Mathilda oder Irgendwer stirbt immer - Dora Heldt - E-Book + Hörbuch

Mathilda oder Irgendwer stirbt immer Hörbuch

Dora Heldt

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Beschreibung

Willkommen in Dettebüll! Mathilda liebt ihr Dorf Dettebüll in Nordfriesland, seine Einwohner und ihre Familie. Na ja, bis auf Ilse, ihre Mutter, vielleicht. Ilse ist – im Gegensatz zu Mathilda – eine Ausgeburt an Boshaftigkeit und Niedertracht. Veränderungen sind Mathilda ein Gräuel, und so kämpft sie seit vierzig Jahren um Harmonie in der Familie. Doch dann gerät Mathilda und mit ihr ganz Dettebüll in einen Strudel von Ereignissen, die den Frieden in ihrem Dorf gründlich aus den Angeln heben: Dubiose Männer in dunklen Anzügen interessieren sich plötzlich für die endlosen Wiesen von Dettebüll. Unruhe macht sich breit unter der Dorfbevölkerung. Und noch bevor Mathilda sich auf all das einen Reim machen kann, gibt es die erste Tote: Ilse kommt bei einem tragischen Unfall (unter Einwirkung von Tiefkühlkost) ums Leben. Und sie wird nicht die einzige Tote bleiben.

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Zeit:5 Std. 20 min

Sprecher:Katja Danowski

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Dora Heldt

Mathilda

oderIrgendwer stirbt immer

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

Für Rainer, der unbestritten der Klügste von uns ist

Prolog

Was für ein herrlicher Tag, dachte Mathilda glücklich, während George an den Baum neben Selmas Vorgarten pinkelte. Der Himmel über ihr war blau, die Sonne schien, und obwohl das Laub sich bereits bunt gefärbt hatte und die Luft schon nach Herbst roch, war heute nochmal ein richtig schöner Spätsommertag. Und das im Oktober. Das hatte sie sich nach den Aufregungen der letzten Monate wirklich verdient.

Mathilda sah sich zufrieden um und bewunderte die Blumenpracht in Selmas Garten. Die gelben Rosen vor dem Haus blühten noch immer, dazwischen leuchteten rote Astern, gelbe Dahlien und späte Sonnenblumen, die bis an das Reetdach reichten. Es sah aus wie auf einem Kalenderblatt für englische Gärten. Selma hatte einen grünen Daumen. Und viel Zeit. Und keine freilaufenden Gänse, die den Zaun zum Blumengarten überwinden konnten, so wie das Mathildas Gänse manchmal machten. Ihr Garten war nichts gegen diesen Blütentraum hier. Aber sie wollte sich nicht beklagen, um nichts auf der Welt würde sie ihren Hof tauschen.

»George«, sie rief nach ihrem Hund und setzte ihren Spaziergang langsam fort. Mathilda liebte die Hauptstraße durch ihr Dorf, die alten Kastanienbäume links und rechts rahmten die Allee, seit Mathilda denken konnte. Sie schlenderte an den vertrauten Häusern, Höfen und Gärten vorbei, ohne jemanden zu treffen. Die Straße war wie ausgestorben, eine friedliche Ruhe lag über dem Dorf, ab und an unterbrochen von Möwenschreien und dem Bellen eines Hundes. Niemand war in der Mittagszeit draußen, die Dorfbewohner machten Mittagsschlaf, lasen nach dem Essen endlich in Ruhe die Tageszeitung oder brachten ihre Küchen nach dem Kochen wieder in Ordnung. Langeweile hatte hier niemand.

Am Feuerwehrteich blieb Mathilda stehen, weil George plötzlich wie ein Irrer begann, um den Teich zu jagen, in dem drei Enten ihre Runden drehten. Zwei flogen davon, eine schwamm weiter, der Hund drehte fast durch und setzte seine Jagd fort. Er hatte noch nie eine erwischt, dafür war er zu ungeschickt, fand Mathilda. Und viel zu langsam. Trotzdem setzte sie sich einen Moment auf die Holzbank neben dem Teich und hielt kurz ihr Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne. Irgendwann würde George erschöpft aufgeben.

Manche Dinge regelten sich von selbst. Das hatte doch was Gutes. So wie dieser Tag heute. Sie saß in der Sonne, in ihrem wunderschönen Dorf, an einem wunderschönen Tag. Ihr Hund war zwar ein bisschen verrückt, dafür war ihr Sohn gerade frisch verliebt, ihre Tochter frisch getrennt, ihr Mann gut gelaunt und ihr Bruder wieder gesund. Das Dorf war friedlich, die Vögel zwitscherten, zwei Schmetterlinge flatterten um sie herum, Libellen tanzten über den Teich, die Ente schwamm immer noch im Kreis, und nachher würde Mathilda mit George nach Hause gehen, mit Gunnar eine schöne Tasse Kaffee trinken und den frisch gebackenen Käsekuchen essen.

Vorher wollte sie aber noch einen kleinen Abstecher in den Dorfgasthof machen, um da mal Guten Tag zu sagen. Und um zu hören, was es so Neues gab. Es gab meistens irgendetwas Neues. Man musste sich nur für die anderen Menschen und deren Leben interessieren. Und das tat sie. Weil sie alle mochte, die hier mit ihr in diesem Dorf lebten. Seit sie denken konnte. Mathilda schlug die Augen wieder auf und sah George an, der wie immer ohne Ente, dafür mit hängender Zunge, auf sie zu tappte. Sie beugte sich vor und streichelte seinen Kopf. »Mach dir nichts draus, George«, sagte sie tröstend. »Was willst du auch mit einer Ente? Komm, wir gehen weiter.«

Sie stand auf und sah sich um. Ihr Dorf, ihr schönes Leben. Sie war in diesem Moment sehr glücklich. Und so froh, dass die turbulenten letzten Monate endlich vorbei waren und nun alles wieder in den richtigen Bahnen lief.

1.

Einige Monate zuvorDonnerstag, 23. Mai

 

»George, aus!« Entschlossen griff Mathilda nach dem Halsband, um das hysterische Bellen des Hundes abzustellen. George fiepte und knurrte, Mathilda schob ihn energisch ins Wohnzimmer und schloss die Tür hinter ihm. Erst dann öffnete sie dem Briefträger. Oder besser, der Briefträgerin. Sie war neu, eine junge Frau, klein und etwas zu dick und die Nachfolgerin von Horst, der die letzten dreißig Jahre im Dorf die Post gebracht hatte. Ein schweres Erbe.

»Guten Morgen!« Mathilda stand in der offenen Tür und lächelte die Briefträgerin an. »Keine Sorge, George ist weggesperrt. Er ist immer etwas aufgeregt, wenn Fremde klingeln.«

Skeptisch sah die junge Frau an Mathilda vorbei, dann übergab sie ihr einen Stapel Post. »Wenn Sie einen größeren Briefkasten hätten, müsste ich nicht immer klingeln. In Ihren passt ja kaum was rein.«

»Horst hat hier immer seine Frühstückspause gemacht, er hat sowieso geklingelt«, erklärte Mathilda. »Möchten Sie eine Tasse Kaffee trinken? Ist ganz frisch.«

»Nein, danke.« Die Briefträgerin wandte sich schon wieder zum Gehen. »Dafür habe ich echt keine Zeit. Kümmern Sie sich doch bitte um einen neuen Briefkasten. Ich kann die Post ja schlecht vor die Tür legen. Schönen Tag noch.«

George überschlug sich fast beim Bellen, Mathilda sah der Frau nach, die zu ihrem Postauto ging. Was für eine unhöfliche Person. Sie passte mit ihrer pampigen Art überhaupt nicht in das Dorf. Hier ging man freundlich miteinander um und nahm sich zwischendurch auch mal Zeit, ein paar Neuigkeiten auszutauschen. Oder übers Wetter zu reden. Mit Horst war es so viel netter gewesen, die neue Briefträgerin musste wirklich noch viel lernen, bis sie ihn richtig ersetzen konnte.

Langsam schloss Mathilda die Haustür, ließ George aus dem Wohnzimmer und ging, die Post durchblätternd, in die Küche. Eine Rechnung der Genossenschaft, bei der sie ihr Tierfutter bestellten, der Katalog eines Gartenversands, die Werbung eines Reiseveranstalters und ihre wöchentliche Illustrierte. Mathilda lächelte und strich mit einem Finger über das Titelblatt, auf dem Prinz Harry sie ansah. Sie liebte das englische Königshaus. Und sie kannte sich aus, hatte doch ihre Leidenschaft für diese Familie schon bei der Trauung von Prinzessin Diana mit Charles begonnen. Seither trugen alle ihre Hunde Prinzennamen, wenn sie denn Rüden waren. George hatte vor zwei Jahren den verstorbenen William abgelöst, einen Berner Sennenhund, der mit fast vierzehn Jahren sanft entschlafen war. Es war nur folgerichtig, den neuen Spanielwelpen nach Williams Sohn zu benennen. Mathilda hoffte nur, dass der kleine Prinz nicht so laut war wie der immer noch kläffende Hund. Und nicht so dumm.

»George, jetzt ist aber mal Ruhe«, brüllte Mathilda unvermittelt in den Flur und war überrascht, dass es tatsächlich sofort still war. Der Hund tapste langsam in die Küche, blieb vor Mathilda stehen und sah sie verblüfft an.

