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Ein gefährliches Spiel aus Macht und Anziehung verbindet zwei Frauen in diesem packenden Auftakt der Villain-Reihe – voller dunkler Geheimnisse, gefährlicher Intrigen und einer unbestreitbaren Spannung. Vor neun Jahren entschied sich Michelle Hastings, kühl und karriereorientiert, gegen die Liebe. Eine Entscheidung, die sie nicht vergessen kann. Inzwischen leitet sie im Verborgenen ein erfolgreiches Unternehmen, dass sich diskret um die Probleme der Reichen und Mächtigen kümmert. Eden Lawless, eine idealistische Aktivistin, übernimmt einen ungewöhnlichen Auftrag: Im Namen eines mysteriösen Unternehmens soll sie eine korrupte Bürgermeisterin stürzen. Die Begegnung mit ihrer undurchsichtigen Chefin ist von Anfang an von einer unterschwelligen Dynamik geprägt. Doch Eden ahnt nichts von den dunklen Geheimnissen hinter Michelles Fassade. Mehr als nur ein Auftrag beginnt. "Mehr als nur ein dunkles Geheimnis" ist der fesselnde Auftakt einer Reihe, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und eine fesselnde Geschichte ihren Lauf nimmt.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhaltsverzeichnis
Über das Buch
Über Lee Winter
Von Lee Winter außerdem lieferbar
Kapitel 1: Ein namenloses Büro
Kapitel 2: Nachos zur Feier des Tages
Kapitel 3: Edgar Degas und der Sinn des Lebens
Kapitel 4: Die Macht der Pfaue
Kapitel 5: Die Kandidaten
Kapitel 6: Verlockungen
Kapitel 7: Auch nicht in den Sternen
Kapitel 8: Da gibt’s nichts zu meckern
Kapitel 9: Was das Herz begehrt
Kapitel 10: Ich sehe Blau, höre aber nichts
Kapitel 11: Gegensätze ziehen sich an
Kapitel 12: Fünfzehn
Kapitel 13: Diese Kurve führt zwangsläufig ans Ziel
Kapitel 14: Bodenständig
Kapitel 15: Erzfeindinnen
Kapitel 16: Eine Schlange an Land
Kapitel 17: Der eiserne Schütze
Kapitel 18: Die Tiefe hat mich am Haken
Kapitel 19: Trenn das Paar
Kapitel 20: Ein König, der nie allein ist
Kapitel 21: Der letzte Hinweis
Kapitel 22: Der Skorpion
Kapitel 23: Alles Gute
Danksagung
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über das Buch
Ein gefährliches Spiel aus Macht und Anziehung verbindet zwei Frauen in diesem packenden Auftakt der Villain-Reihe – voller dunkler Geheimnisse, gefährlicher Intrigen und einer unbestreitbaren Spannung.
Vor neun Jahren entschied sich Michelle Hastings, kühl und karriereorientiert, gegen die Liebe. Eine Entscheidung, die sie nicht vergessen kann. Inzwischen leitet sie im Verborgenen ein erfolgreiches Unternehmen, dass sich diskret um die Probleme der Reichen und Mächtigen kümmert.
Eden Lawless, eine idealistische Aktivistin, übernimmt einen ungewöhnlichen Auftrag: Im Namen eines mysteriösen Unternehmens soll sie eine korrupte Bürgermeisterin stürzen.
Die Begegnung mit ihrer undurchsichtigen Chefin ist von Anfang an von einer unterschwelligen Dynamik geprägt. Doch Eden ahnt nichts von den dunklen Geheimnissen hinter Michelles Fassade. Mehr als nur ein Auftrag beginnt.
Mehr als nur ein dunkles Geheimnis ist der fesselnde Auftakt einer Reihe, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und eine fesselnde Geschichte ihren Lauf nimmt.
Über Lee Winter
Lee Winter ist eine preisgekrönte australische Zeitungsjournalistin, die auch für ihre Romane schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Nachdem sie im Lauf ihres Berufslebens in fast allen australischen Bundesstaaten gewohnt hat, ist sie mittlerweile mit ihrer Partnerin in Westaustralien sesshaft geworden.
Seit 2016 ist sie Vollzeitschriftellerin und Teilzeitlektorin. In ihrer Freizeit findet man sie entweder bei der Gartenarbeit, mit einer neuen technischen Spielerei in der Hand oder stirnrunzelnd vor dem Fernseher.
Von Lee Winter außerdem lieferbar
Muffins und ein bisschen Rache
Shattered – Zerbrochen
Nichts als die unbequeme Wahrheit
Ein Hotel und zwei Rivalinnen
Happy End am Ende der Welt
Nichts als die ungeschminkte Wahrheit
Aus der Rolle gefallen
Requiem mit tödlicher Partitur
Aus dem Newsroom:
Das Geheimnis der roten Akten
Unter die Haut – Liebe, Verschwörung und eine fast geplatzte Hochzeit
Die Villain-Reihe:
Mehr als nur ein dunkles Geheimnis
Mehr als nur ein Auftrag
Mehr als nur ein dunkles Geheimnis
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage
Taschenbuchausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.
ISBN: 978-3-69006-124-7
E-Book-Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.
ISBN (E-Book): 978-3-69006-125-4
ISBN (PDF): 978-3-69006-126-1
Dieser Titel ist als Taschenbuch und E-Book erschienen.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Copyright © der Originalausgabe 2023 bei Ylva Publishing
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Übersetzerin: Stefanie Kersten
Übersetzungslektorat: Astrid Ohletz
Korrektorat: Tanja Eggerth
Satz & Layout: Ylva Verlag e.Kfr.
Bildrechte Umschlagillustration vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock; AdobeStock
Grafiken vermittelt durch Freepik
Coverdesign: Michelle Ryan
Kontakt:
Ylva Verlag, e.Kfr.
Inhaberin: Astrid Ohletz
Am Kirschgarten 2
65830 Kriftel
Tel: 06192/9615540
Fax: 06192/8076010
www.ylva-verlag.de
Amtsgericht Frankfurt am Main HRA 46713
ITP
Kapitel 1
Ein namenloses Büro
Mit gerade einmal zwanzig Jahren hatte Eden sich ungewollt ihre erste Erzfeindin geschaffen. Aber mit einem Nachnamen wie Lawless – gesetzlos – war es wohl nicht verwunderlich, dass sie sich Feinde machte. Und da Eden ein echter Profi darin war, den bestehenden Status quo infrage zu stellen und Proteste für wichtige Ziele zu organisieren, war es quasi unvermeidlich.
Fun Fact: An ihrer ersten Demonstration hatte Eden schon vor ihrer Geburt teilgenommen. Ihre Mutter River war im achten Monat mir ihr schwanger, als ein Fotograf sie mit hochgereckter Faust und windgepeitschten Haaren bei einer Walrettungsaktion vor der japanischen Küste ablichtete.
Mit neun Jahren hatte Eden schon an mehr Sitzstreiks und feministischen Protestmärschen teilgenommen, und öfter Menschen gesehen, die sich an Bäume ketteten und Plakate schwenkten, als die meisten Kinder in ihrem Alter sich gemeinhin das Knie aufschürften. So kam es, dass Eden mit zwanzig nicht nur sehr versiert darin war, an den Grundpfeilern der Gesellschaft zu rütteln und sich an Gebäudefassaden zu klammern, sondern demonstrierte sich auch auf den Rauswurf aus dem College zu – und hatte eine extrem griesgrämige Gegnerin.
Das war alles äußerst relevant für die Tatsache, dass sie nun – sechzehn Jahre später – in einem schicken Stadtteil von Washington D.C. vor einem Bürogebäude ohne Firmennamen saß.
Sie war gestern gegen Mitternacht hier angekommen und hatte darauf verzichtet, bei ihrer besten Freundin vorbeizuschauen, wie sie es normalerweise bei Besuchen in Washington machte. Eden wollte den Morgen mit einem guten Parkplatz für Gloria – ihrem geschmackvoll in Regenbogenfarben lackierten 2008er Dodge Sprinter 3500 Van – beginnen. Direkt vor dem Gebäude.
In Gloria zu übernachten, die genau für diesen Zweck ausgebaut war, hatte ihr noch nie was ausgemacht. Eden stattete den Innenraum im Lauf der Jahre mit einem bequemen Doppelbett, einem niedlichen Herd, einer kompakten High-End-Dusche, Toilette und einem an die Wand geschraubten Fernseher aus. Doch das Äußere war eine ganz andere Sache.
Gloria wirkte in D.C. vollkommen fehl am Platz mit ihrer über und über mit ausgeblichenen Aufklebern übersäten Karosserie, auf denen man die Protestbewegungen der letzten Jahrzehnte nachverfolgen konnte: Schutz der Regenwälder, Frauenrechte, People of Color, die LGBT+-Community und … Schneeleoparden. Eden mochte Schneeleoparden wirklich gern.
Oh Göttin, war sie durch den Wind. Eden fuhr sich mit den Fingern durch die widerspenstigen Haare, in der Hoffnung, dass sie einmal das taten, was sie wollte, bevor sie erneut an dem Gebäude hochschaute, das sie in ein paar Minuten betreten musste.
Die große Frage war: Warum sah man nirgends einen Firmennamen? War das nicht seltsam? Eden fischte ihr Handy aus der Tasche ihrer Cordjacke, um die E-Mail noch einmal zu lesen.
Sehr geehrte Ms. Lawless,
mein Name ist Arnold Clemmons und ich arbeite als Informationsbeschaffer für ein Beratungsunternehmen.
