Medizin im Wandel - Matthias Krüger - E-Book

Medizin im Wandel E-Book

Matthias Krüger

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Beschreibung

In den letzten Jahrzehnten hat sich ein technologischer Wandel vollzogen, der unser aller Leben verändert hat. Sei es im Straßen- oder Luftverkehr, in der Verarbeitung und dem Angebot von Lebensmitteln oder in der Telekommunikation - überall erleben wir die Moderne. In der Medizin ist es nicht anders. Darum geht es in diesem Buch: aufzuzeigen, welche Veränderungen sich in kürzester Zeit vollzogen haben, teils einschneidend spürbar, teils fast unbemerkt von Patient und Arzt. Und die Veränderungen umfassen nicht nur die wissenschaftlichen Fortschritte sondern auch den Umgang mit der Krankheit, mit Aufklärung, Wahrhaftigkeit und Selbstverantwortung.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Danksagung

Krankenpflegepraktikum 1967

Studium 1967-1973

Vorklinik

Klinisches Studium – Semester 6-8

Lernen und Arbeiten außerhalb des Lehrplanes

Promotion

Praktisches Jahr und Staatsexamen 1972-1973

Ärztliche Tätigkeit

Medizinalassistent in Kassel 1973-1974

Assistenzarzt in Chirurgie und Gynäkologie 1974-1975

Arzt und Entwicklungshelfer in Banyo/Cameroun 1975-1978

Assistenzarzt in Deutschland und Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin 1978-1982

leitender Arzt in Sakbayémé/Cameroun 1982-1985

niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin in Isernhagen 1986 – 2012

Medizin im Wandel – Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort und Danksagung

Am Ende meiner Tätigkeit als niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin versuche ich, orientiert an meiner Biographie und meinen ethischen Grundeinstellungen, eine Rückschau auf 48 Jahre erlebte Medizin. Mein Dank gilt meinen Lehrern aus den Gründungsjahren der Medizinischen Hochschule Hannover, besonders posthum dem von mir sehr geschätzten Professor Dr. Fritz Hartmann, auf den ich in dieser Schrift immer wieder zurückkommen werde.

Doch mein Dank schließt auch all die Kollegen ein, die mich in den späteren Jahren begleitet und bereichert haben, insbesondere Dr. Georg Hoerster und Dr. Wolf Wülfing, mit denen ich so lange und intensiv zusammen gearbeitet habe. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der sogenannten medizinischen Assistenzberufe habe ich kennen und schätzen gelernt. Ob es Krankenschwestern und Pfleger in deutschen Krankenhäusern waren oder ihre Kolleginnen und Kollegen in Afrika, Altenpflegekräfte oder die medizinischen Fachangestellten in der eigenen Praxis - fast allen fühlte ich mich im gemeinsamen Engagement und der Fürsorge für die kranken Menschen verbunden. Dankbar bin ich den vielen Patienten, die oft beeindruckende und berührende Lebensläufe und Schicksale mitbrachten, sich mir anvertrauten und mir beim Lernen für mein eigenes Leben Beispiel gaben.

Mein Dank gilt auch Frau Dr. Karin Geiger und Dr. Christoph Lücke für die Durchsicht des Textes und ihre hilfreiche Kritik.

Der Text ist so geschrieben, dass ihn in der Regel auch Laien verstehen können. Wenn ich doch den einen oder anderen Fachbegriff nicht erklärt haben sollte, so bitte ich um Rückfrage. Obwohl ich ausdrücklich die zunehmende Präsenz von Frauen in allen Bereichen der Medizin begrüße, benutze ich oft die männliche Form für Arzt, Patient und ähnliche Begriffe. Dies ist der Vereinfachung beim Lesen geschuldet.

Ich wünschte mir, dass zukünftige Heilkundige aus der Erzählung meiner Erfahrungen lernen könnten. Wir modernen, westlichen Menschen leben nur nach vorn. In anderen Kulturen ist das anders, da wird das Leben in sich wiederholenden Zyklen gelebt. Rainer Maria Rilke (1875-1926) beschreibt diese Lebenshaltung im Gedicht: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn...“. Aber selbst wir zielorientierten, modernen Menschen wurzeln in den Erfahrungen der Geschichte. „Wer aus der Geschichte nicht lernen will, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“. Dieser Satz des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana (1863-1952) steht unausgesprochen hinter jedem historischen (Nach)Denken.

