Mein Leben mit dir hat bereits begonnen - Christine Schöpf - E-Book

Mein Leben mit dir hat bereits begonnen E-Book

Christine Schöpf

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Beschreibung

Eigentlich glaubte Nelly, mit ihrem Leben ganz zufrieden zu sein. Dann aber verlässt ihr Freund Benno sie für seine Arbeitskollegin Sandy, kehrt aber schnell wieder zu ihr zurück und bittet sie um eine 2. Chance. Während Nelly noch mit sich hadert, bekommt er die Diagnose- Krebs im Endstadium. Für die selbstlose Nelly eine Selbstverständlichkeit Benno seinen Seitensprung zu verzeihen und sich um ihn zu kümmern. Als ihre beste Freundin Hanna sie auf eine Rocker Party mitnimmt, trifft sie dort auf den Rocker und Klubbesitzer Aaron und verliebt sich - unerwartet und ganz gegen ihr Naturell- Hals über Kopf in ihn. Zwischen den 2 Welten hin und her gerissen versucht sie Benno eine fürsorgliche Partnerin zu sein und gleichzeitig erfährt sie zum ersten Mal in ihrem Leben die wahre Liebe. Als Aaron wegen Mordverdacht ins Gefängnis kommt, versucht Nelly alles um ihm zu helfen. Als sie jedoch erfährt, das Aaron Pädophile jagt und augenscheinlich auch tötet, bricht erst einmal eine Welt für sie zusammen. Starke Frauen, harte Kerle und die wahre Liebe helfen Nelly und Aaron ihren Weg zu finden.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mein Leben mit dir hat bereits begonnen

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Mein Leben mit dir hat bereits begonnen

Chanjobe

© 2020 Chanjobe

Autor: Christine Schöpf

Umschlaggestaltung, Illustration: Christine Schöpf

Korrektorat: Katja Kraft, Jola Kempner

ISBN:

Das Werk, seine seine Teile, ist urheberrechtlich gehört. Jede Verwertung ist ohne Angaben des Verlages und des Autors unzulässig. Dies vergoldet wird für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Sicht und Sicht Zugleitungmachung.

-1-

„Hören Sie mir noch zu- Frau Lange…?“

Nelly drehte langsam den Kopf vom Fenster zu Herrn Dr. Schumacher, und so langsam wie sie den Kopf bewegte, so langsam tauchte sie auch wieder im hier und jetzt ein.

„Ja, nein, es tut mir leid, Herr Doktor. Könnten sie das bitte noch einmal wiederholen?“.

Der Arzt sah sie mitfühlend an, kam um den Schreibtisch auf sie zu und hockte sich vor sie, um ihre zusammen gepressten Hände in seine zu nehmen.

„Frau Lange, wie viele Stunden haben sie heute geschlafen?“

Die warmen Hände taten gut, aber die Nähe des Arztes und seine Fürsorge waren Nelly zu viel. Sie drückte ihren Rücken durch, setzte sich aufrecht auf ihren Stuhl und entzog ihm langsam ihre Hände.

„Wir haben alle nicht viel Schlaf bekommen…ich weiß es nicht, aber ich habe geschlafen…“

Sie versuchte ein Lächeln, aber sie merkte selber, dass es eher eine Grimasse wurde.

„Könnten Sie bitte Ihre letzten Sätze noch einmal wiederholen?“

Dr. Schumacher stand auf und lies sich mit einem Stöhnen in seinen Sessel fallen.

„Frau Lange, die Krankheit ist bereits schneller fortgeschritten als wir anfänglich für möglich gehalten haben. Es tut mir leid, aber wir rechnen leider mittlerweile nur noch mit einer Lebenserwartung von max. 3-4 Monaten. Ich weiß, dass sie nicht verheiratet sind und ich würde Ihnen deshalb empfehlen sehr zeitnah die notwendigen Unterlagen fertigzustellen.“

Herr Dr. Schumacher beugte sich über dem Schreibtisch zu Nelly hinüber.

„Ich hatte Ihnen die Unterlagen für die Patientenverfügung und die Anschrift des Spitals aus der Schweiz gegeben- sind Sie da schon weitergekommen, oder darf ich Ihnen hierbei helfen?“

Nelly nickte langsam mit dem Kopf, sie hatte bereits Kontakt mit dem Spital aufgenommen und man hatte ihnen einen Platz in Aussicht gestellt. Alle waren dort sehr freundlich gewesen und sie hatte nun weniger Angst dort hinzufahren.

„Ja, ich habe alles auf den Weg gebracht. Die Patientenverfügung ist nicht so einfach zu formulieren, aber in dem Spital haben sie geschultes Personal was uns helfen möchte. Die Sterbehilfe in der Schweiz ist gut organisiert. Trotzdem Danke für Ihr Hilfe.“

Nelly stand auf, „Kann ich das Rezept jetzt mitnehmen?“

Herr Dr. Schumacher reichte ihr das Rezept über den Schreibtisch.

„Sie können es unten in der Apotheke direkt einlösen. Ich hatte bereits heute Morgen, nach ihrem Anruf, in der Apotheke nebenan Bescheid gegeben, und es ist mit der 9 Uhr Lieferung mitgekommen. Sparen Sie damit nicht, er kann so viel davon nehmen wie er glaubt zu brauchen.“

Der Dr. hielt inne, er war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber ihm überhaupt noch zuhörte.

„Frau Lange, ich werde morgen Mittag bei ihnen vorbeischauen.“

Er stand nun auch auf und reichte ihr die Hand.

„Ich sagte es Ihnen schon einmal, scheuen sie sich nicht mich auch nachts anzurufen, wenn sie Hilfe brauchen. Wie sie wissen, wohne ich nicht weit von ihnen entfernt und könnte innerhalb von 15 Minuten bei Ihnen sein.“

Er lächelte sie aufmunternd an und drückte fest ihre Hand zum Abschied.

„Danke Herr Doktor, vielleicht komme ich darauf zurück.“

„Frau Lange...,“ sie hatte bereits die Türklinke in der Hand und drehte sich noch einmal um,

„Frau Lange, bitte tun sie uns allen den Gefallen, und denken sie in dieser schweren Zeit auch mal an sich.“

Nelly schaute den Doktor etwas irritiert an: „Danke Herr Dr. Schumacher, das mache ich.“ 

Als sie vor die Tür trat fegte ihr ein kalter Wind ins Gesicht und sie hielt ihre Jacke fester zusammen. Die Apotheke lag direkt neben dem Ärztehaus und hätte sie die Medikamente für Benno nicht so dringend benötigt, wäre sie einfach die Straße immer weiter entlang gegangen ohne anzuhalten.

Sie liebte den Wind in ihren langen Haaren, wie er an ihrem Körper zog und schubste, ihre Wangen massierte und sie versuchte, wie ein Blatt über die Straße zu wehen.

,Mal an sich denken,‘ die Worte von dem Doktor gingen ihr durch den Kopf. Wann hatte sie das letzte Mal an sich gedacht? Nelly schüttelte den Kopf und blieb vor dem Schaufenster der Apotheke stehen und betrachtete ihr Spiegelbild, ohne sich aber wirklich wahrzunehmen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal an sich gedachte hatte.

,Noch nie,‘ dachte Nelly und schalte sich sofort selbst in Gedanken.

,Herrgott noch mal, du Dramaqueen! Jetzt übertreib doch nicht wieder so maßlos.‘ Nelly schlang ihre Arme um sich, nicht nur weil sie in ihrem zu dünnen Mantel fror, sondern auch, weil sie sich so einsam und verloren fühlte.

,Was wäre passiert,‘ dachte Nelly, wenn ich mal an mich gedacht hätte, wenn ich mir mal nicht egal gewesen wäre?‘

Ihre Gedanken schweiften zu Benno.

