Mehr Kritik, bitte! - Armin Nassehi - E-Book

Mehr Kritik, bitte! E-Book

Armin Nassehi

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Beschreibung

"Dem Phänomen der Kritik auf die Spur zu kommen setzt also tatsächlich voraus, genauer über die moderne Gesellschaft nachzudenken." Armin Nassehi über das Phänomen "Kritik", die letztendlich nur ausgeübt werden kann, wenn sie einen verantwortlichen, zurechnungsfähigen Akteur findet.

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Seitenzahl: 28

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Armin Nassehi

Mehr Kritik, bitte!

Aber welche?

Es gibt nichts, was nicht anders sein könnte, als es ist – zumindest nichts, was einen Informationswert hat, also einen Unterschied macht. Und dass etwas anders sein könnte, bildet stets den Horizont von Kommunikationsofferten, die man als kritisch wahrnimmt oder denen eine kritische Attitüde unterstellt werden kann. Kritik ist nur dann Kritik, wenn etwas auch anders sein könnte, besser: als es tatsächlich ist. Man wird also niemanden dafür kritisieren können, dass er stets atmen muss, weil das letztlich nur in Ausnahmefällen vermeidbar ist und ansonsten vegetativ von nicht beeinflussbaren Kräften gesteuert wird. Nicht so laut zu atmen freilich wäre durchaus ein angemessener Gegenstand für kritische Kommunikation. Das Wetter per se ist auch kein Gegenstand von Kritik, weil man es niemandem zurechnen kann, aber den Entscheider, der dafür gesorgt hat, dass man sich draußen aufhält, oder der das falsche Urlaubsziel ausgewählt hat, kann man durchaus kritisieren. Spätestens wenn man das Wetter so beeinflussen kann, dass es auch anders sein könnte, würden wir schlechtes Wetter (die Frage wäre dann: Schlecht für wen – für Urlauber, für Bauern und Landwirtschaft oder für eine Sportveranstaltung?) kritisieren können. Jetzt können wir es nur zur Kenntnis nehmen. Kritik hat also stets mit einer Welt zu tun, die auch anders sein könnte und für deren So-Sein es eine Adresse gibt.

Glaubt man an einen Schöpfergott, ist sogar das So-Sein der Welt ein angemessener Gegenstand für Kritik, selbst wenn man die eigene Fähigkeit, sich eine andere Welt vorstellen zu können, jenem Schöpfer der Welt verdankt, der ja auch der Schöpfer des Kritikers und seiner Freiheit sein muss, wenn er wirklich der Schöpfer der Welt ist. Ich erwähne dieses merkwürdige Beispiel nur deshalb, weil wir ja durchaus gewöhnt sind, auch solche Dinge zu kritisieren, deren Geschöpfe wir selbst sind – auch wenn wir dafür keinen creator mundi in Anspruch nehmen.

Kritik und Natur

Dass solcherart Kritikkonstellation womöglich biotechnisch denkbar werden könnte, verändert dann auch die Perspektive der Kritik, sobald der Schöpfergott, den wir uns ja als ansprechbare Person vorstellen, durch Natur abgelöst wird. Das Konzept der menschlichen Natur funktioniert folgendermaßen: Es setzt eine Grenze gegen grenzenloses Nachfragen und macht wenigstens einen Teil des menschlichen Lebens unzurechnungsfähig und damit unzugänglich für Kritik. Das scheint nötig zu sein in einer Welt, in der alles als gestaltbar, veränderbar und verbesserbar gilt, in der das fortschreitende Ablösen des Alten durch das Neue bis in die Epochenbezeichnung der Moderne selbst hineinwirkt und in der alles, was geschieht, auf Entscheidungen zugerechnet werden muss. An die menschliche Natur lässt sich dann delegieren und zurechnen, was weiterer Erklärung und Gestaltung nicht zugänglich ist – die Palette reicht von der Bewältigung von Leid und Tod über Liebe und Hass bis zur genauen Beschreibung der Endlichkeit, Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit menschlicher Fähigkeiten. Und dies gilt sowohl für die Natur der menschlichen Gattung als auch für diejenige jedes einzelnen Exemplars, dessen Würde auch deshalb gesetzlich geschützt werden muss, weil diese auch aufgrund unserer Unvollkommenheit stets in Gefahr ist.