Ich widme diese Schrift meinen Kindern Tillman und Rosemarie, die ebenfalls den ärztlichen Beruf gewählt haben. Und ich widme sie in großer Dankbarkeit meiner Frau Brigitte Krüger, die meinen beruflichen Weg nicht nur miterlebt, sondern mich dabei auch engagiert und mitfühlend begleitet hat.

Isernhagen, im März 2015 Matthias Krüger

Krankenpflegepraktikum 1967

Am 1. August 1967 begann mein Krankenpflegepraktikum im Krankenhaus Oststadt, Hannover. Ich war eingeteilt auf die Station 4A, chirurgische Männerstation. Es gab 2- bis 6-Bettzimmer mit einer kleinen Waschecke, abgeteilt durch einen Vorhang. Die leitende Stationsschwester (genannt Öse) war Schwester Lieselotte. Über ihr genaues Alter kann ich nichts sagen, sie mag um die 50 gewesen sein. Sie war eine ruhige, meist ernste Frau. Sie trug wie alle Krankenschwestern zu der Zeit eine Schwesternhaube und wohnte am Ende der Station in einem kleinen 1-Zimmer-Appartement. Die Arbeitszeit war geteilt, d.h. es wurde vormittags und nachmittags gearbeitet, über Mittag war meist nur eine Kraft auf der Station. Schwester Lieselotte war morgens die erste und abends die letzte. Ehe sie abends in ihr Zimmer ging, war sie in jedem Krankenzimmer gewesen, hatte mit den Patienten geplaudert und sich nach dem Befinden und Zustand eines jeden erkundigt.

Es lagen über 40 Männer auf der Station. Viele waren noch jung. Aber von den Älteren hatten etliche einen „Streckverband“. Das war ein großes Gestell aus Metallrohren, die am Bett angeschraubt waren. Oben an einem Querrohr befand sich eine Rolle, über die ein Seil lief, an dem hinter dem Bettende ein Gewicht hing. Das andere Ende des Seiles verschwand unter der Bettdecke des Patienten. Es war festgemacht an einem Metallbügel. Dieser Bügel war festgeschraubt an einem Metalldraht, der oberhalb des Kniegelenkes durch das Bein des Patienten gebohrt war. So wurde das Bein des Kranken „gestreckt“. In der Regel hatten sich die Patienten durch einen Sturz den Hals des Oberschenkelknochens gebrochen. Durch den Muskelzug verkürzt sich das Bein und der Knochen kann nicht heilen, da die Bruchenden keinen Kontakt mit einander haben. Dies wurde im Streckverband verhindert und ausgeglichen durch den Zug des Gewichtes am Bein. Für den Patienten bedeutete das, 10- 12 Wochen im Bett zu liegen, immer auf dem Rücken, alle Aktivitäten vom Waschen bis zur Verrichtung der Ausscheidungen erfolgten im Krankenzimmer, meist in Gegenwart von fünf anderen Männern. Es wurde auf den Zimmern und im Bett geraucht.

Wenn ein neuer Patient im Streckverband auf die Station kam, dann wurde unter uns geraunt und diskutiert, ob dieser Mensch wohl überleben würde oder sterben wie viele der Betroffenen. Lungenentzündung, Dekubitus (Wundliegen), Lungenembolie – die Sterblichkeit war immens. In Schwester Lieselottes Gegenwart durfte so nicht spekuliert werden, aber in der Spültoilette, wo wir die Urinflaschen und Schieber reinigten, da war auf dem Balkon auch immer Zeit für ein Gespräch. Mein Anleiter war Dieter, ein ca. 35-jähriger Pfleger, einziger Mann im festen Stamm des Pflegepersonales auf der Station. Von ihm lernte ich zu betten, zu waschen, den Po des Patienten nach dem Stuhlgang sauber zu machen, Patienten für die Operation am folgenden Tag vorzubereiten, lockere Sprüche zum Trost für Schmerz und Trauer zu sprechen und doch die Arbeit ernst zu nehmen. Gemeinsam mussten wir die Verstorbenen in den Leichenkeller bringen. Meist starben die Patienten im Badezimmer der Station. Wenn es dem Ende entgegenging, wurde das Bett mit dem Patienten aus dem Zimmer gefahren. Meist redete dann keiner ein Wort, und nur selten wurde von den Mitpatienten noch mal nachgefragt, ob die ehemaligen Zimmerkollegen nun auch wirklich verstorben waren. Im Keller war uns mit der zugedeckten Leiche unter dem Laken meistens unheimlich, und so pfiffen oder lärmten wir. Und waren froh, wenn die Leiche im Kühlraum untergebracht war.

