt fuhr, erinnerte sie sich wieder an die Aufgabe. Sie warf nun die Autos und das Buntpapier zu den anderen Spielsachen in die Kiste und begann, ihre Unterwäsche, T-shirts und Nachthemden wieder in den Schrank zu stopfen.

„Mama, ich bin fertig!“

Mama kam und besah sich das Fach. „So geht das nicht, mein Kind. Du musst deine Wäsche zusammenfalten und Hemd auf Hemd, T-shirt auf T-shirt usw. stapeln. Ich zeige dir, wie man die einzelnen Wäschestücke faltet.“

Das war nun eine zeitraubende Arbeit, sie dauerte fast bis zum Mittagessen, denn Katrinchen trödelte immer wieder.

„Mama! Fertig!“, konnte sie endlich rufen. Mama kam und zog ein silbernes Kettchen unter ihrer Bluse hervor, an dem ein kleiner Schlüssel hing. Mit ihm schloss sie das Säckchen auf, und Katrinchen durfte hineingreifen. Sie zog natürlich den Weihnachtsmann aus Schokolade heraus, den sie schon erfühlt hatte.

„Der ist aber erst nach dem Mittagessen dran“, mahnte die Mutter.

So ging es nun jeden Tag: Katrinchen musste die verschiedensten Aufgaben erfüllen. Einmal waren sie schnell hinter sich zu bringen, wenn es zum Beispiel hieß „Mülleimer raustragen“.

Ein anderes Mal machte es sogar Spaß, da durfte sie Plätzchen ausstechen und hinterher die Kuchenteigschüssel ausschlecken. Manchmal war die Aufgabe aber schwer. Sie sollte ihre Rechenaufgaben gleich erledigen und ganz allein. Wenn Mama einen Fehler entdeckte, musste Kathrinchen ihn selber finden und berichtigen.

Gegen Ende der Adventszeit stand in einem Briefchen, sie wäre dazu ausersehen, ihrer Familie ohne zu stocken eine kleine Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Rolf könnte ihr bei schwierigen Wörtern helfen. Die Geschichte war eine Seite lang! Auch diese Aufgabe bewältigte sie, wenn es auch Tränen und Streit gegeben hatte, denn Rolf war sehr kritisch.

Am Heiligabend war viel zu tun. Ihre Aufgabe war heute wieder leichter, denn sie sollte den Frühstückstisch decken. Es dauerte zwar ein bisschen länger, als wenn Rolf das machte, aber sie saßen alle rechtzeitig am Tisch, bevor die Arbeit im Haus so richtig losgehen sollte. Mama und Papa sahen sich verstohlen an: ob Katrinchen etwas gelernt hatte?

O ja, sie hatte gelernt. Ohne dass jemand sie zu bitten brauchte, räumte sie das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine.

Dann verschwand sie in ihrem Zimmer und ließ niemanden hinein. Rolf machte ein bedenkliches Gesicht. Drückte sie sich schon wieder? Jetzt, nachdem sie das letzte Naschwerk aus ihrem Adventskalender verputzt hatte?

In ihrem Zimmer aber räumte Katrinchen auf, sie wollte ihre Mutter überraschen, wenn sie zum Staubsaugen käme. Sehr viel lag nicht mehr herum, nur das Bett musste gemacht, Staub gewischt und die Puppenstube hergerichtet werden, denn sie hatte sich neue Möbel gewünscht.

Mama war sehr überrascht, als Katrinchen ihr auch noch den Staubsauger aus der Hand nahm und selbst saugte.

Sehr zufrieden schmückten alle zusammen nach dem Mittagessen den Tannenbaum. Danach warteten sie bei Tee und Keksen in der Küche auf die Stunde, in der der Weihnachtsmann kommen würde.

Der Weihnachtsmann kam nicht persönlich. Er hatte einen Brief in den Kasten gesteckt, dass er nicht alle Kinder immer besuchen konnte. Dieses Jahr könnten sie auf ihn verzichten, denn er wäre ja letztes Jahr dagewesen. Die Geschenke hätten seine unsichtbaren Helfer aber unter den Weihnachtstisch gelegt.

Katrinchen und Rolf durften als erstes nachsehen, ob sie Geschenke hatten, und sie auspacken. Rolf zog einen Brief hervor: „Ein neues Fahrrad steht in der Garage“, stand darauf.

Er lief aus dem Haus und ließ Katrinchen zuerst ihre Geschenke auspacken.

