Matera, die Basilicata und ich - Michael Mente - E-Book

Matera, die Basilicata und ich E-Book

Michael Mente

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Beschreibung

Ein Begleiter für Reisende auf dem Weg in das mystische Herz Süditaliens: eine Sammlung von Texten und oftmals unerwarteten Gedanken eines in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Sohnes Lukaniens. Reisend und schreibend entdeckt der Autor seine zweite Heimat, diejenige seines Vaters, und trifft auf dem Weg jenen Christus an, der sich nach Carlo Levi doch noch auf die Suche nach einem ihm unbekannten Land aufmacht: die uralte Stadt Matera mit seinen Sassi und die Basilicata. Die ursprünglich lose in Form eines Blogs entstandene Aufsatzsammlung ist eine Liebeserklärung und lädt ein zum Entdecken einer für lange Zeit unsichtbar gewordenen Gegend zwischen Apulien, Kalabrien und Kampanien: Weitgehend intakte und mystisch wirkende Landschaften, ein von Kulturen und Menschheitsgeschichte getränkter Boden im Kreuz zwischen zweier Meere und der Nord-Südverbindung auf dem Land, Folklore und Traditionen, die ferne Zeiten erahnen lassen, der Reichtum einer einfachen agro-pastoralen Küche, die von einer ergreifenden Echtheit der einst bitterarmen Lebenswelten zeugt und heute moderne "Chefs" inspiriert, eine überwältigende Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Menschen - nichts lässt einen hier unberührt, wenn man mit offenen Herzen und Augen reist. Man muss sich also nicht wundern, wenn die Begegnung mit dieser zauberhaften, kontrastreichen und vielfältigen Region, jenseits der massentouristischen Trampelpfade, plötzlich existenzielle Fragen und Erhabenheitsgefühle in einem auslösen kann. Denn: Steckt nicht etwas Lukanien - so der ursprünglichere Name dieser alten Gegend - in jedem von uns?

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Seitenzahl: 641

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Innehalten auf der Wanderung über die MURGIA – Ergriffenheit angesichts der eindrücklichen Kulisse der Felsenstadt MATERA jenseits der GRAVINA am späten Nachmittag. (Foto: DEA ZUCCARO)

Dedica – Widmung

Dedicato a mio padre ANTONIO, a mia nonna CATERINA, a tutta la mia famiglia, alla mia compagna DEA e a suo padre MICHELE.

Questo libro è dedicato a mio padre ANTONIO, alla mia defunta nonna CATERINA, alla mia famiglia e in particolare alla mia compagna DEA, conosciuta durante una passeggiata a POMARICO, paese natìo di mio padre, poco lontano da MATERA. Senza ombra di dubbio ci siamo incrociati una miriade di volte prima che il destino ci facesse incontrare. Lei è stata la mia musa ispiratrice: il motivo che mi ha portato a riscoprire il paese dei miei avi e un incorraggiamento alla creatività, a seguire la vocazione per la scrittura e a continuare su questo cammino. – In questo senso un motivo divino: la mia Musa e la mia Dea. Lei e suo padre MICHELE, pittore d’arte e scultore, mi hanno regalato nuovi punti di vista sulla vita. Grazie a loro ho potuto scoprire nuove sfaccettature della mia esistenza, che hanno portato alla nascita di questo libro. Ho scoperto che un «paesologo» esplora con le sue osservazioni non solo il paesaggio e le sue particolarità, ma, descrivendo, crea un dialogo esistenziale: come un pittore, egli scopre ed esprime anche aspetti della sua personalità nascosti. In questo senso sono lieto di condividere e raccontare alcuni segreti e misteri di una terra suggestiva che mio padre, come tanti altri, è stato costretto a lasciare, e di farla scoprire a loro e ai lettori.

Meinem Vater ANTONIO, meiner Nonna CATERINA, meiner ganzen Familie, meiner Freundin DEA und ihrem Vater MICHELE gewidmet.

Dieses Buch widme ich meinem Vater ANTONIO, meiner 2006 verstorbenen Nonna CATERINA, meiner Familie und ganz besonders meiner Freundin DEA. Auf einem Spaziergang durch POMARICO, dem Heimatdorf meines Vaters, unweit von MATERA, habe ich sie kennengelernt. Davor bin ich ihr in diesem Dorf ohne Zweifel unzählige Male begegnet, bis uns das Schicksal endlich einander vorgestellt hat. Sie war meine Inspiration, mein Herkunftsland zu entdecken und meine Ermutigung zur Kreativität, dem Ruf des Schreibens zu folgen und diesen Weg weiterzugehen. Sie und ihr Vater, der Kunstmaler und Bildhauer MICHELE, haben meinen Blick auf die Welt in vielen Dingen verändert. Dank ihnen beiden habe ich neue Seiten an mir entdeckt, die zu diesem Buch geführt haben. Ein «Paesologe» (Landschaftskundler) erforscht in seinen Beobachtungen nicht nur ein Land und seine Besonderheiten, im Beschreiben lässt er eine Art existenzieller Dialog entstehen: wie ein Maler, der genau hinschaut und in seinem Schaffen verborgene Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. In diesem Sinne teile ich meine Beobachtungen gerne und bin glücklich darüber, dass ich, indem ich von Geheimnissen und Besonderheiten eines faszinierenden Landes, das mein Vater wie andere verlassen musste, ihnen sowie den Leserinnen und Lesern LUKANIEN auf diese Weise ein Stück näherbringen kann.

POMARICO – Die Altstadt klammert sich auf einen Hügel, die Siedlung erstreckt sich über einen Kamm weiter zum anschliessenden neueren Teil (QUARTIERE ALDO MORO). Die Ansicht des Dorfes mit der grossen, ST. MICHAEL geweihten, Kirche (links) richtet sich nach Nordwesten. Die Aufnahme wurde mit MON-TESCAGLIOSO im Rücken gemacht. (Foto: MARIO BRUNO LICCESE)

FERRANDINA – ein Ausschnitt einer vielfältigen Stadt mit einer charakteristischen Reihenhausarchitektur. Hier befand sich eine griechische Siedlung namens TROILIA, deren Name – richtig – an das berühmte TROJA erinnerte, und eine Akropolis namens OBELANON (UGGIANO). Diese wurde von Erdbeben und einem Erdrutsch – ein altes, aber immer aktuelles Thema im MATERANO – zerstört. Der heutige Name geht auf den spanischen König FRIEDRICH VON ARAGÓN zurück, der die Stadt 1494 neu gründete und nach seinem Vater (Re FERRANTE) benannte. (Foto: PETER AMANN)

«LUKANIEN scheint mir, mehr als jeder andere, ein wahrhafter Ort, einer der echtesten der Welt [...]. Hier finde ich das Mass der Dinge wieder [...], die Kämpfe und Kontraste sind hier ganz reale Dinge[...]. Das fehlende Brot ist ein echtes Brot, das fehlende Haus ist ein echtes Haus, der Schmerz, den niemand versteht, ein echter Schmerz. Die innere Spannung dieser Welt ist der Grund für ihre Wahrheit: In ihr vereinen sich Geschichte und Mythologie, Aktualität und Ewigkeit.» – CARLO LEVI

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Über Eboli hinaus …

Über Lukanien und dieses Buch

«Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu»

Ankommen – Suchen – Staunen

Einblicke: Das unsichtbare Herz Süditaliens

«Quo vadis?» – Das faltige Gesicht einer alten Landschaft voller Kontraste

Auf ein Wort: Lucania oder Basilicata?

«Amara terra» und terra amata – Erzähltes und besungenes Lukanien

Amara terra – Bittere Wahrheiten

Von Last- und anderen Tieren

Viva Matera – Was uns ein Logo erzählt

Am Anfang war der Fluch

«Jenes Dorf» – Zauberhafter Aberglaube

Die Tarantella – Tanz mit Leidenschaft und gutem Gewissen

Mystische Begegnungen: Die Hochzeit der Bäume

Wo ist Chitaridd? – Banditen, Räuber, Sozialrebellen und Lukaniens letzter Brigant

«Basta che si sta bene» – Hymnen an die Basilicata und Oden an den Reichtum der Genügsamkeit

Nonnas Pantoffeln – Tod auf Lukanisch

Lukanien in uns – Reisen ins Innere

Wandernde Steine – Geschichte, Migration und ich

Carpe diem – Die Pizza der Erkenntnis

Aus Bitterem wächst Süsses – Der Birnbaum in uns

Nostalgie – Auf den Spuren eines Gefühls

Das weisse Schaf – oder die Philosophie des Pecorino

Das Rad und der hässliche Basilisk

Caffè sospeso – Eine Tasse Solidarität

Was ist Arbeit? – Eine Suche voller fatica

Kulinarische und andere Schätze

Die italienische Küche – Vom Essen und kulturellen Fusionen

«Cucina povera»: Auf der Suche nach dem Reichtum der Arme-Leute-Küche

Brot ist heilig

Leonardo und die Bohnen

Ein Topf Dankbarkeit: «La Crapiata»

Mütter, Töne und Tomaten

Eine Scheibe Glück: Pane e pomodoro

Der «Peperone crusco» – Rotes Gold und knusprige Tradition

Grüne Schätze – Auch Kohlköpfe können Gesundes essen

Feigen – Paradiesische Früchtchen

Maiatica und Co. – Oliven und das flüssige Gold

Nostrano, Aglianico und andere Weine – Essenzen der eigenen Erde

Zeugnis ruralen Lebens: «Lucanica», die lukanische Salsiccia

Von Hirten, Herden und Hörnern: Ein Flirt mit dem Käseland Lukanien

Cardoncello – Der Papst unter den Pilzen

Die «Colomba Pomaricana» – Ein österlicher Schlüsselmoment auf dem Tisch

Die Frittata – Alles andere als flach

Matera – Spaziergänge und Impressionen

Unterwegs

Auf den Spuren der Strade ferrate: Eisenbahn in der Basilicata

Wahrzeichen am Himmel: Vögel

Trouvaillen und Souvenirs

Vom Leben in einer Weihnachtskrippe

Von Maria Magdalenas Auferstehung als Apostolin in der Basilicata und von einer Basilicata als Filmkulisse

Der «Cucù» von Matera – Ein Hahn im Korb der Souvenirs

«Ich bin dunkel, aber schön» – Die Königin der Basilicata

In Ohren, Mark und Bein: Musik, Tanz und Instrumente in der Basilicata

Tschingg!

