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Das Meerschweinchen in der Kleintiersprechstunde. Von A wie Allgemeinuntersuchung über H wie Haltung bis Z wie Zahnprobleme - dieses Buch lässt keine Frage zum Thema Meerschweinchen offen. Tierärzte erfahren hier ausführlich alles über die Besonderheiten des Meerschweinchens als Patient: - Haltung, Ernährung und Verhalten für eine kompetente Beratung. - Anatomie, Physiologie und Diagnostik für einen routinierten Untersuchungsgang. - Ausführliche Beschreibung von Krankheiten, ihrer Diagnosen und Therapien für eine erfolgreiche Behandlung. - Narkose und Operationen für mehr Expertise im OP. Der Meerschweinchen-Klassiker. Jetzt auf dem neusten Stand!
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2012
Birgit Drescher
Ilse Hamel
Heimtier und Patient Meerschweinchen
3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
85 Abbildungen
Die von Ilse Hamel 1994 erarbeitete Erstauflage ist und bleibt bis heute im deutschsprachigen Literaturraum der Klassiker, der Tierärzten ebenso wie engagierten Tierhaltern auf systematische Art und Weise ein Basiswissen über das gesunde und kranke Meerschweinchen vermittelt. Seit der 2. Auflage 2002 haben sich aufgrund des stark zunehmenden Anteils der Meerschweinchen an der Gesamtklientel der Kleintierpraxen sowohl die diagnostischen Methoden als auch die Untersuchungsergebnisse und die Erkenntnisse zu diversen Krankheitsbildern weiterentwickelt.
Es ist mir eine große Ehre, vom Verlag sowie auch von der Kollegin Ilse Hamel darum gebeten worden zu sein, die 2. Auflage zu überarbeiten. Folglich habe ich mir erlaubt, den Text unter Berücksichtigung des derzeitig gültigen Erkenntnisstands zu aktualisieren. Darüber hinaus habe ich aus der eigenen Praxis gewonnene Erkenntnisse zu chirurgischen Maßnahmen ausgeführt und das Kapitel Osteodystrophie bzw. „Satinkrankheit“ ergänzend hinzugefügt.
Somit dürfte diese 3. Auflage wiederum dem ursprünglichen Ziel von Ilse Hamel gerecht werden, ein den derzeitigen Erkenntnissen entsprechendes und systematisch aufgebautes Handbuch über das Meerschweinchen und seine Herkunft, seine Biologie und seine Ansprüche an eine artgerechte Haltung und Fütterung praxisnah darzustellen. Außerdem werden die in der Kleintierpraxis möglichen und notwendigen Untersuchungsmethoden sowie alle bei Meerschweinchen vorkommenden Krankheiten und ihre Behandlungsmethoden ausführlich dargestellt.
Um den Text anschaulich und mit aussagekräftigen Bildern zu untermauern, stand mir fotografisch Bernhard Bürkle zur Seite, für dessen Einsatz und Verständnis ich mich an dieser Stelle bedanken möchte. Ebenfalls danke ich der Kollegin und Lektorin Gesina Cramer vom Enke Verlag, die mich bei der Fertigstellung des Manuskripts und bei der Bilderauswahl durch konsequentes, systematisches Mitdenken aufs Angenehmste unterstützte.
Stuttgart, im Dezember 2011Birgit Drescher
Das schon seit Jahrhunderten in Westund Mitteleuropa lebende Meerschweinchen erfreut sich als Heimtier bei vielen Tierfreunden, besonders bei Kindern, zunehmender Beliebtheit. Hierin liegt begründet, dass die Zahl der Meerschweinchenpatienten in der Kleintiersprechstunde ständig zunimmt. So wird der Tierarzt in immer stärkerem Maße mit Fragen der Haltung, Pflege, Fütterung, Zucht und Krankheiten der Meerschweinchen konfrontiert. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sich ein breiteres, fundiertes Fachwissen über pathophysiologische, klinische, diagnostische und therapeutische Besonderheiten zur Behandlung kranker Meerschweinchen, aber auch für fachkundigen Rat und Hilfe einer gesunden Haltung und Fütterung dieser Heimtiere zu erwerben.
Die gute Resonanz der 1. Auflage des Buches „Das Meerschweinchen als Patient“ und die rege Nachfrage von Tierärzten und Meerschweinchenzüchtern veranlasste den Enke Verlag, die notwendige Herausgabe einer 2. Auflage zu initiieren und vorzubereiten. Der große Wissenszuwachs in den letzten 10 Jahren auf dem Gebiet der Klinik und Ernährungsphysiologie des Meerschweinchens macht es erforderlich, das vorliegende Buch auf den aktuellen Wissens- und Erkenntnisstand zu bringen, sodass eine völlig neu überarbeitete Auflage entstand.
Mein Dank gebührt dem Enke Verlag und besonders seiner Lektorin Frau Dr. Ulrike Arnold wie auch Frau Sigrid Unterberg für die stets hilfreiche und fruchtbare Unterstützung, die wesentlich zur schnellen Fertigstellung des Buches beigetragen hat.
Weiterhin bedanke ich mich bei Frau Thea Paar für die Bilder von Meerschweinchenrassen, bei Herrn Professor Dr. Franz-Viktor Salomon für die Anfertigung der anatomischen Präparate, bei Herrn Dr. Ronald Schmäschke für die parasitologischen Abbildungen und bei Herrn Dr. Eberhard Ludewig für die Röntgenbilder sowie bei allen Kollegen, die mich mit fachlichen Ratschlägen und Literatur unterstützt haben.
Nicht zuletzt bedanke ich mich bei meiner Tochter Katrin Furchner für die übernommenen Schreibarbeiten und ganz herzlich bei meinem Mann, der mir die vielen kleinen Pflichten des Alltags abnahm.
Möge dieses Buch ein guter Ratgeber für alle interessierten Kollegen und Meerschweinchenliebhaber sein.
