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Macht ist einigen heutzutage suspekt geworden. So suspekt, dass versucht wird sie radikal abzulehnen und zu umgehen. Man denke dabei nur an die Verweigerung jedweder positiven Aussage von Seiten der Occupy Bewegung. Mit dieser absoluten Negativität lässt sich jedoch keine Politik machen. Das wirkliche Problem ist nicht die Macht und ihre Strukturen. Das wirkliche Problem ist die Ideologie und der Genuss den die Ideologie erzeugt. Sie treibt die Strukturen an, sie bestimmt den Inhalt der wirkenden Macht. Sie gilt es zu kritisieren und sie gilt es zu verändern. Wo macht die Machtanalyse ihre Fehler und wie ist Ideologie in einem Zeitalter welches post-ideologisch genannt wird zu verstehen? Diese Fragen stehen im Zentrum dieses Buches. Es ist ein muss für all jene, die daran interessiert sind eine Politik zu gestalten, die realen Wandel mit sich bringen kann!
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Nutzen und Nutzung eines Beispiels
Der Fall Occupy
Das Ende des Sozialen
Foucault und die Macht
Die Machtlosigkeit der Machtanalyse
Wege zur Universalität
Paranoia als politischer Modus
Das Gesetz des Herzens und die schöne Seele
Eine Mögliche Zukunft der Polizei
Warum der Konservatismus keine Politik hat
Die symbolische Ordnung
Politik und Identitätsgesetz
Assemblages versammelt euch!
Warum es die Welt doch gibt!
Es ist so, weil ich das sage!
Was ist denn nun Ideologie?
Der Überschuss des Wertes
Die Möglichkeit der Ideologiekritik
Der Genuss des Rassismus
Naheliegende Ideen
Literaturverzeichnis
Macht ist ein Versprechen. Es koinzidiert mit einer entsprechenden Menge an Verantwortung. Es gibt einen Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Sprechakt und dem Versprechen: Das Versprechen ist eine Verfehlung des Sprechens, ein fehlgeschlagener Akt. Macht ist dementsprechend mit einer Enttäuschung der Verantwortung, mit der Korruption, dem Betrug, dem Hintergehen des Versprechens durch das Versprechen verbunden. Macht kommt somit nicht um den Fehlschlag herum.
Diese Ansicht ist in linken Kreisen weit verbreitet, ob sie nun bewusst als Ablehnung der Macht formuliert oder nicht bewusst in der politischen Handlung realisiert wird. Allerdings wird hier meist nur eine Seite des Ganzen betrachtet. Macht kommt um das Fehlschlagen nicht herum, das ist korrekt. Jedoch sollte diese Erkenntnis einen nicht lähmen oder von der Macht fernhalten, sondern dazu antreiben die Chance zu nutzen.
Die kritische Theorie gebert sich gerne in der Machtanalyse, welcher zufolge jede Faser des Seins bereits von der Macht durchdrungen wurde und wir ihr niemals entfliehen können. Die Machtanalyse zeigt uns wie verloren wir sind, wie schlecht die Lage ist und wie Unfähig wir dieser gegenüber sind. Zu mehr ist sie momentan nicht in der Lage. Der Grund dafür ist, dass davon ausgegangen wird, dass die Analyse der Machtstrukturen uns in die Tiefe, in das Unbewusste, kurz: in die Strukturen bringen und diese durchschauen kann.
Macht ist jedoch etwas oberflächliches. Sie ist überall zu finden und meist leicht zu erkennen. Sie ist sogar so offensichtlich, dass wir meistens ganz genau wissen was los ist, aber dennoch wider besserem Wissen handeln. Hier verführt uns die Ideologie. Verführung ist immer eine Verschleierung. Was verschleiert besser als ein transparentes Glas hinter welchem ein verschwommenes Objekt steht. Macht selbst ist erst einmal weder gut noch böse. Sie auch nicht neutral. Ihr Auftreten verändert den Raum bereits bevor etwas passiert. Es gibt etwas das hinter der Macht steht und sie in Gang setzt. Dieses etwas wird meistens übersehen, da man meint mit der Machtstruktur den Übeltäter gefunden zu haben. Dasjenige was es zu Untersuchen gilt ist der Genuss, welcher in und durch verschiedene Machtstrukturen wirkt und durch die Ideologie evoziert wird.
