Mariandlmord - Fanny Svoboda - E-Book

Mariandlmord E-Book

Fanny Svoboda

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Beschreibung

Aller bösen Dinge sind drei – der neue Fall für das Kultduo Mimi & Horvath! Krimiautor Horvath steckt bis zum Hals im Schlamassel. Ein präparierter Leierkasten, der nicht nur das »Mariandl«-Lied spielt, sondern auch toxisches Schwermetall ausspuckt, vergiftet zwei Künstler – exakt wie in seinem neuen Manuskript beschrieben. Und ausgerechnet Mimi wird verdächtigt! Während sie in U-Haft sitzt, macht sich Horvath auf Mörderjagd und stolpert durch einen Fall voller Neid und Rache. Dabei ahnt er nicht, dass der wahre Drahtzieher längst sein eigenes Kapitel geschrieben hat – mit Horvath in der Hauptrolle. Nach dem Bestseller Marillenknödelmord, der es aus dem Stand in die Top Ten der österreichischen Bestsellerliste schaffte, präsentiert Erfolgsautorin und »Niederösterreicherin des Jahres 2025« Andrea A. Walter alias Fanny Svoboda mit Mariandlmord den mittlerweile dritten Band der erfolgreichen Wachau-Krimi-Reihe. Eine Krimisatire auf höchstem Niveau – schwarzhumorig, schräg, politisch inkorrekt und mit tödlichen Pointen gespickt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Fanny Svoboda ist das Pseudonym von Andrea A. Walter. Sie wurde 1980 in Melk geboren, lebte seitdem in Krems und in München. 2011 zog die ausgebildete Sozialpädagogin mit ihrer Familie zurück in die Wachau. Inspiriert von der Landschaft und den Menschen, schreibt sie schwarzhumorige, regional angesiedelte Kriminalromane und als Andrea A. Walter fesselnde Psychothriller.

www.diewalter.at

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

 

© Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

[email protected]

www.emons-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept

von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Julia Lorenzer

E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd

ISBN 978-3-98707-355-7

Originalausgabe

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen

insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß

§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

 

»Ich zahl dich nicht fürs deppert Reden,du Krawattenkasperl.Meine Mimi ist keine Mörderin.«

Der Horvath

Prolog

»Fredi!«, schreit sein Vater in Dauerschleife.

Der Fred wünscht sich, unsichtbar zu werden, wie in seinem Trick, den er neu im Programm hat. Stattdessen steht sein Wohnmobil unübersehbar mitten auf dem Grundstück der Eltern. Knallbunt wie der missglückte One-Night-Stand zwischen Zirkuswagen und Hippie-Bus.

Hinter dem Häkelvorhang huscht sein Vater vorbei. Der Fred duckt sich. Zu spät.

»Fredi!« Jetzt brüllt er und hämmert gegen das Blech. »Du hast g’sagt, du hilfst dem Hans im Weingarten.«

Der Fred wird sich nicht auf ein Streitgespräch einlassen. Schließlich war es nicht sein Vorschlag, dem Pommer Hans bei der Weinlese zu helfen. Wie immer waren es seine Eltern, die sich eingemischt haben und ihn in die Pflicht nehmen wollten.

Er ist für vieles geboren, aber sicher nicht für den Dienst im Weingarten. Das werden seine Eltern jedoch nie kapieren.

Kein einziges Mal waren sie bei einem Auftritt dabei. Die riesigen Magic-Fred-Plakate, die überall hängen, würdigte seine Mutter mit einem tonlosen Lächeln. Sein Vater hat das übersprungen und ist gleich mit einer Beleidigung dahergekommen. »Mit der vielen Schminke brauchst keinen wegzaubern, da rennen die Leut von selber davon«, hat er gesagt.

Wäre dem Fred nicht das Geld ausgegangen, wäre er nie freiwillig in das Dorf zurückgekommen, in dem sich alles um Weintrauben dreht, als wären sie ein regionales Wundermittel gegen Krebs.

Er passt nicht hierher, das hat er schon als Kind gewusst. Er wollte mehr, hat auf seinen Reisen durch die Welt nach dem Extra gesucht, das die Wachau nicht bieten kann. Im Frühjahr ist er zurückgekommen, aber keiner hat ihn als das gesehen, was er in der Zwischenzeit geworden ist: ein Star, ein Top-Newcomer der internationalen Magierszene. Und all das hat er aus eigenem Antrieb geschafft. Na ja, fast aus eigenem Antrieb. Ein paar Kontakte, die über das Geschäftliche hinausgehen, gehören schließlich zu jeder Erfolgsgeschichte. Dafür darf man sich nicht zu fein sein, wenn man was reißen will.

Die Provinz hat ihre eigenen Helden. Gefeiert wird, wer zu Mittag beim Kirchenwirt das Gulasch isst, das schon Fäden zieht, und am Nachmittag trotzdem auf dem Traktor sitzt. Mit seinem perfekten Double-Lift beeindruckt der Fred im Dorf jedenfalls keinen. Hier will man seine Fingerfertigkeit in Arbeitshandschuhen im Weingarten sehen. Für seine Familie ist sein Erfolg ein Scherz und für die Nachbarn ein Running Gag. Er soll Spinnmilben weg- und höhere Ernteerträge herzaubern. Sein Nachbar hat ihn gefragt, ob er seine Frau in Flammen aufgehen lassen kann, und dabei über seinen eigenen Witz gelacht, als wäre er der Erfinder von schlechtem Humor. Wie dem auch sei. All das fasst zusammen, was die Dorfleute von ihm und seiner Zauberkunst halten.