Sie hatte Benno in der Oberstufe kennengelernt. Er war neu nach Düsseldorf gezogen und der Vertrauenslehrer hatte sie damals gebeten, Benno ein wenig in der Schule rumzuführen. Benno hatte ihr vom ersten Tag an den Hof gemacht und Nelly musste sich eingestehen, dass ihr das gefiel. Sie wurde noch nie zuvor umworben und ohne weiter darüber nachzudenken, was sie wirklich wollte und was das Leben noch für sie bereit hielt, wurde Benno ihr erster fester Freund. Nelly hatte sich nicht Hals über Kopf in Benno verliebt, so wie sie es aus Erzählungen von Freundinnen her kannte. Nelly war streng erzogen worden, und hatte sich nie für allzu wichtig gehalten oder gar etwas nur für sich gewollt, aber Benno gab ihr das Gefühl geliebt zu werden und das war ihr genug. Mehr hatte Nelly nicht gebraucht und gewollt.

Das war bereits 7 Jahren her. Beide hatten ihr Abi gemacht und Nelly hatte ihr Architekturstudium begonnen und Benno seine Bank Karriere gestartet. Sie hatten sich die Wohnung gekauft und sie waren zufrieden, eine Beziehung ohne Höhen und Tiefen. Benno hatte einen guten Job bei der Bank und Nelly hatte den Bachelor bereits in der Tasche und war jetzt im letzten Jahr zum Master.

Nelly hatte glaubt, dass es ihnen gut ginge.

Sie zog ihre Jacke noch fester an sich. Doch kurz vor Bennos Diagnose, hatte er sie mit seiner Arbeitskollegin Sandy aus der Bank betrogen.

,Der Name alleine, sagt doch schon alles,‘ dachte Nelly und spürte wie sich ihr Magen umdrehte und ihr Wasser im Munde zusammenlief, als würde sie sich jeden Moment übergeben müssen. Nelly schluckte die Flüssigkeit in ihrem Mund immer wieder runter.

,Entspann dich,‘ ermahnte sie sich selbst.

Das war jetzt knapp 3 Monate her, und damals hatte sie wirklich 2 tagelang gekotzt. Sie hatte geweint, geschrien und Benno in die Hölle gewünscht, sie hatte ihn wirklich verlassen wollen- sie war sowas von fertig mit ihm gewesen.

Benno versicherte ihr damals, dass dies ein Ausrutscher gewesen sei und bekniete sie, ihm zu verzeihen und ihn nicht zu verlassen- und in dieser Phase bekam er die Diagnose Krebs, Stadium IV, was so schön hieß wie Tumoren jeder Größe mit Metastasen in 1-4 Lymphknoten in der Umgebung mit Fern-Metastasen.

Danach war es gar keine Frage mehr für sie gewesen, ob sie ihn wirklich verlassen wollte. Sie hatten nie wieder über Sandy gesprochen und Nelly hatte niemanden von dem Seitensprung erzählt, das war plötzlich alles so unwichtig geworden, nun, wo sie wusste, das Benno sterben würde.

,Wo bitte schön, hätte ich denn da an mich denken sollen?‘, Nelly umfasste ihre Oberarme so stark, dass sie morgen bestimmt blaue Flecken dort haben würde. Sie hatte in den letzten Monaten abgenommen, was an sich nicht wirklich schlimm war, von Kleidergröße 44 auf 38 ist nicht lebensbedrohlich, aber durch die Gewichtsabnahme fühlte Nelly sich noch verletzlicher, verwundbarer und in ihren zu groß gewordenen Sachen noch verlorener.

Die Apothekerin kannte sie mittlerweile so gut, dass sie, ohne zu fragen das Medikament aus dem Hinterzimmer holte und wortlos die Tüte auf den Tresen stellte. Sie fragte Nelly schon lange nicht mehr wie es ihr ginge, und auch das Wetter war schon lange kein Thema mehr zwischen den beiden. Sie nahm das Rezept entgegen und reichte Nelly wortlos die Tüte mit dem Morphium. Die Apothekerin versuchte dennoch ein Lächeln - ein trauriges Lächeln, aber Nelly konnte es nicht erwidern.

„Danke“, sagte Nelly und verließ raschen Schrittes die Apotheke  

 Zuhause schloss sie leise die Wohnungstüre auf und lauschte. Es war still und sie konnte das Sauerstoffgerät monoton schnarren hören. Fast geräuschlos zog sie Schuhe und Mantel aus und steckte erst dann ihren Kopf durch die Schlafzimmertür.

Benno lag bleich, aber ruhig schlafend im Bett. Danach schaute sie ins Gästezimmer, Lina die Pflegerin lag quer und komplett bekleidet ebenfalls schlafend im Bett. Nelly musste lächeln, sie kannte Lina seit der Diagnose von Bennos Krankheit und sie war eine von drei Pflegekräften, die Benno und sie sich ausgesucht hatten.

Das Zimmer in dem Lina erschöpft schlief, war früher mal ihr Arbeitszimmer gewesen. Eigentlich hatte es nur Benno wirklich genutzt, aber er hatte darauf bestanden, dass auch sie dort einen Schreibtisch aufstellte. Beim Kauf der Wohnung hatte Nelly gehofft, dass dies einmal das Kinderzimmer werden würde, deshalb hatte sie auch über den fehlenden Balkon hinweggesehen. Doch nun war das angedachte Kinderzimmer, das Gästezimmer für das Pflegepersonal, Nelly schluckte.

 Die Maklerin hatte ihnen damals auch die Hoffnung gemacht, dass über eine Balkonanlage im Hinterhof nachgedacht werden würden, aber tatsächlich wurde damals bei der Eigentümerversammlung gegen eine Balkonanlage und für eine Feuertreppe gestimmt. In dem Haus wohnten viele ältere Leute und die Fluchttreppe gab ihnen wohl das Gefühl der Sicherheit, sich bei Brand selbst retten zu können. Nelly hatte diese Logik nie verstanden, aber Sicherheit war ihren Nachbarn insgesamt sehr wichtig, deshalb hatten sie auch euphorisch eine Nachbarschaftswache gegründet.

Jede Wohneinheit hatte einen Pieper bekommen, den man, wenn man ihn nicht bei sich trug, neben seiner Wohnungseingangstür deponieren sollte. Sie hatte ihn noch nie benutzt, und hoffte, dass wenn sie ihn tatsächlich mal bräuchte, nicht die Batterie leer war.

Das wäre allerdings so typisch für sie.

 Nelly stellte das Medikament aus der Tüte auf die Küchenanrichte zu all den anderen Medikamenten, und als sie die Tüte zusammenfalten wollte, spürte sie etwas kleines rundes hartes darin. In der Tüte befand sich ein kleiner Marienkäfer aus Holz, der auf einem vierblättrigen Kleeblatt geklebt war. Daran war ein Post-it befestigt mit der handgeschriebenen Nachricht: Ich wünsche Ihnen viel Kraft.

Nelly traten die Tränen in die Augen.

„Nelly?“, hörte sie Benno leise rufen.

Sie rieb sich die Augen trocken, während sie schon auf dem Weg zum Schlafzimmer war.

„Ich komme.“ Nelly ging zu dem Pflegebett und strich Benno das feuchte Haar von der Stirn und küsste ihn vorsichtig auf die Wange.

„Hast du geweint?“ fragte er und schaute ihr in die Augen.

„Habe ich dich geweckt?“, fragte Nelly statt einer Antwort.

„Nein, eigentlich nicht. Ich denke, es waren wohl eher die Schmerzen,“ Benno stöhnte auf.

„Könnte ich bitte etwas gegen diese Schmerzen bekommen?“

Nun musste Nelly tatsächlich lächeln, er war trotz der starken Schmerzen noch so höflich danach zu fragen. Sie würde wahrscheinlich schreiend und tobend die Medikamente einfordern und jeden zum Teufel wünschen, der ihr diese nicht binnen Sekunden verabreichte.

„Natürlich, du kannst so viel haben, wie du möchtest- auf Anweisung deines Arztes. Er kommt übrigens morgen Mittag vorbei, um nach dir zu schauen“.

