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Die Besteigung eines Neuntausenders? Unmöglich? Nein! Nicht, wenn der Mt. Everest vom tiefsten Punkt der Erde aus in Angriff genommen wird. Das Tote Meer in Jordanien liegt 420 Meter unter dem Meeresspiegel, 9270 Höhenmeter sind es bis auf den höchsten Gipfel der Welt. Dies tat Geri Winkler. Dieser stand als erster Wiener und erster Diabetiker im Jahr 2006 auf dem Dach der Welt, doch ehe er das Basislager des Mt. Everest erreichte, hatte er schon eine monatelange Fahrrad-Tour durch halb Asien hinter sich. "In diesem Buch geht es um meine Erlebnisse, Begegnungen, Ängste, Hoffnungen, Schmerzen und Erfolgsgefühle. Es soll zeigen, dass es kaum Grenzen gibt, wenn der Wille stark genug ist, den ersten Schritt zu wagen...", sagt Weltenbummler Winkler selbst. Tausende Kilometer im Sattel des Fahrrades durch die Wüsten des Nahen Ostens und die Bergwelt Kurdistans, durch den Iran mit seinen Kulturschätzen und seinen gastfreundlichen Menschen, durch die Wüste Belutschistans und quer durch das quirlige Indien bis ins Himalaya-Massiv – all das ist Teil eines der großen Bergsteiger-Träume, der Aufstieg auf den Gipfel der Welt, und das Buch ein vielfältiges und farbenprächtiges Reise- und Berg-Abenteuer. Mehr als 8000 Kilometern im Sattel quer durch halb Asien folgten Hunderte von Kilometern auf Fußwegen in das Everest-Gebiet und die wochenlange Vorbereitung auf den Aufstieg mit mehreren Akklimatisationstouren in Höhen nahe der Todeszone. Auf der Route der Erstbesteiger Edmund Hillary und Tenzing Norgay, also von Nepal aus, erreichte Winkler am 20. Mai 2006 den Gipfel des Mt. Everest.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Impressum
1. Auflage
© egoth verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.
ISBN: 978-3-903183-13-1
ISBN E-Book: 978-3-903183-66-7
Lektorat: Mag. Pamela Obermaier | www.textsicher.at
Cover und alle weiteren Bilder: Privatarchiv Geri Winkler
Die im Buch dargestellten Karten basieren auf Basis-Informationen von openstreetmap
Grafische Gestaltung und Satz: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani
Druck: Riedel druck
Gesamtherstellung:
egoth Verlag GmbH
Untere Weißgerberstr. 63/12
1030 Wien
Österreich
VOM TIEFSTEN PUNKT DER ERDE
auf den Gipfel des
MOUNT EVEREST
GERI WINKLER
Dieses Buch wurde ohne Zusatz von Zucker erstellt,ist also bestens für Diabetiker geeignet!
Für Sylvia
mit der ich so vieleAbenteuer teilen darf
Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher.Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.
John Augustus Shedd
Vorwort von Dr. Kinga Howorka
Vorwort von Wolfgang Fasching
Von großen Träumen und kleinen Schritten
Eine Diagnose und die Macht der Dämonen im Kopf
Mit dem Turbo auf die Zinnen der Götter
Vom tiefsten Punkt der Erde auf den Gipfel des Mount Everest
Der erste Schritt
Mit dem Rad vom Toten Meer in den Himalaya
Aufbruch ins Ungewisse – Jordanien und Syrien
Durchs wilde Kurdistan – Türkei
Zauber des Orients – Iran
Gastfreundschaft im Schatten der Weltpolitik – Pakistan
Am Ziel vergangener Hippieträume – Indien
Den Himalaya im Blick – Nepal
Pfade zu den Bergen der Götter
Zu Fuß von Jiri in die Everest-Region
Expedition zum Endpunkt
Erste Schritte und der lange Weg zum Berg
Berührung mit dem Mythos Everest
Der Aufstieg auf den Gipfel der Welt
Rückkehr in die Zukunft
Auf dem Weg nach Hause
Zahlenspielereien – statistische Auswertung
Epilog
Ein Abenteuer mit Diabetes im Gepäck
Vorbereitungen für die Reise
Mein Diabetes-Equipment für acht Monate
Zahlenspielereien rund um den Zucker
Bin ich als Diabetiker an hohen Bergen im Nachteil?
