Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart - Heide Göttner-Abendroth - E-Book

Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart E-Book

Heide Göttner-Abendroth

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Beschreibung

Modern research on matriarchy differs from earlier research on the subject by using an approach based on scientific methodology, as is demonstrated at the outset in this book. This is followed by a brief critical survey of previous research and its development. Modern matriarchy research is once again making accessible this completely different form of society & which is not an inversion of patriarchy. The way in which we conceive of matriarchal societies is being increasingly enriched through comparative cultural analyses. This approach affects and alters every sociocultural area of our knowledge. Modern matriarchal research therefore now forms part of basic research and represents a new philosophical paradigm. This first volume is devoted to contemporary matriarchal societies in East Asia, Indonesia and the Pacific.

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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Matriarchat

Heide Göttner-Abendroth

Das Matriarchat Band I

Umschlag: Schamanin im Ritual, mit ihren Trommlerinnen und den Hausfrauen

(Papiermalerei von Chi-san 1981, aus: Cho Hung-youn: Koreanischer Schamanismus, Hamburg 1982, Hamburgisches Museum für Völkerkunde; Nachzeichnung: Gudrun Frank-Wissmann)

Heide Göttner-Abendroth

Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart

Band I: Ostasien, Indonesien, Pazifischer Raum

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037699-1

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-037700-4

epub: ISBN 978-3-17-037701-1

mobi: ISBN 978-3-17-037702-8

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Die moderne Matriarchatsforschung grenzt sich von der älteren Forschung zu diesem Thema durch ihr wissenschaftlich-methodisches Vorgehen ab. Das wird am Anfang dieses Buches gezeigt. Es folgt ein kurzer, kritischer Überblick über die bisherige Forschung und ihre Entwicklung. Die moderne Matriarchatsforschung macht diese völlig andere Gesellschaftsform, die nicht die Umkehrung des Patriarchats ist, wieder zugänglich. Durch die kulturvergleichenden Analysen wird unsere Vorstellung von matriarchalen Gesellschaften immer reicher. Das berührt und verändert alle sozio-kulturellen Bereiche unseres Wissens. In diesem Sinne ist die moderne Matriarchatsforschung heute Grundlagenforschung und ein neues philosophisches Paradigma.

Band I ist den gegenwärtigen matriarchalen Gesellschaften in Ostasien, Indonesien und dem Pazifischen Ozean gewidmet.

Dr. Heide Göttner-Abendroth, Philosophin und Kulturforscherin, ist freie Wissenschaftlerin und Autorin. Sie gründete 1986 die unabhängige ›HAGIA. Akademie für Moderne Matriarchatsforschung‹ und leitet sie seither.

Inhalt

Danksagung

Vorwort: Zum Begriff »Matriarchat«

Allgemeine Einleitung. Die Philosophie und Methodologie der modernen Matriarchatsforschung.

Meine geistige Reise mit der Matriarchatsforschung

Die politische Relevanz der Matriarchatsforschung

Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie

Von der Logik des Definierens

Interdisziplinarität und Ideologiekritik

Das matriarchale Paradigma

Zu diesem Buch

Kapitel 1: Eine kritische Geschichte der traditionellen Matriarchats­forschung

1.1 Die Pioniere

1.2 Die marxistische Diskussion

1.3 Der anthropologisch-ethnologische Zweig

1.4 Der Zweig der Urgeschichtsforschung

1.5 Der religionswissenschaftliche Zweig

1.6 Der volkskundliche Zweig

1.7 Der archäologische Zweig

1.8 Feministische und indigene Matriarchatsforschung

1.8.1 Die Politik der modernen Matriarchatsforschung

Zu Band I: Indigene matriarchale Gesellschaften in Ostasien, Indonesien und dem Pazifischen Raum

Kapitel 2: Matriarchat in Nordost-Indien

2.1 Die Khasi: Land und Leute

2.2 Das soziale Gefüge

2.3 Die politischen Muster

2.4 Glauben und religiöse Feste

2.5 Die gegenwärtige Situation

2.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform

Auf der ökonomischen Ebene:

Auf der sozialen Ebene:

Auf der politischen Ebene:

Auf der kulturellen Ebene:

Kapitel 3: Matriarchale Religion in Nepal

3.1 Die Newar vom Kathmandu-Tal

3.2 Die Religion der Göttin Kali

3.3 Paschupatinath: Kult von Tod und Leben

3.4 Kumari, die lebende Göttin

3.5 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der kulturellen Ebene:

Kapitel 4: Alte Königinnenreiche und Gruppenehe in Tibet

4.1 Ackerbau- und Hirtenkultur

4.2 Die Bon-Religion

4.3 Alt-tibetische Königinnenreiche

4.4 Polyandrie als geregelte Gruppenehe

4.5 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der sozialen Ebene:

Kapitel 5: Matriarchale Kulturen in China

5.1 Indigene Völker in China

5.2 Die Mosuo in Südwest-China

5.3 Die Chiang in Nordwest-China

5.4 Yao, Miao und andere Völker in Südchina

5.5 Die Völker der Yüeh-Kultur in Südost-China

5.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der ökonomischen Ebene:

Auf der sozialen Ebene:

Auf der politischen Ebene:

Auf der kulturellen Ebene:

Kapitel 6: Schamaninnen in Korea

6.1 Megalithkultur in Ostasien und im Pazifischen Raum

6.2 Frauen in der Geschichte Koreas

6.3 Die Schamaninnen der Gegenwart

6.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der kulturellen Ebene:

Auf der sozialen Ebene:

Kapitel 7: Inseln um Japan – die südliche und die nördliche Frauenkultur

7.1 Japans Schintô-Religion

7.2 Schwester und Bruder auf den Riukiu-Inseln und die Besiedelung Japans

7.3 Matriarchale Mythologie

7.4 Die Ainu in Nordjapan

7.5 Altsteinzeitliche Glaubenswelt

7.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der kulturellen Ebene:

Auf der politischen Ebene:

Auf der sozialen Ebene:

Kapitel 8: »Alam Minangkabau« – die Welt der Minangkabau in Indonesien

8.1 Matriarchale Kulturmuster in Indonesien

8.2 Sozialordnung und Kultur der Minangkabau

8.3 »Darek« und »Rantau«: zwei Seiten, das Patriarchat zu verhindern

8.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der ökonomischen Ebene:

Auf der sozialen Ebene:

Auf der politischen Ebene:

Auf der kulturellen Ebene:

Kapitel 9: Matriarchale Muster in Melanesien

9.1 Die Frauen und Männer der Trobriand-Inseln

9.2 Die Ahnenkinder der Trobrianderinnen

9.3 Der »Kula-Ring« und das Häuptlingswesen der Trobriander

9.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der sozialen Ebene:

Auf der kulturellen Ebene:

Kapitel 10: Kulturen im Raum des Pazifischen Ozeans

10.1 Schiffe, Sterne und Steine

10.2 Frauen in der polynesischen Gesellschaft

10.3 Pelés Clan

10.4 Kriegerhäuptlinge in Ozeanien

10.5 Das Schicksal der Osterinsel

10.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)

Auf der kulturellen Ebene:

Auf der sozialen Ebene:

Verzeichnis der Abbildungen

Literatur

Einleitung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Danksagung

Dieses Buch beruht auf der älteren Version der Teilbände I und II,1 von »Das Matriarchat« (von 1988 bis 1999 im Kohlhammer Verlag erschienen), die der Forschungsgeschichte und den matriarchalen Gesellschaften der Gegenwart in Ostasien, Indonesien und dem Pazifischen Raum gewidmet waren. Es stellt eine erheblich verbesserte und erweitere Neuerscheinung dieser zwei Bände dar. Ein zweites Buch auf der Grundlage des älteren Teilbandes II,2 von »Das Matriarchat« (2000 im Kohlhammer Verlag) soll als erweiterte Neuerscheinung folgen, das die gegenwärtigen matriarchalen Kulturen Amerikas, Indiens und Afrikas zum Inhalt hat. Damit sind die noch lebenden matriarchalen Kulturen weltweit erfasst und neu präsentiert.

Seit dem Beginn meiner Veröffentlichungen zu diesem komplexen Thema konnten meine Erkenntnisse wachsen und haben sich erheblich weiterentwickelt. Sie sind in die vollständige englische Ausgabe von »Das Matriarchat« (New York, 2013) eingeflossen und haben sie sehr bereichert; diese erweiterte Version kursiert mittlerweile international. Umso erfreulicher ist es, dass diese erweiterte, aktuelle Version nun auch in deutscher Sprache erscheinen kann. Dafür bin ich dem Kohlhammer Verlag, der die Publikation der Neuerscheinungen jetzt unternimmt, außerordentlich dankbar. Schließlich ist es dieser Verlag, der meine wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Matriarchat von Anfang an großzügig gefördert hat.

Diese neue Version wäre ohne die solidarische Unterstützung vieler Menschen, durch die mein Wissen wachsen konnte, kaum möglich gewesen. Noch einmal danke ich meiner damaligen Übersetzerin Karen Smith, die vom Deutschen ins Englische übersetzte und mich als Kennerin der Gesichtspunkte von indigenen Menschen als Erste beriet; es kam der englischen Version sehr zugute. Besonders wertvoll waren dann die Vorträge und Werke der indigenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus matriarchalen Kulturen selbst, die während der drei »Weltkongresse für Matriarchatsforschung« (2003, 2005, 2011) zu hören waren. Ich hatte sie eingeladen und schätzte mich glücklich, sie kennen zu lernen. Mit einigen von ihnen entstanden freundschaftliche Verbindungen, so dass ich von ihnen auch auf persönlichem Weg noch Informationen und Kommentare erhielt. Was sie mich wissen ließen, ist in dieses Buch aufgenommen und wird in das geplante nächste Buch einfließen. Dafür danke ich ausdrücklich: Usria Dhavida (Minangkabau, Sumatra, Indonesien), Wilhelmina J. Donkoh (Asante, Ghana, Westafrika), Fatimata Oualet Halatine (Targia/Tuareg, Zentral-Sahara), Hengde Danschilacuo (Mosuo, Südwest-China), Lamu Gatusa (Mosuo, Südwest-China), Makilam (Kabylin, Algerien, Nordafrika), Barbara Alice Mann (Seneca-Irokesin, Ohio, USA), Marina Meneses (Juchiteca, Juchitàn, Mexiko), Patricia Mukhim (Khasi, Meghalaya, Nordindien), Bernedette Muthien (Khoe San, Südafrika), Gad Asyako Osafo (Akan, Ghana, Westafrika), Valentina Pakyntein (Khasi-Pnar, Meghalaya, Nordindien), Taimalie Kiwi Tamasese (Samoa, Polynesien), Savithri Shanker de Tourreil (Nayar, Südindien).