Im Rahmen meiner Recherchen für ein Projekt meines Arbeitgebers bin ich auf Ihren Namen und Ihre Fähigkeiten gestoßen. Wir suchen für einen zeitlich befristeten Auftrag eine Person, die sowohl kreativ als auch clever ist, die Medien für ihre Zwecke nutzen kann, über IT-Kenntnisse verfügt und in der Lage ist, den Status quo mit allen notwendigen legalen Mitteln zu brechen.
Die Bezahlung ist großzügig und Sie können sich Ihre Arbeitszeiten frei einteilen. Allerdings müssten Sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, bevor Ihnen Einzelheiten über das Projekt oder der Name meines Auftraggebers mitgeteilt werden.
Vorab kann ich Ihnen sagen, dass der Auftrag in Wingapo, Maryland stattfinden wird – Ihre Heimatstadt, glaube ich. Und es geht dabei um eine Person aus Ihrer Vergangenheit, die Ihre berufliche Umorientierung maßgeblich beeinflusst hat.
Bei Interesse vereinbare ich gern ein Treffen mit meinem Auftraggeber in den Firmenräumlichkeiten in Washington D.C. Sollten Sie dazu anreisen müssen, wird Ihnen ein Flugticket und eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, ebenso wie ein entsprechender Parkausweis, sollten Sie diesen benötigen.
Mit freundlichen Grüßen
Arnold Clemmons
Bei diesem Auftrag ging es um jemanden, der »Ihre berufliche Umorientierung maßgeblich beeinflusst hat«? Damit konnte nur ein Mensch gemeint sein: Francine Wilson. Jetzt Bürgermeisterin Francine Wilson, alias Edens Erzfeindin.
Aber was hatte Francine mit einem mysteriösen, geheimniskrämerischen Unternehmen zu tun, dessen Büro sich in einem gläsernen Wolkenkratzer in D.C. befand? Und apropos mysteriös – wie hieß diese Firma?
Eden war davon ausgegangen, dass sie das bei ihrer Ankunft an der Adresse in der M Street einfach am Türschild ablesen konnte. Aber Fehlanzeige. Da war kein Schild. Nur ein merkwürdiges schwarzes Symbol, das an ein fünfblättriges Kleeblatt ohne Stiel erinnerte. Die Glasscheiben waren zu dunkel getönt, um ins Innere des Foyers zu sehen. Neben der Tür befand sich eine Gegensprechanlage. Das war’s.
Plötzlich bekam Eden Zweifel. Was machte sie überhaupt hier? Welche ihrer Fähigkeiten waren bitteschön in so einer Umgebung gefragt? Es gab nur einen Weg, das rauszufinden. Sie gab sich einen Ruck, verließ Gloria und marschierte auf das Gebäude zu.
Sie zog an der Tür. Verschlossen. Also drückte sie auf den Knopf der Gegensprechanlage.
Eine tiefe Männerstimme meldete sich: »Ja?«
»Äh, hi? Hier ist Eden Lawless? Ich habe einen Termin mit –«
»Ja.« Die Tür öffnete sich mit einem Klicken.
Das Foyer war mit Marmor ausgekleidet und dank der getönten Fensterfronten nur schummrig beleuchtet. Es war vollkommen leer bis auf ein schwarzes Ledersofa mit gläsernem Couchtisch, zwei Aufzügen und einem Empfangstresen. Dahinter saß ein Riesenkerl von einem Wachmann, der sich bei der Vergabe von Muskelmasse sicher dreimal angestellt hatte.
Er winkte sie zu sich. »Ich bräuchte einen Ausweis, Ms. Lawless.«
Eden wühlte nach ihrem in Maryland ausgestellten Führerschein. Der Wachmann holte ein Tablet hervor, machte ein Foto von ihrem Führerschein und gab ein paar zusätzliche Notizen in sein Gerät ein. Danach schob er ihr den Führerschein zusammen mit einer leeren weißen Plastikkarte zu.
»Schlüsselkarte für den Aufzug«, erklärte er. »Im Inneren befindet sich ein Schlitz für die Karte. Einen schönen Tag, Ms. Lawless.«
Kurz darauf fand sich Eden in einer glänzenden Metallkabine wieder, die sie flott nach oben transportierte. Auf der Anzeige erschienen keine Zahlen, es leuchteten nur ab und zu Doppelbuchstaben auf, die darauf hindeuteten, dass Etagen an ihr vorbeizogen – unter anderem MM, CE und CS.
Wenig später öffneten sich die Türen bei PS, und als sie den Aufzug verließ, wurde sie von großen Fenstern und einer atemberaubenden Aussicht begrüßt. Okay, sie war wirklich weit oben. Vielleicht sogar in der obersten Etage? Stand PS für Penthouse Suite?
Eine Frau Mitte zwanzig mit dunkler Haut und absolut perfekten Augenbrauen führte Eden zu einer weiteren schwarzen Ledercouch. Alles an der Frau strahlte Eleganz aus – ihr stylish kurzer Afro, ihre manikürten Fingernägel und der tadellos sitzende graue Hosenanzug, der definitiv teuer gewesen war. Vorgestellt hatte sie sich Eden nicht.
»Ihr Telefon, Ms. Lawless? Und sämtliche anderen Aufzeichnungsgeräte.« Die Frau streckte auffordernd die Hand aus.
Eden rückte ihr Handy raus, das schon bessere Tage gesehen hatte. Die Empfangsdame versicherte ihr, dass die Konfiszierung nur »vorübergehend« war, während sie Edens Telefon sorgsam in einer Metallkiste hinter ihrem Schreibtisch verstaute. Das Schloss gab ein leises Klicken von sich, als sie es verriegelte.
Eden holte tief Luft. Auf was zum Teufel habe ich mich da eingelassen?
Die Situation erinnerte sie an das eine Mal, als die hohen Tiere irgendeines Ölkonzerns sie in ihre Firmenzentrale nach Texas einfliegen lassen wollten, um mit ihr »bei einem gemütlichen Mittagessen« darüber zu plaudern, wie ihre Kampagne über den möglichen Zusammenhang von bleifreiem Benzin und Krebs viral gegangen war. Und sie hatte zugesagt, warum auch nicht? Wenn sie nur einen Firmenchef dazu bringen konnte, seine Sichtweise zu ändern, wäre das ein Erfolg.
Am nächsten Tag wurde sie hart auf den Boden der Tatsachen geholt, als mehrere Ölkonzerne Publicity-Fotos veröffentlicht hatten, wie sie mit den Chefs bei einem schicken Essen zusammensaß – auf großem Fuß lebte und sich dafür kaufen ließ, oder so ähnlich lautete die Implikation.
Damit war ihr Ruf dahin. Obwohl sie die ganze Zeit über mit diesen Leuten diskutiert hatte und zu angespannt war, um das Essen wirklich zu schmecken. Ihr Umweltschutz-Kunde hatte sie umgehend fallen gelassen.
Lektion gelernt.
Hatte sie doch, oder? Was wollte dieses namenlose Unternehmen von ihr? War sie geradewegs in eine komplizierte Falle oder eine Betrugsmasche getappt – nur weil man sie mit Francine Wilson geködert hatte?
Wenn sie einer Betrugsmasche aufgesessen war, dann einer teuren. Selbst die Öl-Milliardäre besaßen nicht solche Büroräume. Ihr Blick wanderte von den geschwungenen, verchromten Türgriffen zu den dazu passenden, eleganten Lichtschaltern und den hübschen Eckstehlampen, die aussahen wie vornübergebeugte Tänzer aus Metall.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums befand sich eine Art Renaissance-Bronzeskulptur, die größer als Eden war. Sie stellte eine nackte Frau dar, deren Körper von transparent wirkendem, flatterndem Stoff umspielt wurde. Sie hatte das Gesicht vom Betrachter abgewandt und ihre Haare wehten hinter ihr im Wind. Beeindruckend, wie echt und weich der Stoff aussah, gar nicht wie Metall. Wunderschön. Und teuer. Wie ein Ausstellungsstück in einem Museum.
»Gefällt sie Ihnen?«, fragte die Empfangsdame, die Edens Interesse offenbar bemerkt hatte.
»Hm, klar? Wie nennt sich das?«
Die Frau warf ihr einen langen Blick zu. »Vole Haut. Das ist Französisch. Es bedeutet hoch fliegen.«
Hoch fliegen. Das passte ziemlich gut zu allem hier. »Gehört die zu den … hm, Klassikern? Von irgendeinem toten, weißen, italienischen Renaissance-Kerl?« Den konnte sie sich bildlich vorstellen.
»Die Skulptur stammt von der chinesischen Bildhauerin Luo Li Rong und sie ist 1980 geboren.«
Eden grinste verlegen und ließ sich auf dem Sofa nieder. Also in allen Punkten danebengelegen. »Aha.«
»Aber die Skulptur ist ein Klassiker«, fügte die Empfangsdame mit einem kleinen Naserümpfen hinzu. »Meiner Meinung nach zumindest. Unsere Unternehmensleitung hat sie bei der letzten Ausstellung der Künstlerin in einer französischen Galerie erworben. Bei der Auktion gab es einen heftigen Bieterkampf darum.«
Also besaß der CEO eine Menge Spielgeld, das er für einen Bronze-Akt raushauen konnte? Interessant. Eden fragte sich, ob er ein Sammler war, der sich gern mal was gönnte, oder einfach nur ein kleiner Perversling.
Etwas kaum Wahrnehmbares ließ sie aufhorchen. Im ersten Moment dachte Eden, dass sie sich das Geräusch einbildete, aber nein, es war da: ein schwaches, unangenehmes Summen. Als es nach zehn Minuten immer noch nicht aufgehört hatte, räusperte sie sich und schaute zur Empfangsdame rüber.