Anhang A: Radstrecke vom Toten Meer nach Nepal – Tagesetappen
Anhang B: Detaillierter Ablauf der Expedition
Danksagung
Über den Autor
Es war vor mehr als einem Vierteljahrhundert, im Frühjahr, als Geri Winkler lässig in meine Ordination schlenderte und mir wild entschlossen verkündete, er wolle auf meine neu entwickelte Funktionelle Insulintherapie, kurz FIT, umsteigen. Normalerweise ging ich sehr behutsam vor, um mit meinen Patienten Vor- und Nachteile der neuen Therapie zu besprechen. Dies schien bei Geri Winkler nicht notwendig zu sein. Der Wechsel der Therapie war für ihn beschlossene Sache. Hatte ich da einen neuen Musterpatienten gewonnen? Kurz glaubte ich daran, aber eben nur kurz!
Schon wenige Tage später saß er in meiner Einführungsveranstaltung. Meist lasse ich bei den Patienten einige Zeit zwischen den einführenden Informationen und der eigentlichen FIT-Schulung verstreichen, bei der die Diabetiker selbst sehr aktiv mitarbeiten müssen, um ihre eigenen, ganz individuellen Behandlungsalgorithmen zu ermitteln. Geri bestand darauf, die FIT-Schulung gleich anschließend zu absolvieren. Er schien es eilig zu haben.
Wie jeden anderen Teilnehmer der Schulung fragte ich auch ihn, warum er denn von der einfach handhabbaren Konventionellen Therapie auf eine Behandlungsmethode wechseln wolle, die täglich mehrfaches Blutzuckermessen und auch häufigeres Spritzen erfordert. „Ich will auf einen Siebentausender, und das geht eben so schlecht mit der Konventionellen Therapie“, meinte er. Gut, ich hatte nicht viel Ahnung von Expeditionen in eisige Höhen, aber ich wollte die Herausforderung annehmen, denn ich war mir sicher, dass der funktionelle Insulingebrauch, bei dem die Patienten separat zum Essen Insulin spritzen und bei Bedarf spontan ihren erhöhten Blutzucker korrigieren können, die einzig geeignete Therapie für ein flexibles und außergewöhnliches Leben ist. Schließlich hatte ich meinen Diabetikern ja versprochen, dass es mit der von mir entwickelten Therapie möglich sein werde, ein normales und völlig freies Leben zu führen.
Da Geri so gut wie jeden Tag Sport betrieb und die Schulungswoche so lebensnah wie möglich verlaufen sollte, musste er auch während seiner diabetischen Neueinstellung täglich etwa 15 Kilometer laufen. Bald wurde mir auch klar, warum er es so eilig mit der Einschulung hatte. Schon zwölf Wochen später wollte er Richtung Pamir in Zentralasien aufbrechen, um dort auf hohe Berge zu klettern. „Und ein bisschen Zeit, um mich an die neue Therapie zu gewöhnen, werde ich ja doch brauchen“, stellte er fest.
Mit seinem neu erworbenen Wissen rund um den Diabetes, seinem komplexen Therapieplan und seinen relativ guten Blutwerten wusste er damals auch bei Ärzten Eindruck zu schinden. Sein erster Weg führte ihn zu einem völlig verdutzten Fliegerarzt, der ihm ein positives ärztliches Attest für den Erwerb des Sonderpilotenscheins für Paragleiter ausstellen sollte. Er bekam sein Attest und bestand auch die Prüfung zum Sonderpiloten.
Es ist nicht schwer, die Funktionelle Insulintherapie jungen Diabetikern zu vermitteln, da die Erfolge sofort erkennbar sind. Dies ist aber nur ein erster Schritt. Für eine komplexe und ganzheitliche Therapie ist es auch notwendig, Diabetiker darin zu schulen, ihren Blutdruck und ihre Blutfette, besonders das LDL-Cholesterin, eigenständig in Ordnung zu halten. Geri hat dies mit wechselndem Erfolg erlernt.
Er war nie ein Musterpatient, eher ein enfant terrible, dem traumhafte Abenteuer und Reisen immer wichtiger waren als traumhafte Blutzuckerwerte. Kein leichtes Spiel für die behandelnde Ärztin! Für ihn war meine neue Therapie von Anfang an vor allem ein Sprungbrett, um jene Freiheiten seines alten Lebens zurückzugewinnen, die ihm am Beginn der Krankheit durch die Konventionelle Therapie verloren gegangen waren. Trotz seines unkonventionellen und wenig kalkulierbaren Lebensstils ist es ihm gelungen, mit einigermaßen brauchbaren Blutzuckerwerten durch die Welt zu laufen und seinen Diabetes auch in den unzugänglichsten Ecken der Erde recht gut zu managen.