Bevor wir jedoch damit anfangen können muss etwas geklärt werden. Es geht um den Nutzen und die Nutzung von Beispielen. Man lernt Beispiele als literarisches Werkzeug in der Schule kennen. Man wird mit einem Gedicht Else Lasker-Schülers oder Georg Trakls als Beispiel für die Gedichte des Expressionismus konfrontiert. Mit diesen Beispielen kommt immer auch die Aufgabe der Interpretation. Ohne Interpretation bedeutet ein Beispiel nichts. Man lernt, dass es eine vorgeschriebene Interpretation gibt zu der man gelangen soll. Dabei handelt es sich um eine naive Art der Interpretation. Was diese naive Interpretation nicht kann ist mit Widersprüchen umgehen. Da sie die eigene Wahrheit ohne Grundlage postuliert, ist jede andere Interpretation im selben Maße legitim. Im schulischen Kontext kann die Lehrkraft ihre Interpretation über die Institution der Schule gegenüber der Schülerschaft legitimieren, aber dies konstituiert noch lange keine legitime Interpretation. Man kennt es. Die eigene Interpretation widerspricht der in der Lösung vorgegebenen und aufgrund der Abweichung wird die eigene Interpretation als illegitim erklärt. Gibt es Widerstand, dann flüchtet man in einen historizistischen Relativismus; man versucht über die Biographie und historische Daten die eine wahre Interpretation zu bergen. Man kann sie jedoch nur erahnen, da die ursprüngliche Quelle der Bedeutung, die Person von welcher der Text stammt, nicht länger verfügbar ist. Die wahre Bedeutung wird zu einem bereits verlorenen Ding an welches wir niemals kommen können, da wir endliche und fehlbare Wesen sind. Dieser zweite Schritt liegt in seinem falsch liegen richtig. Wir können nicht zu der wahren Interpretation kommen. Sie ist ein verlorenes Objekt. Aber wie es sich für das verlorene Objekt gehört hat es das von Anfang an nie gegeben.
Das Wort bedeutet immer mehr als die Person zum Zeitpunkt des Denkens meinte. Ein perfektes Beispiel ist ein Fußballspiel. Wenn man nach einem Spiel ein_e Spieler_In fragt, aus welchem Grund sie jenen Spielzug ausgeführt hat wie er letzten Endes ausgeführt wurde, so wird man keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Die Zuschauerschaft hat jedoch während dem Spiel bereits bestimmt weshalb die Person so handelte: »Die kennen das Gegnerteam und wissen ganz genau, dass da eine Lücke ist! Die Lücke wurde erkannt und ausgenutzt!« Die Wahrheit ist bereits dezentriert. Sie liegt von Anfang an falsch. Somit liegt die Wahrheit einer Interpretation in der Rezeptionsgeschichte des Werkes. Die Position des Subjekts als Mangel muss in die Interpretation inkorporiert werden. Ein Beispiel ist immer Teil der Theorie; es verschiebt, korrigiert, die Theorie. Das Beispiel lässt sich jedoch nicht auf die Theorie reduzieren. Ein Beispiel ist eine universelle Singularität. Eine singulare Entität, welche als das Universelle in der Multitude der Interpretationen persistiert. Die Interpretationen sind selbst Fortführungen der Theorie und nicht ihre Grenze. Aus diesem Grund kann ein Beispiel immer für mehrere Kontexte verwendet werden. Es ist zugleich bestimmt und universell. Wir lernen Beispiele auf eine idealistische Art und Weise im Unterricht kennen. Hier steht das Beispiel für eine Sache und erschöpft sich in dieser Darstellung.