Ebenso danke ich den nicht-indigenen Wissenschaftlerinnen, die matriarchale Völker besuchten und dort wertvolle Forschungen unternahmen. Auch ihnen begegnete ich während der Weltkongresse und wiederholt danach, und sie teilten ihr Wissen mit mir: Veronika Bennholdt-Thomsen (Deutschland), Susan Gail Carter (USA), Hélène Claudot-Hawad (Frankreich), Shanshan Du (China), Carolyn Heath (Großbritannien), Antje Olowaili (Deutschland), Peggy Reeves Sanday (USA), Ruxian Yan (China).

Außerdem danke ich Christina Schlatter, der Gründerin des »MatriArchivs« in der Kantonsbibliothek St. Gallen (Schweiz), für ihre Jahrzehnte lange Unterstützung beim Recherchieren von oft schwer zugänglicher, wissenschaftlicher Literatur und beim Ergänzen von Daten zum Zitieren.

Ganz besonders danke ich den Spenderinnen und Spendern in den »Fonds für Matriarchatsforschung«, der vom Förderverein der Akademie HAGIA e.V. verwaltet wird. Alle ihre Beiträge stellen eine große Hilfe für mich als »freie« Wissenschaftlerin dar, damit die umfangreiche Forschung zum Thema Matriarchat von mir geleistet und publiziert werden konnte und weiterhin kann. In diesem Sinne ist der Fonds ein sehr erfolgreiches Modell.

Vorwort: Zum Begriff »Matriarchat«

Die Welle des populären wie wissenschaftlichen Interesses an Gesellschaften mit nicht-patriarchalen Mustern hat verschiedene neue Bezeichnungen dafür hervorgebracht. Warum sollen wir daher auf dem oft als problematisch empfundenen Begriff »Matriarchat« bestehen? Dafür gibt es gute Gründe, denn diesen Begriff zu beanspruchen und ihn konsequent zu gebrauchen ist von großer Bedeutung: Zugleich mit ihm wird das Wissen über Gesellschaften beansprucht, die sozial, ökonomisch, politisch und kulturell von Frauen geschaffen wurden. Im Verlauf der langen Geschichte dieser Gesellschaften waren Frauen und Männer gleichermaßen beteiligt, sie zur Blüte zu bringen und an künftige Generationen weiterzugeben. Diese kurze Bemerkung soll im Augenblick als Orientierung genügen.

Dieses Buch wurde mit dem Ziel geschrieben, eine gut begründete, solide, wissenschaftliche Definition von »Matriarchat« zu entwickeln, die bisher überall fehlt. Ich hoffe, dass sie nützlich sein wird, um sich in einem Meer von Missverständnissen zu diesem Begriff und zu den Kulturen, die er bezeichnet, zurechtzufinden. Die Entwicklung dieser Definition begleitet uns wie ein roter Faden durch das ganze Buch, was an dem Schlussteil von jedem Kapitel »Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform« zu sehen ist. Hier wird die Definition Schritt für Schritt aus dem Inhalt der einzelnen Kapitel entfaltet.

Von Anfang an sei hier festgehalten, dass Matriarchate grundsätzlich egalitäre Gesellschaften sind. Sie sind, was die gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten und die Freiheit beider Geschlechter betrifft, wahrhaft geschlechter-egalitär und im Zusammenwirken aller Teile der Gesellschaft vollständig egalitär. Dabei sind die Frauen, insbesondere die Mütter, die Mitte dieser Gesellschaften. Die Mitte bedeutet nicht die Spitze, das »Oben«, wie es Patriarchaten üblich ist, sondern es ist eine alle Teile der Gesellschaft integrierende Mitte. Daher können Matriarchate entschieden nicht als das Spiegelbild von Patriarchaten betrachtet werden, mit herrschenden Frauen anstelle der in patriarchalen Gesellschaften herrschenden Männer. Denn matriarchale Menschen haben die hierarchischen Strukturen von Patriarchaten bewusst niemals angenommen. Patriarchale Herrschaft, die begann, indem eine männliche Minderheit durch Krieg und Eroberung die Mehrheit der Menschen einer anderen Kultur unterdrückt und ausgebeutet hat, hängt von Macht durch Waffengewalt ab. Daraus folgte der bei den Herrschenden angehäufte Privatbesitz, der ihre Herrschaft festigte. In späteren Phasen kamen Kolonialismus und Missionierung hinzu, wobei die eigene Lebensweise und das eigene Denken anderen Menschen aufgezwungen wurden. Diese Strukturen von Gewalt und Zwang sind eine geschichtlich ziemlich späte Entwicklung, die nicht früher als ein paar Jahrtausende vor unserer Zeit auftauchten – in vielen Weltgegenden begannen sie noch erheblich später. Davor und in einigen Regionen bis heute gab und gibt es einen völlig anderen Typus von Sozialordnung, Lebensweise und Weltanschauung, eben den matriarchalen.

Diejenigen, die an den Mythos vom ewigen Patriarchat glauben, stellen diese relativ späte Gesellschaftsform jedoch so dar, als ob es sie überall und von Anfang an zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte gegeben habe. Zahlreiche Fiktionen dieser Art wurden von Hunderten patriarchal orientierter Theoretiker propagiert. Deshalb sind sie auch nicht in der Lage, den Begriff »Matriarchat« anders als immer wieder mit Herrschaftsmustern zu verknüpfen. Dann forschen sie vergeblich in der ganzen Weltgeschichte nach Beispielen von Gesellschaften mit Frauenherrschaft, und wenn sie keine finden, die ihrer falsch formulierten Hypothese entsprechen, erklären sie zum Schluss, dass Matriarchate weder jetzt noch früher jemals existiert haben. Es ist, als ob man sich ein Gespenst erschafft und dann nach diesem auf die Suche geht, um es, weil es nicht gefunden werden kann, zuletzt zu einem Gespenst zu erklären. Dies ist nichts anderes als ein unlogischer Zirkelschluss und eine beschämende Verschwendung von Wissenschaft.

Das allgemeine Missverständnis zum Begriff »Matriarchat« kann man bereits durch einen linguistischen Hinweis aufklären. So wird angenommen, allein weil die beiden Wörter »Matriarchat« und »Patriarchat« parallel klingen, dass auch die beiden Gesellschaftsformen in ihrer Herrschaftsstruktur parallel seien. Vorschnell kommt es damit zu dem üblichen Vorurteil, dass »Matriarchat« gleichbedeutend sei mit »Frauenherrschaft« oder »Herrschaft der Mütter«. Auf dem Fuße folgt die Annahme, dass Matriarchate genauso funktionieren wie Patriarchate, nur mit umgekehrtem Geschlecht. Linguistisch bedeutet das griechische Wort »arché« aber nicht nur »Herrschaft«, sondern auch »Anfang« – was die ältere Bedeutung dieses Wortes ist. Diese beiden Bedeutungen sind verschieden und können nicht vermischt werden. Sie werden auch in unserem Sprachgebrauch noch klar unterschieden, zum Beispiel würden wir »Arche-typ« doch nicht mit »Herrschaftstyp« übersetzen wollen, sondern verstehen darunter einen »uranfänglichen Typus«. Auch »Archäo-logie« bedeutet nicht die »Lehre von der Herrschaft«, sondern die »Lehre von den Anfängen der Kultur«. Selbst die »Arche Noah« meint nicht »Noahs Herrschaft«, sondern den Neubeginn der Menschheit nach der Sintflut, so wie es die Bibel darstellt.

Auf dem Boden dieser älteren Bedeutung von »arché« als »Beginn« heißt »Matri-archat« also »am Anfang die Mütter«. Das bezieht sich sowohl auf die biologische Tatsache, dass Mütter durch die Geburt den Beginn des Lebens schenken, als auch auf die kulturelle Tatsache, dass sie den Anfang von Kultur geschaffen haben. Patriarchat kann auch als »Herrschaft der Väter« und als »am Anfang die Väter« übersetzt werden. Die letztere Bedeutung führt jedoch unmittelbar zur Herrschaft der Väter. Denn weil ihnen jede natürliche Gabe für das Setzen eines »Anfangs« fehlt, sind sie seit Beginn des Patriarchats gezwungen, genau das zu behaupten, in ihren Mythen aus dem Kopf zu gebären und diese »Wahrheit« mit Gewalt durchzusetzen. Im Gegensatz dazu sind Mütter klar am Anfang durch ihre Fähigkeit Leben zu geben, womit sie nicht nur individuelle Menschen, sondern auch die Verwandtschaftsgruppe, die nächste Generation und damit die Gesellschaft hervorbringen. Deshalb haben sie es im Matriarchat nicht nötig, ihre Position durch Herrschaft zu erzwingen.

Ich möchte nochmals betonen, dass dieser linguistische Hinweis keine Definition ist. Die wissenschaftliche Definition von »Matriarchat« wird, auf dem Boden der Forschung zu diesem Typus von Gesellschaften, in diesem Buch empirisch Schritt für Schritt gewonnen.

Es gibt noch weitere Gründe, den Begriff »Matriarchat« zu gebrauchen und keinen der Ersatzbegriffe zu wählen. Nicht alle Wissenschaftlerinnen, die an der modernen Matriarchatsforschung beteiligt sind, benennen diese Gesellschaftsform gleich. Es werden solche Wortschöpfungen gewählt wie »matrifokal«, »matristisch«, »matrizentrisch« oder »gylanisch«. Dennoch stimmen alle darin überein, dass es sich um eine Gesellschaftsform handelt, die keine patriarchalen Herrschaftsmuster hat und einen hohen Grad von Ausgewogenheit oder Balance aufweist. Aber diese neu erfundenen Ersatzbegriffe haben den Mangel, dass sie sehr künstlich sind und keine Verbindung zur Umgangssprache haben. In der Regel sind sie kaum definiert und zu schwach oder zu eng. Zum Beispiel suggerieren die Wörter »matrifokal« und »matrizentrisch«, dass alles um die Mütter kreise, wobei das vielfältige Netz der sozialen und politischen Beziehungen zwischen den Menschen in matriarchalen Gesellschaften vernachlässigt wird; diese Begriffe sind also zu eng. Das Wort »matristisch« enthält die Silbe »-istisch«, die auf einen »-ismus« hinweist, was abwertend ist. Denn jeder »-ismus«, wie »Biologismus«, »Ökonomismus«, »Sozialismus« und so weiter, wird als einseitig verstanden, weil er Anteile an dogmatischer Ideologie enthält; daher ist diese Bezeichnung hier nicht zu gebrauchen. Der Begriff »gylanisch« (R. Eisler) ist völlig fremd und benötigt eine lange Erklärung, um überhaupt verstanden zu werden. Er meint die Verbindung (griechisch: »lyein«) von Frauen (griechisch: »gyne«) und Männern (griechisch: »andros«), was Kenntnisse in Griechisch voraussetzt. Außerdem bestehen matriarchale Gesellschaften keineswegs nur aus Männer-Frauen-Partnerschaften, sondern aus weit mehr und anderen sozialen Beziehungen; auch dieser Begriff ist, abgesehen von seiner Unverständlichkeit zu schwach.