Leipzig, im Juli 2002Ilse Hamel
Teil I Das Meerschweinchen als Heimtier
1 Vorfahren des Hausmeerschweinchens
2 Domestikation
3 Rassen und Farben
3.1 Kurzhaarrassen
3.2 Langhaarrassen
3.3 Farben
3.4 Zeichnungen
4 Haltung
4.1 Käfig
4.2 Einstreu
4.3 Auslauf
4.4 Gesellschaft
5 Fütterung
5.1 Nährstoffe
5.2 Grünfutter
5.3 Trockenfutter
5.4 Bedarfsangaben
5.5 Trinkwasser
5.6 Grundregeln der Fütterung
5.7 Gehalte wichtiger Inhaltsstoffe im Futter
6 Verhalten
6.1 Männchen untereinander
6.2 Männchen gegenüber Weibchen
6.3 Verständigung untereinander
7 Fortpflanzung
7.1 Weiblicher Geschlechtszyklus
7.2 Paarung
7.3 Trächtigkeit
7.4 Geburt
7.5 Säugephase
7.6 Geschlechtsbestimmung
7.7 Biologische Daten
8 Anatomische und physiologische Besonderheiten
8.1 Skelett
8.2 Haut
8.3 Haarkleid
8.4 Sinnesorgane
8.5 Atmungsorgane
8.6 Herz
8.7 Zähne und Mundhöhle
8.8 Magen-Darm-Kanal
8.9 Leber
8.10 Milz
8.11 Harnapparat
8.12 Geschlechtsorgane
8.13 Temperaturregulation
8.14 Physiologische Daten
Teil II Diagnostik und Erkrankungen
9 Allgemeinuntersuchung
9.1 Handling
9.2 Vorbericht
9.3 Befunderhebung
10 Spezielle Untersuchung
10.1 Röntgendiagnostik
10.2 Ultraschalldiagnostik
10.3 Labordiagnostik
11 Applikation beim Meerschweinchen
11.1 Orale Applikation
11.2 Subkutane Injektion
11.3 Intravenöse Injektion
11.4 Intraperitoneale Injektion
12 Krankheiten des Meerschweinchens
12.1 Hauterkrankungen
12.2 Ohrerkrankungen
12.3 Augenerkrankungen
12.4 Atemwegserkrankungen
12.5 Herz-Kreislauf-Erkrankungen
12.6 Erkrankungen des Verdauungstrakts
12.7 Fütterungsbedingte Erkrankungen
12.8 Lebererkrankungen
12.9 Erkrankungen der Harnorgane
12.10 Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane
12.11 Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane
12.12 Endokrine Erkrankungen
12.13 Erkrankungen des Skelettsystems
12.14 Virusinfektionen
12.15 Bakterielle Infektionen mit gastrointestinaler Symptomatik
12.16 Erkrankungen durch Endoparasiten
12.17 Zoonosen
12.18 Vergiftungen
Teil III Narkose und Operationen
13 Narkose
13.1 Narkosevorbereitung
13.2 Inhalationsnarkose
13.3 Injektionsnarkose
13.4 Sedation
13.5 Narkoseüberwachung
14 Operationen
14.1 Kastration
14.2 Zystotomie
14.3 Sectio caesarea
14.4 Laparotomie
Teil IV Anhang
15 Medikamentenverzeichnis
16 Literatur
17 Bildnachweis
18 Sachverzeichnis
1 Vorfahren des Hausmeerschweinchens
2 Domestikation
3 Rassen und Farben
4 Haltung
5 Fütterung
6 Verhalten
7 Fortpflanzung
8 Anatomische und physiologische Besonderheiten
Die Meerschweinchenverwandten (Caviomorpha), die bis auf eine nordamerikanische Gattung alle in Mittel- und Südamerika leben, bilden eine stammesgeschichtliche Einheit. Zur Überfamilie der Meerschweinchenartigen (Cavioidae) zählen die Meerschweinchen (Caviidae) mit 22 Arten, die Wasserschweine (Hydrochoeridae) mit einer Art (größtes Nagetier), die Agoutis (Dasyproctidae) mit 11 Arten und die Pakaranaartigen (Dinomyoidae) mit dem Pakarana als einziger Art (3. größtes Nagetier).
Der Familie der Meerschweinchen (Caviidae) sind 2 Unterfamilien zugeordnet:
die
eigentlichen Meerschweinchen
(Caviidae) mit 4 Gattungen und 20 Arten
die
Maras
(Dolichotinae) oder Pampashasen mit 2 Arten
Die 4 Gattungen der eigentlichen Meerschweinchen sind:
das
Wildmeerschweinchen
(Cavia aperea) als Stammform unseres Hausmeerschweinchens (Cavia porcellus)
das
Wieselmeerschweinchen
(Galea)
das
Zwergmeerschweinchen
(Microcavia)
das
Bergmeerschweinchen
(Kerodon rupestris)
Das Bergmeerschweinchen ist ein hochbeiniges Tier, das in den bergigen Gebieten im Südosten Brasiliens in Felshöhlen lebt. Der Moko, wie er von der einheimischen Bevölkerung genannt wird, ist in der Lage, meterhohe Sprünge auszuführen. Er ist ein geschickter Kletterer, der auf Felsen und Bäumen anzutreffen ist. Seine Füße sind mit Haftsohlen und Greifnägeln ausgestattet.
Wildmeerschweinchen (= Aperea-Meerschweinchen, ▶Abb. 1.1) sind in Südamerika am weitesten verbreitet. Sie leben in Peru, Uruguay, Guayana, Brasilien und Argentinien in Höhenlagen bis zu 4200 m. Ausgenommen sind die kalten Bereiche des Südens und die feuchten Gebiete des tropischen Regenwalds.
▶Abb. 1.1 Wildmeerschweinchen (Cavia aperea tschudii) (© Thea Paar).
Die wilde Stammform des domestizierten Hausmeerschweinchens ist das Gebirgsmeerschweinchen, Cavia aperea cutlerii. Es ist ein Gebirgstier und lebt in Höhen von 4000–4500 m im Süden Perus und im Norden Chiles. Sein Gewicht beträgt 500–600 g und es wird 20–30 cm groß. Der Kopf ist länglich, der Körperbau gedrungen, die Hinterextremitäten sind länger und kräftiger als bei unseren Hausmeerschweinchen. Es hat keinen äußerlich sichtbaren Schwanz und ein ziemlich derbes, längeres Haarkleid.