Epilog: Die «Tavolata Christi»

Ein kulinarischer Streifzug durch Lukaniens Produkte und Küche

Zu guter Letzt

«Famm sta buon»: Kein Schlusswort

Danke – Grazie

Zu meiner Person

Anhang

Erläuterung der geschützten Herkunftsbezeichnungen

Zum Nachlesen – Eine Auswahl für den Einstieg und die Weiterreise

Redaktionelle und rechtliche Hinweise

Anmerkungen

Eine Ferula im Gegenlicht des Sonnenuntergangs auf der MURGIA bei MATERA.

(Foto: MICHAEL MENTE)

Karte der Region (mit freundlicher Genehmigung der APT - Agenzia di Promozione Territoriale di BASILICATA).

Als ich 2013 zum ersten Mal nach einer längeren und tief beeindruckenden Wanderung hier (BELVEDERE MURGIA TIMONE) stand, habe ich den Entschluss gefasst, dieses Buch zu schreiben. (Foto: MICHAEL MENTE)

In ALIANO hat man CARLO LEVI nicht nur ein Denkmal in Form einer metallenen Büste aufgestellt; man kann auch sein Haus, sein Grab, ein Museum besuchen. Die Jugend schenkt ihm aber auch ein modernes Gesicht und ehrt ihn in Form sogenannter Murales (Wandbilder); hier ein Werk im Rahmen eines Projektes des LICEO ARTISTICO CARLO LEVI, MATERA, 2016. (Foto: MARIO BRUNO LICCESE)

Prolog: Über Eboli hinaus …

Über Lukanien und dieses Buch

«Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu»

Blick auf TURSI – bekannt für seine Orangen und die RABATANA (Stadtteil, der an arabische Zeiten erinnert).

(Foto: PETER AMANN)

Auch das gibt es in der BASI-LICATA: Wandern in wundervollen Naturparks und in wilden Landschaften. SAN FELE in der Provinz POTENZA weist ein Naturgebiet mit wundervollen Wasserfällen (Cascate) auf.

(Foto: PETER AMANN)

Treppenaufgang und alte Behausung in den SASSI von MATERA. Diesen Ort habe ich wohl jedes Mal bei meinen Besuchen fotografiert…

(Foto: MICHAEL MENTE)

MATERA ist ohne Unterbruch seit der Steinzeit besiedelt. Bei einem Spaziergang über die MURGIA (TIMONE) begegnet man diesen Gräbern aus der Bronzezeit.

(Foto: MICHAEL MENTE)

MATERA – Blick aus einer der zahlreichen Felshöhlen der MURGIA (TIMONE) auf die SASSI und die Kathedrale. (Foto: PETER AMANN)

Schneefälle gibt es auch in der BASILICATA. In höheren Lagen, etwa im POTENTINO, wo es im Winter sehr kalt werden kann, regelmässig. Zudem gibt es Skigebiete auch im Süden, wo der Segen willkommen ist. Andernorts kann er zu Stillstand, aber auch zu wundervollen Bildern führen. Aussergewöhnlich viel Schnee fiel im Januar 2019. Ein Blick am Morgen in «unsere» Gasse im Altstädtchen von POMARICO. Eine eindrückliche Erfahrung und in der Tat ein Stillleben der besonderen Art, das Mutter Natur hier auf der Leinwand antiker Steine zeichnet; und dass dieser Weg übrigens VIA PURGATORIO heisst, trug in diesem verschneiten und Stille bringenden Zusammenhang auch noch etwas zur Erheiterung bei.

(Foto: MICHAEL MENTE)

Die «Geisterstadt» CRACO, eine Detailansicht. Mittlerweile ist diese Stadt, die nach einer Reihe von Erdrutschen fast zerstört und 1963 evakuiert worden war, ein Ziel für Touristen und neben MATERA eine der wichtigsten Filmkulissen.

(Foto: PETER AMANN)

Esel gehörten in meiner Kindheit noch mancherorts zum alltäglichen Dorfbild. Eine Begegnung vor den Ruinen von CRACO. (Foto: MARIO BRUNO LICCESE)

Die ersten Feigen des Frühsommers zieren die Tafel. Ein Grund mehr, um noch etwas länger zu bleiben … (Foto: MICHAEL MENTE)

Sonnengereifte Sommerschätze.

(Foto: MICHAEL MENTE)

Unterwegs auf alten Strassen: Wundervolles Licht überstrahlt an einem Julinachmittag die Calanchi unterhalb von POMARICO (Flanke zum Tal des BASENTO). (Foto: MICHAEL MENTE)

PISTICCI – Eindrückliche Calanchi-Landschaft. Die weisse Stadt ist ein Besuch wert! (Foto: PETER AMANN)

CHRISTUS bereist die BASILICATA. – Eine Darstellung in Zement und Marmor steht hier schon seit den 1960er-Jahren: Die gut 21 Meter hohe Statue (CRISTO REDENTORE) auf dem MONTE SAN BIAGIO ist das Wahrzeichen MARATEAS. (Foto: PETER AMANN)

Über Lukanien und dieses Buch

Auf der Suche nach einem Titel oder Motiv für mein Schreiben über die BASILICATA bin ich auf die verschiedensten Zitate gestossen, die mir aus dem Herz sprechen. Ein zufällig gefundener Buchtitel (HANS JOACHIM CLAASSEN) trifft es dabei ganz besonders: DAS LAND DER VÄTER MIT DER SEELE SUCHEND.1 Diese Ahnung, dass die Gegend meiner väterlichen Wurzeln, die ich über viele Jahre immer wieder bereist habe, etwas mit mir zu tun hat, eine Magie in sich trägt, die über mich hinausweist, hat mich beflügelt.

DIE BASILICATA – MEIN LUKANIEN

In all den Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, wie gerne ich über die BASILICATA erzähle, diese biblisch-archaisch wirkende Gegend ausserhalb der Zeit und doch seinerseits «Labor» der Kultur- und Menschheitsgeschichte EUROPAS. Und immer wieder stellte ich fest, wie unbekannt die Gegend ist. Selbst für Italienerinnen und Italiener, sogar – das ist schon sprichwörtlich geworden: die Wettervorhersagen der nationalen Sender, wo man die Gegend laufend zu vergessen scheint. Die BASILICATA hat kein Wetter und doch flüstern die Winde hier tausendjährige Erinnerungen. Erinnerungen, die auch Teil meines Lebens geworden sind. Die BASILICATA hat wunderbares Olivenöl, und doch erzählen die Fachbücher von KAMPANIEN oder APULIEN; dazwischen ein Loch. Der Beispiele für die merkwürdige Unsichtbarkeit sind viele.

TERRA INCOGNITA

Die BASILICATA – Lange Zeit terra incognita, unbekanntes Land, gemieden, gar verachtet und überhaupt: CHRISTUS KAM NUR BIS EBOLI. Nach dem wohl berühmtesten Roman aus dieser Gegend (CARLO LEVI2) kam CHRISTUS hier nie an. CHRISTUS soll nur bis EBOLI gekommen sein. Wie lange hat die vom Norden geprägte Sicht und Geschichte das Lied der Rückständigkeit des Südens gesungen, in das die ländliche Bevölkerung in ihrem zeitenlosen Leben der ewigen Kreisläufe, von fremden Herrschern, Mächten und ihr unbekannten Staaten beherrscht, selbst eingestimmt hat. Und doch ist der Funke einer eigenen Identität nie ganz erloschen: So konnte es geschehen, dass man mit dem Label des UNESCO-WELTKULTURERBES erkannt und nach ersten Renovationen 1993 anerkannt hat, welchen Schatz hier bewahrt worden ist. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts galt bei den politischen Eliten MATERA als «Schande ITALIENS», da noch immer Menschen in Höhlen ohne Strom und fliessendes Wasser leben mussten und von Malaria geplagt waren, bis die Umsiedlungsaktionen in den 1950er- und 1960er-Jahren vonstatten gingen.3 Und nun scheint sich das Blatt zu wenden: Aus der einstigen Kulturschande wird neben der bulgarischen Stadt PLOVDIV eine KULTURHAUPTSTADT EUROPAS (2019). Sogar der italienische Paradezug, der FRECCIAROSSA, schlängelt sich über EBOLI hinaus, um der Welt die Reise zu einem ihrer Ursprünge zu ermöglichen: nach MATERA.