Im Gegensatz zu diesen Kunstbegriffen ist der Begriff »Matriarchat« allgemein bekannt und ein Wort der Umgangssprache. Jede gebildete Person versteht ihn, ganz gleich ob sie darauf positiv oder negativ reagiert. Bei den meisten löst er das alte Vorurteil von der »Frauenherrschaft« aus, was jedoch die Möglichkeit bietet, ein Gespräch darüber zu führen. Man kann darauf hinweisen, dass der Begriff mittlerweile neu definiert wurde und sich auf egalitäre Gesellschaften bezieht. Jede philosophische und wissenschaftliche Re-Definition von Begriffen geht von bekannten Begriffen der Umgangssprache aus und definiert sie auf dem Boden neuer Erkenntnisse neu; es ist ein normaler wissenschaftlicher Vorgang. Danach kann auf wissenschaftlicher Ebene mit ihnen gearbeitet werden, aber man verliert dabei nicht den Kontakt zur Umgangssprache. Die Begriffe gewinnen durch die Re-Definition eine neue, klarere und umfassendere Bedeutung als in der Umgangssprache. Umgekehrt wird die Umgangssprache durch die wissenschaftlich re-definierten Begriffe wieder beeinflusst, was den allgemeinen Diskurs sehr bereichert.

Nehmen wir zum Beispiel den Begriff »Atom«, der bei den griechischen Philosophen das »kleinste Unteilbare« bedeutete. In der modernen Atomphysik wurde er grundlegend neu definiert, so dass wir heute eine ganz andere Vorstellung davon haben, was ein Atom in seinem gesamten Aufbau ist. Ein anderes Beispiel sei der Begriff »Nachhaltigkeit«. In der alltäglichen Sprache meint er etwas, »das sich lange hält und von Dauer ist«. In der neuen Wissenschaft der Ökologie wurde er als ein zentraler Begriff neu definiert, der nun viele besondere Bedingungen enthält, die für das Verständnis von »Nachhaltigkeit« wichtig sind. Damit enthält er jetzt eine viel weitere Weltsicht als zuvor. So ist auch im Fall des meist unsachlich gebrauchten Begriffs »Matriarchat« eine Neudefinition ein großer Vorteil. Denn diesen Begriff wieder einzufordern bedeutet, das Wissen über Kulturen zurück zu gewinnen, die von Frauen geschaffen wurden und deren Lebensweise für alle Menschen grundsätzlich egalitär war. Das stellt auch für die Umgangssprache und das allgemeine Verständnis einen großen Gewinn dar.

Heute verwenden einige indigene Völker offen den Begriff »Matriarchat«, um ihre egalitären Gesellschaftsmuster zu bezeichnen, wie es die Minangkabau in Sumatra, die Mosuo in China und etliche nordamerikanische Ethnien tun, unter ihnen die Irokesen. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler respektieren es und folgen ihnen, sie re-definieren den Begriff »Matriarchat« entsprechend und verwenden ihn in seiner geklärten Bedeutung. Für diese indigenen Völker ist die Benennung von politischer Bedeutung. Sie nehmen den Begriff »Matriarchat« bewusst an, weil sie damit ihre besondere Gesellschaftsform betonen, für die sie vorher kein Wort hatten. Zugleich betonen sie ihre Werte, die zeigen, wie das gesellschaftliche Leben ohne Gewalt und Zwang, stattdessen bedürfnisorientiert und friedfertig organisiert werden kann.

Diesen politischen Gehalt hat der Begriff »Matriarchat« auch für uns, wenn wir uns eine andere, bessere Gesellschaftsform vorstellen und sie erstreben als die, die uns umgibt, ebenso wenn wir eine Zukunft gestalten wollen, die im Gegensatz zu patriarchaler Herrschaft und Gewalt von Menschlichkeit geprägt ist und schlicht »human« genannt werden kann.

Auf dem Weghof, Juni 2020

Allgemeine Einleitung. Die Philosophie und Methodologie der modernen Matriarchatsforschung.

Dieses Kapitel bezieht sich auf die Gründung und Entwicklung der modernen Matriarchatsforschung, die als ein eigenständiger Wissensbereich zu gelten hat. Sie ist nicht noch eine weitere sozio-kulturelle Disziplin im Wissenschaftsbetrieb, da sie die Grenzen der herkömmlichen Disziplinen überschreitet. Nach meinem ersten theoretischen Entwurf dazu, was die moderne Matriarchatsforschung ist,1 entwickelte ich ihre Philosophie und Methodologie in ständiger Verbindung mit meiner konkreten Forschung zu matriarchalen Gesellschaften weiter. Es ist ein wechselseitiger Prozess, das heißt, die neuen Einsichten, die meine praktische Forschung hervorbrachte, konnten nur im Licht der Theorie verstanden werden, aber ohne diese konkrete Forschung wäre die Theorie steril und leer geblieben.

Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Teil in dem gesamten Prozess, eine Philosophie oder Theorie des Matriarchats zu entwickeln. Es setzt in einem bedeutenden Schritt einen Teil davon in konkrete Forschungsaufgaben um, was in der Philosophie und Methodologie der modernen Matriarchatsforschung als ein programmatischer Rahmen skizziert worden ist. Natürlich konnte das Buch nur in Verbindung mit dieser Philosophie entstehen und ist ohne sie nicht vollends zu verstehen. Deshalb stelle ich in dieser Einleitung die Philosophie und Methodologie der modernen Matriarchatsforschung voran.

Weiter unten werde ich erläutern, welchem Teil der Theorie es entspricht. Dabei wird gleichzeitig klarer werden, was moderne Matriarchatsforschung ist und was sie alles umfasst.

Meine geistige Reise mit der Matriarchatsforschung

Warum habe ich mich mit diesem Gebiet, dessen zentraler Begriff so sehr missverstanden und das in der Sache häufig denunziert wird, überhaupt eingelassen? Während der Zeit, als ich traditionelle und moderne Philosophie studierte und meine Dissertation in Wissenschaftsphilosophie schrieb, quälte mich unausgesetzt die Frage, was dies eigentlich mit mir als Frau zu tun hat. Denn in allen philosophischen Systemen war stets allgemein vom »Menschen« die Rede, womit jedoch nur die männliche Hälfte der Menschheit gemeint war, die zur Norm erhoben und über alles gesetzt wurde. Die weibliche Hälfte der Menschheit existierte in diesen Theorien nicht, die Gleichsetzung von »Mensch« und »Mann« war in der Weltsicht und Sprache der europäisch-westlichen Philosophie allgegenwärtig. Ich fühlte mich hier fremd und litt unter einem schleichenden Verlust meiner Identität als Frau. So begab ich mich auf die Suche nach einer Welt und Denkweise, in der ich als Frau vorkam, und ich fand sie zu meiner Überraschung in der geschichtlichen Epoche vor der griechischen und römischen Zivilisation, einer Epoche, die noch nicht patriarchal geprägt war. Damit begann ich mit meiner Forschung zu matriarchalen Gesellschaften. Ich fing bei meinem eigenen kulturellen Hintergrund an und untersuchte die sozialen und mythologischen Muster der vor-patriarchalen Kulturen Europas, des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens (Westasiens). Dieses Doppelstudium, das offizielle und das inoffizielle, half mir, in der repressiven Institution Universität geistig-seelisch zu überleben.

Nachdem ich noch zehn Jahre Philosophie an der Universität gelehrt hatte,2 stand ich am Scheideweg: Wollte ich dieser patriarchalen Philosophie weiter dienen, oder wollte ich mich ganz der Matriarchatsforschung widmen, die vonseiten der Universität ignoriert wurde, aber im höchsten Grad sozial und politisch relevant war? Dies erkannte ich nur zu deutlich durch meine Aktivität in der beginnenden Zweiten Frauenbewegung und der Frauenforschung, durch welche die neue Matriarchatsforschung zum ersten Mal öffentlich gehört wurde. Ich entschied mich gegen eine universitäre Karriere, verließ diese Institution und gründete die autonome »Internationale Akademie HAGIA für Moderne Matriarchatsforschung«. Seither forsche und lehre ich als unabhängige Wissenschaftlerin im Kontext der feministischen und der alternativen Bewegungen. Für mich bedeutete diese Freiheit, mich so frei wie möglich von den patriarchalen Verinnerlichungen zu machen, welche die europäisch-westliche Philosophie und Wissenschaft ihren Schülern und Schülerinnen indoktrinieren. Natürlich wurde ich seither vom wissenschaftlichen Establishment diskriminiert und in der allgemeinen Öffentlichkeit denunziert.3

Von Anfang an bedeutete diese Aufgabe, die moderne Matriarchatsforschung zu entwickeln, zugleich eine tiefe Kritik des Patriarchats. Denn Frauen sind immer Fremde in einem patriarchalen System, immer unsichtbar, ungehört, immer die »Anderen«. Dies wird im Allgemeinen »Sexismus« genannt, doch es ist weit mehr, nämlich der Kolonialismus nach innen, der in patriarchalen Gesellschaften die Ausbeutung der Frauen in ihrer Gesamtheit bedeutet.4

Bei meiner Wurzelsuche nach einer von Frauen geprägten Weltsicht und Kultur in jenen Zeiten Europas, die vor dem europäischen Patriarchat lagen, stieß ich bald an unübersteigbare Grenzen: Die frühen matriarchalen Kulturen Europas, des Mittelmeerraumes und Westasiens waren schon lange zerstört. Nur Fragmente sind übrig geblieben, verzerrt durch dicke Schichten späterer Interpretationen; diese Reste sind nicht ausreichend, um das vollständige Bild matriarchaler Gesellschaften herauszufinden. Sie konnten mir nicht weiterhelfen zu erfahren, wie die Menschen in matriarchalen Gesellschaften leben, handeln, feiern und Politik machen. Wollte ich nicht Gefahr laufen, Wissen durch Phantasie zu ersetzen, musste ich den begrenzten Raum Europas verlassen.