Einmal rief mich Schwester Lieselotte ans Telefon. Sie lächelte: „Ihre Mutter. Ist wohl nichts mit dem Studienplatz.“ Doch sie war dabei so vergnügt, dass ich ihr nicht glaubte. Und wirklich, ich hatte einen Studienplatz an der MH Hannover bekommen. Nicht in Göttingen, meiner Geburtsstadt, wohin ich mich an erster Stelle beworben hatte. Jedoch Hannover war mir auch recht. Schließlich war es eine Neugründung, erst 1965 mit dem ersten Jahrgang an Studenten eröffnet. Neue Ideen des Studienverlaufes sollten in Hannover umgesetzt werden. Die Gebäude standen noch nicht, aber auf dem Roderbruchgelände wurden intensive Vorbereitungen getroffen für den Bau der Hochschule auf einem Campus – Forschung, Lehre und Patientenbehandlung in unmittelbarer Nähe zu einander.

Unsere Vergütung während des Praktikums bestand aus dem Mittagessen. Dieter nahm mich immer mit zum Essen. Hier aß ich das erste Mal im Leben einen Joghurt. Und ich genoss es, am Mittagstisch mit anderen Kräften des Personals zu plaudern. Die Welt der Krankenpflege war mir ja neu. Der Stationsarzt, ein Perser, nahm mich nicht wahr. Er war auch selten auf der Station, meistens im Op. Die Verbände machten die Schwestern.

Vor dem Fenster des Essraumes spielten die Kinder des Betriebskindergartens. Den brauchte man, denn es herrschte Schwesternmangel. So groß war der, dass Krankenschwestern aus den Philippinen angeworben wurden. Zunächst hieß es, sie würden einige Jahre bleiben und dann nach Hause zurück gehen. Doch sie waren freundlich und hübsch, einsam und jung. Und so heirateten fast alle innerhalb weniger Jahre in Hannover einen deutschen Mann.

An einem Betriebsausflug nahm ich teil. Mit dem Bus ging es zu einem Gasthof außerhalb Hannovers. Es gab gut zu essen und dann Tanzmusik. Ich freundete mich mit einigen Schwesternschülerinnen an, die im Wohnheim neben dem Krankenhaus wohnten. Herrenbesuch verboten. Am Eingang saß den ganzen Tag eine ältere Schwester und passte auf. Abends mussten die jungen Frauen bis 22:00 Uhr im Hause sein, sonst gab es einen Verweis.

Nach und nach wurden mir immer anspruchsvollere Aufgaben übertragen: Medikamente austeilen, nach den –noch sehr seltenen- Infusionen sehen, Blutentnahmen vorbereiten, Fieber messen, mittags allein auf der Station bleiben, frischoperierten Patienten aus dem Bett helfen, sie lagern, Fäden ziehen usw. Die zwölf Wochen formten meinen Umgang mit Patienten für das ganze Berufsleben. Oft bekam ich später zu hören: „Dass Sie so gut pflegen können! Die meisten Ärzte können das gar nicht.“ Das stimmt ja sicher nicht. Aber es ist auffallend, dass Ärzte oft nicht mit anfassen, wenn es um die Pflege geht.