Wildmeerschweinchen sind dämmerungs- und nachtaktive Tiere. Ihr Haarkleid ist graubräunlich gesprenkelt. Sie leben im Familienverband in Gruppen von 4–20 Tieren. Gemeinsam gehen sie auf Futtersuche. Gras sichert das ganze Jahr hindurch ihren Vitamin-C-Bedarf. Als reviertreue Tiere benutzen sie regelmäßig die von ihnen ausgetretenen, labyrinthartig verzweigten Pfade zwischen Futterplätzen und Ruhestellen. Die Familiengruppen mit einem Männchen, mehreren Weibchen und Jungtieren bleiben durch ständige Stimmfühlungslaute untereinander in Verbindung. Wachsam beobachten die Tiere ihre Umgebung. Schlupfwinkel oder selbst gegrabene Höhlen bieten ihnen sowohl in dichtem Gestrüpp als auch in offenem Gelände Schutz vor Feinden. Bei Nahen einer Gefahr stoßen Meerschweinchen Warnlaute aus, die Tiere versuchen sich in Sicherheit zu bringen oder verfallen in eine Schreckstarre.
Mit mehreren Trächtigkeiten im Jahr und einer winterlichen Zyklusruhe sind Wildmeerschweinchen außerordentlich fortpflanzungsaktiv. Nach einer durchschnittlichen Tragezeit von 65 Tagen werden 2–5 Nestflüchter geboren, die sie 3 Wochen lang säugen.
Meerschweinchen gehören zu den ältesten Haustieren der Neuen Welt. Vasenfunde mit abgebildeten Meerschweinchen weisen darauf hin, dass bereits um 1000 v. Chr. ihre Domestikation begann. Von den Inkas wurden sie als Schlacht- und Opfertiere gehalten. Als Opfertiere bevorzugte man besonders braune und braunweiß gescheckte Tiere, die dem Sonnengott geopfert oder Verstorbenen mit ins Grab gegeben wurden.
Die Erforschung des zahmen, bereits domestizierten Meerschweinchens verdanken wir dem deutschen Zoologen Alfred Nehring. Bei der Untersuchung mumifizierter Meerschweinchen aus Inkagräbern des Totenfelds von Ancon in Peru fand er 1889 übereinstimmende bzw. verwandtschaftliche Merkmale zwischen den von dem Schweizer Zoologen Tschudi beschriebenen wilden Aperea-Meerschweinchen und den bereits weitreichend domestizierten Meerschweinchen der Inkazeit. Der Einfluss der Domestikation zeigte sich bei den Ausgrabungsfunden in Abweichungen bezüglich des Schädelbaus und der Färbung des Haarkleids. Die domestizierten Tiere waren entweder einfarbig weiß, rötlichbraun oder gelbweiß gescheckt. Schwarze Flecken kamen nicht vor.
Die ersten Meerschweinchen wurden bald nach der Entdeckung Amerikas von spanischen Seefahrern, vor allem aber von holländischen Kaufleuten mit nach Europa gebracht und dort weiter gezüchtet. Auf den langen Überfahrten dienten die Meerschweinchen den Seefahrern vorwiegend als lebender Fleischvorrat.
Der erste schriftliche Beleg über Meerschweinchen in Mitteleuropa stammt von dem Schweizer Naturforscher und Arzt Konrad Gesner aus dem Jahre 1554, der die bislang in Europa unbekannten Nager in Zürich oder Augsburg erstmals sah und beschrieb. In Holland gezüchtete Meerschweinchen werden als Stammform der heute in Mitteleuropa gehaltenen und gezüchteten Rassen angesehen. Mit der Entwicklung der biologischen und medizinischen Wissenschaften in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Meerschweinchen bevorzugt als Versuchstier in unterschiedlichen Forschungsrichtungen gezüchtet und genutzt. Die zunehmende Versuchstierhaltung machte es notwendig, für die verschiedenen Versuchstierarten eine bedarfsgerechte und zweckmäßige Ernährung zu ermitteln und das Wissen über ihre Erkrankungen zu erweitern. Infolge unterschiedlicher Haltungs- und Fütterungsbedingungen lassen sich jedoch nicht alle Krankheitsprozesse des Versuchsmeerschweinchens ohne Weiteres auf das als Heimtier gehaltene Meerschweinchen übertragen.
Nach der Haarlänge unterscheidet man zwischen Kurz- und Langhaarmeerschweinchen. Es gibt zudem verschiedene Farbschläge sowie Formen des Einzelhaars und Verteilungsmuster der Haare auf dem Körper. Bei der Agouti-Färbung weist jedes einzelne Haar eine für die Wildform charakteristische Bänderung auf. Agouti-Meerschweinchen haben an einem Haar 2 Haarfarben. Dadurch wirkt das Haar insgesamt meliert, auch Ticking (= Bänderung) genannt. Das Fell am Bauch der Tiere ist einfarbig in der Farbe des Ticking.
Glatthaar:
eng anliegendes Fell (
▶
Abb. 3.1
)
Rosette:
mehrere Wirbel über den ganzen Körper verteilt (
▶
Abb. 3.2
)
Crested:
glattes Fell mit weißem (American Crested) oder gleichfarbigem (English Crested) Stirnwirbel im Mittelpunkt zwischen Augen und Ohren (
▶
Abb. 3.3
und
▶
Abb. 3.6
)
Teddy:
sehr dichtes, krauses, aufrecht stehendes Fell (
▶
Abb. 3.4
)
Rex:
das Fell ähnelt dem des Teddys, ist aber etwas länger und weniger dicht (
▶
Abb. 3.5
)
▶Abb. 3.1 Glatthaarmeerschweinchen, Himalaya (© Thea Paar).
▶Abb. 3.2 Rosettenmeerschweinchen, Brindle (© Thea Paar).
▶Abb. 3.3 American Crested, rot (© Thea Paar).
▶Abb. 3.4 US-Teddy, Silberagouti mit weiß (© Thea Paar).
▶Abb. 3.5 Rex, schokolade (© Thea Paar).
▶Abb. 3.6 English Crested, Satin, weiß (© Thea Paar).
Die Satinbehaarung kann bei allen Kurzund Langhaarrassen auftreten. Das dünne, feine Haar ist lufthaltig und erscheint dadurch weich und seidig schimmernd (▶Abb. 3.6 und ▶Abb. 3.8).
▶Abb. 3.7 Sheltie, schildpatt mit weiß (© Thea Paar).
▶Abb. 3.8 Peruaner, Satin, schokoladerotweiß (© Thea Paar).
▶Abb. 3.9 Coronet, rotweiß (© Thea Paar).
▶Abb. 3.10 Texel, rot (© Sandra Geise).
▶Abb. 3.11 Merino, schildpatt mit weiß (© Thea Paar).
▶Abb. 3.12 Alpaka, rotweiß (© Thea Paar).