Der Fred steht auf und betrachtet sein Spiegelbild im Swarovski-Toaster, den er sich geleistet hat, um wenigstens ein bisschen luxuriösen Flair in das heruntergekommene Wohnmobil zu zaubern. Trotzdem ist jeder weitere Tag, an dem er hier campiert, einer zu viel. Er sieht zu gut aus für diese Einöde. Die frisch implantierten schwarzen Haare, die korrigierte Nase und die neue kantige Jawline – alles von seinem ersten Tourneegeld bezahlt – müssen endlich zurück nach Las Vegas. Er habe die besten Chancen, dort durchzustarten, hat ihm ein Künstler-Scout auf seinem USA-Trip versichert. Er habe das Potenzial, der neue David Copperfield zu werden, hat ein anderer Scout geschwärmt. Der neue Copperfield, genau so sieht der Fred sich. Und jetzt, wo das Original doppelt so alt ist, sollte er seine Chance so schnell wie möglich nutzen. Dumm nur, dass er sich momentan nicht einmal eine volle Tankladung, geschweige denn ein Ticket in die Staaten leisten kann. Dann gibt es auch noch diesen Knebelvertrag, aus dem er sich höchstens rausklagen kann, wenn er seine Organe verkauft, und die sind nach zu vielen Partyexzessen sowieso nichts mehr wert.

»Hocknstad und faul, der Bub. Aber passt schon, Fredi. Zu uns brauchst sicher nimma kommen, wenn die Dosensuppe ausgeht und sie dir das Telefon abschalten, weilst die Rechnung wieder nicht zahlen kannst.«

Die Worte des Vaters klingen aus, und der Fred atmet erleichtert durch. Schulden hin oder her. Spätestens Ende der Woche wird er verschwinden. Sein aktueller Flirt hat ordentlich Geld auf der hohen Kante, da könnte was für ihn rausspringen, um endlich nicht mehr auf den Vorratskeller der Eltern und deren Bauernweisheiten angewiesen zu sein.

Der Fred hockt auf dem Boden und lauscht. Da sind Schritte. Lauert sein Vater noch immer vor dem Wohnmobil?

Der Wagen gerät in Schwingung, wahrscheinlich, um ihm Angst zu machen. Typisch sein Vater, der ihn mit einem billigen Trick vor die Tür locken will.

Der Fred zieht sich am Waschbecken hoch und späht aus dem Fenster. Er ist überrascht. Seine Eltern stehen wild gestikulierend im grell beleuchteten Wintergarten ihres Hauses.

Wieder spürt er etwas. Eine Bewegung des Wohnmobils, als wäre jemand an der Klapptreppe. Diesmal folgt ein zaghaftes Klopfen. Der Fred fährt herum, stürmt zuerst zum Fenster neben dem Eingang, dann in die Fahrerkabine.

Da ist jemand. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, entfernt die Gestalt sich zügig vom Grundstück. Der Fred geht näher an die Scheibe heran und kann durch den Nebel das feine, nietenbesetzte Rauleder ihrer Jacke erkennen.

Sekunden später ist er wieder an der Eingangstür und reißt sie auf. Auf der Treppe steht ein quadratisches rotes Packerl mit goldener Masche. Keine Adressierung, kein Absender. Er lacht. Jemand hat ihm ein Geschenk gebracht. Vielleicht ein Fan oder einer seiner Verehrer.

Der Fred bückt sich, hebt es auf und schüttelt es. Er kann es nicht erwarten, sein Geschenk auszupacken. Er stößt die Tür mit dem Ellenbogen zu und zupft die Verpackung ab.

Unter dem Papier kommt eine Schachtel zum Vorschein. Der Fred lässt sich auf das Klappbett fallen und nimmt den Deckel ab. Auf den ersten Blick kann er nichts mit dem Holzding anfangen. Erst als er die Kurbel entdeckt, weiß er, womit er es zu tun hat. Es ist ein Leierkasten.

Freds Mundwinkel sacken nach unten. Was soll er mit einem Leierkasten? Für Musik hat er Spotify, und als Dekostück ist er viel zu rustikal und altmodisch. Aber wer weiß, vielleicht ist das Teil was wert und lässt sich für einen Fünfziger auf eBay verscherbeln. Der Fred kurbelt, um zu sehen, ob das hässliche Ding überhaupt funktioniert. Und tatsächlich. Aus der Schallöffnung dröhnt blechern das Mariandl-Lied.

»Mariandl-andl-andl, aus dem Wachauer Landl-Landl …«, singt er, obwohl er das Lied hasst. »Na, vielen Dank für den Ohrwurm«, schimpft er vor sich hin.

Er stellt den Leierkasten neben sich auf das Bett und inspiziert die Schachtel auf eine Nachricht, die einen Hinweis auf den Absender gibt. Nichts. Mit der flachen Hand fährt er über das Holz, dann über seinen Kopf.

Irgendwas an dem Geschenk kommt ihm komisch vor, aber zum Nachdenken bleiben dem Fred nur noch wenige Stunden Zeit.

1

Der Horvath spürt den Druck auf seiner Blase, aber bis zum Beginn der Show wird er es nicht schaffen, sich den Weg zum Klo und wieder zurück zu bahnen.

Es dämmert über der Arena. Auf dem gegenüberliegenden Donauufer türmt sich eine dunkelgraue Wolkenformation auf, die einen Kontrast zur pink beleuchteten Kulisse bildet.

Der Shaman beugt sich über Marias Schoß zu ihm herüber. »Das ist das erste Mal, dass die Marilou und ich zammen ausgehn, seit die Miri da ist.«

Die Maria holt Gelsenspray aus ihrer Handtasche. »Noch mal danke, dass ihr uns mitgenommen habt«, ergänzt sie und verschwindet für kurze Zeit hinter einem Sprühnebel.

Die Mimi nickt eifrig. »Nach der Geburt von einem Butzi ist es für Paare so wichtig, dass sie viel Zeit miteinander verbringen.«

Das Gemurmel der Menschen schwillt an. In Scharen strömen sie auf ihre Plätze zu und sortieren sich wie durch unsichtbare Hände in Reih und Glied.