»Platz, George«, sie zeigte auf seinen Korb und wartete, bis er sich hingelegt hatte. »Fein gemacht. Und Frauchen trinkt jetzt Kaffee und guckt, was es Neues bei den Royals gibt. Und danach fängt sie an, Kuchen zu backen. Du bleibst da liegen.«

Ihr Sohn Max hatte ihr zu Weihnachten dieses Zeitschriften-Abo geschenkt. Jetzt bekam sie ein Jahr lang jeden Donnerstag mit der Post eine wunderbare Zeitschrift mit wunderbaren Fotos und dem neuesten Klatsch und Tratsch aus den Königshäusern. Das hatte den Donnerstag sofort zu Mathildas Lieblingsvormittag gemacht. Zumal sie an diesem Tag morgens allein im Haus war. Ihre Mutter Ilse ließ sich donnerstags abwechselnd in der einen Woche zum Friseur und in der anderen zur Fußpflege fahren. Seit Gunnar in Rente war, übernahm er diese Fahrten. Mathilda genoss es sehr, an diesen Tagen in aller Ruhe mit den Royals Kaffee zu trinken.

Sie schenkte sich eine Tasse ein, setzte sich an den Küchentisch und schlug mit einem wohligen Seufzer die Zeitschrift auf. Sie hatte noch nicht einmal das Inhaltsverzeichnis gelesen, als sie jemanden ins Haus kommen hörte. Hier klingelte normalerweise niemand, die Haustüren waren nie abgeschlossen. Nur die neue Briefträgerin hatte das noch nicht begriffen. George hob träge den Kopf und ließ ihn gleich wieder sinken, er bellte nur bei Fremden. Mathilda ahnte, wer es war.

»Guten Morgen, Mathilda, du musst noch eine Torte backen.« Ihre Nachbarin, Irene Mommsen, stand mit einer Tortenhaube in der Hand schon in der Küche. »Wir haben zu wenig für das Sommerfest. Ich habe dir meine Tortenhaube mitgebracht, falls du keine mehr hast.«

»Noch eine?« Mathilda wartete, bis Irene ihr Mitbringsel auf die Spüle gestellt und Platz genommen hatte. Dann stand sie auf. »Möchtest du einen Kaffee?«

»Ja, gern«, Irene blätterte schon. »Also, ich mag diese Frau von Prinz Harry nicht. Ich finde die arrogant. Schauspielerin eben. Ich glaube ja, dass sie nur irgendeinen Prinzen heiraten wollte, und Harry ist ihr zufällig vor die Flinte gelaufen. Das kann doch nicht gut gehen.«

Mathilda mochte es gar nicht, dass jemand das Heft vor ihr durchblätterte. Es war ihr Heft, und sie wollte die Erste sein, die die Seiten umschlug. Ilse hatte es auch schon ein paar Mal gemacht, Mathilda hatte deshalb das Heft immer versteckt, wenn sie vormittags keine Zeit gehabt hatte, es als Erste zu lesen. Und jetzt blätterte Irene darin. Die sich auch noch bei jeder Seite den Zeigefinger mit Spucke befeuchtete. Mathilda stöhnte leise, und Irene sah hoch. »Was hast du gesagt?«

»Warum ich noch eine Torte backen muss?«

»Wir haben zu wenig. Und keiner hat Zeit.« Sie klappte die Zeitschrift zu und schob sie weg. »Und dann bist du mir eingefallen.«

Mathilda stellte die Kaffeetasse vor Irene ab und schob die Zeitschrift wie zufällig noch weiter zur Seite, bevor sie sich wieder setzte. »Aber ich hab schon zwei Kuchen gebacken – und jetzt auch noch eine Torte? Kann das nicht jemand anderes machen?«

»Ach, Mathilda«, Irene lächelte sie an, während sie Milch in die Tasse kippte. »Du hast doch Zeit. Machst du deine Friesentorte? Die kommt immer gut an. Und was gibt es sonst so Neues?«

Während Mathilda noch überlegte, ob sie etwas dazu sagen sollte, redete Irene schon weiter. »Hast du mitbekommen, dass Holger wieder zu Hause wohnt?«

»Welcher Holger?«

»Na, der Sohn von Christa und Hans, Holger Kruse. Seine Frau hat ihn rausgeschmissen. Das wundert mich nicht, Holger kommt wirklich nach seinem Vater. Hans hatte früher doch auch dauernd irgendwelche Techtelmechtel. Weißt du noch? Als der damals mit Hannelore nach dem Schützenfest in der alten Tenne vom Wagner rumgeknutscht hat? Und Christas Vater ihn erwischt hat? Der hat ihn vielleicht versohlt, Mann, Mann.« Irene kicherte schadenfroh, Mathilda sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dass ausgerechnet Irene sich darüber mokierte, war wirklich seltsam. »Irene, das ist Ewigkeiten her, da war Hans siebzehn. Und noch gar nicht mit Christa verheiratet.«

»Aber schon mit ihr zusammen«, entgegnete Irene sofort. »Wie der Vater, so der Sohn. Seine Frau hat Holger auf einer Geschäftsreise überrascht. Wie im Film: mit seiner Sekretärin.«

»Woher weißt du das denn?«

Irene zuckte die Achseln. »Das habe ich irgendwo gehört.«

Das war das Problem mit Irene. Sie hörte immer irgendwo irgendwas und sorgte zuverlässig dafür, dass es sofort die Runde machte. Vor einiger Zeit hatte sie Gunnar im Wartezimmer seines Hausarztes getroffen. Auf dem Rückweg war er noch Tanken gefahren und überrascht gewesen, als der Tankstellenbesitzer ihm beim Bezahlen gute Besserung gewünscht hatte. Irene war vor ihm da gewesen. Gunnar mochte sie nicht. Er hielt sie für eine neugierige, angeberische und sensationslüsterne Ziege. Mathilda musste sie immer verteidigen, das tat sie nicht, weil sie Irene mochte, sondern weil sie keinen Unfrieden in der Nachbarschaft wollte. Für Streit war das Dorf zu klein. Und Mathilda hatte ein großes Herz. Sie liebte Harmonie und Frieden.

»Armer Junge«, sagte sie jetzt und dachte, dass der kleine Holger Kruse damals mit den roten Haaren und den Sommersprossen sehr niedlich gewesen war. Er hatte sie immer ein bisschen an Prinz Harry erinnert. »Wer weiß schon, was da los war. Die Leute reden auch viel dummes Zeug.«

Irene hatte ihren Kaffee ausgetrunken und war aufgestanden. »Aber es ist immer was Wahres dran. So, ich muss los.« Sie wandte sich zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. »Kann es sein, dass Max eine neue Freundin hat? Ich meine, ich hätte ihn mit so einer Hübschen an der Hand gestern in Husum gesehen. Wir waren da einkaufen, Nils brauchte neue Schuhe.«

Warum wusste Irene eigentlich sämtliche Neuigkeiten immer früher als alle anderen?

»Das will er uns wohl in Ruhe erzählen. Er kommt ja demnächst, um die Schuppentür zu reparieren.« Mathilda sah Irene gelassen an. Ganz so, als würde sie die Tatsache, dass ihr Sohn endlich eine Freundin hatte, kaum interessieren. »Vielleicht bringt er sie ja mit.«

Irene war mit der Antwort zufrieden. »Die war ja so hübsch. Also dann, danke für den Kaffee und bis morgen.«

An der offenen Haustür stehend fiel Mathilda noch was ein. »Irene?«

»Ja?«

»Ich glaube nicht, dass sie arrogant ist. Das ist Unsicherheit. Und er liebt sie.«

»Wer? Wen?«

»Na, Prinz Harry seine Meghan.«

»Ah. Na ja. Tschüs, Mathilda.«

 

Mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Illustrierte beschloss Mathilda, sofort mit dem Backen anzufangen. Sonst würde sie das gar nicht alles schaffen. Sie hatte gerade beide Hände in der Teigmasse, als George kurz anschlug und zur Tür schoss. Als sie aus dem Küchenfenster sah, fuhr Gunnar den Wagen auf die Auffahrt. Mathilda knetete weiter. Gunnar stieg umständlich aus, ging um den Wagen und öffnete die Beifahrertür. Ilse würdigte ihren Schwiegersohn keines Blickes und schritt langsam zur Haustür, um energisch zu klingeln. Mathilda hielt inne, die Finger teigverklebt. Wieso benutzte sie eigentlich nie ihren Schlüssel? Es klingelte lange. Dann zweimal kurz, dann nochmal mit Nachdruck. George fing an zu bellen, während Gunnar noch am Auto stand. Mathilda schüttelte den Teig so gut es ging ab und griff zu einem Geschirrhandtuch, mit dem sie den Türgriff anfasste, es musste ja nicht alles eingesaut werden.

