Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine junge Frau, in den letzten Jahren des 2. Weltkrieges unehelich geboren, versucht über Jahre ihre Wurzeln zu finden. Beruflich sehr erfolgreich, gerät sie durch Zufall unter Jenseitskontakte, Mystik, die ihr durch Mitteilungen unterschiedlicher Art und Weise vorgaukeln, nach jeder Sitzung kurz vor der Erkenntnis zu stehen. Durch ihre Abhängigkeit ist der Blick für die so nahe liegenden echten Hinweise getrübt. Sie benötigt viele negative Erfahrungen und eigene Selbsterkennung, um sich aus diesen Abhängigkeitsfängen zu beseitigen. Betroffenen hilft sie, Lösungen zuverlässiger zu erhalten, als es ihr möglich war.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2011
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jose Uvells
Mein ‚eckiges‘ Lebensrad
Jose Uvells
Copyright ®© 2011: Jose Uvells
Umschlaggestaltung: Jose Uvells
ISBN 978-3-8442-1159-7
Impressum
Inhalt
Teil 1: Die ersten vierzig Lebensjahre
Teil 2: Die Zeit der Jenseitskontakte
Teil 3: Das einsame Leben danach
Teil 4: Die Zeit der Suche
Teil 5: Die Zeit als Beraterin
Teil 6: Das neue, bewusste Leben
Sonnenaufgang……..
Die Sonne geht auf an jedem Morgen,
das Dunkel der Nacht verliert sich im Licht.
Die Sonne vertreibt unsre Ängste und Sorgen
und zaubert neue Hoffnung in unsren Blick….
Das Läuten der Glocken, klingende Botschaft immer neuer Hoffnungen, vermischt sich mit dem eintönigen Rauschen des Regens, der schon seit Stunden unaufhörlich fällt. Das Fest der Liebe, der Familie, nach der Heimat und Gesundheit unser höchstes Gut hier auf diesem Planeten, ist wieder gekommen. Gemütlich sitzen mein zweiter Mann und ich in unseren Sesseln, umschmeichelt vom warmen Kerzenschein des Lichterbaumes und dem Duft frischer Tannen.
Meine Gedanken gehen weit zurück. Wie ein Film läuft mein Leben mit der mich über alle Jahre begleiteten Frage: „Wer bin ich wirklich, woher komme ich?“ vor meinen Augen ab. In den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges geboren wuchs ich bei den Urgroßeltern und der Großmutter auf, die ich, soweit ich denken konnte, Mutti nannte. Wir wohnten in einem kleinen alten Häuschen, welches gottlob im Krieg keinen Schaden erlitten hatte. Rot gestrichene Holzfensterläden, rote Haustür, gestrichenes Außengeländer, auf dem Dach ein kleiner Schornstein, der uns in den strengen Wintern oft als Wetterfrosch diente. Stieg der Rauch stolz und gerade in die Höhe, war sonniges Winterwetter zu erwarten. Neigte er sich nach unten, kündigte das einen der oft ergiebigen Schneefälle an. An die kleine Küche mit winzigem Balkon zum Garten gelegen, auf dessen Brüstung im Sommer die Geranien in leuchtendem Rot ihre Pracht zeigten, schloss sich die mit Kirschbaummöbeln in altem Stil eingerichtete Wohnküche an. Von dieser aus ging es in das mit alten, wuchtigen Möbeln eingerichtete Schlafzimmer der Urgroßeltern während Großmamas und mein Schlafzimmer unterm Dach über die knarrende Holztreppe erreicht wurden. Neben diesem lag der Dachboden. Lange Zeit wich ich ihm ebenso ängstlich wie dem Keller aus. Wir wohnten am Stadtrand mit viel Wald und Wiesen. Feldmäuse waren schnell durch die offene Balkontür oder durch ein winziges Loch im Dach geschlüpft.
