Mehr Graben als Kampf - Corwin Richter - E-Book

Mehr Graben als Kampf E-Book

Corwin Richter

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Beschreibung

Im symbolischen Tausch des medialen Raums zirkuliert die Phantasie einer grassierenden Identitätspolitik, die von seiten der Linken aus drauf und dran ist alles schlechte in die Welt zu bringen, was man sich nur vorstellen kann. Dieser gesamte Austausch benötigt eine kritische Betrachtung. Unter Rückgriff auf Psychoanalyse, Philosophie und politische Theorie wird hier das Thema Identität erklärt und in ihrem politischen Kontext entfaltet. Dabei drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass unser gegenwärtiges Verständnis von Identitätspolitik vollkommen falsch ist und wir nicht einfach nur einem Gespenst hinterher jagen, sondern wir durch diese Jagd in eine Falle gelockt werden, die zu eben jenen apokalyptischen Szenarien führt, vor denen sich im Rahmen dieses Diskurses regelmäßig in einer konservativen moralischen Panik gefürchtet wird.

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALTSVERZEICHNIS

Stammeskämpfe und Universalität

(

Weltraum-)Flucht(-phantasie)

Politische Epistemologie

Exklusion der Inklusion

Politische Seinslehre

Vorarephilie

Subjekt und Identität

Emanzipatorische Identitätspolitik?

Postmoderner Konservatismus

Genuss der Unterwerfung

Vom Genuss der Unterwerfung zum subversiven Masochismus

Der Ursprung der Identitätspolitik

Grenzen der Anerkennungspolitik

Die Macht der Semiotik

Identität und Klasse

Baum fällt!

Appendix: Was Sie immer schon über Identitätspolitik wissen wollten und Stirner nie zu fragen wagte

n

Stammeskämpfe und Universalität

Ein Kampf zwischen zwei gleichartigen, radikalen Stämmen und einer rationalen, neutralen, goldenen Mitte – das ist unser Alltagsverständnis des Politischen.

Auf der einen Seite stehen jene, die entweder Teil der Benachteiligten und Unterdrückten sind, oder jene, die für diese Sympathien haben und für sie einstehen wollen. Diese Seite nennen wir im allgemeinen die Linke und in bestimmten Kreisen ›Gutmenschen‹.

Auf der anderen Seite stehen die Unterdrückenden, oder jene, die wollen das die Unterdrückende mit dem profitieren vom Leid der anderen fortführen können. Da diese jedoch drastisch in der Unterzahl wären bilden sie gemeinsam mit Nativist_innen, religiösen Fundamentalist_innen und Rechtslibertären eine gemeinsame politische Front. Diese Seite nennen wir im allgemeinen die Rechte.

Wenn ich behaupte mir sei Universalität wichtig mag man sich schnell die Frage stellen wie denn aus einem solch extremen Stammeskampf Universalität gewonnen werden kann? Bleibt nur die radikale Mitte übrig? Dieser Gedanke kann jedoch höchstens als Scherz gedacht werden; wenn die Wahl zwischen der Freiheit der Menschen und der Sklaverei steht, dann müsste die Mitte auf den Kompromiss von etwas Sklaverei und etwas Freiheit setzen und wie müsste ein Universum beschaffen sein, um diese Idee für Universalismus halten zu können?1

Wie soll dieser tribalistische Antagonismus in der Praxis aussehen? Welche Rolle spielt die

Universalität hier? Ein Beispiel liegt wohl in der Herangehensweise an die Wirtschaft. Hier evozieren die einen das Bild der Universalität um eine marginal höhere Besteuerung der Superreichen zu rechtfertigen, um darüber Sozialprogramme zu finanzieren, während die Gegenseite an Deregulierung, Austerität und Trickle-Down festhält; man müsse die Armen bestrafen und die Reichen belohnen, weil es sich sonst um eine partikularistische Freiheitsberaubung des Kapitals und seiner menschlichen Anhängsel handeln würde.

Beide Seiten sollen zu gleichen Mengen extrem und gefährlich sein und man soll in dem anderen Extrem landen, geht man zu weit in dem einen.

Es mag, wenn man es so aufdröselt, lächerlich klingen, jedoch sagen Talk-Shows, Umfragen, Debatten, das Feuilleton usw. nichts anderes als das.