Einfarbige Meerschweinchen gibt es in verschiedenen Farben, z. B. weiß, creme, gold, rot, schokolade und schwarz.
Bei den Agoutis unterscheidet man u. a. Goldagoutis (▶Abb. 3.13), Silberagoutis (▶Abb. 3.4) und Salmagoutis.
Brindle:
rote und schwarze Haare durchmischt am ganzen Körper (
▶
Abb. 3.2
)
Schildpatt:
rote und schwarze Farbfelder (
▶
Abb. 3.7
und
▶
Abb. 3.14
)
Dalmatiner:
schwarze Tupfen auf weißem Untergrund bei beliebiger Grundfarbe und mit Blesse (
▶
Abb. 3.15
)
▶Abb. 3.13 Glatthaarmeerschweinchen, Goldagouti (© Thea Paar).
▶Abb. 3.14 Glatthaarmeerschweinchen, schildpatt mit weiß (© Thea Paar).
▶Abb. 3.15 Dalmatiner, schwarz (© Thea Paar).
▶Abb. 3.16 Glatthaarmeerschweinchen, Mixed-Schimmel (© Thea Paar).
▶Abb. 3.17 Holländer, rot-weiß und schwarz-weiß (© Thea Paar).
Schimmel:
farbige und weiße Haare durchmischt bei beliebiger Grundfarbe (
▶
Abb. 3.16
)
Himalaya:
weiße Körperfarbe mit dunklen Kälteabzeichen (
▶
Abb. 3.1
)
Holländer:
Blesse und weißer Kragen bei beliebiger Grundfarbe (
▶
Abb. 3.17
)
Die Dalmatiner- und die Schimmelzeichnung wird dominant vererbt und stellt bei Reinerbigkeit einen Letalfaktor dar, weshalb man diese Tiere nur mit einfarbigen Meerschweinchen verpaaren sollte.
Haltung und Unterbringung müssen der Natur des Meerschweinchens gerecht werden. Unter Beachtung einiger Grundvoraussetzungen gestaltet sich die Haltung in der Wohnung unproblematisch.
Bei der Auswahl des Käfigs ist der Bewegungsaktivität, nicht nur von Jungtieren, Rechnung zu tragen.
Beachte: Für die Haltung von 2 Meerschweinchen in der Wohnung eignet sich ein handelsüblicher Käfig mit einer Länge von mindestens 120 cm, einer Breite von mindestens 60 cm und einer Höhe von mindestens 45 cm – wenn möglich auch größer. Ein solcher Käfig entspricht einer Grundfläche von 0,72 m2. Pro zusätzliches Tier sollten mindestens 0,3 m2 veranschlagt werden.
Für eine gute Haltung ist nicht allein die Grundfläche entscheidend. Der Käfig sollte zusätzlich durch eine 2. Ebene, Hängematte, Unterschlupfhäuschen (1 Häuschen pro Tier!) oder Rohre als Rückzugsmöglichkeit strukturiert sein. Optimal ist ein unmittelbar anschließendes Auslaufgehege mit weiteren Funktions- und Futterbereichen.
Als Standort für den Käfig ist ein heller, trockener, zugfreier Ort mit normaler Zimmertemperatur auszuwählen. Regelmäßiges Lüften sowie das Vermeiden von Überheizung sind besonders wichtig.
Es ist bei der Standortwahl unerlässlich, das sehr gut ausgeprägte Seh-, Riech- und Hörvermögen (16 000–33 000 Hz) des Meerschweinchens zu berücksichtigen. Die Geräuschempfindlichkeit bedingt, dass die Tiere durch permanenten Lärm (auch Musik, die der Mensch als nicht zu laut empfindet) und hohe Frequenzen (Radio, TV, Computer, Haushaltsmaschinen) leiden und krank werden können. Am wohlsten fühlen sich Meerschweinchen bei 20–22° C.
Beachte: Niemals sollte der Käfig auf oder direkt neben der Heizung stehen, auch nicht auf Böden mit Fußbodenheizung. Meerschweinchen sind wenig kälte-, aber sehr wärmeempfindlich. Außerdem verdampft durch eine Bodenheizung der Harn der Tiere: Reizungen der Augen und der Atemwege können die Folge sein.
Alle Käfiggegenstände müssen wöchentlich gereinigt werden, vor allem die Plastikbodenschale. Dafür gibt man am einfachsten alle zu reinigenden Gegenstände in die Dusche oder Badewanne und nimmt heißes Wasser, Bürste und Spülmittel. Im Krankheitsfall sind nach Rücksprache mit dem Tierarzt zusätzlich geeignete Desinfektionsmittel zu verwenden. Gutes Nachspülen mit klarem Wasser ist selbstverständlich. Futternäpfe und Trinkgefäße sind täglich zu säubern. Beim Reinigen sollte sich der Besitzer vergewissern, dass alle Gegenstände noch einwandfrei funktionieren und die Tiere nicht schädigen können.
Zur Ausstattung des Käfigs gehören 2 standfeste, nicht zu leichte Ton- oder Glasschalen für Saft- und Mischfutter sowie ein standfestes Trinkschälchen (gibt es auch zum Hängen). Günstiger und vor Verschmutzung sicher sind eingehängte Trinkflaschen mit Nippelvorrichtung oder Saugstutzen, an deren Benutzung sich Meerschweinchen schnell gewöhnen.
2 kleine Futterraufen für Grünfutter und Heu werden an einer Käfigwand in Kopfhöhe (Unterkante 5 cm vom Boden entfernt) angebracht. Höhe und Sprossenabstand sind so zu wählen, dass Grünund Raufutter ohne Mühe erreicht und herausgezupft werden können und dass die Tiere nicht in die Heuraufe hineinspringen können, da sie sonst hängen bleiben und sich verletzen können. Raufen verhindern das Verschmutzen des Futters. Im Käfig verstreutes Heu wird von den Tieren bei kleinsten Verunreinigungen nicht mehr gefressen.
Als Fluchttiere und Höhlenbewohner benötigen Meerschweinchen einen Unterschlupf, in dem sie sich verstecken können und der ihnen gleichzeitig als Schlafhäuschen dient. Hierfür eignet sich für jedes Tier ein Holzkästchen aus unbehandeltem Massivholz ohne Boden mit Flachdach und eingeschnittenem Schlupfloch. Das Dach wird gern als Aussichts- und Beobachtungsplatz genutzt.