»Hast du geschlafen?« Ilse, frisch frisiert, guckte sie vorwurfsvoll an, bevor sie den Finger von der Klingel nahm. »Du blöder Hund, sei still!«

Sie ging an Mathilda vorbei, Mathilda sah sofort, dass die Laune im Keller war. Das merkte auch George, er wartete ab, bis Ilse an ihm vorbei war, bevor er sich wieder in seinen Korb verzog. Mathilda warf einen kurzen Blick nach draußen, ließ die Tür offen stehen und folgte ihrer Mutter. Die saß mittlerweile am Küchentisch und trommelte mit den Fingern auf der Platte. »Ich habe über eine Viertelstunde auf ihn gewartet«, sagte sie anklagend. »Wie eine Blöde vor dem Friseur. Nur weil dein Mann sich so vertrödelt hat.«

Mathilda befeuchtete ihre Hände und ließ sie wieder in den Kuchenteig sinken. Kneten beruhigte. Und Ilse war noch nicht fertig. »Der wird im Alter wirklich immer langsamer. Ich hatte ihm doch gesagt, dass ich um elf Uhr fertig bin. Und wann war er da, der feine Herr? Um Viertel nach. Und ich stand da. Unmöglich, wirklich.«

»Wieso hast du dich denn nicht noch so lange beim Friseur hingesetzt?« Mathilda knetete hingebungsvoll. »Die haben doch einen Wartebereich.«

»Sollen die Leute denken, dass ich im Salon abgeholt werden muss, weil ich zu senil bin und mich draußen verlaufe? Das fehlt ja wohl noch. Nein, der Herr kann vielleicht mal pünktlich sein, das wäre schon ein echter Fortschritt.«

»Möchtest du einen Kaffee?«

»Was backst du da eigentlich alles? Da ist doch schon ein Kuchen im Ofen.«

»Ja. Und dann mache ich noch eine Friesentorte. Für das Sommerfest morgen im Gemeindehaus, wir verkaufen wieder Kuchen für das Rote Kreuz.«

»Und wer bezahlt dir die Zutaten? Für drei Kuchen? Lass mich raten: Die bezahlen wir doch wieder. Da haben sie ja eine Blöde gefunden. Du kannst auch nie nein sagen.«

Mathilda rollte mit den Augen, ohne dass ihre Mutter das bemerkte. Es war immer dasselbe. Sie drehte sich erst um, als sie ihren Mann reinkommen hörte. »Hallo, Gunnar, hast du meine Blumen aus der Gärtnerei abgeholt?«

Gunnar lächelte. »Ich habe sie in die Garage gestellt.«

»Danke«, sie sah ihren Mann liebevoll an. Nächste Woche würde sie Ilse zur Fußpflege fahren, Gunnar brauchte dringend mal eine Pause. »Hat denn alles geklappt?«

»Nein«, blaffte Ilse dazwischen. »Er kam zu spät.«

Die Hände in den Hosentaschen stand Gunnar zwischen Ehefrau und Schwiegermutter und vermied es, Ilse anzusehen. »Die Frau in der Gärtnerei hat die zurückgestellten Pflanzen nicht gleich gefunden und musste erstmal ihren Chef fragen. Ich habe fast eine halbe Stunde warten müssen. Tut mir leid. Das riecht gut hier, nach Kaffee und Kuchen. Hast du noch einen Kaffee für mich?«

»Setz dich doch auf die Terrasse, Schatz«, Mathilda war fertig mit dem Teig und spülte ihre Hände ab. »Ich bringe dir den Kaffee raus.«

Dankbar verzog sich Gunnar, Ilse sah ihm mit hochgezogenen Augenbrauen nach. »Lässt er sich auch noch bedienen, der feine Herr?«

Mathilda nahm unbeeindruckt eine Tasse aus dem Schrank, erst dann drehte sie sich zu ihrer Mutter um. »Lass ihn doch einfach mal in Ruhe. Er konnte nichts dafür, dass die in der Gärtnerei die Blumen nicht gefunden haben. Ich hatte extra angerufen, damit sie mir die zurückstellen und es deshalb schneller geht.«

»War ja wohl nichts.« Ilse erhob sich umständlich. »Ich gehe jetzt rüber. Was gibt es zum Mittagessen?«

Mit einem erschrockenen Blick sah Mathilda auf die Uhr, es war schon halb zwölf. »Ach, ich kann Bratkartoffeln mit Spiegelei machen, viel mehr schaffe ich nicht, die Kuchen sind ja noch nicht fertig. Um eins gibt es Essen, ja?«

Ilse blieb entsetzt an der Küchentür stehen. »Um eins? Nein, ich muss um halb meine Tabletten nehmen. Also halb eins. Und mach nicht wieder so viele Zwiebeln rein, ich muss sonst dauernd aufstoßen.« Sie sah sich kurz um, dann beugte sie sich vor und nahm Mathildas Zeitschrift vom Tisch. »Die nehme ich mal mit.«

»Ich …«, begann Mathilda, aber Ilse wartete die Antwort gar nicht erst ab, die Haustür fiel schon hinter ihr zu.

»Ich habe sie doch noch gar nicht gelesen«, sagte Mathilda leise, dann goss sie ihrem Mann eine Tasse Kaffee ein und ging damit in den Garten.

 

»Du hast die Zwiebeln vergessen«, mit angewidertem Gesicht stocherte Ilse in den Bratkartoffeln. »Die Dinger schmecken nach nichts.«

»Du wolltest doch keine«, bemerkte Gunnar. »Du hast gesagt, du müsstest von Zwiebeln immer aufstoßen.«

Ilse ließ ihr Besteck fallen und lehnte sich abrupt zurück. »Mathilda, ich habe gesagt, wenig Zwiebeln, ich habe nicht gesagt, keine Zwiebeln. Kein Mensch macht Bratkartoffeln ohne.« Mit einem kurzen Blick auf ihren Schwiegersohn fügte sie hinzu: »Es sei denn, man isst das in Polen so.«

»Ich habe keine Ahnung, wie man in Polen Bratkartoffeln zubereitet«, antwortete Gunnar so ruhig, wie er konnte. »Ich war noch nie in Polen. Und ich glaube, das auch hin und wieder mal erwähnt zu haben.« Er tupfte sich langsam mit der Serviette den Mund ab, dann legte er sie neben seinen Teller und stand auf. »Mathilda, entschuldige, aber ich muss weiterstreichen, das trocknet sonst zu schnell an.«

Sie nickte. »Mach das, Lieber, lass den Teller ruhig stehen.«

Gunnar stellte ihn trotzdem in die Spüle, bevor er nach draußen ging. Eine Weile war Ruhe, dann hob Ilse den Kopf und sagte: »Wie in einer Pommesbude, jeder steht auf, wann er will. Manieren sind das. Wir sind doch nicht in …«

»Mutter, lass es bitte«, unterbrach Mathilda sie laut. »Ich will solche Sätze in meiner Küche nicht mehr hören. Und dein Gerede über Polen habe ich auch langsam richtig satt, hörst du? Keiner von uns war jemals dort, es ist bestimmt ein schönes Land, nur Gunnar, und das weißt du ganz genau, Gunnar ist in Bremen geboren. In Bremen. Nicht in Polen.«

»Aber seine Eltern sind Polen«, Ilse ließ ihr Besteck klirrend auf den Teller fallen. »Die ganze Sippe ist doch zugezogen.«

»Ostpreußen, Mutter. Seine Familie ist nach dem Krieg aus Ostpreußen gekommen. Damals. Es ist lange her.«

»Sag ich doch«, Ilse stand auf und sah sie mit schmalen Augen an. »Die ganze Sippe.«

Sie ging, und Mathilda stützte seufzend ihr Kinn auf die Faust. Ilse hatte immer das letzte Wort, bevor sie ihren beleidigten Abgang machte. Aber Mathilda war ein friedliebender Mensch. Ansonsten hätte sie schon lange Mordgedanken gehabt.

2.

Zur gleichen Zeit in Hamburg

 

Die Neonröhre über dem Tresen flackerte, bevor sie mit einem leisen »Ping« erlosch. Pit Petersen ließ den Lappen in die Spüle fallen und sah resigniert nach oben. Jetzt war es fast ganz dunkel in der Bar PP, es war die dritte Lampe, die an diesem Abend ausgefallen war. Heute war nicht sein Tag. Er streckte den Arm aus und tippte gegen die dunkle Röhre, sie blieb dunkel, war aber noch heiß. Pit fluchte und tauchte den Finger in das lauwarme Spülwasser. Was für ein Dreckstag.

»Ganz schön düster hier«, sagte plötzlich Hermann, der schon seit Stunden nahezu unbeweglich am Tresen saß. »Machst du mir noch ein Bier?«

»Das ist das letzte für heute«, Pit kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel Bier zu zapfen. »Kommt wohl keiner mehr, ich mach dann Feierabend.«

Hermann nickte. »Nicht viel los heute.«

»Die ganze Woche nicht«, Pit schob ihm das Bier über den Tresen, der dringend mal wieder abgewischt werden musste. Pit hasste Putzen.

»Du musst eine Frau einstellen. Dann kommen auch wieder mehr. Nix mehr los, seit Eva weg ist.«

Pit sah Hermann irritiert an. »Wirst du jetzt auf den letzten Metern geschwätzig?« Er rieb mit den Fingern über den klebrigen Tresen. Widerlich. »Wo soll ich denn eine Frau herkriegen?«

»Schild.«

»Was?«

Hermann trank das Bier langsam aus, stellte das Glas ab und wischte sich über den Mund. Dann kletterte er vom Barhocker und schwankte langsam zum Spielautomaten, unter dem leere Pappkartons standen. Er riss eine Klappe ab und kam zurück. »Gib mal einen Stift.«

In der Schublade fand Pit einen alten Filzstift, Hermann nahm ihn und kritzelte etwas auf die Pappe, die er Pit anschließend hinhielt. »Ins Fenster«, sagte er, kramte einen Geldschein aus der Hosentasche und legte ihn hin. »Stimmt so. Tschüs.«

Die Tür fiel hinter ihm zu, verblüfft hielt Pit die Pappe in den Händen.