Die Wahrnehmung eines Problems ist immer wichtiger als die darauf folgende Lösung, da die Lösungsmöglichkeit und -offenheit von der Art und Weise des Erkennens des Problems abhängt. Wer dieses tribalistische Framework annimmt steckt sofort in der konservativen Position fest. Indem man die explizite Äquivokation zwischen linker und rechter Politik akzeptiert begibt man sich sofort auf die rechte Seite, da nur für den Konservatismus Politik ein Kampf partikularer Stämme ist. Einen politischen Sieg zeichnet nicht die Wahl einer Partei oder einer einzelnen Person aus, sondern die Vorgabe unserer psychischen Investition in eine bestimmte Form des Umgangs mit der Politik selbst. Der Faschismus hat 1929 nicht gegen eine mögliche Militärdiktatur durch von Schleicher gewonnen, indem sie gewählt wurde, sondern indem eine Mikropolitik des faschistischen Begehren eine psychische Investition in die Nazi-Partei und damit in ihre Epistemologie evozieren konnte.2

Warum pochte wohl Marx so sehr auf Internationalismus? Der Grund dafür war und ist, dass Nationalismen jeder Art transnationale Klassen-Antagonismen verschleiern; in einem Zeitalter globalisierter Produktions- und Distributionsprozesse gilt dies so sehr wie noch nie zuvor.

Die Erkenntnistheorie mit der man an die Welt herangeht determiniert die Qualität und Quantität der Optionen die im Möglichkeitsfeld erscheinen können und gerade in unserer Zeit ist es jenes Möglichkeitsfeld welches durch den kapitalistischen Realismus vollkommen ausgehöhlt wird.3

Wird der partikulare Kampf zum Kern der Politik, so wird das Individuum der Start- und Endpunkt der politischen Betrachtung. Dies alles würde jedoch bedeuten, dass die Universalität kategorisch aus dem Politischen und der Politik ausgeschlossen wird, denn das Feld der Genese eines Individuums würde in diesen nicht mehr existieren. Es wird einem Glauben gemacht, dass ein jedes Individuum in einem Vakuum als sein eigener Grund entsteht und persistiert. Universalität wird von daher als Angriff auf die Privilegien dieses Individuums missverstanden.

Der wahre politische Kampf, dass was Politik auszeichnet, ist kein Kampf zwischen Partikularien; es ist der Kampf der Partikularien gegen die Universalität. Das Partikulare und das Universelle befinden sich in einer dialektischen Beziehung, in der der Startpunkt der Bewegung alles entscheidend ist; überträgt man das Universelle auf das Partikulare, oder erhebt man das Partikulare auf die Ebene des Universellen.

Die haitianische Revolution ist hier ein gutes Beispiel. Sie sorgte dafür das die universellen Werte der französischen Revolution nicht einfach eurozentristische Werte blieben, indem sie diese nicht einfach imperialistisch aufgezwungen bekamen, sondern auf die selbe Art wie die französischen Revolutionäre entdeckten. Die führenden Personen der jeweiligen Revolutionen – Robespierre in Frankreich und Toussaint in Haiti – waren jedoch nicht in der Lage dazu Universalität zu erlangen; sie scheiterten letzten Endes beim Versuch. Wo der Versuch der Universalität scheitert folgt immer ein neuer Partikularismus.4 Wo Robespierre die Befreiung der Sklaven und den Tod der Kolonien forderte, versuchte Napoleon die Sklaverei zurückzugewinnen. Sowohl Napoleon in Frankreich, wie auch Dessalines – der Nachfolger Toussaints – in Haiti, erklärten sich beide zum König. Die Position des Königs kann niemals eine universalistische Position sein. Napoleon gab irgendwann seine Versuche auf, verlangte aber Reparaturen von den befreiten Sklav_innen und diese wurden bis 1940 an Frankreich gezahlt. Diese stehen repräsentativ für die Kosten die alle Unterdrückten und Benachteiligten zahlen müssen, wenn der Partikularismus gewinnt.