Eine materialistische Herangehensweise an ein Beispiel zeigt, dass ein Beispiel immer mehr ist, als es in seinem konkreten Kontext darstellen darf. Um meinerseits ein Beispiel zu geben möchte ich auf ein Beispiel Kate Mannes eingehen. In ihrem Buch Down Girl: The Logic of Misogyny erklärt Manne den Unterschied zwischen Sexismus (die Rechtfertigung/Rationalisierung der Misogynie) und Misogynie (die Exekutive der Geschlechterordnung (das Patriarchat)). Nachdem sie diese Unterscheidung etabliert hat will sie diese durch ein Beispiel klar machen. Das ganze lässt sich wie ein Restaurantbesuch verstehen. Dort gibt es die unzufriedenen Gäste die mit ihrem Geschirr auf den Tisch schlagen und brüllen, werden sie nicht gut bedient. Ein solcher unzufriedener Gast wäre Elliot Rodger, welcher sich von allen Frauen betrogen fühlte, weil ein paar Frauen nicht mit ihm zusammen sein wollten. Um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen ermordete er drei Personen und verletzte vierzehn weitere, bevor er sich selbst erschoss. Sein Ziel war das Tri Delta Schwesternschaftshaus der UCSB. Die Frauen brachen mit der Norm das Frauen den Männern untergeordnet zu sein haben und sie bedienen müssen. Deshalb mussten sie sterben. Er ist ein Symptom der Misogynie. Zu diesen gehören Sexisten wie Rush Limbaugh, die solche Handlungen und die dahinterstehende Ideologie relativieren und normalisieren.1
Natürlich gibt es noch andere Arten der Misogynie wie die eines Donald Trumps aber für unsere Zwecke reicht dieser Ausschnitt, denn er ist symptomatisch für sowohl eine Tendenz des gesamten Buches wie auch einiger linker Bewegungen. Alle sozialen Relationen sind für Manne von Misogynie durchdrungen. Das erkennt man daran, dass dieses Beispiel die Realität darstellen soll, jedoch das Phantasma der Misogynie und die Realität ineinander fallen lässt. Das es eine Geschlechterordnung gibt, bei deren Verletzung man Konsequenzen zu spüren bekommt, sollte kein Punkt sein über den diskutiert werden muss. Die vielen jährlich ermordeten queeren Personen reichen alleine aus um diesen Punkt überdeutlich zu etablieren. Aber wenn man das Phantasma der Misogynie mit der Realität ineinander fallen lässt, sorgt das dafür, dass man die Behauptung aufstellt, es würde keinen Ausweg geben und wir wären alle dazu determiniert dieses System durch jede soziale Relation zu reproduzieren. Manne kann uns nicht sagen wie wir dagegen ankämpfen können. Wir können nur verstehen wie schlecht es uns geht und dann mit diesem Wissen weiterleben.
Dem ist jedoch nicht so. Es gibt kein geschlossenes System. Wenn ein System geschlossen wäre, dann wäre es statisch. Es würde bei der kleinsten Veränderung zusammenbrechen. Die Realität eines jeden Systems ist, dass es Lücken hat und haben muss um dynamisch zu bleiben. Aus diesem Grund braucht ein jedes System ein Phantasma das Ganzheit und Geschlossenheit simuliert. Es muss den traumatischen Kern des Realen verdecken. Wenn ein Gast in einem Restaurant anfängt herumzubrüllen, dann kann man davon ausgehen, das dies im Normalfall Konsequenzen für den Gast hat. Hier scheitert das Beispiel an der Realität. Denn in der Realität werden nicht diejenigen, die die Geschlechterordnung am Leben halten und reproduzieren bestraft, sondern jene, die versuchen ihr zu entkommen. Das Beispiel welches Manne im rein idealistischen Sinne verwenden wollte um ihren Punkt klar zu machen unterminiert ihren Punkt indem es auf Lücken in der patriarchalen Ideologie hinweist.
1 Vgl. Kate Manne, Down Girl. The Logic of Misogyny, Penguin Books 2019, S. 87f.
2011 überschwemmte eine Bewegung die politische Landschaft, rund 950 Städte wurden mitgerissen. Gemeint ist die Occupy Bewegung. Eine Bewegung ausgerichtet auf vielerlei lokale ökonomische und politische Probleme. Ihre Anziehungskraft erhielt sie durch die ihr zugrunde liegende Horizontalität. Innerhalb der verschiedensten Teilgruppierungen die diese Bewegung ergaben gab es weder Personen die als Kopf zum Zwecke der Repräsentation und sprechenden Entscheidung dienten, noch gab es klare, allgemein geteilte Ziele. Direkte Demokratie und Konsens wurden zu grundlegenden Motiven der Struktur dieser Bewegung. Dies sorgte jedoch dafür, dass selbst die trivialsten Themen ausdiskutiert werden mussten, was über die Zeit eine hohe Belastung mit sich brachte. Des Weiteren warb man mit einem Erlebnis der Demokratie als körperliche Erfahrung. Es schien äußerst inklusiv zu sein - sonst stumme Stimmen durften sprechen -, so werden aus Gruppendiskussionen dennoch jene ausgeschlossen, welche für diese keine Zeit haben, aufgrund ihres Charakters nicht dazu in der Lage sind in großen Gruppen zu diskutieren oder die aufgrund von Rasse oder Geschlecht diskriminiert werden. Zu guter letzt wurde sogar die Abwesenheit konkreter Forderungen für etwas radikales und positives gehalten, weil man sich darüber der Entfremdung der Institutionen zu entziehen zu können meinte.2
Eine letzte Verteidigung bestand darin darauf zu bestehen, dass Occupy, selbst wenn es gescheitert ist, dennoch Menschen radikalisiert hat. Occupy als Präfiguration soll erfolgreich gewesen sein. Von diesem Erfolg sieht man heute nichts mehr. Ein verschwundener präfigurativer Raum kann nunmal schlecht präfigurieren. Präfiguration verharrt immer auf einer gewissen Ebene im pazifistischen, da es soziale Lösungen für politische Probleme sucht.