Servissfrau gesucht

Die Schrift war nicht schön, die Rechtschreibung falsch, aber die Idee war gut. Pit nickte, der alte Hermann hatte recht. Seit Eva ihn verlassen hatte, lief die Kneipe nicht mehr. Zum einen gab es nichts mehr zu essen, weil Pit weder Lust noch die Fähigkeiten besaß, irgendwelche Suppen oder Frikadellen zu machen, zum anderen hatte Eva auch ständig mit den Gästen gelabert, dazu hatte Pit noch weniger Lust. Er hätte auch gar nicht gewusst, worüber er mit ihnen reden wollte. Die sollten hier ihr Bier trinken, bezahlen und wieder gehen. Fertig. Aber jetzt kam – außer Hermann und ein, zwei anderen traurigen Gestalten – überhaupt niemand mehr. Weil es nichts zu essen gab. So ein Schwachsinn, er hatte eine Kneipe und kein Restaurant. Aber eine Angestellte könnte zumindest putzen.

Pit ging langsam zur Tür, um abzuschließen, seine Schuhe machten auf dem Linoleum ein schmatzendes Geräusch. Die Idee war wirklich nicht schlecht, er hatte zwar keine Ahnung, wie er eine Angestellte bezahlen sollte, aber darüber konnte er später nachdenken. Er stellte einen der leeren Kartons auf den Tisch und riss eine zweite Pappe ab, die er – so gut er konnte – beschriftete.

Hübsche Frau für Service gesucht

Er stellte das Schild ins Fenster. Die Scheibe war schmierig, aber man müsste es trotzdem von außen lesen können. Hoffte er zumindest. Seine Stimmung hob sich augenblicklich. Pit Petersen war schon mit allen möglichen Situationen fertig geworden. Das würde auch so weitergehen. Davon war er überzeugt. Der Blick in die Kasse ernüchterte ihn wieder. 24,80 Euro. Der gesamte Tagesumsatz. Er nahm einen Zehn-Euro-Schein heraus und schob ihn sich in die Hosentasche. Ein Döner und ein Bier für ihn, 14,80 Euro fürs Kassenbuch, das musste reichen. Warum den Haien vom Finanzamt das Geld hinterherschmeißen?

Er griff zu den beiden übervollen Müllsäcken und öffnete die Hintertür. Falls eine potenzielle Kandidatin gleich morgen das Schild sah, musste sie ja nicht sofort über den Müll fallen. Das Erste, was er hörte, war ein tiefes, ekstatisches Gebrüll, das aus einem der oberen Fenster drang. Da ging es anscheinend mal wieder zur Sache. Mit einem Anflug von Neid sah Pit hoch. Als er die Kneipe übernommen hatte, war er der festen Überzeugung gewesen, dass das Stundenhotel in unmittelbarer Nachbarschaft ihm genügend Kunden bescherte. Aber er hatte sich geirrt. Die Damen tranken oben, und ihre Freier waren entweder erschöpft oder hatten schon zu viel Geld ausgegeben, keiner von denen kam anschließend noch zu ihm. Die einzige Ausnahme waren die Vermieter. Hermann sagte, das wären die Zuhälter, Pit war es egal. Er kannte noch nicht mal ihre Namen. Es waren drei, die ab und zu herkamen, zwei hatten rasierte Schädel, einer von ihnen mit überdimensionalem Vollbart, einer war rothaarig mit einem ungepflegten Schnauzbart, alle waren sie muskelbepackt und großflächig tätowiert. Der größte von ihnen hatte sogar ein Tattoo am Hals. Kill you, stand dort, mehr musste Pit nicht wissen. Sie bockten ihre Harley-Davidsons am Straßenrand auf, kamen breitbeinig in die Kneipe, tranken Bier und bezahlten, alles andere interessierte Pit nicht.

Er stopfte die Müllsäcke in die Tonne und wollte gerade wieder reingehen, als oben plötzlich ein hektischer Lärm ausbrach. Er hörte Schreie, Türenknallen, irgendjemand kreischte, die Fenster flogen auf, dann laute Rufe: »Polizei, niemand bewegt sich! Arme nach vorn, ganz ruhig bleiben, Hände weg da.«

Instinktiv presste Pit sich an die Wand und zwang sich, ruhig zu atmen. Mit Bullen war er noch nie ausgekommen, und er hatte mit dieser Sache – was immer das da oben zu bedeuten hatte – sowieso nichts zu tun. Er hatte einfach keinen Bock, von den Bullen ausgefragt zu werden. Irgendetwas fanden die doch immer bei ihm. Ganz langsam schob er sich in Richtung Tür, er musste hier weg, er konnte den Seitenausgang nehmen, bevor die runterkamen. Als er die Tür schon fast erreicht hatte, sah er aus den Augenwinkeln einen Schatten. Ein klatschendes Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der es gekommen war. Oben knallte ein Fenster zu. Und dann sah er sie. Zwei Beutel, umhüllt von silbriger Folie, lagen direkt neben der Mülltonne auf dem schmutzigen Hinterhofboden. Irgendjemand hatte sie runtergeworfen. Ohne nachzudenken, stieß er sich von der Wand ab, griff nach den Beuteln und huschte zurück in die Kneipe. Der Karton ohne Klappe stand noch auf dem Tisch, er warf seinen Fund hinein, seine Jacke obendrauf und verließ blitzartig sein Lokal. Fünf Minuten später fuhr er mit seinem alten, klapprigen Renault die Reeperbahn hinunter zum Hafen.

 

Pit bremste ab, weil ein paar Meter vor ihm ein betrunkener Mann auf die Straße torkelte. Einer seiner Begleiter riss ihn an der Jacke zurück, der Betrunkene schlug wütend in die Luft, Pit fuhr langsam weiter. Nicht jetzt noch einen Unfall riskieren, bevor er nicht wusste, was in den beiden Beuteln war. Ein kleines Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Vielleicht war es doch sein Glückstag heute. Ein Gottesgeschenk, das vom Himmel gefallen war.

Er fuhr vorschriftsmäßig, sah kurz in den Rückspiegel, hinter ihm war nichts Auffälliges zu sehen, vor ihm ragten die Hafenkräne in den Himmel, er fuhr langsamer, suchte einen passenden Ort und bog dann in eine kleine Seitenstraße, in der er auf Anhieb einen Parkplatz vor einer Autowerkstatt fand. Pit stellte den Motor aus und sah sich um. Nichts. Die Werkstatt war zu, niemand war auf der Straße, keine Polizei, keine Harleys mit tätowierten Fahrern. Er wartete noch eine Sekunde, dann drehte er sich um und griff in den Karton, den er einfach hinter den Beifahrersitz geworfen hatte. Unter der Jacke tastete er nach dem ersten Beutel und zog ihn raus. Vorsichtig wickelte er die silberne Folie ab, die in mehreren Bahnen um den Beutel gewickelt war. Pit wusste, dass die Damen von oben ab und zu Drogen anboten, Amphetamine, Crystal oder Ecstasy, er hatte auch schon was gekauft. Er selbst nahm die Sachen nicht, er hasste es, Tabletten zu schlucken, aber ab und zu tat er dem einen oder anderen Kumpel einen Gefallen. Deshalb wusste er, was das Zeug wert war. Er lächelte, als er ans Ende der Folie kam. Mit so einem Erlös könnte er locker die hübsche Servicekraft bezahlen.

Das Lächeln gefror, als er im Dämmerlicht sah, was er da in der Hand hatte. Der Beutel enthielt keine bunten Pillen, sondern ein weißes Pulver. Pit ahnte sofort, was das war, öffnete vorsichtig eine Ecke und tupfte mit feuchtem Finger ein paar Krümel auf die Zunge … Vom Wert dieses Beutels konnte er bis zu seiner Rente mehrere Servicekräfte bezahlen. Ihm wurde heiß und kalt. Er hatte hier schätzungsweise ein Kilo Kokain auf dem Schoß. Und unter seinem Sitz lag nochmal so viel. Hektisch wickelte er die Folie wieder drum und schob die Beutel unter den Beifahrersitz. Sein Herz pochte, er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Wie festgetackert blieb er im Auto sitzen, die Finger um das Lenkrad geklammert, den Blick aufs Armaturenbrett fixiert. Wer immer das Zeug von oben in den Hinterhof geworfen hatte: Er würde es wiederhaben wollen. Und zwar schnell. Kill you. Pit sah plötzlich das Tattoo am Hals vor sich. Pit atmete tief ein und aus. Er musste jetzt cool bleiben, ganz cool.

Andererseits hatten die Jungs keine Ahnung, dass er das Kokain hatte. Dank der kaputten Lampen sah die Kneipe geschlossen aus, niemand hatte ihn gesehen, er hatte auch niemanden getroffen. Seit Eva weg war, war die Kneipe sowieso nicht mehr jeden Tag geöffnet. Das war nichts Besonderes. Aber es war ausgeschlossen, das Zeug dort zu lagern. Er musste ein absolut gutes Versteck finden. Wenn Kill you fündig würde … nicht auszudenken. Cool bleiben, ganz cool. Pits Atmung wurde langsam ruhiger, nach und nach entspannte er sich. Sein Blick fiel auf die geschlossene Werkstatt, vor der er gerade parkte. Und plötzlich hatte er eine Idee. Eine geniale Idee. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer. »Eddie, hier ist Pit.«

3.

