Match Point - Katherine Reilly - E-Book

Match Point E-Book

Katherine Reilly

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Beschreibung

Spiel, Satz und Liebe

Zwei Wochen lang findet in Wimbledon das prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt statt, und in diesem Jahr spricht jeder über den Spieler Kieran O'Sullivan, den berüchtigten Bad Boy, und seine letzte Chance, einen Grand Slam zu gewinnen.
Das heißt, alle, außer Flora Hendrix. Flora wohnt zwar in Wimbledon, aber sie vermietet ihre Wohnung für den Sommer, um einen Neuanfang zu wagen, nach dem sie sich sehnt. Doch als Floras Pläne unerwartet scheitern, ist das Letzte, womit sie rechnet, dass ihr Hausgast sich weigert, zu gehen. Vor allem, wenn es sich dabei um keinen Geringeren als Kieran O'Sullivan handelt.
Zwischen Flora und Kieran fliegen die Funken, als sie für den Sommer zusammengewürfelt werden. Aber sie werden sich nicht von ein paar Funken davon abhalten lassen, endlich ihren Träumen zu folgen. Oder doch?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Zwei Wochen lang findet in Wimbledon das prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt statt, und in diesem Jahr spricht jeder über den Spieler Kieran O'Sullivan, den berüchtigten Bad Boy, und seine letzte Chance, einen Grand Slam zu gewinnen. Das heißt, alle, außer Flora Hendrix. Flora wohnt zwar in Wimbledon, aber sie vermietet ihre Wohnung für den Sommer, um einen Neuanfang zu wagen, nach dem sie sich sehnt. Doch als Floras Pläne unerwartet scheitern, ist das Letzte, womit sie rechnet, dass ihr Hausgast sich weigert, zu gehen. Vor allem, wenn es sich dabei um keinen Geringeren als Kieran O'Sullivan handelt. Zwischen Flora und Kieran fliegen die Funken, als sie für den Sommer zusammengewürfelt werden. Aber sie werden sich nicht von ein paar Funken davon abhalten lassen, endlich ihren Träumen zu folgen. Oder doch?

Zur Autorin

Katherine Reilly ist das Pseudonym einer Autorin mehrerer Jugend- und Erwachsenenromane, die weltweit veröffentlicht werden. Unter dem Pseudonym Katy Birchall ist sie die Autorin von Undercover Bridesmaid und schreibt auch Jugendromane als Ivy Bailey. Katherine lebt mit ihrer Familie und ihrem Rettungshund in London.

Katherine Reilly

Match Point

Roman

Aus dem Englischen von Martina Takacs

HarperCollins

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Match Point

bei Head of Zeus, Bloomsbury Publishing, London.

© 2024 by Katherine Reilly

Deutsche Erstausgabe

© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe

by HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von buxdesign GbR

Coverabbildung von Sofia Miller Sala

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783749909223

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für KimDanke, dass du an mich geglaubt hast!

Prolog

Heute wird ein besserer Tag.

Das sage ich mir wiederholt, während ich einen weiteren braunen Umschlag öffne, das Buch heraushole und es auf den Stapel auf meinem Schreibtisch lege, der sich immer höher auftürmt. Jede Woche bekommen wir hier beim Daily Journal Dutzende von Büchern zur Rezension zugeschickt, und meine Aufgabe als Assistentin in der Kulturredaktion ist es, sie alle auszupacken und auf einem Rollwagen so aufzustellen, dass die Literaturredakteurin die Buchrücken sichten und sich die Bücher herauspicken kann, die sie lesen und vorstellen möchte.

Beunruhigenderweise ist das eigentlich schon der interessanteste Aspekt meiner Arbeit.

Nicht, dass ich mich beschweren will. Ich weiß, ich kann mich glücklich schätzen, überhaupt bei einer Zeitung zu arbeiten. Als ich letztes Jahr nach London gezogen bin, rechnete ich wirklich nicht damit, eine Stelle in der Medienbranche zu ergattern, also muss ich dankbar sein, dass ich hier bin, Bücher stapeln und Tee und Kaffee holen darf. Ich hatte nur gehofft, vielleicht ein bisschen mehr in den kreativen Teil einbezogen zu werden, und da ich dieses Jahr neunundzwanzig werde, frage ich mich schon manchmal, ob ich nicht etwas Anspruchsvolleres machen sollte als das hier, was ja eher als Einstiegsjob anzusehen ist.

Gestern zum Beispiel. Meine einzige dringliche Aufgabe war es, einen Tisch für meinen Redakteur Harvey im »The Ivy« für sein heutiges Lunch-Meeting zu reservieren. Den Rest meiner wertvollen Zeit habe ich damit verbracht, die Bücher, die wir am Morgen erhalten hatten, nach der Farbe ihrer Rücken zu sortieren und dann ein Onlinequiz darüber zu machen, welche Hunderasse am besten meinem Lebensstil entspricht, welche Disney-Figur mir am ähnlichsten ist und welcher 2000er-Promi perfekt zu mir passt.

Ich habe erfahren, dass ich einen Norfolk Terrier besitzen sollte, dass ich viel mit Meeko, dem Waschbären aus Pocahontas, gemeinsam habe und dass es, wenn ich jemals wieder Single sein sollte, nicht schlecht wäre, wenn ich Chad Michael Murray über den Weg liefe. Das sind alles sehr nützliche Informationen, aber ich bin heute Morgen nicht gerade supermotiviert und in dem Wissen aufgewacht, dass ich der Gesellschaft von wesentlichem Nutzen bin.

Deshalb trichtere ich mir heute positive Gedanken ein, und sobald ich diese Bücher ausgepackt habe, will ich mir eine To-do-Liste schreiben mit allen Maßnahmen, die für meine Karriere nützlich sein können, wie zum Beispiel noch eine E-Mail an die Kulturredaktion zu schreiben, um abzuchecken, ob sie dort immer noch keine Designer-Jobs freihaben, oder mich bei Galerien und Verlagen zu bewerben, die viele Graphic Novels herausgeben. Ich darf es mir hier nicht zu gemütlich machen. Wenn ich in der Kunstbranche arbeiten will, muss ich was dafür tun.

Ja, gut so. Starke, motivierende Gedanken. Das fühlt sich doch schon besser an.

»Flora, du sollst zu Harvey kommen.«

Ich blicke von meinem wachsenden Bücherstapel auf, und da steht unser Praktikant Basil mit seiner halb langen Föhnfrisur neben mir und scrollt auf seinem Handy herum. Er klingt leicht angepisst, sicher weil er die paar Meter von seinem Schreibtisch bis zu mir zurücklegen musste, um die Nachricht zu überbringen. Basil ist zwanzig und der Sohn eines von Harveys Golfkumpels, und er ist seit etwas mehr als einer Woche bei der Zeitung, um hier sein »Praktikum« zu absolvieren, nur dass er bisher keine erkennbare Arbeit geleistet hat. Er verbringt die meiste Zeit mit TikTok und begleitet Harvey zu langen Mittagspausen.

»Danke, Basil«, sage ich betont fröhlich. Mir ist es verdammt ernst mit meinem Optimismus.

Er zuckt mit den Schultern und schlappt zurück zu seinem Schreibtisch, wo er sich in den Stuhl sinken lässt, ohne auch nur einmal den Blickkontakt zu seinem Handy zu unterbrechen. Iris, unsere Sportjournalistin, bekommt mit, wie ich die Augen verdrehe. Sie spricht offenbar gerade mit jemandem in der Nähe über ein Layout. Zuerst ist es mir peinlich, dass ich dabei erwischt wurde, aber als Iris mich verschwörerisch anlächelt und mit Blick auf Basil mein Augenrollen nachahmt, bin ich erleichtert und grinse sie an.

Iris ist eine der wenigen Personen hier in der Redaktion, die ich gut leiden kann – vor allem, weil sie die einzige Journalistin ist, die sich die Mühe macht, mich zu grüßen. Obwohl wir in verschiedenen Ressorts arbeiten – sie in der Sportredaktion und ich in der Kultur –, halten wir uns manchmal zusammen in der Küche auf, kochen Kaffee und kichern über die spießigen, eingebildeten Kollegen oder Sportstars, die sie interviewt hat. Wir sind auch schon ein paarmal zusammen Mittag essen gegangen, was für sie vielleicht keine große Sache ist, mir aber sehr viel bedeutet. Da ich noch relativ neu in London bin, habe ich noch keine echten Freunde hier. Es ist schön, das Gefühl zu haben, dass da jemand ist, mit dem man reden kann.

Wir sind allerdings sehr verschieden. Anfangs war ich von Iris ein wenig eingeschüchtert: Sie ist so selbstbewusst, klug, schlagfertig und faszinierend schön mit ihren dunklen Haaren, den feinen Gesichtszügen und den auffallend grünen Augen. Außerdem hat sie Stil und ist kultiviert. Und sie kleidet sich immer so, als ginge sie zu einem wichtigen Lunch-Meeting ins »Sexy Fish« in Mayfair, also genau die Art von Frau, nach der sich, wenn sie einen Raum betritt, alle umdrehen. Ich dagegen bin eher verschlossen und zurückhaltend, kämpfe täglich mit den widerspenstigen Wellen meiner blonden Haare, habe praktisch ausschließlich verblichene T-Shirts und zerrissene Jeans im Schrank, und wenn ich einen Raum betrete, dann nach Möglichkeit so unauffällig, dass mich niemand bemerkt.