So entschied ich mich, die ethnologische Forschung heranzuziehen, die zu diesem Thema unternommen worden war. Aber in dieser Disziplin begegneten mir dieselben Vorurteile über matriarchale Kulturen, dieselbe Fragmentierung und Verzerrung der Sachverhalte, die ich schon in der historischen Forschung gefunden hatte. Deren Quelle, nämlich die europäisch-westliche Philosophie, kannte ich nur allzu gut, und das führte mich dazu, meine Kritik an der patriarchalen Ideologie zu erweitern. Diese Kritik richtete sich jetzt gegen den Kolonialismus nach außen, diese ausbeuterische Kombination von Imperialismus, Rassismus und Sexismus, die auf allen Kontinenten indigene Männer und Frauen zu den »Anderen« macht und sie in die Unsichtbarkeit und Unhörbarkeit stößt. Das trifft noch verschärft auf matriarchale Gesellschaften zu. Genauso wie es die weibliche Hälfte der Menschheit in der westlich-patriarchalen Philosophie nicht gibt, existieren Gesellschaften und Kulturen matriarchaler Prägung gemäß dieser Ideologie ebenfalls nicht und haben angeblich niemals existiert. Dank der ideologiekritischen Methode, die ich unterdessen entwickelt hatte und die mich das Verschweigen durchschauen ließ, fand ich jedoch reichliche Evidenz für ihre Existenz. So entstand allmählich eine völlig andere Perspektive auf Gesellschaft und Geschichte, die ich das »matriarchale Paradigma« nenne.

Obwohl mit der Zweiten Frauenbewegung verknüpft, überschreitet das matriarchale Paradigma jene Auffassungen des Feminismus, die der europäisch-westlichen Denkweise verhaftet bleiben. Denn erstens ist es nicht nur mit der Situation von Frauen beschäftigt und stellt auch keinen a-historischen Antagonismus zwischen Frauen im Allgemeinen und Männern im Allgemeinen her. Im matriarchalen Paradigma gelten solche Verallgemeinerungen als kontraproduktiv, denn sie missachten die höchst verschiedenen gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontexte, in welche die Geschlechterfrage eingebettet ist. Die moderne Matriarchatsforschung bezieht sich dagegen auf das gesamte Gefüge einer Gesellschaft aus Frauen und Männern, aus Alten und Jungen und schließt das Verhältnis von menschlicher zu außermenschlicher Natur ein. Außerdem beschränkt sie sich nicht auf die westliche Welt – wie es im Mainstream-Feminismus meist geschieht –, sondern ist mit den nicht-patriarchalen Gesellschaften auf allen Kontinenten beschäftigt. Aus demselben Grund überschreitet das matriarchale Paradigma auch die gängige Genderforschung, die ebenfalls der westlichen Denkweise verhaftet bleibt und weder die Geschichte noch indigene Gesellschaften auf anderen Kontinenten in den Blick bekommt.

Die politische Relevanz der Matriarchatsforschung

Indem ich kritische Analyse und kulturvergleichende Forschung miteinander verband, entdeckte ich ein vollständiges Bild der Struktur matriarchaler Gesellschaften, eine Aufgabe, der ich mich viele Jahre widmete. Meine geistige Reise führte mich auf verschiedene Kontinente, und die dort lebenden matriarchalen Gesellschaften und Kulturen wurden meine wahren Lehrerinnen. Ich zog nicht nur die westliche Literatur über sie heran – die man nur mit kritischem Blick hinsichtlich ihrer patriarchalen Ideologie lesen kann – sondern unternahm auch eine Forschungsreise zu den matriarchalen Mosuo in Südwestchina. Aufgrund ihrer Einladung reiste ich mit einem Team von Mitarbeiterinnen dorthin, denn es kam mir nicht in den Sinn, uneingeladen indigene Völker aufzusuchen und sie zusätzlich zu den vielen politischen Problemen, die sie zu lösen haben, noch mit meiner Gegenwart zu belasten. Die Mosuo wünschten ausdrücklich, dass ich über sie schreibe, denn sie betrachten jede seriöse und verständnisvolle Publikation als einen Baustein in ihrem Kampf um Anerkennung ihrer Kultur im gegenwärtigen China.5 Die Begegnungen mit den Mosuo und mit vielen Gewährspersonen aus matriarchalen Kulturen bei anderen Gelegenheiten ließen mein Wissen wachsen und veränderten mein Denken tiefgreifend. Damit veränderte sich schrittweise auch mein Leben.

Zugleich wurde mir immer deutlicher bewusst, wie wenig ich als Außenstehende eigentlich über ihre Kultur wissen kann. Dies bewahrte mich davor zu meinen, dass meine Ergebnisse anstelle von indigenen Völkern sprechen könnten, noch würde ich beanspruchen, dass meine Analyse der Tiefenstruktur der matriarchalen Gesellschaftsform auch nur eine dieser Gesellschaften vollständig in allen Einzelheiten darstellen könnte. Auch behaupte ich nicht, sämtliche Formen indigener Gesellschaften erfasst zu haben, sondern ich beziehe mich nur auf die matriarchal-indigenen. Solche Aufgaben könnten nur durch viele Jahre ethnografischer Feldarbeit in vielen Weltgegenden erfüllt werden, und das geschieht am besten durch indigene Forscher und Forscherinnen selbst über ihre eigenen Gesellschaften. Glücklicherweise gibt es heute immer mehr indigene Wissenschaftler/innen, die ihre eigenen Gesellschaften untersuchen und dabei berechtigte Kritik an der verzerrenden und abwertenden Art üben, wie ihre Kulturen in der patriarchal-kolonialistisch geprägten Ethnologie dargestellt wurden. Zugleich setzen sie ihre Kenntnis für eine Bewahrung und Rehabilitation ihrer Kulturen ein und für ihren politischen Kampf um Selbstbestimmung.6

Meine Arbeit hier ist eine andere: Es geht darum einen theoretischen Rahmen zu schaffen, um den Typus der matriarchalen Gesellschaft überhaupt zu erkennen und angemessen darstellen zu können. Ohne einen solchen theoretischen Rahmen würden wir in dieser Hinsicht blind bleiben, wie es in den patriarchal geprägten sozio-kulturellen Wissenschaften bis heute geschieht. Diese besondere Gesellschaftsform wird oft als »matrilinear«, »matrifokal«, »matristisch« oder »gylanisch« bezeichnet, womit statt einer klaren Definition von »matriarchal« – die allgemein in der Forschungsgeschichte zu diesem Thema fehlt, was viel Verwirrung stiftet – lediglich schwächere Ersatzbegriffe erfunden werden, die willkürlich und unangemessen sind. Dabei werden zwar Auflistungen von einzelnen Elementen dieser Gesellschaftsform gegeben, doch es fehlt der innere Zusammenhang und das Verstehen dieses Typs von Gesellschaft als ganzer. Demgegenüber habe ich mich der Aufgabe gewidmet, die Tiefenstruktur dieser Gesellschaftsform herauszufinden, und dafür muss ich einige indigene Gesellschaften dieses Typs im Wesentlichen verstehen können. Aber ich muss sie weder vollständig noch in allen Einzelheiten erfassen und beschreiben, was – wie schon gesagt – mir als Europäerin letztlich nicht möglich ist.

Diese Aufgabe hat gleichzeitig politische Relevanz. Denn sie besitzt Überschneidungen mit den politischen Intentionen verschiedener alternativer Bewegungen, die für Selbstbestimmung kämpfen. Es besteht eine wichtige Überschneidung der modernen Matriarchatsforschung mit dem westlichen Feminismus, soweit er Kritik an der inneren Kolonisierung von Frauen durch das westliche Patriarchat übt, das Frauen als den »Anderen« nur einen Objektstatus zuweist. Im Feminismus werden Frauen hingegen als handelnde Subjekte in Gesellschaft und Geschichte gesehen und ihre Selbstbestimmung gefördert – eine Position, die für die moderne Matriarchatsforschung wesentlich ist.

Aber gibt es nicht nur ein westliches Patriarchat europäisch-amerikanischer Prägung, sondern auch ein östliches Patriarchat islamischer oder chinesischer Prägung, ebenso ein südliches Patriarchat indischer oder afrikanischer Prägung, und so weiter auf allen Kontinenten. Daraus ergeben sich erhebliche Verschiedenheiten im internationalen feministischen Kampf für die Selbstbestimmung der Frauen. Doch es gibt ähnliche Prinzipien, nach denen Frauen heute überall von verschiedenen patriarchalen Eliten unterdrückt werden. Das verschärft sich noch, wenn diese herrschenden regionalen Eliten im Lauf der jüngeren Geschichte vom westlichen, globalen Patriarchat überlagert oder beeinflusst wurden und werden. Daraus ergeben sich zahlreiche weitere Überschneidungen der modernen Matriarchatsforschung mit denverschiedenen Formen von Feminismus auf anderen Kontinenten. Denn sie zeigt Patriarchalisierungsprozesse nicht nur in Europa auf, sondern auch in den anderen Kontinenten.

Wie das im Einzelnen vor sich gegangen ist, können die Forscherinnen in anderen Weltgegenden wiederum am besten selbst bei der Analyse der Geschichte ihrer konkreten Gesellschaften herausfinden. Deshalb sind Aussagen über geschichtliche Vorgänge bei anderen Völkern, die ich mache, nur als Anregungen zu verstehen, die darauf hinweisen sollen, dass die moderne Matriarchatsforschung für solche neuen und tiefgreifenden Analysen der Geschichte einen Rahmen bereitstellt. Bei meinen geschichtlichen Hinweisen nehme ich die mündlichen Traditionen der entsprechenden Völker – soweit ich etwas darüber wissen kann – ebenso ernst wie die schriftlichen und archäologischen Zeugnisse.

Nun sind es heute im westlichen Patriarchat nicht nur Frauen, die sich gegen die zunehmende Gewalt und Militarisierung der europäischen und US-amerikanischen Gesellschaften zur Wehr setzen, sondern auch viele westliche Männer. Denn es sind Frauen und Kinder, aber auch die meisten Männer von den repressiven, ausbeuterischen Strukturen des Patriarchats betroffen, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Das gilt gleichermaßen für die diversen anderen Patriarchate in der Welt, sei es im Osten oder im Süden. In zahlreichen internationalen Bewegungen kämpfen Männer auf allen Kontinenten deshalb für eine grundsätzliche Veränderung dieser Situation und für eine bessere Gesellschaft, wobei ihre Kämpfe ebenfalls eine große Verschiedenheit zeigen.