Freitag, 24. Mai

 

Mathilda stand vor dem Herd und wendete Frikadellen. In zwei Pfannen. Die Abzugshaube machte einen Mordslärm, aus dem Radio auf der Fensterbank dröhnte beschwingte Schlagermusik.

Mathilda sang den Text laut mit und konnte deshalb Gunnar nicht hören, der schon eine ganze Zeit hinter ihr an die Küchentür gelehnt stand und sie beobachtete. Sie war so klein, dachte er, und immer noch so zierlich, man sah ihr nicht an, dass sie schon Großmutter war. Sie war immer noch hübsch, seine Mathilda, immer noch textsicher, immer noch gut gelaunt, er war froh, dass er mit ihr verheiratet war. Und das schon sehr lange.

»Brätst du Frikadellen für einen guten Zweck?«

Mathilda zuckte zusammen und drehte sich sofort um. »Du bist das! Ich habe dich gar nicht kommen gehört.«

Gunnar trat näher und stellte das Radio leiser, bevor er ihr über die Schulter sah. Er schüttelte den Kopf. »Das sind ja Massen. Wer soll die denn alle essen?«

Mathilda wendete die Frikadellen erneut, dann wischte sie sich die Hände an der Schürze ab und zuckte die Achseln. »Max ist so dünn, und da habe ich gedacht, ich mache ein paar mehr, dann kann er noch welche mitnehmen.«

»Klar.« Gunnar nickte und setzte sich an den Tisch. »Er kann ja auch mal eine Woche morgens, mittags und abends Frikadellen essen. Warum nicht? Wann kommt er denn?«

»Jeden Moment.« Mathilda sah aus dem Fenster, als sie das Knirschen der Reifen auf dem Kiesweg hörte. »Da ist er schon.« Sie drehte die Herdplatten niedriger und ging zur Haustür, von wo aus sie ihrem Sohn entgegenlächelte.

Er nahm sein Werkzeug aus dem Auto, ließ den Kofferraumdeckel zufallen und kam schwer beladen auf sie zu. »Hallo, Mama. Bin ich zu spät?«

»Nein. Schön, dass du da bist!« Mathilda umarmte ihn. Er war zwei Köpfe größer als sie, sie konnte es noch immer nicht fassen, was aus ihrem kleinen, süßen blonden Max geworden war. Der Junge war mittlerweile fast dreißig, wohnte in Husum, arbeitete als Tischler und war eindeutig erwachsen. Es war zu schade. »Wir können gleich essen. Ich habe Frikadellen gemacht, genug übrigens, dann kannst du noch welche mitnehmen. Ich habe auch Rosinenstuten beim Bäckerbus für dich gekauft. Den magst du doch so gern.«

»Mama, ich wohne in Husum, nicht auf Haiti.« Max beugte sich runter und küsste sie auf die Wange, bevor er seine Mutter mit ausgestreckten Armen von sich schob. »Wir sind eine erschlossene Gegend, es gibt seit Neuestem sogar Supermärkte. Wie geht es euch?«

»Gut. Wie immer«, Mathilda ging schon vor. »Die Frikadellen sind fertig. Wasch dir die Hände vorm Essen.«

 

Kurz darauf betrat Max die Küche. Sein Vater saß schon auf der Eckbank, der Tisch war gedeckt, seine Mutter stellte gerade die Schüssel mit den Kartoffeln neben die Platte mit circa zwanzig Frikadellen. »Setz dich hin, es wird sonst kalt«, sagte sie und lächelte ihn an. Max klopfte seinem Vater kurz auf die Schulter, bevor er sich setzte. »Na, Papa, alles klar hier im Dorf?«

Gunnar nickte. »Du, muss ja. Und selbst? Viel zu tun?«

»Ja«, Max streckte seine langen Beine aus und sah sich um. »Kommt Oma nicht?«

»Nein«, Mathilda setzte sich auf ihren Platz. »Oma muss um halb eins essen, wegen ihrer Tabletten, jetzt ist es halb zwei, das ist ihr zu spät.«

»Da haben wir ja Glück.« Max grinste seinen Vater an. »Oder? Friedliches Mittagessen. Herrlich. Dann komme ich jetzt immer um halb zwei.«

»Max!« Tadelnd blickte Mathilda ihren Sohn an. »Rede bitte nicht so.«

»Warum?« Betont harmlos sah Max sie an. »Es stimmt doch. Es gibt nichts, worüber sie sich nicht beschwert. Das letzte Mal fing sie bei meinen Haaren an, machte bei der Jeans weiter, und irgendwann hab ich ihr dann auch noch zu viel gegessen.«

Gunnar grinste und spießte eine Kartoffel auf die Gabel. »Ja, das ist deine Oma.«

Er erntete einen scharfen Blick von Mathilda, sie hielt sich aber zurück und schüttelte nur leicht den Kopf. Max sah sie an und hakte nochmal nach. »Und wenn sie früher essen will, kocht sie dann selbst?«

Mathilda sah ihn irritiert an. »Natürlich nicht, ich habe für sie schon vorab gekocht. Halb eins meint halb eins. Keine Diskussionen.«

»Du bist viel zu nett zu ihr«, antwortete Max und seufzte. »Oma lässt euch ganz schön springen. Die benimmt sich mittlerweile wie Queen Mum.«

»Queen Mum hatte Anstand und wusste, wie man sich benimmt«, bemerkte Gunnar und zog die Platte mit den Frikadellen zu sich. »Das liegt bei Königs in den Genen. Hier leider nicht.«

»Gunnar, bitte. Ich will das nicht hören. Und Max, grins nicht so blöde. Sie ist deine Großmutter«, Mathilda schob ihm die Kartoffeln zu. »Und eine alte Frau. Jetzt nimm dir.«

»Natürlich.« Max stach etwas halbherzig mit der Gabel in die Kartoffel und verlor sie prompt auf halbem Weg zum Teller. George fiepte leise, als sie ihn am Ohr streifte, bevor sie auf dem Boden landete.

»Der Hund frisst keine Kartoffeln«, sagte Gunnar. »Du musst eine Frikadelle runterfallen lassen.«

»Das machst du nicht.« Mathilda drohte mit der Gabel, Max lachte, hob die Kartoffel auf und betrachtete seine Eltern. Sein Vater war groß, seine früher dunklen Haare waren grau, er war ein stiller Mann, oft nachdenklich, er hasste Streit und gab schon allein deshalb meistens nach. Mathilda war heiter, entspannt und erstaunlicherweise immer gut gelaunt. Max hatte sich schon oft gefragt, wie sie das hinbekam. Oft lächelte sie die Probleme einfach weg und wartete, dass sie so verschwanden. Wenn Max sich manchmal darüber aufregte, lächelte Mathilda auch das weg.

»Erzähl doch mal, was gibt’s Neues bei dir?«, fragte sie jetzt neugierig. Sie wartete gespannt auf seine Antwort. »Kann es sein, dass Max eine neue Freundin hat? Mathilda hoffte, er würde es von sich aus erzählen. Sie würde ihm selbstverständlich nicht sagen, dass sie das von Irene wusste.

»Nichts Besonderes.« Max zögerte einen Moment, dann nahm er sich die zweite Frikadelle. »Das heißt, ich habe letzte Woche Harald Wiesner getroffen. Er kam gerade aus dem Bauamt. Kann es sein, dass der ein bisschen wirr ist? Er war total nervös, als ich ihn gegrüßt habe.«

»Unser Bürgermeister?« Mathilda sah ihn etwas enttäuscht an und schob ihm nochmal die Kartoffeln zu. »Nimm doch Kartoffeln.«

»Wieso war der nervös?« Gunnar sah seinen Sohn an. »Was hat er denn gesagt?«

»Nichts.« Max hob die Schultern. »Der hat mich nur komisch angeguckt. Keine Ahnung. Vielleicht hatte er ein Bier zu viel beim Mittagessen.«

»Ach, der hat dich wahrscheinlich nicht erkannt«, meinte Mathilda. »Und dann war’s ihm peinlich, weil er als Bürgermeister natürlich alle seine Schäfchen sofort erkennen müsste.«

»Die Schäfchen gehören zum Pastor«, korrigierte ihr Sohn sie. »Und ich wohne seit zehn Jahren nicht mehr in diesem Dorf, da muss er mich auch nicht auf dem Schirm haben. Nee, das war’s nicht. Er wirkte irgendwie wirr, wisst ihr da was? Hat er Probleme?«

»Harald hat keine Probleme«, Mathilda winkte ab. »Höchstens vielleicht Termindruck. Der ist ja immer so in Hektik. Und hat viel Stress. Als Bürgermeister.«

»Der ist Bürgermeister von Dettebüll und nicht von New York«, Max grinste. »Wo hat der denn Stress?«

»Nimm doch noch eine Frikadelle, Max.« Mathilda ignorierte seine dankend ablehnende Geste und legte ihm eine weitere auf den Teller. »Du bist so dünn.«

 

Nach dem Essen lockerte Max seinen Gürtel um zwei Löcher und ging in den Garten, um sich anzusehen, was er reparieren sollte. Die Schuppentür schloss nicht mehr, Max bewegte die Tür ein paar Mal, bis er das Problem sah. Es war nur das Scharnier, eine leichte Sache.

