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In Symphonia verweben sich die Ebenen des Erlebens und Erzählens. Nicht vertraut mit dem Spiel der Ebenen verliert der Leser sich in den einzelnen Fäden der Geschichte, findet kaum den Weg zurück und erfreut sich an Handlungssträngen, die ihm vertraut scheinen. Die Parabel über Margareta, die Sumpfnymphe, die sich sehnlichst den Boiaren Dinu Raduliade wünscht und den Boiaren Dinu Raduliade, der wie besessen versucht, seinen Bauern eine bessere Welt zu bieten.
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Seitenzahl: 63
Veröffentlichungsjahr: 2017
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…eine besondere Geschichte aus Rumänien. Vordergründig eine Liebesgeschichte. Doch es ist mehr, vielschichtig, vielgestaltig verwebt der Autor verschiedene Ebenen und verstrickt den Leser in die unterschiedlichen, scheinbar willkürlich aufgesetzten Handlungsstränge. Letztlich findet der Leser kaum noch den Weg aus dem Labyrinth der Handlungen.
Das Dunkel der Konzertsäle, Symbol für die Anonymität, Schutz vor Kontrolle und Denunziation. Alles schwingt in den Tiefen mit, verliert sich zwischen den verschiedenen Ebenen, verstrickt sich bis zur Absurdität. Obsession steigert sich zum Wahnsinn.
Dagegen das Donaudelta: hell, die überbordende Schönheit der Natur, die alles und jeden berührt, das Wasser, die Pflanzen, der Sumpf. Und doch – bedrohlich, verschlungen, gefährlich. Die Brutalität der Natur überträgt sich auf die Menschen, so dass nicht klar ist, wer bestimmt, die Natur oder der Mensch.
Die wirtschaftlichen Probleme der Zeit, schlechte Ernten in einem Agrarland, die geringe Bildung der Landbevölkerung, das hohe Ansehen der Boiaren finden ihren Ausdruck in den Bemühungen des Kampfes gegen alle Widrigkeiten, um für alle eine Grundversorgung zu sichern.
Christa Nehls
Mannheim, Juli 2017
Margareta?! Margareta ist die rasendste unter ihnen, die Schlimmste, die Fürchterlichste. Sie ertränkt ihre Opfer langsam und zieht diese nicht in einen Wirbel, nein, eher in seichtes Wasser. Sie sollen sich noch mehr quälen und sich sträuben, und sie will lachen und lachen…
Ja, auch die anderen sind nicht viel besser. Wir kennen sie doch alle, Constanta, Alexandria, auch Cristinela, Polixenia und alle anderen, die es noch gibt. Aber keine ist wie Margareta. In den Dörfern rings umher, solltest du es nur wagen, ihren Namen zu nennen, solltest du es nur wagen…
Vladi drehte sich ungeduldig auf seinem Stuhl, dieses ständige Getratsche ging ihm auf die Nerven. Zwar sprach die Person leise, fast flüsternd, aber sie war sehr nahe, vermutlich in der Reihe hinter ihm, und ihr Mund ging in einem fort, wie ein Mühlrad. Er wollte aufstehen und seinen Platz wechseln. Aber der Stuhl knarrte so laut, dass von allen Seiten Mahnungen und Proteste zu hören waren.
„Zum Teufel“, sagte Vladi, „aber diesen, der da flüstert, diesen hört keiner.“
„Siehst du“, fuhr die Stimme im Dunkeln fort, „jetzt kommt die Flöte. Das Orchester spielt langsam, als würde es erzählen, was könnte es denn sein? Was Anderes als Margareta? Ich weiß es ganz genau, im Manuskript ist es angemerkt: „Margaretas Beschreibung“. Wir werden uns die Flöte anhören, und jeder wird die Musik verstehen, wie er will. Letztendlich ist es das Ziel der Musik, uns alles träumen und fantasieren zu lassen. Hier geht es um ein musikalisches Stück besonderer Art, ein Stück mit Textvorgabe. Ein erotisches Märchen, auf dem die ganze Musik aufbaut. Daher all die gegensätzlichen Diskussionen, all die Auseinandersetzungen und der Streit. Jeder will es besser wissen, jeder will authentische Quellen haben, und jeder kommt mit seiner eigenen Variante vom Märchen.