 Nelly ging in die Küche und packte die Infusion aus, warf einen kurzen Blick auf den Marienkäfer und brachte dann Benno das Morphium ins Schlafzimmer. Benno lag, mit vor Schmerzen zusammengekniffenen Augen, im Bett und sie beeilte sich die Infusion anzulegen. Zum Glück hatte Benno seinen neuen Port, so musste Nelly die Infusion nur an den Ständer hängen und ein paar Schläuche umstecken. Benno konnte sich anhand einer Handpumpe das Morphium normalerweise selbst dosieren, das aber übernahm Nelly jetzt für ihn und hörte erst auf zu drücken, als sich sein Gesicht entspannte.

Er murmelte noch ein „Danke...“ und glitt dann- wie Nelly wusste- in einen betäubenden Schlaf, der ihm die Schmerzen für kurze Zeit fast vollständig nehmen würde.

,Noch‘, dachte Nelly, den die Ärzte hatten ihnen bereits angekündigt, dass sie die Schmerzen irgendwann auch nicht mehr mit Schmerzmitteln in den Griff bekommen würden.

Nelly legte ihm die Handpumpe griffbereit an das Bett und legte sich dann auf ihre Liege, die mit in dem Schlafzimmer stand. Schon lange teilten sie sich nicht mehr ein Bett. Nach dem Seitensprung von Benno hatte Nelly angefangen im Wohnzimmer zu schlafen und danach, als Benno nachts Hilfe brauchte, hatte Nelly sich die Liege im Schlafzimmer aufgestellt und das Doppelbett war einem Pflegebett gewichen. Nellys Kopf berührte noch nicht das Kopfkissen, da war sie auch schon eingeschlafen.

 Nelly wurde durch das Klingeln des Telefons wach und hörte dann Lina mit jemanden telefonieren. Sie reckte sich, und bemerkte, dass ihr ganzer Körper schmerzte.

,Ich hätte vielleicht doch nicht die preisgünstigste Liege nehmen sollen,‘ dachte Nelly und streckte sich erneut.

Nelly schaute auf die Uhr, und stellte verwundert fest, dass sie fast 5 Stunden geschlafen hatte. Sie reckte sich erneut und schaute zu Benno rüber, er hielt die Handpumpe in der Hand.

,Er hat sich wohl noch mal einen Nachschlag gegönnt‘, dachte Nelly müde. Dann stieg sie leise aus dem Bett und ging zu Lina rüber ins Wohnzimmer, die mittlerweile das Telefonat beendet hatte.

 „Tut mir leid, dass ich erst so spät am Telefon war. Es war Herr Dr. Schumacher und er wollte nur an seinen morgigen Hausbesuch erinnern.“

Nelly runzelte die Stirn, es waren gerade mal ein paar Stunden her, das er ihr diesen Termin mitgeteilt hatte, sie hatte wohl einen noch verstören deren Eindruck hinterlassen als sie befürchtet hatte.

„Ich mache uns jetzt mal einen starken Kaffee und du gehst währenddessen duschen“. Lina drückte Nelly in Richtung Bad und zog selbst Richtung Küche ab.

 Als Nelly wieder aus dem Bad kam roch sie bereits den Kaffeeduft. Benno schlief noch, jedoch wälzte er sich jetzt unruhig im Bett hin und her. Nelly zog sich leise einen Jogginganzug an und ging dann zu Lina in die Küche. Als sie sich gerade eine Tasse aus dem Schrank nahm klingelte es an der Türe. Sie erwartete niemanden und hatte auch keine Lust auf Besucher, aber Lina drückte bereits den Türöffner.

„Egal wer das ist, wimmle ihn ab. Benno schläft und ich bin nicht auf Besucher eingestellt“, Nelly zeigte mit der freien Hand an sich herab.

Lina nickte und ging bereits zur Tür.

„Oh, die Hanna!“, Lina stand an im Türrahmen und zog das Türblatt weiter zu.

„Heute ist kein besonders guter Tag für einen deiner spontan Besuche. Du hättest besser vorher mal anrufen sollen, denn du hast den Weg umsonst auf dich genommen“, hörte Nelly Lina sagen.

Ihre Stimme war nicht besonders freundlich, und man konnte die Genugtuung in ihrer Stimme hören. Lina konnte Hanna mit ihrer sehr, sagen wir mal, offenen und direkten Art nicht leiden. Hanna mochte man oder hasste sie, dachte Nelly und bei Lina war es definitiv das Zweite.

„Ich wusste nicht, dass es einen guten Zeitpunkt gibt um einen todkranken zu besuchen- und jetzt mach dich zur Seite.“

Nelly hörte noch Lina protestieren, aber da stand Hanna auch schon im Wohnzimmer- natürlich zog sie sich nicht die Schuhe vorher aus- das war Hanna- nie machte sie das, was man von ihr erwartete.

„Hallo meine Süße. Dein Wachhündchen wollte mich nicht reinlassen, und wenn ich mich dich so anschauen tut sie auch gut daran. Du siehst erschreckend aus- gibt es kein Makeup mehr in diesem Haushalt?“

Hanna nahm Nelly die Kaffeetasse aus der Hand, trank einen Schluck daraus und gab ihr diese mit einem angeekelten Gesichtsausdruck wieder zurück.

„Ich freue mich auch dich zu sehen“, sagte Nelly, grinste und holte aus der Küche eine weitere Tasse Kaffee.

Diesmal schwarz- und reichte sie Hanna.

„Was führt dich hierher und das auch noch so gut gelaunt“, fragte sie Hanna.

Diese ließ sich in den Sessel fallen und sah Nelly an. Lina setzte sich ebenfalls auf das Sofa und starte abwechselnd Hanna und Nelly an, man spürte förmlich, dass Lina sich nicht wohl fühlte. Hanna stellte ihren Kaffeebecher ab und stand wieder auf und nahm Nelly in den Arm.

„Du musst mal wieder unter Menschen! Du siehst wirklich scheiße aus. Ich weiß, dass du nicht möchtest und du müde bist und das Benno dich braucht, aber heute Abend gehst du mit mir aus, wir zwei hübschen,“ Hanna stockte, „also ich Hübsche und naja-du.“

Hanna grinste sie frech an und stand wieder auf. Hanna konnte nie lange sitzen bleiben.

„Wir sind eingeladen. Wir lassen uns volllaufen und vergessen alles um uns herum und sind einfach nur Nelly und Hanna.“

Hanna klopfte wie zur Motivation Nelly auf den Rücken: „Komm schon Nelly, wir lassen für ein paar Stunden einfach mal alles zurück und denken nur an uns“, und dann nahm sie Nelly in den Arm.

Nelly erwiderte die Umarmung, denn Hanna war eine der wenigen Personen, deren Nähe sie ertragen konnte. Hanna war kein gefühlsdusseliger Mensch, und es kam selten genug vor, dass sie mal jemanden in den Arm nahm.

Nelly erinnerte sich an die Worte von Bennos Arzt, und der Gedanken daran einfach mal Nelly zu sein und an sich zu denken, gefiel ihr aufrichtig. Sie nickte und befreite sich aus der Umarmung.

„Du hast recht- wo gehen wir hin?“.

Hanna blickte sie fassungslos an.

„Fuck, was hast du mit meiner Freundin Nelly gemacht?“

Hanna schaute Nelly ungläubig an,

„Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Antwort! Ich hatte mir schon Drohungen und Beleidigungen überlegt, wenn du wieder mit all dem Scheiß kommst, warum du nicht kannst.“

Hanna legte den Kopf zur Seite und schaute Nelly fragend an. „Was ist passiert, dass du so kampflos mitkommst?“.

Nelly zuckte mit den Schultern.

„Mein Akku ist komplett leer- ob ich hier todmüde zusammenbreche oder in irgendeinem Club- das ist mir gerade pups egal.“

Nelly drehte sich zu Lina um, die wohl auch nicht mit Nellys Antwort gerechnet hatte, denn sie sah Nelly überrascht an.

„Lina, bist du so lieb und wartest auf die Nachtschicht? Du müsstest mit Patrik nur die Übergabe machen. Du weißt, Telefonnummern und Medikamente – alles in der Küche.“

Plötzlich fühlte sich Nelly wieder hellwach.