Trotzdem passt es mit uns. Anscheinend ziehen sich Gegensätze wirklich an.

An Harveys Schreibtisch angekommen räuspere ich mich. »Basil sagte, ich solle zu Ihnen kommen?«

Ohne vom Bildschirm aufzublicken, hebt Harvey einen Finger, um mir zu bedeuten, dass ich warten soll, bis er mit der E-Mail fertig ist, die er gerade schreibt. Ich versuche, nicht zu grinsen. Das ist typisch für Harvey, jemanden zu rufen, mit dem er sprechen will, und ihn dann warten zu lassen. Er liebt es, sich wichtig zu fühlen und seine Untergebenen daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat.

Harvey ist ein aufgeblasenes Arschloch um die sechzig und sollte eigentlich nicht der Kulturredakteur einer überregionalen Zeitung sein, denn von Film, Kunst, Musik oder Theater scheint er keine Ahnung zu haben. Dafür muss er aber die richtigen Leute gekannt haben, um den Job zu kriegen. Dass er einen Praktikanten ein paar Meter durch den Raum schickt, um mich zu sich zu rufen, statt einfach mal aufzustehen und selbst zu gehen, fasst den Charakter dieses Mannes gut zusammen.

»Gut, das wäre erledigt«, sagt Harvey schließlich, drückt auf »Senden« und dreht sich im Stuhl zu mir. »Flora, gehen wir doch in einen Besprechungsraum.« Er stemmt sich aus dem Stuhl hoch. »Basil, gib mir fünf Minuten, dann können wir Mittag essen gehen.«

»Super.« Basil nickt und scrollt durch Instagram. »Ich versinke schon den ganzen Tag in Arbeit.«

Ich schaue auf die Wanduhr. Es ist elf Uhr dreißig.

Wir gehen zu einem freien Besprechungsraum, Harvey öffnet die Tür und bittet mich mit einer Geste einzutreten.

»Setzen Sie sich«, sagt er, lässt die Tür hinter sich zufallen und blickt in den Redaktionsraum hinaus. Die Besprechungsräume bestehen im Wesentlichen aus einer Reihe von Glaswänden an einer Seite des Raums, sodass jeder freie Sicht hinein hat. Harvey streicht sich nachdenklich übers Kinn, steckt dann beide Hände in die Taschen und wendet sich mir zu. Er atmet aus.

»Flora, ich fürchte, wir müssen Sie ziehen lassen.«

Ich blinzle ihn an. »Ich … Wie bitte?«

»Sie wissen sicher, wie schlecht es um den Journalismus steht«, fährt Harvey unbeirrt fort, nimmt die Hände wieder aus den Taschen, stützt sie auf die Lehne des Stuhls gegenüber und beugt sich vor. »Uns stehen Kürzungen ins Haus. Sie sind erst letztes Jahr zu uns gestoßen, und Sie wissen ja, wie es ist. Wer zuletzt kommt, geht zuerst.«

Ich starre ihn ungläubig an.

»Sie feuern mich?«, krächze ich.

»Nein, natürlich nicht!« Er weicht erschrocken zurück. »Wir entlassen Sie.«

Heiße Tränen steigen mir in die Augen, während ich seine Worte sacken lasse. Ja, das hier ist vielleicht nicht mein Traumjob, aber es ist immerhin mein Job. Ich habe alles getan, was er beinhaltet. Ich kann nicht glauben, dass man mich einfach an die Luft setzt. Harvey hat neulich sage und schreibe vier Stunden beim Mittagessen verbracht, und ich weiß, dass er das als Spesen geltend macht. Noch nie habe ich Unkosten verursacht. Wie kann ich bitte schön für Kürzungen einstehen, die Geld sparen sollen?!

Er windet sich mit einem Räuspern. »Es ist ein Kreuz«, sagt er, »aber leider notwendig. Die Personalabteilung wird alle Einzelheiten mit Ihnen durchgehen. Ich möchte Ihnen persönlich für Ihre … angemessene Arbeit in den letzten Monaten danken. Sicher werden Sie bei allem, was Sie als Nächstes anfangen, erfolgreich sein, und wenn Sie mal was trinken gehen möchten, gebe ich Ihnen gern ein paar weise Ratschläge.« Er verstummt, und sein Blick wandert hinunter zu meinem Busen und wieder hinauf. »Meine Tür steht Ihnen immer offen.«

Ach du Scheiße!

Baggert er mich an, während er mich rausschmeißt?

»Nun, jedenfalls …« Er hustet und wendet sich um, schaut durch die Glasscheibe auf die Uhr. Es ist jetzt elf Uhr vierunddreißig. »Ich mache mich besser auf den Weg zu meinem Lunch-Meeting. Wenn Sie Fragen haben, schicken Sie mir eine E-Mail, dann können wir alles besprechen. Inzwischen melden Sie sich erst mal bei der Personalabteilung. Dort hilft man Ihnen bei den nächsten Schritten. Tut mir leid, aber ich muss los.«

Er tritt zur Tür, zögert, dreht sich zu mir um und atmet tief durch. »Flora«, beginnt er in sanfterem Ton, und einen Moment denke ich, dass er vielleicht etwas Nettes sagen will. »Haben Sie daran gedacht, für mich und Basil heute einen Tisch im Ivy zu buchen?«, fragt er.

Immer noch schockiert nicke ich, denn mein Mund ist zu trocken, um Worte zu formen.

»Ausgezeichnet«, sagt er und wird munter. »Von dem malaysischen Krabbencurry dort kann ich gar nicht genug bekommen. Es ist einfach fantastisch. Probieren Sie es unbedingt, wenn Sie mal Gelegenheit dazu haben.«

Und mit diesem inspirierenden Abschiedsratschlag verlässt er den Raum.

*

»Glaub mir, Flora, sie werden es bereuen, dich entlassen zu haben«, sagt Iris, während ich mürrisch die Tür zu meiner Wohnung aufschließe. »Ich weiß, es sieht für dich im Moment beschissen aus, aber versuch dich darauf zu konzentrieren, dass du diesen Job sowieso nie gemocht hast. Für dich gibt es etwas Größeres und Besseres – das weiß ich. Es mag sich jetzt nicht so anfühlen, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung für dich.«

Es ist nett von Iris, dass sie darauf bestanden hat, mich nach Hause zu begleiten, nachdem ich mich in der Bürotoilette an ihrer Schulter ausgeheult und dann im Zug von Waterloo nach Wimbledon über meine miserable Karriere gejammert habe. Ich wohne dort mit meinem Freund in einer Zweizimmermaisonettewohnung mit Küche und Bad. Als ich zustimmte, mit Jonah nach London zu ziehen, hatte ich keine Ahnung, wo wir wohnen sollten, weil ich die Stadt nicht gut kannte, doch es stellte sich heraus, dass seine Entscheidung bereits auf Wimbledon gefallen war. Alle seine Freunde wohnen im Südwesten, also war das wohl am sinnvollsten. Die Wohnung selbst aber hatte ich gefunden – und als wir bei der Besichtigung in der Lingfield Road waren, wusste ich gleich, dass ich genau dort leben will.

Als ich mit Iris ins Wohnzimmer eintrete, stellen wir fest, dass der Fernseher läuft. Jonah muss vergessen haben, ihn auszuschalten, bevor er heute Morgen gegangen ist. Eurosport ist eingeschaltet, und die Australian Open werden übertragen. Einer der Spieler schreit wütend den Schiedsrichter an.

»Oh, Kieran O’Sullivan«, sagt Iris verträumt hinter mir.

»Wer?«

Sie nickt in Richtung des großen dunkelhaarigen Mannes, der wild gestikulierend auf den Schiedsrichter einredet. »Der irische Tennisspieler. Ziemlich leicht reizbar … und sehr reizvoll.«

»Ach so, ja, ich glaube, ich habe von ihm gehört.«

Wir sehen zu, wie er sich die Cap vom Kopf reißt und frustriert auf den Boden wirft, was einen Chor von Buhrufen aus der Menge nach sich zieht.

Iris verschränkt die Arme. »Es ist sehr interessant, ihn beim Spiel zu beobachten, wenn es gut läuft. Intensiv, launisch, sexy.« Sie seufzt wehmütig und fügt leise hinzu: »Ich könnte ihm den ganzen Tag zusehen.«

»Ist er privat auch so schlecht gelaunt?«

»Weiß ich nicht – er gibt keine Interviews. Früher, als er gerade anfing, hat er noch welche gegeben. Er stand ziemlich jung im Finale der Australian Open, und plötzlich dachten alle, er würde auch die Grand Slams abräumen, aber daraus ist nichts geworden. Er hat es in viele Halbfinale und Finale geschafft, nur die großen Trophäen bekam er nie.« Sie zuckt mit den Schultern. »Scheint mittlerweile den Journalisten aus dem Weg zu gehen.«

»Ist vielleicht auch gut so«, bemerke ich, als der Schiedsrichter ihn verwarnt.

