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In diesem Buch schildert er scharfsinnig und detailreich den Alltag, die Enge, die Zwänge, die Kontrolle des alltäglichen Lebens und die kleine Fluchten der dort lebenden Menschen. Einfühlsam folgen die Dialoge einer unsichtbaren Choreografie und enttarnen das Leben der Menschen in den 1980er Jahren in Rumänien.
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Seitenzahl: 63
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Eine Parabel
über
die Kraft des Willens
Vlad Stanomir
April 1983
überarbeitet von
Christa Nehls
September 2015
„Die Freiheit der Phantasie
ist keine Flucht in das Unwirkliche;
sie ist Kühnheit und Erfindung.“
Eugène Ionesco
Über Rumänien lässt sich vieles sagen, aber eines ist mir als Verlegerin doch klar: die rumänische Denkart ist so klar und doch so versteckt wie der Grund des Wassers unter den Blättern der Seerosen im Delta. Kürzlich fand ich einen rumänischen Autor, der sagte, seine Gedichte seien weitgehend unübersetzbar.
Ich denke, das ist in vielen Sprachen das Problem. Wenn wir das Schöne oder die Natur poetisch Beschreibung, kommen Gefühle und das Herz ins Spiel. Spätestens dann hadert der beste Übersetzer mit den Möglichkeiten der Sprache des Originals und der neuen Sprache. Wie lässt sich das Original so übertragen, dass die Schönheit, die Art des Schreibens und der Gedanken in der anderen Sprache ankommen und angenommen werden?
Sicherlich kennen Sie das Gefühl, dass sich eine Übersetzung schwer lesen lässt. Wir haben mit viel Fingerspitzengefühl und der Kenntnis des Autors von beiden Sprachen das neue Werk bearbeitet und für Sie aufbereitet.
Christa Nehls
Mannheim, September 2015
Phantasie ist wichtiger als Wissen,
denn Wissen ist begrenzt.
Albert Einstein
Voicu war der Abteilungsleiter, ein Mann über fünfzig, er trug eine Brille mit dünnem Rand und wirkte ewig schlecht gelaunt. Ohne jemanden zu bemerken, durchquerte er das ganze Büro. Am anderen des Raumes blieb er stehen, blätterte abwesend in einigen Papieren und fragte nach jemandem, der gerade nicht da war. Das machte er immer so, als suche er einen Grund, eine Entschuldigung. Man sollte nicht von ihm sagen können, er mache Kontrollgänge.
Und wenn er mit einem zu tun hatte, besonders wenn es um etwas Unangenehmes ging, sprach er nie die Person direkt an. Er blieb erst einige Minuten im Büro, sprach mit dem einen oder anderen. Dann warf er im Weggehen dem Betreffenden ganz beiläufig ein Wort über die Schulter zu. So war es auch dieses Mal. Als er am Schreibtisch von Leon Dumitru vorbei ging, gab er kurz und unpersönlich von sich:
„Mitică“, die Jüngeren sprach er mit dem Vornamen oder sogar mit dem Kosenamen an, „Mitică, du sollst in der Nähe bleiben, die von der Zentrale werden kommen und mit dir sprechen wollen. Du sollst dich vorbereiten.“
„Ja“, sagte Mitică und nickte leicht. Eine Zeitlang herrschte im Büro vollkommene Stille. Jeder saß brav vor seinem Schreibtisch, die Nase in den Akten und mit starren Augen. Jeder versuchte aus der Unbeweglichkeit der Kollegen herauszufinden, ob jemand etwas wüsste, ob jemand etwas erfahren oder gehört hat…
Dumitru spielte weiter alleine Schach. Er hatte ein kleines magnetisches Spiel, das genau in die erste Schublade passte. Diese Gewohnheit war ihm aus der Zeit geblieben, als die Arbeitsverhältnisse viel freier waren, und die Jungs gegen Arbeitsende Schach spielten. Zu diesen Zeiten verlor Dumitru immer, aber keiner der Spieler verspottete ihn deswegen. Alle hatten bemerkt, dass das Spiel für ihn einen anderen Sinn hatte. Das Gewinnen oder Verlieren einer Partie interessierte ihn nicht, sondern nur bestimmte Situationen. Diese baute er geduldig in seiner Schublade auf, studierte sie und versuchte sie dann in einer echten Partie nachzuspielen. Diese Situationen, die auf einem materiellen Nachteil beruhten, führten immer zur Katastrophe.
„Warum ausgerechnet Mitică?“ brach plötzlich eine Frau die Stille. „Warum denn gerade Mitică? Mitică ist doch…, ich meine, er ist so, wie wir ihn alle kennen. Warum ausgerechnet er?“
Wieder fast fünf Minuten Stille. Dann sprach Max, von dem man wusste, dass er Mitică in allen Diskussionen zwischen den Kollegen verteidigte. Und was er sagte, hatte für alle Gewicht, auch für die Geschäftsführung. Er wurde sehr ernst genommen.