„Natürlich bleibe ich noch so lange- hätte ich doch sowieso getan,“ murmelte Lina fast beleidigt.

„Aber meinst du nicht, etwas schlaf könnte dein Akku auch auffüllen?“, Lina schaute Nelly besorgt an.

So kannte sie Nelly nicht, sie konnte an einer Hand abzählen, wie Häufig Nelly ausgegangen war, seitdem sie sie kannte. Und dann auch nur zu Familienfeiern, aber nicht zu ihrem eigenen Spaß.

Unsicher schaute Nelly Hanna an, aber diese wischte mit der Hand durch die Luft, als würde sie diesen Unsinn wegwischen.

„So eine gequirlte Kacke! Nelly muss ihren Akku mit positiven Aktionen füllen. Es geht nicht nur darum den körperlichen Akku wieder aufzuladen, sondern vor allem auch den seelischen- und das Machen wir beide heute Abend. Los zieh dir was Heißes an, klatsch dir Makeup ins Gesicht und davon besser eine krasse Menge. Ich mache eine Flasche Sekt auf und quatsche solange mit Benno, bist du fertig bist“.

 Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie in die Küche, öffnete den Kühlschrank und zauberte eine Flasche Sekt hervor. Nelly konnte sich gar nicht daran erinnern, dass sie noch eine Flasche Sekt im Kühlschrank gehabt hatte. Eigentlich trank sie viel lieber einen guten Osbourne 103 mit Eiswürfel, aber da war sie sich jetzt ganz sicher, dass sie den nicht im Hause hatte.

 Sie ging ins Schlafzimmer und stand unentschlossen vor ihrem Kleiderschrank. Was sollte sie anziehen? Sie war solange nicht mehr aus gewesen, geschweige denn shoppen, sodass sie wirklich nicht wusste was sie anziehen sollte.

Benno bewegte sich und schlug die Augen auf.

„Hi, ist es okay für dich, wenn ich heute mit Hanna ausgehe?“, Nelly zögerte, „nur wenn das für dich wirklich okay geht, ich sage ihr sonst auch ab -kein Problem. Ehrlich. Ist vielleicht sowieso eine blöde Idee, ich habe eh Nichts zum Anziehen…“.

Noch ehe Benno antworten konnte, flog die Türe auf und Hanna stand, in beiden Händen mit einem Sektglas bewaffnete, im Türrahmen.

„Hallo mein todkranker Freund -wie ich sehe, lässt du dir mit dem Sterben echt Zeit“, sie ging einen Schritt auf ihn zu und küsste in seine Richtung.

Benno lächelte „Meine Freundin Hanna, wie man sie kennt und liebt. Nein, ich bin noch am Leben -mehr oder weniger- aber definitiv noch nicht tot“.

Er warf ihr eine Kusshand zurück.

„Siehst du Nelly, heute wird noch nicht gestorben, du kannst also aufhören nach Gründen zu suchen, um nicht mitzukommen“, sagte Hanna und hielt ihr eins der Sektgläser hin und prostete ihr zu.

„Dir muss ich wohl keinen Sekt anbieten, wie ich in der Küche gesehen habe, bevorzugst du die härteren Sachen“, Hanna lächelte Benno an und es war das erste echte Lächeln, dass sie am heutigen Tag zu sehen bekam.

Wie jedes Mal, wenn Benno und Hanna aufeinandertrafen, foppten sie sich so wie früher und man vergas, dass Benno wirklich todkrank war und seine Tage gezählt waren.

Bevor Nelly noch was sagen konnte, zum Beispiel dass sie tatsächlich nichts zum Anziehen hatte, saß Hanna bereits auf ihrer Liege und scherzte mit Benno über dies und das.

 Nelly griff eine schwarze Hose, ein langes schwarzes Top und ein schwarzes Spitzen-Oberteil aus ihrem Schrank und ging sich im Bad umziehen. Im Bad konnte sie Benno lachen hören -fast so wie früher. Nelly musste sich zusammenreißen, um nicht laut los zu weinen. Sie riss sich zusammen, zog sich an und föhnte ihre Haare über der Rundbürste trocken. Danach legte sie etwas Makeup auf -aber kein Makeup der Welt könnte diese schwarzen Augenringe retuschieren -warum also erst den Versuch starten.

Nelly schaute in den Spiegel und was sie sah, gefiel ihr nicht wirklich -aber das Gesicht was sie jetzt im Spiegel anschaute, gefiel ihr besser als das fahle traurige Gesicht von vorhin und das musste für heute Abend reichen. Nelly stellte fest, dass ihr auch diese Hose etwas weit geworden war, sie musste wohl durch den ganzen Stress noch ein paar Kilo verloren haben. Nelly zuckte die Schultern, mit Gürtel wird es schon gehen‘, dachte sie.

 Als sie aus dem Bad kam, hörte sie die beiden im Schlafzimmer immer noch miteinander lachen und da sie die beiden noch nicht stören wollte, ging sie in die Küche und sah Lina die Kaffeetassen spülen.

„Warum stellst du sie nicht einfach in die Geschirrspülmaschine?“.

„Ich wollte nicht im Wohnzimmer allein und nutzlos sitzen bleiben, außerdem kann ich beim Spülen besser denken“, antwortet Lina.

„Über was denkst du nach?“ fragte Nelly interessiert.

Lina schaute vom Spülen auf, sie hatte Tränen in den Augen: „Eigentlich hätte ich dir sagen sollen, dass du mal an dich denken sollst und dich mal wieder unter Leuten zeigst. Ich frage mich, warum ich es nicht getan habe“.

Nelly schüttelte leicht den Kopf: „Du hättest es mir sagen können, aber ich wäre nicht gegangen. Ich verstehe selbst nicht, warum ich ausgerechnet heute ausgehe. Mach dir keinen Kopf -es ist nicht deine Aufgabe auf mich aufzupassen -Benno ist dein Patient und das machst du klasse mit ihm. Danke dafür.“

Lina schaute wieder in ihr Spülwasser und spülte die Tasse zum gefühlten 10 Mal. Sie sagte nichts mehr und Nelly ging wieder ins Schlafzimmer.

 „Du siehst klasse aus“, sagte Benno und versuchte ein Pfeifen als Nelly mit dem Sektglas in der Hand wieder im Schlafzimmer auftauchte. Sie ließ sich neben Hanna auf die Liege plumpsen und lächelte dankbar.

„Ich wünsche dir viel Spaß und mach dir keine Gedanken um mich. Patrick wird sich gut um mich kümmern.“

Benno zwinkerte ihr zu.

„Na dann los“, Hanna sprang auf und hielt Nelly beide Hände hin, um auch sie hochzuziehen.

Nelly trank ihr Glas schnell aus, stellte es auf ihr Nachttischchen, ergriff Hannas warme Hände und ließ sich von Hanna hochziehen. Nelly war wieder einmal über Hannas Kraft verwundert, mit welcher Leichtigkeit sie sie hochzog war verblüffend.

Nelly verabschiedete sich von Benno mit einem Kuss auf die Stirn und flüsterte in sein Ohr: „Wenn was ist, lässt du Patrick anrufen. Alle Nummern…“

„Ja, ja ich weiß –alle Nummern und Medikamente inklusive Einnahmeliste liegen in der Küche und hängen an der Pinnwand und liegen bei den Krankenunterlagen in der Schublade. Geh jetzt! Und Hanna, bring sie mir betrunken, gut gelaunt und gesund wieder.“

„Darauf kannst du einen lassen“, Hanna warf Benno zum Abschied einen Luftkuss zu und schob dabei Nelly vor sich aus dem Schlafzimmer.

„Und nicht vergessen -heute wird nicht gestorben“, Hanna zwinkerte Benno zu und kurz darauf waren die Beiden schon aus der Wohnung und zogen die Türe hinter sich zu. 