Die erneute Unterbrechung ließ die Frau demonstrativ mit hochgezogener Augenbraue aufsehen. »Ja, Ms. Lawless?«
»Hören Sie dieses Geräusch auch?«
»Ja, Ms. Lawless«, bekam sie betont höflich, aber ohne weitere Erklärung zur Antwort.
Echt jetzt? »Was um alles in der Welt ist das?«
»White Noise – weißes Rauschen«, antwortete die Frau. »Es fördert gesteigerte Produktivität, indem es Umgebungsgeräusche reduziert. Außerdem …« Sie legte eine Kunstpause ein. »… erzeugt unsere White-Noise-Technologie ein Dämpfungsfeld, das Audio-Aufnahmen unterbindet.«
Eden blieb der Mund offen stehen. »So was gibt’s echt?« Da sie IT studiert hatte, war sie bei Technik in den meisten Bereichen ziemlich up to date. Das hier kannte sie allerdings noch nicht.
»Ich kann Ihnen versichern, Ms. Lawless, dass es das in der Tat … echt gibt.« Die Frau wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
Okay, tja, das hinderte Eden an weiteren Nachfragen – was auch zweifellos so gedacht war.
Die Zeit verging. Was dauerte denn da so lang? War das eine Form von Einschüchterungstaktik? Wollten sie der kleinen Untergebenen zeigen, wer hier das Sagen hatte? Aber warum? Man war aktiv auf sie zugekommen, nicht umgekehrt.
Sie strich ihre schwarze Jeans glatt – ihre beste, der man nicht direkt anmerkte, aus welchem Stoff sie bestand, solange man sie nicht anfasste. Eden war sich vollkommen bewusst, wie underdressed sie daherkam, was auch das Verhalten der Empfangsdame ihr gegenüber erklären könnte. Die hatte wahrscheinlich nicht so oft mit Sozial- oder Umweltaktivisten zu tun.
Eden spielte mit dem Anhänger ihrer dünnen Halskette, einem runden Emblem, das Gaia repräsentierte – ein Kreis mit einem flachen Baum, dessen ineinander verwobene Äste Mutter Erde symbolisierten. Ein Geschenk ihrer Mutter River, bevor diese sich zu ihrer aktuellen Protestaktion aufmachte und Supertrawlern, die die Nordsee überfischten, auf den Zeiger ging. Das war vor über anderthalb Jahren gewesen. Seitdem verlängerte River ihre Mission ständig und Eden vermisste sie jeden Tag.
Sie schob ihre Füße, die in polierten schwarzen Stiefeln steckten, etwas weiter nach hinten unter die Couch und verkroch sich tiefer in ihre Jacke. Ja, das war nicht das geschniegelte Outfit, in dem man normalerweise zu einem Vorstellungsgespräch erschien, aber wenn sie Eden haben wollten, mussten sie damit leben.
Ein Stück den Gang hinunter öffnete sich eine Tür und eine Frau um die sechzig mit ergrauenden blonden Haaren kam auf sie zu. Sie hatte eine attraktive rundliche Figur und trug einen champagnerfarbenen Rock und eine elfenbeinfarbene Chiffonbluse, die ihr exzellent standen. Ihre selbstbewusste Körperhaltung und der zielstrebige Gang verliehen ihr etwas Respekteinflößendes. Eden war wie erstarrt. Die Frau war bestimmt ein hohes Tier des Unternehmens?
Dann lächelte sie Eden an, was ihre überhebliche Ausstrahlung von einem Moment auf den anderen geradezu mütterlich werden ließ. Der Hauch von Macht war wie weggefegt, als hätte man einen Schalter umgelegt.
So was sah man auch nicht alle Tage. Eden starrte sie perplex an.
»Wenn Sie mir bitte folgen würden, Ms. Lawless«, sagte sie. »Unsere Firmenleitung kann Sie nun empfangen.«
Firmenleitung? Sie hatte ein Vorstellungsgespräch beim CEO? »Klar.« Eden sprang auf. »Klar«, wiederholte sie, während die Frau sich bereits wieder von ihr entfernte.
Wenig später klopfte ihre Begleiterin an eine glänzende Eichenholztür und öffnete sie leise. »Ms. Lawless ist zu ihrem Vorstellungsgespräch hier«, kündigte sie Eden an und wandte sich ihr auffordernd zu.
Mit einem »Danke« trat Eden durch die Tür.
~ ~ ~
Eden schaute sich um. Das CEO-Büro war geräumig und auch hier fand sich wieder eine schwarze Ledercouch, die vor der Fensterfassade stand. Der graue Teppich unter ihren Stiefeln fühlte sich weich und dick an. Das gedeckte Weiß der Wände wurde von Kunstdrucken aufgelockert; vermutlich auch irgendwelche Werke, um die ein Bieterkampf geführt worden war, aber Eden kannte sich mit abstrakter Kunst sogar noch weniger aus als mit Akt-Skulpturen.
Trotz der Kunst wirkte alles so … seelenlos.
Das seltsame White-Noise-Zischen war hier drin sogar noch lauter. Ein Kribbeln kroch Edens Hals hinauf. Sie wandte sich mit einem Ruck um und entdeckte einen minimalistischen Glasschreibtisch auf der anderen Seite des Raums. Ihn dort zu platzieren, war vollkommen unlogisch – es sei denn, man wollte unbedingt mit dem Rücken zur Wand sitzen.
Hinter dem Schreibtisch saß eine Frau in perfekt sitzendem dunkelblauen Blazer, unter dessen Aufschlägen der hohe Stehkragen ihrer strahlend weißen Bluse hervorlugte. Ihre tief kastanienbraunen Haare waren zu einem strengen Dutt im Nacken zusammengebunden. Mit ihren kantigen Zügen und vor allem dem spitzen Kinn und der klassisch eleganten, länglichen Nase erinnerte sie an eine griechische Göttin, wie sie oft auf Urnen dargestellt wird. Sie trug kein Make-up und ihre scharf geschnittenen Wangenknochen fielen einem sofort ins Auge. Ebenso wie der ungeduldige Ausdruck auf ihrem Gesicht.
Edens Herz machte einen Satz und ihre Hände wurden schwitzig, weil sie beim Starren ertappt worden war.
Die Frau nahm die Finger von der Computertastatur und legte die gefalteten Hände vor sich auf den Schreibtisch. Sie musterte Eden wie ein Insekt, das man eingehender betrachten musste, bevor man es in einem Schaukasten festpinnte.
Der Blick ihrer dunklen grün-braunen Augen war so durchdringend, dass Eden tatsächlich das Gefühl hatte, sich nicht von der Stelle rühren zu können. Dann näherte sie sich jedoch langsam dem Schreibtisch und blieb davor stehen.
Die Frau bedeutete Eden, auf dem schwarzen Polstersessel ihr gegenüber Platz zu nehmen, und Eden gehorchte umgehend.
Von Nahem war die CEO mehr als Respekt einflößend. Ihre Körperhaltung war kerzengerade und sie rührte keinen Muskel, war fast reglos. Ungewöhnlich. Edens Bekannte und Freunde waren laut und verschafften sich selbst Raum an Orten, die eigentlich nicht für sie gedacht waren. Aber diese Frau schien ihr Büro trotz ihrer schlanken, nicht übermäßig großen Statur mühelos auszufüllen. So viel Autorität.
»Vielen Dank, Tilly«, sagte die Frau plötzlich. Ihre Stimme war tief, nüchtern und beinahe schroff.
Edens Begleiterin nickte nur und zog sich elegant aus dem Raum zurück.
Okay, die potenzielle persönliche Assistentin hieß Tilly. Eden war erleichtert, dass zumindest eine Person hier einen Namen hatte. Im Bestfall stellte die einschüchternde CEO sich selbst jetzt auch vor.
»Ich hoffe, dass Sie gut zu uns gefunden haben«, fuhr die Frau stattdessen fort und in ihrer leisen Stimme schwang fast so etwas wie ein Anflug von Belustigung mit. »Das tut nicht jeder.«
In ihrer Art zu sprechen lag eine gewisse Arroganz, als würde sie sich generell nur selten dazu herablassen und als sollten sich die Zuhörer glücklich schätzen, dass ihnen diese Ehre zuteilwurde.
»Tja, überrascht mich nicht«, erwiderte Eden und lehnte sich im Sessel zurück. »Unten gibt’s kein Firmenschild. Nur so ein komisches, kleines, rundes Logo, das man nicht richtig erkennt.«
»Es ist ein Pentalob. Und nein, es ergibt wenig Sinn, eine Geheimorganisation zu betreiben und unseren Namen dann groß und breit am Firmengebäude anzubringen.«
»Warum nutzen Sie nicht einfach einen Fake-Namen?«, fragte Eden, deren Neugier nun geweckt war. Sie lehnte sich etwas nach vorn. »Wie Humboldt Industries.«
»Humboldt …« Die Frau blinzelte perplex. »Was um Himmels willen ist das?«
»Genau.« Eden breitete die Arme aus, als würde sie der Welt einen brillanten Vorschlag präsentieren. »Nichts. Aber es klingt nach was, oder? Vielleicht produzieren Sie Käse? Oder auch nicht. Wer weiß?«
Die Frau starrte sie lange genug an, dass Eden unruhig das Gewicht auf der Sitzfläche verlagerte. »Käse«, murmelte sie schließlich.