LAND DER KONTRASTE

Die BASILICATA ist erst im Laufe der Geschichte unsichtbar geworden. Die Griechen, Römer, HORAZ, ein FRIEDRICH II., heute ein FRANCIS FORD COPPOLA: Sie würden je eigen und ganz anders reden. Unsichtbar ist das Land geworden, und doch leben heute mehr Menschen mit lukanischen Wurzeln – Ausgewanderte und ihre Nachkommen – auf der ganzen Welt als in der dünn besiedelten Landschaft selbst. Und dies war vielleicht schon immer so, wenn ich daran denke, welche und wie viele uns bekannte Völker und Stämme hier aufgrund der besonderen Lage seit tausenden von Jahren angekommen sind, sich niedergelassen, mit den anderen vermischt haben und weitergezogen sind. Ein Land, das so viel Stille ausstrahlt und doch von so viel Unruhe geprägt ist: Wetter, Erdbeben, Eroberer, Fremdherrschaft und Fremdbestimmung, die Erfahrung, dass die Seele laufend für andere ausgeblutet wird. Das Holz all der Wälder (der alte Name LUKANIEN weist auf die Haine), die seit der Antike im grossen Stil abgeholzt worden sind, umkreisten als Schiffe die Weltmeere; das Erdöl, das jüngst gefördert wird, wo geht es hin? Bleibt wieder nur die Spur der Nutzung, diesmal die Verschmutzung, zurück?

ERGRIFFENHEIT

Waren früher die Touristen (i turisti) Ausgewanderte und deren Nachfahren, die in ihren Ferien heimkamen, sind es plötzlich Menschen aus aller Welt, die dieses Land erkunden – und kaum jemand bleibt von dieser Reise unberührt. Es ist zum einen die Schönheit dieser wilden und rauen, hügeligen und zerfurchten Landschaft mit den oft atemberaubenden Gemälden, die Wetter und Sonnenuntergänge in den Himmel zeichnen. Zum anderen aber ist es dieses Gefühl der Erhabenheit, das die aufmerksame Seele, die – im Alltagsrummel der westlichen Welt betäubt – angesichts des Kontrasts erschrickt: Mystisch ist dieses geschichtsgetränkte Land, das lange vom sogenannten Fortschritt isoliert seinen eigenen Weg ging und vieles von dem bewahrt, in Steine gehauen, in die Gesichter der Menschen und ihre Handlungen gezeichnet hat, was wir aus unserer westeuropäischen Zivilisation verbannt, vergessen haben und höchstens noch erahnen. Plötzlich werden die Gedanken beim Anblick und Studium all dessen existenziell, und es kann passieren, dass der Tourist seine Reisepläne um die Suche nach seinem Selbst erweitert; er oder sie ist ergriffen und fühlt sich als Teil eines grossen Ganzen, man beginnt über Geschichte und Zeitenläufe, sein Leben und seine Begrenztheit nachzudenken.

Inbegriff all dessen, da seit Jahrtausenden kontinuierlich besiedelt und bewohnt, ist MATERA. Die Stadt der SASSI, der Felsenwohnungen, ist eine der ältesten Städte der Welt. Diese archaische, in Stein gehauene Schönheit, trägt 2019 den Titel KULTURHAUPTSTADT EUROPAS – höchste Zeit also, CHRISTUS endlich über EBOLI hinauszubegleiten und ihm von meiner zweiten Heimat zu erzählen.

MATERAS RENAISSANCE

EUROPA, ja die ganze Welt, blickt nun genauer hin: MATERA tritt aus dem Hintergrund hervor – es nicht nur Filmkulisse wie in zahlreichen Bibel- und Monumentalfilmen: MATERA erwacht und lernt seinen eigenen Wert erkennen und schätzen. Einst Kulturschande ITALIENS, nun KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.

Die Funktion und der Titel einer KULTURHAUPTSTADT bestehen darin, EUROPA die Kultur, Geschichte und Menschen einer Region zu zeigen. Das hat mich im Falle von MATERA, gut 30 Kilometer vom Dorf meines Vaters (POMARICO) entfernt inspiriert. Ich habe meine unzähligen Reisenotizen hervorgenommen und möchte die Gedanken in Erzählungen und Erinnerungen fassen. – Sehr persönlich.

Natürlich ist die BASILICATA mehr als MATERA. Es ist eine vielgestaltige Provinz und wie erwähnt geografisch ein besonderer Ort, was historisch bedeutend ist: Hier kreuzen sich der Weg zwischen zwei Meeren und die Verbindung von Süden nach Norden, was damit die Gegend seit Anbeginn aller Zeiten zu einem Begegnungsort und Schmelztiegel von Völkern und Ideen, die EUROPA kultiviert haben, gemacht hat. Seit Anbeginn Land der Einwanderung und des Weiterreisens – meine eigene Geschichte ist Teil davon, meine Lebenserinnerungen sind geprägt davon, was mein Vater aus seiner Heimat in die SCHWEIZ mitgenommen hat.

EIN REISEBEGLEITER

Ich füge mich daher mit den hier vorliegenden Texten nicht in die Reihe der unterdessen unzähligen gedruckten Reiseführer, Blogs und andere Berichte ein. Ich wollte keinen Reiseführer schreiben, die Textsammlung versteht sich vielmehr als Reisebegleiter. Es sind Gedanken, Einblicke aus vielen Jahren Begegnung mit meiner eigenen Familien- und Herkunftsgeschichte.

Das Projekt ist als Blog gestartet (www.terramatera.com) und die Texte sind in loser Reihenfolge entstanden. Einzelne von ihnen sind vorab auch anderweitig in gekürzter Form veröffentlicht worden (etwa auf dem Blog der Zürcher Landeskirche www.diesseits.ch). Ich wollte möglichst viel über die Herkunftsgegend meines Vaters erfahren und habe mich entschieden, während eines Jahres ganz frei Episoden zu verfassen. Die Kapitel sind zum Teil sehr reichhaltig, haben aber meist einen thematischen Schwerpunkt, den sie assoziativ bearbeiten, erzählend, manchmal fiktional.

Die Kapitel ergänzen sich, können aber auch unabhängig voneinander gelesen werden. Die Strukturierung erfolgte im Nachhinein entlang des jeweiligen Hauptthemas in Rubriken.

Ich nehme aufgrund der Projektanlage in Kauf, dass es Redundanzen, Wiederholungen hat. Ich halte aus, dass man meist noch mehr sagen oder ich auch schlicht etwas vergessen haben könnte. Die Aufsatzsammlung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder allumfassende Richtigkeit und ich lasse mich gerne korrigieren. Weder bin ich Philosoph noch Ethnologe, vielleicht sage ich da und dort Banales, ereifere mich gerne auch etwas wachstums-, konsumkritisch, wenn ich den letzten Resten einer unglaublich bescheidenen ruralen Gesellschaft begegne, die den Reichtum in der Armut erkennen lässt. Alternativen schärfen den Verstand; Armut lehrt («la miseria insegna» – das ist mir aus einer Dokumentation über SOPHIA LOREENals wertvoller Gedanke geblieben). Dennoch: Ich bin dank und während der Reisen auf diese Gedanken gekommen.

Nur spärlich kommen Fussnoten zum Zug: Wen etwas zur Vertiefung interessiert, der darf sich zum eigenen Recherchieren und Entdecken eingeladen fühlen.

«Veni, vidi, scripsi» – ich kam, sah und habe geschrieben. Keine Angst, ich eifere nicht JULIUS CÄSAR nach, der mit seinen berühmten Worten «ich kam, sah und siegte» mir die Vorlage gegeben hat. Aber das Schreiben ist ja vielleicht auch eine Art, sich nach und nach etwas zu eigen zu machen. Natürlich ohne kriegerische Absichten, es ist ein Ankommen der eigenen Art – das ich gerne mit den Leserinnen und Lesern teile. Ich schicke dieses Buch hoffnungsvoll auf die Reise – am Tag, als die offiziellen Feierlichkeiten zum Jahr der KULTURHAUPTSTADT 2019 stattgefunden haben (19. Januar), habe ich die Arbeiten am Manuskript abgeschlossen und es in die Produktion gegeben. So habe ich auf meine Weise mitgefeiert.

In diesem Sinn: Ich wünsche viel Vergnügen, Anregung und freue mich über Leser/innen, die sich gerne auf den Weg in mein LUKANIEN machen und sich von meinen Gedanken begleiten lassen möchten.

UND WER IST CHRISTUS?

In den Texten werden Sie – manchmal ganz unvermittelt und nicht in allen Kapiteln – CHRISTUS begegnen. Mal im Dialog; mal nur als Fragender; wo nicht erwähnt, da ist er Zuhörer oder Leser. Natürlich wird auf CARLO LEVIS Roman «CHRISTUS KAM NUR BIS EBOLI» angespielt bzw. daran angeknüpft. Ein meisterhafter Titel, denn er bringt scharf beobachtet zum Ausdruck, wie die Gegend, in welche er in den 1930er-Jahren unter dem Regime der Faschisten verbannt worden war, ausserhalb der Zeit in einem quasi-mythologischen Zustand verharrt ist. Erst später wurde der Titel zum Synonym für chronische Rückständigkeit missbraucht, was keineswegs meine Intention im vorliegenden Werk ist; worum es bei der Metapher im Titel geht, davon werden Sie lesen.