Ich nehme Mütze und Schal ab, ziehe den Mantel aus und suche die Fernbedienung, kann sie jedoch nicht finden. Dabei sollte sie immer am selben Platz auf dem Glascouchtisch liegen, doch Jonah wirft sie gern sonst wo hin, obwohl ich ihn schon unzählige Male gebeten habe, sie an ihren Platz zu tun. Das frustriert mich jetzt umso mehr.

»Ich liebe dieses Zimmer«, bemerkt Iris, während ich mit den Fingern an den Sofakissen hinuntergleite. »Das Wandbild ist so schön.«

Ich werfe einen Blick auf die rosa Kirschblütenmalerei, die die gesamte Rückwand um den Kamin und das Kaminsims herum bedeckt. Inspiriert von einem ähnlichen Design, das ich in einem Film gesehen hatte, habe ich es in jener Woche gemalt, in der wir einzogen, um den Raum wohnlicher und persönlicher zu gestalten. Jonah schimpfte ohne Ende darüber, dass ich meine ganze Freizeit an die Deko verschwendete, anstatt erst mal die wichtigen Kisten auszupacken, aber ich sah das anders. Der Umzug hierher hatte mir schon etwas Angst gemacht. Ich brauchte es, beim Betreten der Wohnung ein heimeliges Gefühl zu haben.

»Gewöhn dich nicht zu sehr daran«, murmele ich. »Wir werden es überstreichen.«

Sie runzelt verwirrt die Stirn. »Soll das ein Scherz sein?«

»Jonah … Ach nein, Entschuldigung, wir denken, dass ein cremeweißer Farbton das Zimmer ein bisschen eleganter machen würde.« Endlich finde ich die Fernbedienung unter einem der Sofakissen. »Na also!«

Ich schalte den Fernseher aus.

Und da hören wir es: lautes Stöhnen aus dem Schlafzimmer. Die Stimme eines Mannes – Jonahs Stimme. Ich erstarre. Auf das Geräusch folgt das Stöhnen einer Frau. Iris steht nur da und starrt mich an.

»Das … kann nicht wahr sein …«, flüstere ich und verstumme. Ein Klumpen bildet sich in meinem Hals.

Das Herz klopft mir gegen die Brust, und ich schleiche auf Zehenspitzen zum Schlafzimmer. Iris folgt mir, stellt sich neben mich und fasst mich solidarisch am Arm. Die Stimme der Frau dringt wieder durch die Tür.

»O ja! Ja, Jonah!«

Iris wird blass und hält sich die Hand vor den Mund. »Flora«, flüstert sie mitfühlend durch die Finger, und ihre Augen glänzen.

Ich drehe den Türknauf, drücke gegen die Tür und lasse sie aufschwingen.

Auf dem Bett sehe ich Zoe von nebenan, splitterfasernackt über Jonah gespreizt, der auf dem Rücken liegt, die Hände an ihren wippenden Hüften.

Zuerst fühle ich mich wie betäubt, als könnte mein Gehirn nicht begreifen, dass dieses Bild real ist, und müsste es daher nicht verarbeiten. Aber als mir die Realität bewusst wird, versetzt der brennende Schmerz in meinem Herzen meinen Körper in einen Schockzustand.

Ich wimmere leise.

Jonah hebt den Kopf und sieht uns. Panik überzieht sein Gesicht, und er hebt Zoe hoch und schleudert sie von sich, sodass sie mit einem Aufschrei vom Bett auf den Boden kippt. Wäre das ganze Szenario nicht so widerwärtig, hätte man es richtiggehend lustig finden können. Die Zuschauer einer Sitcom würden sich darüber schlapplachen. Aber das ist keine fiktive Szene. Niemand ruft »Schnitt«, denn das hier ist das echte Leben. Das passiert gerade wirklich.

»Flora!«, quietscht Jonah und deckt die Hände über seinen Schwanz. »Was machst du denn hier?«

Er blickt hin und her durch den Raum, als Zoe mit erschrockenem, gerötetem Gesicht neben dem Bett hochkommt. Sie wickelt die Bettdecke um sich, die die beiden wohl schon vorher auf den Boden befördert hatten.

Schnitt. Schnitt!

In meinem Kopf wirbelt es wild herum, mir verschwimmt alles vor den Augen. Ich halte mich an Iris fest, dann breche ich in ihren Armen zusammen, weil mir die Beine wegknicken.

SCHNITT!

1. Kapitel

Sechs Monate später

»Bist du dir wirklich sicher?«, fragt Iris am Telefon, während ich meine High-Waist-Jeansshorts ordentlich obenauf in meine Reisetasche lege. »Vier Wochen ganz allein, das ist sehr lange.«

»Iris, ich war mir noch nie im Leben einer Sache so sicher«, stelle ich nachdrücklich fest, schalte das Gespräch auf Lautsprecher und lege das Handy auf den Bücherstapel auf dem Nachttisch, um dann sorgfältig ein paar hübsche geblümte Kleider zu falten. »Vier Wochen für mich allein, das ist genau das, was ich brauche.«

»Der Lake District ist so weit weg.« Das stimmt, denn die Berg- und Seenlandschaft ganz im Nordwesten Englands ist fast fünf Autostunden von London entfernt. Sie seufzt. »Kannst du nicht hier in London an deiner Graphic Novel arbeiten? Dann können wir trotzdem noch etwas zusammen unternehmen. Meine anderen Freundinnen sind alle verheiratet oder haben Babys, und sosehr ich sie auch mag, ich brauche dich. Wer soll mit mir bis in die Nacht trinken und auf dem Tisch tanzen?«

Ich schnaube. »Wann haben wir jemals auf einem Tisch getanzt?«

»Das könnten wir aber, wenn du in der Stadt bleibst. London im Sommer ist wild.«

Ich kichere und lege die Kleider ordentlich in die Tasche. »Es sind nur ein paar Wochen, dann bin ich wieder da, und du kannst mir sagen, auf welchen Tischen ich mit dir tanzen soll. Es geht mir darum, aus der Stadt rauszukommen und etwas Zeit für mich zu haben.«

Sie seufzt, und dann erklärt sie leise und ernst: »Flora, sei nicht sauer, wenn ich das sage, doch ich mache mir Sorgen um dich. Klar, ein Tapetenwechsel kann deine Kreativität beflügeln – und ich bin auch dafür, sich eine Auszeit zu gönnen –, aber ich möchte nicht, dass du dir zu viel vornimmst und dich dann am Ende einsam fühlst.«

Ich lasse den Kopf hängen und presse die Lippen aufeinander. In den letzten sechs Monaten ist Iris meine beste Freundin geworden, und ich kann verstehen, warum sie das sagt. Es ist ja nicht so, als ginge es mir gut, seit Jonah ausgezogen ist. Vielmehr war ich eine Zeit lang total neben der Spur, und ich bin nicht stolz darauf, wie ich mit der Trennung umgegangen bin: Jonah anzuflehen, bei mir zu bleiben, obwohl er mich betrogen hat, war ein Tiefpunkt in meinem Leben, den ich lieber ganz vergessen würde.

Trotz all der Warnsignale, seiner bissigen Kommentare und des Gefühls seiner mangelnden Zuwendung war ich damals auf naive Weise davon überzeugt, dass er der Richtige für mich ist. Der eine. Wir waren drei Jahre zusammen, ich habe meine Freunde und meinen Job als Assistentin in Norwich für ihn aufgegeben. Ich bin nach London gezogen, wo ich niemanden kannte, und habe alles getan, um in sein Leben zu passen. Irgendwie habe ich aufgehört, mich darum zu kümmern, was ich will; alles drehte sich um ihn, es zählte nur, was ihn glücklich machte. Das tat ich bereitwillig. Und plötzlich, als an diesem schicksalhaften Tag im Januar alles zusammenbrach, stand ich ohne Job da, ohne Freunde und ohne Jonah.

Meine ganze Welt löste sich in nichts auf.

Bis auf Iris. Sie hat mir seitdem die ganze Zeit zur Seite gestanden. Ich bin so glücklich, dass ich sie habe. Obwohl sie eine neue Freundin ist, ist sie doch die beste, die ich mir wünschen könnte. Viele meiner älteren Freundschaften sind versiegt, als ich die Beziehung mit Jonah begann. Er verstand sich nicht mit meiner kleinen Clique aus der Schulzeit. Immer wenn ich etwas organisierte, um sie zu treffen, nörgelte er herum, wenn er mitkommen sollte, und kam er mit, dann ließ er deutlich heraushängen, dass er es nur widerwillig tat. Da ich ahnte, dass sein Verhalten zu Spannungen zwischen uns führen würde, hatte ich immer weniger Lust, etwas mit dieser Gruppe zu unternehmen, und so nahmen die Treffen drastisch ab. Als ich nach London zog, hatte ich das Gefühl, dass mein Freundeskreis und ich uns auseinandergelebt hatten und ich inzwischen Jonahs Theaterkollegen näherstand.

Seit der Trennung allerdings hat keiner seiner Freunde mehr mit mir gesprochen. Als es darum ging, sich für eine Seite zu entscheiden, zogen sie mich nicht einmal in Betracht.