-2-

Der Club war gut besucht, aber um die Uhrzeit noch nicht überfüllt. Hanna hatte Nelly auf der Fahrt dorthin aufgeklärt, dass heute im Club der Geburtstag von einer Box-Freundin von ihr gefeiert werden würde und sie beide eingeladen waren. Nelly fand schon immer die „Freundschaften“ die Hanna pflegte mehr als zwielichtig. Hanna verkehrte nicht nur in Boxclubs, sie kannte auch alle aus dem hiesigen Rockerclub- oder anders gesagt- man kannte Hanna dort und sie wurde als einzige ihr bekannte Frau dort respektiert und mit diesem KAMHA „Kameradschafts-Handschlag“ begrüßt.

Der Rockerclub war ihr auch wegen seiner Brutalität, seinen Geschäften im Rotlicht Milieu und im Drogenhandel aus den Schlagzeilen bekannt. Sie hatten es aber beide in der Vergangenheit immer geschafft, das Nelly zwar häufig bei diesen Partys dabei war, aber nie wirklich dazugehörte. Das war nun mal nicht Nellys Welt -und das wusste Hanna genauso gut wie Nelly.

 Hannas Freundin, die heute ihren Geburtstag feierte, war außerdem auch die Freundin des Clanführers und dementsprechend wurde vor der Tür auch die Personenkontrolle durchgeführt. Nelly hatte mit Hanna an ihrer Seite mal wieder freies Geleit. Hanna stellte sich grundsätzlich nicht in einer Schlange an, wenn Hanna irgendwo auftauchte spaltete sich die Menge und die Türsteher begrüßten Hanna wie einen Ehrengast. Immer bekam man mit Hanna irgendwelche Privilegien -VIP Plätze, kein Anstellen in der Schlange und teilweise wurden sie sogar über die Hintertür geleitet, über Hinterzimmer, von denen bestimmt kaum einer wusste.

Warum das so war, hatte Nelly nur einmal bei Hanna hinterfragt und die hatte zwar mit einem Lächeln aber mit einem ernsten Unterton geantwortet: „Nelly, das willst du nicht wirklich wissen. Und wenn du es wüsstest müsste ich dich töten.“

Damals hatte Nelly gelacht, aber sie hatte auch verstanden, dass das kein Thema war, über das Hanna mit ihr sprechen würde und Nelly fasste auch nie wieder nach.

 Offiziell arbeitete Hanna als selbstständige Fitnesstrainerin -aber auch das hinterfragte Nelly nie, obwohl sie daran ihre Zweifel hatte. Hanna war die durchtrainierteste Frau, die sie kannte, aber Hanna hatte so oft Wunden und Verletzungen, die nicht von einem normalen Training herkommen konnten. Sie wusste, dass Hanna auch Kampfsport machte, aber ihre Verletzungen waren teilweise Fleischwunden, die eher aussahen wie ernsthafte Stichverletzungen. Nicht das Nelly sich wirklich damit auskannte, aber sie konnte schon einen Kratzer von einer tiefen klaffenden Wunde unterscheiden, die teilweise mit mehreren Stichen dann genäht werden mussten. Hannas Körper war mit Narben übersäht und die bekam man nicht vom Training in einem Fitnessstudio, vom Boxen oder als Personaltrainer.

Aber Nelly akzeptierte es und genoss die Privilegien die sie -wenn sie mit Hanna zusammen war- hatte.

 So langsam füllte sich der Club und Nelly konnte erkennen, das eigentlich nur Mitglieder des Clubs oder enge Freunde Einlass gefunden hatten.

„Warum haben die nicht direkt an der Türe ein Schild Geschlossene Gesellschaft angebracht für heute Abend“, fragte Nelly Hanna grinsend.

„Damit niemand dies als Einladung auffasst und den Laden in die Luft sprengt“, antwortete Hanna automatisch.

Als ihr das bewusst wurde lächelte sie Nelly an und schob ihr ein weiteres Bier über den Tisch zu.

„Auf uns und auf unsere immerwährende Freundschaft“, Hanna prostete Nelly zu und Nelly setzte es an und stellte das Glas erst wieder ab, als es leer getrunken war.

Sie lächelte Hanna an, es war gut, dass sie heute endlich Mal wieder ausgegangen war. Heute wird nicht gestorben, dachte Nelly -heute wird gelebt! Sie griff Hannas Hand und drückte sie ganz fest.

 Die Stimmung änderte sich merklich als eine Gruppe von Männern eintrat. Einige waren Nelly vom Sehen her bekannt und sie wusste, dass der etwas Untersetztere mit dem Narbengesicht in der Mitte Kalle war, der Clanführer.

Die Gruppe bahnte sich ihren Weg durch die Menge, nickte begrüßend mal zu dem ein und anderen rüber, mal gab es diesen Nelly bereits bekannten KAMHU für die Auserwählten.

Als Kalle mit seinem Gefolge an dem Tisch von Hanna vorbei ging, straffte sich Hannas Körper und Kalle blickte zu ihnen hinüber. Er sah über Nelly wie gewöhnlich hinweg, seine Augen blieben jedoch an Hanna hängen und er lächelte sie an.

Er trat auf Hanna zu und begrüßte sie mit dem besagten Handschlag, ließ jedoch Hannas Hand nicht los, sondern beugte sich zu ihr rüber: „Da ist sie ja, mein Mädchen. Es ist schön, dass du da bist.“

Und dabei hauchte er ihr einen Kuss auf die Wange.

„Nach letzter Woche hatte ich schon befürchtet das wir uns eine Weile nicht sehen würden“.

Hanna lächelte: „Mich wirst du so schnell nicht los -alles gut“.

Kalle drückte noch einmal Hannas Hand, bevor er sie los lies und ohne noch weiter Personen an dem Tisch zu begrüßen, ging.

Einer nach dem anderen aus dem Gefolge kam zu Hanna und begrüßte sie mit Handschlag. Nick, einer von ihnen den Nelly auch bereits von anderen Partys kannte, gratulierte Hanna noch zu ihrer starken Leistung letzte Woche.

Nelly würde gerne Hanna fragen, wo sie letzte Woche war, aber nach weiterer Überlegung kam Nelly mit sich überein, es nicht wirklich wissen zu wollen und ihr war bewusst, dass sie von Hanna auch keine Antwort erhalten würde.

 Noch während sie ihren Gedanken nachhing, verspürte Nelly ein leichtes behagliches Kribbeln im Nacken. Es wurde immer stärker und entwickelte sich zu einem aufregenden Kribbeln, dass sich wie ein Wasserfall über ihren ganzen Rücken ergoss und sich aber auch parallel dazu kalt über ihrem Hinterkopf nach oben zu ihrer Schädeldecke ausbreitete. Innerhalb weniger Sekunden wurde ihr ganzer Körper, von den Haarwurzeln bis in die Zehenspitzen mit einem nie gekannten überwältigenden Prickeln überflutet. Nelly hatte Gänsehaut am ganzen Körper und ihr Herz begann schneller zuschlagen. Sie hob ihren Kopf und drehte sich langsam Richtung Hintereingang um und erstarrte.

Er stand mit noch feuchten Haaren und nur mit dem Duschtuch bekleidet vor dem Kleiderschrank und griff nach einer schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt.

Eine Auswahl zu treffen, was er heute anziehen sollte, fiel ihm leicht -er besaß überwiegend nur schwarze Anziehsachen und außer den Jeans und T-Shirts noch eine Handvoll schwarzer Hemden. Die restlichen höchstens 2% waren weiße T-Shirts und ein weißes Hemd. Er liebte diese Einfachheit und hatte sich noch nie wirklich viele Gedanken über seine Garderobe gemacht. Er kaufte immer bei ein und demselben Designer ein –die Stücke waren alles andere als günstig, aber sie waren sau bequem und er musste sie nie bügeln lassen. Außerdem hielten sie eine Ewigkeit und so musste er sich nicht ständig neue Klamotten kaufen.