»Ja.« Der verkniffene Gesichtsausdruck der Frau ließ Eden verstummen. »Ist ja auch egal.«
Die Frau wollte offenbar nicht mal so tun, als würde sie das Thema interessieren, und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Eine Sache hat mich stutzig gemacht. Ihnen wurde die kostenlose Unterbringung in einem erstklassigen Hotel und wenn nötig ein Flug hierher angeboten. Sie haben beides abgelehnt und nur den Parkausweis angenommen. Warum?«
»Vielleicht war ich ja in der Gegend«, erwiderte Eden unbekümmert.
»Das waren Sie nicht. Mein Informationsbeschaffer sagte, dass Sie diese Woche in Ohio Demonstrationen für Pflegekräfte organisiert haben. Also haben Sie eine siebenstündige Fahrt für ein Vorstellungsgespräch auf sich genommen, obwohl Sie schick und ausgeruht hätten anreisen können. Also noch einmal die Frage: Warum?«
Wie hatte der Kerl das rausgefunden? Eden machte weder ihre Kunden noch ihre Aufenthaltsorte publik. Vielleicht hatte jemand vom Pflegepersonal sie in einem Social-Media-Post markiert? Ganz schön unheimlich, wie viel die Leute hier über sie wussten, insbesondere wenn man ihren eigenen Informationsmangel im Gegenzug bedachte.
Sie musterte die Frau eingehender, die ihren Blick ausdruckslos erwiderte. »Weil ich gern weiß, mit wem ich es zu tun habe, bevor ich Gefallen annehme. Damit ich nicht bei jemandem in der Kreide stehe, der mir irgendwann Schwierigkeiten macht.« Lektion aus der Sache mit den texanischen Öl-Magnaten gelernt. Fall nie zweimal auf den gleichen Trick rein …
Die Frau nickte ihr knapp zu und die Geste wirkte erstaunlich anerkennend. »Nachvollziehbar.« Sie lächelte. »Mich würde interessieren, was Sie von der Statue im Empfangsbereich halten.«
»Die nackte?«
»Ist sie denn nackt?« Die Frau neigte den Kopf ein wenig zur Seite.
Gute Frage. War eine Figur nackt, wenn die Bildhauerin sie unter transparentem »Stoff« darstellte? »Ja.«
Die CEO behielt ihre neutrale Miene bei. »Interessant. Ich würde das anders sehen. Der Stoff ist zwar durchsichtig, aber er bedeckt sie.«
»Wenn er seinen Zweck nicht erfüllt, ist er nutzlos.«
»Für sie dient er einem Zweck. Womöglich nutzt sie ihn auf irgendeine Art. Vielleicht stärkt er ihr Selbstbewusstsein. Oder dient ihr als Maske? Oder lenkt uns von etwas ab, das sie verbirgt?«
Was zum …? Eden blinzelte ein paarmal. »Sie ist nackt«, entgegnete sie ungläubig.
Die Frau lachte leise und warf einen Blick auf die Aktenmappe, die auf ihrem Schreibtisch lag, als wollte sie eine weitere Frage stellen, doch Eden hatte die Nase voll von den komischen Spielchen.
»Hören Sie, könnten wir aufhören, um den heißen Brei herumzureden? Warum bin ich hier? Könnten Sie mir bitte sagen, um was für einen Job es geht? Und vor allem erst mal, wie Sie heißen?«
»Sie haben sicher viele Fragen, Ms. Lawless«, erwiderte die Frau und ihre Stimme nahm einen tiefen, hypnotisierenden Tonfall an, in dem jedoch auch etwas wie Spott mitzuschwingen schien.
»Natürlich habe ich viele Fragen.« Sollte das ein Witz sein?
»Und ich fürchte, dass ich Ihnen die meisten nicht beantworten kann. Unsere Kunden zahlen viel Geld für Diskretion. In unserem Beratungsunternehmen ist alles auf den Schutz ihrer Identitäten ausgerichtet. Das hat für uns oberste Priorität: Geheimnisse zu bewahren. Also kann ich Ihnen leider nicht sagen, wer uns für dieses Projekt angeheuert hat oder warum.«
»Aber –«
»Nein.« Das eine unterkühlte, nachdrückliche Wort erstickte Edens Protest im Keim. »Folgendes darf ich Ihnen mitteilen: Die Person, die Ihnen in der Vergangenheit das Leben ruiniert hat, muss sich zeitnah einem sehr schwierigen Wahlkampf in Ihrer Heimatstadt stellen, wenn sie das Bürgermeisteramt erneut bekleiden will. Wären Sie interessiert, mehr darüber zu erfahren?«
Francine Wilson bekam zum ersten Mal in ihrem Leben echte Probleme? »Jep«, brachte Eden heiser hervor. »Ganz großes Ja.«
»In Ordnung.« Die Frau schob ihr einige Papiere über den Schreibtisch hinweg zu. »Unsere übliche Verschwiegenheitsverpflichtung. Sie besagt, dass Sie nichts über mich, unsere Organisation oder die Arbeit, die Sie für uns erledigen, preisgeben dürfen, oder über irgendetwas sonst, das mit uns in Verbindung steht.«
»Tja, ich weiß ja auch nichts, wird also schwierig, irgendwas herumzuposaunen.«
»Jetzt vielleicht noch. Es werden sich im Lauf der Zeit mehr Informationen ansammeln. Ihre Unterschrift ist der Preis, wenn Sie erfahren wollen, was wir vorhaben.« Sie legte einen Kugelschreiber zu den Ausdrucken. »Na ja, zwei Unterschriften. Das ist eine doppelte Ausführung der Erklärung.«
Eden griff nach den Papieren und las sie sorgfältig durch. Wirkte alles ziemlich eindeutig. Nichts ausplaudern, sonst wurde sie bis ins nächste Jahrhundert verklagt. »Verraten Sie mir Ihren Namen, wenn ich das unterschreibe?«
»Da die Vereinbarung durch meine Signatur gültig wird und er somit direkt unter Ihrem stehen wird, ja.«
»Gut. Wäre irgendwie seltsam, eine namenlose Chefin zu haben.« Sie setzte ihr große, gut lesbare Unterschrift unter die Erklärung und schob die Papiere dann über die Schreibtischplatte zurück. »Wie sollte ich Sie denn sonst nennen? M?«
»M?«, fragte die Frau verwirrt. »Weil sich unser Firmengebäude auf der M Street befindet?«
»Nein, wie bei James Bond? Seine Vorgesetzten?«
Die CEO warf einen prüfenden Blick auf Edens Unterschriften und setzte ihre eigene dann jeweils darunter. So auf dem Kopf stehend konnte Eden ihren Namen nicht entziffern, weil die Buchstaben ihrer seitlich geneigten Handschrift zu eng zusammenstanden. Die Frau zog eine Augenbraue nach oben. »Fühlen Sie sich wie James Bond?«
»Äh … Nein.«
Die CEO warf ihr einen vernichtenden Blick zu, unter dem sie sich urplötzlich ganz klein vorkam, während sie Eden eins der Dokumente zurückgab. »Ihre Ausfertigung. Ich halte Sie dazu an, sie sich aufmerksam einzuprägen.«
Eden versuchte sofort, einen Namen in der gequetschten Unterschrift zu entziffern.
»Ich bin Michelle Hastings.« Ihr Gegenüber hielt kurz inne und ihre Mundwinkel zuckten kaum wahrnehmbar nach oben. »Damit Sie sich nicht die Augen verbiegen.«
Erleichtert schaute Eden auf. »Okay. Toll. Hi!«, erwiderte sie ein bisschen zu fröhlich.
»Hi«, gab Michelle gedehnt zurück.
»Also, Michelle gefällt mir ja besser als M«, fuhr Eden rasch fort, um zu verbergen, wie albern sie sich gerade vorkam. »Wobei Judi Dench als M definitiv am besten abgeliefert hat. Und es ist ja echt nicht schlecht, mit Dame Judi verglichen zu werden.«
Michelle beäugte sie, als hätte Eden nun endgültig den Verstand verloren.
Und … Ja, okay, womöglich überspielte sie ihre Nervosität ein bisschen zu übertrieben mit ihrem Geplapper. »Gut. Also, Michelle …«
Im Gesicht der Frau zuckte ein Muskel.
Was denn? Sollte Eden sie etwa Ms. Hastings nennen? Sie war nicht ihre Chefin. Noch nicht zumindest. Sie kannte sie nicht. Und erst recht nicht gut genug, um vor ihr zu katzbuckeln. Respekt musste man sich verdienen.
»Michelle«, wiederholte Eden, weil sie es genoss, dass die Frau sich offenbar einen Rüffel verkneifen musste – bestimmt schwierig für sie, nicht alles kontrollieren zu können. »Francine Wilson ist der korrupteste Mensch, der meine Heimatstadt je heimgesucht hat.«
»Inwiefern?«
Eden schnaufte frustriert. »Als ich mich damals mit ihr angelegt habe, war ich eine zwanzigjährige College-Studentin und sie eine einflussreiche Bauunternehmerin. Ihr gehören nicht nur die meisten Immobilien und Grundstücke im Wingapo County, sondern auch sämtliche Studentenunterkünfte, die sich nicht direkt auf dem Campus des örtlichen Colleges befinden. Dazu noch die meisten rund ums Hood College in der Nachbarstadt Frederick.«
»Ja«, gab Michelle knapp zurück. »Und seit Ihrer kleinen Konfrontation ist Francine Wilson noch zu deutlich mehr Grundbesitz gekommen. Sie ist auch weitaus mächtiger geworden, seit sie Bürgermeisterin ist. Offenbar zählt sie den Generalstaatsanwalt von Maryland zu ihren engsten Freunden.«
Eden zog die Augenbrauen finster zusammen. »Empfänger der meisten Bestechungen, meinen Sie wohl.«
»Wissen Sie das mit Sicherheit?«
»Ich weiß, wie sieist. Hören Sie, Francine ist nicht einfach nur eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die zufällig auch Bauunternehmerin ist. Ich habe kein Problem mit ihr, weil ich neidisch auf sie bin, oder reiche Leute hasse, oder nicht will, dass ihr die halbe Welt gehört. Francine ist eine beschissene Vermieterin, die ihre Wohnhäuser auf Kosten der Mieter vergammeln lässt. Und dasweiß ich mit Sicherheit.«
»Hm.« Michelle musterte sie mit einem undeutbaren Blick.