Ich knüpfe aber spielerisch daran an, was LEVI zum Titel inspiriert hat: Im alten Dialekt der Gegend werden Menschen, Leute, über die man spricht, als Cristiani bezeichnet. Zu LEVIS Zeiten waren diese «Christen» aber «die anderen», also nicht sie selbst, und der Satz «CHRISTUS kam nur bis EBOLI» war Ausdruck eines trostlosen Minderwertigkeitskomplexes.

Ich nehme das Motiv darum literarisch und wertneutral auf, meine mit den Cristiani aber auch die Anderen: Angesprochen sind damit die Touristinnen und Touristen mit etwas Platz im Reisegepäck sowie Interessierte aus dem In- und Ausland, die vielleicht einmal eine Reise planen oder schon da waren, andere, welche die Reise vorerst nur in Gedanken mitmachen. Ich denke auch an uns «Secondos» – so nennt man in der SCHWEIZ Menschen, die von eingewanderten Eltern abstammen, aber im «Gastland» geboren und aufgewachsen sind. Einige von ihnen möchten vielleicht wie ich ihre Wurzeln (wieder-)entdecken. Kurzum: Aus all diesen Gründen begegne ich CHRISTUS in diesem Buch immer wieder.

Etwas von der Zeitlosigkeit der BASILICATA mit ihren mythischen Landschaften, alten Gesichtern und ihrem von Geschichte getränkten Boden ist geblieben, so dass die Begegnung existenzielle Fragen in einem selbst auslösen kann. Es ist darum ganz reizvoll, tatsächlich mit Jesus in einen fiktiven Dialog zu geraten oder über seine Geschichten nachzudenken. Aber es ist dennoch konsequent von CHRISTUS die Rede, weil der Autor das vorliegende Buch als Reisebegleiter versteht:

Auch wenn die Gegend der BASILICATA biblisch oder einer Krippenlandschaft ähnlich anmutet und mancher Bibel- und Monumentalfilm vor dieser Kulisse gedreht worden ist, ist damit also nicht immer JESUS gemeint. Gemeint sind letztlich Sie!

Reisen Sie unvoreingenommen, neugierig und offen, geniessen Sie und freuen Sie sich darüber, dass nicht alles schon immer so gewesen und andernorts noch anders geblieben ist.

« Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu»

«Nächster Halt: EBOLI». Ich hebe meinen Kopf und folge mit meinen Blicken nachdenklich der vorbeziehenden hügeligen süditalienischen Landschaft. Hier geschieht etwas – in mir, mit mir. Ich bin väterlicherseits Italiener, meine Mutter ist Schweizerin. Beides prägt mich. Ganz bewusst reise ich immer wieder «heimwärts», um beiden Seiten meines Ichs gerecht zu werden und im Begegnen meiner bzw. Vaters Wurzeln meinem Selbst wieder ein Stück näherzukommen. «Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.»4

Noch gut zwei Stunden Fahrt Richtung MATERA, dieser Felsenstadt im Süden ITALIENS, so reich an Geschichte, eingegraben in einer Landschaft ausserhalb der Zeit. Auch POMARICO, das Dorf meines Vaters, in unmittelbarer Nähe dieser Stadt atmet den hier herrschenden Geist und hat damit über meinen Vater einiges auf mich übertragen. Früher sagte man mir immer wieder, dass man nur hierherkomme, wenn man einen Grund habe. Ab und zu habe sich aber zumindest etwas Post hierher verirrt, denn POMARICO trägt die gleiche Postleitzahl wie PARIS (genauer: das 16. Arrondissement).

EINE BESONDERE GRENZE

Grenzen finden in den Köpfen statt: Obwohl ich bereits mindestens 1000 km innerhalb ITALIENS Zug gefahren bin, gelange ich erst jetzt – zunächst geografisch bei EBOLI – an den Punkt, wo sich die zwei Seiten meines Ichs begegnen, reiben und stets neu finden. Hier treffen sich Geografie und Identität auf besondere Weise.

EBOLI ist zum Symbolort für eine ganze Region, insbesondere für die gleich folgende Region BASILICATA, geworden. «CHRISTUS KAM NUR BIS EBOLI», so lautet der Titel eines Klassikers italienischer Literatur und hat den kleinen Ort, etwa 100 km südlich von NAPOLI, weltberühmt gemacht. Hier, wo Eisenbahn und Strasse von der Küste SALERNOS Richtung Landesinneres abbiegen, beginnt der MEZZOGIORNO, der lange vergessene Süden ITALIENS, und endete für den Norden die Zivilisation. Darum wurde der Turiner CARLO LEVI, der Autor des Romans, 1935 wegen seines antifaschistischen Wirkens nach seiner Verhaftung in die BASILICATA verbannt. In der Isolation, zutiefst beeindruckt von der bitteren Armut und den Menschen, verarbeitet er die Eindrücke der für ihn so andersartig erscheinenden Gegend als eine in sich geschlossene Welt, verhaftet in Magie und Aberglauben, von Gott und der Welt vergessen. CHRISTUS sei ebenso wenig hierhergekommen – obwohl natürlich der Süden nach einer byzantinisch-oströmischen Episode zutiefst katholisch durchdrungen und das Pantheon der Heiligen bis heute stets erweitert worden ist (PADRE PIO lässt grüssen) – wie die Zeit: Wie im Mittelalter, ohne Sinn für die sich wandelnde Zeit, so lebten die Menschen hier. Keine individuelle Seele, wie sie gerade in ITALIEN seit der Renaissance erwacht, über Humanismus und Reformation in die Welt gedrungen ist, hat hier sich je entfaltet. Individualisten wandern aus.

«CHRISTEN»

Eines der Probleme des Südens war und ist aber vermutlich nicht einmal die wie auch immer geartete Rückständigkeit an sich, sondern die Tatsache, dass sich die Menschen hier das Fremdbild zu Eigen gemacht haben: «Wir sind keine Christen», werden sie bei LEVI zitiert, «CHRISTUS ist nur bis EBOLI gekommen» ist ein geflügeltes Wort. Die Lukaner – so nennt man die Menschen in der BASILICATA aus historischen Gründen – reden in ihren Dialekten vom Cristiano (vom Christen), wenn sie über einen Menschen oder eine bestimmte Person sprechen. Über die Jahrhunderte voller Eroberungen, Fremdherrschaft und Unterdrückung, politischer Fehlleistungen haben sich die Menschen, so LEVIS Beobachtung, aufgegeben. «Wir gelten nicht als Menschen, sondern als Tiere, als Lasttiere […], denn wir müssen uns der Welt der Christen jenseits unseres Horizontes unterwerfen […].» Dieses Reden ist Ausdruck eines jahrhundertelang gewachsenen, trostlosen Minderwertigkeitskomplexes, dem man sich erst seit wenigen Jahren, spätestens mit dem Wiedererblühen MATERAS im Blick auf den Titel der KULTURHAUPTSTADT 2019 mühsam zu entwinden sucht. Stolz und Selbstbewusstsein wachsen.

Nun kehrt einer jener Cristiani jenseits des Horizonts wieder in seine Heimat zurück. Mit einem kathartischen Schmunzeln lausche ich der Durchsage im Zug, die meine Ahnung, dass hier noch immer eine Grenze liegt, zu bestätigen scheint: «EBOLI. Attenzione: Passagiere, die hier aussteigen möchten, …» – man meint zu hören, dass es ohnehin kaum 10 sein werden – «… werden gebeten, sich in der Mitte des Zuges einzufinden, da der Bahnsteig kürzer als unser Zug ist.»

FAHREN UND SELBSTERFAHRUNG

Ich frage mich, ob ich darauf vorbereitet bin, was mich diesmal erwartet. Freude und Spannung halten sich die Waage. Ferien vom Ich sind nicht mein Ding; ich bin mir bewusst, dass ich mich auf Reisen immer selber mitnehme. Das merkt man bereits am übermässigen Volumen meines Gepäcks. Das langsame Ankommen per Zug gehört damit zum Prozess. Selbsterfahrung als CO2-freundliche Erfahrung ist mir wertvoller als passiver Sonnenkonsum am Strand in irgendeiner Umgebung, die mir eigentlich fremd, letztlich nicht zugänglich ist.

«Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu». – Mich macht aufmerksam, wenn ich Menschen reden höre: «In den Ferien konnte ich endlich wieder einmal ich selbst sein», «Ich konnte endlich wieder einmal etwas für mich tun». Fragt man nach, worin das denn besteht, verkürzt sich das Gespräch auf Erholung, mal wieder etwas tun, das Spass macht. Dergleichen lässt mich fragen, warum wir uns im Alltag beständig von dem entfernen, wer wir eigentlich sind. Was macht uns aus, leben wir unsere Leidenschaften und Talente? Warum lenken wir uns davon ab beziehungslasse lassen wir uns davon ablenken oder gar abhalten – gerade in der Freizeit? Heute spricht doch alles von Selbstverantwortung, und noch nie wären wir theoretisch so frei. Ja sogar Freizeit steht angesichts des einst dafür gelobten Fortschritts in so reicher Fülle zur Verfügung. Man will etwas erleben oder abschalten. Beides ist zwar legitim und wie für alles sollte für beide Anliegen eine Zeit sein. Wo aber bleibt das Ich zwischen Er-Leben und Abschalten?