Als unsere Nachbarn eine zugelaufene Katze aufnahmen war der Spuk bald vorbei. Peterle, so nannten wir den grauen Kater liebevoll, machte seiner Gattung alle Ehre und befreite uns von den kleinen Eindringlingen. Allerdings, die Entsorgung musste in der Regel der Urgroßvater vornehmen. Stolz präsentierte sie uns ihre Beute und machte auch vor dem Küchentisch, den Betten nicht halt. Sie durfte durchs ganze Haus. Das war in ihrer Rolle als Kammerjäger selbstverständlich. Einige Jahre später zog ich mich oft auf den Boden zurück, um die zahlreichen, spannenden Abenteuer von Karl May zu verschlingen. Hier konnte ich ungestört schmökern und träumen. Träumen von meinen Zielen wo das Gute immer gewinnt.
Die Adventszeit! Wie sehnte ich als Kind die Vorweihnachtszeit herbei. Emsiges Treiben bereits vor dem ersten Advent. Frisches Tannengrün, Kerzen, Draht, Backzutaten mussten besorgt werden. Ich konnte mich nicht satt an den herrlichen Vorweihnachtsdekorationen in den Geschäften sehen und Großmutter musste drängen, damit wir außer Staunen auch unsere Einkäufe erledigt bekamen. Daheim angekommen berichtete ich ohne Punkt und Komma den Urgroßeltern von der ganzen Pracht in den Schaufenstern. Nach den Schulaufgaben am nächsten Tag wurde der Küchentisch freigemacht und die Arbeit mit dem Tannengrün begann. Zu gleicher Zeit stieg schon aus dem Backofen des alten, reich verzierten Eisenofens, Stolz jeder Hausfrau, verlockender Duft des ersten Adventsgebäckes in unsere Nasen. Schnell nahm unser Adventskranz Gestalt an, die kleinen Schrammen an der Hand bemerkte ich kaum. Großmutter stimmte ein vorweihnachtliches Lied an und dann wurden, nach und nach, die alten Lieder wieder zum Leben erweckt. Strophe für Strophe prüfte Großmama, ob ihre Lieben auch noch alle Texte kannten.
So eingestimmt folgten die Adventssonntage mit lecke-ren Bratäpfeln und Duft von feinen Sachen. Diese Wochen waren und sind für mich immer noch Innbegriff von Heimat und Liebe. Das Gefühl der Geborgenheit fand seinen Höhepunkt am Heiligen Abend. Das helle, zarte Glöckchen der in unmittelbarer Nähe unseres kleinen ‚Knusperhäuschen‘ stehenden Kapelle rief zur Weihnachtsbotschaft mit den alten, volkstümlichen Weihnachtsliedern, die wir mit den festlich gekleideten Nachbarn aus vollem Herzen sangen. Wieder zuhause kam endlich das Christkind. Das Zeremoniell zur Bescherung, Schmücken des Weihnachtsbaumes werde ich nie vergessen. Wir besaßen eine Spieluhr als Christbaumständer mit kunstvoll gehämmertem Deckel. Der eingestielte Baum drehte sich langsam nach wahlweise zwei Melodien: ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ und ‚O Tannenbaum‘ bis alle Geschenke ausgepackt waren. Viele waren es nicht. Großmama hatte ein Prinzip: Es gibt wenig, aber etwas womit man nicht rechnet. Wenn ich heute die vielen Pakete sehe fällt mir Großmama ein: „Geschenke sollen dem Beschenkten zeigen, dass wir an ihn denken. Nie darf ein Geschenk den Eindruck erwecken, auf die Schnelle, ohne Überlegung erstanden zu sein.“ Ganz schön schwer für mich, etwas für meine drei Lieben zu finden. Taschengeld gab es wenig und persönlich, ideenreich und schön verpackt sollte es sein. War es am Heiligen Abend noch üblich, dass man im engsten Familienkreis verweilte, besuchten die Familien sich an den beiden Festtagen gegenseitig. Das fiel bei uns aus. Wir waren und blieben unter uns. Besuch war für mich ein Fremdwort. Wir bekamen keinen. Lediglich eine Freundin meiner Großmutter mit ihrem Mann, die ich Onkel und Tante nannte, besuchte uns hin und wieder sonntags zum Kaffee. Meistens ging ich mit Großmama dorthin. Das galt auch für die Inhaberin unseres ‚Tante Emma-Ladens‘ in unserer Nähe, wo wir einmal pro Woche alles einkauften. Sie und ihre Schwester besuchten wir hin und wieder auch außerhalb des Geschäftes in ihren Wohnungen. Bei uns waren diese Beiden aber nie.