Nachdem nun die meisten Verbindungen zu Jonah auf einen Schlag und auf schmerzhafte Weise gekappt waren, blieb mir ausgerechnet eine wie durch grausame Ironie erhalten, die sich nicht abschütteln ließ: meine direkte Nachbarin. Als Jonah und ich uns trennten, wollte er gleich aus der Wohnung raus und in eine WG in Clapham ziehen, aber trotz der Erinnerungen an ihn, die diesem Ort anhafteten, hatte er etwas an sich, das mich davon abhielt wegzuziehen. Ich hatte mich in Wimbledon verliebt und konnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders in London zu leben, also entschied ich mich zu bleiben. Nur der Umstand, dass ich Zoe andauernd kommen und gehen sah, machte es schwierig für mich, nach vorn zu blicken.

Leider lebe ich neben der menschlichen Mahnung, dass ich, wie ich immer befürchtet hatte, noch nie gut genug für jemanden wie Jonah war. Zoe hingegen ist unfassbar perfekt. Sie ist groß und schlank, hat glänzende braune Locken, konturierte Wangenknochen, volle Lippen und große braune Augen. Ihre Nägel sind immer manikürt, ihr Make-up ist makellos, und sie arbeitet in der Mode-Werbebranche, weshalb sie sich jeden Tag tadellos kleidet. Ich habe es noch nie erlebt, dass sie schlecht aussah. Nicht ein einziges Mal. Selbst wenn sie den Müll rausbringt, sieht sie aus wie ein Model.

Und obendrein ist sie auch noch nett. Na ja, fand ich zumindest. Sie war immer sehr freundlich und witzig, wenn wir uns begegneten. Ich dachte, wir hätten mit unserer Nachbarin einen echten Glückstreffer gelandet – man hört ja so einige üble Geschichten über London. Aber seit diesem Vorfall haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Sie wollte sich an dem Tag entschuldigen, doch Iris sagte ihr, sie solle verschwinden und mich nie wieder ansprechen oder mir zu nahe kommen. Sie nimmt diesen Rat anscheinend sehr ernst, was vermutlich auch gut so ist. Aber es ändert nichts, denn ich weiß, dass Zoe da ist, und jedes Mal, wenn ich sie zur Arbeit entschweben sehe, erinnert sie mich daran, was ich alles nicht bin.

Dennoch wird es leichter. Der lähmende Schmerz, der sich in den ersten Monaten nach Jonahs Auszug in meinem Herzen eingenistet hatte, ist fast vollständig verschwunden. Ich vermisse ihn jeden Tag etwas weniger, und dass ich eine Aushilfstätigkeit als Bürokraft übernommen habe, hat mir auch geholfen. Der Job wird viel besser bezahlt als mein kleiner Abstecher in den Journalismus und hat mir sehr geholfen, die Miete für die Wohnung zusammenzubekommen, seitdem Jonah nicht mehr dazu beitrug. Da das hier jedoch London ist, musste ich natürlich trotzdem meinen Dad um finanzielle Hilfe für die Miete bitten, was mir sehr unangenehm war.

»Er ist gern bereit, Ihnen die Miete gleich für das ganze Jahr zu zahlen«, hatte mir sein Assistent Andy munter am Telefon mitgeteilt. »Das Geld wird noch heute überwiesen.«

»Nein, nein, nein«, hatte ich streng widersprochen. »Sagen Sie ihm, das ist supernett von ihm, aber ich brauche nur ein Darlehen für die nächsten Monate, bis ich Fuß gefasst habe. Wenn der Mietvertrag ausläuft, ziehe ich in eine günstigere Wohnung, es ist nur im Moment …«

»So, und … schon überwiesen«, hatte er mich unterbrochen. »Wenn Sie den Eingang freundlicherweise per E-Mail bestätigen würden? Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Ich … äh … okay, wow, danke, aber ich werde einen Großteil davon gleich zurücküberweisen, denn, wie gesagt, es ist wirklich nett, doch ich wollte nicht, dass er …«

»Sehr gern geschehen, Miss Hendrix. Brauchen Sie sonst noch etwas?«

»Äh … Ich würde mich gern bei ihm bedanken, wenn das möglich ist?«

»Leider hat er heute zwei aufeinanderfolgende Meetings, aber ich richte es ihm aus.«

»Oh, okay. Vielen Dank. Vielleicht kann er mich anrufen, wenn er die Gelegenheit hat.«

»Auf jeden Fall. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und danke für Ihren Anruf.«

Mein Vater rief nicht zurück, allerdings schickte er mir einen Tag später eine Nachricht, um sich zu vergewissern, dass ich das Geld erhalten hatte – das ist doch schon mal was.

Trotzdem fühlte ich mich erleichtert, dieses Geld auf dem Konto zu haben. Ich bin immer noch fest entschlossen, alles zurückzuzahlen, denn ich will wirklich nicht von meinem Vater abhängig sein. Und jetzt hat sich eine Einnahmequelle aufgetan, die einfach zu gut ist, um sie auszuschlagen: Das Tennisturnier in Wimbledon rückt näher, und Wohnungen in der Gegend sind heiß begehrt. Die Vermietung meiner Wohnung über eine Agentur ist der Hammer: Für die nächsten vier Wochen bringt sie mir mindestens drei Monatsmieten ein. Die Preise sind der Wahnsinn, aber mir soll’s recht sein.

Es ist einfach perfekt – die Wohnung ist super gelegen, und ich konnte in der Beschreibung vermerken, dass die andere Wohnung im Obergeschoss zurzeit leer steht, da die Mieterin, Mrs. Perry, sich ihren Lebenstraum erfüllt und drei Monate lang durch Asien reist, sodass der- oder diejenige, die hier wohnen wird, sich keine Sorgen wegen irgendwelchen Lärms machen muss. Die Wohnung ging praktisch direkt weg. Es gibt wohl wirklich sehr begeisterte Tennisfans, die bereit sind, jeden Preis zu zahlen, um in Wimbledon wohnen und die Atmosphäre genießen zu können.

Aber ich gebe zu, es ist hier zu dieser Zeit ziemlich cool. Der Ort – Wimbledon Village – erwacht förmlich zum Leben, es herrscht ein reges Treiben, wenn die Menschen aus der ganzen Welt in diesen Teil von London strömen. Die Außenbereiche der Restaurants und Bars sind voller Leute, die im Sonnenschein plaudern und lachen, und das Village selbst sieht richtig idyllisch aus: Überall hängen farbenfrohe Blumenkörbe, und die Schaufenster wetteifern miteinander um die extravaganteste Auslage zum Thema Tennis.

Aber das Beste daran ist, dass es mir den nötigen Anstoß gegeben hat, London für eine Weile zu verlassen und ein Cottage im Lake District zu mieten, wo ich endlich mit der Arbeit an meiner Graphic Novel beginnen werde. Das ist perfekt. Meine Großmutter mütterlicherseits lebte in Keswick, und einige meiner schönsten Erinnerungen stammen aus der Zeit, als ich im Sommer regelmäßig einige Wochen bei ihr verbrachte. Ab und zu gingen wir auf Entdeckungstour und suchten uns ein ruhiges Plätzchen abseits der Touristenorte – ich zeichnete, und sie malte mit Wasserfarben.

In meinen Teenagerjahren konnte ich so dem chaotischen Alltag mit meiner Mutter entfliehen. Grandma wusste, was mit ihr los war und womit ich zu kämpfen hatte. Alle wussten es. In meiner Kindheit war meine Mum das, was man eine funktionale Alkoholikerin nennt: Sie meisterte ihren Alltag, ohne dass ihr Alkoholproblem auffiel, aber das konnte sie nicht ewig durchhalten, und als ich fünfzehn war, hatte die Sucht bereits ihr ganzes Leben im Griff.

Meinen Vater konnte ich nicht um Hilfe bitten. Zu der Zeit lebte er mit seiner neuen Frau Camila, einer reichen Erbin, in New York und unterstützte sie in ihrem wachsenden Immobilienimperium. Aber ich hatte Grandma. Wenn sie konnte, kam sie zu uns oder half in den Ferien aus, indem sie mich in den Lake District mitnahm. Und ihre künstlerischen Gene gab sie auch an mich weiter. Sie war die einzige Person, die daran glaubte, dass ich es schaffen könnte – weder Mum noch Dad merkten überhaupt, dass ich mich für Kunst interessierte.

Als Mum starb, direkt nachdem ich die Schule beendet hatte, zog Grandma vorübergehend zu mir in die Wohnung in Norwich, um mir bei den Formalitäten rund um die Beerdigung zu helfen, und dann unterstützte sie mich bei der Suche nach einer eigenen Wohnung weit weg von den traurigen Erinnerungen. Dad meldete sich und tat, was er konnte, um für mich da zu sein, auf die einzige Weise, die er kannte – indem er mir finanzielle Hilfe anbot. Bei allem anderen war ich auf Oma angewiesen. Erst bei ihrem Tod einige Jahre später, als ich Anfang zwanzig war, wurde mir bewusst, dass ich nun ganz auf mich allein gestellt war. Deshalb irrt sich Iris. Ich werde mich im Lake District nicht einsam fühlen, selbst wenn ich in den nächsten vier Wochen keine Menschenseele treffen sollte. Es ist der einzige Ort, an dem ich mich jemals bedingungslos geliebt gefühlt habe.