Nun haben auch die Touristen das Ferienmachen in der BASILICATA entdeckt. Früher waren die Turisti die regelmässig zurückkehrenden Auswanderer mit ihren Familien. Nolens volens war auch ich dabei. Unterdessen habe ich die Gegend liebgewonnen und verstehe ein anderes Sprichwort, wonach man weint, wenn man ankommt und weint, wenn man diese wunderschöne Gegend mit all ihren Vorzügen wieder verlässt. Mittlerweilen habe ich zu Hause schon Heimweh.

CHRISTUS UND DER FORTSCHRITT

Natürlich trifft man unterdessen auch in der BASILICATA die Moderne, eine zukunftsorientierte Generation und Gesellschaft an. In einem Dokumentarfilm über die BASILICATA sagt ein Orangenbauer aus TURSI nachdenklich: «Nun ist dieser Fortschritt auch bei uns angekommen.»6 Mit dem Durchbrechen einer archaischen zyklischen Zeitvorstellung wird auch hier Fortschritt möglich: Die Zeit wird linear, plötzlich kommt damit CHRISTUS doch noch an – säkular, aber dafür umso vehementer, indem etwa Traditionen schneller als anderswo zerbrechen. Ich habe verstanden, was der Bauer meint, als ich auf einem Hügel stand und in die Weite dieser biblisch anmutenden Landschaft, die für viele Monumentalfilme schon Kulisse war, blickte: Genauso müssen es Menschen schon vor Jahrhunderten gesehen haben. Die Gegend lässt einen nicht unberührt; plötzlich erwischt man sich bei existenziellen Gedanken und wird auf sein eigenes Menschsein zurückgeworfen. Fortschritt hin oder her: Die Welt in dieser Gegend ist einfach anders als die hektische, in die ich hineingeboren bin.

Es ist die Jugend meiner Grossmutter, die LEVI beschreibt. Noch heute mache ich mir Gedanken darüber, was davon sie meinem Vater, einem jener Individualisten, der etwas aus sich gemacht hat, und er mir direkt oder indirekt weitergegeben hat. Mir, der ich in der SCHWEIZ geboren und sozialisiert, reformiert (nach meiner Mutter) getauft und erzogen worden bin.

DER PREIS DES AUFBRUCHS

Mein Vater musste auswandern, vordergründig natürlich, um Arbeit zu finden, letztlich aber auch, um seine Individualität leben zu können. Der Preis war hoch und der Schmerz der Trennung von Heimat und Mutter wurde wie bei vielen Italienerinnen und Italiener seiner Zeit in der verwundeten Seele durch das Aufrechterhalten eines Rückkehrmythos unterdrückt.

Die Reformatoren haben uns an unsere Selbstverantwortung erinnert und uns zur Individualität ermutigt. Doch unterdessen haben wir begonnen, uns CHRISTUS zu entledigen, der Fortschritt wird ökonomisiert. «Etwas aus sich machen» wird gerne und breit anerkannt in ökonomischer Dimension verstanden. Verloren gehen andere Aspekte, kreative im eigentlichen Sinn, die unser Menschsein ausmachen.

«Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu»: Das so betrachtete Zitat von HORVÀTH drückt die bittere Ahnung eines ungelebten Lebens aus. Was ist der Preis dafür, wenn eine Gesellschaft aus Individuen besteht, die – sofern sie noch darüber nachdenken und sich nicht aufgegeben haben – beständig den Rückkehrmythos zu einem Leben jenseits des nicht mehr nur selbstbestimmten Alltags aufrechterhalten? Was tun wir, um nicht zu jenen Tieren zu werden, die sich nur noch dienend und zunehmend ohne Sinn arbeitend für die fremden Herren hinter dem Horizont bücken? CHRISTUS ist in unseren Gegenden auf dem Rückzug, die Säkularisierung schreitet voran – können wir uns wahrhaft noch Cristiani nennen?

Ein Ereignis mit Seltenheitswert: Im Januar 2019 wurde POMARICO dick eingeschneit.

(Foto: MICHAEL MENTE)

CASTELMEZZANO – ein malerisches Städtchen in den LUKANISCHEN DOLOMITEN. Ihm gegenüber liegt PIETRAPERTOSA. (Foto: PETER AMANN)

Ankommen – Suchen – Staunen

Einblicke: Das unsichtbare Herz Süditaliens

«Quo vadis?» – Das faltige Gesicht einer alten Landschaft voller Kontraste

Auf ein Wort: Lucania oder Basilicata?

Das Wappen der BASILICATA besteht aus einem sogenannten samnitischen Schild (damit ist die Form gemeint) mit vier blauen Wellen auf silbrigem Grund. Diese repräsentieren die wichtigsten lukanischen Flüsse: BRADANO, BASENTO, AGRI und SINNI. (Foto: WIKIPEDIA/User: FLANKER;

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Basilicata.svg)

Die BASILICATA hat viele Gesichter. Gesichter wiederum finden sich sogar in Häusern: Auch dafür ist ALIANO bekannt. Einige Häuser in diesem schmucken Dörfchen weisen eine Hauptfassade auf, die an ein Gesicht erinnert. Das Antlitz soll Unheil abwenden. (Foto: PETER AMANN)

TURSI.

(Foto: MARIO BRUNO LICCESE)

Die TAVOLE PALATINE in META-PONTO sind die Reste eines der Göttin HERA geweihten Tempels (6. Jh. vor Chr.). Eines der sichtbarsten Zeugnisse für die griechische Vergangenheit(en) der Region. Dass in META-PONTO sogar die Werkzeuge für den Bau des Trojanischen Pferdes aufbewahrt gewesen sein sollen und PYTHAGORAS hier gewandelt ist – vieles aus einer grossen Vergangenheit lässt sich hier erzählen. (Foto: PETER AMANN)

Wenn wir schon in METAPONTO sind: Zu den Ferien gehört auch ein Besuch am Meer. (Foto: PETER AMANN)

Oder wer es abenteuerlicher mag und Nerven wie Drahtseile hat: Nachdem man das malerische Dorf PIETRAPERTOSA nach unzähligen Kurven in den LUKANISCHEN DOLOMITEN erreicht und bestaunt hat, kann man das Dorf CASTELMEZZANO auf der anderen Seite des Tals auch gleich besuchen. Man «fliegt» am besten hin und wieder zurück; «Volo dell’Angelo» nennt sich das touristisch innovative Unterfangen.

(Foto: PETER AMANN)

Neugierig? Hier weitere Infos:

www.volodellangelo.com.

Einblicke: Das unsichtbare Herz Süditaliens

Der Film beginnt monumental: Langsam dreht sich der Globus, und wie die Ansicht mit AFRIKA und EUROPA ins Blickfeld kommt, hört man eine Stimme: «Buongiorno, ich bin Gott.» – Hoppla! – War ja klar: Nachdem CHRISTUS angeblich nur bis EBOLI gekommen ist, musste sich irgendwann ja einmal sein Vater melden, um nach dem Rechten zu sehen. Mit getragener, aber eindeutig dialektal gefärbter Stimme richtet er aber zunächst einen Appell an die Menschheit; in etwa: «Macht euch auf die Suche nach einer Leidenschaft, eignet sie euch an und folgt ihr innig bis in alle Tiefe nach.»

«COAST TO COAST»: EIN ZOOM INS NICHTS

Während Gott im Intro dieses Films so spricht, zoomt die Kamera langsam auf den Süden des italienischen Stiefels zu, und man bemerkt bald, dass in dessen «Fusssohle» ein ganzes Stück fehlt! Ein hellblaues Meer zwischen KAMPANIEN, KALABRIEN und APULIEN, ein Nichts.

Doch halt! Hier bricht Gott nach den gehaltvollen Worten – man meint, über den Sinn des Lebens – plötzlich ab. Der Sprecher fällt aus seiner Rolle, es ist nicht mehr Gott, der uns nun fast leidenschaftlich seinen Frust spüren lässt: «Na gut, mit diesem Akzent bin ich nicht sonderlich glaubwürdig in meiner Rolle als Gott. – Dieser süditalienische Akzent, man weiss ja nicht einmal, was für ein Süden (meridione) das sein soll.» Was «Gott» ursprünglich zu sagen hatte, bleibt im Dunkeln. Das Folgende aber klingt wie ein Geständnis des Sprechers, das zu einem Manifest wird: «Also, dann sage ich es. Ich bin in der BASILICATA geboren. Ja, die BASILICATA existiert!» – Während das musikalische Intro weiterspielt, kommt die 21 Meter hohe CHRISTUS-Statue von MARATEA ins Blickfeld. IL REDENTORE: der Erlöser. CHRISTUS ist also doch da.7

Ironie kann offenbar erlösend wirken. Die Musiker, die in diesem amüsanten Roadmovie «BASILICATA COAST TO COAST» zu Fuss von MARATEA bis SCANZANO JONICO durch die BASILICATA wandern, spielen durch ihre Lieder ironisch mit der schon fast stereotypen Unsichtbarkeit dieser Region und zeigen in der Story, dass es in diesem vermeintlichen Nichts viel zu entdecken gibt, letztlich sogar sich selbst – jede der Filmfiguren auf ihre Weise. Und so ironisch wie der Film begonnen hat, hört er im Lied zum Schluss wieder auf: «Dass CHRISTUS nur bis EBOLI gekommen ist, ist nicht unsere Schuld.» Man möge ihn und man habe ihm schliesslich wie zu einem Neujahrsfest alles vorbereitet – und man habe es auch alleine geschafft.8

EINE SACHE DES GLAUBENS

Die BASILICATA existiert und ist zum geschätzten Reiseziel geworden. CHRISTUS hat mühsamere Reisen meines Wissens nicht gescheut. Er wusste wohl einfach bis anhin nichts von diesem Ort. Wie sagt der Sprecher im Film-Intro? «DIE BASILICATA – das ist in etwa so wie die Sache mit Gott: Man muss daran glauben. Ich glaube daran. Ich habe sie gesehen.»