»Sie glauben mir nicht?« Eden ballte die Hände zu Fäusten, als die Erinnerungen an längst vergangene Ungerechtigkeiten in ihr hochkochten. »Sie kommt mit Mord davon. Sie ist unantastbar! Alle, die etwas Negatives über sie sagen, werden von den Medien und der Polizei als verbittert und durchgeknallt dargestellt. Sie hat beide in der Tasche. Bei der Instandhaltung ihrer Immobilien spart sie an allen Ecken und Enden, aber wenn Mieter wie … Oh, keine Ahnung, arme College-Studenten, sich beim Generalstaatsanwalt, der Wingapo Police oder den Medien beschweren, wird das unter den Teppich gekehrt. Alle, die was zu sagen haben, schüchtert sie entweder ein, oder sie hat die Leute mit irgendwas in der Tasche. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, ist sie jetzt auch noch Bürgermeisterin. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr miterleben musste. Sie hat so ekelhaft viel Macht.«
»Nun …«, erwiderte Michelle ruhig. »Da stimme ich Ihnen zu.«
»Ach ja?« Überraschung machte sich in Eden breit. Sie entspannte die Hände wieder und rieb die schwitzigen Handflächen ein paarmal über ihre Hosenbeine. Normalerweise glaubte ihr das niemand. Es klang zu abgedreht, als wäre Eden eine irre Verschwörungstheoretikerin.
»Natürlich.« Michelle zog einen Ausdruck aus ihrer Akte und überflog ihn. »Mein Informationsbeschaffer ist zu dem Schluss gekommen, dass Francine Wilson ›korrupt, arrogant und steinreich ist und sich zum dritten Mal vollkommen unverdient zur Bürgermeisterin wählen lassen will‹. Und sie wirdgewinnen. Also …« Sie neigte den Kopf erneut zur Seite. »Wollen Sie uns helfen, das zu verhindern?«
Eden blinzelte. Ihr Mund wurde staubtrocken. »Warum jetzt? Und warum ich?«
»Ich habe keine Ahnung, warum wir jetzt beauftragt wurden und nicht schon vor zwei Wahlperioden, um von vornherein zu verhindern, dass Wilson ins Amt kommt. Aber Ihre zweite Frage ist einfach zu beantworten: Mr. Clemmons hat mehrere Monate in Wingapo verbracht, um herauszufinden, was wir benötigen, um die Kundenwünsche zu erfüllen. Er kam zur gleichen Erkenntnis wie Sie: Die Medien und die Polizei wurden bestochen; der Generalstaatsanwalt ebenso.«
»Wer hätte es gedacht?« Die schmerzhafte Erinnerung ließ Edens Schultern nach unten sacken. »Sie schadet allen, die ihr in die Quere kommen.« Sie sog scharf Luft ein. »Ich bin ihr in die Quere gekommen.«
»Ja, das sind Sie. Ziemlich denkwürdig sogar. Tatsächlich sind Sie laut Mr. Clemmons bis heute der einzige Mensch, der sich ihr je nennenswert entgegengestellt hat. Sie haben ihr auf eine Weise zugesetzt, wie es davor und danach nie wieder jemand geschafft hat. Das macht Sie zur idealen Kandidatin für eine Wiederholung des Ganzen.«
»Aber ich habe verloren!«, entfuhr es Eden viel zu laut. Heiße Scham durchflutete sie. »Verdammt! Tut mir leid.«
»Ja, Sie haben verloren«, entgegnete Michelle gelassen, als hätte Eden gerade nicht die Fassung verloren. »Um sich an Ihnen zu rächen, hat sie dafür gesorgt, dass Ihr Vater seinen Job verloren hat. Außerdem ist sie dafür verantwortlich, dass Sie vom College geflogen sind und die Stadt verlassen mussten. Das ist Macht.«
»Ja«, gab Eden niedergeschlagen zurück.
Michelle schaute von ihren Notizen auf und Eden in die Augen. »Damals war sie noch eine einfache Bauunternehmerin. Jetzt sitzt sie im College-Ausschuss und dank ihrer Spenden wurde ein Flügel bei der früheren Arbeitsstätte ihres Vaters nach ihr benannt. Das sagt mir, dass sie keinerlei Skrupel hat, ihre Macht und ihren Einfluss einzusetzen, um ihre Feinde zu bestrafen.«
Eden knirschte mit den Zähnen.
»Nun, Feindin, Einzahl«, korrigierte Michelle sich. »Da Sie die Einzige zu sein scheinen – zumindest offiziell.« Sie holte einen weiteren Zettel aus ihrer Akte. »Mr. Clemmons hat uns mitgeteilt, dass die Wingapo State University Sie rausgeworfen hat, weil Sie gegenüber einer Person des öffentlichen Lebens Drohungen geäußert haben. Francine Wilson.«
Eden seufzte.
Michelle zog die Augenbrauen nach oben. »Kein Widerspruch Ihrerseits?«
»Was würde das bringen? Sie behauptet, dass es so war, hat die Medien dazu gebracht, es zu drucken, und das College dazu, entsprechende Konsequenzen zu verhängen. Was spielt da die echte Geschichte – meine Seite – noch für eine Rolle?«
»Wie Sie bald feststellen werden: Wir arbeiten hier mit der Wahrheit. Und Geheimnissen. Und Lügen. Wir haben ein besonders großes Faible für die echten Geschichten.« Michelle blätterte durch ihre Aktenmappe und holte die Kopie eines Zeitungsartikels heraus. »Sehr kreativ«, meinte sie. »Es ist beeindruckend, dass Sie es geschafft haben, dass in der Lokalzeitung tatsächlich einmal negativ über die Bürgermeisterin berichtet wurde.«
Trotz regte sich in Eden, als sie das Foto ihrer berüchtigten Anti-Francine-Protestaktion betrachtete. Die komplette Fassade des Gebäudes von Wilson Properties – alle drei Stockwerke von Francines geliebter Firmenzentrale – war mit Computerausdrucken beklebt, um eine optische Illusion zu erschaffen.
Ein Dutzend ihrer College-Freunde, die ebenfalls die Nase von den miesen Studentenunterkünften voll hatten, hatte Eden nachts dabei geholfen, die Seiten anzubringen. Um die fünfzehn zusammengeklebten Papierbahnen nebeneinander an die Fenster zu bekommen, hatten sie sich vom Dach abgeseilt.
Aus der Ferne zeigte das Ganze Francine Wilsons Gesicht mit einem gönnerhaften Lächeln, wie auf einem riesigen kommunistischen Propagandaplakat. Doch von Nahem erkannte man, dass das Bild durch Text entstand – Tausende und Abertausende von anonymen Beschwerden der Mieter von Wilson Properties über Mängel, die nicht behoben wurden. Zu niedriger Wasserdruck. Risse in den Wänden. Schimmel. Keine Heizung. Kakerlakenbefall.
Edens Blick wanderte zur Schlagzeile: Vandalismus-Attacke auf Immobilienverwaltung – Drohungen gegen Inhaberin.
»Sicher, ich habe es geschafft, dass was Negatives gedruckt wurde … aber es war negativ in Bezug auf mich«, knurrte Eden. Denn in dem kompletten Artikel der Lokalzeitung war kein einziges Wort über die Beschwerden der Mieter verloren worden. Er war ein einziger Aufreger darüber, wie Eden und ihre »jugendlichen Verbrecherkomplizen« vom College zur Verfügung gestellte Mittel missbraucht und Francine und ihre Angestellten bedroht hatten.
Okay, dass sie Betriebsmittel zweckentfremdet hatte, stimmte. So war die Polizei ihr auch auf die Schliche gekommen. Die Ausdrucke für die Protestaktion hatte sie im Computerraum ihres Colleges gemacht. Und zwischen die Beschwerden waren ein paar provokante Kommentare gemischt worden. Zeilen, die Francine ihr sprichwörtlich im Mund herumgedreht und als Drohungen bezeichnet hatte, und dann von der Universität verlangte, entsprechend zu handeln.
Damit kommen Sie nicht durch!
Sie behandeln Ihre Mieter wie Dreck und dafür sollten Sie bestraft werden! Es ist noch nicht vorbei. Wir haben gerade erst angefangen!
SIE sollten dieses Mal bezahlen! Sie und ALLE Ihre widerlichen Handlanger, die uns ignorieren!
Der letzte Kommentar hatte den Ausschlag gegeben. Wie sich herausstellte, wurde es in Maryland als Kapitalverbrechen geahndet, mehr als fünf Leuten Gewalt anzudrohen. Besonders frustrierend war die Tatsache, dass Eden diese Kommentare nicht mal selbst geschrieben hatte, doch das spielte für ihr College keine Rolle. Sie war die Anführerin, also war sie verantwortlich für das, was bei der Protestaktion verwendet worden war. Und Francine hatte dem College mit einer ganzen Reihe ernsthafter Klagen, Spendenentzug und ihrem heiligen Zorn gedroht, bis Eden rausgeworfen wurde.
»Wilson ist eine mächtige, rachsüchtige Frau ohne offensichtliche Schwachstellen«, fasste Michelle die Situation zusammen und legte den Artikel zurück in ihre Akten.