Sofern sie dabei die Erkenntnis haben, dass ihr Kampf sich nicht nur gegen kolonialistische und kapitalistische Strukturen richtet, sondern auch gegen mehrtausendjährige oder jüngere Formen des Patriarchats, gibt es auch eine bedeutende Überschneidung von ihren diversen alternativen Bewegungen mit der modernenMatriarchatsforschung. Ist diese Erkenntnis bei alternativen Männern jedoch nicht vorhanden, so lässt ihr Befreiungskampf eine entscheidende Tatsache aus oder degradiert sie zur Nebensache, und er wird an der Geschlechterfrage scheitern – wie schon oft zu beobachten war. Wenn dagegen Kolonialismus gleich welcher Provenienz als kolonialistisches Patriarchat und Kapitalismus als kapitalistisches Patriarchat und die derzeitige Art von Globalisierung als globalisiertes Patriarchat verstanden werden, dann bekommt dieser Kampf eine größere gesellschaftliche und geschichtliche Tiefe. Dann weist er Übereinstimmungen mit dem feministischen Kampf der Frauen um Selbstbestimmung auf. Die moderne Matriarchatsforschung wird dann als das erscheinen, was sie tatsächlich ist, nämlich als eine kritische und emanzipatorische Gesellschaftsforschung in erster Linie von Frauen, doch nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen.

Sie kann ebenfalls eine wichtige Unterstützung für den Kampf indigener Völker für ihre kulturelle Identität sein. Die indigenen Gesellschaften auf allen Kontinenten werden von den verschiedenen, herrschenden patriarchalen Eliten durch den äußeren Kolonialismus unterdrückt und sind in etlichen Fällen in Gefahr zerstört zu werden. Sie kritisieren und bekämpfen den Kolonialismus, und bei ihrem Kampf um Selbstbestimmung kommt es auch darauf an zu erkennen, dass dieser ein Teil des Patriarchats ist. Besonders krass tritt dies hervor, wenn es sich um die letzten, noch existierenden matriarchalen Kulturen handelt, weil der Kolonialismus hier zusätzlich mit Sexismus verbunden ist, was einen doppelten Druck für sie bedeutet. Genauso wie es im Denken des sexistischen Patriarchats die Frau nicht gibt, gibt es auch keine matriarchalen Gesellschaften – weil es sie nicht geben darf! Deshalb wurde bei der patriarchalen Kolonisierung indigener Gesellschaften die Bedeutung der Frauen allgemein missachtet und zum Verschwinden gebracht, was sich im Fall von indigenen matriarchalen Gesellschaften besonders verheerend ausgewirkt hat und noch auswirkt. Bei indigenen Gesellschaften mit patriarchalen Mustern würde das allerdings bedeuten, zum kolonialistischen Sexismus von außen auch den eigenen Sexismus nach innen kritisch wahrzunehmen und aufzulösen.

In vielen Fällen verschärft sich das Problem für indigene, matriarchal lebende Völker noch dadurch, dass ihnen das Besondere ihrer Gesellschaftsform selbst nicht bewusst ist – sie haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keinen Begriff dafür. Sie betrachten ihre Gesellschaft üblicherweise als die Summe ihrer je eigenen Traditionen, die einen lokalen Namen oder gar keinen hat. Dieses Namenlose droht in der Gegenwart verloren zu gehen, wenn keine Bewusstheit für das Besondere dieser Kulturen hinzutritt, das weltweit war und sogar noch ist und das gerade in der heutigen patriarchalen Gegenwart eine so große Bedeutung hat.

Hier ist indigene Forschung über die eigene Gesellschaft äußerst wichtig, und diese besitzt wesentliche Überschneidungen mit der modernen Matriarchatsforschung. Die Tiefenstruktur der matriarchalen Gesellschaft kann hier die Erkenntnis vermitteln, dass diese besondere Gesellschaftsform noch heute in allen Kontinenten existiert und eine lange, weltweite Geschichte hat – viel länger als die patriarchale Gesellschaftsform. Matriarchale Gesellschaften stehen also keineswegs als vereinzelte, »exotische« Fälle da, sondern haben einmal größte Allgemeinheit besessen. Das würde die Traditionen einzelner matriarchaler Gesellschaften in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen, es würde ihre Ähnlichkeiten zeigen und sie sehr bestärken. Diese Erkenntnisse können matriarchale Völker im Kampf um ihre kulturelle Identität unterstützen und ihre weltweite Vernetzung untereinander fördern – und das ist keine geringe Sache.

Diese vielfältigen Überschneidungen deuten die vielfältigen Möglichkeiten an, die moderne Matriarchatsforschung zu gebrauchen. Da sie eine grundsätzlich kritische und emanzipatorische Forschung ist, kann sie ein respektvolles, heilendes und erzieherisches Potential entfalten. Auf diese Weise trägt sie dazu bei, feministische Frauen und alternative Männer in westlichen Gesellschaften und indigene Völker in allen Kontinenten zu ermächtigen, um weite und wirksame politische Bündnisse miteinander gegen die regionalen und globalen patriarchalen Eliten zu bilden.

Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie

Die wenigen Hinweise zur politischen Relevanz der modernen Matriarchatsforschung zeigen, wie praktisch eine gute Theorie sein kann. Doch das gilt nicht nur für das gesellschaftliche Leben, sondern auch für die geistige Arbeit. Das möchte ich im Folgenden skizzieren.

Die moderne Matriarchatsforschung ist während der letzten Jahrzehnte entstanden und macht heute schnelle Fortschritte. Als emanzipatorische Forschung kommt es bei ihr auf den Prozess ebenso an wie auf die Resultate. Diesen Prozess stelle ich hier kurz dar und schließe dabei theoretische Überlegungen ein. Klar formulierte, konsistente Theorien sind ein äußerst effizientes wissenschaftliches Werkzeug, das von allen daran interessierten Forscherinnen und Forschern weiterverwendet werden kann. Denn auch hier gilt: Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie!

Durch langjährige, vorbereitende Arbeit habe ich der modernen Matriarchatsforschung ein starkes Fundament gegeben, das auf wissenschaftstheoretischen Prinzipien beruht und ihr erlaubt, sich als eine neue sozio-kulturelle Wissenschaft zu entfalten. Dieses Fundament enthält:

• erstens die Formulierung einer zunehmend genaueren Definition von »Matriarchat«, welche die Tiefenstruktur dieser Gesellschaftsform wiedergibt;

• zweitens die Entwicklung einer Methodologie, die ihr Untersuchungsgebiet: matriarchale Gesellschaftsform, angemessen analysieren kann;

• drittens die Entwicklung eines theoretischen Rahmens, der die enorme geschichtliche und geographische Reichweite der matriarchalen Gesellschaftsform systematisch umfassen kann.

Den ersten Entwurf der modernen Matriarchatsforschung schrieb ich 1978 nieder, in dem ich einen theoretischen Rahmen und eine Methodologie der Matriarchatsforschung vorstellte, wobei Ideologiekritik als eine wesentliche Methode einbezogen ist.7 Von Anfang an erkannte ich, dass es entscheidend ist, den Begriff »Matriarchat« neu zu definieren. Denn es gab bis dahin keine Klarheit zu diesem Begriff. In voller Absicht wählte ich keinen Ersatzbegriff, denn diejenigen, die ich kannte, waren ebenso unklar oder gar nicht definiert.8 Also formulierte ich eine erste, noch sehr vereinfachende Definition von »Matriarchat«, die sich jedoch klar auf die gesamte Gesellschaftsform mit ihren sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Mustern bezieht – und nicht nur auf das eine oder andere.

In meinem ersten Buch Die Göttin und ihr Heros arbeitete ich zunächst einige Muster auf der kulturellen Ebene aus, die sich auf das matriarchale Weltbild beziehen.9 Darin wird eine Methode der vergleichenden Mythenforschung entwickelt, die eine differenzierte Struktur matriarchaler Mythologie sichtbar werden lässt und ihre Transformationen in den verschiedenen Phasen der Patriarchalisierung zeigt. Damit stellte ich Mythen aus dem kulturellen Raum von Indien bis Europa in ihren kulturgeschichtlichen Kontext mit seinen deutlich unterscheidbaren Phasen zurück. Dadurch erhält eine strukturelle Betrachtung überhaupt erst historische Tiefe und Dynamik.

Als nächsten Schritt arbeitete ich in meiner Reihe »Das Matriarchat« (1988, 1991, 2000) die Strukturmuster der matriarchalen Gesellschaftsform auf der sozialen, politischen und ökonomischen Ebene aus und erweiterte sie auf der kulturellen Ebene.10 Da dies nicht allein durch die Analyse von Mythologie möglich ist, wandte ich mich der Ethnologie zu und fand diese Muster Schritt für Schritt an den heute noch existierenden, matriarchalen Gesellschaften weltweit heraus.

Auf diese Weise gewann ich die detaillierte und reiche Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform auf allen ihren Ebenen. Sie ist der gemeinsame, wenn auch komplexe Nenner von allen diesen Gesellschaften und stellt damit die explizite und systematische Definition von »Matriarchat« dar. Ihr Vorzug ist, dass sie nicht abstrakt vorausgesetzt und damit in dieses Forschungsfeld hineinprojiziert wurde, sondern dass sie induktiv aus einer analytischen Betrachtung dieser Gesellschaften entwickelt wurde. Ich nenne diese Definition eine »strukturelle Definition«, denn sie gibt die Tiefenstruktur der matriarchalen Gesellschaftsform wieder.

Hier in äußerster begrifflicher Kürze zusammengefasst, besagt diese strukturelle Definition, dass die matriarchale Gesellschaftsform

• ökonomisch auf einer Ausgleichsgesellschaft beruht, in der Frauen die Güter verteilen und ständig für ökonomischen Ausgleich sorgen; diese Ökonomie hat die Eigenschaften einer »Ökonomie des Schenkens«;11

• sozial auf einer matrilinearen Verwandtschaftsgesellschaft beruht, deren Hauptzüge Matrilinearität und Matrilokalität bei gleichzeitiger Geschlechter-Egalität sind;

• politisch auf einer Konsensgesellschaft beruht, mit den Clanhäusern als realpolitischer Basis und einem Delegiertenwesen der Männer; das bringt nicht nur eine geschlechter-egalitäre, sondern eine insgesamt egalitäre Gesellschaft hervor;

• kulturell auf einer sakralen Kultur beruht, in der das Weiblich-Göttliche das Weltbild prägt.