»Du musst dir keine Sorgen machen, Iris«, versichere ich ihr jetzt ganz ernst. »Ich werde es genießen. Da ist es friedlich, ruhig und inspirierend. Es ist genau das, was ich brauche.«

»Was du brauchst, ist ein sexy Mann zwischen den Beinen.«

Ich lache laut auf. »Iris!«

Wir werden von meiner Türklingel unterbrochen. Überrascht schaue ich auf dem Handy nach der Uhrzeit. Es kann nur eine Lieferung sein, aber ich erinnere mich nicht, etwas bestellt zu haben.

»Ich muss zur Tür – es hat geklingelt«, sage ich ihr. »Wir reden später weiter.«

»Okay, schick mir eine Nachricht, wenn du losfährst!«

Wir beenden das Gespräch, und ich stecke das Handy in die Hosentasche, haste durch den Korridor und reiße die Tür auf. Allerdings ist es kein Paketbote.

Vor mir steht ein großer breitschultriger Mann in schwarzen Jeans und weißem T-Shirt, das seine gebräunten muskulösen Arme in Szene setzt. Sein Gesicht ist von einer Kappe verdeckt, sodass ich nur seine vollen Lippen und die dunklen Bartstoppeln um den markanten Kiefer sehen kann. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe dunkle Augenbrauen und darunter saphirblaue Augen, die mich mit stechendem Blick mustern.

Ich atme scharf ein, denn ich erkenne ihn augenblicklich.

Es ist Kieran O’Sullivan. Also der Kieran O’Sullivan, berühmter Tennisspieler und weltweit bekanntes Arschloch. Ich wusste, dass er groß ist, aber – wow, er ist groß, vielleicht eins fünfundneunzig, und sieht atemberaubend gut aus. Wenn er es nicht im Tennis schon geschafft hätte, wäre er mit seinem perfekten Körperbau und den glühenden Augen bestimmt auch eine gute Wahl für Calvin-Klein-Werbung gewesen. Was zum Henker macht Kieran O’Sullivan vor meiner Haustür? Er sieht nicht aus, als hätte er sich in der Tür geirrt. Eher sieht er ungeduldig aus, so als wäre ich diejenige, die sich am falschen Ort befindet.

Er sieht mich finster an, aber das ist ja wohl typisch für ihn.

»Sind Sie von der Agentur?«, fragt er angespannt mit melodiösem Dubliner Tonfall.

»Sie … s-sind …«, stammele ich.

»Ja, ich bin Kieran, freut mich, Sie kennenzulernen«, sagt er abschätzig, als würde er es eher als Zumutung empfinden.

Und dann marschiert er in meine Wohnung.

Kieran O’Sullivan geht lässig an mir vorbei und betritt mein Zuhause, als gehörte es ihm. Ich bin so verblüfft, dass ich einfach dastehe und ihn vorbeilasse, als wäre es völlig normal, dass ein Fremder von der Straße hereinkommt und ohne jede Erklärung mein Heim betritt. Als er an mir vorbeigeht, weht mir ein moschusartiger Sandelholzduft in die Nase, kombiniert mit einem starken Hauch von abgestandenem Alkohol. Er verschwindet im Wohnzimmer, und im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand sehe ich, dass mir der Mund offen steht. Ich mache ihn schnell zu.

Bevor ich die Wohnungstür schließe, stecke ich den Kopf hinaus und schaue in beide Richtungen die Straße hinunter, um zu überprüfen, ob er womöglich vor Paparazzi oder so weggelaufen ist und sich einfach in das nächste Haus geflüchtet hat, aber die Straße ist leer. Er ist aus eigenem Antrieb gekommen.

Ich nutze die Gelegenheit, um mein Spiegelbild zu überprüfen – ich hatte nicht erwartet, heute einen Tennisstar zu treffen. Ich kämme mir mit den Fingern durchs Haar, um die Wellen zu bändigen, und fahre mit einem Finger unter den Augen entlang, um sicherzustellen, dass die Wimperntusche, die ich heute Morgen halbherzig aufgetragen habe, nicht verschmiert ist. Ich habe keine Grundierung benutzt, und meine Sommersprossen sind durch den Sonnenschein, den wir in letzter Zeit in London abbekommen haben, noch deutlicher zu sehen. Mein Blick fällt auf das Paar goldener Ohrringe auf dem Tisch im Flur, neben der Vase mit den frischen Blumen, die ich heute Morgen arrangiert habe. Die Ohrringe habe ich gestern extra da hingelegt, damit ich sie bei der Abreise nicht vergesse. Ich stecke sie schnell an, betrachte ein letztes Mal mein Spiegelbild und eile ins Wohnzimmer.

Dort stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass Kieran bereits die Schuhe ausgezogen und achtlos auf dem Teppich liegen gelassen hat, während er auf dem Sofa ausgestreckt liegt und irgendwie versucht, die Kissen umzuarrangieren, um es sich bequemer zu machen.

Er blickt auf, als ich hereinkomme, und runzelt die Stirn. »Ich finde mich hier schon zurecht. Sie brauchen nicht zu bleiben. Danke.«

Ich starre ihn an. »Darf ich fragen, was Sie hier machen?«

»Ich weiß, ich bin zu früh dran«, murrt er, nimmt die Cap ab und wirft sie auf den Boden, »aber ich dachte, es macht sicher nichts aus. Wissen Sie, ob es hier Paracetamol gibt? Ich wollte eigentlich unterwegs welches kaufen.«

»P-Paracetamol?«, stottere ich. »Äh, klar, im Medizinschrank.«

»Super, wenn Sie mir die mit einem Glas Wasser bringen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.« Er zieht eine Grimasse und schüttelt das Kissen hinter seinem Kopf auf, bevor er sich zurücklehnt und die Augen schließt. »Ich habe schlimme Kopfschmerzen.«

Ich blinzle und sehe ihn an. »Tut mir leid, ich bin etwas verwirrt.«

Er fährt sich mit der Hand übers Gesicht und schaut mich zwischen den Fingern hindurch an. »Ich kann sie mir selbst holen, aber ich fühle mich nicht so gut, und ich dachte, da Sie schon mal stehen …«

Er lässt den halben Satz so in der Luft hängen und sieht mich eindringlich an, als würde er auf etwas warten.

»Ähm, okay. Ich hole sie Ihnen«, sage ich, immer noch verwirrt.

»Danke«, antwortet er knurrig und schließt wieder die Augen.

Ich wende mich von ihm ab, gehe in die Küche und fülle ein Glas mit Wasser. Als ich den Wasserhahn zudrehe, halte ich einen Moment inne. Es ist offensichtlich, was los ist: Er hat sich im Haus geirrt. Es ist nicht sonderlich überraschend, dass ein Tennisspieler ein paar Wochen vor dem Turnier in Wimbledon ist – er wird sich hier mit seinem Team darauf vorbereiten –, doch ich verstehe nicht ganz, warum er so tut, als würde ich ihn erwarten.

Ich schnappe mir das Paracetamol und kehre ins Wohnzimmer zurück, wo ich feststelle, dass er sich wieder aufgesetzt hat, den Kopf in den Händen vergraben, und laut stöhnt. Sein Handy summt in der Hosentasche, und es wirkt so, als könnte er es nur mit Mühe herausholen. Er sieht die Nummer des Anrufers, murmelt etwas vor sich hin, ohne den Anruf anzunehmen, und legt das Handy weg.

Ich gehe zu ihm, halte ihm die Blisterverpackung hin und stelle das Glas vor ihm ab.

»Danke«, grunzt er, ohne zu mir aufzuschauen, und drückt zwei Schmerztabletten aus der Folie.

»Kein Problem. Ich will ja nicht unhöflich sein, aber darf ich noch einmal fragen, warum …«

»Bah.« Er würgt, nachdem er einen Schluck Wasser getrunken hat, um die Tabletten hinunterzuspülen, und schaut wie beleidigt auf das Glas. »What the fuck?«

»Stimmt was nicht mit dem Wasser?«

»Nicht gerade Evian«, murmelt er.

Vor Scham bekomme ich rote Wangen. Es sollte mich wohl nicht überraschen, dass ein Profisportler wie er an die schönen Dinge des Lebens gewöhnt ist. Trotzdem ist es unhöflich von ihm, seinen Unmut so offen zu zeigen. Ich verschränke die Arme vor der Brust.

»Nein, sorry, es kommt aus dem Hahn«, sage ich ihm.

Er schüttelt sich demonstrativ und stellt das Glas auf den Tisch, neben den Untersetzer. Nicht auf den Untersetzer, nein, neben den Untersetzer. Was, bitte schön, ist das für ein Typ?!

So, das war’s jetzt. Ich war höflich genug. Es ist Zeit, ein paar Antworten zu bekommen.

»Entschuldigung, aber warum sind Sie hier?«, frage ich geradeheraus.