Ich auch. Vielleicht habe ich mit dem schreibenden Reisen Gottes Appell zur Suche nach einer Leidenschaft bereits gehört, bevor ich diesem Film begegnet bin. Und vielleicht freut sich Gott ja auch ein wenig darüber, dass CHRISTUS da unten auf seiner Erde gerade ein Stück von ihm erschaffenes Land durchwandert, das so lange unsichtbar geblieben ist.

Doch man muss sehen wollen. – 2016 habe ich unter brütender Sonne auf der Landstrasse von POMARICO nach BERNALDA, nachdem ich die Ruinen von POMARICO VECCHIO besucht und wilden Thymian mit meinen Begleitern am Waldrand gesammelt habe, Marc angetroffen: Dieser sympathische Belgier wanderte mit seinem Gepäck-Rolli zu Fuss durch ganz Italien und machte wohl die beneidenswert tiefsten Erfahrungen auf diesem Weg und diese Weise.

LASST JEDE HOFFNUNG FAHREN …

Lässt man sich auf die Menschen ein, wird man mit dankbarer Herzlichkeit begrüsst. Aber ebenso begegnet man einem auch immer wieder mit Kopfschütteln: Mir schlägt auch heute noch von den Einheimischen ab und zu Verwunderung entgegen – mittlerweile weniger darüber, dass ich so oft herreise, aber darüber, dass ich sogar den öffentlichen Verkehr auch für die Bewegung innerhalb des Landes trotz aller (vermeintlichen) Strapazen nicht scheue. Es hält sich in den Köpfen hartnäckig und wird sarkastisch wiederholt: Man ist hier abgelegen und vergessen. Ein Reiseführer trifft es auf den Punkt: Frau MORESE erzählt, dass ihre Freunde aus MATERA sogar die Worte am Tor zur Hölle aus DANTES «DIVINA COMEDIA» zitieren, als sie von ihrem Vorhaben erzählt hat, die Gegend per Bus erkunden zu wollen. «Perdete ogni speranza o voi che entrate.» – «Lasst, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren.»9

Zumindest die Anreise ist seit meiner Kindheit um einiges leichter geworden. Für die Fortbewegung im Landesinneren braucht es auch heute bisweilen eine grosse Portion innerer Flexibilität, etwas Geduld, und es wird viel Wissen vorausgesetzt um Haltestellen, Fahrpläne und andere Geheimnisse wie das individuelle Verhältnis eines bestimmten Buschauffeurs zum Fahrplan, Standorte und Öffnungszeiten von Verkaufsstellen.

Anreise:

Die Bahnanbindungen sind um einiges besser geworden und sind – aus der SCHWEIZ etwa – mittlerweile auch im Tagessprung zu schaffen. Die wichtigsten Einfallstore vom Norden her kommend sind BARI und NAPOLI. Von BARI führt die Schmalspurstrecke der FERROVIE APPULO LUCANE FAL nach MATERA. POTENZA kann auch etwa von FOGGIA aus erreicht werden. NAPOLI ist sehr komfortabel mit Hochgeschwindigkeitszügen erschlossen (FRECCIAROSSA von TRENI-TALIA oder ITALO der gleichnamigen Firma), wovon derzeit FRECCIAROSSA-Verbindungen von MILANO her kommend sogar bis TARANTO (Halt in FERRANDINA-MIGLIONICO-POMARICO bzw. neu FERRANDINA SCALO MATERA) durchgebunden sind. Intercity- und Regionalzüge führen über die Strecken NAPOLI-SALERNO-BATTIPAGLIA-POTENZA-GRASSANO-FERRANDINA-METAPONTO-TARANTO ins Herz des Südens. Neuerdings bieten die grossen Bahnen auch sogenannte LINKS an: Busse mit direktem Anschluss auf die Hochgeschwindigkeitszüge direkt nach MATERA. Einige nationale und internationale Busunternehmen führen ebenfalls in die Gegend (etwa AUTOLINEEMARINO, MANIERI LINES, VENTRE, MICCOLIS, CENTRO SUD AUTOLINEE, FLIXBUS). – Die BASILICATA verfügt über keine grösseren Flughäfen (PISTICCI ist erst für kleine Touristenflieger aktiv). Man reist am besten über BARI (BARI-PALESE, gen. KAROL WOJTYLA) oder BRINDISI (BRINDISI-CASALE, gen. AEROPORTO DEL SALENTO), unter Umständen auch NAPOLI (NAPOLI-CAPODICHINO); LAMEZIA TERME ist etwas weit entfernt. Einige Shuttle-Busse führen vom Flughafen BARI nach MATERA weiter. Bewegen im Land: Neben der wenigen Eisenbahnstrecken am besten per Mietauto. Sonst stehen verschiedene Bus-Unternehmen zur Verfügung, und hier gilt: Fragen …

Dass Bahnhöfe nicht da sind, wo man eigentlich hinwill, ist im Süden verbreitet. Die letzten Kilometer sind dann halt in der Regel doch per Bus oder Auto zu machen. (Wer kein Auto hat, lebt hier ohnehin nicht; das ist fast sprichwörtlich.) In unserer Gegend etwa liegen die Dörfer alle auf Hügeln und teilen sich in der Ebene des Flusses BASENTO einen Bahnhof: FERRANDINA-MIGLIONICO-POMARICO. Der Bahnhof heisst neu übrigens FERRANDINA SCALO MATERA. Dass die Felsenstadt noch eine halbe Autostunde entfernt liegt, muss man wissen …

Mag sein, dass man vergleichsweise mühsamer reist. Doch die gewidmete Zeit hilft vielleicht, sich wirklich einzulassen und sein Herz zu öffnen für tiefe Wahrnehmungen und Eindrücke, die einen nicht mehr loslassen werden, Auszeit vom allzu zielstrebigen Denken, um Land und Leute viel direkter im verwurzelten Rhythmus kennenzulernen. Kurz: Wer sich in einen Raum begibt, der lange ausserhalb der Zeit zu existieren schien, sollte auch die Zeit aufbringen und sich auf den lokalen Herzschlag einlassen.

TEIL DER ANDEREN

Mir ist im Zug auf dem Weg zur Arbeit einmal ein Reiseprospekt aufgefallen, der ein asiatisches Sprichwort auf der Front trägt: «Es ist besser, etwas einmal selbst zu sehen, als tausendmal davon zu hören.» – Kling banal, ist es aber nicht, wenn man von einem Land erzählt, das kaum gesehen wird. Ich wage zu behaupten: In die BASILICATA kommt niemand zufällig. Wer die Reise auf sich nimmt, trifft eine bewusste Entscheidung und lässt sich auf damit verbundene Erfahrungen ein, weil er davon gehört hat. – Die andere Realität: «BASILICATA? Wo ist denn das? – Nie gehört.»

Obschon MATERA selbst unterdessen bekannter geworden ist, ist die Region noch immer etwas abseits des landläufigen Bewusstseins, und immer wieder werde ich gefragt, wohin ich jeweils reise, woher mein Vater stammt. – Die Unsichtbarkeit des Landes hat mich ein Leben lang begleitet. Wie oft musste meine Antwort reichen, wenn man nicht von vornherein nach SIZILIEN verortet worden ist: «in der Nähe von BARI». – BARI oder NAPOLI, das sind die Referenzpunkte, dabei liegen dazwischen doch Welten; «links neben APULIEN» geht meist auch noch. In der Beschreibung wird man sich immer wieder bewusst: Die BASILICATA mit seinen zwei Provinzen MATERA und POTENZA hat kein ausserhalb bekanntes Zentrum, mit dem man sich wie die Toskaner, Neapolitaner oder Römer brüstet – oder besser: keines mehr, denn das war nicht immer so. Fragen Sie FRIEDRICH II., der in diesem Gebiet ein blühendes Königreich mit seiner Sommerresidenz in MELFI unterhalten hatte.

Reisen nach APULIEN boomen, und nicht selten sieht man auf Prospekten für Rundreisen durch den «Absatz» einen Zacken auf der gezeichneten Route, der für einen Tag nach MATERA führt. Der Rest ist kaum von Interesse. MATERA scheint überhaupt von APULIEN etwas vereinnahmt zu werden, was sich positiv zumindest in einem lange ersehnten Ausbau der Strasse, ja sogar der Eisenbahnlinie nach BARI äussert. Politisch war das vor gut 1000 Jahren schon einmal der Fall, MATERA war (bis 1663) Teil des Territoriums OTRANTO in APULIEN. Und sogar aktuell geistern immer wieder Vorschläge für Gebietsreformen (sogenannte Makro-Regionen) in Italien herum, in welchen die BASILICATA aufgetrennt würde: Die Provinz MATERA mit APULIEN vereint, während das POTENTINO um POTENZA KALABRIEN zugeschlagen würde.