Von der Logik des Definierens

Eine Definition der matriarchalen Gesellschaftsform ist auf diese systematische Weise, nämlich in den zwei Schritten einer normalen und einer strukturellen Definition, bisher noch nicht entwickelt worden.12 Beide Schritte bauen aufeinander auf, müssen aber nicht notwendig zusammen angewendet werden.

Zur ersten Definitionsweise: Eine normale Definition ist der Kern jeder wissenschaftlichen Theorie, sie gibt an, was die Theorie eigentlich untersucht, hier den Bereich »Matriarchat«. Um eine wissenschaftliche Definition zu sein, muss sie die notwendigen und hinreichenden Merkmale ihres Untersuchungsbereichs explizit angeben, wobei unter »hinreichenden Merkmalen« die eher zufälligen Eigenschaften verstanden werden. Was die »notwendigen Merkmale« betrifft, so müssen diese Eigenschaften vorkommen, um eine konkrete Gesellschaft unter die Definition einzuordnen. Bei der Bildung der Definition dürfen die notwendigen Merkmale aber weder zu eng noch zu weit formuliert sein. Sind sie zu eng, dann kann die Theorie nicht alles erfassen, was zu ihr gehört. Sind sie zu weit, dann nimmt die Theorie zuviel in ihren Untersuchungsbereich auf, was sie verschwommen werden lässt. In jedem Fall aber muss es die adäquate Angabe der notwendigen Merkmale geben, sonst weiß man nicht, was man untersuchen will und wovon man eigentlich redet.

Die notwendigen Merkmale in der Definition von »Matriarchat« sind die Matrilinearität und die ökonomische Verteilungsmacht der Mütter oder Frauen, bei gleichzeitiger Egalität der Geschlechter. Wenn diese bei einer konkreten Gesellschaft erfüllt sind, kann man von einem »Matriarchat« sprechen. Die Matrilinearität ist unverzichtbar, weil sie nicht nur die sozialen Verhältnisse der gesamten Gesellschaft strukturiert, sondern auch die Erbregeln in der weiblichen Linie und die politischen Entscheidungsprozesse bestimmt, die aus der Matrilinearität folgen. Diese Wirkungen der Matrilinearität stellen Frauen ins Zentrum der Gesellschaft. Zudem rückt die matrilineare Genealogie, welche die Mutterlinie bis zur ersten Ahnfrau zurückverfolgt, Frauen auch ins spirituelle Zentrum. Die Egalität der Geschlechter ist ebenfalls unverzichtbar, denn sie stellt sicher, dass trotz der zentralen Stellung der Frauen matriarchale Gesellschaften keine Geschlechter-Hierarchie kennen, sondern beide Geschlechter als gleichwertig gelten. Matriarchale Gesellschaften sind eben keine Spiegelbilder des Patriarchats. Dennoch wären die zentrale Stellung der Frauen und die Geschlechter-Egalität nicht ausreichend, um ein Matriarchat zu kennzeichnen, denn beides sind allein soziale Verhältnisse. Es muss die ökonomische Verteilungsmacht der Frauen hinzukommen, die – wohlgemerkt – keine Besitzmacht ist. Auch das ist unverzichtbar, denn sie ist eine Ökonomie der Gegenseitigkeit, und genau dadurch wird die matriarchale Ausgleichsökonomie, die alle Mitglieder des Ortes einschließt, hergestellt. Das wäre nicht der Fall, wenn die Ökonomie in den Händen der Männer und Häuptlinge läge, was die Ökonomie zu deren Gunsten einseitig macht, weil sie dann zu einer Ökonomie des Akkumulierens gerät – auch wenn die Matrilinie noch gilt. Solche Gesellschaften gibt es auch, aber sie sind nur noch matrilinear und nicht mehr matriarchal. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die in der Ethnologie bis heute nicht gemacht wird.

Es ist sinnvoll, auch hinreichende Merkmale in die Definition aufzunehmen. Sie müssen nicht immer gelten, sondern sind variabel. Aber durch ihre Variabilität zeigt sich die Verschiedenartigkeit der konkreten matriarchalen Gesellschaften. Zum Beispiel ist die Matrilokalität, der Wohnsitz im Mutterhaus, eine hinreichende Bedingung, das heißt, Matrilokalität kann vorhanden sein, muss es aber nicht. So gibt es bei konkreten, matriarchalen Gesellschaften sehr unterschiedliche Wohnformen, die jedoch nichts an ihrem matriarchalen Typus ändern.

Eine solche wissenschaftliche Definition ist ein sehr praktisches, geistiges Werkzeug und für alle verwendbar, die zu diesem Thema weiterarbeiten wollen. Es war ein langer Prozess sie zu entwickeln, denn ich habe sie nicht der Sache übergestülpt, sondern sie ging bei meiner langjährigen, systematischen Forschung schrittweise daraus hervor. Dieser Prozess soll seine Fortsetzung finden, das heißt, die notwendigen Merkmale dieser Definition müssen immer wieder überprüft werden, ob sie auch die notwendigen sind, d. h. ob sie weder zu eng noch zu weit gefasst sind. Außerdem können die hinreichenden Merkmale dieser Definition erweitert werden. Das Überprüfen, Erweitern, Präzisieren einer Theorie ist ein andauernder Vorgang, an dem viele Forscher und Forscherinnen teilhaben können.

Zur zweiten Definitionsweise: Ich ging beim Definieren noch einen Schritt weiter, indem ich eine strukturelle Definition von »Matriarchat« formulierte. Eine solche strukturelle Definition, die allmählich aus der Sache entwickelt wird, darf nicht als »idealtypisch« missverstanden werden. Einen Idealtypus zu postulieren kommt dem Denken in Kategorien als geschlossenem System gleich; diese Abstraktion wird a priori oder vorgängig zu gründlicher Forschung formuliert. Dies ist ein überholtes Vorgehen, wie es in der traditionellen Philosophie vorkommt. In der modernen Wissenschaftsphilosophie verhält sich eine strukturelle Definition gegenüber dem Untersuchungsbereich in anderer Weise: Sie geht nachträglich aus der Forschung hervor und erfasst ihr Untersuchungsgebiet, hier die matriarchale Gesellschaftsform, in ihrem tieferen Zusammenhang. Das heißt, sie formuliert deren innere Beziehungen, die alle ihre Teile stimmig miteinander verbinden. Genau diese stimmigen oder konsistenten, inneren Beziehungen ergeben die Tiefenstruktur der matriarchalen Gesellschaftsform. Beispielweise gehört die Matrilokalität, auch wenn sie nur ein hinreichendes Merkmal ist, jedoch zum inneren, logischen Zusammenhang einer matriarchalen Gesellschaft. Darum erscheint sie in der strukturellen Definition. Diese Art der Definition ist kein geschlossenes System wie ein Idealtyp, sondern gibt eine offene Struktur an, die durch den fortlaufenden Forschungsprozess ausgearbeitet und präzisiert werden kann.

Methodologisch ist dabei wichtig, dass matriarchale Gesellschaften heute durch viele Veränderungen gegangen sind. Nach einer langen Geschichte von Kämpfen, um ihre traditionellen Kulturen zu bewahren, sind sie heute durch wachsenden Druck vonseiten ihrer patriarchalen Umgebung bedroht; dadurch haben sie sich in mancher Hinsicht verändert. Deshalb ist es unerlässlich, die Geschichte dieser Kulturen einzubeziehen, um ein besseres Verständnis ihres matriarchalen Charakters zu erreichen. Hier kann eine strukturelle Definition in einem behutsam rekonstruierenden Verfahren gebraucht werden, wobei sie mehrere sehr wirksame, wissenschaftliche Funktionen erfüllt: Erstens können matriarchale Gesellschaften durch sie besser aus sich selbst verstanden und genauer beschrieben werden, wobei im Zweifelsfalle das Verstehen immer positiv zugunsten einer matriarchalen Gesellschaft sein muss. Zweitens werden durch sie verschiedene Ausprägungen einzelner matriarchaler Gesellschaften sehr differenziert deutlich. Drittens können durch sie Deformations- und Zerfallserscheinungen matriarchaler Gesellschaften erfasst werden. Dies alles kann erst bei der praktischen Anwendung dieses geistigen Werkzeugs sichtbar werden.

Um es noch einmal zu sagen: Es wäre eine fataler Irrtum, eine strukturelle Definition mit einem abstrakten Idealtyp oder unumstößlichen Kategorien, die ein festes, geschlossenes System sind, zu verwechseln. Eine solche Position ist heute völlig überholt. »Unumstößliche Kategorien« und »geschlossene Systeme« gehören zur traditionellen, patriarchal geprägten Philosophie und ihrem imperialistischen Wahrheitsanspruch, aber weder zur modernen Wissenschaftsphilosophie noch zur modernen Matriarchatsforschung. Es geht hier ums Praktische: um die Entwicklung eines differenzierten, angemessenen Werkzeugs für die wissenschaftliche Erforschung eines äußerst komplexen Untersuchungsbereichs. Diese sukzessive Methode des Vorgehens wird in diesem Buch gezeigt, in dem eine strukturelle Definition entwickelt und – durch meine eigene Forschung über konkrete Gesellschaften – ständig erweitert wird. Dabei ist die Weiterentwicklung der strukturellen Definition im Verlauf der Entfaltung dieser neuen Wissenschaft ein offener, kreativer Prozess, an dem viele wissenschaftlich Tätige beteiligt sein können. Denn der Prüfstein für die Matriarchatstheorie ist das präzise, sensible und respektvolle Verstehen und Darstellen der konkreten matriarchalen Gesellschaften selbst in ihrer Gemeinsamkeit und in ihrer Vielfalt. Wenn sie das erreicht, wird sie eine starke und weit reichende erklärende Kraft haben – was das Merkmal einer guten Theorie ist.

Interdisziplinarität und Ideologiekritik

In der bisherigen Matriarchatsforschung fehlte nicht nur eine explizite und systematische Definition, ebenso gab es keine ausdrücklich formulierte Methodologie, bis ich 1978 den ersten Ansatz dazu machte.13 Schon damals zeigte ich, dass eine solche Methodologie auf zwei Säulen ruht, einer weit gespannten Interdisziplinarität und einer tiefgreifenden Ideologiekritik.