Beachte: Das Haus muss abgerundete Ecken haben und darf keine herausstehenden Nägel aufweisen. Um gefährlichen Holzsplittern vorzubeugen (Auge!), sollten alle Flächen und Kanten gut geschmirgelt sein.
Häufig beanspruchen ranghöhere Tiere ein Schlafhäuschen, in dem sich ein schwächeres Tier befindet. Deshalb sollte ein Häuschen von der Größe sein, dass es problemlos 2 Tiere beherbergen kann (mindestens 20 x 30 cm) und grundsätzlich 2 Ein- bzw. Ausgänge haben. Sind die Häuschen zu klein oder nur mit einem Eingang versehen, kommt es dabei leicht zu Verletzungen des schwächeren Tieres, das nicht schnell genug ausweichen kann und dementsprechend eingeklemmt und gebissen wird. Da manche Meerschweinchen ihr Schlafhäuschen verunreinigen, ist ein regelmäßiges Umsetzen und gelegentliches Schrubben des Häuschens mit heißem Wasser anzuraten. Danach das Häuschen auf der Heizung oder in der Sonne gut trocknen lassen.
Um den Käfig interessanter zu gestalten und Langeweile zu vermeiden, empfiehlt es sich, z. B. Tonröhren (an einer Seite abgeflacht), Kletterrampen, weitere Häuschen und auch Äste von Obstbäumen zum Nagen in den Käfig zu integrieren sowie täglich zu variieren.
Als Einstreu dienen handelsübliche Heimtierstreu aus Holzspänen oder Strohpellets (sehr saugfähig), Stroh und Heu oder Hobelspäne aus Kernholz.
Beachte: Das Einstreumaterial darf nicht zu fein und auf keinen Fall stark staubend sein, da es sonst zur Reizung der Konjunktiven und zur Belastung des Atmungsapparats kommt.
Die Einstreu sollte in einem wie oben beschriebenen Käfig mit 2 Tieren mindestens alle 4 Tage gewechselt werden. Es ist zweckmäßig, die Ecken des Käfigs und den Bereich unter der Trinkflasche mit besonders saugfähiger Einstreu zu versehen (Strohpellets), da an diesen Stellen am meisten Urin abgesetzt wird.
Zusätzlicher Auslauf in der Wohnung, im Sommer im Garten in einer mit Maschendraht überdeckten Einhegung mit Schutzhäuschen, ist auf jeden Fall zu gewähren.
Cave
Beim Aufenthalt im Garten oder auf dem Balkon muss unbedingt sichergestellt sein, dass den hitzeempfindlichen Tieren, die nicht schwitzen können, jederzeit sauberes Trinkwasser und ein schattiger Platz zur Verfügung stehen. Das Häuschen darf nicht in der prallen Sonne stehen; daran denken, dass die Sonne wandert! Auch schlecht isolierte Dachgeschosswohnungen können im Sommer für Meerschweinchen zur Todesfalle durch Hitzschlag werden.
Das Gartengehege muss mit einem Drahtgitter überdacht sein, sodass den Tieren keine Gefahr durch Hunde, Füchse, Marder, Katzen (nachts Tiere ins Haus holen!) und durch Greifvögel droht. Eine gelegentliche Kontrolle ist demnach unerlässlich, genauso wie beim Auslauf in der Wohnung.
Beachte: Der Auslauf in der Wohnung ist so zu gestalten, dass Gefahrenquellen zuvor beseitigt werden: Stromkabel, heiße oder spitze Gegenstände und solche, die umfallen können. Offene Türen schließen, beim Betreten des Zimmers daran denken, dass man die Tiere nicht mit der Tür verletzt und die Tiere keine gesundheitsschädlichen Stoffe aufnehmen können, wie Kabel, Papier, Pappe, Zimmerpflanzen, Blei von der Gardine, Tapete, Tüten, Kunststoffe.
Als Rudeltiere müssen Meerschweinchen mindestens zu zweit gehalten werden. Einzelhaltung ist nicht artgerecht, die Tiere leiden sehr darunter und verkümmern. Die Beschäftigung mit Artgenossen und die damit verbundene Möglichkeit, natürliche Verhaltensweisen auszuleben, kann einem Meerschweinchen durch nichts ersetzt werden. Meerschweinchen sind sehr kommunikativ, sodass schon deshalb ein Kaninchen als Partnertier nicht artgerecht ist. Die Haltung mehrerer Tiere ist kaum arbeitsintensiver und ein großer Käfig wird sowieso benötigt.
Es entspricht absolut nicht der Wahrheit, dass Rudeltiere nicht so zahm werden wie Einzeltiere. Zahm werden die Meerschweinchen, wenn sie von klein auf liebevoll und mehrmals täglich mit der Hand aufgenommen werden. Außerdem helfen bei der Gewöhnung an den Menschen erfahrene Tiere den jüngeren, noch nicht zahmen, enorm. Der Besitzer wird an gemeinschaftlich gehaltenen Meerschweinchen auch mehr Freude haben, da die Tiere aktiver und gesünder sind und sich die ganze Vielfalt der Verhaltensweisen beobachten lässt. Der Laufstall ist die am besten geeignete Unterbringungsart für die Rudelhaltung. Im natürlichen Biotop lebt ein Böckchen mit mehreren Weibchen zusammen, gelegentlich schließen sich auch 2 oder 3 Böckchen mit allen ihren Weibchen zu einer Gemeinschaft zusammen.
Beachte: Im Allgemeinen sind Meerschweinchen friedfertig. Sowohl 2 Weibchen als auch 2 Böckchen können in der Regel ein Leben lang gut miteinander auskommen – die Ausnahme bestätigt diese Regel.
Meerschweinchen sind herbivore Tiere. Als Pflanzenfresser benötigen sie ein rohfaserreiches Futterangebot, das in erster Linie aus einem guten, duftenden Heu besteht, das stets verfügbar sein muss. Meerschweinchen nehmen natürlicherweise bis zu 100 kleine Portionen in 24 Stunden zu sich, um ihren hohen Energieumsatz aufrechtzuerhalten.
Beachte: Kontinuierliches Fressen rohfaserreichen Futters ist besonders wichtig für die Magen- und Darmperistaltik. Sie wird durch den permanenten Nachschub aufrechterhalten, denn die Tiere verfügen über eine nur schwach ausgeprägte Magen- und Darmmuskulatur. Meerschweinchen dürfen deshalb niemals hungern.