Doch kehren wir zurück zu Margareta. Es handelt von ihr. Alle sind einverstanden, es ist Margaretas Porträt. Ich lasse den romantischen Schwachsinn weg, die engelhafte Darstellung, du kennst sicher diese Art: blond, blaue Augen, besonderes blond, besondere blaue Augen… Was für ein Unsinn! Andere Leute mit Ausbildung in Paris, dekadent, destruktiv, verlockt von der Entmythisierung – und es sind nicht wenige – versuchen aus Margareta irgendeine Dorfhure zu machen, so eine Art Schmutzmädchen, welches nur durch Zufall zur zentralen Gestalt geworden ist. Ja, und da hast du so eine Art Beschreibung: Margareta wäre vom Körperbau klein, mit kurzen Beinen und dickem Hintern. Dunkelhäutig wie eine Zigeunerin, schmutzig, schlampig aussehend. Man besteht auf Details. Ihre Fingernägel wären schmutzig, ihr Haar klebrig und sie würde fürchterlich stinken. Auch hätte sie einen Augenfehler gehabt und würde schielen. Aber trotz allem, sagt man, sie sei eine reizvolle Erscheinung, voller Sensualität. Und noch eine Kleinigkeit, eigentlich die einzige beachtenswerte: ihre Stimme, sie hätte eine schöne Stimme, eine verlockende Stimme. Sie müsste nicht singen, von ihr gesprochene Worte genügten, um jeden zu bewegen, der zuhörte.“
Diese letzten Worte erregten Vladi noch mehr. Ohne es zu wollen, dachte er gleich an seine Geliebte. Oh Gott, wenn jemand sie auch in der Art betrachtete, ihre Nase oder die Augen…
Absichtlich hatte er an Augen und Nase gedacht und nicht an Beine, Brust oder etwas mit Erotik verbundenem, so etwas machte ihn rasend. Er war in seine Freundin so besessen verliebt, dass er sich gar nicht vorstellen konnte, jemand betrachtete sie als ein geschlechtliches Wesen, als eine Frau. Er wollte gar nicht wissen, dass ihr auf der Straße jeder Mann nachschauen könnte. All dies war eine fürchterliche Qual für ihn. Er zitterte am ganzen Körper und kalter Schweiß überkam ihn. Hilflos und wütend würde er sich am liebsten selbst ins Gesicht schlagen. Im Zug hatte er zufällig eine Diskussion über eine Vergewaltigung gehört, irgendeine Frau wurde auf der Straße angegriffen, sogleich dachte er an seine Geliebte. Er musste sofort auf den Korridor hinaus und das Fenster öffnen, um frische Luft zu schnappen. Seit einigen Wochen, genau von dem Moment an als er sie kennen lernte, lebte er in ununterbrochener Erregung, die ihn ermüdete und ihn langsam niederschlug. Er war abgemagert, hatte verwirrte Blicke und lief wie ein Verrückter durch die Straßen. Man konnte sich nicht mehr mit ihm verständigen.
„Hörst du die Flöte, wie wunderbar sie klingt?“, wurde nebenan weiter geflüstert. „Gerade diese Partitur ist mein festes Argument. Ich bleibe bei der Überzeugung, dass Margareta ein schönes Mädchen ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Anders kann es nicht sein, es wäre auch ungerecht, wirklich! Hör zu, hör zu… selbstverständlich erzählt die Melodie von einer Margareta der Schönheit. Sag mir nicht, dass du an ein Schmutzmädchen denkst! Ja, sicher, sie hat so viele Männer ertränkt! Ihr einfaches Erscheinen genügte, und die Männer waren ihr hilflos ausgeliefert. Und falls ich dich doch nicht überzeugt habe, lass uns an Dicles denken, den dekadenten Maler. Dicles, der vermögenslose Neffe des Boiaren Dinu Raduliade, der Herr des Landgutes von Cărămidari. Na gut, dieser Dicles, von welchem man sagte, er sei ein absoluter Idiot, und er wäre besser nicht geboren. Es heißt, er sei das Kind einer gewissen Frau Raduliade, unverheiratet und gut über die vierzig, gezeugt mit einem Bauern aus Cărămidari.
Na gut, dieser Dicles, obwohl er unbedingt modern scheinen wollte, hatte in Paris Kunst studiert und er hatte eine sichere Hand. Als Beweis dafür stehen die wunderschönen Perspektiven, die er nach den Skizzen eines Architekten gezeichnet hatte: die zukünftige Schule aus Cărămidari, das zukünftige Krankenhaus, die Brotfabrik, das Waisenhaus… Boiar Dinu, sein Onkel, hatte ihn gebeten, sie zu zeichnen, denn er wollte den Gästen seine Zukunftspläne ausführlich und bildlich zeigen. Wenige wissen aber, dass Dicles auch Margareta gemalt hat. Er, welcher sonst wirre Farbmischungen zu Papier brachte, hatte Margareta in der Technik der Renaissancemeister gemalt. Man weiß nicht, ob es eine Bestellung war, oder ob er einmal etwas Anderes versucht hat. Nebenbei gesagt, ist das Gemälde verloren gegangen, aber es gibt Zeugenaussagen, den Leuten hat es gefallen. Man gratulierte Dicles sogar. Aber er meinte, dies wäre keine Kunst und der Fotograf aus der Stadt, Herr Levi hätte die ganze Sache besser und mit weniger Mühe verrichten können. Doch lassen wir hier die Kunsttheorie, kehren wir zurück zu Margareta, so, wie sie Dicles gesehen hat: ein mittelgroßes Mädchen mit zarten Knöcheln und Knien, aber mit vollen Waden und Hüften einer zukünftigen Mutter. Ein allgemeines zartes Aussehen, kleine Brüste, längliches Gesicht…ich weiß, ich weiß, ich bin nahe daran in ein Schema zu fallen, doch so hat der Maler sie gesehen.