 Er zog sich an und zischte leise auf, als er die Arme über seinen Kopf hob, um sich sein T-Shirt über den Kopf zu streifen. Die Verletzung im Rippenbereich bescherte ihm immer noch Schmerzen, aber die Blutergüsse hatten bereits die Farbe gewechselt und heilten langsam ab.

Aaron hatte Dank seines harten Trainings einen muskulösen Körperbau und seine Muskeln hatten schon manche harte Verletzung abgemildert, und auf seiner gebräunten Haut fielen die Verletzungen schon gar nicht mehr so auf.

Er ging zurück ins Bad und rubbelte sich seine, durch die Nässe fast schwarzen Haare, vor dem Spiegel trocken.

Eigentlich müsste ich mal wieder zu Joe dem ‚Frisör meines Vertrauens‘ dachte er und lächelte in sich hinein, aber dafür hatte er letzte Woche einfach keine Zeit gehabt. Er kämmte sich das Haar mit den Fingern nach hinten, und als es ihm immer wieder in die Augen fiel, entschied er sich mit Haargel nachzuhelfen. Auf die Rasur verzichtete er -er war eh schon zu spät dran und wollte Kalle nicht verärgern. Trotzdem nahm er sich noch die Zeit mit dem Handtuch das Waschbecken trocken zu reiben und seine schmutzigen Sachen in den Hauswirtschaftsraum zu bringen.

Wie immer bevor er seine Wohnung verließ, machte er seinen Rundgang, und das im wahrsten Sinn des Wortes -alle seine Zimmer waren miteinander verbunden und schlängelten sich um den Aufzugskern seines Lofts. Er blickte sich in jedem Zimmer um, nichts lag herum, das Bett war gemacht und bevor Aaron ging, schaltete er noch den Bodenputzroboter, die Waschmaschine und den Geschirrspüler an -er konnte einfach nicht anders. Er liebte es sauber und hasste es in eine unordentliche Wohnung zurückzukommen.

Er dachte an seine „offizielle“ Wohnung, die war von der Ausstattung und von der Größe der totale Unterschied zu dieser, aber auch diese war immer aufgeräumt.

Seine Kumpels zogen ihn damit auf -zum Glück kannte keiner diese Wohnung, oder wusste etwas von seinem akademischen Abschluss an der Uni. Aaron lächelte -sein Ruf wäre dann total im Arsch.

 Er hatte das Privileg gehabt, in einem sehr reichen Elternhaus groß zu werden. Seine Eltern hatten versucht ihm die besten Eltern zu sein, jedoch hatte er sie eigentlich immer nur an öffentlichen Feierlichkeiten und zu Weihnachten gesehen. Sie waren immer viel beschäftigt gewesen, da Aaron es aber gar nicht anders kannte, war es für ihn nie befremdlich gewesen, von Nannys erzogen und in Internaten groß zu werden.

 Wenn andere Kinder Spielsachen zum Geburtstag bekamen, bekam er Immobilien und Wertpapiere. Wenn andere Kinder sich zum Spielen verabredeten, hatte er Termine mit seinen Beratern und Anwälten.

Für ihn war das so normal gewesen. Nein, er hatte nicht gelitten und er konnte ehrlich nicht behaupten, er hätte eine schlimme Kindheit gehabt. Mit Abstand gesehen und jetzt in seinem Alter von fast 27 Jahren, konnte er sich eingestehen, dass diese vielleicht nicht immer normal gewesen war. Aber das war er auch nie gewesen und das war gut so.

Dank seiner Eltern hatte er Immobilien auf der ganzen Welt, ein Netzwerk, von dem andere nur träumen konnten. Und dank seiner Investitionen, hatte er so viel Geld, dass er allein, selbst mit einer 10-köpfigen Familie, dies nicht bis an sein Lebensende ausgeben könnte.

Durch seine internationale Schulausbildung sprach er fließend 8 Sprachen, hatte einen 0,8 Notenabschluss, einen Master in VWL und vor kurzem seinen Dr. Titel in Wirtschaft- und Finanzen erhalten.

Aaron konnte zufrieden sein, das wusste er. Er wusste auch, dass er trotz all dem nicht glücklich war, aber er war dankbar und zufrieden, und das reichte ihm.

Er kannte so viel Leid und Elend, er wäre sich schäbig vorgekommen, wenn er sich über sein Leben beschweren würde.

 Als er am Club ankam, stand bereits eine riesige Schlange vor der Tür, mehr als die Hälfte der Personen wird heute bestimmt keinen Einlass in den Club erhalten, da war Aaron sich sicher. Eigentlich hätte in Neonschrift „Geschlossene Gesellschaft“ über dem Club leuchten müssen, dachte er.

 Aaron lenkte seinen Wagen hinter den Club und betrat diesen durch den Hintereingang. Aaron hatte den Club vor 5 Jahren gekauft und seitdem war er der angesagteste Club in der Stadt. Er hatte großartige Leute eingestellt, und der Laden lief fast von alleine. Er schaute kurz im Personalbüro vorbei, unterschrieb ein paar Papiere und ging dann wieder runter.

Kalle war bereits mit seinem Gefolge im Club und Aaron sah gerade, wie Kalle Hanna begrüßte. Er kannte Hanna gefühlte 100 Jahre und steuerte ebenfalls auf sie zu, um sie zu begrüßen.

Doch dann erstarrte er, als er die Frau neben Hanna sah. Es traf Aaron wie ein Blitzschlag, sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft und binnen Bruchteil einer Millisekunde hatte er das Gefühl, als würde sich sein ganzer Körper schmerzhaft zu einem Mittelpunkt zusammenziehen und jemand würde ihm gleichzeitig die Beine wegtreten. Er stützte sich an einem Biertisch ab, da er vor Schmerz fast das Gleichgewicht verlor.

Wie magisch angezogen konnte er seine Augen nicht von ihr abwenden, alles um sie herum verschwamm zu einer grauen Masse und nur sie allein konnte er ganz klarsehen.

Aarons Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum, er erinnerte sich, dass Hanna Claudia gegenüber erwähnt hatte, dass sie ihre Freundin mitbringen würde. Sie hatte auch ihren Namen genannt, aber er konnte sich verfickt noch mal nicht erinnern. Das war für ihn zu diesem Zeitpunkt so unwichtig gewesen, wie das Thema zu Claudias Menstruationsbeschwerden, was daraufgefolgt war.

 Aus dem Gespräch heraus hatte er aber auch mitbekommen, das Claudia Hannas Freundin eingeladen hatte, und dass Hannas Freundin schon mehrfach bei Clubfeiern dabei gewesen war. Augenscheinlich möchte Claudia Hannas Freundin.

Fuck, er hatte sie aber noch nie gesehen -bis heute! Er konnte sie zwar nur von der Seite sehen und er hätte auch nicht in Worte fassen können, was ihn an diesem Mädchen so faszinierte, aber er war so aufgewühlt und jede Faser seines Körpers fühlte sich von dieser kleinen und eher unscheinbaren Person angezogen. Er verspürte dieses Verlangen nach ihr so hart und das Blut schoss in seinen Schwanz, der augenblicklich hart wurde.

Fuck, dachte Aaron.

Er fasste sich in den Schritt, um sich etwas Weite im Schritt zu verschaffen und stellte sich hinter den Biertisch. Er wollte lieber warten bis seine Schwellung ab klomm, dann würde er zu ihr gehen -mit dieser Beule in der Hose wäre es wohl eher peinlich.

 Weil er seine Augen nicht von ihr wenden konnte, sah er Phil erst, als dieser sich provokant vor ihm aufbaute.

„N`abend Ron, traust du dich nicht an Kalles Gefolge vorbei oder warum versteckste dich hier?“

Phil grinste ihn breit an und entblößte damit die fehlenden Zähne in seinem Mund.

Phil war dafür bekannt gerne und hart auszuteilen und genauso gut und gerne auch bei einer Schlägerei einzustecken -die fehlenden Zähne waren dafür Beweis genug.

„Mach dich aus meinem Blickfeld Phil und halt deine sau blöde Fresse. Oder noch besser, verpiss dich in das Loch, aus dem du gekrochen bist und quatsch wen anderes an, sonst hau ich dir die letzten Stumpen aus deinem Maul“, mit diesen Worten schob Aaron mit einem Arm Phil aus seinem Blickfeld.

„Da ist jemand aber mit dem falschen Fuß aufgestanden, oder hast du im Käfig endlich mal den kürzen gezogen und richtig eins aufs Maul bekommen?“, Phil ließ sich widerstandslos von Aaron zur Seite schieben.

Er war kein Kind von Traurigkeit und nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte, aber so doof konnte keiner sein, um sich ernsthaft mit Aaron anzulegen.

Phil wollte Aaron noch ein wenig aufziehen, aber etwas in dem Blick von Aaron sagte ihm, dass er es heute besser sein lassen sollte und entschied sich deshalb lieber zur Theke zu gehen, um sich noch ein Bier zu gönnen.

-3-

Als Nelly sich umdrehte und diesen Fremden sah, schob er gerade einen Typen vor sich zur Seite. Nelly traf es wie ein Schlag, ihr Herz raste und ihre Hände wurden feucht, und sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde ihr aus der Brust springen.

Hatte sie heute Vormittag noch das Bedürfnis gehabt sich vom Wind forttragen zu lassen, so sehr sehnte sich jetzt jeder Teil ihres Körpers, einfach hier in seiner Nähe zu verweilen.

Nelly registrierte im Bruchteil einer Sekunde, wie gut er aussah, wie geschmeidig und kraftvoll seine Bewegungen waren und was für eine wahnsinnige Ausstrahlung er hatte.

Sie war sich sicher, dass sie ihn noch nie vorher in ihrem Leben gesehen hatte, aber alles an ihm erschien ihr vertraut, so vertraut das sein Anblick sie schmerzte. Es war so, als würde sie nach Jahren einen längst verloren geglaubten über alles geliebten Menschen wiederfinden.

Ihre Blicke trafen sich und Nelly war sich sicher, dass ihr Herz nun endgültig aufgehört hatte zu schlagen. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie etwas begehrt, aber jetzt und hier wusste sie, was sie wollte, sie wollte ihn. Ihr Kopf, Geist und Körper wussten um diese Tatsche und dies traf sie wie ein weiterer Schlag.

Plötzlich wurde Nelly geschüttelt und sie sah Hanna, die augenscheinlich etwas zu ihr sagte. Sie sah, dass sich der Mund von Hanna bewegte, aber sie hörte keine Worte aus ihrem Mund kommen, sie hörte nur ihr eigenes Blut in ihren Ohren rauschen. Es dauerte einen Moment bis sie wieder im hier und jetzt auftauchte.

„Hör auf mich zu schütteln“, fauchte sie ungewöhnlich ärgerlich Hanna an.

Hanna lies Nelly abrupt los.

„Fuck noch mal Nelly, du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hast. Du hast dein Bierglas fallen lassen, guck dir mal meine Schuhe an. Was zum Teufel ist los mit dir?“, fragte Hanna ärgerlich.

Doch Nelly starrte Hanna nur an und bevor Nelly antworten konnte, hörte sie die Stimme, die ihr eine süße Briese über den ganzen Körper jagte.

„Hi Han. Guter Job letzte Woche.“

Hanna drehte sich zu Aaron um und absolut ungewöhnlich in diesen Kreisen, nahm Hanna ihn in den Arm.

„Ohne dich hätte ich es nicht geschafft, das ist dir klar, oder?“ raunte Hanna Aaron in sein Ohr.

Er nickte und lies dabei seinen Blick nicht von Nelly, die wie festgewachsen hinter Hanna stand.

„Kein Ding -ich hoffe, du verpasst nicht die Gelegenheit das Gleiche für mich mal zu tun“, antwortete er mit dem süßesten Lächeln, das Nelly je gesehen hatte.

Er schob vorsichtig Hanna von sich.

„Möchtest du mir nicht deine Freundin vorstellen?“, fragte Aaron mit dieser tiefen rauchigen Stimme und schaute dabei immer noch Nelly tief in die Augen.

Hanna drehte sich zu Nelly herum und schaute irritiert Nelly und Aaron an. Die beiden standen sich jetzt gegenüber –nur sie stand noch halb zwischen ihnen. Hanna spürte fast körperlich das Knistern, das in der Luft lag und sie trat automatisch einen Schritt zur Seite.

Und noch bevor Hanna etwas sagen konnte, ging Aaron noch einen Schritt auf Nelly zu und streckte ihr die Hand entgegen.

„Hi, ich bin Aaron, aber alle nennen mich hier Ron.“

Nelly war von Aarons blauen Augen gefangen und sie konnte und wollte ihren Blick nicht von ihm lösen. Automatisch streckte sie ihre Hand Aaron entgegen und dieser ergriff sie mit seinen großen gepflegten warmen Händen.

Nelly spürte, wie die Gänsehaut ihr bei der Berührung über den Körper lief. Sie wollte diese Hand nie wieder loslassen und erst recht nicht das, was an dem Ende dieser Hand hing. Seine Wärme durchströmte sie und sie merkte wie die Hitze in ihr aufstieg. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so lebendig und wohl gefühlt hatte.

Er stand so nah bei ihr, dass sie seine Körperwärme wie eine Umarmung spürte, sein köstlicher Duft umhüllte sie wie ein Mantel. Nelly fühlte sich wie in einem dieser herrlich kitschigen Liebesfilme und wollte, dass es nie enden würde.

Sie wusste nicht, wie lange sie so dort standen, bis Hanna sagte:

„Das ist Nelly -und ich würde mich freuen, wenn du sie auch Nelly nennst und sie ist meine beste Freundin.“

Hanna räusperte sich fast theatralisch: „Ich hoffe du weißt, was das für dich bedeutet Ron -oder?“

Aaron ließ seinen Blick immer noch nicht von Nelly ab: „Hallo Nelly. Wo hast du dich nur die ganze Zeit vor mir versteckt?“ und dabei zog er Nellys Hand an seine Lippen und küsste ihre Handinnenfläche.

Hanna glaubte ihren Ohren nicht, sie sah Nelly an, aber die stand wie verhext da und starrte Ron an.

So eine verfickte Scheiße hatte sie von Ron noch nie gehört, dachte Hanna, war das etwa seine Anmache?

Hanna überlegte kurz, eigentlich hatte sie ihn in all den Jahren noch nie eine Frau anbaggern sehen. Alles was sie von ihm kannte, waren die Weiber, die ihm wie läufige Hündinnen hinterherliefen und das waren jedes Mal nur Bettgeschichten für ihn.  Ron war einfach der Typ von Mann, dem die Frauen scharenweise hinterherliefen und sie war sich sicher, dass Ron noch nie eine Frau hatte zuerst ansprechen müssen.

Er behandelte Frauen zwar respektvoll, aber nicht wirklich liebevoll. Und so etwas wie eben, hatte sie noch nie bei ihm erlebt.

„Erde an Ron -du hast mich verstanden, du weißt, was das für dich bedeutet -SIE ist meine BESTE Freundin“.

„Sorry Han- sie ist mein Leben und meine Rettung, irgendwie schon immer gewesen.“

Hanna wollte laut loslachen, aber etwas ließ sie an dieser Situation verstummen. Entweder stand Ron unter Drogen oder sie hatte schon zu viele Biere intus. Aaron hielt immer noch Nellys Hand in seiner und Hanna war sich nicht sicher, ob Nelly ihn nicht loslassen wollte, oder ob Ron sie nicht mehr frei gab. Sie war sich auch nicht mehr sicher, ob sie Rons Worte akustisch richtig verstanden hatte -diese Situation war so surreal.

„Dann retten wir uns gegenseitig -ist das akzeptabel für dich…, Aaron?“ hörte sie Nelly mit leichter Stimme sagen und plötzlich war der Händedruck der beiden in ihren Augen ein Handschlag, der ein unwiderrufliches Versprechen besiegelte.