Er sieht mich stirnrunzelnd an. »Ich dachte, es wäre kein Problem, dass ich zu früh da bin.«

»Aber ich erwarte Sie gar nicht.«

»Ich habe Sie nicht erwartet«, murmelt er und mustert mich von oben bis unten. »Wie gesagt, ich freue mich, dass Sie mich begrüßt haben, doch wie ich sehe, ist alles in bester Ordnung, Sie können also gehen.«

»Warum sollte ich gehen?«, frage ich und stütze die Hände in die Hüfte. »Ich wohne hier.«

»Nein«, sagt er, kneift die Augen zusammen und fixiert mich. »Ich wohne hier.«

Ich starre ihn an. Du lieber Himmel, das ist echt übel. Kieran O’Sullivan hat anscheinend eine Art Anfall und glaubt, dass er in meiner Wohnung wohnt!

Als er aufsteht und mich misstrauisch betrachtet, trete ich einen Schritt von ihm zurück.

»Sie sind nicht von der Agentur?«, mutmaßt er.

»Welche Agentur? Nein, ich bin nicht von einer Agentur.«

»Wer sind Sie? Woher wussten Sie, dass ich hier wohne? Hat es Ihnen jemand von meinem Team gesagt? Wer? Wie sind Sie hier reingekommen?« Er schießt die Fragen nur so ab, und seine Stimme klingt dabei angespannt und scharf. »Wer hat Ihnen verraten, dass ich hier wohne?«

»Ich habe nicht … Niemand hat mir irgendetwas gesagt!«, stottere ich, entnervt von der Flut an Fragen. »Das ist meine Wohnung! Sie wohnen hier nicht, ich wohne hier!«

Er zögert. »Das ist Ihre Wohnung.«

»Ja!«

»Sie meinten also nicht, dass Sie sich hier eingemietet haben, sondern dass Sie hier wohnen – also richtig wohnen.«

»Ja«, sage ich und starre ihn an.

»Aha.« Sein Gesicht entspannt sich. Er ist sichtlich erleichtert. »Ich glaube, ich verstehe die Verwirrung. Sie haben Ihre Wohnung für die nächsten paar Wochen vermietet, oder? Ja, also, ich bin derjenige, der sie gemietet hat.«

Ich bin zu fassungslos, um etwas zu sagen.

»Hä?«, bringe ich schließlich heraus.

»Ich habe Ihre Wohnung gemietet«, wiederholt er und reibt sich den Nacken. »Ich dachte, Sie wären von der Vermietungsagentur.«

»Sie … Sie haben meine Wohnung gemietet«, sage ich ungläubig. »Im Ernst?«

Er nickt und lässt sich wieder aufs Sofa fallen.

»Ist das ganz sicher?«

»Ja doch«, sagt er müde und nickt in Richtung der Kirschblüten an der Wand. »Das ist exakt die Wohnung.«

Ich halte inne und versuche zu begreifen, dass nicht ein Tennisfan, sondern Kieran O’Sullivan, ein Prominenter, in meinen vier Wänden wohnen wird.

»Tut mir leid, dass ich zu früh hier war«, setzt er hinzu und macht es sich wieder bequem, während ich wie erstarrt auf der Stelle stehen bleibe. »Ich weiß, dass ich nicht vor siebzehn Uhr hier sein sollte, aber … ich wusste nicht, wie ich die Zeit totschlagen soll.«

Sein Telefon klingelt wieder. Ich kann auf dem Display sehen, dass es jemand namens Henrietta ist. Er wirft einen Blick darauf, bewegt sich jedoch nicht und lässt das Telefon klingeln.

»Sie werden hier wohnen«, sage ich laut, als ob das meinem Gehirn helfen würde, die Tatsache zu akzeptieren. »Das ist … Wow.«

Er presst die Lippen zusammen und sieht unbehaglich aus. »Ja, hören Sie, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das niemandem erzählen. Ich will nicht, dass die Presse hier rumschwirrt.«

Er schaut mich erwartungsvoll an.

»Oh. Äh, klar. Natürlich. Ich sage niemandem was.«

Sein Stirnrunzeln vertieft sich. Ich kann sehen, dass er mir nicht glaubt.

»Versprochen«, füge ich schnell hinzu, obwohl mir klar ist, dass das für ihn nicht viel bedeutet. Er kennt mich ja nicht. »Wie auch immer, ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Spieler die Wohnung mietet. Sie ist ziemlich klein, aber die Lage ist toll. Nahe beim Wimbledon Village, also eine gute Atmosphäre. Obwohl Sie vermutlich kaum Gelegenheit haben werden, um das wirklich genießen zu können, da Sie ja im Wimbledon-Turnier mitspielen …«

Mein nervöses Geplapper verstummt. Er sitzt da, die Hände auf den Knien zusammengepresst, starrt geradeaus an die Wand und kraust die Stirn. Alles an seiner Körpersprache schreit heraus, dass er sich in meiner Gegenwart unwohl fühlt. Er vermittelt mir den Eindruck, in meiner eigenen Wohnung nicht willkommen zu sein.

»Wenn Sie irgendwelche Fragen haben«, fahre ich fort, »oder etwas brauchen …«

»Wende ich mich an die Agentur«, unterbricht er mich brüsk.

Ich zucke zurück. »Ja, genau. Okay.«

»Ich habe alles, was ich brauche, Sie können also ruhig gehen.«

Es ist schon komisch, wie Worte etwas aussagen können, aber die Art, wie man sie sagt, ihnen eine andere Bedeutung geben kann. Seine Aussage macht zwar deutlich, dass ich »ruhig gehen kann«, doch sein Tonfall und sein Verhalten lassen mir keine Wahl. Er macht sich nicht einmal die Mühe, mich anzuschauen. Er sitzt so gekrümmt, dass er mir fast den Rücken zudreht. Seine Stimme klingt scharf und streng wie die eines verärgerten Lehrers, der einen begeisterten, aber aufdringlichen Schüler hinausschickt.

Dieser Typ sagt mir, dass ich mich verpissen soll.

Und, übrigens – er mag ein Tennisstar sein, doch das hier ist meine Wohnung. Laut unseren Vereinbarungen sollte er erst heute gegen Abend hier eintreffen, aber er ist ohne eine ernst gemeinte Entschuldigung hereingeschlendert, hat seine Schuhe ausgezogen und nicht auf den Schuhständer gestellt, hat die Untersetzer ignoriert und tut jetzt so, als wäre ich die Schuldige. Das ist nicht fair, und ich werde nicht zulassen, dass er mich so kleinmacht. Ich war die ganze Zeit höflich zu ihm.

»Die Wohnung ist erst ab fünf Uhr frei«, sage ich, stütze die Hände in die Hüfte und richte mich auf. Ja, genau, Kieran. Ich biete dir die Stirn. »Während ich also fertig packe und die Wohnung vorbereite, können Sie ruhig gehen.«

Seine Augen blitzen irritiert auf, als er sich endlich die Mühe macht, zu mir aufzusehen. Sein Kiefer spannt sich an, und die Falten auf seiner Stirn vertiefen sich, während er mich anstarrt. Ich lasse mich nicht einschüchtern und halte den Blickkontakt. Keiner von uns beiden sagt etwas. Die Stille ist ohrenbetäubend.

Mein Handy vibriert in der Tasche – jemand ruft mich an –, und ich reiße den Blick nur widerwillig von ihm los, um nachzusehen, wer es ist. Es ist die Nummer der Ferienhausvermietung, über die ich mein Cottage im Lake District gebucht habe.

»Da muss ich rangehen«, sage ich knapp, drehe mich um und gehe in die Küche, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Hallo, Flora hier«, sage ich, und der Ärger über Kierans unhöfliches Verhalten verpufft bei dem Gedanken an das malerische Cottage, das mich im Lake District erwartet.

»Miss Hendrix, hallo, hier ist Hailey von Simply Cottages. Sie haben über uns Ihren Aufenthalt in Keswick gebucht?«

»Ja, hi! Geht es darum, wo ich die Schlüssel finden kann, wenn ich heute Abend ankomme? Ich glaube, in der E-Mail stand, dass …«

»Es tut mir so leid, leider haben wir ein Problem mit dem Ferienhaus, das Sie gemietet haben«, unterbricht mich Hailey mit angespannter Stimme. »Sie können dort nicht wohnen.«

Mir rutscht das Herz in die Hose. »Aber … ich sollte doch heute Abend ankommen und für vier Wochen dort wohnen können!«

»Ich weiß, es tut mir so leid, aber wir können nichts tun.«

»Was genau ist denn los? Ich habe keine besonderen Ansprüche und bin mir sicher, dass man das Problem beheben kann. Oder, wenn es so was wie ein undichtes Dach ist, könnte ich vielleicht trotzdem …«

»Das Dach ist eingestürzt.«

Ich halte inne. »Was?«

»Es ist ein Albtraum«, jammert die Frau. »Es wäre ja den ganzen Sommer über ausgebucht. Es tut mir sehr leid. Sie bekommen natürlich Ihr Geld zurückerstattet, und ich maile Ihnen alle Informationen dazu …«

»Halt, Moment, warten Sie.« Ich atme tief ein. »Hailey, ich muss in den Lake District. Kann ich nicht irgendwo anders übernachten? Sie haben doch sicher noch ein anderes Cottage. Sie können nicht einfach in letzter Minute meine Buchung stornieren, ohne mir einen Ersatz anzubieten.«

»Es ist Hochsommer, da ist bei uns Hochsaison. Wir haben keinen einzigen Platz mehr frei. Ich kann mich nur entschuldigen.«

»Sie verstehen nicht, ich muss aus meiner Wohnung raus!«

»Ich werde meinen Manager bitten, mit Ihnen zu sprechen, und ich bin sicher, dass wir Ihnen nicht nur die Rückerstattung anbieten können, sondern auch einen Rabatt auf Ihre nächste Buchung, um Sie ein wenig für die Unannehmlichkeiten zu entschädigen. Ich stelle Sie sofort in die Warteschleife.«

»Hailey, ich …«

Ich werde von einem knisternden Geräusch unterbrochen, gefolgt von klassischer Warteschleifenmusik. Entnervt schließe ich die Augen, lasse mich gegen den Tresen fallen und fahre mir mit der Hand durch die Haare. Das kann doch nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein. PASSIERTDASGERADEWIRKLICH? DASKANNDOCHNICHTWAHRSEIN.