In meinen Kindertagen, ungefähr bis zum Alter von fünf Jahren, bekamen wir ab und an Besuch von zwei Männern. Sie kamen nie an Sonn- oder Festtagen oder zusammen bzw. in Begleitung. Ich sehe sie noch heute vor mir. Der eine Mann war ein fescher Hans Albers-Typ, groß, volles Haar, tolle blaue Augen, immer blauer Anzug, am Kragen des weißen Hemdes salopp gebundenes, rot glänzendes Tuch, stets ein paar Leckereien für mich dabei – in der Zeit nach dem Krieg etwas Besonderes. Der andere Mann dagegen war klein, etwas mollig, blondes, glattes Haar, graue Bekleidung. Heute denke ich, dass es eine Uniform gewesen sein muss. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich je angelächelt oder angesprochen hätte. Irgendwie schien er mich nicht wahrzunehmen. Großmama stand in ihrem bunten Kittelkleid kerzengerade, mit undurchdringlicher Miene vor dem sauber gescheuerten Küchentisch. Obwohl sie leise sprach hatte ihre Stimme einen harten Klang. Auch sie schien mich völlig vergessen zu haben. Ansonsten, der Besuch war immer nach kurzer Zeit beendet und Großmama wirkte nach Verabschiedung wie befreit und so herzlich wie ich sie kannte und liebte.
Schade fand ich es schon, dass unsere Kontakte sich auf diese älteren Personen beschränkten und die Wochenenden still und beschaulich verliefen. Verständlich, dass ich die Wochentage viel aufregender fand. Man musste keine weißen Kniestrümpfe anziehen, konnte auch einmal schmutzige Hände haben. Wenn ich heute zurück blicke wunderte ich mich als Kleinkind schon, dass Großmama bei mir auf besondere Schulung Wert legte. So war es für sie selbstverständlich, dass ich lernte mich als Kind in der der Öffentlichkeit frei zu bewegen. Der Knigge spielte eine große Rolle. „Eine Dame schreitet, Fuß vor Fuß die Treppe abwärts, gerade und mit einem Buch auf dem Kopf wirst du das jetzt üben. Und merke dir, nie geht eine Dame ohne Handtasche, Handschuhe, Kopfbedeckung aus dem Haus.“ Perfekter Umgang mit Messer, Gabel, welche Gläser für welche Getränke genutzt und wo was auf dem gedeckten Tisch platziert wurde, ihre Schulung ließ nichts aus. Liebevoll, mit Nachdruck führte sie mich in alle diese Vorschriften ein. Wenn ich mich ärgerte, weil meine Spielkameraden das alles nicht machen mussten bekam ich nur zur Antwort: „Schatz, du wirst das in deinem späteren Leben brauchen, es ist wichtig für dich.“ Verständlich, das sah ich in jungen Jahren völlig anders.
Die Kindertage, schnell waren sie vorbei. Der Tag der Einschulung mit einer prall gefüllten Schultüte - ein toller Tag. Auch die ersten Tage danach gefielen mir. Die Fragen unserer Klassenlehrerin nach unseren Eltern, Geschwistern störten mich nicht sonderlich. Völlig unbefangen antwortete ich, bei uns zu hause gäbe es nur die Urgroßeltern und die Großmutter, für mich die geliebte Mutti, alle anderen seien schon im Himmel. Bald hatte ich zwei Freundinnen, mit denen ich gemeinsam Schularbeiten machte, die Freizeit verbrachte und so manchen Streich ausheckte. Wir hatten wunderschöne, lustige Kindergeburtstage. Zugegeben, bei meinen Freundinnen war immer ‚mehr los‘. Da kamen die Tanten, Onkel und jede Menge anderer Gäste mit Geschenken. Bei mir wieder Fehlanzeige.