Studium 1967 – 1973

Am 16. Oktober 1967 wurde ich an der MHH immatrikuliert. Auf dem Gelände der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) am Braunschweiger Platz stand ein Fertiggebäude, darin fanden die Anatomiekurse statt. Chemie und Zoologie lasen die Professoren der TiHo in ihren Räumen. Physik und Botanik gab es in der ehemaligen technischen Hochschule (TH) im alten Welfenschloss. Heute heißt sie Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität. Unsere offizielle Begrüßung fand durch Professor Dr. Fritz Hartmann in Gegenwart der Eltern im Audimax der TiHo statt. Wir waren der dritte Studentenjahrgang mit 80 Studentinnen und Studenten. Der Frauenanteil lag bei etwa 20%. Wir lernten uns schnell kennen. Drei von uns verstarben während der kommenden 6 Jahre, einer an einem angeborenen Herzfehler, einer erstickte beim Schnüffeln von Klebstoff und der dritte erschoss sich am Studienende im Prüfungsstress.

Das Motto der MHH lautet unitas – Einigkeit im Grundsätzlichen, libertas – Freiheit in Zweifelsfällen, caritas – Nächstenliebe in Allem. Ob dieses Leitwort Verpflichtung ist oder Apell für ein anzustrebendes Ideal?

Vorklinik

Das erste Studienjahr war vor allem vom Erlernen der Anatomie geprägt. Professor Herbert Lippert (geb. 1930) verknüpfte seine Vorlesungen mit Dias aus seiner Sammlung der bildenden Kunst, zeigte uns die Anatomie am Lebenden und wies uns auf chirurgische Probleme hin, die ihre Wurzeln in der Anatomie des Menschen haben. Jede Vorlesung und die Präparierkurse waren ein Erlebnis.

Daneben lernten wir Chemie, Physik, Botanik und Zoologie ein Jahr lang bis zum Vorphysikum. Die Professoren dieser Fächer waren sämtlich keine Mediziner und lehrten ihr Fach als sei es das einzige auf der Welt. Entsprechend schwer fiel den meisten von uns das Lernen. Und lernen mussten wir in einem Jahr mehr, als während der gesamten Schulzeit – zumindest schien es mir so.

Der Hauptbezug zur Medizin waren für mich Extrawachen im Oststadtkrankenhaus. Wir bekamen einen Patienten zugewiesen, bei dem wir die Nacht über wachen mussten. Entweder es waren Schwerstkranke oder extrem unruhige Menschen. Ab 1969 gab es eine Station 1a/II, die den Namen „Intensivstation“ trug. Hier lagen die Schwerstkranken oder die Patienten, die überwacht werden sollten. Die Kranken waren verkabelt und hingen an Überwachungsgeräten, die bei Auffälligkeiten laut piepten. Meist piepten sie, weil sich der Patient drehte oder eine Elektrode abgefallen war. Nach und nach wurden die Behandlungsmaßnahmen immer aufwändiger. Es kamen Venenkatheter auf, zentraler Venendruck wurde gemessen, Perfusoren und Beatmungsgeräte waren die nächsten Neuerungen.

Auf dem Gebiet der Narkosemedizin entstand seit 1953 die Anaesthesie als eigene Fachdisziplin. Primär ging es um die Verbesserung der immer komplizierteren Narkosen. Bis dahin überwachte meist eine Krankenschwester die Narkose nach Ansage des Operateurs. Doch immer größere Eingriffe erforderten kompliziertere Narkosen.

Intubation statt Maskennarkose wurde zum Standard. Herz-Lungen-Maschinen waren bei Herzoperationen erforderlich. So mussten die Anaesthesisten immer mehr Verantwortung übernehmen.

Im weiteren Verlauf erweiterten die Anaesthesistinnen/Anaesthesisten ihr Arbeitsgebiet. Sie übernahmen in vielen Kliniken die Intensivstationen, sie sind Notfallund Rettungsmediziner, sie verstehen sich als Schmerzmediziner und in der Folge auch als Palliativärzte. Diese Ausweitung des Arbeitsfeldes ist nicht unumstritten. In vielen Kliniken werden Intensivstationen interdisziplinär geführt, bisweilen auch -je nach Schwerpunkt- von Internisten oder Chirurgen. Die Zusatzbezeichungen „Schmerztherapie“ und „Palliativmedizin“ kann im Prinzip jeder Arzt erwerben. Und die Palliativmedizin ist ja auch eine ursprüngliche Aufgabe des Hausarztes.