Die Mimi muss ihre nächsten Worte über den Horvath hinwegschreien. »Wie schaut’s denn mit eurem Sexleben aus?«

»Mimi«, zischt der Horvath. »Der ganze VIP-Bereich ist voll mit Presseleuten. Redet daheim über so was, sonst seht ihr euch in der Klatschspalte von der morgigen DonauWelt.«

Die Mimi räuspert sich und beugt sich dann noch ein Stück weiter zur Maria hinüber. »Ich kenn da einen super Healing-Tempel, wo sie auf Tantra-Massagen bei Frauen nach der Geburt spezialisiert sind.«

Eine ihrer roten Haarsträhnen wird statisch von Horvaths knittrigem Sakko angezogen. Er hätte das teurere Modell nehmen sollen, aber in der Eile hat er nichts in seiner Größe gefunden, und sein alter Anzug scheint beim Umzug verloren gegangen zu sein. Er zupft den Kragen zurecht und überlegt, mit der Maria Platz zu tauschen, damit die zwei Frauen in Ruhe reden können, aber neben dem Shaman will er nicht sitzen. Er schaut zu den zwei leeren Stühlen rechts neben Mimi. Nein, mit ihr kann er auch keinesfalls tauschen.

»Die Kleine zahnt und schreit ohne Ende. Ich bin schon froh, wenn ich es unter die Dusche schaff. Seit ihrer Geburt hab ich kein einziges Mal meditiert, und daran, dass ich meine Achseln rasieren sollt, denk ich immer erst, wenn sie beim Stillen ein Haarbüschel ansaugt.«

Der Horvath schlägt die Hände vors Gesicht. »Zwingt mich nicht, das alles zu wissen.«

»Körperbehaarung ist keine Nachlässigkeit, sondern ein Akt des Widerstandes gegen den Selbstoptimierungswahn«, mischt sich der Shaman ein und legt seinen Arm um die Maria. »Ich find ja, der wahre Zauber liegt im unberührten Dickicht.«

»Noch mal, Leutln, ich möcht das nicht …«, raunzt der Horvath und verstummt, bevor er den Satz fertig gesprochen hat. Er hebt seinen Arm und winkt der Frau, die sich zu ihnen herüberschiebt. Mit ihrem opulenten weißen Wollmantel und den aufgetürmten platinblonden Haaren verdeckt sie den Mann hinter sich vollständig.

Die Haltung, die Horvaths Körper wie auf Tastendruck annimmt, sieht ebenso unnatürlich aus wie sein Grinsen. Er steht andeutungsweise auf und zeigt einladend auf die beiden Plätze neben der Mimi. »Schön, dass ihr wieder da seid. Ich hatte bereits Sorge, dass ihr es nicht rechtzeitig vor Beginn zurückschaffen würdet.«

»Hase, du hörst dich an wie ein schlechter Synchronsprecher. Das sind nur meine Eltern.« Die Mimi zwinkert und stupst ihn mit dem Ellenbogen an.

Nur meine Eltern. Die Mimi hat leicht reden. Außerdem weiß er, dass es auch für sie nicht nur ihre Eltern sind. Es sind Bruno und Angelika De Castro. Er einer der größten Köpfe eines marktführenden Pharmaunternehmens im Ruhestand. Sie einfach nur Angelika De Castro, was bei diesem Auftreten völlig ausreicht.

Fast ehrfürchtig klein sitzt der Horvath da. Er kann es sich nicht leisten, das erste Treffen zu versauen, nachdem er es sich fast drei Jahre lang erkämpfen musste. Wie jeder weiß, erfordern Kämpfe Opfer. Sein Opfer ist es, mit ihnen bei der »Starnacht aus der Wachau« zu sitzen und so zu tun, als wäre ihm das ganze Trara nicht zuwider.

Um es beiläufig wirken zu lassen, zupft er erneut den Kragen seines Sakkos zurecht, bevor sein Blick zu den Schwiegereltern streift. Synchron lächeln die De Castros. Wie schaffen es diese reichen Hochglanzmenschen nur, in jeder Sekunde das Richtige zu tun? Aber Moment. Er ist selbst eine große Nummer und hat keinen Grund, sich kleinzureden. Auf den Bestsellerlisten steht er mit zwei Titeln regelmäßig unter den Top drei. Ganz zu schweigen von der TV-Verfilmung seiner Krüger-Reihe, die ihm einen ordentlichen Batzen Geld eingebracht hat. Längst ist er kein armer Schreiberling mehr. Und neuerdings verkehrt er sogar mit der österreichischen High Society, zumindest dann, wenn ihm nichts anderes übrig bleibt. Hinter dem höflichen Nicken und den passenden Floskeln muss sich aber noch etwas anderes verbergen. Irgendetwas, das er noch nicht durchschaut hat. Vielleicht ein eingebauter Gencode, den nur die verstehen, die in die Schickeria hineingeboren worden sind. Dass ihn Mimis Eltern nicht leiden können, hat er ganz ohne Code beim ersten Handschlag gemerkt. Seither lässt vor allem Angelika De Castro keine Gelegenheit aus, ihn ihre Abneigung spüren zu lassen.

»Ich kann nicht glauben, dass sich meine Tochter dem heiligen Sakrament der Ehe entzogen hat. Waldhochzeit? Was soll das sein?«

Die Frage, ob Angelika De Castro absichtlich so laut murmelt, erübrigt sich. Natürlich will sie, dass man sie hört. Wenn nicht, würde sie sich wie die anderen Male vornehm die Hand mit den akkurat bemalten Fingernägeln vor den Mund legen, den Kopf exakt fünfzehn Grad in Richtung ihres Mannes neigen und es ihm zuflüstern.

Mimis starr zur Bühne gerichteter Blick verrät dem Horvath, dass sie ihre Mutter ebenfalls gehört hat. Ihre Hand gleitet stumm in seine. Dass sie Angelika De Castro nicht erklärt, was eine Waldhochzeit ist, verrät außerdem, dass sie einem Gespräch mit ihr ausweicht, was bei der Mimi sehr selten vorkommt.