(Weltraum-)Flucht(-phantasie)

Wenn Rechte sich auf Universalität berufen, dann handelt es sich dabei um eine Universalität mit gekreuzten Fingern; sie gilt nur für jene die als Teil der Gesellschaft gesehen werden. Alle die Teil der Anteillosen – Teil des Proletariats – sind werden exkludiert. Wenn Konservative und Liberale beispielsweise von Freiheit sprechen, dann meinen sie die Freiheit derer die es sich leisten können, auf Kosten jener die zur Arbeit gezwungen werden. Zuletzt konnten wir dies in einer Aussage eines der reichsten Menschen auf dem Planeten, Jeff Bezos, hören, der nach seinem Flug ins All stolz erzählte wie Dankbar er allen Mitarbeiter_innen und Kund_innen wäre, schließlich hätten diese seinen kleinen Flug bezahlt. Seine Dankbarkeit muss ehrlich sein, immerhin versucht er mit allen Mitteln Gewerkschaften zu unterminieren, seine Arbeiter_innen so wenig wie möglich zu entlohnen, alle Konkurrenz mit allen Mitteln vom Markt zu verdrängen usw. Dieses Beispiel passt perfekt, weil es auf eine besorgniserregende Zukunft verweist, deren Spuren wir heute schon sehen. Nach seinem Flug ins All wiederholte Bezos exakt die Worte, die er vor seinem Flug bereits sprach, um seinen Plan für die Zukunft zu erklären: Bezos will alle Umweltverschmutzung ins All verlagern. Das mag für manche vielleicht nach einer netten Idee eines reichen Umweltschützers klingen, jedoch zeigt uns eine Serie die zufälligerweise auf Amazon-Prime läuft ganz genau was das bedeutet. In The Expanse hat die Menschheit sich bereits auf eine kleine Menge weiterer Planeten ausgebreitet. Dies und eine hohe Bevölkerungsmenge sorgte dafür, dass es zu einer Ressourcenknappheit kam, weshalb ressourcenreiche Objekte im All zu einem besonderen Interesse wurden. Die Folge der Umlenkung der Produktionskette ins All war folgende: Viele Menschen arbeiten im All unter grauenhaften Bedingungen und entwickeln ein melancholisches Verlangen nur ein mal wieder dazu in der Lage zu sein die saubere Luft der Erde zu atmen und in dem durch die Atmosphäre gefilterten Sonnenschein zu baden.

Zu dem Thema der Flucht ins All müsste man mit Nietzsche sagen:

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.5

Nachdem Musk die Pläne seiner Mars-Kolonisierung veröffentlichte fürchteten viele eine Flucht der Superreichen ins All; die Furcht, die dahinter steckt ist die des zurückgelassen werdens. Das ist insofern furchterregend, da diese Kapitalisten demnach sich nicht um das Klima der Erde kümmern müssten, für deren Zerstörung sie die größte Verantwortung tragen. Anstatt aber das System welches diesen wenigen Menschen diese große Macht gibt zu attackieren, will man sich lieber die Gunst jener erschleichen. Dabei gibt es für diese Fluchtphantasie keinen guten Grund. Das Weltall ist ein grauenhafter Ort und niemand würde freiwillig die Erde verlassen in der Hoffnung dort ein entspannteres Leben führen zu können. Nein, stattdessen wird der Klassenkampf interplanetarisch werden, indem darum gekämpft wird wer zu den Menschen zählen darf, die auf der sauberen Erde verweilen dürfen. Diese Fluchtphantasie ist nichts seltenes. Sie wird uns jedes mal aufgedrängt, wenn es um die Finanzen der Kapitalist_innen geht. Als der Mindestlohn zur Frage stand kam diese Fluchtphantasie häufig auf, doch die empirische Realität zeigt, dass es nach der Einführung des Mindestlohns keine Kapitalflucht gab; alle Ängste die vor der Einführung evoziert wurden sind letzten Endes enttäuscht worden und dennoch wird sich auf die selben verlassen, sobald es um eine höhere Besteuerung der Superreichen geht.