Bei jeder Futterumstellung ist vorsichtig zu verfahren. Das neue Futter ist nur in kleinen Mengen dem Gewohnten beizugeben, bis sich die mikrobielle Dickdarmverdauung dem veränderten Nahrungsangebot angepasst hat. Dass die Ernährung möglichst abwechslungsreich sein soll, steht im Widerspruch zum Aufbau des Magen-Darm-Trakts, der auf einseitige Aufnahme strukturierter Rohfaser ausgerichtet ist.
Futter darf stets nur in einwandfreiem Zustand verabreicht werden. Auf verdorbenes Futter reagieren Meerschweinchen empfindlich mit schweren Verdauungsstörungen. Es ist auch zu beachtet, dass mit einer Frischfutterration nur so viel Futter angeboten wird, wie von den Tieren bis zur nächsten Mahlzeit gefressen wird. Ebenso sollte sichergestellt sein, dass jedes Tier der Gemeinschaft die Futterart und -menge erhält, die es benötigt. Es können sonst Mangelernährung bei den schwächeren, rangniedrigen Tieren sowie Übergewicht und Verdauungsstörungen bei den anderen Meerschweinchen auftreten.
Futtermittel
Folgende Futtermittel können zusätzlich zum Raufutter angeboten werden:
SalatgurkePaprika (die gelben Schoten haben den höchsten Vitamin-C-Gehalt)Kräuterzum Benagen geeignete Zweige von Obstbäumen oder Haselnuss-Sträuchern (nicht hingegen von Weide, deren Rinde einen sehr hohen Gerbstoffgehalt hat, der die Magenschleimhaut reizen kann)Obst (geringgradige Mengen wegen des Fruchtzuckergehalts)In warmen Sommermonaten, wenn Grünfutter durch die Wärme leicht welkt oder verdirbt, ist es günstig, solches Futter erst in den Abendstunden zu verabreichen, da dies die von den Tieren bevorzugte Zeit zum Fressen ist. Altes und verderbliches Futter (z. B. Obstreste) ist regelmäßig zu entfernen.
Werden Meerschweinchen einmal von ihren Besitzern über das Wochenende ohne Betreuung allein gelassen, sollte nur Heu und ausreichend frisches Wasser gegeben werden. Diese Maßnahme birgt das geringste Risiko, dass die Tiere an Magen-Darm-Störungen erkranken.
Bei Herbivoren, wie dem Meerschweinchen als reinem Pflanzenfresser, wird der Bedarf an essenziellen Aminosäuren vorwiegend durch hochwertige pflanzliche Proteinträger gedeckt. Bei Meerschweinchen dient zudem die Aufnahme des proteinreichen Blinddarmkots – der Zäkotrophe – der Bedarfsdeckung. Im Erhaltungsstoffwechsel benötigen Meerschweinchen bei üblicher Futteraufnahme 14–18% Rohprotein in der Gesamtration.
Eiweißquellen Pflanzliches Eiweiß ist in gutem Wiesenheu und anderem Grünfutter enthalten. Die wichtigste Eiweißquelle für das Meerschweinchen sind jedoch die bakteriellen Eiweiße der Darmbakterien, die das Meerschweinchen nach Aufnahme des Blinddarmkots beim nächsten Verdauungsgang im Dünndarm verdaut und aufnimmt.
Die für die menschliche Ernährung geeigneten pflanzlichen Eiweißquellen, wie insbesondere Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Erdnüsse, Kichererbsen, Linsen, Sojabohnen), sind für Meerschweinchen wegen ihrer teils giftigen (rohe Bohnen!), teils blähenden Wirkungen völlig ungeeignet.
Beachte: Die Verfütterung von tierischem Eiweiß an Meerschweinchen geht vollkommen gegen ihre Natur und ihre Verdauungsmöglichkeiten!
Der Bedarf an ungesättigten Fettsäuren wird durch die Gabe von Grün- und Frischfutter gedeckt.
Meerschweinchen sind in der Lage, die Rohfaser durch intensive mikrobielle Verdauung im Dickdarm teilweise aufzuschließen. Das Futter sollte 15–18% Rohfaser enthalten. Die Faserquelle für eine artgerechte Fütterung ist Heu.
Meerschweinchen sind empfindlich gegenüber einer unausgeglichenen Mineralstoffzufuhr. Die Mineralstoffaufnahme ist abhängig von der Art des Futtermittels und seiner Verabreichung.
In erster Linie ist auf den Kalziumgehalt sowie das Ca-/P-Verhältnis im Futter zu achten (▶Tab. 5.1), das bei 1,5:1 liegen sollte. Für adulte Tiere wird ein Richtwert von etwa 6 g Kalzium/kg Futter zugrunde gelegt. Bei der Aufnahme reichlich kalziumhaltiger Futtermittel wird Kalzium in zunehmendem Maße im Dünndarm absorbiert (mit ansteigender Kalziumaufnahme kommt es zu höheren Verdaulichkeitswerten!). Das überschüssig absorbierte Kalzium wird renal ausgeschieden. Bei überhöhter Kalziumaufnahme steigt demnach die Kalziumkonzentration im Harn und begünstigt, je nach Harnvolumen, die Bildung von Harnkonkrementen. Auch Magnesium wird mit ähnlich hohen Werten absorbiert und renal ausgeschieden.
Stark kalziumhaltige Futtermittel, wie Luzerneprodukte, Brokkoli, Kohlrabiblätter, Petersilie und alle Kräuter – besonders in getrockneter Form – sind stets nur in geringen Mengen zu reichen. Bei Tieren, die aufgrund einer Urolithiasis (▶S. 100) vorgestellt wurden, muss auf alle kalziumreichen Produkte verzichtet werden.
Cave
Meerschweinchen benötigen keine zusätzliche Mineralstoffzufuhr über Nager- oder Salzlecksteine. Bei unzureichendem Wasserangebot können diese zu einer Natriumüberversorgung mit kritischen Stoffwechselstörungen führen.
Meerschweinchen sind in der Lage, die Vitamine des B-Komplexes und Vitamin K mithilfe von Mikroorganismen im Zäkum und Kolon zu synthetisieren. Diese Vitamine werden dann durch die erneute Aufnahme des Blinddarmkots für den Organismus verwertbar gemacht (Zäkotrophie).
Das Meerschweinchen ist ebensowenig wie Mensch und Affe befähigt, Vitamin C zu synthetisieren.