Bruno De Castros Antwort bleibt ihnen glücklicherweise erspart. Die einsetzende Musik dröhnt über die Arena und prallt als Echo von den Hügeln am anderen Donauufer. Die Bühne leuchtet in einem Feuerwerk aus grellen Farben. Scheinwerfer fächern Lichtstrahlen über die Köpfe des Publikums, als der erste Act auf die Bühne stürmt. Das ehemalige Mitglied einer Boyband, das seine besten Jahre hinter sich hat und einen alten ABBA-Hit zum Besten gibt, begleitet von Tänzerinnen in Cheerleader-Outfits. Das Lied klingt aus, und die Moderatoren entern samt schlechten Outfits und noch schlechteren Witzen die Bühne. Der Horvath ist schon jetzt so genervt, dass ihm vom Kopfschütteln das Genick wehtut. Damit scheint er der Einzige zu sein, denn der Rest der dreitausend Leute, wie die Moderatoren bereits zum dritten Mal erwähnen, jubelt sich die Seele aus dem Leib. Dieses Jubeln gilt vor allem der Sängerin, die als Nächstes auftreten soll, wie der Horvath vermutet. Die Anmoderation lässt keine Fragen offen. Der Applaus der Menge steigert sich, als die Moderatoren Mirella Monsel und ihren aktuellen Charthit ankündigen. Die Lichtstimmung auf der Bühne wechselt von Pink zu grellem Weiß, und die projizierte Silhouette der Sängerin blitzt unter Stroboskoplicht auf dem Screen.

Der Horvath erkennt die ersten Takte von Mirella Monsels Pop-Adaption von »Mariandl« und verdreht die Augen. Seit er die Tickets gekauft hat, läuft das Lied als Ohrwurm in Dauerschleife in seinem Kopf. Von nun an ist die Melodie der Soundtrack zum Aufeinandertreffen mit den De Castros.

Der Horvath wird das Gefühl nicht los, dass hinter der Bühne nicht alles nach Plan läuft. Im Technikbereich herrscht Aufregung, die allmählich auf das Publikum überschwappt. Das Playback hat längst eingesetzt, aber von der Sängerin ist noch immer nichts zu sehen.

Dann kommt Bewegung auf. Der Horvath verfolgt Mirella Monsel, die mit Mikrofon in der Hand auf die Bühne torkelt. Ihre Gefolgschaft ist eine Horde aus Tänzerinnen, die in ihren silbernen Ganzkörperanzügen wie in Alufolie gewickelte Bratwürste aussehen.

»Sie hat so eine gute Figur«, schwärmt die Maria. »Hoffentlich werd ich auch irgendwann wieder schlank.«

Seltsam angezogen von Mirella Monsels Auftritt, verschränkt der Horvath die Arme vor der Brust und mustert sie. In der Branche ist es nicht unüblich, vor dem Auftritt einen Schnaps zu kippen, aber Mirella Monsel wirkt mehr als beschwipst. Ihre Stimme ist brüchig, und ihre Bewegungen sind unkoordiniert. Irgendetwas an diesem Szenario erscheint ihm komisch.

Mimis Mutter stimmt mit kehligen Lauten den Refrain an, als versuchte sie, die Sängerin zu übertönen. Das ist nicht schwer, denn Mirella Monsels Stimme klingt im selben Moment aus. Wie eingefroren steht sie da, während die Techniker versuchen, mit dem eingespielten Playback zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Dass das alles kein Teil der Choreografie ist, wird deutlich, als Mirella Monsel nach vorne kippt und ihr Körper unter einsetzendem Kreischen der Menschenmenge auf den Boden knallt.

Mimi und Maria schlagen zeitgleich die Hände vors Gesicht. Die Musik verstummt, und die Scheinwerfer werden auf ein paar einzelne reduziert, die das Geschehen auf der Bühne auf dramatische Weise unterstreichen. Sanitäter treffen mit Koffern ein, während zwei Männer in Anzügen Sichtschutzwände aufstellen, um Mirella Monsel vor den Blicken des Publikums abzuschirmen.

»Um Himmels willen«, ruft eine Stimme, die der Horvath zeitverzögert als die seiner Schwiegermutter identifiziert.

»Gar nicht super«, klagt die Mimi betroffen, klammert sich an Horvaths Oberarm und wirft ihrem Vater einen Blick zu, den er jedoch nicht erwidert.

»Auch nicht super ist, dass ich für unsere Karten so viel bezahlt hab, wie mein erster Chevy gekostet hat …«

»Hase«, fällt sie ihm ins Wort, »sei nicht so unsensibel.«

»Was tut er da?«, fragt der Horvath und deutet auf den Shaman.

»Schamanische Trancearbeit zur Heilung von der Mirella«, klärt die Mimi ihn auf.

»Ich glaub eher, dass sie einen starken Kaffee und eine Matratze zum Ausnüchtern braucht«, kontert der Horvath ganz pragmatisch.

»Ich hoffe, du hast recht, Hase.«

»Schaut mal, da ist die Mutter von Mirella Monsel. Ich hab sie letztens in der Kronenzeitung g’sehn.«

Horvaths Blick folgt Marias ausgestrecktem Zeigefinger. Eine Frau mit rostroten Haaren stürmt auf die Bühne und stemmt sich gegen die Wand aus Security-Männern, die sich vor ihr aufbauen und ihr den Durchgang verwehren.

»Defibrillator!«, brüllt jemand durch die Zuschauerreihen. Der Horvath wünscht sich im selben Moment, er hätte die billigeren Plätze weit entfernt von der Bühne gekauft. Ihm wird mulmig bei der Vorstellung, was dort vorne passiert. Die hektische Geräuschkulisse fährt ihm durch den ganzen Körper und beschert ihm Gänsehaut. Schweiß strömt über seine Stirn. Er will weg, aber Shaman, Maria, Mimi und die De Castros machen keine Anstalten zu gehen.

