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Der Autor nutzt ein altes Genre, das aus der Wappenmalerei bekannt ist,das Bild im Bild (mise en abyme) oder auch Verschachtelung. Er spielt mit den Szenen, bildet immer wieder neue Sequenzen mit den Protagonisten. Ein turbulentes Spiel entwickelt sich, in das der Literat (Autor) sich selbst einbringt.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Autor Vlad Stanomir nutzt ein weiteres Genre, in der Fachwelt bekannt als „mise en abyme“. Eine schlichte Übersetzung lautet „Verschachtelung“ und stellt eine ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst dar. In einem Tagebucheintrag schreibt André Gide (Sommer 1893) wie folgt: „Es gefällt mir sehr, wenn der Gegenstand eines Kunstwerks im Spektrum seiner Charaktere ein weiteres Mal umgesetzt ist – ähnlich dem Verfahren, ein Wappen in seinem Feld wiederum abzubilden.“
Die Geschichte wiederholt sich, greift Sequenzen wieder auf, findet Varianten, um doch wieder den alten Faden aufzunehmen. Gelegentlich kommen Gedanken an „…und täglich grüßt das Murmeltier“ auf. Doch dient alles der Selbstdarstellung des Autors, hier des Literaten, der sich und seine Macht darstellt. Mit einem Federstrich erhebt sich die Stimme des Literaten, kann er eine Geschichte zum Guten oder zum Schlechten wenden. Sogar sich selbst bringt er als Protagonisten in der Erzählung unter, im Vordergrund, gut sichtbar, gefangen in der eigenen Phantasie. Jedoch – er ist Literat und zieht sich à la Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf des Selbstgesponnenen.
Mannheim, November 2017 Christa Nehls
FRÜHMORGENS IM HOCHSOMMER
Hinter Büschen, zwischen Gräsern
Im grünen Liebesnest
Im Morgentau
In der Kühle des Morgens
In der Stille des Morgens
Dort
Niemand kann uns sehen
Niemand kann uns hören
Versteckt im Gebüsch
Versteckt im Hochgras
Umarmt
Werden wir uns die Liebesworte
Zuflüstern
Über das Liebestreffen zwischen Miţura, der Tochter des Pepşe dem Neureichen, und Aliodor dem Krieger, hätte man nichts erfahren können. Es war unmöglich, etwas darüber zu erfahren. Zwar sickert jedes Geheimnis irgendwann durch, wahrhaftig, die Menschen sind redselig und überall gibt es Ohren, die etwas im Flug ergattern wollen. Hier aber handelte es sich nicht um ein Geheimnis, denn Ort und Zeitpunkt des Treffens wurden zwar ausgesprochen, aber nur nebenbei. Aliodor und Miţura haben sich gar nicht angesehen, sie haben sich gar nicht wahrgenommen, obwohl sie sich zum ersten Mal trafen.
Nur so viel hatte Aliodor gesagt, nebenbei, gerichtet an die Tischrunde:
„In drei Tagen, bei Morgenanbruch, werde ich mich auf einer Wiese im Hochgebirge befinden, an einer Stelle, die HOCHSOMMER genannt ist. Jedes Jahr, am selben Tag, führen meine Wege dorthin.“
Nur soviel hat Aliodor an der Tafelrunde gesagt, irgendwie nebenbei, er hatte niemanden angesprochen; eigentlich hörte auch niemand von den Gästen zu. Dieses war alles, die ganze Vereinbarung. Doch Aliodor und Miţura haben in jenem Augenblick alles gewusst, was sie über ihr Liebestreffen wissen mussten.
Und trotzdem hatte man ihnen eine fürchterliche Falle an dem Ort und für die Zeit ihres Treffens gestellt. Dreißig Söldner, die schlimmsten und grausamsten, lauerten zwischen den Büschen und hinter den Felsen. Mit welchen Absichten? Mein Gott, wir wissen ja alle, wie Söldner sind, bösartige Menschen, ohne Seele, ohne Gott und Sinn. Ihr einziger Glaube ist die Waffe in ihren Händen. Sie kennen nur Raub, Plünderung und Gewalt.Weit weg von Familien, gewöhnt an Kriege und an Feldzüge, ohne jeden anständigen Gedanken sind sie wie hungrige Wölfe, die sich zu einem Rudel zusammenrotten.
Die Stelle war am besten für einen Überfall geeignet, von beiden Seiten dichter Wald, dicht, ohne Durchblick, an der anderen Seite ein tiefer Abgrund, eine steinige Schlucht, durch die man nicht entkommen konnte. Seitlich ein Bergrücken mit einem Weg für Karren, steil und steinig. Die Wiese war voller Bäume und Felsreste, guter Verstecke, von denen aus man überraschend angreifen konnte.
Die Söldner wurden von Vasili angeführt, einem Russen, ein ehemaliger Straßenräuber, der lange Jahre in Gefängnissen gesessen hatte. Er war schlimm wie ein tollwütiger Hund, dass sogar seine Genossen ihn fürchteten. Ein Dusseliger ohne Verstand. Sobald er Geld in der Hand hatte, betrank er sich wie ein Schwein, knobelte und verlor alles in weniger als einer Woche. Seine einzigen Gefühle waren Neid und Argwohn, seine Sprechweise war mühselig und gesäuselt und er sah aus wie eine Missgeburt. Sein Gesicht wirkte verzerrt, so dass jeder, der ihn sah, sich abgestoßen fühlte.