Im Dezember 1967 ging eine aufregende Nachricht um die Welt. Unter der Leitung von Dr. Christiaan Barnard (1922-2001) war es einem südafrikanischen Operationsteam im Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt gelungen, dem Patienten Louis Washkansky das Herz eines Unfallopfers zu verpflanzen. Zwar überlebte Washkansky nur 18 Tage, doch wieder war eine Grenze in der Medizin überschritten worden. Es entwickelte sich das neue Fach der Transplantationschirurgie. Barnard selbst führte später ein Playboy-Leben. Der schwarze Assistent Barnards Hamilton Naki (1926-2005), der entscheidend am Erfolg der Erarbeitung der Operationstechnik beteiligt war, wurde in dem Apartheidsland Südafrika lange nicht erwähnt. Die Transplantationschirurgie aber wurde –vor allem an der MHH- fester Bestandteil moderner Medizin.

Nach dem Vorphysikum folgten für uns 3 Semester mit den weiteren Fächern Physiologie, Biochemie und histologische Anatomie. Wir lernten, wie der Mensch funktioniert und wie seine Gewebe in den kleinen Strukturen unter dem Mikroskop aussehen. Die Vorlesungen erfolgten im Hörsaal des Oststadtkrankenhauses, d.h. wir verließen die TiHo. Im 5. Semester wurde dann der vorklinische Trakt auf dem Gelände der MHH eröffnet, so dass die Anatomie und die anderen o.g. Fächer in eigene Räume umziehen konnten. Die Prüfungen zum Physikum wurden mündlich abgenommen. Ein Professor prüfte eine Gruppe von je vier Studierenden. K urze Zeit später wurden schriftliche Prüfungen im multiple-choice-Verfahren eingeführt. Dieses Fragesystem wurde aus den USA übernommen. Man erhält eine Frage, zu der in der Regel fünf Antworten angeboten werden. Nur eine Antwort ist richtig. Im Weiteren komme ich auf dieses Prüfinstrument noch einmal zu sprechen.

Klinisches Studium - Semester 6 bis 8

Nach dem Physikum wandten sich die Vorlesungen den Krankheiten und ihren Behandlungen zu. Bevor die eigentlichen klinischen Fächer an die Reihe kamen, lernten wir Pathologie, Umgang mit Patienten, Untersuchungstechniken, Medikamentenkunde.

Das Fachgebiet, das in den letzten Jahrzehnten eine radikale Veränderung seiner Denkmodelle erfahren hat, ist die Lehre von den Medikamenten, die Pharmakologie. Seit Urzeiten wussten die Menschen um die Heilwirkung aber auch Toxizität von Pflanzen, Rinden, Blüten, Samen, Pilzen, Tierprodukten usw. Das war ein empirisches Wissen aus Überlieferung und Beobachtung. Im 19. Jahrhunderts gelang es, Wirkstoffe zu extrahieren und sie zu Tabletten, Säften, Zäpfchen oder Injektionen zu konzentrieren. Am bekanntesten ist vielleicht die Extraktion des Morphiums aus dem Opiumsaft des Mohnes durch Friedrich Sertürner (1783-1841) im Jahr 1804. Spannend auch die Geschichte der Acetylsalicylsäure (Aspirin). Schon die Antike kannte die schmerz- und entzündungslindernde Wirkung des Weidenrindenextraktes (Weidengewächse, botanisch: Salicaceae), der im Körper zu Salicylsäure umgewandelt wird. Deren schmerzlindernde und fiebersenkende Wirkung beschrieb u.a. schon Hippokrates. Es war dann der Chemiker Felix Hoffmann (1868-1946), der 1897 die Acetylsalicylsäure rein und haltbar chemisch herstellen konnte. Ihm gelang auch die Synthese von Heroin und er wurde der Chefchemiker von Bayer, das seinen weltweiten Erfolg der Acetylsäure in Tablettenform, dem Aspirin, verdankt.