»Was Sie nicht sagen«, murmelte Eden.
»Außer einer.« Michelle schaute sie direkt an. Und wandte den Blick nicht mehr ab.
»Ich?« Bestimmt verstand Eden da was falsch. Wenn sie tatsächlich Francine Wilsons Schwachstelle war, dann die kleinste aller Zeiten.
»Mein Informationsbeschaffer ist sich da sehr sicher. In all den Jahren, in denen Wilson nun Wingapo County fest im Griff hat, sind Sie der einzige Mensch, der sie je aus dem Konzept gebracht hat. Sie haben es geschafft, sie so sehr gegen sich aufzubringen, dass sie ihre Wut öffentlich gezeigt hat. Sie hat ihre Maske lange genug fallen lassen, dass die Leute einen kurzen Eindruck von dem Menschen bekommen haben, der sie tatsächlich war. Sie sind der Grund, warum sie bei ihrer ersten Kandidatur nicht gewählt wurde. Natürlich hat sie später eine massive PR-Kampagne gefahren und damit waren alle früheren Zwischenfälle vergessen. Aber in diesem winzigen Zeitfenster, in dem Sie beide Krieg gegeneinander geführt haben, waren Sie, Ms. Lawless, der einzige Mensch, der Francine Wilson ernsthaft in Bedrängnis gebracht hat – und sind es bis heute. Also wollen wir natürlich Sie für diesen Auftrag.«
»Aber gewonnen hat sie trotzdem«, erwiderte Eden leise. »Sie gewinnt immer.«
»Sie bringen sie aus der Ruhe, Ms. Lawless«, hielt Michelle dagegen. »Sie machen sie wahnsinnig und werfen sie aus der Bahn. Wenn man jemanden wütend macht, macht die Person Fehler, und das ist für mich der springende Punkt. Denken Sie dran: Bei Ihrer letzten Auseinandersetzung waren Sie eine College-Studentin mit begrenzten Mitteln und Verbindungen. Dieses Mal bekommen Sie Unterstützung von uns, Experten mit exzellenten Beziehungen, Zugriff auf Geld und Einfluss.«
»Dann schicken Sie doch einen Ihrer exzellent vernetzten Experten hin.«
»Ich kann nicht einfach irgendwen losschicken. Siesind diejenige, die sie durchschaut. Sie sind diejenige, die sie ablenkt. Sie kennen diese Frau. Sie besitzen eine einzigartige Voraussetzung für diesen Auftrag. Von Ihrer kreativen Denkweise einmal ganz abgesehen. Sie sind ideal.«
Sie konnte gut argumentieren, das musste man ihr lassen. Aber trotzdem. Francine noch einmal gegenübertreten? Bei der Vorstellung drehte sich Eden der Magen um. »Sie ist … eine Hausnummer. Wieder nach Hause zu gehen, ist für mich keine Kleinigkeit. Wegen dieser Frau konnte ich meinen IT-Abschluss nicht machen. Mein Dad spricht nach wie vor nicht mit mir. Alle, mit denen ich aufgewachsen bin, denken, dass ich Francine und ihre Mitarbeitenden bedroht habe. Gah! Sie ist der Teufel.« Eden sank ein wenig in ihrem Sessel zusammen. »Und ganz ehrlich? Ich habe Angst, dass sie einfach nicht aufzuhalten ist.«
»Die erste Wahl hat sie verloren«, erinnerte Michelle sie und fixierte Eden mit einem scharfen Blick. »Ihretwegen. Sie haben dafür gesorgt, dass alle die Frau hinter der Fassade gesehen haben. Auch wenn das später vergessen wurde, für einen kurzen Moment haben Sie gewonnen, und das war auch der Grund, warum sie sich so brutal gerächt hat. Sie haben Wilson schon einmal in Grund und Boden gestampft, Ms. Lawless – ich möchte nur, dass Sie das noch einmal wiederholen.«
»Wie denn?«, brachte Eden heiser hervor. »Wie ganz konkret, meine ich? Wie soll ich das denn machen?«
»Sie kennen alle wichtigen Mitspieler. Die sind immer noch da. Sie wissen, was Sie nicht tun dürfen und wem Sie lieber nicht in die Quere kommen. Ich brauche all Ihre Kreativität, um die Nachrichtensperren bei negativen Meldungen über die Bürgermeisterin zu umgehen. Also: Finden Sie einen Weg, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, was für ein Mensch sie ist, und tun Sie es auf eine Art, die die Medien nicht ignorieren können. Schaffen Sie das?«
»Ich … vielleicht«, antwortete Eden mit gerunzelter Stirn. »Aber nur weil ich es kann, heißt das noch lange nicht, dass ich es tun sollte.«
»Sie haben es selbst gesagt: Wilson ist der Teufel. Sollten Teufel nicht in die Knie gezwungen werden?« Michelles Tonfall war provokant.
»An Teufeln verbrennt man sich die Finger, Michelle. Was oder wen auch immer sie anfasst … Wenn es ihr nicht passt, endet man als Aschehäufchen. Hören Sie, ich habe damit abgeschlossen. Ich wüsste nicht, was mir das Ganze bringen soll – abgesehen von Rache, die sich ganz sicher in dem Moment grandios anfühlen wird, aber so bin ich nicht. Tatsächlich bringt mir diese Sache höchstens Schmerz ein. In Wingapo lauern eine Menge dunkler Erinnerungen auf mich. Warum sollte ich mir das noch mal antun?«
Ein Lächeln umspielte Michelles Lippen. »Um zu gewinnen. Und außerdem werden Sie großzügig entlohnt, wenn Wilson die Wahl verliert. Das sollte Ihre kleinen … Protestbemühungen für die nächsten Jahre finanzieren. Warum lassen Sie sich nicht von Wilson die Zukunft sichern und nutzen das gleichzeitig als ultimativen Mittelfinger, den Sie ihr entgegenstrecken?« Sie schob Eden einen dicken Umschlag über den Schreibtisch hinweg zu. »Hier drin finden Sie alle Einzelheiten zu Ihrem Honorar.«
Eden streckte eine Hand danach aus.
»Aber kurz zusammengefasst: Der Vertrag besagt, dass Sie zweihunderttausend Dollar erhalten, wenn Wilson die Wahl verliert. Außerdem werden Ihnen fünfzigtausend Dollar auf einer Debit-Karte für Ihre Ausgaben zur Verfügung gestellt. Der Vertrag macht es darüber hinaus zur Bedingung, dass alles, was Sie tun, legal sein muss und nie mit uns in Verbindung gebracht werden darf. Es muss so aussehen, als hätten Sie sich aus einer Laune heraus dafür entschieden, gegen Wilson vorzugehen.«
Eden schluckte hart. Zweihunderttausend … »Ach du …«, flüsterte sie. »Das zahlen die meisten nicht mal eben aus der Portokasse.«
Ein Grinsen huschte über Michelles Lippen. »Was haben Sie von uns erwartet?«
»Keine Ahnung«, antwortete Eden ehrlich. »Ich weiß nicht, wer dieses ›uns‹ ist. Eigentlich war ich schon überzeugt, dass das hier so ein Sexsklaven-Entführungsding wird.«
Dieses Mal hielt Michelles perfekte Maske nicht stand, sondern wurde durch einen zutiefst perplexen Gesichtsausdruck abgelöst. »Ein … was?«
»Na ja, nur fast überzeugt. Eine raffinierte, aufwendige Betrugsmasche habe ich auch in Betracht gezogen. Aber eigentlich besitze ich nichts, wofür man mich abziehen könnte. Gloria vielleicht. Das ist mein Van. Sie ist nach der feministischen Journalistin Gloria Steinem benannt und war früher mal ein Paketdienstfahrzeug, aber ich habe sie ganz schön aufgemotzt«, plapperte Eden drauflos. Ihr war ein bisschen schwindelig und sie hielt einen Augenblick inne, um Luft zu holen. »Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob das nicht doch eine Betrugsnummer ist. Nur damit Sie es wissen.«
Damit hatte Michelle ganz offensichtlich nicht gerechnet. »Nun …«, erwiderte sie gedehnt, als wüsste sie nicht recht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. »Wir haben kein Interesse an Ihrer … Gloria.« Sie verengte die Augen ein wenig. »Ich kann Ihnen versichern, dass wir uns eher im Bereich politischer Umschwünge bewegen, als uns die Hände mit Dingen wie Sexsklaverei schmutzig zu machen.«
»Manche würden das in einen Topf werfen. Politik und schmutzige Geschäfte.« Eden zuckte die Schultern.
Das machte Michelle offenbar kurz sprachlos.
»Hören Sie, ich habe wirklich Interesse an dem Job«, fuhr Eden fort, bevor das Ganze noch unangenehmer wurde. »Kann ich drüber nachdenken? Mir einen Tag oder zwei Zeit nehmen? Das ist ganz schön viel auf einmal. Ich bin nur eine linksliberale Demo-Organisatorin, der die gute Sache am Herzen liegt. Sie wollen, dass ich an den Ort zurückkehre, an dem mein Leben den Bach runtergegangen ist, und damit alte Wunden wieder aufreiße.« Eden schüttelte langsam den Kopf. »Mein Hirn ist gerade überfordert. Ich glaube nicht, dass ich so eine Entscheidung jetzt und hier treffen kann. Bekomme ich ein bisschen Zeit?«
»Sie haben vierundzwanzig Stunden, dann brauche ich eine Antwort von Ihnen. Wenn Sie einsteigen möchten, antworten Sie auf die verschlüsselte E-Mail, die wir Ihnen schicken, mit einem Ja. Das werten wir als Zustimmung zu unserem Vertrag hier.« Sie tippte auf den Umschlag. »Innerhalb der nächsten Tage bekommen Sie ihn dann zur digitalen Unterschrift. Meine Assistentin Tilly – Ottilie Zimmermann – kontaktiert Sie, wenn wir noch etwas von Ihnen benötigen. Ihre Nummer befindet sich ebenfalls in dem Umschlag.«
»Klar. Okay.« Eden nickte. »Vierundzwanzig Stunden. In Ordnung.« Sie wollte nach dem Umschlag greifen.