Ich schrecke auf, als ich die Wohnungstür zuschlagen höre. Ich schleiche aus der Küche und schaue ins Wohnzimmer, das leer ist. Erleichtert atme ich auf. Kieran ist wohl zur Vernunft gekommen und hat beschlossen, später wiederzukommen. Wenigstens bin ich den Idioten los.

»Miss Hendrix?«, meldet sich Hailey nach ein paar Minuten wieder in der Leitung.

Ich halte das Telefon fest in der Hand. »Ja, hi, ich bin noch dran.«

»Mein Manager ist im Moment nicht zu sprechen, aber er ruft Sie später an, um Ihnen alles zu erklären und Ihre Fragen zu beantworten. Wir möchten uns noch einmal für die Unannehmlichkeiten entschuldigen und hoffen, dass diese Situation Ihren zukünftigen Buchungen bei uns nicht abträglich sein wird. Vielen Dank für Ihr Verständnis.«

Sie legt auf.

Was soll ich jetzt tun?

2. Kapitel

So war es nicht vorgesehen. Ich sollte aus London rauskommen, damit ich endlich wieder das Gefühl bekomme, die Kontrolle zu haben und etwas aus meinem Leben zu machen, anstatt allein in meiner Wohnung ohne richtigen Job und ohne Ziel zu versauern in einer Stadt, in der ich außer Iris keine Freunde habe. Nach einem schlimmen Start ins Jahr sollte dies der Wendepunkt sein. Ich brauche diesen Ausbruch aus dem Alltag. Ich wollte erfrischt in die Stadt zurückkehren und mich auf das freuen, was vor mir liegt. Mit meiner Graphic Novel wollte ich mich bei Kunstgalerien und Verlagen bewerben, für Jobs, die mir Spaß machen würden. Ich hatte einen Plan.

Und jetzt geht alles den Bach runter.

Ich gönne mir einen Moment, um mich in meinem Leid zu suhlen, indem ich die halb gepackte Reisetasche wegschiebe und mich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett lege, um in meine Bettdecke zu schreien, bevor ich mir sage, dass ich den Hintern hochkriegen und mich auf die Suche nach einem anderen Ziel für die nächsten Wochen machen muss. Es wird doch noch einen anderen Ort im Lake District geben – bestimmt lässt sich irgendein Last-minute-Angebot ergattern.

Ich stelle den Laptop auf den Küchentisch und suche nach anderen Vermittlungen, die Ferienhäuser in Keswick vermieten, aber alles, was ich finde, ist für den Sommer komplett ausgebucht. Ich weite den Suchradius aus, habe allerdings kein Glück. Keine Ferienhäuser, keine Wohnungen und keine geeigneten Hotelzimmer, die in den nächsten vier Wochen verfügbar wären. Ich schiebe den Laptop weg, lasse mich nach vorn kippen und lege die Stirn auf dem Tisch ab. Das ist eine Katastrophe. Ein verdammtes Desaster.

Während ich mir die Tränen verkneife, wird mir klar, dass die Person, mit der ich jetzt reden muss, Iris ist. Es ist seltsam, wenn man bedenkt, dass unsere Freundschaft noch relativ frisch ist. Als Jonah wegging und ich kaum noch mein Bett, geschweige denn das Haus verlassen konnte, kam Iris ungefragt her und setzte sich zu mir, als ich weinte, hörte mir zu, wenn ich immer wieder von meinem Liebeskummer redete, strich mir über die Haare und sagte, dass alles gut werden würde. Sie bestellte mir teure Take-away-Gerichte, von denen ich nur kleine Häppchen essen konnte, weil ich viel zu aufgewühlt war, aber sie machte mir nie ein schlechtes Gewissen, weil ich so viel Geld und Essen verschwendete. Wann immer sie konnte, kam sie vorbei, um nach mir zu sehen. Als ich am absoluten Tiefpunkt war, gab sie mir das Gefühl, nicht allein zu sein.

Das bedeutete mir unendlich viel.

Ich habe immer versucht, so zu tun, als machte es mir nichts aus, keine Familie zu haben, auf die ich mich verlassen kann. Wenn ich in der Schulzeit Freundinnen besuchte und sah, wie viel ihre Mums und Dads für sie taten, redete ich mir ein, dass es gut sei, selbst Verantwortung zu übernehmen. Ich war stolz darauf, dass ich mich allein versorgen und für mich kochen konnte, denn meine Mutter war nicht da, wenn ich nach Hause kam, und ich wusste nicht, wo sie sich aufhielt oder mit wem sie die Zeit verbrachte. Es war gut, zu lernen, wie ich allein zurechtkommen kann. Ich war diejenige, die den Vorteil im Leben hätte, wenn wir die Schule verließen und in die große weite Welt hinausgeschickt würden. Das redete ich mir ein.

Ich glaubte beinahe wirklich daran.

Und auch wenn ich sehr verbittert auf meinen Vater war, weil er mich bei meiner Mutter gelassen hatte, obwohl er von ihrem wachsenden Suchtproblem wusste, hatte ich dank der Therapie gelernt, damit umzugehen. Ich lernte, meine Wut auszudrücken und ihm zu verzeihen. Zwischen uns ist alles in Ordnung, wir haben nur nichts gemeinsam, und er hat mir gegenüber eine emotionale Distanz. Bei den seltenen Gelegenheiten, da wir miteinander reden, läuft das Gespräch ziemlich gestelzt und trocken ab, und keiner von uns sagt etwas von Bedeutung. Aber ich war ihm dankbar, dass er mir finanzielle Hilfe anbot, als ich sie wirklich brauchte. Das war seine Art, zu zeigen, dass er sich um mich kümmert, und das habe ich akzeptiert.

Dieses Jahr fühlte sich wie eine Prüfung an. Ich weiß, dass man sich nicht so sehr auf andere verlassen sollte, wie ich es bei Jonah getan habe, doch wenn man keine Familie hat, will man selbst eine gründen, und ich dachte, wir würden genau das tun. Er war alles für mich. Ich wollte unbedingt alles für ihn sein, also akzeptierte ich seine fein dosierte Kritik und beschloss zu sein, was er brauchte, egal was es mich kostete. Seine endgültige Ablehnung erschütterte mich zutiefst. Nie zuvor hatte ich mich so wertlos und überflüssig gefühlt. Deshalb wird Iris nie ganz verstehen, wie sehr sie mir geholfen hat, indem sie einfach da war. Allein die Tatsache, dass sie sich meldete und mich wissen ließ, dass es jemanden gab, der sich Sorgen um mich machte, schenkte mir den Trost, den ich brauchte, um aus dem Elend herauszufinden, wieder zur Vernunft zu kommen und die Entschlossenheit zu gewinnen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und mich weiter durchzuschlagen.

Nach und nach habe ich in den letzten sechs Monaten wieder zu mir gefunden. Ich kümmerte mich um mich selbst, kaufte mir schöne Kleidung und Produkte, ließ mir die Haare und Nägel machen, wann ich wollte. Ich hörte wieder die Wohlfühl-Popsongs, über die Jonah immer gelästert hatte, und sie machten mich so glücklich, dass mich der Gedanke regelrecht schaudern lässt, mit jemandem zusammen gewesen zu sein, der so erbärmlich, aufgeblasen und eingebildet ist, eine derart fröhliche Musik lautstark auf herablassende Weise abzulehnen. Das Leben ist zu kurz, um so überheblich zu sein.

Ich bin stolz darauf, dass ich jetzt an dem Punkt angekommen bin, mein eigenes Comicbuch machen zu wollen. Jonah hat mir ganz klar gesagt, dass ich nicht das Zeug dazu hätte, aber er hat sich in so vielen Dingen geirrt, dass ich hoffe, er hat sich auch in mir geirrt. Ich kann jetzt nicht aufgeben, nicht jetzt, da ich schon so weit gekommen bin. Ich muss es schaffen, und auch wenn es so aussieht, als ginge alles in die Brüche, will ich noch nicht aufgeben.