Im 20. Jahrhundert war es Alexander Fleming (18811955), der 1928 beschrieb, dass Staphylokokken auf Nährmedien nicht wuchsen, wenn Schimmelpilze vom Typ Penicillium in der Umgebung wuchsen. Doch es dauerte noch bis 1943 ehe Chain(1906-1979) und Florey (1898-1968) Penicillin als Medikament zur Bekämpfung von bakteriellen Infektionen einsetzten. Der Siegeszug des Penicillin fand nach dem 2. Weltkrieg statt und hielt Einzug in die Filmgeschichte mit dem Film „Der dritte Mann“.

Zeitzeuge wurde ich von einer völlig neuen Sichtweise in der Pharmakologie. Es handelt sich um die Rezeptortheorie. Dabei geht man davon aus, dass an der Zellmembran chemische Strukturen, sogenannte Rezeptoren, sitzen, die durch körpereigene Hormone oder auch Medikamente aktiviert werden und in der Zelle zu spezifischen Reaktionsabläufen führen. 1960 wurde erstmals begründet angenommen, dass die Signalübertragung von Hormonen auf die Zelle durch Rezeptoren an der Zelloberfläche erfolgen müsse. Wenn diese Rezeptoren aktiviert werden, aktivieren sie ihrerseits die G-Proteine, die in der Zelle eine Antwort auslösen. Diese Abläufe wurden durch Earl W. Sutherland (1915-1974) nachgewiesen, der dafür 1971 den Nobelpreis erhielt.

Es waren dann drei Forscher –alle Nobelpreisträger- der amerikanischen Fa. Glaxo, die bahnbrechende neue Wirksubstanzen entwickelten, deren Wirksamkeit mit ihrer Reaktion an Rezeptoren zusammenhängt. James W. Blake, George H. Hitchings und Gertrude Elion synthetisierten die Substanzen Salbutamol, das Betarezeptoren stimuliert (Asthmamittel), und Propranolol, einen Betarezeptoren-Blocker zur Blutdruckbehandlung. Ebenfalls über eine Rezeptorblockade wirkt Cimetidin zur Reduzierung der Magensäureproduktion, das Mitte der 60er Jahre von Pharmakologen der Firma SmithKline and French entwickelt wurde. Cimetidin gilt als der erste „Blockbuster“, ein Medikament, das durch gezielten Werbeaufwand weltweit zu einem riesigen wirtschaftlichen Erfolg wurde.

In den Folgejahren wurde immer selektiver nach Rezeptoren oder biochemischen Reaktionsprozessen geforscht, die dann mit gezielt hergestellten chemischen Substanzen aktiviert oder blockiert werden können. Etwa 60% der heute verwendeten Medikamente wirken über eine Rezeptoraktivierung oder –blockierung. Hierdurch hat sich die Pharmakotherapie derart verändert, dass mein altes Pharmakologielehrbuch nicht nur völlig überholt, sondern zu einem erheblichen Teil auch falsch ist.

Die Schattenseite dieses Fortschrittes ist die Konzentration der Arzneimittelforschung und –entwicklung in sehr wenigen, weltweit arbeitenden Firmen. Universitäten spielen kaum noch eine Rolle in der Entwicklung neuer Pharmaka. Eine Firma wie Pfizer hat einen Forschungsetat von 9,4 Milliarden Dollar im Jahr, bei einem Gesamtumsatz von 69 Mrd. USD im Jahr 2010. Deutsche Arzneimittelwerke wie Sandoz, Hoechst, BASF, Schering, Kalichemie wurden von Großkonzernen übernommen, fusionierten oder gaben ihre eigene Forschung auf. Das Ziel der Großkonzerne, einen „Blockbuster“ zu entwickeln, führt zu bedenklichen Vorgehensweisen. Etliche Präparate wurden und werden teilweise in den Markt gedrückt mit klaren wirtschaftlichen Zielvorgaben oder auch unter Inkaufnahme möglicher Nebenwirkungen. Große Studien zum Wirknachweis werden gesponsert und verschwinden auch schon mal in der Schublade, wenn sich der erwünschte Erfolg nicht bestätigt.