Während also bei Rechten (Konservativen und Liberalen) die Universalität nur ein rhetorisches Mittel der Rechtfertigung partikularer Politiken ist, haben wir es bei Linken mit partikularen Interventionen im Namen der Universalität zu tun. Wenn Geflüchtete nicht die selbe Freiheit wie alle anderen genießen können, BPoC aufgrund externer Identitätsmarkierungen Diskriminierung erfahren, cis Frauen und trans Personen sich disproportional vor Gewalt und ungerechter Behandlung auf der Arbeit fürchten müssen uvm., dann handelt es sich zwar um Probleme die Partikular erscheinen, aber für das Universelle stehen.

Politische Epistemologie

Es geht bei jedem politischen Thema auch um Wissen. Aus diesem Grund braucht eine jede Politik eine entsprechende Epistemologie; beide lassen sich nicht einfach voneinander trennen. Eine rechte Epistemologie ist darauf ausgerichtet eine Intersektion von Partikularien in eine Pseudouniversalität zu formen. Dies gilt für sowohl den Konservatismus wie auch den Liberalismus, weshalb man sagen muss, dass sie auf dieser Ebene den selben Kampf kämpfen.

Universalität ist für beide lediglich ein nachträglicher Gedanke. Kollektivität wird somit a priori zu einer Gefahr und wird nur geduldet, wenn es sich dabei um ausgewählte, partikulare Kollektivitäten handelt (Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Blut und Boden usw.). Hier mag etwas Hobbes nachklingen, denn von diesem Standpunkt aus sieht man erst die einzelnen Individuen, sieht dann wie sie auf andere stoßen und danach mehr durch die Notwendigkeit als alles andere eine Gemeinschaft wider Willen formen.

Eine linke Politik ist auf Emanzipation aus. Demnach kommt das Universelle zuerst und aus diesem heraus wird das Partikulare generiert; das Partikulare kann nicht ohne die Intervention des Universellen entstehen.

Konservatismus ist Vulgärpositivismus - sie sehen nur, was ihnen gegeben wird und sind zufrieden damit. Während dessen ist eine linke Epistemologie auf Lücken und den Mangel gerichtet; die Anwesenheit der Abwesenheit wird hier zum bewegenden Motiv.

Man mag hier an Platons Unterscheidung zwischen Meinungsliebhabern und Wissensliebhabenden erinnert werden. Während Erstere liebend gerne über Partikulares nachdenken, sind Letztere mit den Prinzipien hinter dem Partikularen beschäftigt; es ist der Unterschied zwischen dem wertschätzen eines Gemäldes und dem wertschätzen der Schönheit selbst.

Es ist das was im physischen Objekt, im Empirischen, Abwesend ist, dessen Mangel auszeichnet, was die Universalität bildet. Dies ist die Unterscheidung von Rechts und Links in der Politik. Für viele stellt jedoch nicht Platon sondern Aristoteles den progressiven Nachfolger dar. Er verlegt das Universelle in die konkreten Dinge. Dies nimmt jedoch der platonischen Philosophie ihr universelles Zentrum, was Aristoteles in den Partikularismus und damit Konservatismus verschiebt. Während Platon eine Gesellschaft ohne Sklaven konzipiert, in der Frauen gleichberechtigt sind, fragt Aristoteles wer sich denn dann um den Haushalt kümmern soll.6

Wenn nicht Universalität sondern Identität die Politik auszeichnet, dann ist es verständlich, dass man zu tyrannischen, autoritären Maßnahmen greift um diese zu sichern. Der Staat hat hier nicht die Aufgabe eine Grundlage für freie und gleichberechtigte Individuen zu schaffen, sondern das Leben und die Besitztümer bestimmter Identitäten zu sichern.

Exklusion der Inklusion

Ein Thema bei dem wir uns an einer Schnittstelle von Erkenntnistheorie und Seinslehre befinden mag auf den ersten Blick banal wirken und ist man in der Lage dazu die politische Realität die damit zusammenhängt vollkommen zu ignorieren, dann ist es das auch: Gendern. Unsere Sprache ist durchdrungen von einer Ausrichtung auf das Männliche. Da dadurch jedoch ein Großteil der Menschen durch das Gesagte nicht repräsentiert wird, was dazu führt, dass Herangehensweisen an Diskriminierung verzerrt werden, gibt es seit geraumer Zeit Versuche die Sprache zu ent-gendern. Diese Versuche der Sprache das phallische zu nehmen werden jedoch weitestgehend als das Gegenteilige gebrandmarkt; es wird von ›korrektem Gendern‹ gesprochen, wo man versucht das Gender als dominanten Faktor zu neutralisieren.