Was die Interdisziplinarität betrifft, so ist sie, um eine ganze Gesellschaftsform und ihre Geschichte erfassen zu können, schlichte Notwendigkeit. Die Fragmentierung des Wissens, die wesentlich durch die Zerteilung in die herkömmlichen Disziplinen zustande kommt und größere Zusammenhänge unsichtbar macht, wird auf diese Weise aufgehoben. Im Gegensatz zu diesen Disziplinen kommt es nicht auf noch mehr Spezialistentum an, sondern auf das Erkennen und Integrieren von gesellschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhängen. Das erste Kapitel dieses Buches, die kritische Forschungsgeschichte zum Thema Matriarchat, zeigt deutlich, welche verschiedenen Forschungszweige dafür relevant sind, um dem Thema gerecht zu werden. Die hier notwendige Interdisziplinarität umfasst nicht weniger als sämtliche Sozial- und Kulturwissenschaften, und gelegentlich braucht es auch Resultate aus einzelnen Naturwissenschaften.

Um jedoch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu kommen, muss die Beliebigkeit von Eklektizismus, der sich wahllos überall bedient, vermieden werden. Denn das würde nur wieder eine andere Art von Fragmentierung mit sich bringen. Es ist deshalb erforderlich, die relevanten Forschungszweige für die Entwicklung der Theorie systematisch aufeinander zu beziehen, was eine systematische Interdisziplinarität ergibt. Dabei wird diese Anordnung je nach theoretischem Schwerpunkt unterschiedlich ausfallen, ebenso wird sie für Einzelstudien im Rahmen der Theorie unterschiedlich sein. In jedem Fall braucht es aber die ausdrückliche Nennung der verwendeten Forschungszweige und eine logische Begründung für die jeweils gewählte Anordnung.

Die Ideologiekritik ist hier immer die Kritik patriarchaler Ideologie. Aber auch sie braucht eine Methode, um sich nicht selbst wieder in undurchschauter Ideologie zu verfangen. Eine solche Methode wurde 1978 von mir skizziert und 1988 ausgearbeitet.14 In ihr kommen ein Negativ-Verfahren und ein Positiv-Verfahren zur Anwendung. Im Negativ-Verfahren werden die typischen Vorurteile herausgefunden, die zum Thema Matriarchat in der Forschungsliteratur auf Schritt und Tritt zu sehen sind. Dafür ist die Interdisziplinarität von großem Vorteil, denn beim Vergleich von Forschermeinungen aus verschiedenen Disziplinen – aber auch schon in einer einzigen Disziplin – enthüllen sich die unvollständigen, einseitigen und verzerrten Darstellungen. Ich habe diese Vorurteile in einer Liste zusammengestellt, und es ist nützlich, sie im Auge zu behalten, um in der Forschung die Sache von der Ideologie trennen zu können.

Diese typischen Vorurteile sind:

• erstens die Beurteilung des Geschlechterverhältnisses in matriarchalen Kulturen nach patriarchalen Mustern und Normen; diese sind die eigentlich ideologischen Vorurteile.

Aus diesen ergeben sich sachliche Vorurteile, die oft den eigenen Ergebnissen der Forscher widersprechen, woraus sich logische Widersprüche in der Argumentation ergeben. Zu dieser Gruppe gehört:

• zweitens die Leugnung der Existenz von Matriarchaten überhaupt oder ihrer Eigenstruktur und Eigenwertigkeit, die natürlich wegen der ersteren Vorurteile nicht erkannt werden kann.

Das erzeugt eine charakteristische Blindheit für die räumliche und zeitliche Ausdehnung der matriarchalen Gesellschaftsform, die durch folgende Vorteile verstärkt wird:

• drittens die Eingrenzung von Matriarchaten auf ferne, exotische Gegenden und auf geschichtlich diffuse Zwischenstufen, die als »primitiv« beurteilt werden. Frühe Patriarchate werden dagegen nicht als begrenzt angesehen, zum Teil sogar ohne Evidenz zeitlich vor matriarchale Kulturen gesetzt oder parallel gesetzt, wodurch letztere zur geschichtlichen Ausnahme gemacht werden.

Damit setzen die typische Verdrängung und Zerstückelung ein, die von matriarchalen Kulturen schließlich nur einzelne »Züge« übrig lassen, was ihre kulturelle Bedeutung leugnet. Das geschieht auf diese Weise:

• viertens die Leugnung der Priorität kultureller Leistungen oder das Zuschreiben dieser Leistungen an (fiktive) frühpatriarchale Epochen. Hinzu kommt die Leugnung, dass matriarchale Kulturen sich überhaupt zu Hochkulturen weiterentwickelt haben, wobei darunter Staats- und Reichsbildung nach patriarchalem Muster verstanden wird.

Aus alledem ergibt sich ein Mangel an Erklärungen für die Entwicklung von matriarchalen Gesellschaften wie für die Entstehung von patriarchalen Gesellschaften. Denn das Patriarchat wird als universell hingestellt, das nur kurz – wenn überhaupt – durch das zufällige und abweichende Matriarchat in abgelegenen Gegenden unterbrochen wurde. Die Ewigkeit des Patriarchats wird ungeprüft aus den »überlegenen« Eigenschaften des Mannes angenommen. Daraus ergibt sich dann:

• fünftens die Leugnung von matriarchalen Traditionen bis in die Gegenwart, seien diese nun als Randkulturen neben patriarchalen Gesellschaften oder als Subkulturen in patriarchalen Gesellschaften vorhanden. Es gibt auf diese Weise keine Möglichkeit sie zu erkennen, weshalb sie gar nicht erklärt oder falsch eingeordnet werden, was sie auf jeden Fall unsichtbar macht.

Eine gut durchgeführte Ideologiekritik, die bei neueren Theorien nicht ganz einfach ist, weil die Vorurteile raffiniert versteckt werden, macht dann den Weg frei für das Positiv-Verfahren der sachlichen Analyse.

Die Überlegung ist berechtigt, ob diese Liste typischer Vorurteile auch für jede andere kritische Forschung angewendet werden kann, zum Beispiel für die Situation von Frauen, insbesondere von Müttern innerhalb von patriarchalen Gesellschaften. Dasselbe gilt für indigene Gesellschaften im kolonialistischen Kontext, deren Werte und Leistungen, sogar deren bloße Existenz durch gleiche Vorurteile unsichtbar gemacht werden.

Das matriarchale Paradigma

Eine Theorie zu entwickeln und sie eine »paradigmatische Theorie« oder ein »Paradigma« zu nennen meint nicht, eine universalistische Theorie anzustreben, sondern es bedeutet einen vollständigen Wechsel der Perspektive. Ein solcher Perspektivewechsel ist die sich entwickelnde Matriarchatstheorie ohne Zweifel, weshalb ich sie als ein Paradigma bezeichne. Eine universalistische Theorie ist sie nicht, weil sie kein geschlossenes System darstellt und keine inhaltlich universellen Aussagen aufstellt. Das heißt, es werden keine Annahmen über universelle Gleichheit von Frauen gemacht. Dasselbe gilt für matriarchale Kulturen, denn trotz gleicher Grundeigenschaften wird ebenso ihre konkrete Verschiedenartigkeit betont. Es wird auch keine Gleichheit der patriarchalen Unterdrückungsformen im konkreten Einzelfall behauptet. Allerdings ist heute die Unterdrückung durch patriarchale Eliten weltweit geworden, welche die meisten Menschen gemeinsam betrifft, aber darauf gibt es heute auch verschiedene Antworten.

Universalistische Theorien waren in der traditionellen, patriarchalen Philosophie üblich, und sie hatten in der Regel normativen Charakter. Wenn sie dann zu evolutionistischen Geschichts- oder Sozialtheorien ausgebaut wurden, traten die stillschweigend vorausgesetzten, patriarchalen Wertvorstellungen hervor, die das Bild anderer Gesellschaften und früherer Kulturen weitgehend verzerrt haben. Das kennzeichnet sie gegenüber zeitlich vorhergegangenen Kulturen als überheblich und gegenüber gegenwärtigen indigenen Kulturen als kolonialistisch und rassistisch.

Die hier formulierte Matriarchatstheorie ist ein theoretischer Rahmen, der von verschiedenen Forschern und Forscherinnen für ihre eigenen Untersuchungen aufgenommen and weiterentwickelt werden kann. Diese Dynamik ist typisch für ein neues Paradigma. Obwohl ich etliche matriarchale Gesellschaften der Gegenwart aus verschiedenen Kontinenten selbst analysiere und darstelle, zeigt schon die Kürze, in der sie in diesem theoretischen Rahmen vorkommen, dass die Untersuchungen nicht abgeschlossenen sind. Bei meinen Analysen geht es darum, die Grundstruktur herauszuarbeiten, um die strukturelle Definition der matriarchalen Gesellschaftsform Schritt für Schritt daraus zu entwickeln. Doch der theoretische Rahmen ist damit keineswegs schon gefüllt, sondern es öffnet sich eine Vielfalt neuer Aufgaben. Denn die Entwicklung einer neuen Wissenschaft überschreitet eine einzelne Person bei weitem. Fortführende Forschungen werden die Reichweite dieses neuen Wissensgebiets zunehmend sichtbar werden lassen. Genau das ist die Art und Weise, wie die Dynamik eines neuen Paradigmas funktioniert und neue Resultate hervorbringt.

Ich erhebe auch nicht den Anspruch, sämtliche heute noch existierenden matriarchalen Gesellschaften erfasst zu haben. Paradigmatische Theorien müssen in ihrem Anfangsstadium solche Lücken lassen. Es ist nicht die Aufgabe eines Paradigmas, ein Lexikon zu sein. Seine Leistung ist, aus ganz anderer Perspektive einen viel mehr umfassenden Erklärungszusammenhang herzustellen als bisher bekannt.

Die Reichweite des Matriarchats-Paradigmas ist enorm. Es umfasst nicht nur die gesamte bisher bekannte sozio-kulturelle Geschichte, sondern – gerade durch die Patriarchatskritik – auch die verschiedenen Gesellschaftsformen der Gegenwart. Außerdem betrifft es auch die Inhalte aller Kultur- und Sozialwissenschaften, wie sie bisher unter Auslassung des mariarchalen Modells formuliert worden sind, eine Tatsache, die sie beträchtlich verengt hat.