Viele Medikamente, z.B. in der Blutdruckbehandlung oder Diabetestherapie, die über Jahrzehnte genommen werden, kann man nicht allein am direkten Erfolg der Blutdruck- oder Blutzuckersenkung messen. Erst in der Langzeitwirkung sehen wir, ob wir dem Patienten mit dem Medikament genützt haben. Es kann durchaus sein, dass ein Pharmakon zwar den Blutzucker normalisiert, der Patient aber durch das Medikament eine verkürzte Lebenserwartung hat. Östrogene z.B. bessern die Wechseljahrsbeschwerden erhöhen aber gleichzeitig die Brustkrebshäufigkeit.

Das Thema werde ich weiter unten nochmals aufgreifen. Miterlebt habe ich die Einführung von vielen Medikamenten, die nicht mehr wegzudenken sind aus der täglichen Praxis: beta-Blocker, ACE-Hemmer, Gerinnungshemmer, CSE-Hemmer, AT-I-Blocker, PD-5-Hemmer, Thrombozytenaggregationshemmer, niedermolekulare Heparine, neue Antibiotika, Metformin, Human-Insuline, Ketanest, Fentanyl, Propofol, Chemotherapeutika etc. Die zukünftige Bedeutung molekulargenetischer Forschung zur Entwicklung neuer, patientenspezifischer Medikamente lässt sich erahnen. Schon jetzt sind Biologica, Eiweißsubstanzen mit bekannter biologischer Wirkung, z.B. in der Rheumatherapie äußerst erfolgreich.

Ebenfalls in das Gebiet der Pharmakologie gehört die Entwicklung eines Medikamentes das revolutionär in das Leben der Menschen eingriff und zu schwersten moralisch-theologischen Auseinandersetzungen führte: gemeint ist die Antibabypille (Ovulationshemmer).

Als das Thema der Sexualität für uns Bedeutung bekam, hatten wir –wenn auch mühsam- Zugang zu Aufklärungsliteratur und Empfängnisverhütungsmitteln. Anders als die Generationen vor uns, die vor allem über Kondome und die Kalendermethode zur Bestimmung der wahrscheinlich unfruchtbaren Tage verfügten, konnten wir uns immerhin über unterschiedlichen Methoden einer möglichst effektiven Empfängnisverhütung informieren. Sexualkunde als Unterrichtsfach, wie heute üblich, gab es während unserer Schulzeit noch nicht.

Nur in der evangelischen Jugendgruppe gab es Informationsabende zu Liebe, Sexualität und Schwangerschaftsverhütung. Es ist kaum noch nachvollziehbar, wie wenig wir als Jugendliche über Sexualität wussten. Es fehlte sogar ein Vokabular, das nicht aus der Fachsprache oder der Gosse stammte, um über Begehren, Lust, Sinnlichkeit, Erfüllung zu sprechen.

Vielleicht ist das kein Wunder, wenn man die Bücher liest, die vor dem 2. Weltkrieg zur Information der Familien dienten. So schrieb die promovierte Ärztin Dr. Jenny Springer in ihrem 1928 erschienen und preisgekrönten 2-bändigen Werk „Die Ärztin im Hause“: „Besonders scharf unterscheidet sich das sexuelle Empfinden der beiden Geschlechter. Während sich beim Knaben der Geschlechtstrieb sehr früh als drängendes Bedürfnis zum Geschlechtsverkehr äußert, ist das mannbar gewordene Mädchen von eigentlicher Sinnlichkeit noch unberührt. Es verspürt ein heimliches, ihm selbst noch unbewusstes Sehnen nach Liebe und Zärtlichkeit, dessen Befriedigung es aber nicht mehr, wie früher, von Angehörigen und Freundinnen, sondern von einem erträumten männlichen Wesen erwartet, das es mit allen Vorzügen und Reizen seiner jugendlichen Phantasie ausschmückt. Dieses erträumte Ideal läßt jedoch die Sinne völlig kalt, während das Empfinden des Jünglings für ein von ihm geliebtes Mädchen stark mit geschlechtlichem Begehren durchsetzt ist. Daß es sich dabei um eine Naturanlage des Weibes handelt, geht aus der Tatsache hervor, daß zahllose verheiratete Frauen, die ihren Gatten mit inniger Liebe zugetan sind, den rein geschlechtlichen Teil der Ehe als abstoßend und widerwärtig empfinden.“