Beachte: Vitamin C muss mit dem Futter zugeführt werden.
Überschüssiges Vitamin C wird problemlos über die Nieren ausgeschieden.
Neugeborene erhalten über den Plazentakreislauf einen Vorrat von der Mutter. Über kurze Zeit wird dieses Vitamin C in der Leber gespeichert; es dient der Überbrückung bis zur Eigenversorgung über das Futter. Liegt eine unzureichende Versorgung der Meerschweinchen mit Vitamin-C-haltigem Futter vor, treten bereits nach 2–3 Wochen Mangelerscheinungen auf (Hypovitaminosen, ▶S. 94).
Vitamin-C-Bedarf
Der durchschnittliche Tagesbedarf an Vitamin C beträgt für:
Jungtiere: 3 mg/Tagerwachsene Tiere: 10 mg/Tagtragende Weibchen: 20 mg/TagKonstitutionell schwache und kranke Tiere sollten vorsorglich mit 20 mg/Tag versorgt werden.
Besonders reich an Vitamin C sind (in absteigender Reihenfolge): Hagebutten, Brennnesseln, Petersilie, Paprika, Brokkoli, Fenchel, Kiwi, Erdbeeren und Orangen. Steht z. B. im Winter nicht genügend Grünfutter zur Verfügung, ist Vitamin C über das Trinkwasser zu substituieren. Wegen der Instabilität des Vitamins empfiehlt sich für 50–100 mg Ascorbinsäure ein Zusatz von 100 mg stabilisierender Zitronensäure pro 100 ml Trinkwasser. In den Sommermonaten dienen Gras und Grünfutter allgemein als Vitamin-C-Quelle.
Diese beiden Vitamine sind fettlöslich und werden deshalb bei übermäßiger Zufuhr nicht einfach ausgeschieden, sodass beim Einsatz von zusätzlichen Vitaminpräparaten vor allem Vitamin D leicht überdosiert wird. Die Folge ist eine zu hohe Kalziumresorption, was wiederum schnell zur Harnsteinbildung führt. Heute sind viele Trocken- und Mischfuttermittel bereits mit Vitamin A und D angereichert, weshalb man gänzlich darauf verzichten sollte. Vitamin A ist in Möhren in reichlicher Menge enthalten, sodass man auf eine Vitamin-A-Substitution verzichten kann, wenn sie in der Ration enthalten sind.
In jungen Gräsern und jungen Pflanzen, die kurz vor der Blüte stehen, ist der Nährstoffgehalt am höchsten. Bei alten Pflanzen nimmt der Anteil an Lignin in der Zellulose zu; sie verholzen. Der Zeitpunkt der Heugewinnung spielt also eine große Rolle für die Heuqualität, wobei ein hoher Rohfaseranteil wünschenswert ist. Im Frühjahr hat das frische, junge Gras einen hohen Eiweißund einen geringen Rohfasergehalt, wodurch es schnell zu schweren Verdauungsstörungen kommt, wenn die Tiere nicht vorsichtig an den Weidegang gewöhnt werden.
Beachte: Unter keinen Umständen darf Futter verwendet werden, das von Flächen stammt, die vorher mit Insektiziden behandelt wurden oder gedüngt worden sind. Auch Flächen, die selbst oder deren unmittelbare Nähe mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden, sind zur Grünfuttergewinnung ungeeignet.
Futter von Wegrändern und Rändern vielbefahrener Straßen ist durch Autoabgase verunreinigt und stets für die Grünfutter- oder Heugewinnung unbrauchbar.
Löwenzahn
ist eiweiß- und kalziumreich.
Brennnesseln
werden nur angewelkt gefressen. Sie sind vitamin- und eiweißreich, haben einen hohen Nährwert und eignen sich hervorragend für die Heubereitung.
Huflattich
wird mit anderen Pflanzen gemischt gerne gefressen. Er beugt Aufgasungen vor. Die Blätter enthalten vor allem Schleimstoffe und Gerbstoff. Mit Rost befallene Blätter sind schädlich.
Großer Breitwegerich
enthält Schleimstoffe. Seine Verfütterung ist besonders wertvoll für Jungtiere.
Giersch
ist ein hartnäckiges Unkraut und eine alte Heilpflanze, die von Meerschweinchen gerne gefressen wird.
Kohldisteln
wachsen auf nassen Wiesen, in Gräben und an Bachufern. Die Stängel enthalten weißen Milchsaft.
Wiesenbärenklau
ist im Gegensatz zum Bärenklau (Herkulesstaude) ungiftig und wird gerne gefressen.
Daneben gibt es eine ganze Reihe wild wachsender Pflanzen, die ebenfalls als Futterpflanzen genutzt werden können. Zu nennen sind
Beifuß, Gänsefingerkaut, Kamille, Melde, Ringelblume, Kapuzinerkresse
und
Ackerminze.
Beachte: Alle Kräuter sind sehr kalziumreich!
Hierzu gehören die verschiedenen Kleearten, Luzerne, Süßlupine, Serradella und Wicke. Meerschweinchen fresse alle Leguminosen gerne, diese sind aber nur begrenzt anzubieten, um Aufgasungen zu vermeiden.
Beachte: Vorsicht ist bei der Verfütterung von jungem Klee geboten, da dieser im Verdauungstrakt stark gärt.
Leguminosen haben einen hohen Eiweißgehalt (▶S. 16)
Es sollte nur hygienisch einwandfreies, nach Möglichkeit gewaschenes Gemüse verfüttert werden.
Es eignen sich Möhren mit Grün, Tomaten, Gurken, Salat, Chicorée, Paprika sowie Futterrüben, gekochte Kartoffeln, Kohlrabi, Blumenkohl, Weißkohl und einige andere Kohlsorten.
Das Füttern jeglicher Kohlsorten darf nur in geringen Mengen und nach langsamer Gewöhnung erfolgen.
Chicorée ist wegen der leicht gärenden Inhaltsstoffe nur in kleinen Mengen zu verabreichen. Bei unbegrenztem Angebot fressen die Tiere zu große Mengen dieses besonders wohlschmeckenden Saftfutters. Fehlen die gleichzeitige Heu- oder Raufuttergabe und -aufnahme, kann eine Magenüberladung schnell zur Tympanie, zur Enteritis und zum Tode des Tieres führen.