Ein gellender Schrei übertönt alles andere. Die Frau, die von der Maria als Mirella Monsels Mutter identifiziert worden ist, fällt vor den Sicherheitsmännern auf die Knie. Zwei weitere Sanitäterinnen und Männer, deren Funktion der Horvath nicht einschätzen kann, kommen angerannt und scharen sich um sie.

»Nein!«, kreischt die Frau und kauert sich in Embryonalhaltung zusammen.

»Auf X heißt es, dass Mirella Monsel g’storben ist.« Marias Finger zittern, während sie über das Display ihres Smartphones wischt. »Einer hat sogar ein Foto gepostet.«

»Pachamama!«, ruft die Mimi betroffen und faltet die Hände vor der Brust. »Diese Sensationsgier ist so grauslich.«

»Was auch immer der Guru da macht, ist auch grauslich.« Der Horvath deutet mit dem Kinn auf den Shaman, der nach vorne geneigt mit geschlossenen Augen dasitzt und nichts von seiner Umgebung wahrzunehmen scheint.

»So eine junge, fesche Frau.« Die Maria ignoriert alles um sich herum und schüttelt ungläubig den Kopf. »Erst der Magic Fred und jetzt sie.«

»Fred Fuchs, der Zauberer?«, fragt der Horvath und runzelt die Stirn.

»Ausgerechnet du hast das nicht mitbekommen, Horvath? Die Zeitungen sind seit heute Nachmittag voll damit.« Marias neuerliches Kopfschütteln gilt dem Horvath, aber wie soll er ständig verfolgen, was um ihn herum passiert? Er ist erst gestern Abend von seiner Reise zurückgekommen, hat ein Buch zu schreiben und muss ein Haus instand halten.

Die Maria beugt sich zu ihm und der Mimi herüber. Ihre Haare riechen nach Babyöl und saurer Milch. Der Horvath fragt sich, ob das bei der Mimi auch irgendwann so sein wird, wenn sie Nachwuchs bekommen, was undenkbar erscheint, so wenig Zeit, wie sie füreinander haben. »Zuerst hat es geheißen, es war ein Herzinfarkt, aber anscheinend ist er vergiftet worden.«

»Vergiftet?«, geht die Mimi dazwischen und weckt damit das Interesse ihrer Mutter.

»Wer ist vergiftet worden?«, will Angelika De Castro wissen. Zum ersten Mal seit ihrer Begrüßung wendet sie sich dem Horvath und der Mimi zu. Ihr süßes Parfum schwappt wie eine Welle zu ihnen herüber und lässt den Horvath die Luft anhalten.

»Angeblich der Wachauer Zauberer«, erklärt die Mimi knapp. »Hat sein Tod was mit dem Packerl vor seiner Tür zu tun?«, richtet sie ihre Frage dann an die Maria.

»Das war nicht irgendein Packerl. In den Nachrichten hat es geheißen, dass es ein Mariandl-Leierkasten war. Könnt ihr euch das vorstellen?«

Dem Horvath wird schlecht. Ja, er kann es sich sogar sehr gut vorstellen. Vermutlich besser als jeder andere.

2

Der Horvath sitzt an seinem Schreibtisch, den Blick auf seinen Laptop gerichtet. Das spätsommerliche Licht des Morgens fällt warnend rot durch das Fenster. Pachamamas Prophezeiung, würde die Mimi sagen, wenn sie von den Problemen, die auf ihn zusteuern, wüsste.

»Das ist nicht dein Ernst, Bro!«, knattert es durch die Lautsprecher. Im Gesicht seines Managers, das wie ein großer weißer Ballon vor ihm schwebt, spiegelt sich die Pendelleuchte, die der Horvath seit einem halben Jahr abmontieren will. Ein staubiges Siebziger-Jahre-Relikt, während die neue LED-Lampe noch immer originalverpackt im Karton unter der Fensterbank liegt. Vielleicht hätten die Mimi und er anstatt dieses riesigen Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert lieber einen modernen Neubau kaufen sollen, aber die Mimi war auf Anhieb so verliebt in dieses Haus mit Blick auf die Donau, dass er nicht anders konnte, als den Kaufvertrag zu unterschreiben.

»Vertrag hin oder her. Ich kann nicht wochenlang alles stehen und liegen lassen. Du hast ja g’hört, was bei uns los ist.« Der Horvath verschränkt die Arme vor der Brust, was seinen Worten den Nachdruck verleihen soll, den es braucht, um zu Kevin-Luca Schmidt durchzudringen.

»Nee, nee«, murmelt der mit südhessischem Dialekt und holt dramatisch Luft. »Bro, Forsthaus Rampensau braucht ein Brain. Der Intellekt ist in diesem Format literally unterirdisch.«

»Brain«, wiederholt der Horvath und denkt an sein neues Manuskript, das tonnenschwer auf seinem Schoß liegt. Was hat ihn nur geritten, den Vertrag zur Teilnahme an dieser Sendung zu unterschreiben? Vier Wochen Einöde mit ausrangierten Promis, Essensentzug und sportlichen Aktivitäten, deretwegen er seinen neuen Chevy danach gegen einen Rollator tauschen wird müssen. Das alles mit dem Weinzierl Fritz, einem abgehalfterten Austropopstar als Teampartner, und vor den Augen eines Millionenpublikums.

Der Schmidt hebt abwehrend die Hände. »Okay, schlaf mal ’ne Nacht drüber. Reden wir stattdessen über deinen neuen Lesungs-Vibe.«

Der Horvath wirft einen Blick zur Tür. Das Knarzen der Holztreppe kündigt Mimis Besuch im Obergeschoss an. »Ich brauch keinen Vibe«, raunzt er und lächelt die Mimi, die mit Häferl im Türrahmen steht, gequält an.