Doch meine Lieben wussten mich abzulenken und zu beschäftigen. Mein Urgroßvater, dessen besonderer Liebling ich war, hatte eine wunderschöne Stimme und sang in mehreren Chören. Großmutter spielte Klavier, gab kleine Matineen, Gesangunterricht. Nach und nach wurde ich in die Welt der Musik und des deutschen Wortgutes eingeführt. Was konnte man mit Noten und Worten nicht alles sagen, ausdrücken? Politik und Religion, zwei Bereiche, über die man klugerweise in geselliger Runde nicht diskutieren sollte. Doch nicht mit meinem geliebten Urgroßväterchen. Er vermittelte mir, dass man auch über diese heiklen Themen reden kann ohne sich zu zerstreiten. Die Freiheit der Religion, des Wortes und der Musik, vermittelte mir dieser damals schon alte Mann vorurteilsfrei. Wenn es das Wetter erlaubte, nahm er mich bei der Hand und wir durchstreiften die herrlichen Wälder unserer Umgebung. Das Flöten der Blaumeise, Klopfen des Buntspechtes, Schimpfen eines frechen Spatzes oder eine uns unbekannte Vogelstimme, auf alle Feinheiten machte er mich aufmerksam. Ausflüge, die mir nachhaltig meine große Liebe, aber auch Achtung vor Gottes Kreatur vermittelt haben. Wieder daheim wartete Großmutter mit einem leckeren Abendbrot auf ihre hungrigen Wanderer. Leider waren die Urgroßmutter und sie nicht so gut zu Fuß, um uns zu begleiten.
Die ersten Schuljahre vergingen. Der Tag der ersten Heiligen Kommunion rückte näher und der von uns heiß verehrte Religionslehrer bereitete uns in seiner anschaulichen Weise darauf vor. Durch ihn war das Evangelium für uns Kinder schöner als jedes Märchenbuch. Er bettete die Botschaften in für uns verständliche Erlebnisse ein. Heute unvorstellbar, Religionsunterricht fanden wir einfach nur super und Zweifel oder gar Kritik an seinen Äußerungen wären uns nie in den Sinn gekommen. In der letzten Unterrichtsstunde vor dem weißen Sonntag sprach er mit uns noch einmal die Einzelheiten für die Kommunionfeier durch. „Freut euch darauf, es ist der erste große Schritt zum Erwachsenenwerden. Eine ereignisreiche Zeit wartet auf euch. Der liebe Gott wird euch als gütiger Vater begleiten.“ Durch diese Erklärung hatte unser Glaubenslehrer wieder die richtige Seite bei uns insgesamt vierzig Mädels angesprochen. Erwachsen werden wollten wir ganz schnell. Zu der Zeit waren Nylonstrümpfe mit Nähten der letzte modische Hit für die elegante Dame. Diese könnten wir dann tragen ohne heimlich Mutters Strümpfe aus der Schublade zu nehmen. Der Geistliche wusste natürlich, dass viele von uns Nachkriegskindern keinen Vater mehr hatten. Trotzdem kam er an meine Schulbank und sprach mich an. „Das ist ganz besonders wichtig für dich. Der liebe Gott ist immer an deiner Seite wie ein Vater, du bist sein Kind.“ Das wusste ich ja schon, seltsam, dass er es betonte.
Der große Tag, lang ersehnt, endlich war er da. Großmutter hatte aber auch alles besonders schön vorbereitet. In dem weißen Kleid mit dem Glockenrock, dem extra für diesen Tag genähten weißen Wollmantel, da es Mitte April häufig noch kühl war, hatte sie wirklich ein hübsch anzusehenden Enkelkind. Stolz schritt ich mit meiner Schulfreundin als Paar durch das Mittelschiff unserer Kirche. Nach der Feier, es hatte jeder einstudierte Schritt geklappt, wurden wir vor dem Kirchenportal in einem Gruppenbild aufgenommen. Dann nahm mich Großmutter bei der Hand und wir gingen zu den wartenden Urgroßeltern. Lautes Stimmengewirr von Verwandten und Bekannten meiner Mitschülerinnen hallte hinter uns her, als wir still den Kirchplatz verließen. Zum ersten Mal fühlte ich: So einfach und selbstverständlich wie Großmutter es mir immer schilderte war unser anderes Leben, die heile Welt wohl doch nicht. Eigenartig, auch das Gefühl der Geborgenheit bei meinem väterlichen Freund, dem lieben Gott, schien sie nicht zu überzeugen. Von Unbeschwertheit konnte bei Ihnen keine Rede sein. Im Gegenteil, während ich auf dem Nachhauseweg meinen Lieben schon wortreich und genau ausmalte, wie wir einmal die Kommunionfeiern meiner Kinder mit vielen Gästen in großer, familiärer Runde feiern würden, bedachten meine Lieben mich mehr als einmal mit traurigen Seitenblicken. Ich war jedoch nicht zu bremsen in meiner Schilderung. Daran bestand für mich nämlich seit meinen Kindergartentagen nie ein Zweifel. Ich war auf der Welt um Mutter vieler Kinder zu sein. Es würde einen dazu passenden Mann aus einer riesigen Familie geben und ich der gute Geist sein. Unser großes Haus würde vom Lachen und Lärmen, aber auch von Musik widerhallen und mittendrin mindestens ein Dackel die Qualität von Hausschuhen und seiner Stimmgewalt prüfen. Meine Lieben könnten alle ihre Freunde, Bekannten mitbringen und, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, für jeden hätte ich bei allen Nöten ein offenes Ohr. Ich war durch das Schicksal wie Großmutter es nannte, Einzelkind in einem Haus, durch welches zwar Musik, aber kein Kinderlärm und Trubel hallte.
Der Schulalltag nahm wieder seinen Lauf. Nach und nach führte uns der geschätzte Geistliche weg von den Erzählungen der Bibel und hin zu aktuelleren Religionsthemen. Während einer dieser Diskussionen zu ‚das Gott sein - Gottes Allmacht über die Menschen‘ wollte er von uns wissen: „Kann jeder von sich sagen: ‚Ich bin, der ich bin‘? Was meint ihr?“ Von meinen Mitschülerinnen zuckten einige die Schultern, einige allerdings meinten schon, das könne jeder von sich sagen. Ich, in vollster Überzeugung, bejahte das sehr bestimmt. Da hatte ich jedoch völlig daneben gedacht. Nicht nur ich, auch meine Schulkameradinnen zuckten zusammen. Das war doch nicht unser geliebter Lehrer. Metallisch klang seine Stimme als er sich vor mir aufbaute: „Wie kannst gerade du so etwas sagen? Ich nahm an du wärest von oben bestimmt mehr zu begreifen. Und jetzt das. Merke, niemand, aber auch niemand, darf von sich behaupten, dass er so ist, wie er ist. Nur der Herrgott ist immer gleichbleibend, wandelt sich niemals. Du veränderst dich und deine Persönlichkeit, bist Schwankungen unterworfen.“ Ich schaute betreten in die Runde und sah in verblüffte Gesichter. Konnten wir uns schon die Antwort nicht erklären, so war diese völlig neue Verhaltensweise des Priesters erst recht nicht nachvollziehbar. Er drehte sich um und ging ich Richtung Lehrerpult. Ich war völlig perplex gebe aber zu, diese Erklärung hatte mich irgendwie nicht zufrieden gestellt, schon gar nicht die Bemerkung, dass er gerade von mir etwas anders erwartete. Ich spürte in mir, dass für mich dieser Satz weiterhin Gültigkeit haben würde, begründen, in Worte fassen konnte ich es aber nicht so spontan. Daheim angekommen berichtete ich wortreich von dieser Begebenheit und meiner Enttäuschung, dass der geachtete Lehrer mich so ‚abgekanzelt‘ hatte.
Nach dem Essen holte ich wie jeden Tag meine Schulbücher, um mit den Hausaufgaben zu beginnen. Großmutter legte diese beiseite und meinte, ich könne mit Opa an diesem Nachmittag einen Spaziergang machen. Die Aufgaben dürften heute warten. Das klang geheimnisvoll. Hinzu kam, gab es brisante Themen, war ein kompliziertes Gespräch fällig, dann war Großvater gefragt.
Also Sportschuhe an, Regenjacke über die Schulter und wir marschierten los. Der Großvater schwieg bis wir mitten im Wald waren und fragte nach und nach, was ich unter dieser Deutung verstanden und ich dabei abgelehnt habe. „Opa, ich kann das nicht beschreiben. Ich weiß nur, dass es da etwas gibt, was so für mich irgendwie nicht richtig ist. Wenn ich etwas anstelle, war ich das und ich bekomme Ärger. Also bin ich doch, der ich oder die ich bin und handle.“
Großvater erzählte mir dann an Beispielen, dass wir Menschen unsere Gefühle, unsere Ziele in unserem Leben mehrfach ändern und darum nicht über viele Jahre hinweg so bleiben, wie wir mal irgendwann waren, sondern durch Erfahrungen, Erlebnisse uns insgesamt wandeln. „Weißt du mein Kind, dieser Satz ist eine Aussage aus dem religiösen Sprachgebrauch zu Gott Vater, der von eher war, ist und immer so bleibt: Gott Vater. Euer Kaplan kann da nicht anders reagieren, denn das beinhaltet seine gesamte Glaubenslehre. Das Unveränderliche ist auch nicht auf dich oder mich als Lebewesen in unserer körperlichen Hülle bezogen. Hier ist die Seele, der Geist, also das, was wir nicht sehen, gemeint. „Hm, klang vernünftig, aber ich sah schon damals nicht ein, warum ich an etwas zu glauben habe was ich nicht weiter ergründen darf. Außerdem, wenn es doch so klar war gab es auch verständliche Erklärungen. Ablehnender Tonfall ersetzten sie niemals. So war es zu erklären, dass ich Großvater zwar nicht weiter mit Fragen löcherte, aber in der nächsten Religionsstunde unseren Lehrer fragte, ob er uns das mit dem Satz: ‚Ich bin, wie ich bin‘. etwas näher erklären könne. Er blockte ab und ich wurde stur. „Herr Kaplan, ich verstehe das nicht. Jeder von uns sieht anders aus. Ich bin blond und mollig, meine Freundin ist ganz schmal, mit dunkler Haut. Ich werde doch nie so aussehen wie sie und sie nicht wie ich. Also sind wir doch so wie wir sind und wer wir sind. Keiner kann doch aus seiner Haut heraus. Sie sagen immer, wir sind das Höchste, was der liebe Gott geschaffen hat. Dann müssen wir doch wir selbst und einmalig sein.“ Anders konnte ich es damals, mit gut elf Jahren noch nicht erklären. Spirit-Begriffe, Geist, Körper, Seele und Masse - Anfang der fünfziger Jahre nicht wirklich gängige Themen. Physik- und Chemieunterricht nach heutigem Chema gab es in der Volksschule nicht. Biologie hieß damals Naturkunde und hatte mit Pflanzen, Tieren, aber gar nichts mit Aufklärung, Genen und ähnlichem zu tun. Am allerwenigstens wollte ich den Geistlichen verärgern. Ich wollte doch nur sein Wohlwollen, verstehen was er meinte. Leider war seine Einfühlsamkeit damit wohl erschöpft und Religionsgesetze nicht geeignet, Jugendlichen diese in unserem Alter zu vermitteln. „Lasse das einfach mal auf sich beruhen, du wirst später verstehen, was ich meinte“. Er ging zum Unterrichtsstoff über. Ab diesem Zeitpunkt wurde meine Einstellung ihm gegenüber nach und nach eine andere. Waren seine Predigten für mich bisher wie das Evangelium, stellte ich nun häufiger Äußerungen von ihm infrage. Meine Einstellung hierzu blieb unverändert.