Drei Jahre nach unserer ersten Begegnung kam Geri freudestrahlend in meine Ordination und präsentierte mir seinen Gipfelerfolg an einem Siebentausender. „Geschafft, Ziel erreicht!“, dachte ich bei mir. Dass das erst der Anfang war, dass Jahre folgen sollten, die auch mich als Ärztin auf Trab hielten, konnte ich damals noch nicht ahnen.
Ein Leben als Diabetiker kann schwer sein, ein Leben als Modell-Diabetiker ist sicher nicht leichter. Geri legt ein Zeugnis dafür ab, was die Therapiekompetenz alles ermöglichen kann. Noch vor wenigen Jahren wäre dies für einen Typ-1-Diabetiker unvorstellbar gewesen. Danke, Geri!
Univ. Prof DDr med. Kinga Howorka, MMSc
MBA Applied Biomedicine, MSc Gender Med, MSc Preventive Med, Medizinische Universität Wien
Selbstverständlich kenne ich Geri Winkler. Ich kenne ihn als Höhenbergsteiger und als Weltenwanderer. Immer wieder taucht sein Name in den Medien auf, und immer wieder denke ich mir, dass es nicht davon abhängig bist, woher man kommt, sondern was man tatsächlich will und auch tut. Wien liegt nicht in den Bergen, seine Heimatstadt ist kein prädestinierter Ausgangsort dafür, um auf den Mount Everest zu steigen oder die „Seven Summits“ zu erklimmen.
Als ich aber gefragt wurde, ein Vorwort für sein nunmehr vorliegendes neues Buch zu schreiben, war ich etwas zurückhaltend. Um der Wahrheit die Ehre zu geben – so gut kenne ich Geri Winkler nun auch wieder nicht, um von gemeinsamen Erlebnissen berichten oder lustige Anekdoten preisgeben zu können.
Doch es gibt Gemeinsamkeiten in unseren Laufbahnen, weswegen es mich freut, an dieser Stelle ein wenig Platz eingeräumt zu bekommen, den ich gerne nutze.
Geri Winkler ist mit dem Fahrrad vom Toten Meer nach Nepal gefahren, dann folgte eine Trekkingtour in das Basislager des Mount Everest, dort hat er sich akklimatisiert und dann den Berg erfolgreich bestiegen. Was sich so einfach liest, ist ein Gewaltprogramm! Ich weiß, wovon ich rede. Als mehrfacher Race Across America-Finisher legte ich jedes Mal rund 5000 Kilometer zurück. Nun gut, ich hatte es bei meinen Nonstopfahrten etwas eiliger als Winkler, doch Strecke und Distanz lassen sich nicht verleugnen.
Auch ich stand auf dem Mount Everest und den weiteren sechs höchsten Bergen der Kontinente, den so genannten „Seven Summits“. Ich weiß, wie viel Organisation und Durchhaltevermögen, wie viel Planung und auch Ehrgeiz vonnöten sind, solch ein Projekt zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Man mag es glauben oder nicht – zu einem Berg musste ich zwei Mal aufbrechen. Während ich den Mount Everest im ersten Versuch im Mai 2001 bestieg, musste ich am Kilimandscharo einmal erkrankt umdrehen.
Geri Winkler gebührt allein aufgrund seiner Leistungen mein – und unser aller – Respekt. Doch Winkler hatte und hat ein Handicap, das ich nicht trage. Er ist Diabetiker und muss, wann immer er auf Reisen geht, sich darum kümmern, dass er seine Medikamente einnehmen und Spritzen setzen kann. Wenn man, wie er, über Monate hinweg unterwegs ist, wird dies ein nicht zu unterschätzender logistischer Faktor.
Steht eine Krankheit in Widerspruch zu einem aktiven, erfüllten Leben? Geri Winkler ist der beste Beweis, dass dem nicht so ist. Wir sollten uns an ihm ein Vorbild nehmen. Er lehrt uns, Herausforderungen anzunehmen und zu überwinden, unsere Träume zu Zielen werden zu lassen – und diese letztlich zu erreichen.
Sein Reisebericht vom tiefsten Punkt der Erde auf den höchsten Punkt der Welt war längst überfällig. Endlich liegt er vor. Ich freue mich schon auf die Lektüre.
Ihr Wolfang Fasching
Der kleine Junge, der von seinem Kinderzimmer auf die Zinnen der Götter blickt, in jungen Jahren an Felsen herumklettert und später zu den Bergen der Welt aufbricht – nein, das bin ich nie gewesen. Das Meer aneinandergereihter Häuserfronten in meiner Heimatstadt Wien, die Kinderspielplätze in den Parkanlagen und die Wochenendspaziergänge im Wienerwald ließen eine ganz andere Karriere erwarten. Ein streitbarer Anwalt? Ein nobelpreisverdächtiger Naturwissenschaftler? Egal – der kleine Geri war auf dem besten Weg, gleich beides zu werden. „Oberg’scheit“ nannten sie mich überall – dass das nicht unbedingt ein Kompliment war, erfuhr ich erst viel später.
An meine Zeit im Kindergarten kann ich mich nur dunkel erinnern. Das ist auch kein Wunder, denn der Gang, in dem ich diese zwei Jahre verbracht habe, war ja auch ziemlich dunkel. Dort musste ich jeden Tag „Strafe stehen“, keine Ahnung wofür. Positiv sind die Erinnerungen an mein zweites Kindergartenjahr. Da gab es nämlich in der Folgegruppe auch einen Schlimmen, der immer in den Gang abgeschoben wurde. So gestalteten wir das finstere Gemäuer zu unserem Spielplatz und hatten dort mehr Spaß als die Braven in den streng geführten Gruppen. Später verband mich eine lebenslange Freundschaft mit meinem Dunkelhaft-Kumpan.
Meine Volksschulzeit war von schlechten Noten in „Betragen“ geprägt. Darauf war ich nicht stolz – ich wollte in jedem Fach ein „Sehr gut“ haben und verstand beim besten Willen nicht, was es an meinem Benehmen zu bemängeln gab. Fotos aus diesen Tagen zeigen mich brav mit Krawatte in der ersten Reihe sitzend, die Hand zur fleißigen Mitarbeit erhoben. Immerhin hatte ich auch Verantwortung für meine Mitschüler zu tragen: Die falschen oder ungenauen Angaben unserer Lehrerin mussten durch lautes Herausrufen sofort korrigiert werden.
„Die Rax ist 2000 Meter hoch.“
„Nein, 2007 Meter“ – so ging es den ganzen Tag.
Mit den Buchstaben hatte ich es damals nicht so, als Mathe-Genie fühlte ich mich aber allemal und auch mit Globus und Landkarten war ich bestens vertraut. In der zweiten Klasse berechnete ich das Volumen von Schrauben, in der dritten tanzte ich mit Logarithmentafeln in der Schule an. Herr Wichtig war auf dem besten Weg, wunderlich zu werden.
Abhilfe? Die Familie verbrachte den Sommerurlaub auf einem Kärntner Bauernhof – das sollte den Stubenhocker auf andere Gedanken bringen: über Wiesen laufen, die Kühe beim Melken beobachten, im Heustadl herumturnen, den herrlichen Badesee genießen. Während die anderen Kinder munter durch Gebälk und Heuhaufen tobten, saß ich im Gang vor den Gästezimmern und grübelte über Rechenaufgaben und Bevölkerungstabellen. „Komm doch raus ins Freie!“, hörte ich häufig. Einige Male ließ ich mich unwillig zu einem kurzen Rundgang durch den Stall überreden, eilte dann aber schnell zurück zu meinen Büchern. Ein schrulliger Einzelgänger war geboren!
War dem Kind noch zu helfen? Die Rettung kam aus London, genauer gesagt aus dem Wembley-Stadion. Wie jedes Jahr verbrachten wir auch den Sommer 1966 auf diesem Bauernhof, gemeinsam mit vielen Sommerfrischlern aus Deutschland. Wie es das Schicksal so wollte, schaffte es die Nationalmannschaft unseres Nachbarlands bis ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft, ins legendäre Endspiel gegen Gastgeber England. Alle wollten das Match sehen und pilgerten zum einzigen Fernsehgerät des Dorfes – und ich mit ihnen.
Das Spiel, die spannende Verlängerung, der umstrittene Lattenpendler von Geoffrey Hurst zum 3:2 – all das änderte mein Leben. Die Logarithmentafeln und Bevölkerungsstatistiken flogen ins Eck, König Fußball übernahm die Regentschaft. Zum Star des runden Leders reichte mein Talent bei weitem nicht, dafür konnte ich bald alle wichtigen Resultate seit Beginn der österreichischen Fußballmeisterschaften im Jahr 1911 rezitieren und mit deutschen Urlaubern über die drei Tore von Bimbo Binder gegen Schalke im Jahr 1941 diskutieren. Die Welt erstrahlte für mich von nun an in Grün-Weiß, den Vereinsfarben von Rapid Wien. Und da gab es auch noch das Blau-Gelb meines Döblinger Heimatvereins Vienna.
Die Verlagerung meiner Interessen spiegelte sich auch in den Schulnoten am Realgymnasium, selbst in Mathematik hatte ich das „Sehr gut“ nicht mehr abonniert. Einzig die Betragensnote blieb gleich, aber das hatte andere Gründe. Die Zerstreuungen städtischer Jugendlicher prägten meinen Erfahrungshorizont. Die Haare wurden länger, die Teilnahmen an politischen Demos häufiger, die Disco-Besuche exzessiv. Gerne hätte ich im Fußball etwas erreicht, aber außer einigen Einsätzen in der 1. Klasse der Wiener Unterliga und der Erinnerung an drei ausgeschlagene Schneidezähne ist von meiner Fußballkarriere nicht viel geblieben.
Und was ist geblieben aus den wunderlichen Tagen meiner Kindheit? Meine Liebe zu meinem alten Globus und die Begeisterung, vor aufgeschlagenen Atlanten aufregende Reiserouten rund um den Erdball auszutüfteln, das ist mir geblieben. Noch heute sitze ich oft vor den abstrakten Abbildungen fremder Welten und weiß, dass ich eines Tages dorthin aufbrechen werde.
Schon mit siebzehn Jahren war ich per Autostopp quer durch Europa unterwegs, im Laufe meiner Studienzeit klapperte ich mit Interrail und dem erhobenen Daumen am Straßenrand den halben Kontinent ab. Geschlafen wurde auf Wiesen neben Raststationen, hinter Heustadln und an Stränden, nur selten in Jugendherbergen. Für Flüge in die Ferne fehlte noch das nötige Kleingeld.
Nachdem meine Eltern eine Ferienwohnung am Attersee erworben hatten, entdeckte ich die Liebe zu den Bergen. Obwohl das Klettern an Felswänden und alpine Gletschertouren für mich viel spannender waren als das bloße Wandern, schaffte ich es wegen meiner Höhenangst doch nicht, eine gute Klettertechnik zu entwickeln.
Ein hervorragender Bergsteiger bin ich eigentlich nie geworden. Ich bin der Reisende, den die Lebensformen fremder Völker, die Wüsten, Meere, Wälder und auch die Berge ferner Länder faszinieren. All das wollte ich erkunden – das wurde zu meinem Lebenstraum! Schon in meinen Jugendjahren brach ich mit dem Rucksack in die Welt auf, erlebte in klapprigen Bussen die Faszination des Fremden. Bald reichte mir das nicht mehr. Ich wollte mich nicht mehr darauf beschränken, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einem städtischen Zentrum zum nächsten zu gelangen. Fremde Länder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bereisen, das war und ist für mich die intensivste Form der Begegnung, da erlebe ich die größte Freiheit. Wochenlang wanderte ich durch abgeschiedene Täler und kleine Dörfer, erlebte die Bewohner in ihrer Ursprünglichkeit und bestaunte die zu beiden Seiten aufragenden Berge. Immer wieder kam es mir in den Sinn:„Da will ich hinauf!“ Oft verhinderten einige Meter anspruchsvoller Kletterpassagen, dass ich zum Gipfel vordringen konnte. Aus diesem Grund befasste ich mich wieder mit dem Klettern, nahm an Kursen teil – eben als Mittel zum Zweck, um doch den einen oder anderen Gipfel erklimmen zu können.
Bevor ich mich nach dem abgeschlossenen Studium ins Lehrerdasein stürzte, wollte ich noch hinaus in die Welt – wie lange hatte ich davon geträumt! Sieben Monate durch Asien und Ozeanien, nicht durch Ziele und Termine eingeengt, das gesamte Hab und Gut auf dem Rücken. Ich wanderte durch die Hochtäler des Himalaya, blickte aus wenigen Kilometern Entfernung auf die Gipfelpyramide des Mount Everest und konnte bis in die steinzeitlichen Dörfer in den Bergwäldern Neuguineas vordringen. Ein Leben aus dem Rucksack, frei, abenteuerlich, einzig bestimmt durch die Gesetzmäßigkeit von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.
Doch bald sollte sich in meinem Leben vieles ändern!
Die Diagnose war schon der Hammer! Es war im Herbst 1984, ich war 28 Jahre alt und wurde erst seit wenigen Wochen auf die Schüler eines Wiener Gymnasiums losgelassen, um ihnen Mathematik beizubringen.