Sie freute sich besonders über die neuen Puppenstubenmöbel. Zum Schluss der Bescherung, als auch Mama und Papa und dann auch noch Rolf ihre Geschenke angesehen hatten, lag da noch eine kleine Schachtel fast unter dem Sofa. ‚Katrin‘ stand darauf. Noch ein Geschenk! Sie war selig. Sie wickelte es aus. In einer quadratischen Schachtel, die mit Samt bezogen war, lag eine weiße herzförmige Plastikmarke. Darauf stand in roten Buchstaben:

„Ich bin kein faules

Kathrinchen

mehr!“

Der Weihnachtsstern

Es läutete an der Tür.

Siegfried stand unter der Dusche und konnte nicht öffnen. Es läutete erneut. Wer war so hartnäckig oder penetrant?

Siegfried stellte die Dusche ab, schlang sich ein Handtuch um die Hüften und ging nachschauen. Niemand vor der Tür. Er machte sie dennoch einen Spalt auf. Sein Blick fiel auf einen in gelbes Seidenpapier gewickeltes… Blumengesteck? Er nahm es auf und merkte, dass es ein Blumentopf sein musste.

Er schloss die Tür wieder, entfernte neugierig die Karte vom Papier und las.

„Entschuldigung für das Theater vorgestern.“

Keine Unterschrift, keine Anrede. Das musste ein Irrtum sein. Trotzdem öffnete er das Seidenpapier einen Spalt weit. Ein roter Weihnachtsstern streckte ihm eines seiner Scheinblütenblätter entgegen. Nichts Besonderes, ein Weihnachtsstern. Als Entschuldigung vielleicht genug. Aber für wen? Auf keinen Fall für ihn!

Vorgestern war Mittwoch gewesen, da hatte es mit niemandem ein „Theater“ gegeben, weder mit Kollegen noch mit seinen Eltern. Die würden ja auch keinen Weihnachtsstern schicken. Wem also sollte die Blume zukommen? Einer Nachbarin? Einem Nachbarn? Warum wurde aber ausgerechnet bei ihm geklingelt?

Tropfen aus seinen nassen Haaren fielen auf die Karte. Mist! Siegfried zog sich an, frühstückte grübelnd. Am Nachmittag machte er sich entschlossen auf die Runde zu den Nachbarn. Bei jedem klingelte er und stellte als erstes die Frage, ob der oder die Betreffende vorgestern mit irgendjemandem ein Theater gehabt hätte, einen kleinen Streit vielleicht, eine Schererei, ein Missverständnis? Alle verneinten, konnten sich nicht erinnern, alle schauten ihn misstrauisch an. Jedem erklärte er dann den Grund, woraufhin jeder die Angelegenheit seltsam fand. Fast schämte er sich für seine Bemühungen. Er hätte die Pflanze lieber gleich behalten sollen, jetzt blieb ihm nichts anderes übrig.

Er stellte den Weihnachtsstern auf die Fensterbank in seinem Arbeitszimmer. Ach, gießen musste er ihn doch wohl gleich und ihm einen Übertopf suchen. Da er keinen fand, stellte er den Topf in seine große Kakaotasse. Im Internet suchte er nach der Pflegeanleitung. Es könnte ja sein, dass doch noch jemand die Blume für sich reklamierte.

Mitten in der Nacht wachte er auf. Natürlich: es hatte ein kleines Theater gegeben im Kaufhaus! Da hatte er sich einen Schal ausgesucht, aber eine junge Frau hatte behauptet, den Schal zuerst gesehen zu haben, weshalb sie ihn „rechtmäßig“ zur Kasse trug und bezahlte. Siegfried hatte ihr wütend einen Vogel gezeigt und sich abgewandt. Und sie sollte ihm eine Wiedergutmachung gebracht haben? Kaum realistisch, er kannte sie nicht. Aber vielleicht möglich?

Tausend Fragen schwirrten ihm den Rest der Nacht durch den Kopf, keine konnte er beantworten oder sich erklären. Das einzige, was ihm klar war: er musste der Frau danken.

Da es Samstag war, nahm er seine Schlittschuhe und fuhr ins Einkaufszentrum, um sich auf der Eisbahn zu vergnügen. Beim Laufen sah er sich die jungen Mädchen an, die, wie es schien, alle mehr konnten als er. Er hielt ein Mädchen an und bat es, ihm ein paar Schritte zu zeigen.