Für viele eine schreckliche Vorstellung; erst wenige Generationen der hier lebenden Menschen erlernen gerade ihre Identität, war das Gebiet doch in seiner Geschichte bis jüngst vor allem Teil der Geschichte anderer. Spätestens an dieser Stelle stellt sich doch die Frage: Was definiert einen aus sich selbst? Fremdbestimmung und starker Einfluss von den Rändern, kleinräumige Unterschiede und bisweilen auch Konkurrenz der beiden Zentren, wenn es um die Aufmerksamkeit von aussen geht. – So etwas wie eine lukanische Identität zu proklamieren, scheint schwierig.

VOLK OHNE NAMEN?

Und das fängt beim Namen für die Region an: LUKANIEN oder BASILICATA? Nach heutigem Sprachgebrauch, wonach man das Gebiet seit 1932 und nach kurzem (lukanischen) Intermezzo unter MUSSOLINI (wieder) BASILICATA nennt, würden die Menschen, die dort leben, ebenfalls unsichtbar sein: Es gibt im Italienischen kein Adjektiv zum Namen BASILICATA und niemand würde die Menschen als Basilicatesi, Basilichesi oder sonst etwas in der Art bezeichnen. Man nennt sich hier Lucani – Lukaner. Die alte Bezeichnung LUKANIEN für das Land wird sehr gern gehört; auch wenn historisch nicht das exakt gleiche wie das heutige Gebiet gemeint ist. Aber was spielt das im Alltag schon für eine Rolle. Das Leben hatte hier schon genug bittere Seiten, und wenn man das einmal zum Vorteil nutzen kann, dann wird aus dem berühmtesten der hiesigen Kräuterliköre eben ein AMARO LUCANO. Etwas anderes käme nicht in Frage. – Sprache formt die Wirklichkeit; ich habe hier immer ein Minimum an Selbstbewusstsein vermutet, indem man sich auf ein postuliertes antikes «Volk» beruft, das letzte, das den Römern noch Widerstand geleistet hat. Im Nachhinein betrachtet würde ich der Geschichte sogar recht geben: Die Lukaner sind aus einer Mischung der damaligen Völker und Stämme entstanden – letztlich also das, was die BASILICATA bis heute ausmacht, etwas Eigenes aus dem, was sich von rundherum auf diesem Boden zusammenfindet.

GRENZEN FINDEN IN DEN KÖPFEN STATT

Heute ist das zwar besser geworden, aber ich erinnere mich, wie oft ich auf der Suche nach Reiseführern, Literatur über die Küche und ihre Spezialitäten, die Weine und das Olivenöl diverse Publikationen gefunden habe, welche über die Nachbarsregionen und auch über die BASILICATA sprechen. In der jüngsten Geschichte kommt es mir vor, als ob Gerichte in der geschäftstüchtigeren Nachbarschaft als deren eigene gewissermassen unter den Nagel gerissen worden sind. Die Orecchiette con le (cime di) rape in APULIEN sind so ein Fall. Die apulische Nonna, welche das Rezept für die eingemachten Lampascioni gemäss Etikett auf den Gläsern in BARI geliefert haben soll, könnte ebenso gut meine gewesen sein (welche diese Kunst, nebenbei, von Hand und ohne E- und andere Zusatzstoffe, bestens beherrschte und nie anderswo als in POMARICO gelebt hatte). Wunderbare Cicorie kocht man dies- und jenseits gleichermassen. Rezepte, Traditionen, nicht einmal Dialekte enden an den Grenzen.

Die BASILICATA hat zwar sehr viele, zum Teil sehr kleinräumige Dialekte, ist aber sehr dünn besiedelt. Auf den gut 10 000 km2 leben etwa 570 000 Menschen – und wohl ebenso viele auswärts. LUKANIEN ist also überall. Schon immer wanderten hier Menschen aus und vor allem durch; schon in frühester Menschheitsgeschichte: Vor etwa 130 000 Jahren fiel bei ALTAMURA ein Mann in eine Grotte, sein Skelett wurde 1993 entdeckt. Es ist ein Zufall der Geschichte, dass ALTAMURA heute in APULIEN liegt, während das nur wenige Kilometer entfernte MATERA zur BASILICATA gehört. Der damalige Homo sapiens war auf der Ebene der MURGIA unterwegs. Und so wenig wie er damals kann ein heute hier ankommender Tourist in der Landschaft eine sichtbare (Kultur-)Grenze ausmachen – gutes (und sehr ähnliches) Brot gibt es heute auf beiden Seiten der Marke.

Und was sich ebenfalls nicht an – politische – Grenzen hält, ist das Wetter. Die Unsichtbarkeit LUKANIENS auf nationaler Ebene ist in Sachen Wetterbericht sprichwörtlich geworden. Was haben sich meine Verwandten und Bekannten jahrelang darüber aufgeregt, als es den nationalen Medien nicht in den Sinn gekommen war, dass auch die BASILICATA ein Wetter und damit Anspruch auf eine Prognose hat. Es kann auch heute noch vorkommen, dass man kurz aufhorcht und den Kopf schüttelt. «Und wir?» Betrifft die Wolke über APULIEN auch die BASILICATA? – Ja, die Medien trugen zur Unsichtbarkeit der BASILICATA auch auf nationaler Ebene bei, wo schon ein Fussballverein von grösserer Bedeutung fehlt. Für den Rest ITALIENS blieb das Land bestenfalls als jenes bekannt, das vor allem aus Grossgrundbesitz, Viehherden und Bauerndörfern bestand, ein Land, aus dem man auswandert. «Lì non c’è niente» – «Da gibt es nichts, hörte ich von norditalienischen Touristen, die ich im Ausland angetroffen und gefragt habe, warum sie nicht im eigenen Süden Ferien machen wollen.

Doch, auch die BASILICATA hat ein Wetter. Und wie KAMPANIEN, KALABRIEN und APULIEN brütet man unter der gleichen Sonne und wird mit wundervollen Sonnenuntergängen und einem bisweilen gross erscheinenden Mond beschenkt. Wer in die BASILICATA reist, muss aber damit rechnen, dass es auch dort einmal regnet; das kann sintflutartig und sehr lokal geschehen. Insofern durchfährt man von einem trockenen Abschnitt in eine Regenfront schon bemerkenswerte Grenzen, aber die bestimmt PETRUS. Gott hat anderes zu tun, Sie erinnern sich.

DAS HERZ DES SÜDENS

Zurück zu Gott. Wie sagt der Sänger im Intro des Films? «Es ist etwas wie die Sache mit Gott; entweder du glaubst daran oder nicht. Ich glaube an die BASILICATA. Ich habe sie gesehen.»

Da, wo dieses «Loch» auf der Karte im Film «BASILICATA COAST TO COAST» ist, liegt ein Stück Land, das zu über 90 Prozent aus Bergen, Hügeln und Schluchten besteht und zwischen zwei Meeren liegt. Kaum nur ein imaginiertes Irgendwo. – Und ich wage zu behaupten, es ist angesichts der Tatsache, dass der Landstrich so lange abseits der Aufmerksamkeit, insbesondere der grossen Touristenströme, gestanden hat, eine der ursprünglichsten und schönsten Gegenden ITALIENS ist, die den Süden auf ganz besondere Weise repräsentiert. Man findet alles, was das offene Herz ersehnt: Eine archaische Atmosphäre unter hohem Himmel, grosse landschaftlichen Weiten, Strände, Naturpärke wie der grösste ITALIENS auf dem POLLINO, aber auch Berge wie im Norden – etwa die DOLOMITEN LUKANIENS mit den malerischen Städtchen PIETRAPERTOSA und CASTELMEZZANO. Der Maler findet gelbe Kornfelder, wandernde und weidende Schafe zuhauf, Kühe wie die berühmten Mucche Podoliche, schwarze Schweine, die neben dem gelb blühenden Finocchietto weiden, beides Zutaten der berühmtesten Fleischexporte. Wir finden wilde Natur mit vielfältiger Vegetation, dichte Wälder, klare Flüsse, Bäche und Seen, aber auch schroffe Kalkfelsen, im MATERANO die MURGIA, in unserer Gegend die Calanchi, jene furchigen Lehmdünen an den Hügelflanken. Eindrücklich und zu Hauf sind jene kleinen und mittelgrossen mittelalterlichen Dörfer, die sich auf den Gipfeln der Anhöhen festklammern, darunter einige, die nur auf geradezu abenteuerlichen Wegen zu erreichen sind. Es leben hier Menschen unterschiedlichsten Schlags – ich wage keine Charakterbeschreibung über alle hinweg, auch wenn man immer wieder hört, man sei hier bescheiden, fleissig und etwas stiller als etwa die Neapolitaner; vielleicht ist man über die Jahrhunderte etwas fügsamer geworden und tut einfach ohne Murren, was getan werden muss, – Rebellion muss nicht immer laut erfolgen. Was ich aber unbedingt unterstreichen möchte: Die Familie wird hier hochgehalten, früher war es auch die Nachbarschaft. Fremde erfahren eine herzliche Gastfreundschaft und sollten nicht nur ein offenes Herz, sondern auch einen elastischen Magen mitbringen.