„Wie Mitică ist, spielt keine Rolle. Er ist unser Kollege und Schluss. Warum man ihn ruft, wissen wir alle ganz genau, denn jeder von uns ist schon gerufen worden.“
„Eben“, ließ die Frau nicht locker, „Die Tatsache, dass man ihn wieder ruft, bedeutet, dass man mehr von ihm wissen will. Und Mitică ist nicht der Mensch, der auch an die anderen denkt. Er denkt nicht daran, dass es auch uns betrifft.“
„Ha, ha“, rief Iancu aus, ein Angestellter mit fürstlichem Schnurrbart, ein spöttischer, ironischer Typ. „Mitică, ich empfehle dir, an uns zu denken! Auch wenn sie dich schlagen werden, sollst du die Zähne zusammenbeißen und an uns denken! Ha, ha!“
„Ihn schlagen“, erwachte auch Viorica, kurz Ica genannt, aus ihrem Traum. Sie war ein Mädchen von gerade einmal zwanzig Jahren. „Warum ihn schlagen? Mitică ist doch ein ganz harmloser Typ.“
„Eben deshalb“, reizte sie Iancu, „in diese harmlosen Typen kann man kein Vertrauen haben.“
„Ja, ja“, murmelte jemand aus dem Hintergrund des Büros, „Iancu muss unbedingt einen Blödsinn sagen.“
Und damit war das Gespräch zu Ende.
Im Büro nebenan, dem Büro der Geschäftsführung, sprach Voicu mit seinen Untergebenen Lăzărescu, Gheorghe und Elvira Stan. Sie hatten die Bürotür geschlossen, um in Ruhe rauchen zu können. So korrekt Voicu auch sonst war, er konnte das Rauchen nicht lassen. Die Führungsarbeit nahm ihn übermäßig mit, zudem waren in letzter Zeit die Arbeitsverhältnisse ständig im Wandel, dessen Sinn er nicht begriff, so alt und wissend er auch war.
„Die Veränderungen haben mir nie gefallen“, meinte eben Lăzărescu. „Kaum wird einer Chef, kommt er mit seinen Ideen und stellt alles auf den Kopf. Hast du dich gerade daran gewöhnt, ist auf einmal schon ein anderer da mit seinen neuen Ideen. Würden sie wenigstens inhaltlich etwas ändern, zum Teufel, die ändern aber nur die Verpackung.“
„Ganz sicher werden wir dieses Mal Probleme haben“, sagte Gheorghe.
„Und nicht Mitică ist das Problem“, stimmte ihm Elvira Stan zu, „nein, Mitică ist zwar ein bisschen seltsam, aber doch nur ein ruhiger Mensch, der an seinem Platz ist, und das tut, was man ihm sagt. Eher hätte ich Sorge wegen der beiden anderen, Iovan und Cristu, denn sie sind unberechenbar. Sie haben großen Spaß daran, dagegen zu sein, dir das Wort im Mund zu verdrehen. Besonders dieser Iovan hat eine starke Persönlichkeit, er ist kraftvoll und imstande, etwas auszuhecken.“
„Was denn?“
„Doch, doch“, insistierte Elvira Stan, „ich halte ihn für imstande.“
Voicu war nicht einverstanden.
„Beide sind gescheit. Man kann mit ihnen sprechen, man kann ihnen alle Aspekte eines Problems zeigen, man kann sich mit ihnen verständigen. Alle beide sind jung, sie haben kein Interesse daran, sich selbst Hindernisse in den Weg zu legen. Sie sind erst am Anfang ihrer Karriere und wollen weiterkommen… Mitică beunruhigt mich. Wenn ich nur wüsste, was in seinem Kopf vorgeht… Mit ihm kann man nicht sprechen. Er ist glitschig wie ein Fisch zwischen den Fingern. Was er in den Formularen geschrieben hat…“
„Aber was hast du denn geschrieben?“ unterbrach ihn Elvira Stan. Sie begannen alle zu lachen.
„Na, Voicu, was hast du denn geschrieben?“ bestand auch Gheorghe.
„So ein Blödsinn“; schüttelte Voicu den Kopf. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass man über einen offiziellen Akt spotten kann. Ich bin vom Lande. Wir hatten dort einen gewissen Respekt vor Dokumenten. Der Bürgermeister war JEMAND, der Pfarrer auch. Wenn man Land verkaufte, wurde das mit einem Bleistiftstummel auf einer Seite in einem Schulheft festgehalten. Es war ein Akt, vor dem alle den Hut zogen. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten… aber bitte, wir sitzen alle im selben Boot. Und letzten Endes habt ihr ja auch diese Formularen ausfüllen müssen. Was habt ihr denn geschrieben?“
Wieder lachten sie alle.
Iancu, der ironische junge Mann mit Schnurrbart kündete die Ankunft der Abgeordneten aus der Zentrale an:
