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Mit diesem Buch möchte ich dich mitnehmen auf eine Reise, hinein in die Verkörperung deines ganzen Selbst. Wie wird es möglich, dass dein ganzes Selbst nicht mehr in die hinterletzte Ecke gedrängt wird, sondern in deinem ganz gewöhnlichen Alltag, da wo du wirklich stehst und dich bewegst, lebendig zum Vorschein kommt? Unsere alltäglichen Haltungen könnnen entweder aus dem ursprünglich reinen, lebendigen Feld geboren werden oder sie werden künstlich irritiert und abgelenkt. Künstlich irritierte Haltungen haben den Geschmack von leblosen Kopien, selbst wenn sie auf den ersten Blick echt erscheinen. In diesem Buch möchte ich dir von Yoga und von meinem eigenen Leben erzählen. Darüber wie ich selbst den Unterschied zwischen dem lebendigen Feld und den künstlichen Irritationen in meinem Alltag erlebe. Ich werde diesen Unterschied anhand von verschiedenen (Yoga-) Haltungen deutlich machen, die wir alle auf die ein oder andere Weise einnehmen: Die Haltung des Kindes, die Haltung in und zur Existenzangst, die Haltung in und zur Krankheit, sowie die Haltung zur Sexualität, um nur einige zu nennen. Zu jeder dieser Haltungen werde ich eine persönliche Geschichte erzählen und dir zusätzlich körperliche, mentale, emotionale und energetische Forschungsimpulse mit auf den Weg geben. So dass du in deinem ganz gewöhnlichen Alltag, mit deinem eigenen Fluss, deine eigene Reise der Selbstverkörperung antreten kannst. In unserem ursprünglichen, natürlichen Fließen klären wir alle Formen durch uns selbst.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Wer bin ich?
Und was ist dieses ver-rückte Leben?
Dem inneren Ruf folgen. ...der pulsierenden Lebendigkeit in DIR.
Ein Mysterium.
Und doch vertrauter und näher als jedes Wort.
Vorneweg
Über mich Oder: Wahrnehmung kreiert Realität
Haltung des Kindes – Grabhasana
3.1. Gegrätschte Vorbeuge
3.2. Meine Geschichte
3.3. Eine weitere Geschichte
3.4. Natürl. Kommunikation im lebendigen Feld
3.5. Der weiche Blick
Sexualität-Freude-Schöpferkraft
4.1. Das Erwachen des ursprüngl. Fließens
4.2. Praktische Haltung im ursprüngl. Fließen
4.3. Was ich gemacht habe – Yogapraxis
4.4. Acroyoga
Die (Liebes-) Beziehung
5.1. Meine (Liebes-) Beziehung
5.2. Praktischer Teil (Liebes-) Beziehung
5.3. Die Herzfrequenz und das physische Herz
Nicht Sehen, nicht Wissen
Die Schwangerschaft: Samen wachsen im Dunklen der Erde
6.1. Meine Geschichte der Schwangerschaft
6.2. Die Schnecke
Die eigene Geburt
7.1. Meine Geburtsgeschichte
7.2. Malasana – die Hocke
7.3. Sarvangasana – der Schulterstand
Der eigene Rhythmus
8.1. Meine Geschichte
8.2. Praktischer Impuls
8.3. Senkrechter Atem
Mutter-Sein, Vater-Sein
9.1. Die Umarmung
9.2. Eine Geschichte
9.3. Vira Bhadrasana – die Heldin, der Held
9.4. Die Mutter-Wunde, die Vater-Wunde
Meine Geschichte mit dem „Tod“
10.1. Der Tod
10.2. Haltung zur Qualität von „Tod“
Existenzangst – Depression
11.1. Praktische Haltung zur Existenzangst
11.2. Meine Geschichte
Gesundheit – Kranken-Schwester
12.1. Praktische Haltung zur„Gesundheit“
Abschluss
Dieses Buch beschreibt weder ein neues Konzept, noch eine alte Tradition, noch vollständige Geschichten. Obgleich es möglich ist, all das in dieses Buch hineinzulesen, ist es dennoch durch und durch Ausdruck meines eigenen, inneren Erforschens. Und obwohl ich die Worte, die du gerade liest, schon vor einiger Zeit geschrieben habe, passiert in genau diesem Augenblick, in dem du sie liest, eine Art gemeinsames Erforschen, denn jeder lebendige Augenblick ist in Wirklichkeit nichts anderes, als ein natürlicher Klärungsprozess. Wir klären, weil das, was wir ursprünglich sind, fließt. Keine einzige dieser kurzfristigen Identitäten, die für einen Augenblick durch uns Form und Gestalt annehmen, definiert uns.
Ich möchte dich mit diesem Buch an meinem Alltag teilhaben lassen. An all den Haltungen, die außerhalb der Yogamatte stattfinden. Haltungen, die auch durch dich eingenommen werden: Die Haltung des Kindes, die Haltung zum Thema Tod und Sterben, die Haltung in und zur Krankheit, die Haltung in Beziehungen, um nur einige zu nennen.
Wir nehmen in jedem Augenblick unseres Seins eine Haltung zum Leben ein. Besser gesagt: Das Leben selbst nimmt durch uns Form an und dadurch erscheint jede Haltung: Körperlich, mental, emotional und energetisch.
Wir verkörpern buchstäblich die Quelle der Lebendigkeit.
Es ist also möglich, dass wir in all unseren Worten, so wie in unserem Schweigen, in unserer Unsicherheit, wie in unserer Klarheit, einfach in allem, was wir physisch und real verkörpern, unser GANZES Sein ausdrücken.
Dieses Sein ist reine Liebe.
Jedoch nicht das, was die künstliche Person unter „reiner Liebe“ versteht.
Was ist die „künstliche Person“?
Die künstliche Person – die NICHT mit dem Wort „Ego“ übersetzt werden kann – ist eine künstliche Dynamik. Diese Dynamik erzeugt scheinbar feste Linien, Formen und Bilder. Sie hat unbemerkt immer mehr Raum eingenommen, so dass wir uns in der Regel komplett mir ihr identifizieren. Wir glauben und fühlen es dann wirklich so, als wären wir das, was wir durch diese eigentlich künstliche Wahrnehmung erleben.
Völlig egal was du in diesem lebendigen Augenblick des Lesen gerade zu verstehen oder nicht zu verstehen glaubst, es ist nicht das, was du bist. Du bist nicht dieses Verständnis oder Unverständnis. Du bist auch nicht dieses angenehme oder unangenehme Gefühl, was du gerade vielleicht spürst. Und doch ist das, was du bist, absolut gegenwärtig.
Das, was du bist, ist vollkommen zugänglich für dich. Aber du findest es nicht, indem du dir eine Geschichte über dich selbst erzählst, über deine aktuelle Situation, deine Stärken und Schwächen. Du findest dich nicht, indem du dir ein Bildvon dir selbst machst oder indem du versuchst, ein Erleben, was du gestern oder vor einigen Wochen hattest, wieder herzustellen. Denn all das sind tote Schablonen. Du findest dich in der Gegenwärtigkeit dieses Fließens, jetzt. Trotz der Gedanken und Gefühle, die auch da sind.
Obwohl du hier – wie in jedem Buch – einen Haufen Wörter vorfinden wirst und die Versuchung groß sein wird, diese Wörter auf der Ebene des Verstandes zu begreifen und dich dann daran festzuhalten, wird permanent auch noch etwas anderes mitschwingen. Etwas, das keinen Namen und keine feste Form hat, weswegen du es im Rahmen der künstlichen Dynamik vollkommen übersiehst. Aber es ist hier und es ist dir zutiefst vertraut. Es ist näher als nah. Eine Qualität, die ohne Selbstzensur natürlich fließt und in diesem Fließen natürlich klärt, weil sie sich immer wieder neu justiert.
Dein natürliches, immer wieder Neu-Justieren ist Ausdruck deiner natürlichen Verbundenheit. Eine Verbundenheit mit deinem ganzen Selbst, mit deinem lebendigen Gegenüber und mit dem gesamten lebendigen Feld der Erde.
Die Wörter und Sätze, die du in diesem Buch findest, werden je nachdem von welcher Qualität aus du diese Wörter liest, jeweils komplett anders erscheinen.
Menschliches Sein zeigt sich im Grunde in einer Art „Mischform“. Diese Mischform wird durch zwei ganz unterschiedliche Quellen oder Felder gespeist. Und das ist wirklich essenziell, denn für uns sind diese beiden komplett unterschiedlichen Felder aktuell quasi unsichtbar. Das heißt, wir wissen eigentlich gar nicht wie Verkörpern für uns konkret passiert.
Und genau darum geht es in diesem Buch: Du kannst während des Lesens dein EIGENES Gefühl für diese beiden komplett unterschiedlichen Funktionsweisen oder Felder, durch die wir Form annehmen, entwickeln und vertiefen. Denn du kannst beide Qualitäten in dir selbst „schmecken“ und dadurch entlarven. So dass du dich schließlich entscheiden kannst, was du verkörpern möchtest.
Verkörperung in diesem Sinne bedeutet nicht, irgendeine Asana „richtig“ auszuführen. Es bedeutet dich selbst – im Alltag, also dort wo du stehst und dich bewegst – von dort aus verkörpern zu können, wo reines Fließen gemäß den natürlichen Prinzipien wirksam ist. Das heißt von dort aus, wo du natürlich verbunden bist, mit dem gesamten lebendigen Feld der Erde. Anstatt wie gefangen zu sein in einer künstlich heruntergeschraubten Bandbreite von konditionierten Mustern einer künstlichen Persönlichkeit. Denn genau das ist es, was das künstliche Feld erzeugt.
Du bist im Grunde wie ein Licht. Dieses Licht enthält alle Farben, aber nicht getrennt voneinander. Alles von dir ist hier und scheint aus sich selbst heraus.
Wenn dieses Licht nun durch ein Prisma künstlich aufgebrochen wird, dann erscheinen auf unterschiedlichen Wellenlängen die sieben Spektralfarben getrennt voneinander. Wenn nun sechs dieser Farben plötzlich aus deinem Sichtfeld verschwinden würden und nicht mehr zugänglich wären und nur noch eine einzige Farbe übrig bleiben würde und diese schließlich ebenfalls künstlich abgelenkt würde, dann kämen wir dem sehr nahe, was wir aktuell als „ich selbst“ wahrnehmen.
Aufgrund des künstlichen Feldes durch das die Dynamik der künstlichen Person wirksam wird, haben wir wissenschaftliche Theorien, Alltagsphilosophien und Religionen, die alles, was es gibt, in dieser einen übrig geblieben Farbe abzubilden versuchen. Übrig bleiben im Wesentlichen Worte und Bilder, die alles in zwei Hälften teilen („Licht“ und „Schatten“).
Wir haben Angst vor der Macht des „Bösen“ und glauben an die Kraft des „Guten“. Und wir haben die Idee, dass beide Kräfte letzten Endes der selben Quelle entstammen. Aber auch da scheiden sich die Geister.
Wie dem auch sei. All das sind Theorien, die wir nutzen, um Orientierung zu finden und uns auszurichten. Gleichzeitig jedoch haben all diese Ansätze in unserem gelebten Alltag eine Art Eigendynamik. Ohne dass wir es recht bemerken, stoppen all diese Bilder und Konzepte unser ursprüngliches Fließen und so nutzen in Wirklichkeit nicht wir diese Theorien, sondern sie nutzen auf gewisse Weise uns.
Wenn wir ganz genau hinschauen, können wir das in unserem Alltag sehr gut beobachten. Wir machen uns ein Bild von uns selbst, davon wie wir das Gegenüber einordnen können, wie das Leben gerade ist oder wie es sein sollte und dann antworten wir auf diese Bilder mit anderen Bildern, mit Vorstellungen und mit Konzepten.
Während wir also versuchen, die Wirklichkeit in handliche oder weniger handliche Bilder und Begriffe zu packen, passiert – gleichzeitig – auch etwas vollkommen anderes: Das real verbundene, pulsierende Leben, in dem sich kein Bild wirklich halten kann.
Es existieren tatsächlich zwei komplett unterschiedliche Wirklichkeitsfelder. Wir können uns auf das eine oder auf das andere Feld einschwingen. Das heißt, wir tauchen entweder hier oder dort auf. Und damit erscheint entweder dieses oder jenes Farbspektrum und je nachdem eine völlig unterschiedliche Bandbreite an Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten.
Beide Felder sind derart verschieden, dass sie im Grunde nichts gemeinsam haben. Man könnte sagen, sie haben grundsätzlich unterschiedliche Betriebssysteme. Das künstliche Feld verdreht aufgrund einer endlosen Wiederholung alles zu einer Art künstlichen Kopie. Beide Felder sind auf eine Art also komplett getrennt voneinander und doch überlappen sie sich gleichzeitig, denn es gibt eine Schnittstelle. Wir sind diese Schnittstelle. Wir können den unterschiedlichen Geschmack, den diese beiden Realitäten haben, aus uns selbst heraus schmecken, weil wir beide Qualitäten in uns tragen. Bisher jedoch sind wir diesen beiden gänzlich unterschiedlichen Funktionsweisen gegenüber noch fast blind. Obwohl wir uns – bewusst oder unbewusst – in jedem lebendigen Augenblick entscheiden, welche der beiden Dynamiken wir konkret verkörpern, haben wir im Grunde keine Ahnung, dass da überhaupt zwei unterschiedliche Quellen durch uns wirken.
Meinem Erleben nach gibt es diese volle, unendlich nachfließende, reine Lebendigkeit, die uns direkt und unwillkürlich mit allem verbindet. Das, was ich eben als „Licht“ beschrieben habe.
Diese pulsierende Lebendigkeit ist nicht greifbar als ein „etwas“, aber sie ist hier. Sie ist nicht getrennt von mir, aber ich kann mich als getrennt von ihr erleben, wenn ich mir ein Bild von ihr mache und wenn ich auch alles andere als Bild oder als festes „Etwas“ erlebe.
Dieses Erleben ist das Erleben der künstlichen Person. Es ist das Erleben, was wir unbemerkt für „normal“ halten. Es scheint die einzige Wirklichkeit zu sein, innerhalb der es dann verschiedene Perspektiven, Meinungen, Ausdrücke und Möglichkeiten gibt. Tatsächlich aber ist es nicht die einzige Wirklichkeit und wir können diese künstlichen Linien durchbrechen und (wieder) in unserer ganzen Bandbreite und der natürlichen Verbundenheit lebendig zu schwingen beginnen. Wir können uns ganz real und physisch als unser ganzes multidimensionales Sein verkörpern.
Mit diesen beiden unterschiedlichen Dynamiken, die in uns auftauchen, verhält es sich ein bisschen so, als würde jemand mit einem Eimer, Wasser aus einem fließenden Fluss schöpfen und dann behaupten, das Wasser in diesem Eimer wäre noch immer der fließende Fluss. Eine Weile später bekommt dieses Wasser dann einen Namen. Es heißt dann vielleicht „Quellwasser“ oder „verschmutztes Wasser“. Möglicherweise wird es sogar als Heilwasser verkauft. Vielleicht wird dieses Wasser dann unter dem Mikroskop betrachtet, um zu schauen, welche Qualität das Wasser wirklich hat. Plötzlich gibt es unterschiedliche Interessen und Deutungsmöglichkeiten, die sich alle widersprechen. Der Punkt bei all dem ist jedoch, dass der ursprüngliche Fluss immer noch fließt.
Als Wasser kannst du den fließenden Flusses beleben oder das Wasser im Eimer.
Die Person, die wir zu sein glauben, lebt in einem eigentlich künstlichen Eimer. Sie lebt in einem sehr engen Möglichkeitsradius und ist wie ein Spielball für die künstlich gefärbten und künstlich erzeugten Impulse und Emotionen. Während das, was du ursprünglich bist, all diese kurzfristigen Identitäten, all die künstlichen, sowie auch jegliche natürlichen Formen, in ihrem natürlichen Fließen natürlich klärt.
Das Klären, wozu die künstliche Dynamik (und damit das falsche Ich) imstande ist, nimmt vollkommen anders Form an. Das künstliche Klären ist eine Art festsetzendes Erkennen. Es findet auf einer sehr engen und künstlich verdrehten Bandbreite statt. Es berührt uns nicht in unserer Ganzheit. Weil dieses künstliche Klären immer nur einen Teil von uns berührt, werden wir wieder und wieder mit den gleichen oder ähnlichen Themen konfrontiert. Deswegen erleben wir uns selbst im besten Fall auch nur kurzfristig als „heil“. Denn im Erleben des falschen Ichs entstehen immer wieder neue Varianten, die sich zwar frisch zeigen, die aber denselben alten Mustern entsprechen. Eine unendliche Wiederholung. Das ist die Funktionsweise der künstliche Dynamik. Ihr Aufbau ist wie eine Art intelligentes Programm. Dieses Programm wirkt sowohl physisch, als auch energetisch, mental und emotional.
Das, was das künstliche Ich ist, kann nur innerhalb fester Formen existieren. Es ist immer schon künstlich abgetrennt vom lebendigen Sprudeln, das das pulsierende Feld der Erde nährt.
Alles, was ich hier beschreibe, ist Ausdruck meines eigenen lebendigen Erforschens. Es ist nichts, was irgendwie feststeht. Es bewegt sich. Du bewegst dich, während du liest.
Ich lasse dich mit diesem Buch teilhaben an dem, was ich erlebe. Ich übersetze auf gewisse Weise das Feld, in dem ich und du auftauchen. Egal wie viel ich von mir erzähle, du wirst während des Lesens ganz natürlich auf dich selbst zurückgeworfen. Alles, was du jemals liest, hörst, siehst, fühlst und erlebst, reinigt sich ganz natürlich in deinem eigenen Feld.
Weil du bist, was du bist.
Meine Art zu schreiben überschlägt sich ab und zu in langen Sätzen und über verschiedene Ebenen hinweg, denn ich spreche nicht die künstliche Person in dir an. Ich schreibe nicht linear. Für den konditionierten Verstand kann sich das mitunter sehr anstrengend anfühlen. Aber genau dieser Augenblick, in dem der konditionierte Aspekt des Verstandes nicht mehr so ganz mitkommt, ist der kostbare Moment, in dem du dich vom linearen Verstehen natürlich entkoppelst.
Durch die Art wie ich schreibe, durch die Lücken, die Abbrüche und im Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Ebenen und Richtungen, nimmst du während des Lesens ganz natürlich einen größeren Raum (deinen eigenen Raum) wieder ein und beginnst mit deiner inneren Bewegung zu fließen – und deine natürliche Souveränität wieder in Anspruch zu nehmen. Möglicherweise kannst du mit einem „weichem Blick“ weiter lesen oder du legst das Buch für einen kurzen Augenblick beiseite, schließt deine Augen und kehrst fühlend in DEIN Feld zurück:
Dieser Atemzug jetzt.
Dieses Körpergefühl jetzt.
All das, was jetzt in Bewegung ist.
Das kann unmöglich komplett als irgendetwas Bestimmtes festgesetzt und be-griffen werden.
Die Person kann das, was du lebendig bist, nicht bemerken. Sobald sie es zu bemerken glaubt, greifen bereits die künstlichen Aspekte und alles, was natürlich fließt, wird wieder als „etwas“ festgesetzt.
Aber du kannst SEIN, was du ursprünglich bist. Du kannst deine ganze Bandbreite und das ganz natürliche Fließen real und lebendig verkörpern.
Es ist nicht dein „Fehlverhalten“ oder das von irgendjemandem, was der Grund dafür ist, dass sich die künstliche Realität und damit die künstliche Person aufbaut. Hier ist schlicht und ergreifend eine ganz bestimmte Dynamik wirksam. Eine Dynamik, die dem ursprünglichen, natürlich verbundenen Feld der Erde nicht entspricht.
Diese Aussage ist natürlich auch eine Information. Aus der Perspektive des falschen Ichs kannst du nun zustimmen oder nicht, du kannst versuchen zu begreifen was ich hier schreibe oder versuchen es zu erfahren. Beide Versuche verbleiben in der künstlichen Dynamik, in der du dich in unterschiedlichen Identitäten begreifst.
Trotz dieser Dynamik pulsiert das lebendige Feld. Hier.
Wie bereits erwähnt: Dieses Buch ist ein Angebot, die unterschiedlichen Felder in dir selbst zu ent-decken und schließlich aus dir selbst heraus das zu verkörpern, was du wirklich verkörpern möchtest.
Wie das gehen kann, wirst du – für dich selbst – herausfinden. Jedoch nicht indem du ein Konzept verstehst und auch nicht weil du diese Worte hier liest. Aber die Worte in diesem Buch werden etwas in dir in Schwingung bringen. Sie werden das in Schwingung bringen, was bereits dein eigenes Vermögen ist. Aus diesem, dir eigenen Vermögen heraus, wirst du dein lebendiges Verkörpern gebären.
Die zehn Haltungen, die ich in diesem Buch vorstelle, sind Haltungen, die wir alle auf die eine oder andere Weise erleben. Ich werde jede dieser Haltungen aus drei unterschiedlichen Perspektiven beschreiben: Einmal als körperliche Erfahrung oder als eine bestimmte Yoga-Haltung, dann als innere Haltung und als persönliche Geschichte.
Das heißt, du findest zu jeder Haltung mindestens einen praktischen, körperlichen Impuls (zum Beispiel eine Yogaübung), sowie mindestens eine persönliche Geschichte aus meinem Leben, in der die Qualität der Haltung sichtbar, fühlbar und im Lesen für dich auf eine breitere Weise erforschbar wird.
Durch all diese Geschichten und Haltungen hindurch werde ich immer wieder auf den Unterschied im Erleben der engen künstlichen Person und der grenzenlosen Weite deiner Ganzheit zurück kommen.
Im Lesen all dieser Geschichten, im Fühlen der Gefühle, die durch das Lesen dieser Worte entstehen, im Denken deiner Gedanken, im Ausprobieren der unterschiedlichen Haltungsimpulse, die in diesem Buch vorgestellt werden, sowie in deinem ganz gewöhnlichen Alltag, wirst du ganz natürlich deine Themen klären. Nicht auf die Weise, dass du irgendwann ein komplettes Bild hast, an dem du dich orientieren kannst, sondern auf die Weise, dass du selbst einen Geschmack von deinem eigenen Fließen bekommst.
Dein eigenes Schmecken deines eigenen Fließens ist absolut unabhängig von deinen konkreten Wahrnehmungen. Denn deine Wahrnehmungen sind wie ein Spiegel. All diese Bilder setzen dich nicht fest.
Es ist also absolut okay, wenn die Worte, die du hier liest, etwas in dir auslösen. Es ist okay, wenn du nicht zustimmen kannst, wenn du glaubst, es nicht zu verstehen oder wenn du meinst, ganz genau zu wissen wovon ich hier schreibe. Dein Klären drückt sich weder in irgendeiner Erkenntnis, noch in einer Unkenntnis aus. Aber es drückt sich auch nicht aus, indem du deine Wahrnehmungen leugnest, dich künstlich von ihnen abtrennst und sie als Illusion abtust. Du klärst in deinem natürlichen Bewegt-Sein, aufgrund der Stille, die du bist.
Es gibt hier letztlich keine Botschaft. Wenn du dich – warum auch immer – zum Lesen dieser Worte weiterhin hingezogen fühlst, dann ist es dein eigenes Fließen, was aktuell auf diese Weise wirkt.
Wenn du angestrengt versuchst das, was ich gerade geschrieben habe, zu verstehen, dann wirst du künstlich eng und der Großteil von dir bleibt in der schmalen Bandbreite der einen, künstlich abgelenkten Farbe stecken. Du verlässt den wilden, lebendigen Fluss und findest dich in leeren Hülsen wieder. Im Grunde spielt es überhaupt gar keine Rolle, was du konkret wiederzuerkennen glaubst. Dein „Verstehen“ ist eigentlich ein Berührt-Werden und es findet in dem Feld statt wo du und ich vollkommen gleichwertig sind.
In diesem Feld geht es nicht darum, den richtigen Ausdruck zu finden oder irgendetwas zu verstehen. In diesem ursprünglich gemeinsamen Feld halten wir uns nicht auf an den kurzfristigen Formen, sondern berühren einander in unserem Echt-Sein. Wir berühren einander in unserem Strahlen. Dieses Strahlen passiert auch, wenn wir uns gerade unwohl fühlen und meinen, gar nicht anschlussfähig zu sein. Denn unser Strahlen hat nichts mit unseren Geschichten zu tun. Es scheint durch jede Pore unseres Seins und es scheint durch diese Worte.
Es ist dein Pur-Sein, was dieses Strahlen ist und was mein Strahlen unwillkürlich empfängt. Hier sind wir eins und zwei gleichzeitig.
Du schnappst diese Qualität auf dieselbe Weise auf, wie die Wellen, die ein Stein erzeugt, der in einen See fällt, unwillkürlich den gesamten See durchziehen.
In unserem gemeinsamen Feld berühren wir einander auch dann, wenn an der Oberfläche augenscheinlich nur die künstlichen Aspekte wirken.
Dieses Buch ist wie dein Alltag. Du liest etwas, du hörst etwas und es regt sich etwas in dir. Was immer auch durch dich hindurch läuft, es passiert auf eine einzigartige Weise. Was du hier liest, liest niemand auf genau diese Weise. Es fühlt niemand auf genau diese Weise. Und selbst du kannst keinen Satz, den du gelesen hast, ein zweites Mal auf dieselbe Weise lesen oder hören. Der Fluss, der du bist, fließt unaufhörlich weiter und dieses Fließen ist dein Zuhause. Es spielt also wirklich keine Rolle wie schön oder schrecklich es sich in diesem lebendigen Augenblick für dich anfühlen mag. Es ist einfach die Weise, wie die aktuelle Mischung aus künstlichen Aspekten und reiner Lebendigkeit in diesem Moment – durch dich – Form annimmt.
Bevor ich in Kapitel 3 auf die erste Haltung (die Haltung des Kindes) zu sprechen komme und in den Seiten darauf, auf all die anderen Haltungen eingehe, möchte ich zuvor noch ein bisschen von mir erzählen. Von meinem Geworden-Sein. Von meinem Form-Annehmen und davon, wie die künstlichen Aspekte in mir wirken.
Während meiner Erzählung werde ich immer wieder auch dich befragen, so dass die gewohnte Weise des künstlichen Abtrennens und Einteilens sich immer wieder neu öffnen kann.
Die künstliche Dynamik in dir wird sich mehr und mehr zeigen. Sie wird weiterhin neue Identitäten bilden und künstliche Wiederholungen produzieren wollen. Du wirst das bemerken und du wirst es nicht bemerken.
Es wird sich so gestalten, wie es sich gestalten kann.
Im „Hintergrund“ all dessen – eigentlich in der unendlichen Weite deines eigenen Raumes – wird deine Intimität und deine Integrität sich in einem ureigenen und gleichzeitig absolut verbundenen Rhythmus mehr und mehr zu verkörpern beginnen. Dein GANZES Sein wird mehr und mehr Raum einnehmen. Ein stimmloses, unendliches Meer reiner Liebe, das sich auf eine andere Weise offenbaren wird als in erster Linie in Wort- und Bildgedanken oder künstlichen Emotionen.
Du wirst mit wirklicher Stille in Kontakt kommen. Eine Stille, die unabhängig ist von Gedanken und Gefühlen. Du wirst die Kraft entdecken, die ursprünglich deine ist und du wirst beginnen aus dieser Kraft heraus Realität zu gestalten. Natürliche Gefühle werden spontan und rein durch dich hindurch fließen und die künstliche Selbstzensur wird weniger und weniger Zugriff haben.
Mit einundzwanzig Jahren bin ich für vier Monate alleine nach Indien gereist.
Damals war das weder ein lang gehegter Wunsch von mir, noch eine „Modeerscheinung“ in den Kreisen, in denen ich mich zu dieser Zeit bewegte. Es kam eher wie aus dem Nichts auf mich zu.
Ich studierte damals im dritten Semester Diplom-Pädagogik und wartete nach einem Wochenendbesuch bei meinen Eltern darauf, dass mein Vater mich mit dem Auto zum Bahnhof fahren würde. Ich saß sozusagen auf gepackten Koffern und zappte mich durch das Fernsehprogramm. Ich stoppte bei dem Abspann einer Dokumentation.
Der Bildschirm zeigte ein riesiges Feuer und ein paar Menschensilhouetten. Der Sprecher war gerade dabei, die Abschlusssätze zu sagen. Ich erinnere mich aber nicht mehr an den Inhalt dieser Sätze. Woran ich mich erinnere ist, dass dieser Augenblick, in dem ich dieses Bild mit dem Feuer sah und die Worte hörte, etwas in mir berührt oder wachgerüttelt wurde. Etwas, das mir zutiefst vertraut war.
Ich fühlte einen ganz deutlich wahrnehmbaren inneren Zug.
Dorthin.
Hinein in dieses vertraute Gefühl, was ich mit der Dokumentation, die ich ja nicht einmal angeschaut hatte, in Verbindung brachte. Ich schaute in der Fernsehzeitung nach, was das für eine Sendung gewesen war. Es war ein Bericht über „Auroville“ gewesen. Eine visionäre Planstadt im Süden Indiens, in der Nähe von Pondicherry. Das war damals der Augenblick, der meine Reise nach Indien in Gang setzte.
Es war Indien, es war Auroville und es war das Alleine-unterwegs-Sein, das in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren eine ganze Menge in mir angestoßen und bewegt hat. Und doch war es weder Auroville, noch waren es die wunderschönen, spannenden Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnet bin. Es war nicht die „rote“ Erde, es waren nicht die Pflanzen und die Wege, die ich noch Jahre später innerlich fühlen konnte und glasklar vor Augen hatte, als wäre ein Teil von mir immer noch dort. Es war die unausweichliche Konfrontation mit dem, was in mir lebendig ist, das diese Reise zu dem gemacht hat, was sie für mich war.
Trotzdem ist die Indienreise nicht der Anfang meiner sogenannten Geschichte gewesen. Meine gesamte Kindheit war bereits durchzogen von denselben Fragen, denen ich in unterschiedlicher Form überall wieder begegnet bin.
Mein Leben hätte ebensogut gut vollkommen anders Form annehmen können, – ohne Indienreise – und es wäre sehr wahrscheinlich etwas Ähnliches dabei heraus gekommen. Es sind nicht wirklich die Geschichten, die uns zu dem machen, was wir sind. Es ist das, was „unterhalb“ und IN diesen Geschichten lebendig pulsiert. Das unendliche Fließen und die natürliche Verbindung, die durch dieses Fließen spürbar wird. Wirkliche Fülle. Eine Art Vollständig-Sein, obgleich niemals etwas wirklich Festes existiert.
Diese ganze Geschichte, die wir für „unsere Geschichte“ halten, all die kleinen, feinen Episoden, die wir so gerne erzählen oder die wir am liebsten vergessen wollen, all die Hochs und Tiefs, sind im Grunde so ähnlich wie diese Schneekugeln aus Glas: Eine Landschaft in einer Glaskugel, die, wenn man sie schüttelt, so aussieht, als würde es innen schneien.
Unsere fertigen Geschichten, die besagen, dass das und das passiert ist, sind – wie diese Glaskugeln – von der Ganzheit des Lebens abgeschnitten.
In dem Augenblick, in dem wir ein vorübergehendes Form-Annehmen, als ein festes „Etwas“ be-greifen und uns selbst schließlich in diese enge Form hineinziehen lassen, verändert sich die eigentlich lebendige Dynamik. Dabei bist es nicht du, die diese Veränderung initiiert. Das, was wir gewöhnlich als unser Ich verstehen, ist das, was sich durch diese eigentlich künstliche Dynamik erst bildet.
Durch den künstlichen Sog hinein in scheinbar feste, voneinander getrennte Formen, wird die natürliche Verbundenheit, die im natürlichen Fluss existiert, (scheinbar) zu einer dieser abgetrennten Schneekugeln, die wir in die Hand nehmen und von außen betrachten können.
Keine einzige unserer Geschichten – so spannend sie auch seien mögen, so real sie auch erscheinen mögen – hat etwas mit dem zu tun, was wir sind.
Das, was du bist, ist deshalb nicht greifbar, weil du dich künstlich von dem, was du bist, abtrennen müsstest, um es (scheinbar) greifen zu können. Was immer auf diese Weise be-greifbar ist, ist ein künstliches Bild.
Während du bist, was du lebendig bist. Du bist HIER. Du bist diese absolut offensichtliche Lebendigkeit. Nicht die Idee von Lebendigkeit.
Kein Wort und kein Gedanke könnte jemals ein angemessener Ausdruck für deine wirkliche Größe sein und doch macht lebendiges Form-Annehmen vor nichts Halt. Es ist möglich, deine eigene Wahrhaftigkeit auszudrücken – auch in Worten – und dabei keine Geschichte zu erzählen, selbst wenn es sich wie eine Geschichte anhört.
Es geht also nicht darum, keine Worte zu benutzen, sondern vielmehr um die Qualität, die deine Worte belebt. Von wo aus wird gesprochen? Von der schmalen Bandbreite der künstlichen Person, die diesen ganz bestimmten Geschmack hat? Oder von dem natürlich bewegten, verbundenen Feld? Welche Qualität ist hier spürbar? Ist da eine kontrollierende Dringlichkeit mit im Spiel? Leeres Gerede? Oder eine künstliche Wiederholung?
Oder ist dein Sein spürbarer als das, was gesprochen wird?
Mir persönlich gefällt die Tatsache, dass meine Reise nach Auroville mit dem Zappen durch das Fernsehprogramm angefangen hat. Der Fernseher oder das Smartphone ist nicht per se „gut“ oder „schlecht“. Beides ist zunächst einfach neutral und kann sowohl verbindend und frei, als auch trennend und manipulierend genutzt werden. Wenn ich also das Wort „künstlich“ benutze, dann meine ich damit nicht in erster Linie Technologie und ich meine auch nicht so etwas wie „Schminke“ oder „Mode“. Und doch ist sowohl unsere Mode als auch die Technologie, die wir aktuell nutzen, stark von der künstlichen Qualität und dem künstlichen Feld gefärbt und gesteuert. Das hat damit zu tun, dass die künstliche Dynamik sich durch uns ausdrückt und wir aufgrund dieser Dynamik irgendwann beginnen, gegen unsere ursprüngliche Verbundenheit zu gehen.
Wir sind Schöpferwesen. Wir schöpfen – durch unser Sein und vor allem durch unser Verkörpern – in jedem Augenblick Realität. Eingeschwungen auf die künstliche Dynamik kreieren wir selbst eine künstliche Realität. Wir produzieren künstliche Bilder und messen dann alles, was wir sehen, inklusive uns selbst, anhand dieser Bilder.
Du kannst diese künstliche Dynamik aus dir selbst heraus erkennen und entlarven. Als das, was sie ist. Du brauchst weder meine Worte, noch sonst irgendjemanden dafür, aber du musst die künstliche Dynamik in dir selbst für einen Augenblick unterbrechen.
Halte für einen kurzen Moment inne.
Stoppe.
Anstatt des künstlichen Automatismus, der immer wieder neue, künstliche Identitäten kreiert, tauchst DU hier auf.
Kannst du das spüren?
Du musst dafür nichts künstlich verändern. Weder deine Gedanken, noch sonst irgendeine Wahrnehmung. Du musst nichts Bestimmtes fühlen oder wahrnehmen, was dir dann signalisiert, dass du „im verbundenen, lebendigen Feld“ angekommen bist. So ist es nicht. Diese Feld ist kein „Etwas“. Nichts, was du getrennt von dir irgendwie greifen oder begreifen kannst. Es ist deine Natur. Es ist das, was du bereits bist. Von hier aus kennst du die künstliche Dynamik. Du weißt wie sie schmeckt.
Mit den Mustern deines Verstandes kannst du den Unterschied, der im Erleben liegt, nicht wirklich feststellen, weil du dich, sobald du dich im Verstand bewegst, fast immer in künstlichen Linien bewegst, selbst wenn diese sehr attraktiv, gebildet und spirituell erscheinen. Diese Linien trennen dich unbemerkt von deiner Ganzheit ab.
Es ist nicht so, dass unser Geist das Problem wäre. Die Qualität des Geistes ist neutral. Es ist grundsätzlich möglich, freie, spontane Gedanken zu haben, die aus deinem eigenen Feld auftauchen und Ausdruck deiner Integrität und der natürlichen Verbundenheit sind. Aber unser Verstand und unser gesamtes wahrnehmendes Bewusstsein ist sozusagen „entführt“ worden, denn es schwingt aufgrund einer unsichtbaren, künstlichen Dynamik aktuell in einer manipulierten Bandbreite, so dass wir (in den meisten Fällen) lediglich durch eine künstliche Brille Zugang zur Wirklichkeit haben. Diese „Brille“ ist unser gesamter Körper-Geist-Emotions-Energie-Komplex. Das heißt: Sowohl das, was du denkst, als auch das, was du fühlst, als auch das, was du körperlich wahrnimmst, entspringt dieser schmalen und eigentlich künstlichen Bandbreite.
Sobald das künstliche Ich aktiv ist, ist die Künstlichkeit nicht mehr als Künstlichkeit sichtbar.
Die Dynamik, die fixierend wirkt und sich in trennenden Linien ausdrückt, kann nur ein Bild (eine Vorstellung) vom weiten, pulsierenden Feld erschaffen – aber sie selbst hat den Zugang zu diesem freien, fließenden Feld verloren.
Ich hatte bereits erwähnt, dass ich die Geschichten in diesem Buch in Form von Fragmenten erzähle. Ich werde hin- und herspringen, damit das, was du in dir selbst als künstlich aufgesplittert erlebst, in Bewegung kommt.
Es ist bereits in Bewegung.
Bevor ich also weiter über Auroville und später über meine Kindheit erzähle, möchte ich noch ein paar Worte zum Thema „Technologie“ und „künstliche Intelligenz“ verlieren. Denn dieses Phänomen beginnt unser Leben momentan fast vollständig einzunehmen. Es begegnet uns überall und es wird immer mehr: Digitale Kommunikation, Unmengen an persönlichen Daten, die gespeichert werden, digitale Akten, künstliche Algorithmen, die künstliche Angebote und Lösungsvorschläge generieren. Ein digitaler Ausweis, auf dem sich alle Daten zusammenfassen lassen, QR-Codes, die Zugänge regeln, digitales Geld und so weiter und so fort.
Es ist auf gewisse Weise natürlich, dass wir Menschen in unserer Lebendigkeit auch Technologie für uns nutzen. Jedoch ist ein Großteil dessen, was wir heute als bahnbrechende Errungenschaft betrachten, für das, was wir ursprünglich sind, eigentlich irrelevant und tatsächlich irreführend. Anstatt, dass es uns dient, so wie es durchaus sein könnte, kontrolliert es uns.
Wir bemerken das und wir bemerken es nicht. Das wiederum hat mit der unsichtbaren Wirkung der künstlich trennenden Linien in unserem gesamten Wahrnehmungsfeld zu tun.
Unabhängig von der Realität, die für dich sichtbar ist, musst du antworten. Du verkörperst dich unwillkürlich und entscheidest dich in jedem lebendigen Augenblick mit dieser oder mit jener Dynamik mitzugehen und dich auszudrücken.
Du entscheidest dich tatsächlich nicht – auch wenn das so erscheinen mag – in deinem Kopf. Alles von dir entscheidet sich und drückt sich dann direkt verkörpert aus. Von daher spielt es nur begrenzt eine Rolle, was das künstliche Ich zu verstehen glaubt.
Innerhalb der künstlichen Bandbreite glauben wir entweder, dass die künstlichen Strukturen zwingend sind, dass wir keine Wahl und keine Macht haben irgendetwas zu entscheiden oder wir glauben, dass die künstlichen Strukturen „schlecht“ sind und dass wir sie verhindern oder überwinden müssen – und verstärken sie genau dadurch. Denn es liegt in der Grundstruktur des künstlichen Feldes, alles in „richtig“ und „falsch“ einzuteilen. Im großen, weiten, lebendigen Feld hingegen klären sich die künstlichen Strukturen durch unser SEIN. Nicht indem wir etwas ablehnen und versuchen, für etwas anderes zu kämpfen.
Wirkliches Klären passiert aufgrund unseres inneren Feuers und was wir daraufhin im nächsten fließenden Augenblick neu verkörpern.
Vollständiges Klären passiert durch unser spontanes, natürliches Neu-Justieren. Wenn wir eingeschwungen sind auf unser GANZES lebendiges Feld, dann antworten wir unserer eigenen Natur, anstatt der künstlichen Dynamik.
Wenn wir unserer eigenen Natur antworten, schließt unser verkörperter Ausdruck bereits alle und alles mit ein. Auf dieselbe Weise wie ein Wald ein vollständiges Ökosystem ist, dass aus unterschiedlichen Pflanzen besteht, die alle miteinander im direkten, spürigen Kontakt stehen. Keine Pflanze versucht künstlich einer anderen gerecht zu werden, während dennoch alle natürlich verbunden ein gemeinsames Feld erzeugen.
Wenn wir nicht aus uns selbst heraus, das heißt aus diesem lebendige pulsierenden Augenblick heraus wissen, wer wir sind, dann steht alles, auf das wir bauen, auf einer Lüge. Es steht auf einem Bild, an dem wir uns orientieren. Ein Bild, das kulturell geprägt ist oder spirituell aufgeklärt wirkt. Wahrscheinlich ein Gemisch aus so vielem. Egal wie bewegt dieses Bild auch sein mag, es ist ein künstliches Konstrukt, das irgendwoher stammt und das wir für wirklicher halten, als die Lebendigkeit, die jetzt hier ist.
Es ist eine Sache von Lebendigkeit und Verbundenheit zu sprechen, weil man irgendwann darin gebadet hat und eine andere, sie wirklich real zu verkörpern – IN diesem pulsierenden Augenblick, jetzt.
In dem Moment, in dem wir die Kopie von Verbundenheit für wirkliche Verbundenheit halten, weil dieses Bild (wenn wir uns selbst als nicht verbunden erleben) schöner erscheint, als die Freiheit der Lebendigkeit, haben wir ein Problem.
Wenn du anfängst, dieses Dilemma zu erkennen, wirst du unzählige Bilder und Lügen finden und jede dieser Lügen wird dich zutiefst schmerzen. Denn sie befinden sich IN dir – nicht nur da „draußen“.
Dein Erkennen wird wie ein langsamer Sterbeprozess sein, denn du hast dich an diese Lügen gewöhnt. Sie waren deine Orientierung und sie werden sich dir in einem neuen Kleid wieder und wieder anbieten.
Jedes dieser Angebote ist immer nur ein Angebot. Du kannst es ablehnen.
Jeder festgezurrte Eindruck, den du von dir selbst hast oder von deinem Gegenüber, jede innere Selbstzensur, der Glaube Recht zu haben oder was immer es auch sein mag, was in dir auftaucht, du kannst es fühlen und es wird sich vertraut und verlockend anfühlen – und doch greift es vielleicht nicht mehr ganz auf dieselbe Weise wie sonst.
Das ist dein ganz persönliches, inneres Klären.
Nicht, indem irgendetwas nicht auftaucht, sondern IM Auftauchen klärt es sich.
In meinem Fall begann also eine ganz besondere Reise aufgrund eines wahllosen Zappens durch alle Fernsehprogramme.
Ich fühlte mich wirklich gerufen – und ich war damals bereit genug, diesem Ruf zu folgen.
Obwohl ich keine konkrete Vorstellung davon hatte, was genau ich in Indien oder in Auroville eigentlich machen würde, organisierte ich Schritt für Schritt meine Reise zu diesem unbekannten Ort. Etwa ein halbes Jahr später saß ich ganz alleine im Flieger Richtung Indien.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich keine größeren Reisepläne gehabt. Ich war keinesfalls ein reisendes „Hippie-Mädchen“ gewesen. Was aber damals, vor dieser Reise, bereits stattfand, war ein inneres Erforschen. Ich erforschte – eigentlich durchgehend in meinem Leben – die Diskrepanz zwischen meinem Wesen (das, was ich als echt empfand) und dem, worauf ich (und alle anderen) gelernt hatten zu schauen.
Ich hatte damals das Gefühl gehabt, dass ich ganz genau weiß, was kollektiv als „schön“ oder „erstrebenswert“ betrachtet wird. Ich wusste wie ich mich zu verhalten hatte, damit ich „Erfolg“ hatte oder gut ankam. Gleichzeitig konnte ich sehen, dass all diese Verhaltensmuster wie künstliche Programme funktionierten, die überhaupt gar nichts mit dem zu tun hatten, was mich im Innersten wirklich berührte. Wir leben in einer Welt voller künstlicher, angsteinflößend und auf der anderen Seite verheißungsvoll wirkender Slogans, Symbole und Parteien. Während wir uns hier zugehörig fühlen, fühlen wir uns woanders eher abgestoßen. Aber egal wie wir uns ganz konkret im Hinblick auf all diese Bilder und Fragmente erleben, das offene, pulsierende Feld, ohne das letztlich keine dieser Formen überhaupt wirksam wäre, ist immer auch HIER.
Bereits vor meiner Indienreise forderte ich meine eigenen Kategorien und Glaubenssätze systematisch heraus. Ich begann bei meinem Äußeren und bei meiner eigenen Unsicherheit, nicht als das gesehen zu werden, was ich bin.
Ich fragte mich, was ich oder die anderen in mir sehen würden, wenn ich nicht den gängigen Schönheitsidealen irgendeiner Gruppierung entsprach und wenn ich mich nicht so verhielt, wie ich es gelernt hatte.
Ich rasierte mir meine Kopfhaare und lies die Behaarung aller anderen Körperregionen wild wachsen.
Ich hatte mich niemals stark geschminkt, aber ich verstand es, Schönheit zu betonen. Auch das versuchte ich zu diesem Zeitpunkt wegzulassen, was mir extrem schwer fiel, denn ich konnte die Schönheit der Wirklichkeit damals nicht sehen. Ich konnte nicht klar erkennen, was ich wirklich aus mir selbst heraus tat und was nicht.
Trotzdem wollte ich wissen, wie es sich für mich anfühlt, wenn ich kein „Gewand“ trug.
Während dieses Experiments begegneten mir zu meinem eigenen Erstaunen nicht in erster Linie die Kategorien und Bewertungen der anderen, sondern es wurde einfach nur deutlicher, was ich selbst auf das gelegt hatte, was ich ursprünglich bin. Das war intensiv für mich. Denn ich musste erkennen, dass nicht die anderen das Problem waren, sondern dass das „Problem“ IN mir Form annahm.
Ich verhedderte mich wieder und wieder in meinen eigenen Vorstellungen und Ängsten.
Es spielte keine Rolle, ob ich lange oder kurze Haare hatte, ob ich meine Beinhaare rasierte oder nicht.
Es spielte eine Rolle, ob ich mich selbst mochte. Nicht theoretisch, sondern IN diesem lebendigen Augenblick, mit allem, was sich jetzt, hier bewegt. Immer wieder neu.
Das „Mögen“ lag weder an den Haaren noch an sonst irgendwelchen Qualitäten oder Verhaltensweisen von mir. Es hatte damit zu tun, ob ich mich innerlich von „außen“ wahrnahm oder ob ich wirklich intim mit mir sein konnte. So intim, dass da keine künstliche Lücke entstand.
Das ist die eigentliche Künstlichkeit: Diese Lücke.
Die Lücke, die uns (scheinbar) von dem abtrennt, was wir zutiefst sind.
Nur durch diese Lücke ist es möglich, sich falsch zu fühlen.
Wir können überhaupt gar nicht auf diese Weise falsch sein, wie wir meinen falsch zu sein. Weil sich in der großen Wirklichkeit alles gänzlich anderes aufbaut, als es sich uns aus der Perspektive der künstlichen Person darstellt.
Das Einzige, was ich (für mich selbst) mittlerweile konkret als falsch betiteln würde, ist der Augenblick, in dem wir uns gegen uns selbst (und damit gegen unsere eigene reine Lebendigkeit) stellen. Und das ist überhaupt nur dann möglich, wenn wir uns künstlich von dem, was wir ursprünglich sind, getrennt fühlen. Denn erst dann beginnen wir uns in den künstlichen Vorstellungen zu verfangen, anstatt diesem lebendigen Augenblick direkt, aus unserer ursprünglichen Reinheit und Verbundenheit, ohne künstliche Selbstzensur zu antworten.
All die Probleme, die wir als unsere Probleme erkennen, sind im Grunde nie unser wirklichen Probleme, denn sie erscheinen alle lediglich aufgrund der künstlichen Brille und der künstlichen Zensur.
Alle künstlichen Orientierungslinien bewirken in letzter Konsequenz eine komplette Selbstzerstörung. Nicht weil diese „Linien“ an sich „böse“ wären, sondern einfach weil sie funktionieren, wie sie eben funktionieren. Aufgrund ihrer Beschaffenheit irritieren sie das natürlich verbundene Feld, aufgrund dessen wir uns (natürlicherweise), verbunden mit der gesamten Umgebung, in jedem Augenblick neu justieren würden. Durch die künstlichen Dynamik werden wir jedoch in künstliche Bilder hineingezogen und orientieren uns an deren schönem oder schrecklichem Schein. Diese künstlichen Bilder sind nicht verbunden mit dem gesamten, lebendigen Feld. Übertragen auf das Beispiel des Waldes bedeutet das, dass ein einzelner Baum sich getrennt vom gesamten Wald-Organismus erlebt und anstatt in der direkten, unmittelbaren Verbundenheit zu sein, bekommt er quasi ein künstliches Verständnis von sich selbst und dem gesamten Wald „eingespielt“. Dieser Baum weiß nun nicht mehr was wirklich ist. Er ist irritiert und kann sich nicht mehr spontan und natürlich ausdrücken.
Wenn wir uns in künstlichen Bildern (die in uns selbst auftauchen) verfangen, dann wird es möglich, dass wir gegen uns selbst gehen. Wir können nicht mehr unterscheiden, welche Impulse aus uns selbst und aus unserer natürlichen Verbundenheit mit dem gesamten lebendigen Feld entspringen und welche künstlich in uns auftauchen. Jetzt kann es passieren, dass wir in unserem lebendigen, physischen Ausdruck gegen unsere ursprüngliche Verbundenheit handeln und zerstörerisch wirksam sind. Zerstörerisch uns selbst gegenüber, zerstörerisch gegenüber unserer Umwelt oder zerstörerisch in unseren Beziehungen.
Da stehen wir aktuell.
Unser natürliches Fließen und Justieren funktioniert zwar noch, aber es ist abgelenkt durch künstliche Orientierungslinien. Wir sind plötzlich irritiert und glauben nicht wütend sein zu dürfen oder wir glauben selbst falsch zu sein, nur weil irgendetwas intensives oder unangenehmes passiert ist. Anstatt natürlich zu klären, verheddern wir uns in diesen künstlichen Identitäten. Wir bleiben hier stecken und haben plötzlich ein (künstliches) Problem, das wir nun versuchen mit künstlichen Ansätzen künstlich zu lösen.
Was ist nun wirkliche Schönheit?
Kann ich in mich selbst hinein fallen, in dem Augenblick, indem ich mich NICHT schön finde?
Kann ich trotzdem HIER sein, bei mir, in mir?
Wo bin ich, wenn ich mich nicht schön finde?
Die gerade gestellten Fragen sind essentielle Fragen. Es sind keine theoretischen Fragen. Es sind Fragen, die – egal ob der konditionierte Verstand in uns eine Antwort sucht, findet oder nicht findet – gleichzeitig woanders beantwortet werden.
Die gerade gestellten Fragen berühren unweigerlich die grundsätzlichen Fragen des Lebens:
Was bin ich?
Was ist dieses Leben?
Was machen wir hier?