Die Präfiguration schlägt dadurch fehl, dass sie das Soziale nicht in Frage stellt, sondern es als den Wende- und Angelpunkt auserkoren hat. Selbst Versuche das Soziale gegen den Staat zu setzen (siehe John Holloway oder Raùl Zibechi) scheitern, weil das Soziale selbst unter den Krieg der Pazifizierung fällt. Die Verdichtung sozialer Relationen der in-group im Sinne des Sozialen als hegemoniale Opposition bringt den Konservatismus mit sich, der keine externalen Relationen erlauben kann. Der Fall Occupy ist jedoch kein Einzelfall. Tatsächlich herrscht eine allgemeine Ablehnung der Macht innerhalb der Linken.
Die Utopien der Anarchist_Innen des 19. Jahrhunderts wurden durch die aufkommenden Sozialwissenschaften unterminiert, da diese Wege fand, durch die das Soziale besser durchleuchtet, kontrolliert und pazifiziert werden kann.3 Das Soziale entstand zusammen mit der Bio-Macht und dem Spektakel. Ersteres sorgt dafür das alles gefunden und an seinen bestimmten Platz gebracht wird und letzteres dafür, dass alles Gute erscheint und alles was erscheint gut ist. Wie Baudrillard längst bemerkte ist das Soziale lediglich eine dezentrale Kategorie, welche dazu da ist das Staatsversagen auf die Bürgerschaft abzuwälzen.
2 Deseriis und Dean, »A Movement Without Demands?«
In Baudrillards Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder Das Ende des Sozialen werden Fragen die sich auf Theorien des Sozialen beziehen fundamental infrage gestellt. Der Grund für diese Infragestellung ist Baudrillards Postulat, dass diese Konzepte in der Gesellschaft der Simulationen implodiert sind. Speziell ist dieser Beitrag eine Intervention in den Diskurs um die Massen.
Das ganze Sammelsurium des Sozialen dreht sich um ein schwammiges Bezugsobjekt, um eine undurchsichtige und zugleich durchscheinende Realität, um jenes Nichts: die Massen.4
Dieses »schwarze Loch« verschlingt das Soziale, absorbiert jedwede Bedeutung und alle Informationen die mit diesem zu tun haben. In ihrem Verlangen nach dem Spektakel, dem Spiel der Zeichen, tauschen sie Sinn gegen Schauspiel ein. Dabei handelt es sich jedoch nicht - wie gerne angenommen - um eine Verdummung der Massen, sondern um den eigenen Anspruch der Massen. Mechanismen der Sinnproduktion - wie die Geschichte eines ist - werden auf Zufallsprodukte reduziert, die die Oberfläche der Masse nicht durchdringen können ehe sie neutralisiert werden. Diese These unterfüttert Baudrillard mit einem entsprechenden Beispiel:
Am Abend der Auslieferung von Klaus Croissant [einem deutschen Anwalt] überträgt das Fernsehen ein Fußballspiel: Frankreich spielt um seine Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Ein paar hundert Personen demonstrieren vor dem Gefängnis La Santè, ein paar Anwälte rennen durch die Nacht, und zwanzig Millionen verbringen ihren Abend vor dem Bildschirm. Eine Jubelexplosion im ganzen Volk, als Frankreich gewinnt.5
Diese Indifferenz präsentiert Baudrillard als explizite Gegenstrategie. Es gibt keine Macht die dahinter steht und die Verdummung der Massen befehligt. Das bedeutet nicht, dass es keine Macht gibt und auch nicht, dass es niemanden gibt, der glaubt diese Macht zu besitzen. Es ist vielmehr so, dass diejenigen, die glauben, dass sie die Macht hätten, diese nicht besitzen und die Massen, welche die Macht haben, sich dazu aktiv entscheiden sie nicht zu nutzen.