»Moment.« Michelle streckte auffordernd die Hand aus, und Eden schob ihn ihr wieder zu.
Michelles Füller hatte einen glänzenden Perlmuttgriff und sie kritzelte etwas auf den Umschlag. »Ich gehe davon aus, dass Sie dieses Angebot annehmen, wenn Sie mit Ihrem überforderten Hirn einig geworden sind. In diesem Fall geben Sie jeden Abend einen Statusbericht über Skype ab. Das hier ist der Kontakt für den Videoanruf, den Sie täglich um Punkt acht Uhr tätigen werden, solange Sie sich in Wingapo befinden. Keine Verspätungen.«
»Skype? Jeden Abend?« Eden blinzelte ein paarmal. »Vertrauen Sie mir nicht?«
»Das ist die Standardvorgehensweise.« Ein angespannter Zug legte sich um Michelles Augen. »Angesichts Ihres Honorars ist das sicher nicht zu viel verlangt? Ich stelle gern sicher, dass unsere Investitionen sich auszahlen. Erwarten Sie keine Sonderbehandlung.«
»Hm. Okay. Kein Problem.« Eden nickte erneut. Die CEO hatte nicht unrecht – das war eine Menge Geld. Also ergab es durchaus Sinn, jemanden einzusetzen, der im Auge behielt, was sie da draußen so trieb.
»Gut«, sagte Michelle. »Gibt es noch Fragen?«
Eden schüttelte schweigend den Kopf.
»Tilly bringt Sie zur Tür.« Sie drückte auf einen Summer, und einen Moment später erschien ihre Assistentin in der Tür. »Ms. Lawless macht sich jetzt auf den Weg«, erklärte Michelle ihr.
Eden erhob sich hastig.
»Oh, und Ms. Lawless«, fügte Michelle scharf hinzu. »Sie werden mich zukünftig bei sämtlichen Interaktionen und Korrespondenzen mit Ms. Hastings ansprechen.«
Eden stutzte und entgegnete leise: »Tut mir leid, aber das mache ich nicht.«
»Wie bitte?«
»Nehmen Sie’s nicht persönlich, aber ich empfinde das Einfordern von Höflichkeitsanreden als soziale Diskriminierung. Wir sind doch alle Menschen, oder? Wir sitzen alle auf dem großen blauen Ball, versuchen einfach nur zu überleben und kochen alle nur mit Wasser. In der Vergangenheit wurden schon immer Reichen und Mächten hochtrabende Titel verliehen, um den kleinen Leuten zu zeigen, wo ihr Platz ist. Um sie unten zu halten. Und die oben nennen es Respekt, den sie aber nie erwidern. Darum geht’s mir nicht. Gleichberechtigung, Michelle. Mir geht’s immer nur um Gleichberechtigung.«
Michelle presste die Lippen aufeinander.
»Die einzige Ausnahme mache ich für Leute, die die ganze Welt mit etwas Großartigem verändern«, fuhr Eden fort. »Dann haben sie es sich verdient. Wenn sie nebenbei ein Heilmittel gegen Krebs finden oder so.« Sie hielt kurz inne. »Moment, da ich nicht weiß, was Sie hier eigentlich machen, sollte ich nichts einfach annehmen. Das ist nicht Ihr Ziel, oder? Krebs zu heilen?«
Michelle schnaubte spöttisch. »Nicht, dass ich wüsste.«
Eden grinste. »Na dann. Ich gehe jetzt mal und lasse Sie weiter … tun, was auch immer Ihr Geheimnishamster hier so anstellt.«
»Geheimnis…hamster?«, fragte Michelle ungläubig.
»Tja, solange ich den Namen Ihrer Organisation nicht kenne, nenne ich Sie im Kopf eben so«, meinte Eden mit einem Schulterzucken.
»Offensichtlich nicht nur im Kopf«, murmelte Michelle.
»Scheint so.« Edens Grinsen wurde breiter. »Ups.«
»Wenn es Ihnen hilft: Außerhalb unserer Geschäftsräume nennen viele unserer Auftragnehmer uns ›den Club‹, um Fragen zu vermeiden.«
»Der … Club.« Eden schaute sich um. »Im Ernst? Gibt es hier denn einen Club? Eine Etage tiefer oder so? Mit Blackjack? Einer Lounge? Sinnliche Sängerinnen vielleicht?«
»Nein«, erwiderte Michelle schroff und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.
Eden verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und ging zur Tür. »Okay, alles klar. Ich melde mich so schnell wie möglich zurück. Bye, Michelle.«
Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie der Frau mit dieser Anrede eine Reaktion entlockt hatte. Von der hochnäsigen Empfangsdame mit einem Faible für Kunst bekam sie ihr Handy zurück und Eden warf der Bronzeskulptur noch einen Blick zu – immer noch so was von nackt. Dann wurde sie von Tilly ohne Umschweife in den Aufzug bugsiert.
Wieder im Freien schaute Eden an der hoch aufragenden Gebäudefassade nach oben. Sie fühlte sich, als hätte etwas Merkwürdiges und Überwältigendes sie mit voller Wucht getroffen. Ob ihr das gefiel oder nicht, konnte sie noch nicht sagen, aber mysteriös war es in jedem Fall. Ein bisschen wie Michelle Hastings. Wobei die auch auf andere Weise unvergesslich war.
Nicht, dass Eden sich länger mit so etwas Oberflächlichem wie dem Aussehen eines Menschen beschäftigte. Sie musste das Angebot sachlich abwägen und dabei auf keinen Fall an den sarkastischen Zug um Michelles schöne Lippen, ihren durchdringenden Blick oder autoritäre Ausstrahlung denken, die das ganze Büro erfüllte.
Eden schloss ihren Van auf und warf den Umschlag des »Clubs« auf den Beifahrersitz. Statt das Auto jedoch anzulassen, sah sie noch einmal zur obersten Etage des Wolkenkratzers hinauf. Natürlich war dort nichts zu erkennen, aber sie hatte das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden.
~ ~ ~
»Standardvorgehensweise.«
»Das haben Sie mitbekommen?« Michelle schaute auf, als ihre Assistentin zurückkam, nachdem sie Lawless nach draußen begleitet hatte.
Tilly erwiderte ihren Blick schweigend.
»Natürlich haben Sie das«, meinte Michelle trocken.
Warum setzten sie eigentlich das weiße Rauschen ein, wenn Privatgespräche trotzdem belauscht werden konnten? Durch geschlossene Türen.
Oh. Tilly musste wohl über ihr Schreibtischtelefon mitgehört haben. Michelle schürzte die Lippen. »Ich würde ja sagen, dass Lauschen unangemessen ist, aber es ist nun mal ein Kernelement unseres Geschäftsmodells.«
Tilly lächelte zustimmend. Ihre normalerweise strenge Miene wurde weicher und verwandelte sich auf eine Art, die Michelle jedes Mal wieder beeindruckte. Kein Wunder, dass sie in ihrer aktiven Zeit im Außendienst so hervorragende Ergebnisse erzielt hatte.
»Bei dieser Kandidatin war ich einfach zu neugierig, wie das Meeting läuft«, sagte Tilly. »Also … Sprechen wir jetzt über unsere neue Standardvorgehensweise?«
»Ja, na ja, sie ist neu.« Der Hauch von Rechtfertigung in ihrer Stimme missfiel Michelle gewaltig. »Wie soll ich sonst herausfinden, ob sie etwas taugt?«
»Mit anderen Neuzugängen wollten sie bei deren ersten Aufträgen nie skypen.«
»Die waren auch keine idealistischen Randalierer, die soziale Gerechtigkeit für ihre Bestimmung halten und potenziell einen Alleingang wagen könnten.«
»Sie befürchten, dass Ms. Lawless sich als unberechenbar entpuppen könnte?«
Michelle verengte die Augen ein wenig. »Ich habe keine Ahnung, wie sie sich entwickeln wird.« Nun, zumindest nicht in allen Einzelheiten. »Aber man sollte sie im Auge behalten.«
Ihre Assistentin schnaubte leise. »Sie ist anders, oder? Dieser Unsinn, dass wir uns ein neues Image als Hersteller von Humboldt-Käse verschaffen sollen?«
»In dem Moment habe ich mich tatsächlich gefragt, ob Clemmons mir einen Streich gespielt hat. Er hat uns einen Panda geschickt«, erwiderte Michelle mit einem schiefen Lächeln. »Sie wissen schon – unschuldig, süß und vom Pech verfolgt, meint es gut und ist kein bisschen hinterhältig.«
»Sie finden sie süß?«, fragte Tilly in neutralem Ton.