Der blau gestrichene Schuppen stand dicht neben dem Haus und beherbergte den Rasenmäher, die Fahrräder und diverse Gartengeräte. Als Kind hatte er diesen Schuppen geliebt, vielleicht weil er blau und weit genug vom Gänsestall entfernt war. Max hatte stundenlang auf dem Eimer mit dem Rasendünger gesessen und Comics gelesen. Hier waren ihm weder die Gänse noch seine Großmutter in die Quere gekommen. Sein heiliges, geheimes Versteck, dachte er. Wobei es nicht sehr lange geheim gewesen war: Irgendwann hatte seine Mutter ihm ein Kissen auf den Eimer gelegt. Immerhin hatte sie das nie kommentiert.

Der Schuppen war herrlich eingewachsen, er musste einige Efeuzweige zur Seite biegen, um besser an die Tür zu kommen. Dann setzte er den Akkuschrauber an.

»Wenn du damit fertig bist, kannst du auch gleich noch mal zu mir kommen und die Fußleiste im Flur festmachen.«

Der Akkuschrauber rutschte ab, ein Efeuzweig schlug zurück und traf Max im Gesicht.

Ilse Petersen stand mit verschränkten Armen hinter ihrem hoch konzentrierten Enkel. »Deine Mutter kracht beim Staubsaugen immer dermaßen dagegen, dass die sich gelöst hat.«

»Hallo, Oma, ich freue mich auch, dich zu sehen.« Max rieb sich über die schmerzende Wange und drehte sich langsam zu Ilse um, die sofort einen Schritt zurücktrat. Sie hasste Umarmungen zur Begrüßung, das hatte sie auch ihren Enkelkindern von klein auf eingebläut. Völlig unnötig: Max hatte ohnehin nicht das Bedürfnis, ihren Wunsch zu unterlaufen. »Ich hoffe, es geht dir gut?«

»Ja, ja«, schnarrte sie nur knapp. »Also, jedenfalls ist die Fußleiste im Flur lose, du bist doch ohnehin da, dann kannst du die auch gleich festschrauben. Und meine Haustür schabt über den Boden. Die muss auch mal eben abgeschliffen werden. Bis nachher.«

Max sah seiner Großmutter nach und atmete einmal tief aus, bis sie hinter ihrer Haustür verschwunden war. »Mal eben abschleifen.« Das ging nicht mal eben, das war Arbeit. Und eigentlich war er hier, weil sein Vater ihn um Hilfe bei der kaputten Schuppentür gebeten hatte. Freundlich gebeten hatte er ihn. Sein Vater kannte keinen Befehlston. Da war seine Oma ein ganz anderes Kaliber. Dass seine Eltern das Zusammenleben mit ihr aushielten! Kopfschüttelnd wandte er sich wieder der Tür zu. Während er die Schrauben löste, überlegte er, seit wann seine Großmutter eigentlich so ein Drachen war. Immer schon, befand er und betrachtete das kaputte Scharnier. Sie war nie so gewesen wie die Großmütter der anderen, so weich und rund und freundlich. Eine, die immer Süßigkeiten in der Tasche gehabt oder den Enkeln Geld zugesteckt hatte. Sie hatte immer schon nur das gemacht, was sie wollte. Und dazu gehörten sicher keine Bastelnachmittage mit ihren Enkeln und keine Märchenstunden. Oma Ilse roch nicht nach Kuchenteig und Schokolade. Sie hasste alles Süße, trank den ganzen Tag schwarzen Kaffee und rauchte jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Zigarette auf der Terrasse. Die ausgetretene Kippe ließ sie liegen, Mathilda würde sie ja am nächsten Tag ohnehin entfernen, bevor die Kinder sie sich in den Mund stecken konnten. Ilse hatte noch nie etwas mit Kindern anfangen können, die normale Begrüßung lautete: »Was willst du denn hier?« Max und seine Schwester Nele kannten es gar nicht anders. Die Lieblosigkeit der Oma hatte bei ihnen jedoch keine Schäden hinterlassen, dafür waren ihre Eltern immer schon zu liebevoll gewesen. Eigentlich war es ein Wunder, dass Ilse Petersen eine Tochter wie Mathilda zustande gebracht hatte.

»Na, wie weit bist du?« Mathilda war plötzlich neben ihm aufgetaucht, in der Hand einen Korb mit Äpfeln aus dem Garten. Sie setzte den Korb ab und strich über die blaue Holztür. »Das sieht ja gut aus. Endlich schließt sie wieder, sehr schön.« Sie trat einen Schritt näher und sah zu ihm hoch. »Sag mal, hast du eigentlich eine Freundin? Von der wir womöglich noch nichts wissen?«

»Was?« Überrascht ließ Max den Akkuschrauber sinken, den er gerade in die Kiste legen wollte. »Wieso fragst du?«

»Ach, weißt du, Irene hat dich wohl mit einer jungen Frau gesehen«, Mathilda legte den Kopf schräg und lächelte. »Hat sie mir gestern erzählt. Stimmt das?«

Max nickte, warf noch einen abschließenden Blick auf sein Werk und sammelte sein Werkzeug ein. »Was Irene immer so sieht. Diese Dorfzeitung, du weißt doch, dass man die Hälfte von dem, was sie hier verbreitet, abziehen kann. Dass du sie als Nachbarin überhaupt aushältst!« Er hatte keine Lust, hier buchstäblich zwischen Tür und Angel mit seiner Mutter sein Liebesleben zu besprechen. Das musste warten. »Ich muss noch zu Oma rüber. Du hast ja ihre ganzen Fußleisten beim Staubsaugen kaputt gemacht.« Er sah sie an. »Du Tier.«

Mathilda setzte sich auf die Bank, die neben dem Schuppen stand, und sah zu ihm hoch. »Ach, Max, du weißt doch: Sie meint es nicht so. Sie ist eben alt, da kann man auch mal drollig werden.«

»Mama.« Max ging vor ihr in die Hocke und legte ihr die Hand aufs Knie. »Sie ist nicht drollig, sie ist böse. Es tut mir leid, das zu sagen, ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber sie ist und war immer schon eine böse Frau. Und das wird im Alter eher noch schlimmer. Ich habe keine Ahnung, warum du dir das alles bieten lässt. Es war doch nie anders: Sie nutzt dich nach Strich und Faden aus, und dann bist du auch noch der Prellbock für alles. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich das finde.«

»Max, sie ist …«

»Nein«, unterbrach er sie und richtete sich wieder auf. »Du musst sie nicht dauernd entschuldigen. Wir alle wissen doch, woran wir sind. Und glaub nicht, dass irgendjemand im Dorf sie ausstehen kann. Und das war übrigens nie anders. Sie hat Pit schon vor Jahren aus dem Haus gejagt, das habe ich damals schon schlimm gefunden. Da war ich noch nicht mal volljährig. Und sie schon böse. Ich …«

»Es reicht, Max!« Abrupt stand Mathilda auf und hob die Hand. »Es reicht. Ich möchte das nicht weiter vertiefen. Ich backe jetzt Apfelkuchen.«

Sie griff nach ihrem Korb und ging ins Haus. Max sah ihr nachdenklich nach. Ihr Bruder Pit, sein Onkel: In den Augen von Oma Ilse war er das schwarze Schaf der Familie, für Mathilda war das ein schlechtes Thema. Ein ganz schlechtes. Oma Ilse hatte es vor Jahren schon geschafft, ihren eigenen Sohn vom Hof zu vertreiben. Mathilda litt darunter sehr. Aber sie redete nie über Dinge, die sie belasteten. Dabei belastete die Sache mit ihrem Bruder sie schon so lange. Weil Pit ihr fehlte. Aber auch wegen Max. Weil Max an seinem einzigen Onkel früher sehr gehangen hatte. Auch wenn Onkel Pit so ganz anders war als Mathilda. Aber Max hatte damals schon ein Faible für alles, was nicht ins Dorf passte. Und worüber Oma Ilse sich aufregte. Und das hatte der schräge Pit immer geschafft.

4.

Das Beste an Eddie war, dass er nie Fragen stellte. Das hatte er noch nie gemacht, in all den Jahren, in denen sie sich schon kannten. Und das waren mittlerweile fünfundfünfzig. Sie waren schon als kleine Jungs die besten Kumpels gewesen, zum Leidwesen des Dorfes. Sie waren immer gemeinsam in alle Prügeleien verwickelt, gemeinsam von der Schule geflogen, waren gemeinsam bei der Bundeswehr gewesen, hatten sich dann für ein paar Jahre aus den Augen verloren und sich schließlich im Knast wiedergetroffen. Eddie hatte eine Tankstelle überfallen, Pit ein Auto geklaut und damit auch noch einen Unfall verursacht. Nach ihrer Entlassung hatten sie wieder Kontakt, wenn auch eher sporadisch. Deshalb hatte Pit sofort an Eddie gedacht. Und nicht nur, weil er gerade eben vor einer Autowerkstatt geparkt hatte.