Der Schmidt wischt über sein iPad. »Imagine, du ballerst eine fette Crime-Show raus. Nebelmaschinen, Sound Effects, einen komplett neuen Style. Du könntest dich von verschleierten Witwen im Leichensack auf die Bühne tragen lassen.« Er leckt sich über die Lippen und fuchtelt mit den Händen, als malte er das Szenario in die Luft. »Ich sehe Rauch, diffuses Licht und Pyrotechnik. Ja, Pyrotechnik braucht es safe auch. Vielleicht können wir auch was mit Wind …«

»Pyrotechnik, Nebel- und Windmaschinen … Ich bin nicht Michael Jackson.«

»For real bist du Michael Jackson! ›Billie Jean is not my lover. She’s just a girl who claims that I am the one‹«, singt der Schmidt und schwingt die Arme in der Luft. »Du hast Main Character Energy, Bro. Das Publikum will Show und Entertainment, keinen Vorleseonkel, der auf seinem Schreibtisch lümmelt und nicht vom Wasserglas neben sich zu unterscheiden ist.«

Aya und Kambo laufen an der Mimi vorbei ins Zimmer. Die Katzen streifen um seine Füße und miauen.

Der Horvath gibt einen bedeutungslosen Laut von sich, der weder Zustimmung noch Ablehnung signalisieren, sondern das Ende dieses Videoanrufes einläuten soll. Er räuspert sich. »Na gut …«

»Ich setz mich ins Flugzeug und komm zu dir. Dann designen wir deine neue Authentizität als Crime-Popstar und machen dich ready for Rampensau!«

Der Horvath gibt sich nickend geschlagen. Er hat keine Energie für ein derartiges Gespräch. Nicht vor dem ersten Kaffee, nicht an einem Samstag und schon gar nicht in dieser Situation. Er klappt den Bildschirm des Laptops mit einer Wucht zu, dass die Mimi und die Katzen zusammenzucken. »Der Schmidt ist ein wandelndes Gen-Z-Bullshit-Bingo.«

Die Mimi kommt ins Zimmer, und als hätte sie seine Gedanken gelesen, stellt sie das Kaffeehäferl vor ihm ab.

»Sogar mit ein bisserl Koffein.« Schwungvoll setzt sie sich auf seinen Schreibtisch, schiebt ihre roten Haarsträhnen hinter die Ohren und mustert ihn. »Ich weiß, dass du nicht in dieser Show mitmachen wolltest, aber die Gage ist schon recht hoch.« Sie wirft einen Blick durch das Schreibzimmer, eines von neun halb renovierten Zimmern.

Natürlich weiß er, worauf sie hinauswill. Sie könnten das Geld gut brauchen, um dem Haus endlich den letzten Schliff zu geben.

»Ich schreib zwei Bestseller im Jahr, und du bist die Ober-Bezirksschamanin von der Wachau. Finanziell kann uns nix passieren.«

»Ist es wegen dem zammg’fahrenen Pommer Hans? Hast du seiner Frau gesagt, dass du ermitteln wirst?«

Der Horvath wehrt die schwarze Katze ab, die sich an ihm hochhangelt. »Was? Nein. Aber gut, dass du mich daran erinnerst. Sie glaubt fest an einen Mord, aber da ist sie die Einzige.« Er macht eine kurze Pause, bevor er fortfährt: »Ich bin erst vom Fruchtbarkeitsretreat zurückgekommen, da will ich dich nicht schon wieder wochenlang allein lassen.«

»Ich halt das aus. Ich channel mich einfach zu dir, wenn du mir abgehst.« Die Mimi hebt die Katze hoch, die zu schnurren beginnt, als hätte sie einen eingebauten Schalter. »Hast Zores mit dem Krüger, weil du ihn sterben lassen wirst?« Sie tippt mit dem Zeigefinger auf das Manuskript, das noch immer schwer und heiß auf seinem Schoß liegt. »Melodie des Todes – Kommissar Krügers letzter Fall«, steht in fetten Buchstaben auf dem Deckblatt, das der Horvath am liebsten samt Forsthaus-Rampensau-Vertrag und dem Schmidt abfackeln würde.

Er schluckt schwer. »Nein, nein. Der hat sich mit dem Sensenmann arrangiert«, erwidert er, zieht mit fahrigen Fingern die Schublade auf und lässt den Stapel Papier darin verschwinden.

»Dass du so ein großes Geheimnis aus deinem neuen Buch machst, kenn ich gar nicht von dir.«

Der Horvath spürt, wie seine Wangen unter dem Dreitagebart rot anlaufen.

»Du hast eh schon alles umgeschrieben. Bist noch immer nicht damit zufrieden?«, bohrt die Mimi weiter.

»Es könnt besser laufen.«

»Was sagt denn der Verlag dazu?«

»Abgabetermin ist Ende des Monats. Du weißt, dass ich schon lange kein Manuskript mehr vor Ablauf der Deadline abgebe.« Er tippt auf die aufgeschlagene Ausgabe der DonauWelt vor sich. Das Foto im Kulturteil zeigt eine jüngere Version von ihm. Darüber prangt die Headline: »Wachauer Starautor zeigt sich abergläubisch: Kein Manuskript wird vor Abgabetermin aus den Händen gegeben«. Daneben liegt eine weitere Ausgabe. Auf der aufgeschlagenen Seite ist das Gesicht von Erika, der Mörderin von Horvaths altem Freund Berti, abgebildet. »Marillenknödelmörderin Erika kehrt nach Krems zurück – aus dem Gefängnis kämpft sie um Haus und Erbe«. Ihr Blick wirkt trotzig, fast schon zufrieden, als hätte sie im Zellenlicht ihre große Bühne gefunden.

Der Horvath greift nach Mimis Hand. »Ich wollt schon seit gestern mit dir reden. Es geht um das Manuskript. Also eigentlich geht es um den Fred und die Mirella Monsel …« Horvaths Worte sind holprig und klingen blechern. Er räuspert sich.

Sein vibrierendes Handy unterbricht das Gespräch. Wie auf Autopilot trommelt er auf das Display. Seine Gedanken sind Fetzen, die wirr herumflattern, sein Puls ist so hoch wie in dem Moment, als der Shaman ihm mitgeteilt hat, er und die Maria würden ihr Kind Mimi nennen.