Mit fast dreizehn Jahren stellte der Arzt bei mir Probleme mit dem Kreislauf fest. Ich wurde zum Schularzt geschickt und nach gründlicher Untersuchung stand eine Kur an. Sechs Wochen in einem herrlichen Kinderheim, und das im Hochgebirge. Anfang November ging es ab in Richtung Süden. Berge, Täler, ein malerisches Bergdorf, damals noch ohne viel Fremdenverkehr und verträumt auf leichter Anhöhe, vor majestätisch herausragenden Berggipfeln gelegen. Malen war damals nicht gerade ein Hobby von mir. Sicher wären viele Eindrücke farbenprächtig auf dem Papier festgehalten worden. Als wir, nach wunderbaren Wanderungen genau richtig zum ersten Advent, beim Binden des Adventschmuckes um den Kamin herumsaßen, tanzten draußen die ersten Schneeflocken. Seit diesen Eindrücken war die Liebe zum Gebirge unauslöschlich in mir verankert. Noch zu Großmutters Lebzeiten, aber auch nach ihrem Tod, fuhr ich in den Ferien oder bei Geschäftsreisen in Sachen Musik ein paar Tage dorthin und wohnte dann bei einer sehr alten Frau. Sie hatte mit ihrem verstorbenen Mann einen Theaterverlag, in welchem unzählige Heimatstücke verlegt waren. Ich durfte die riesigen Karteikästen unter ihrem freundlichen Blick durchblättern. Dieser Verlag sollte nach ihrem Tod von ihrem Neffen weitergeführt werden. Als Großmutter noch lebte, erinnerte sie mich jeden Morgen nach dem Frühstück daran, vor Fahrten, Spaziergängen, daheim anzurufen. Das Interesse der weit über achtzig Jahre zählenden Pensionsinhaberin an meiner Großmutter verwunderte mich zunächst. In den folgenden Jahren gewöhnte ich mich daran wie an die Düfte der Rindfleischsuppe die sie, obwohl schon lange allein lebend, jeden Sonntag kochte. Erinnerte mich diese Gewohnheit doch an Daheim. Es war ein unbeschriebenes Gesetz, kein Sonntagsessen ohne Rindfleischsuppe, natürlich mit frischem Rindfleisch gekocht.
Mit Schwung vergingen die letzten Schuljahre. Die Frage der Berufswahl stand an. Für mich gab es keine Überlegung. Meine Berufswahl stand längst fest. Etwas ‘mit vielen Menschen‘, Lehrerin, Fürsorgerin o. ä., eine Anlaufstelle für Sorgen und Nöte von Groß und Klein, Musik und Kunst als Freizeitausgleich. Bis zu meiner Heirat würde ich das ‚außer Haus‘ machen, anschließend daheim für meinen Lieben. Voller Begeisterung verkündete ich meinen geliebten Urgroßeltern und der Großmutter meine Berufspläne, Besuch einer weiterbildenden Schule. Großmamas unvergleichbar schöne Augen würden voller Stolz strahlen und tausend kleine Pünktchen darin tanzen. Was hatte sie nicht alles für mich aufgegeben: Ihren Beruf, ihre Konzerttätigkeit verringert, um mir als Vollwaise den Aufenthalt in einem Heim zu ersparen. - Was war denn das? Nie werde ich die Blicke vergessen, die meine Drei sich zuwarfen und dann folgte - betretenes Schweigen. Was hatten sie denn geglaubt worauf meine Berufswünsche zielten? Geschäft, Büro? Das konnte es nicht sein. Ich wurde seit Jahren in Kunst, Musik, Diskussionen mit geschliffenen Worten geschult. Das verstand ich nicht. War es nicht die Berufswahl, die meine Lieben sich gewünscht hätten? Ich versuchte meine Pläne zu erklären. „Mutti, ich möchte es doch so gern. Was ist denn daran nicht in Ordnung?“ Es wurde herumgedruckst, die Entscheidung vertagt. Einige Tage später wurde die Berufswahl in der Schule besprochen und unsere Klassenlehrerin, die meine Wünsche still anhörte schüttelte den Kopf. „Na, ob das wohl geht? Hast du daheim darüber gesprochen? Tue das mal.“ Nichts weiter.