Sobald Pit kurz nach Mitternacht das Hamburger Stadtgebiet verlassen und die Autobahn nach Heide erreicht hatte, atmete er auf. Er hatte den Rückspiegel nicht aus den Augen gelassen, um sicherzugehen, dass ihn niemand verfolgte. Aber anscheinend war sein Aufbruch unbemerkt geblieben. Er gab Gas und fuhr jetzt wesentlich entspannter in Richtung alter Heimat. Natürlich wusste keiner seiner Hamburger Kumpels, dass Pit Petersen aus einem Dorf am Arsch der Welt stammte. Und genau deshalb würde ihn auch niemand hier vermuten. Er hatte immer erzählt, dass er in einer Hinterhofsiedlung in Hamburg-Barmbek aufgewachsen war und früh den Kampf auf der Straße gelernt hatte. Sie sollten ihn nicht für einen vertrottelten Bauernsohn aus Dettebüll halten. Er war auch schon lange genug weg aus diesem Drecksdorf. Und er wollte nichts mehr damit zu tun haben. Weder mit diesem stinklangweiligen Kaff noch mit seiner Familie. Mit Letzterer noch weniger. Seine spießige Schwester Mathilda lebte immer noch in ihrem Elternhaus, zusammen mit ihrem langweiligen Mann, das war doch völlig krank. Mit über sechzig. Und dann auch noch Tür an Tür mit ihrer bösartigen Mutter. Ilse war es, die ihn damals beim Autodiebstahl bei den Bullen verpfiffen hatte. Diese alte Hexe. Nein, mit denen war Pit durch, aber so was von durch.

Eddie wohnte tatsächlich noch immer im Drecksdorf. Zumindest war er da gemeldet. Er hatte das Elternhaus übernommen, sich eine Autowerkstatt danebengebaut und schraubte jetzt ständig an irgendwelchen Karren herum, die er anschließend irgendwohin verkaufte. Wo die Autos herkamen, wusste Pit nicht. Wohin Eddie sie auf seinen wochenlangen Fahrten brachte, auch nicht. Es war ihm auch egal.

Pit steckte sich eine Zigarette an und drehte das Radio lauter, um nicht vor lauter Eintönigkeit einzuschlafen. Die Autobahn war zu Ende, jetzt fuhr er die ewig lange, wenig befahrene und absolut öde Bundesstraße, die an Heide und Husum vorbei zum Ende der Welt führte. Hier war wirklich nichts, gar nichts: ein paar Häuser rechts und links, Kühe, Pferde, hin und wieder ein Hof, eine Biogasanlage, wieder ein paar Häuser, alles flach, flach, flach. Seit über einer Stunde.

Er bekam Kohldampf, es gab noch nicht einmal einen Imbiss auf der Strecke, er hatte fast vergessen, wie trostlos es hier war. Erleichtert sah er das Schild, das vor der Abfahrt der Bundesstraße stand, die letzten zehn Kilometer.

Als er das Ortseingangsschild passierte, nahm er den Fuß vom Gas. Langsam fuhr er die Hauptstraße runter, vorbei an der alten Schule, vorbei an den Häusern und Höfen, die sich in all den Jahrzehnten kaum verändert hatten. Rechts war der Friedhof, links der Gasthof Kruse, da hatte er auch mal Hausverbot gehabt. Humorloser Vollidiot, dieser Wirt. An der Ecke konnte er sein Elternhaus sehen, er drehte den Kopf sofort zur Seite und bog in den Westweg ein, das dritte Haus von links war Eddies.

Das Tor stand offen, er fuhr den Wagen auf den Hof und stellte den Motor aus. Hier wartete er einen Moment, dann sah er sich um. Kein Mensch zu sehen. Alles schlief. Was auch sonst?

Er stieg aus, schloss das Auto ab, ging zur Haustür und drückte die Klinke runter. Die Tür war offen, Pit betrat den dunklen Hausflur und hörte laute Stimmen aus dem Fernseher. »Eddie?«

Keine Antwort. Pit folgte den Stimmen und schob die angelehnte Wohnzimmertür auf. Auf dem überdimensionalen Flachbildschirm fuhren Mördertrucks durch die Wildnis Amerikas, auf dem flachen Couchtisch stapelten sich Chipstüten, Bierdosen und leere Mini-Salami-Packungen, auf dem grünen Sofa lag Kumpel Eddie und schnarchte leise. Pit blieb vor ihm stehen und sah zu ihm hinunter. »Eddie?« Er bückte sich und knuffte ihn leicht an den Arm. »Ey, Eddie.«

»Was?« Wie angestochen schoss er hoch, starrte Pit verwirrt an, bevor er sich wieder entspannte und zurücklehnte. »Bier?«

»Ja.« Pit schob einen Stapel Klamotten zur Seite, bevor er sich auf einen Sessel setzte. »Hast du was zu essen?«

Umständlich stand Eddie auf und verschwand. Pit sah sich um. Er brauchte das perfekte Versteck für die beiden Tüten, er musste gut überlegen, wo es am besten war. Eddie klapperte in der Küche herum, Pit stand langsam auf und ging ihm nach. An den Türrahmen gelehnt, sah er zu, wie Eddie eine Dose Ravioli in einen Topf kippte und mit dem Kopf zum Kühlschrank deutete. »Bier.«

Im Kühlschrank stand tatsächlich nur Bier, nichts anderes, dafür schätzungsweise dreißig Dosen Bier. Pit öffnete eine und trank aus der Dose. »Und sonst?«

»Ja«, antwortete Eddie und nahm einen Teller von dem schmutzigen Stapel in der Spüle. Er ließ kurz kaltes Wasser darüber laufen, dann stellte er ihn neben den Herd. »Muss ja.«

Mit den Händen in den Hosentaschen wartete er darauf, dass die Ravioli warm wurden. Schließlich tunkte er den Zeigefinger in den Topf, nickte, schaltete die Herdplatte aus, nahm den Topf und ließ den Inhalt auf den Teller gleiten.

»Danke.« Pit nahm ihm den Teller ab. »Hast du ’ne Gabel?«

Eddie nickte, griff wieder in die Spüle, ließ wieder kaltes Wasser laufen und wischte die Gabel an seiner Jeans ab. »Hier.«

Während Pit die lauwarmen Ravioli in sich hineinschlang, verfolgte Eddie interessiert die Rallye der Mördertrucks und machte sogar einige Bemerkungen über PS und Hubraumgrößen. Mittendrin sagte er plötzlich: »Bis wann bleibst du eigentlich?«

»Bis morgen. Ich bin nur auf der Durchreise.«

»Mhm.«

»Hast du in der Werkstatt noch Motoröl? Ich müsste was nachfüllen.«

»Grüner Schrank. Werkstattschlüssel hängt am Haken neben der Haustür.«

»Okay.« Pit schob sich die letzte Gabel in den Mund, dann stellte er den Teller ab. »Das mache ich gleich mal. Nicht, dass ich das morgen vergesse.«

»Mhm.«

 

In Eddies Werkstatt sah es ähnlich aus wie in Eddies Wohnzimmer: Überall stand etwas herum, die Regalböden an der Wand bogen sich unter der Last von Lackdosen, Kisten und Kanistern. Mitten in der Werkstatt lagen lose Bretter, die nur notdürftig die Grube abdeckten, durch die Lücken sah man auf dem Boden Reifen, Werkzeuge, Felgen und jede Menge Tüten mit Schrauben und Ersatzteilen liegen. Das blanke Chaos.

Pit blieb neben der Tür stehen. Sein Blick fiel auf den grünen Schrank, aus dem er das Öl holen sollte. Er ging um die verschiedenen Haufen herum und öffnete die Schranktür. Zwei leere Kanister fielen ihm entgegen, darin drängten sich Flaschen und Kanister, Öl, Scheibenreiniger und andere Flüssigkeiten. Pit schloss den Schrank, kein gutes Versteck. In der hintersten Ecke stand ein anderer alter Werkzeugschrank offen, hier hortete Eddie jede Menge Folien, Planen, alte Putzlappen, ganz hinten mehrere Blechdosen. Pit lächelte. Er brauchte genau vier Minuten, um den gesamten Schrank auszuräumen, zwei leere Blechdosen zu finden, den Stoff aus dem Auto zu holen, alles in den Dosen zu verstauen und die Folien und Planen wieder davorzustopfen. Er lächelte zufrieden. Das perfekte Versteck. Kein Schwein würde hier suchen.

 

Als er zurück ins Wohnzimmer kam, starrte Eddie noch immer auf die Trucks in der Wüste, inzwischen saß er aber aufrecht und hatte eine Tüte Chips in der Hand. »Gefunden?«

»Ja.« Pit ließ sich in den Sessel fallen. »Bist du eigentlich in den nächsten Wochen hier? Ich habe irgendwann nochmal einen Termin in der Gegend, da wollte ich wieder bei dir pennen.«

Ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen, schob Eddie sich eine Handvoll Chips in den Mund und antwortete undeutlich: »Ich hau morgen Abend für ein paar Wochen ab, keine Ahnung, wie lange das dauert. Aber der Schlüssel liegt immer unterm Stein neben dem Schuppen. Muss da aber liegen bleiben. Kannste dir nehmen.«

Pit nickte zufrieden. Das lief ja endlich mal. Wurde auch Zeit.

 

Er wachte mitten in der Nacht in seinem Sessel auf, weil er aufs Klo musste. Der Fernseher lief noch immer, Eddie war verschwunden, vermutlich hatte er die Couch mit dem Bett getauscht. Stöhnend stand Pit auf, griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Er tappte im Dunklen durchs Haus, er kannte sich hier aus, Eddie hatte seit dem Tod seiner Eltern nichts verändert.