Die Macht manipuliert nichts, und die Massen sind weder verdummt noch getäuscht. Der Macht ist es nur recht, wenn sie den schwarzen Peter auf den Fußball abschieben oder gar selbst die diabolische Verantwortung der Massenverdummung auf sich nehmen kann. Das schmeichelt ihr in ihrer Illusion, tatsächlich die Macht innezuhaben, und lenkt von der weit gefährlicheren Tatsache ab, dass die Gleichgültigkeit der Massen deren ureigene und einzige Praxis ist...6
Mit dieser aktiv gewählten Indifferenz endet die Ära des Sozialen. Die Massen haben nun weder eine historische Qualität, noch irgendwelche Ideale die für das Politische von Bedeutung wären. Die Mehrheit ist still geworden. Daraus sollte man nicht schließen, dass die Massen nun verschwänden. Sie lassen sich nur nicht länger repräsentieren. Prozesse wie Umfragen oder Wahlen bringen das Individuum nicht mit der Masse sondern mit simulierten Modellen in Kontakt. Diese quantitative Abstraktion des Sozialen ist nichts weiter als eine tote Simulation.
Dennoch versucht das System Teilnahme und damit das Soziale zu produzieren. Der Grund dafür ist, dass die radikale Indifferenz der Massen das Simulationsmodell durch eine vollkommene Abwesenheit der Partizipation zum zusammensturz bringen würde. Das was die stille Mehrheit erzeugt sind die Medien. Das Soziale, als zwischen dem privaten und dem öffentlichen vermittelnde Sphäre, wird durch die Medien digitalisiert und somit ihrem libidinösen Face-to-Face Antrieb beraubt. Dem Anschein nach produzieren die Massenmedien zwar mehr Soziales, jedoch neutralisieren sie das Soziale sobald es die (Bildschirm-)Oberfläche überwinden will.7 Das Soziale ist in die Massen implodiert und diese versuchen über die Massenmedien das Soziale wiederzubeleben, jedoch dient dies selbst nur der Verschleierung von Herausforderung, Tod, Verführung, Ritual und Wiederholung - kurz: dem symbolischen Tausch - weshalb dieser Versuch zum scheitern verurteilt ist.
Auch wenn es sich um eine kurze Rekonstruktion handelt, lassen sich von dieser dennoch sicherlich ein paar interessante Aussagen ableiten. Ein Beispiel dafür wäre die Lokalisierung der Macht bei den Massen anstelle der Position der Herrschenden. Es gilt heute als Gemeinplatz, dass Sportereignisse dafür genutzt werden um kontroverse Gesetze ohne großes Veto der Bevölkerung durchzuwinken. Darauf folgt von Seiten der Bevölkerung eine Verteufelung der hinterlistigen Politik. Spielt man damit nicht in die von Baudrillard beschriebene Falle? Ist es nicht die Masse die sich dazu entscheidet wegzublicken? Und ist es nicht so, dass man hier bei den Herrschenden von einer bestimmten Art des Wahnsinns sprechen müsste? Schließlich meinen sie nicht nur die Macht zu haben, sondern, dass sie diese Macht hätten, weil sie die Herrschenden sind. Die Identifikation mit dem »Ichideal« negiert den Zugang zur symbolischen Ordnung, da die Identifikation mit dem großen Anderen dessen Rolle als Vermittler aufhebt.
Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider bietet hier eine Möglichkeit dem ganzen zu entkommen. Die Lehre dieses Märchens lautet: Der Schein von Macht - so stark er auch blenden mag - darf niemals in seiner Zerbrechlichkeit unterschätzt werden. Es ist ein Gemeinplatz, dass eine herrschende Minderheit gegen die Mehrheit der Bevölkerung nicht ankommen könnte. Sich darauf verlassend, dass die Mehrheit weiterhin still bleibt, kann sie die klassisch neoliberale Verantwortungsumkehr