IDENTITÄT IST KOPFSACHE

Wir befinden uns hier im Herz des Südens. Das Land hat aufgrund seiner geografischen Kreuzungslage selbstverständlich viel mit seinen Nachbarn gemeinsam, und vermutlich ist es gerade die Mischung, welche dieses kulturelle Labor im Herzen des Südens so einzigartig macht. Und diesen Schatz eines authentischen Teil Italiens gilt es zu betonen.

«Dass Christus nur bis EBOLI gekommen ist, ist nicht unsere Schuld.» – Man schätzt zwar CARLO LEVI noch heute, doch bekundet man die Mühe mit dem daraus erwachsenen Minderwertigkeitsmythos offener. LEVI liebte die Menschen, die er hier angetroffen hat. Er würde sich im Grab umdrehen angesichts dessen, was über Jahrzehnte aus seinem berühmtesten Satz gemacht worden ist. Er hat diese Welt der Bauern beschrieben und diese kannte die Rückständigkeit nicht. Ein Kreis hat weder Anfang noch Ende; Fortschritt ist Sache und Blick der Cristiani. «Come dice LEVI», wie LEVI sagt – das Zitat und das Zitat des Zitates wurden zu einem fatalistischen Mantra über die chronische Rückständigkeit und Armut eines Landes, das die Bewohnerinnen und Bewohner leider nur allzu oft selbst wiederholen. Schluss damit: Identität ist Kopfsache!

Und so ist in vielen Köpfen auch Selbstbewusstsein und ein Stolz auf ein Gebiet entstanden, das sich nicht nur über seine Ränder definiert und als ein Land gesehen wird, das um nichts zu beneiden ist, aus dem man auswandert und das nicht einmal eine (eigene) Mafia haben soll.10 Es gibt auch das moderne LUKANIEN, das Raum für Innovation bietet.11 MATERA ist nicht mehr nur Filmkulisse, sondern betreibt auch aktive Filmförderung und belebt sich laufend mit immer neuen Festivals und Ideen. Kulturschätze werden zumindest in den Zentren bewusster geschützt und als Zeichen der eigenen Identität sichtbar gemacht.

Im Protest gegen die grossen Ölbarone flackert zeitweise sogar etwas von der alten Energie des Brigantenwesens – der Widerstand im jungen Italien des 19. Jahrhunderts gegen die als Willkür empfundene und nicht selten brutal durchgesetzte Staatsgewalt von aussen – durch. Auch wenn die Interessen zumindest auf politischer Ebene abzuwägen sind: Die Ölfirmen treten schliesslich auch als Sponsoren und Arbeitgeber auf. Viele Lukaner fühlen sich dennoch ein weiteres Mal ausgebeutet: Die Umweltverschmutzung ist das eine und gefährdet den gerade aufkeimenden Tourismus und die Grundlagen der im Abseits geschützten und im Zeitalter des Slow- und anderen Foods geschätzte genuine Ernährungsweise. Das andere ist die Beteiligung und sichtbare Investitionen für alle: Müssten die Lukaner nicht reicher sein, wenn ihr Öl 80 % der italienischen Produktion darstellen und ihre Vorräte als die reichsten EUROPAS gelten sollen?

Im Unterschied zu früher kann heute niemand mehr mit Blick von aussen kommen, in diesem unsichtbaren Land würden nur Rückständige, Analphabeten und Ignoranten leben. Auch ausgewanderte prominente Namen wie der immer wieder erwähnte Regisseur FRANCIS FORD COPPOLA werden heute bewusster mit ihren lukanischen Wurzeln in Verbindung gebracht.

Trotz allem: Es ist noch viel zu tun. Die BASILICATA lässt sich aber nicht mehr abhängen. Die Ankunft des Hochgeschwindigkeitszuges FRECCIAROSSA, der sich ab (NAPOLI–) SALERNO Richtung TARANTO schlängelt, war da 2016 ein Höhepunkt. Man darf weiter hoffen, dass nach Jahren des Bau-Stillstands auch der seit Urzeiten ersehnte Bahnanschluss MATERAS (von FERRANDINA über MIGLIONICO nach MATERA LA MARTELLA) ans italienische Normalspurnetz dereinst doch noch Realität wird.

Die Begegnung mit CARLO LEVI

Das Museum im PALAZZO LANFRANCHI in MATERA widmet ihm einen ganzen Flügel. In allen guten Buchhandlungen liegt selbst eine deutschsprachige Ausgabe des Romans auf, das Buch, das mir damals eine Welt eröffnet und irgendwann zum eigenen Schreiben animiert hatte. Ein Besuch in ALIANO lohnt sich allemal, als Gedenkstätte, aber auch als Beispiel für ein Dorf in der Provinz MATERA, das viel an Authentizität bewahrt hat. Verwandte von mir sagen, dass ALIANO sehr mit POMARICO, etwa auch in Bezug auf die Landschaft, die Calanchi im Besonderen, vergleichbar sei. In ALIANO kann man das Haus besichtigen, in welchem er seine Zeit in der Verbannung verbracht hatte, ein kleines Museum stellt Werke von ihm aus, überall erinnern Murales (Mauermalereien) an die Verbundenheit des Dorfes mit dem Mann, der hier ein Stück Menschheitsgeschichte angetroffen, respektvoll beschrieben und hier bei den Menschen, die er liebgewonnen hatte, begraben werden wollte. Auch das Grab auf dem Friedhof kann man frei besuchen.

Es ist übrigens eine sehr schöne Auto-Strecke durch das Hügelland nach ALIANO, abwechselnd Calanchi und Hügelzüge, die meilenweit mit Weizenfeldern überzogen sind. Ich habe mir während der Fahrt vorgestellt, wie LEVI damals reiste – ganz praktisch. Wie es sich anfühlte und was sich seither verändert hat. Spontan kam ich in der Gegenwart an, und da muss ich den Stimmen, welche aus LEVIS Buch jene Redewendung gemacht haben, doch zumindest in diesem Punkt Recht geben: Gegen das Gefühl des Abgehängt-Seins, vor allem was öffentlicher Verkehr und funktionierende öffentliche Dienste betrifft, kommt kaum jemand wirklich an. Aber das hat nichts mit Rückständigkeit der hiesigen Gegend zu tun, denn der Süden war einst – selbst zu Zeiten des Königreichs, als PIEMONT sich dessen bemächtigt hatte, – durchaus industrialisiert, wies mehr Eisenbahnen, eine funktionierende Bürokratie und andere moderne Errungenschaften auf. Heute gibt vielleich doch auch eher zu denken, dass der Norden unterdessen südlicher geworden ist …

« Quo vadis?» – Das faltige Gesicht einer alten Landschaft voller Kontraste

Wir fahren mit dem Zug von POTENZA her kommend in das BASENTO-Tal; GRASSANO, auf den Spuren CARLO LEVIS, der die Landschaft damals von hier auf dem Weg nach ALIANO um einiges langsamer als wir auf sich einwirken lassen konnte. Bald sind wir da, nächster Halt FERRANDINA. CHRISTUS sitzt mir gegenüber und blickt in die Ferne. Unser Blick folgt den vorbeiziehenden Hügelzügen, die das Tal säumen. Ungeordnete Gruppen von Häusern klammern sich auf den Kuppen und Spitzen. Etwas fällt hier als typische Landschaftserscheinung auf: Zu Füssen dieser alten Dörfer nagen Zeit, Wind und vor allem Regen an den lehmigen Flanken dieser Erhebungen. Die magischen Pinselstriche von Mutter Natur zeichnen faszinierende dünenartige Furchen, die parallel oder fächerartig, steil und tief zu Tal ziehen und trotz ihrer Dürre und höchstens spärlicher Vegetation faszinieren. Wer in der südöstlichen BASILICATA unterwegs ist, erblickt solcherart strukturierte Hügel entlang der Täler des AGRI, SAURO und eben des BASENTO: i calanchi.

CALANCHI – CHARAKTERISTISCHE FALTEN EINES ALTEN GESICHTS

Die Zeit scheint zwar über Jahre stillgestanden zu haben und doch ist die Natur leise in Bewegung: Die Geologen nennen das Phänomen der Calanchi, das heute viele Dörfer in Schwierigkeiten bringt, «Erosionsrinnen», WIKIPEDIA fasst es unter dem Begriff «Badlands» zusammen, «schlechtes Land».12 In der Tat, auf den ersten Blick sind die gefurchten Hänge unwirtlich, rau, gefährlich – der Berg rutscht – und auf den zweiten: dem Menschen nicht nützlich. Und doch ist es gerade der Mensch, welcher der Natur die Leinwand zur Gestaltung dieser trotz allem schönen Kunstwerke geboten hat. Denn wie die weiten Felder der mediterranen Macchia-Vegetation zeugen in vielen Fällen auch diese Furchen im Gesicht dieser alten Landschaft von der Geschichte: Intensive Abholzung von Wäldern seit der Antike haben die Böden instabil gemacht und ausgehungert. Darum die stete Erosion seit Jahrhunderten.

Furchen und Falten im Gesicht eines alten Menschen erzählen von seinem Leben und machen ihn auf ganz besondere Weise interessant, vielleicht auch schön. Solche Gesichter habe ich in meiner Jugend in der BASILICATA