Neben der Küche war früher das Gästezimmer gewesen. Wobei diese Bezeichnung geschmeichelt war, es war ein Raum, in dem ein Doppelbett, ein alter Sessel und ein Regal mit Einmachgläsern standen. Das war zumindest in all den Jahren so gewesen. Eddies Vater hatte sich dieses Bett damals in den Vorratsraum gestellt. Wenn er besoffen war, kam er nicht mehr die Treppen hoch.

Dieses »Gästezimmer« war gut frequentiert: entweder von Eddies Vater – oder von Pit, der immer dann bei Eddie übernachtete, wenn er Ärger mit seiner Mutter gehabt hatte. Er drückte auf den Lichtschalter und war sofort von dem hellen Licht geblendet. Er schloss kurz die Augen, dann sah er sich erstaunt um. Es war überraschend sauber hier. Das Bett hatte jetzt einen hellen Überwurf, der Sessel war neu, die alten Weckgläser verschwunden, und es hingen sogar Gardinen vor dem Fenster. Pit schüttelte den Kopf und fragte sich, was in Eddie gefahren war. Gegen den Rest des abgewrackten Hauses war das hier ja die reinste Kuschelbude. Pit kickte die Schuhe von den Füßen und legte sich, so wie er war, auf den Überwurf. Er musste Eddie fragen, was das hier für einen Grund hatte. Vielleicht hatte sein alter Kumpel ja auch endlich mal eine Freundin, die sich weigerte, in Eddies altem Kinderzimmer oder, schlimmer noch, im Schlafzimmer seiner toten Eltern zu schlafen.

Wie auch immer, Pit verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah nach draußen in die Dunkelheit. Vielleicht war es besser, ein paar Tage hierzubleiben, damit keiner auf die Idee kommen könnte, dass er was mit den beiden Beuteln aus dem Hinterhof zu tun hatte. Andererseits wäre es vielleicht gerade auffällig, dass er zusammen mit diesen Beuteln verschwunden war. Nein, es war besser, morgen die Kneipe wie gewohnt aufzumachen. Das Zeug war hier sicher, niemand würde es hier vermuten. Er musste nur eine passende Gelegenheit finden, es wieder abzuholen. Aber vorher brauchte er einen Plan. Einen richtig guten.

5.

Max drehte sich auf die Seite und sah das Gesicht der noch schlafenden Alina an. Sie war wirklich die schönste Frau, die er kannte. Er konnte es immer noch nicht fassen. Aber sie hatte sich tatsächlich auch in ihn verliebt. Vor drei Monaten, zwei Wochen und einem Tag. Vorsichtig schob Max die blonde Locke, die sich über Alinas Gesicht gelegt hatte, aus ihrem Gesicht. Alina schlug die Augen auf. Und lächelte. »Max«, sagte sie leise. »Guten Morgen.«

Er zog sie an sich und küsste sie. »Kaffee?«

»Hmmmm, gern.« Sie schmiegte sich an ihn und seufzte glücklich. »Ach, geht es uns gut.«

Max genoss ein paar Minuten ihre schlaftrunkene Wärme, bis er sich aus ihrer Umarmung löste und langsam in die Küche tappte. An den Küchentresen gelehnt wartete er darauf, dass der Kaffee in die Kanne lief, und sah dabei nach draußen. Drei Monate, zwei Wochen und ein Tag. Und gestern hatten sie zum ersten Mal darüber gesprochen, ob sie zusammenziehen würden. Max hätte das lieber heute als morgen in Angriff genommen. Das Leben war gerade sehr schön.

Vor drei Monaten und drei Wochen hatte er Alina das erste Mal gesehen. Er sollte in dem Haus, in dem sie wohnte, Einbauschränke einbauen. Nicht in ihrer Wohnung, sondern in der des Hauseigentümers unter ihr. Der war aber für drei Wochen im Urlaub und hatte den Schlüssel bei Alina hinterlegt. Max hatte also im Blaumann bei ihr geklingelt und war vom Blitz getroffen worden, als ein zauberhaftes Wesen ihm die Tür geöffnet hatte. Er war nicht in der Lage gewesen, irgendetwas halbwegs Intelligentes zu sagen, und hatte gerade so ein »Ich bin der Tischler und soll hier den Schlüssel für unten holen« zustande gebracht. Sie hatte ihm freundlich lächelnd den Schlüssel gegeben. Als Max eine halbe Stunde später kurz mal aus dem Fenster schaute, konnte er nur noch sehen, wie dieses zauberhafte Wesen mit dem Fahrrad wegfuhr.

Ihr Lächeln hatte Max den ganzen Tag über beim Arbeiten begleitet. Er solle den Schlüssel später einfach in den Briefkasten werfen, das hatte sie gesagt. Aber Max ließ sich Zeit beim Einbau des Schranks, das erhöhte die Chance, dass sie wiederkam, solange er noch da war. Erst als sein Chef sich am späten Nachmittag etwas besorgt erkundigte, ob alles in Ordnung sei und warum er für den Schrank so lange bräuchte, räumte Max sein Werkzeug ein und ging. Den Wohnungsschlüssel schob er vorsichtshalber in die Tasche.

Am nächsten Tag fuhr er morgens zur selben Zeit wieder zum Haus, um Alina den Schlüssel zu bringen. Er habe den doch aus Sicherheitsgründen nicht einfach in den Briefkasten werfen wollen. Wieder lächelte sie und bedankte sich freundlich.

Am dritten Tag klingelte er am Abend bei Alina und entschuldigte sich für die abermalige Störung: Er glaube aber, ein Ladekabel in der Wohnung ihres Vermieters liegengelassen zu haben. Ihr Lächeln war auch diesmal wieder umwerfend, sie nahm den Schlüssel vom Haken und ging mit ihm runter. Max nahm das Ladekabel von der Fensterbank und suchte vergeblich nach den richtigen Worten. Er fand sie nicht, und freundlich lächelnd verabschiedeten sie sich wieder.

Am vierten Tag fuhr er auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Umweg und kam zufällig in dem Moment vorbei, als Alina im strömenden Regen auf ihr Fahrrad steigen wollte. Er hielt an, erzählte irgendetwas von verrückten Zufällen und bot an, ihr Rad in den Bully zu laden und sie zur Arbeit zu fahren. Sie wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht und nahm das Angebot dankbar an. Seitdem wusste er, dass sie im Bauamt angestellt war.

Am selben Abend waren sie zusammen essen gewesen. Ganz ohne Vorwand. Alina hatte ihn danach in ihre kleine Mansardenwohnung noch auf einen Kaffee eingeladen. Und dann hatten sie sich das erste Mal geküsst. Das war genau vor drei Monaten, zwei Wochen und einem Tag gewesen.

Max wurde vom abschließenden Gurgeln der Kaffeemaschine aus den Gedanken gerissen. Er holte zwei Kaffeebecher aus dem Schrank, gab Kaffee und Milch hinein und ging zurück ins Schlafzimmer. Alina hatte sich aufgesetzt, zwei Kissen hinter sich gestopft und sah ihm jetzt mit strahlenden Augen entgegen. »Ich liebe Sonntage«, sagte sie. »Fast so sehr wie dich.«

Sie nahm den Kaffeebecher entgegen und probierte einen Schluck. »Perfekt«, meinte sie. »Irgendwie schmeckt der Kaffee bei dir immer besser als bei mir. Woran liegt das?«

»Daran, dass ich ihn dir ans Bett bringe.« Max lachte, kehrte wieder ins Bett zurück und griff nach seinem eigenen Becher. »Vermute ich zumindest.«

»Womit das Thema dann geklärt wäre.« Alina küsste ihn auf die Schläfe. »Dann bist du also der Kaffeebeauftragte, wenn wir zusammenleben. Herrlich.«

Sie schwiegen einen Moment, dann begannen sie gleichzeitig:

»Wo wollen wir …?«

»Wann wollen wir …?«

Beide lachten, dann sagte Max: »Du zuerst.«

»Nein, du. Ich rede immer zuerst. Sag du. Wo wollen wir was?«

Max rutschte dichter an sie heran. »Ich wollte wissen, wo wir nach einer Wohnung suchen sollen. Also, in welcher Gegend? Eher in der Stadt? Oder auf dem Land? Außerhalb sind die Wohnungen auf jeden Fall günstiger.«

»Aber wir müssten dann immer mit dem Auto fahren.« Alina runzelte ein bisschen die Stirn. »Ich habe ja keins, fahre immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wobei ich andererseits auch gern auf dem Land bin. Hm.«

Max strich ihr eine Locke hinter das Ohr. »Ich habe doch ein Auto. Lass uns das am besten von der Wohnung abhängig machen. Wenn wir eine finden, die uns beide umhaut, ist das die Entscheidung. Pass auf: Ich hole gleich mal meinen Laptop, dann schauen wir, was momentan überhaupt so im Angebot ist. Wolltest du danach fragen? Wann wir anfangen zu suchen?«

»Nein, eigentlich nicht.« Alina lachte. »Das können wir aber trotzdem machen.« Sie stellte ihren Becher auf den Boden und sah ihn mit großen Augen an. »Ich wollte nur wissen, wann ich denn mal deine Familie kennenlerne.«

Max umfasste den Becher mit beiden Händen und zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, irgendwann demnächst mal.«