Diese Fehlwahrnehmung hat einen erkenntnistheoretischen Ursprung. Die Universalität, die das ent-gendern darstellt wird in ihrer Natur fehlverstanden. Universalität wird hier für das an einen Ort versammeln aller Partikularien gehalten, dabei könnte nichts ferner von der Wahrheit sein. Universalität ist nicht zu verstehen als die Summe aller Partikularien.

Wenn man versucht alle Partikularitäten zu versammeln, dann bleibt immer ein nicht-X übrig, in dem sich eine heterogene Masse an Ausgeschlossenem versammelt. Inklusion ist ein hervorragendes Beispiel. Wollen wir zum Beispiel in unseren Aussagen nicht nur Männer mit einschließen, dann sagen wir nicht mehr einfach ›er‹, sondern ›er oder sie‹. Dies schließt jedoch Personen (wie mich) aus, auf die sich weder die Pronomen ›er‹ noch ›sie‹ beziehen. Auch ›es‹ wird verwendet. Dieses aufzunehmen erweitert zwar die partikulare Inklusion, aber schließt dennoch Personen aus, die zum Beispiel Neopronomen wie ›ze‹ verwenden.

Das bedeutet nicht, dass man einfach sagen sollte es wäre zu kompliziert, einem zu viel oder zu umständlich und deshalb verwirft man die Inklusion lieber komplett. Hier begegnet man den absurdesten Ausreden; Ausreden wie: ›Wenn ich nicht ein Pronomen habe mit dem ich alle ansprechen kann, dann will ich das nicht‹ oder: ›Niemand darf selbst bestimmen, mit welchem Pronomen diejenige Person angesprochen werden wollen. Schon gar nicht diese erfundenen (Neopronomen)!‹.

Die Idee es würde neben der Gewohnheit einen essentiellen Unterschied zwischen Pronomen und Neopronomen geben halte ich aufgrund der Absurdität für äußerst unterhaltsam, wenn auch für traurig zugleich, weil einige stolz auf die Idee in der Natur wachsender Pronomen zu sein scheinen. Des Weiteren scheinen jene den Zweck von Pronomen nicht zu verstehen, stehen sie doch für einen Namen. Würde ich jemanden sagen mein Name wäre Alexander, dann wäre es wohl für alle eine merkwürdige Reaktion würde dieser jemand erwidern: ›Nein, dein Name ist Laura‹.

Die Position des Universellen drückt sich beim ent-gendern durch ein Symbol der anwesenden Abwesenheit aus (das * oder _ beim gendern, das + bei LGBTQ+, in geschlechtsunspezifischen Begriffen wie Person usw.). Wenn man sich auf ein konkretes Individuum bezieht macht ein entsprechendes, individualisiertes Bezugssymbol wie ein spezifisches Pronomen Sinn, aber ein spezifisches Pronomen kann niemals die Universalität verkörpern.

Universalität entsteht, wenn man die eigene Identität nicht als Grundlage dafür sieht, wie man etwas weiß, sondern als Barriere für das, was man weiß und wie man handelt.

Politische Seinslehre

Um jedoch von dem theoretischen Hintergrund der – bei den meisten unbewusst – wirkt zum handeln zu gelangen braucht es noch einen weiteren Aspekt: Das Was des Erkannten.

Ontologie, auch Seinslehre genannt, ist nicht nur eine Betrachtung des Fundaments der Realität, sondern hat auch politische Implikationen, da das was wir als Realität betrachten den Rahmen dafür bietet, wie damit umzugehen ist. Wenn beispielsweise Homosexualität eine aktive Wahl einzelner Personen wäre, dann ist es für Rechte leichter Entscheidungen zu rechtfertigen, die auf die Auslöschung dieser hinarbeiten. Diese Frage bezieht sich auf ein Verhältnis von Person und Sexualität, genauer von Subjekt und Identität.

Ich bin nicht die erste Person, die eine Verbindung zwischen Ontologie und Politik festgestellt hat.

Stephen White nahm 2000 in Sustaining Affirmation