Das Telefon klingelt weiter und schiebt sich dröhnend über die Tischplatte.

»Das ist die Frau vom Pommer«, erklärt die Mimi unnötigerweise. Der Horvath wusste, auch ohne ihren Namen gelesen zu haben, dass sie es ist, denn ihre Anrufe trudeln seit dem frühen Morgen halbstündlich ein.

»Magst nicht …?«

»Nein!«, brüllt der Horvath lauter als beabsichtigt. Erneut tippt er auf das Display, und es verstummt.

»Hase, was ist denn …?«

»Mimi«, unterbricht er sie wieder. »War irgendwer in meinem Büro, als ich nicht da war? Hat irgendwer Zugriff auf mein Manuskript oder meinen Computer gehabt?«

Die Mimi wirkt verdattert. »Nur die Männer, die den neuen Boden in meinem Healing-Atelier verlegt haben. Aber die waren nicht oben, und schon gar nicht in deinem Schreibzimmer.« Sie überlegt kurz, während ihr Blick gleichzeitig zum offen stehenden Wandtresor auf der anderen Seite des Raumes gleitet. »Hat dir jemand die Idee gestohlen?«

Die Türklingel dringt ins Obergeschoss. Die Mimi setzt die Katze ab und kreischt. »Das ist DHL mit meiner Handpan.« Sie drückt ihm einen hastigen Kuss auf die Stirn und stürmt nach unten.

»Hat dir jemand die Idee gestohlen?«, wiederholt er Mimis letzten Satz, der wie eine Giftwolke über ihm hängt.

Ja, jemand hat ihm die Geschichte gestohlen, aber ganz anders, als sich die Mimi das vorstellen kann. Er zieht die Schublade, in der er zuvor das Manuskript verstaut hat, wieder auf und umfasst den Stapel mit beiden Händen.

Sein Manuskript. Sein verdammtes Manuskript, das es gar nicht geben sollte und das trotzdem der beste Plot seines Lebens ist. Kommissar Krüger auf seinem Zenit, der perfekte Abschluss einer Krimireihe, von dem sein Verlag nichts Geringeres als ein Meisterstück erwartet.

Der Horvath knallt den gebundenen Stapel auf den Schreibtisch und blättert die erste Seite auf.

Melodie des Todes – Kommissar Krügers letzter Fall

Als Joachim Wagner an diesem nebligen Morgen seine Tür öffnete, fand er etwas Seltsames.

Ein alter Leierkasten, verstaubt und von den Jahren gezeichnet, stand da. Niemand war zu sehen, nichts zu hören, abgesehen von der Stille der Straße. Neugierig beugte er sich vor, musterte das Instrument, das ihm fast verloren und geheimnisvoll erschien.

Ohne weiter nachzudenken, legte er seine Hand auf die Kurbel und begann, sie zu drehen, während er ins Haus zurückkehrte. Eine leise, melancholische Melodie erfüllte die Luft, doch mit jedem Umdrehen wurde ihm seltsam schwindelig. Sein Atem wurde schwerer. Ein süßlicher, metallischer Geruch stieg ihm in die Nase. Er hörte auf zu kurbeln, doch es war zu spät. Der Leierkasten hatte mehr verströmt als nur Musik.

Seine Beine zitterten, und er griff nach der Lehne des Küchenstuhls, doch seine Finger fanden keinen Halt. Mit einem dumpfen Geräusch fiel er auf die Knie. Der Boden unter ihm schwankte. Er spürte, wie seine Brust sich zusammenzog, wie sein Körper nach Luft rang, doch es wollte keine kommen.

Er verstand es plötzlich, aber zu spät. Das war kein gut gemeintes Mitbringsel, kein harmloses Geschenk eines Fans. Ein langsames, lähmendes Gift hatte ihn erwischt, still und unerbittlich.

Die Welt um ihn herum verschwamm, und mit dem letzten Ton des Leierkastens verstummte auch sein Herzschlag.

3

Der Motor des feuerroten Chevys dröhnt scheppernd donauabwärts. Vor ihm schlängelt sich die schmale Straße durch die Wachau, deren Bäume und Weinreben inzwischen die ersten Anzeichen von Herbst tragen. Für den Horvath ist der Herbst wie eine Midlife-Crisis. Je trüber und kahler die Landschaft wird, desto mehr tut er so, als wäre er der Höhepunkt des Jahres. Als junger Bub hat er sich den Klimawandel herbeigewünscht, nur wegen der Aussicht auf ewigen Sommer. Vielleicht ist das insgeheim der Grund, weshalb er wieder einen Chevy Caprice aus den Achtzigern fährt.

Er ist dankbar für den Kompromiss, den er mit der Mimi geschlossen hat. Er hat seine alte CO2-Schleuder zurückbekommen, dafür fährt er mit dem Zug zu Lesungsterminen, beschränkt seinen Fleischkonsum auf ein paar Heurigenbesuche im Jahr und gibt sich allergrößte Mühe, den Shaman als Marias Mann anzuerkennen. Letzteres rettet zwar nicht das Klima, dafür aber Shamans Leben.

Im Dorf angekommen, parkt er sein Auto auf der Schotterfläche neben dem Weingut der Pommers. Er kurbelt das Seitenfenster runter und lehnt den Kopf zurück. Er könnte schwören, dass sich die Luft anders anfühlt als am Tag davor. Ein bisschen zäh. Wie das Backhendl beim Bugl-Wirt, das von Freitag bis Sonntag warm gehalten wird, für den Fall, dass ein Gast kommt.

Der Horvath schaut sich um. Das Weingut der Pommers erstreckt sich vom großzügigen Einfamilienhaus am Rand der Straße bis weit hinauf an die Grenze zu einem Tannenwald. Gleich daneben das Grundstück von Magic Freds Eltern. Am Holztor zum Weinkeller entdeckt er Plakatreste von dessen letztem Auftritt im Salzstadl. Im selben Moment ertönt Mirella Monsels Stimme aus dem Autoradio. Nein, das ist kein böses Omen, es ist Radioalltag. Kaum ist ein Künstler gestorben, werden seine größten Hits in Dauerschleife ebenfalls totgespielt. Rasch schaltet er ab und steigt widerwillig aus.