Eine Zeit lang hatte er als Sergeant in der regulären Armee gewirkt, hatte aber keine militärische Ausbildung und alle Rangabzeichen schienen auf ihn keine Wirkung zu haben. Doch spürte jeder seine Autorität, er konnte seine Leute im Kampf führen, hatte ein angeborenes Gefühl für Strategie und einen verrücken Mut. Diesen Überfall hatte er genauestens und geduldig vorbereitet, war selbst einen Tag zuvor hierhergekommen, um das Gelände kennen zu lernen. Er hatte sich sogar eine Skizze auf ein Stück Pergament gezeichnet. Er stützte sich besonders auf Armbrustschützen und Lanzenwerfer; er wusste, dass es Schwertkämpfer gab, denen man sich besser nicht nähern sollte. Über Aliodor wusste niemand etwas Genaueres. Er hatte jedoch erfahren, dass man ihn Aliodor den Krieger nannte.
Vasili beschloss, die Pferde sehr tief im Wald zu verstecken, um sich nicht zu verraten. Die Söldner sollten in Gruppen von zwei oder drei Mann möglichst weit über die Wiese verstreut sein, damit sie von jeder Stelle angreifen könnten. Sie sollten versteckt bleiben und sich nicht bewegen, bis sich die beiden Opfer getroffen hatten und in die Situation geraten waren, in der keine Verteidigung mehr möglich war. In diesem Moment würden sie alle auf die beiden losgehen…
Die Söldner hatten ihre Stellungen schon abends eingenommen, ohne Feuer zu machen, ohne zu essen, gebückt in den Verstecken, auf der Lauer.
Sie konnten aber nicht wissen, dass sie ihrerseits beobachtet wurden. In den dichten Ästen eines niedrigen Baumes versteckt verfolgten zwei Elitebogenschützen aufmerksam alle ihre Bewegungen. Sie saßen ineinander gebückt, weil ihr Versteck eng war.
„Hier wird etwas vorbereitet“, sagte einer von ihnen nach einiger Zeit.
„Ja.“
Es waren hochgewachsene Männer, gutaussehend, schlank und geschmeidig. Ihre einzige Bekleidung war eine Art Lederschürze und ein Gürtel, an dem der Pfeilköcher befestigt war. Sie waren barfuss.
„Diese Menschen haben keine guten Absichten“, sprach erneut der eine Schütze.
„So scheint es zu sein.“
Ihre Haut war kupferfarbig, die braunen Haare in Schulterhöhe gerade geschnitten.
„Hier wird eine Missetat vorbereitet.“
„So ist es.“
Die Nacht ging dem Ende zu, der Himmel begann sich aufzuhellen. Auf der steilen Wiese bewegte sich nichts. Und plötzlich – Bumm! – fiel aus den Höhen des Himmels ein Fallschirmspringer mit einem starken Knall, wie ein Stein. Es folgten Stöhnen und Wehklagen.Die große Kuppeldes Fallschirms war über ihn gefallen, hatte ihn überdeckt und behinderte ihn mit der Vielzahl von Schnüren.
„Du lieber Gott!!!“, rief der Fallschirmspringer, nachdem er sich aus den Schnüren und dem Tuch befreit hatte, „wo bin ich gelandet? Im Wald? In der Wildnis? Oh, welch ein Unglück! Soll dies die Chance meines Lebens sein? Soll dies das Glück meines Lebens sein? Das kann nicht sein! Ich muss es nochmals versuchen! Ich muss nochmals springen! Wie soll ich aber wieder zurück ins Flugzeug? Welch Unglück, ein Weg ohne Wiederkehr! Einmal aus dem Flugzeug gesprungen, für immer gesprungen. Aber wer konnte sich dies vorstellen, dass ich just in diesem einsamen Wald lande? Was soll ich nun hier? Was? Soll ich mich von Wildäpfeln ernähren? Ich will zurück in mein Flugzeug! Ich will meine Chance nochmals ausprobieren. Eine teuflische Situation, du kannst vor dem Absprung nichts sehen, es sind Wolken, man fliegt ja sehr hoch, man sieht nur Flächen, mal grün, mal braun; woher soll man wissen, wo man landet? Vielleicht habe ich aber beim zweiten Mal mehr Glück. Welch ein Ödland, welche Wildnis, keine Menschenseele…“
Wie bereits erwähnt, Aliodor und Miţura hatten sich verstanden, ohne miteinander zu reden, ohne sich anzuschauen. Alles passierte bei dem Fest, welches ihr Vater Pepşe gegeben hatte. Pepşe der Neureiche, der manchmal Gefallen darin fand, Leute zu sich um reichliche gedeckte Tische einzuladen. Bei solchen Gelegenheiten saß Miţura sonst zur Seite, es waren Feiern mit Männern, mit vielen Getränken, mit rauen Stimmen und aufflammenden Streitereien, die morgens in üblen Saufereien endeten. Sie hatte nichts zu suchen zwischen Händlern, Beamten und Provinzoffizieren. Sie zog es vor, in der Küche zu bleiben, bei der Dienerschaft, und dafür zu sorgen, dass alles gut geordnet ablief.
An jenem Nachmittag hatte sie Aliodor von der Veranda aus gesehen, wie er die Allee entlang zu Pepşe’s Prunkhaus kam. Sie sah ihn von Weitem, er kam alleine geritten, ohne Gefolgschaft, ohne Diener, ohne Kalesche. Von Weitem konnte sie seine Gesichtszüge nicht genau erkennen, aber es war genug, um einen Stich in ihrer Brust zu verspüren. Sie lief sofort die Treppe hinunter und blieb im Salon, in dem die Gäste empfangen wurden, hinter den Gardinen stehen. Sie wartete bis sie das Klopfen an den schweren Holztüren und nachher die Schritte des gerade Eintretenden hören konnte. Danach hörte sie die Worte ihres Vaters Pepşe, der den Gast willkommen hieß, und dann die andere Stimme…