Zu den kultivierten Futterpflanzen zählen auch Mangold, Grünmais und Markstammkohl.
Es wird in jeder Jahreszeit in ausreichender Menge benötigt, da die Zellulose bei Meerschweinchen für die bakterielle Verdauung wichtig ist. Das intensive Beschäftigen mit diesem energiearmen, rohfaserreichen Futter sorgt für die physiologische Abnutzung der Inzisivi sowie der Backenzähne und beugt dem Haarefressen aus Langeweile vor. Gutes Heu aus verschiedenen Gräsern ist das beste Grundfutter. Sehr gern fressen Meerschweinchen Klee- und Luzerneheu (Harnsteingefahr durch sehr hohen Kalziumgehalt!) sowie Bohnen- und Erbsenstroh.
Beachte: Gutes Heu erkennt man daran, dass es kaum staubt, absolut trocken und frei von Verunreinigungen ist, wie Erde, Exkrementen, Schimmel, Giftpflanzen, Fremdkörpern, außerdem daran, dass es angenehm würzig riecht. Es hat eine annähernd grüne Farbe und ist nicht zu fein, mit einem ausreichenden Anteil fester Stängel.
Die Verfütterung von schlecht gelagertem, muffigem oder gar schimmeligem Heu kann zu schweren Verdauungsstörungen sowie Leberschäden und zum Tod des Tieres führen.
Mischfutter wird von den Besitzern selbst zusammengestellt oder ist als kommerzielles Mischfutter im Handel erhältlich. Letztere stellen ihrer Bezeichnung nach entweder Allein- oder Ergänzungsfuttermittel dar.
Der Begriff Alleinfuttermittel besagt, dass der alleinige Einsatz dieses Futters den Energie- und Nährstoffbedarf der Tiere für Erhaltung und Leistung decken kann. Die Realität zeigt jedoch, dass als Alleinfutter deklarierte Mischfutter nicht unbedingt ihrem Namen gerecht werden und nicht dem Bedarf des Meerschweinchens entsprechen. Es ist deshalb ratsam, die Deklarierung auf zu hohe bzw. niedrige Gehalte (vor allem in Bezug auf Mineralstoffe, Vitamine und Rohfaser) zu überprüfen.
Beachte: Häufig findet man im Heimtierbereich Fertigfutter ohne jegliche Angaben zu Inhaltsstoffen. Auf diese verzichtet man besser, da die Gefahr der Fehleinschätzung hierbei besonders hoch ist und daraus leicht Erkrankungen der Tiere resultieren.
Ergänzungsfuttermittel sind nur für die Beifütterung bestimmt, zumal sie häufig große Mengen an Mineralstoffen, Spurenelementen oder Vitaminen enthalten. Sie sind beim Meerschweinchen – wenn überhaupt – nur in geringen Mengen bzw. genau dosiert einzusetzen. Zu den Ergänzungsfuttermitteln gehören sämtliche Snacks und Leckereien, wie Knabberstangen. Diese sind fett-, zucker- und dementsprechend sehr kalorienhaltig und führen deshalb schnell zu Adipositas.
Salzlecksteine (Nagersteine) sind Mineralergänzungsfuttermittel. Meerschweinchen haben jedoch normalerweise keinen so hohen Natriumbedarf, dass der Leckstein unentbehrlich wäre. Er stellt sogar in 2-facher Hinsicht eher eine Gefahr dar: Wenn gelangweilte Tiere vermehrt daran nagen und gleichzeitig eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr besteht, können Natriumintoxikation und Urolithiasis (▶S. 100, Kalziumkarbonat im Leckstein!) die Folgen sein. Die Tiere sollten andere Möglichkeiten zum Nagen haben (z. B. Zweige von unbehandelten Obstbäumen). Auch Vitaminpräparate (z. B. Multivitamintropfen) sind Ergänzungsfuttermittel. Ihr Einsatz kann sinnvoll sein (z. B. Vitamin-C-Ergänzung bei unzureichender Grünfütterung), birgt aber Risiken (Vitamin-A-/-DÜberdosierung, ▶S. 17).
Als Kraftfutter bezeichnet man Futtermittel, die einen höheren Energiewert und eine höhere Nährstoffkonzentration als das Grundfutter besitzen. Viele im Mischfutter enthaltene Komponenten gehören dazu. Beispiele sind Getreide, Haferflocken, Sonnenblumenkerne, Erdnüsse, Kleie und Kartoffelflocken. Vermehrte Kraftfuttergaben können bei kranken, schwachen, wachsenden, tragenden, laktierenden und evtl. auch bei älteren Meerschweinchen im Ausnahmefall angebracht sein.
Im Gegensatz zum losen Fertigfutter stellen Pellets Mischfutter in einer speziellen Konfektionierung dar. Heu- oder Kraftfutterpellets enthalten viele Ballaststoffe und sind häufig mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen angereichert.
Kommerzielle Mischfutter Sie bestehen meist aus einem überwiegenden Anteil an Getreide in unterschiedlichen Zubereitungen, verschiedenen energiereichen Sämereien, Extrudaten, Pellets, getrocknetem Gemüse, Backabfällen sowie aus weiteren Bestandteilen, wie Johannisbrot.
Getreide:
Weizen, Hafer, Gerste, Buchweizen und Mais sind stärkereiche Komponenten und stören in zu großen Mengen das empfindliche Gleichgewicht der Darmflora. Ihr Proteingehalt ist mäßig. Getreide sind stärke- und phosphatreich, kalzium-, natrium- und vitaminarm.
Extrudate:
Geformte und eingefärbte, überwiegend aus Stärke bestehende Produkte, die häufig wie Gemüse aussehen oder eine Faserstruktur vortäuschen. In größeren Mengen verursachen sie Fermentationsstörungen im Dickdarm oder auch Obstipation.
Beachte: Samen, Saaten und Nüsse: Erdnüsse, Sonnenblumenkerne, Leinsamen und Kürbiskerne sind sehr fett- und auch proteinreich. Sie sind deshalb für Meerschweinchen schwer verdaulich, also völlig ungeeignet.
Bei der Verabreichung von Trockenfutter muss man beachten, dass:
bei längerer oder unsachgemäßer Lagerung des Futters die auf der Packung angegebenen Gehalte nicht mehr den tatsächlichen Gehalten entsprechen, da bestimmte Inhaltsstoffe abgebaut (Vitamin C!) bzw. umgewandelt (Fettranzigkeit!) werden