Die Sturmböe empfängt ihn wie einen Gast nach der Sperrstunde. Auf der Suche nach der Eingangstür versucht er, den Blick vom verwitterten, halb zerfetzten Gesicht des Zauberers abzuwenden. Magic Fred ist nicht der Grund für seinen Besuch im Dorf, zumindest nicht heute. Heute ist er wegen Hans Pommer hier, so schwer es ihm auch fällt.

»Oida, spionierst schon wieder die Leut aus?«

Der Horvath fährt herum. »Und du, Simoner? Musst ein paar rebellische Rentner, die das Kackerl vom Hund nicht weggeräumt haben, zur Ordnung mahnen? G’scheite Fälle kriegst ja nicht mehr, wird erzählt.«

Walter Simoner kommt auf ihn zu. Der Polizist ist in Zivilkleidung unterwegs und trägt einen Karton Wein. »Die Pommer-Witwe hat mir mit ihren Mordphantasien keine Ruh gelassen. Da hab ich die Gelegenheit genutzt und ein paar Flascherl Veltliner für die Schwiegereltern geholt.«

»Und, was denkst über den Fall?«

Der Simoner lockert den Kragen seines Jeanshemdes und gibt ein kehliges Lachen von sich. »Eindeutig ein Fall von ›zu deppert, dass er die Handbremse vom Traktor anzieht‹. Der Trottel ist praktisch direkt vom Geburtskanal auf den Traktorsitz gerutscht und hätt es besser wissen müssen. Aber wenn man mit drei Promille im Weingarten hackelt, den Steyr im Leerlauf stehen lässt und sich genau davorhockt, dann kann es schon einmal passieren, dass …« Der Simoner vervollständigt seinen Satz mit einer Geste und einem schmatzenden Geräusch, von dem dem Horvath schlecht wird. »Wesentlich interessanter sind die Morde am Fredi und der Monsel.«

Der Horvath steigt nervös auf dem Stand hin und her. Er wollte vermeiden, mit jemandem darüber zu reden. Andererseits ist das die Gelegenheit, an Informationen zu gelangen.

»Was ist da genau passiert?«, stellt er sich unwissend und hofft, seine Frage klingt nicht so verräterisch, wie sie sich anfühlt.

Der Simoner tritt so nahe an den Horvath heran, dass dieser seine Zigarettenfahne riecht. Verstohlen schaut er sich um. »Was ich dir jetzt erzähl, hast nicht von mir. Verstehst mich, Oida?«

Der Horvath nickt. Seit wann ist der Simoner wieder gesprächig? Hat er es sich beim Sonnwendmord letztes Jahr nicht gewaltig mit ihm verscherzt? Oder ahnt der Polizist etwas?

»Die Monsel und der Fredi haben das Packerl mit dem Mariandl-Leierkasten, soweit wir wissen, am Dienstag im Laufe des Tages gekriegt. Alle anderen Tage haben wir ausschließen können. Der Zusteller war der Mörder persönlich oder ein Komplize, denn keine Spedition hat in den letzten zwei Wochen eine Zustellung an ihre Adressen aufgezeichnet. Die Kollegen werten grad die DNA-Spuren aus. Was sie aber fix wissen, ist, dass der Kasten präpariert war. Mit Thallium. Das Gift ist durch den Kurbelmechanismus freigesetzt worden und hat die zwei langsam ums Eck gebracht. Den Fredi ein bisserl schneller, weil er in der kleinen Blechdose eine ordentliche Ladung abbekommen hat. Die Monsel in ihrer Penthouse-Wohnung ein bisserl langsamer. Die hat sogar bis zu ihrem Konzert durchgehalten.«

»Hat es eine Verbindung zwischen der Monsel und dem Fredi gegeben?«

Walter Simoner hebt wissend die Augenbrauen. »Die zwei waren bei derselben Künstleragentur von einer gewissen Anežka Kain.«

»Ist sie sauber?«

»Mal schauen. Die Kollegen vom LKA mischen die Bude ordentlich auf. Für die Gastronomie hoff ich, dass der Mörder bald in den Bau geht. Des Oarschloch macht im Dorf alle rebellisch. Es gibt eine Stornierung nach der anderen. Die Leut reden von einem Serienmörder, und die DonauWelt, dieses Schmierblattl, hat den Schmafu auf’griffen.« Walter Simoner wuchtet den Karton auf den anderen Arm und wirft einen Blick auf seine Uhr. »Du, ich muss jetzt. Die Schwiegerleut und die Theresia warten schon mit dem Essen auf mich. Viel Spaß mit der Pommer-Witwe.«

Der Polizist lässt den Horvath vor dem Haus der Pommers stehen. Pommer-Witwe, denkt er. Das Dorfkollektiv arbeitet schnell und zuverlässig, wenn es um neue Bezeichnungen für die Ortsansässigen geht.

Der Regen setzt in dem Moment ein, als Doris Pommer ihm die Tür öffnet. »Horvath, na endlich«, stöhnt sie und winkt ihn ins Haus.

Der Horvath folgt Doris Pommer und einer Duftspur aus Bratengeruch in die Küche. Auf den Schränken türmen sich Töpfe und Pfannen. Reste von Schweinsbraten, Erdäpfelknödel und ein dampfender Gugelhupf legen nahe, dass ihr der Tod ihres Mannes nicht den Appetit verdorben hat.

Doris Pommer zupft sich im Vorbeigehen ein Stück Gugelhupf ab, steckt es sich in den Mund und sinkt auf die Bank rund um einen geräumigen Holztisch. »Nehmen S’ Platz«, bittet sie kauend und deutet auf eine freie Stelle am Tisch. Der Rest ist von Handarbeitssachen, Zeitschriften und Rabattmarken besetzt.