„Akzeptiert und versprochen, bis ans Ende der Welt“, gab Aaron zur Antwort,

„Akzeptiert und versprochen, bis ans Ende der Welt“ antwortete Nelly und beide lächelten sich an und lösten ihren Handschlag.

„Hey Han -ich besorge dir ein Bier und uns zweien einen Osbourne“, er zwinkerte Nelly an und verschwand Richtung Theke.

„Was zum Teufel war das???“ schrie Hanna Nelly an. Diese zuckte zusammen und schüttelte den Kopf, als wolle sie etwas aus ihrem Haar schütteln. Dann schaute sie Hanna verwirrt an: „Oh mein Gott, Hanna!“

Nelly holte tief Luft: „Sag mir bitte die Wahrheit, habe ich Aaron schon jemals getroffen, irgendwann einmal, vielleicht als ich mich mit Alkohol besinnungslos betrunken habe? Du bist meine einzige Freundin und wenn ich ihn schon einmal getroffen habe, dann bestimmt nur mit dir zusammen.“

Nelly sprach schnell und schaute Hanna verzweifelt und eindringlich an „Hanna, du musst mir das sagen“.

„Nein, ich glaube nicht, dass ihr schon einmal aufeinandergetroffen seid. Oder vielleicht doch, vielleicht habt ihr euch schon einmal gesehen, aber bestimmt nicht miteinander geredet. Ich habe keine Ahnung was das gerade war. Aber das solltest du mir erklären können, Nelly. Was zum Teufel war das gerade?!“

„Ich weiß es nicht -ich weiß es wirklich nicht. Es ist, als würde ich ihn ein Leben lang kennen und doch weiß ich augenscheinlich nichts von ihm. Ich bin total verwirrt und vielleicht sollte ich jetzt besser gehen.“

Nelly wurde auf einmal hektisch und schaute auf ihre Uhr. „Benno erhält gleich seine Medikamente und ich könnte Patrik entlasten. Wenn ich mir jetzt ein Taxi rufe, wäre ich rechtzeitig zu Hause.“

Nellys Gefühle spielten mit ihr Achterbahn und sie wollte hier nur noch weg -das Gefühl, dass sie Aaron gegenüber hatte, verwirrte sie und versetzte sie nun in leichte Panik.

Nelly hatte bereits ihre Jacke in der Hand, welche sie unter dem Tisch an einen Haken gehangen hatte, als in diesem Moment Aaron mit 3 Gläsern auftauchte und diese auf den Tisch vor ihnen abstellte. Er gab Hanna wortlos das Bierglas und reichte dann Nelly das mit Eiswürfel gefüllte Osbourne Glas. Dann nahm er sein Glas und hielt es den Frauen entgegen:

„Auf uns und auf das, was unabdingbar geschehen wird“,

dabei schaute er Nelly an und Nelly merkte, wie unter diesem Blick all ihre Hektik, Panik und Unsicherheit verschwanden und sie lächelte zurück.

Hanna und Nelly nahmen auch ihre Gläser in die Hand und prosteten sich und dann Aaron zu. Er trank sein Glas in einem Zug aus, und stellte es dann in die Mitte auf den Tisch.

Kurz darauf knallte auch Hanna ihr leeres Bierglas auf den Tisch und Aaron schaute Nelly herausfordernd an, doch Nelly nippte nur an ihrem Glas und stellte es dann vor sich ab. Aaron lächelte sie an und zog dabei eine Augenbraue hoch.

,Mein Gott, ´ dachte Nelly, ,was für ein Blick´. Sie wusste nicht, ob sie rot wurde, aber es fühlte sich für sie definitiv so an und deshalb schaute sie schnell weg. ,Ich benehme mich wie ein verliebtes Schulmädchen` spottete sie über sich selbst und hing ihre Jacke wieder an den Haken unter den Tisch. Nein, sie hatte plötzlich doch noch keine Lust nach Hause zu fahren und sie wusste ja, Benno war gut versorgt.

Die Stimmung im Club wurde immer ausgelassener und Nelly genoss dieses Gefühl, wohl den attraktivsten Mann aus dem Club an ihrem Tisch zu haben. Sie schaute sich um und sah die Blicke der anderen Frauen, wie sie Aaron beobachten und sich in Position warfen, wenn sie glaubten, er würde zu ihnen hinüberschauen. Nelly war erstaunt, dass es Aaron hingegen offensichtlich total egal war, wer ihn hier anhimmelte.

Frauen, die an dem Tisch vorbeikamen, beachtete er so gut wie gar nicht, oder nickte ihnen nur kurz zum Gruß zu. Er ignorierte es, wenn sie bei ihm stehenblieben und ganz offensichtlich mit ihm ins Gespräch kommen wollten. Es kam Nelly so vor, als ob er das alles gar nicht bemerken würde oder wollte, wie zum Beispiel die Gruppe junger Frauen, die ihm die ganze Zeit Blicke zuwarfen und sich ganz offensichtlich über ihn unterhielten.

Sie tanzten aufreizend immer wieder nahe an ihrem Tisch vorbei, aber Aaron sprach mit Hanna oder seinen Kumpels, und schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Aber immer wieder suchte er ihren Blick, und wenn sich ihre Blicke trafen, dann stand die Zeit kurz still und es gab nur Aaron und Nelly. So glücklich Nelly dies auch machte, so sehr verwirrte sie aber auch Aarons Aufmerksamkeit. Was wollte so ein Typ Mann von ihr, wo er doch augenscheinlich hier alle haben konnte.

Nelly lächelte in sich hinein, nein, Hanna nicht -da war sie sich sicher. Auch wenn die beiden wohl eine sehr enge Bindung zueinander hatten, so konnte sie keine Gegenseitige Anziehung bei den beiden feststellen.

Nelly spürte bereits den Alkohol und sie konnte gar nicht sagen, wie viele Drinks sie bereits hatte, denn Aaron brauchte nur seine Hand zu heben oder einem der Kellner oder Kellnerinnen zunicken und wie durch Zauberhand hatte Nelly ein volles Glas Osbourne vor sich stehen.

Nellys Beine wurden langsam schwer und sie wollte gerade Hanna fragen, ob man nicht noch so einen Barhocker ergattern könnte, als Aaron sich umdrehte und wortlos vom Tisch ging. Sofort zog sich Nellys Herz schmerzhaft zusammen und sie geriet in Panik, er kann doch jetzt nicht so einfach verschwinden, dachte Nelly. Aber dann stellte Nelly erleichtert fest, dass er nur an den Nebentisch ging. Hier sprach er mit 2 Typen und Nelly beobachtete, wie die beiden von ihren Hockern aufstanden und diese Aaron zur Verfügung stellten.

Aaron nahm je einen der schmiedeeisernen Barhocker in eine Hand und trug sie zu Nellys Tisch herüber, als würden die Hocker nichts wiegen. Nelly konnte dabei ihren Blick kaum von seinen Oberarmen wenden und beobachtete faszinierend die Adern auf seinen Muskeln.

„Es ist eindeutig ein Vorteil hier Inhaber zu sein“, Hanna deutete auf Aaron. Nelly schaute sie verwirrt an.

„Die Hocker -Ron gehört der Laden, wenn der sitzen will, nimmt er sich die Hocker, oder wo starrst du hin?“

Doch Hanna schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten, denn sie grinste und hob den Daumen in Aarons Richtung. Als er mit den beiden Barhockern an den Tisch trat, stellte er sie fast nebeneinander und bot Nelly einen davon an.

Nelly war echt froh sich setzten zu können und Aaron setzte sich ganz dicht neben sie. Er spreizte eine Beine leicht, so das eins seiner Kniee Nellys Knie berührte und ein Stromschlag lief durch Nellys Körper.

,Es ist total verrückt, wie ich auf seine Anwesenheit und Berührung reagiere‘ dachte sie verwirrt. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie nur noch Knie, spürte die Berührung von Aaron als wären sie an diesem Punkt verbunden, so stark, dass sie glaubte ihr Knie nie wieder von seinem Lösen zu können.