Michelle ließ sich jedoch von der harmlos klingenden Frage nicht täuschen. Ihre Assistentin war gerissen, aufmerksam und eine Expertin darin, anderen Informationen zu entlocken. »Nur wenn man Pandas mag – vor allem gutgläubige. Es gibt einen Grund, warum sie vom Aussterben bedroht sind.« Sie runzelte die Stirn. »Glauben Sie, dass Clemmons mit seiner Empfehlung bei ihr komplett danebenlag? Ich sehe nur jemanden, der unerfahren, naiv und hier hoffnungslos überfordert ist. Unter normalen Umständen ist sie clever, das gestehe ich ihr gern zu, aber bei uns tun sich Abgründe auf.«
»Ich kann Ihnen zumindest versichern, dass keiner unserer Auftragnehmer wie sie ist.«
»Angesichts der Tatsache, dass das alles Haifische und Schlangen sind … Ja, Pandas haben wir ganz sicher nicht in unserem Pool. Ihr Gesichtsausdruck, als ich sie über die Höhe des Honorars informiert habe?« Ein wenig Belustigung schwang in Michelles Stimme mit. »Ich dachte schon, dass Sie sie jeden Moment mit Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbeleben müssen.«
»Ich?« Tillys Augenbrauen zuckten leicht nach oben. »Nicht Sie selbst?«
Sie fischte erneut im Trüben. Aber nur Dummköpfe legten ihre Karten auf den Tisch, insbesondere hier, selbst gegenüber normalerweise harmlosen vierundsechzigjährigen Assistentinnen namens Ottilie Zimmermann.
»Nein, vielen Dank«, antwortete Michelle gelassen. »Sonst steckt mich ihr Pfadfinder-Idealismus am Ende noch an, und ehe ich mich versehe, rette ich in meiner Freizeit vom Aussterben bedrohte Tierarten.«
»Unmöglich.« Tilly entkam ein kleines Auflachen. »Mir ist aber aufgefallen, dass sie Ihren kleinen Skulpturen-Test bestanden hat.«
»Ja. Das war spannend, oder?«
Die Skulptur-Frage war ein Persönlichkeitstest, dem Michelle alle potenziellen Neueinstellungen unterzog. Dass Lawless die Statue für nackt gehalten hatte, war dabei vollkommen irrelevant. Michelle nahm immer die Opposition zur Antwort der Bewerbenden ein, denn damit prüfte sie, ob Lawless mit ihrer Antwort zurückruderte und sie Michelles anpasste. Ob sie sich bei ihrer möglicherweise zukünftigen Chefin einschmeicheln wollte, indem sie ihre Meinung bei etwas absolut Unwichtigem änderte, das für sie nicht von persönlichem Interesse war.
Die Mitarbeitenden der Organisation kannten sich mit Diplomatie aus. Die meisten von ihnen hatten hohe Positionen in der Regierung oder bei Sicherheitsfirmen bekleidet, bevor sie den Fixers beitraten. Sie verstanden es, Manipulation gezielt einzusetzen, und wussten, dass es viel wert war, wenn die Vorgesetzten einen mochten. Noch nie hatte jemand bei dem Test auf seinem Standpunkt beharrt und war bei seiner oder ihrer ursprünglichen Antwort geblieben, weil sie wussten, dass es sie die Aussicht auf den Job kosten konnte.
Alle außer Lawless.
Michelle sah ihre Assistentin nachdenklich an. Tilly arbeitete von Anfang an für die Fixers und war schon lange vor Michelles Eintritt die Assistentin des oder der CEO gewesen. »Wie hätten Sie geantwortet, wenn ich Ihnen beim Vorstellungsgespräch diese Testfrage gestellt hätte, Tilly? Ehrliche Antwort, bitte.«
Tilly schenkte ihr eins ihrer unglaublich entwaffnenden Lächeln, das sie wie eine freundliche Großmutter wirken ließ. »Ach, Ms. Hastings, Sie wissen ganz sicher besser über Kunst Bescheid als ich«, erwiderte sie und schlug dabei einen liebenswerten Tonfall an, der ihr eine sehr bodenständige Ausstrahlung verlieh. »So was habe ich noch nie zuvor gesehen. Sind Sie denn eine Kunst-Expertin? Ist das eins Ihrer persönlichen Interessengebiete?«
Das gewiefte und geschickte Ablenkungsmanöver brachte Michelle zum Lachen. »Erinnern Sie mich daran, Sie nie zu verärgern.«
»Sehr weise«, meinte Tilly selbstzufrieden. »Also … Ist Lawless tatsächlich die Einzige, die sich bei dem Test nicht umentschieden hat?«
»Die Einzige, die es so direkt gezeigt hat. O’Brian war nahe dran.« Sie ahmte den Akzent des Manns nach – New York City mit einem kräftigen Schuss Irland, den er trotz der fünfundzwanzig Jahre in den USA nicht verloren hatte. »Er sagte: ›Schade, dass ich’s nicht richtig beantworten konnte, aber das ist doch eh nur beknackte Kunst. Ich kenn mich mit Knarren, Messern, Schlösserknacken, Beschattungen und so aus. Also: Wann fange ich bei meinem richtigen Job an?‹«
»Das klingt nach ihm. Interessant, dass Sie ihn direkt zum Sicherheitschef gemacht haben. Hatte seine Antwort Einfluss auf die Entscheidung?«
»Ja«, gab Michelle zu. »Ich bevorzuge aufrichtige Menschen, die sich nicht scheuen, auch in unangenehmen Situationen ihre Meinung zu sagen, insbesondere, da Ehrlichkeit hier ein so seltenes Gut ist.« Aufrichtigkeit war in D.C. geradezu unvorstellbar. »Ich weiß, dass unser gesamtes Firmenkonzept darauf beruht, im Verborgenen zu agieren, durch die Maschen zu schlüpfen und clevere Lösungen zu finden, aber genau deswegen ist es erfrischend, zu wissen, wo ich bei jemandem stehe. Natürlich habe ich mich für ihn entschieden.«
Tilly musterte sie einen Moment lang. »Nun, dann werden Sie wohl viel Spaß mit Ms. Lawless haben. Direkt ist sie zweifellos. Selbst wenn sie nichts sagt, ist sie ein offenes Buch.«
Spaß mit Ms. Lawless? Wohl kaum. Michelle fand, dass die Bewerberin ein recht merkwürdiges Individuum war. Die Frau hatte mit ihren klobigen Stiefeln, der Trucker-Jacke und der Jeans, die gerade so eben als vernünftige Hose durchging, den Eindruck erweckt, als wäre sie zu einem Rave unterwegs. Sie war in der Tatsehr direkt, interessant und etwas ungehobelt, und ihr gebührte der Ehrentitel als Einzige, die Michelles Ehrlichkeitstest je bestanden hatte. Aber sie war auch unbestreitbar seltsam, stur und unangepasst. Also nein, Spaß würde sie mit Lawless sicher nicht haben. Tilly kassierte einen finsteren Blick dafür, dass sie überhaupt auf so eine Idee kam.
Ihre Assistentin schlenderte unbeeindruckt zur Fensterfront im hinteren Teil des Büros, vor der sie stehen blieb, um nach unten zu sehen. »Haben Sie gesehen, was sie fährt, Ms. Hastings?«
»Sie meinen die berüchtigte Gloria?«
»Von dem Anblick erholen sich ihre Augäpfel womöglich nie wieder. Das Traumauto eines Hippies, bis hin zu den Solarpaneelen.«
Solarpaneele? Lebte sie etwa in dem Ding? Michelle schüttelte es innerlich bei der Vorstellung. »Ich überlasse das lieber meiner Fantasie und stelle mir einfach den abstoßendsten umgebauten Paketdiensttransporter vor, den die Straße je gesehen hat.«
Tilly wandte sich von den Fenstern ab und schaute Michelle mit hochgezogener Augenbraue an. »Ist es nicht irrwitzig, dass dieses naive, süße Mäuschen es irgendwie geschafft hat, sich jemanden zum Erzfeind zu machen?« Die Ungläubigkeit war ihr deutlich anzuhören.
»Das sagt wohl mehr über Wilson als über Lawless aus. Ich gebe zu, dass ich ziemlich gespannt bin, was das ›naive, süße Mäuschen‹ sich einfallen lässt, um die Öffentlichkeit gegen eine einflussreiche Bürgermeisterin aufzubringen.«
»Immer vorausgesetzt, dass Lawless den Job annimmt.«
»Das wird sie. Selbst professionelle Kreuzritter müssen irgendwie Geld verdienen. Überlegen Sie doch nur mal, wie viele dem Untergang geweihte Tierchen sie damit vor der Ausrottung bewahren kann«, gab Michelle gedehnt zurück. »Vielleicht füllen wir ja dieses eine Mal jemandem die Taschen, der es tatsächlich verdient hat.«
»Das wäre wirklich mal was Neues«, entgegnete Tilly trocken.
Wie recht sie damit hatte. Für einen ganz kurzen Augenblick krampfte Michelles Herz sich mit einem Anflug von Bitterkeit zusammen. Die Fixers waren das Gegenteil von allem, wofür Eden Lawless stand. Für den richtigen Preis verhalfen sie entweder den Schwachen zu Macht, oder zermalmten die Feinde der Mächtigen. Meistens erfüllten sie die Launen und Träume von Leuten, die es nicht verdienten.
Dass sie Gutmenschen und ihren Zielen halfen, kam selten vor. Und selbst dann war es meist nur der Nebeneffekt eines größeren, schmutzigeren Auftrags.
Und weil sie lediglich in beratender Funktion auftraten – Vorschläge machten, Gefallen aus ihrem ausgedehnten Netzwerk einforderten, zum gegenseitigen Vorteil agierten und bis zu einem gewissen Punkt nützliche Unterstützung lieferten, war das alles komplett legal. Größtenteils. Solange man die Bestechungen und Computer-Hacks nicht mitzählte.
Auf dem Papier existierten die Fixers nirgendwo. Ein Buchhaltungsdienstleister in Washington D.C. zahlte sämtliche Ausgaben, Gehälter, Ausrüstung und Gebäudemiete und führte sie unter dem Aktennamen The Club.