An verschiedenen Stellen habe ich die Reichweite des Matriarchats-Paradigmas logisch geordnet dargestellt.15 Hier sei sie nochmals skizziert:

Im ersten Schritt der Entwicklung der Matriarchatstheorie muss eine Übersicht über die bisherige, traditionelle, in der Regel von Männern gemachte Matriarchatsforschung gegeben werden, wobei diese kritisch zu hinterfragen ist (in diesem Buch in Kapitel 1 zusammengefasst).16 Beim Blick auf diese Forschungsgeschichte tritt der Mangel an einer klaren und vollständigen Definition von »Matriarchat« krass hervor. Darüber hinaus wird in solchen älteren und auch zeitgenössischen Schriften zum Thema Matriarchat der massive Anteil an patriarchaler Ideologie offensichtlich.

Im zweiten Schritt der Entwicklung der Matriarchatstheorie muss eine vollständige strukturelle Definition von »Matriarchat« formuliert werden. Das ist der systematische Platz meiner ethnologischen Forschung, deren erster Teil in diesem Buch präsentiert wird und der zweite Teil in einem Folgeband. Der methodische Grund ist, dass wir aus der Kulturgeschichte allein eine vollständige Definition von »Matriarchat« nicht gewinnen können. Diese Geschichte beruht nur auf Überresten und Fragmenten früherer Gesellschaften, was für ein umfassendes Bild nicht ausreicht. Zweifellos kann es zahlreiche Fragmente geben und sie sind sehr wichtig, aber sie können uns nur verstreute Informationen geben, so dass wir nicht wissen können, wie diese Gesellschaften insgesamt organisiert waren. Daher müssen wir für die vollständige Definition von »Matriarchat« noch lebende matriarchale Gesellschaften untersuchen.17

Im dritten Schritt wird die so gewonnene strukturelle Definition von »Matriarchat« als ein wissenschaftliches Werkzeug angewendet, um eine Revision der menschlichen Kulturgeschichte vorzunehmen. Diese Kulturgeschichte ist viel länger als die fünf oder sechs Jahrtausende patriarchaler Muster in der Geschichte. Während der längsten Zeit der Kulturgeschichte existierten nicht-patriarchale Gesellschaften, in denen Frauen die Praktiken, Institutionen und Strukturen schufen, die Kultur ausmachen, und während der sie im Zentrum der Gesellschaft standen mit der Fähigkeit, alle anderen Mitglieder zu integrieren. Die matriarchalen Gesellschaften der Gegenwart sind dafür die letzten Beispiele. Es ist klar, dass eine solche Aufgabe nicht ohne die vollständige strukturelle Definition von »Matriarchat« bewältigt werden kann. Allein eine solche verlässliche Definition schützt davor, anachronistische Phantasien aus der Gegenwart in die Geschichte hinein zu projizieren, wie es zu diesem Thema noch immer üblich ist. Ohne die Verzerrungen, die patriarchale Vorurteile hier verursacht haben, kann sich eine neue Interpretation der menschlichen Kulturgeschichte entfalten.18

Im vierten Schritt der Entwicklung der Matriarchatstheorie muss das Problem der Entstehung des Patriarchats gelöst werden. Zwei wichtige Fragen verlangen hier eine wissenschaftliche Antwort. Die eine lautet: Wie und wo konnten patriarchale Muster zuerst entstehen? Die andere lautet: Auf welche Weise konnten sie sich in der ganzen Welt ausbreiten? Die zweite Frage ist keineswegs selbstverständlich. Nach meiner Meinung ist keine dieser beiden Fragen bisher ausreichend beantwortet worden. Denn wenn wir die Entstehung des Patriarchats erklären wollen, müssen wir erstens ein genaues Wissen über die Gesellschaftsform haben, die vorher existierte – und diese war das Matriarchat. Zweitens muss eine Theorie der Patriarchatsentstehung erklären, warum patriarchale Muster an verschiedenen Orten in verschiedenen Kontinenten zu verschiedenen Zeiten und durch ganz verschiedene Ursachenketten entstanden sind. Es gibt keineswegs nur eine einzige Ursache für alle Weltgegenden und zu allen Zeiten, wie populäre Spekulationen annehmen. Die Antworten werden daher für die verschiedenen Kulturregionen der Welt sehr verschieden ausfallen.19

Im fünften Schritt der Entwicklung der Matriarchatstheorie muss eine tiefe Analyse der Geschichte des Patriarchats gegeben werden. Bis heute wurde sie als Herrschaftsgeschichte geschrieben, als »Geschichte von oben«. Aber es gibt auch die Perspektive der »Geschichte von unten«, die ein völlig anderes Bild zeigt. Es ist die Geschichte der Frauen, der unteren Klassen, der indigenen Völker, das heißt, der Subkulturen und Randkulturen. Diese andere Geschichte zeigt, dass es dem Patriarchat keineswegs gelang, die alten und lang andauernden matriarchalen Traditionen überall zu zerstören. Schließlich lebt es parasitär von diesen matriarchalen Unterströmungen.20 Aber wir können diese nur mithilfe der strukturellen Definition von »Matriarchat« erkennen. Doch wenn es uns gelingt, diese Spuren durch die patriarchale Epoche zeitlich zurück zu verfolgen und wieder zu verknüpfen, bedeutet dies nichts weniger als unser Erbe wiederzugewinnen.21

Auf diese Weise zeigt die Matriarchatstheorie die enorme Reichweite des matriarchalen Paradigmas bzw. der modernen Matriarchatsforschung. Wichtige Forschungen, die bereits zu diesem Thema gemacht wurden, sind in diesen Rahmen aufgenommen und werden weiterhin integriert.22 So hoffe ich, dass Generationen von Forscherinnen und Forschern mit dem matriarchalen Paradigma kreativ weiterarbeiten werden, so lange, bis die neue Weltsicht ein Teil des öffentlichen Bewusstseins geworden ist.

Zu diesem Buch

Das vorliegende Buch: Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Band I: Ostasien, Indonesien, Pazifischer Raum, eröffnet in gewisser Weise das matriarchale Paradigma und damit die Matriarchatstheorie. Ich will hier dessen Stelle darin benennen. Es erfüllt den ersten und zweiten Schritt der Matriarchatstheorie und stellt damit, zusammen mit dem nachfolgenden Band: Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Band II: Amerika, Indien, Afrika, einen wichtigen Teil der modernen Matriarchatsforschung dar.

Eine gewisse Zeitverschiebung, die dabei vorkommt, braucht ein Wort der Erklärung. Sie ergibt sich daraus, dass diese beiden Bände in drei einzelnen Teilen bereits in den Jahren 1988, 1991 und 2000 publiziert wurden und damit die moderne Matriarchatsforschung eröffnet haben. Ihre Neuerscheinung jetzt beruht auf der erweiterten und an vielen Stellen präzisierten englischen Ausgabe.23 Diese Verbesserungen verdanke ich nicht zuletzt meinen persönlichen Kontakten zu indigenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus matriarchalen Gesellschaften, die zu ihren eigenen Kulturen forschen. Etliche von ihnen waren zu den drei »Weltkongressen für Matriarchatsforschung« (2003, 2005, 2011), die ich leitete, eingeladen. Das schenkte mir die unschätzbar wertvolle Gelegenheit, durch ihre Vorträge sowie über die persönlich weitergeführten Kontakte mit ihnen hinzu zu lernen, so dass sich mein Wissen erweitern konnte.

Ich beschreibe nun in Kürze, welche der genannten Schritte des matriarchalen Paradigmas in diesem Buch verwirklicht sind.

Zum ersten Schritt des matriarchalen Paradigmas: Im ersten Kapitel dieses Buches wird die Forschungsgeschichte zum Thema »Matriarchat« in ihren verschiedenen Diskussionszusammenhängen und wissenschaftlichen Zweigen verfolgt. Es ist eine Kurzfassung der ausführlichen Diskussion im früheren Band Das Matriarchat I. Geschichteseiner Erforschung (1988–1995). Dabei erscheinen alte Theorien in einem neuen Licht, und jüngere Theorien werden in ihrer Bedeutung für die moderne Matriarchatsforschung neu eingeschätzt. Insgesamt ist es eine kritische Würdigung dessen, was vor der modernen Matriarchatsforschung geleistet wurde. »Kritisch« ist sie in dem Sinne, dass bei aller Wertschätzung dieser Werke hier die Methode der Ideologiekritik dringend angebracht ist. Das macht den wissenschaftstheoretischen Unterschied zwischen der modernen Matriarchatsforschung und der bisherigen, traditionellen Matriarchatsforschung sehr deutlich. Bei allem Reichtum der Kenntnisse liegt bei den älteren Theorien nämlich erstens ein Mangel an einer klaren, wissenschaftlichen Definition von »Matriarchat« vor, weshalb sich die üblichen Vorurteile bei diesem Begriff einschleichen können (siehe oben). Das belastet diese Einzelstudien und Theorien an vielen Stellen mit unlogischer, emotional geprägter Argumentation und schwächt ihre Aussagekraft. Zweitens fehlt eine explizite Methodologie, weshalb es – trotz der Materialfülle – zu keiner Darstellung der matriarchalen Gesellschaftsform insgesamt kommt. Deren Zerstückelung kann auf diese Weise nicht aufgehoben werden, was zu keiner tieferen Erkenntnis führt. Drittens fehlt ein expliziter theoretischer Rahmen. Deshalb bleiben diese Einzelstudien und Theorien regelmäßig exotische Einzelerscheinungen, und so kann keine Einsicht in ihren Zusammenhang untereinander sowie in die Weite ihres Forschungsgebietes aufkommen. Aus diesen Gründen muss man die Beiträge der älteren Forschung hinsichtlich des Themas »Matriarchat« als vor-wissenschaftlich bezeichnen, eine Situation, die sich erst mit der modernen Matriarchatsforschung ändert. Ganz abgesehen davon ist diese ältere Forschung in politischer Hinsicht unreflektiert, da sie in der Regel keine emanzipatorischen Ziele verfolgt, sondern – mit wenigen Ausnahmen – in den Mustern patriarchalen Denkens befangen bleibt. Das Kapitel schließt mit einer kurzen Darstellung der Ansätze und bisherigen Werke aus der feministischen und indigenen Matriarchatsforschung. Sie unterscheiden sich grundsätzlich von der traditionellen Matriarchatsforschung, weil sie einen patriarchatskritischen und emanzipatorischen Hintergrund haben. Sie stellen deshalb einen ersten, aber noch nicht völlig geklärten Anfang der modernen Matriarchatsforschung dar.