Ich brauche nur jemanden, der mir das auch sagt.

Iris meldet sich nach dem ersten Klingeln.

»Hey, Flora«, sagt sie munter, während im Hintergrund Musik zu hören ist und Leute plaudern. »Bist du schon auf dem Weg?«

»Alles ist schiefgelaufen.«

»Was? Moment, ich kann dich nicht richtig hören.« Ich warte, bis sie woandershin gegangen ist und das Geräusch im Hintergrund leiser wird. »Tut mir leid, ich bin zum Mittagessen im Pub, und im Biergarten ist richtig viel los. Was hast du gesagt?«

»Das Dach ist eingestürzt.«

»Was? O mein Gott, bist du in Ordnung?!«

»Nicht das hier. Das in Keswick.«

»Was?«

»Das Dach vom Cottage in Keswick, das ich gemietet habe«, erkläre ich mit einem Schniefen. »Das Dach ist eingestürzt, und jetzt können sie mich nirgendwo anders unterbringen. Ich habe versucht, eine andere Unterkunft zu finden, aber es ist nichts mehr frei.«

»O nein! Oh, Flora, es tut mir so leid. Du hast dich so darauf gefreut. Das ist ja furchtbar! Was willst du jetzt tun?«

»Ich weiß nicht, aber ich muss aus der Wohnung raus. Jetzt kann ich nirgendwo mehr hin.«

»Keine Panik, wir finden schon etwas. Sicher kannst du mit der Agentur sprechen, und sie können denjenigen, der deine Wohnung gemietet hat, benachrichtigen, dass es ein Problem gibt und er doch nicht dort wohnen kann«, schlägt sie vor.

Ich zögere. Ich wünschte, ich dürfte ihr sagen, dass es schwierig werden könnte, einem berühmten Tennisspieler zu sagen, dass er keine Bleibe mehr hat, während er in Wimbledon antritt, aber ich habe Kieran versprochen, es niemandem zu sagen, und sosehr ich Iris auch vertraue, halte ich mich an mein Wort. Es hat sowieso keinen Sinn, ihr von ihm zu erzählen – es ist ja nicht so, als hätte sie die Chance, ihn kennenzulernen. Ich werde es ihr nach dem Turnier sagen.

»Ich weiß nicht, ob das eine Option ist«, sage ich vage. Ich stütze den Ellenbogen der freien Hand auf den Tisch und das Kinn auf die Hand. »Das ist so ein mieser Anfang.«

»Zugegeben, es ist nicht gerade die beste Ausgangssituation«, stimmt sie zu, »aber das bedeutet nicht, dass dein Urlaub ausfällt, Flora, es gibt so viele Orte in England, an die du für ein paar Wochen flüchten kannst, um an deinem Buch zu arbeiten.«

»Aber du weißt, dass ich in den Lake District wollte.«

»Ich weiß, doch es gibt andere Stellen, die genauso schön sind«, sagt sie sanft. »Du kannst ein anderes Mal in den Lake District fahren – zum Beispiel, wenn du die Fortsetzung deines Bestsellerdebüts schreibst!«

»Schön wär’s«, murmele ich wehmütig.

»Flora, lass nicht zu, dass ein eingestürztes Dach deine Pläne über den Haufen wirft. Das ist nur ein kleiner Stolperstein. Ich habe mir sowieso Sorgen gemacht, weil du allein so weit wegwolltest, also ist es vielleicht eine Art Wink des Schicksals, um dir mitzuteilen, dass ich recht habe und du auf mich hören solltest.«

»Aha.« Ich lächle ins Telefon. »Na, dann los, was soll ich tun?«

»Du schiebst jetzt deinen süßen Hintern aus der Tür, setzt dich irgendwo in die Sonne, wo du dir ein erfrischendes Glas Rosé bestellen kannst, und dann scrollst du ganz entspannt durch die Last-minute-Angebote für Rückzugsorte auf dem Land, vorzugsweise solche, die nicht Stunden von London entfernt sind. So kann ich dich besuchen, wenn du mich lässt.«

Ich seufze. »Ein Glas Rosé in der Sonne, das klingt verlockend.«

»Dann los und ruf mich an, wenn du was Neues gebucht hast. Und vergiss nicht, dass du nicht die ganze Zeit an einem Ort bleiben musst, also sei nicht traurig, wenn dir etwas gefällt, was nur einen Teil der Zeit verfügbar ist – buche es und such dir für die restliche Zeit etwas anderes. Wenn es sein muss, kannst du zwischendurch auch hierherkommen und auf dem Sofa meiner Eltern übernachten.«

Ich ertappe mich dabei, wie ich bei ihren Anweisungen nicke. »Okay. Du hast recht. Ein neuer Plan.«

»Ein spannender neuer Plan«, betont sie. »Alles geschieht aus einem bestimmten Grund.«

»Ich buche also jetzt was anderes«, erkläre ich entschlossen und stehe auf. 

»Ja, tu das. Ruf mich an, wenn du fertig bist!«

»Wird gemacht. Iris, du bist die Beste.«

»Weiß ich.«

Wir legen auf, und mit frischer Entschlossenheit schnappe ich mir eine Tasche für meinen Laptop, nehme Sonnenbrille und Schlüssel und marschiere durch den Flur und aus dem Haus. Als ich in den Sonnenschein trete, atme ich tief die frische Luft ein und setze die Sonnenbrille auf.

»Zeit für einen neuen Plan«, verkünde ich an niemanden gerichtet.

Ich mache mich auf den Weg in Richtung Wimbledon Village und halte Ausschau nach einem leeren Tisch vor den Restaurants und Bars, denn Iris’ ausdrückliche Anweisung lautete, ein Glas Rosé im Sonnenschein zu trinken, doch überall wimmelt es von Menschen. Wenn das Wetter so schön ist, hält sich ganz London draußen auf. Ich stehe kurz davor, erneut schlechte Laune zu bekommen, weil meine Pläne wieder einmal ins Straucheln geraten, aber ich will einen kühlen Kopf bewahren und mache mich auf zum »The Dog and Fox«, in der Hoffnung, bei dem Pub einen Platz im Freien zu finden. Ich bin nur eine schmale Person, vielleicht kann ich mich zu jemand anderem an den Tisch setzen.

Ich schnappe mir ein Glas Wein an der Bar und gehe hinaus in den Biergarten. Wie erwartet sind die meisten Tische voll besetzt, aber einer im hinteren Bereich sieht leer aus, bis ich nahe genug komme, um zu sehen, dass jemand am Ende der Bank vor einem Bier sitzt, den Blick aufs Handy gerichtet. Ich nehme an, dass er auf jemanden wartet, hoffe jedoch, dass es okay sein wird, wenn ich mich ans andere Ende setze.

»Entschuldigung«, sage ich mit meinem süßesten Lächeln, »darf ich mich hier …«

»Nein«, grunzt der Kerl, noch bevor ich den Satz beendet habe.

Ich weiß im selben Augenblick, mit wem ich es zu tun habe. Die Cap beschattet sein Gesicht, deshalb habe ich ihn nicht gleich erkannt. Kieran fucking O’Sullivan.

3. Kapitel

Kieran hebt vorsichtig den Kopf und schaut unter der Cap hervor zu mir auf.

»Sie«, raunzt er, zieht die Stirn kraus, rückt die Sonnenbrille zurecht und setzt sich aufrecht hin. »Sind Sie mir gefolgt?«

»Nein!«, blaffe ich ihn an, und mein Gesicht wird heiß, allein schon wegen der geäußerten Vermutung. »Ich hatte keine Ahnung, dass Sie hier sind. Ich dachte, Sie wären weggegangen!«

»Bin ich ja. Und zwar hierhin.«

»Ja, danke!«, schnauze ich. »Das weiß ich jetzt auch.«

»Was machen Sie dann hier?«

»Jedenfalls nicht Ihnen folgen. Mir ist was dazwischengekommen, und ich muss ein paar Nachforschungen anstellen. Ich dachte, ich trinke ein Glas Wein in der Sonne, während ich das tue. Und was ist mit Ihnen? Was machen Sie hier?«

»Die Wohnung, die ich gemietet habe, ist noch nicht bezugsfertig.«

Ich sehe sein Bier und ziehe die Augenbrauen hoch. »Ich dachte, Sie hätten heftige Kopfschmerzen«, murmele ich. »So schlimm, dass Sie Ihr Paracetamol nicht selbst besorgen konnten.«

Sein Kiefer verkrampft sich. »Katerbier.«

Ich presse die Lippen aufeinander und treffe eine Entscheidung. Entschlossen setze ich mich ans andere Ende des Tisches, nehme mir einen der abgewetzten Pappuntersetzer und stelle mein Glas darauf. Dann hole ich den Laptop aus der Tasche und klappe ihn vor mir auf. Ich zupfe ein paar Fussel von der Tastatur.

Er beobachtet mich schweigend.

»Was tun Sie da?«, fragt er schließlich mit tiefer, mürrischer Stimme.

»Ich trinke etwas und recherchiere«, informiere ich ihn hochmütig, logge mich ins WLAN ein und nippe an meinem Wein.