Anfangs war ich eigentlich gar nicht so erschüttert, als ich die Worte meines Hausarztes hörte: „Diabetes – zuckerkrank!“ Zum einen wusste ich in diesem Moment recht wenig mit dieser Diagnose anzufangen, zum anderen war ich erleichtert, keine schlimmere hören zu müssen. Innerhalb von nur vier Tagen hatte sich mein Sehvermögen derart verschlechtert, dass ich mich nicht mehr ohne Führung zurechtfand. Nach einer Untersuchung erfuhr ich von meinem Hausarzt, dass nicht eine Erkrankung der Augen an meinem Zustand schuld war, sondern der extrem hohe Blutzuckerspiegel. Besser Diabetes als Blindheit, das war für mich klar!
Wenige Stunden später war ich im Krankenhaus, die nötigen Labortests wurden durchgeführt. Im Arztzimmer wurde die Erstdiagnose bestätigt und ich erfuhr mehr über meinen neuen Lebensbegleiter: Die folgenden Wochen sollte ich im Spital verbringen, mein ganzes Leben würde ich an der Nadel hängen, um das notwendige Insulin zu spritzen, mein Lebensstil und -rhythmus müssten sich radikal ändern. Nun, das alles klang nicht gerade verheißungsvoll, was mich aber wirklich „knickte“, war der Tonfall, in dem mir das alles mitgeteilt wurde. Der sicher gutgemeinte Versuch persönlicher Anteilnahme an meinem Schicksal durch Sätze wie „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie zu einem der wenigen Fälle gehören, die unter Diabetes Typ 1 leiden.“, warf mich total zurück. In meinem bisherigen Leben hatte ich nicht viel von Regelmäßigkeit gehalten, ich liebte die dauernde Abwechslung. Ich war sieben Monate durch die Welt getingelt, ohne dabei eine geplante Route verfolgt zu haben, die abenteuerlichste Zeit meines Lebens lag gerade einmal drei Wochen hinter mir. Nun sollte das alles vorbei sein?
Weiße Wände, weißes Bettzeug – die Sterilität des Krankenzimmers hatte mich endgültig gefangen genommen. Die ersten Tage waren ja noch recht abwechslungsreich gewesen. Da lag zwar diese unheilvolle Diagnose im Raum, aber sie war noch nicht wirklich in meinem Kopf angekommen. Zum Nachdenken blieb auch nicht viel Zeit, weil ich von Untersuchung zu Untersuchung geschickt wurde und dauernd Besuch bekam – da fiel es leicht, das „Andersgewordensein“ vor mir herzuschieben.
Nun hing ich aber seit einigen Stunden an dieser Dauerinfusion, die mich ans Bett fesselte und durch die mir Insulin ständig in winzigen Dosen zugeführt wurde. Auf diese Weise wollte man meinen Insulinbedarf herausfinden. Davonlaufen war nicht mehr möglich - auch nicht vor mir selbst! Drei Tage sollte diese Prozedur dauern. Ich wünschte mir, dass die Minuten schneller verrinnen würden, Schluss mit diesem Ruhighalten, aber die Zeiger der Uhr blieben ihrem Takt treu. Schäfchen zählen – das ging bis 30 gut, dann ließ ich es wieder bleiben. Ich konnte ja doch nicht schlafen, so mitten am Tag.
Das Warten brachte mich zum Grübeln. Ich verschränkte die Hände unter meinem Kopf, blickte hinauf zur Decke. Sie war weiß wie alles hier im Raum, weiß wie eine Leinwand. Da gab es noch diesen Film, der nur in meinem Kopf existierte, der erst vor wenigen Wochen entstanden war. Unscharf entstanden Bilder einer fremden Welt, nahmen vor meinen Augen Konturen an, reihten sich in einen logischen Ablauf – ein Film aus den Tagen der Freiheit:
Den ganzen Tag war ich von Bäumen, Moos und Wurzeln umgeben gewesen, bin durch knöcheltiefen Schlamm gewatet. Jetzt ist es licht über mir geworden, ein kleiner See liegt vor mir. Das Sonnenlicht des herannahenden Abends verwandelt die Wasseroberfläche in tanzende Goldplättchen. Im grünen Dickicht rund um den See erwachen die Urkräfte des Lebens. Vogelschreie durchbrechen die Stille. Die Lebendigkeit des Waldes umgibt mich nun und ich kann sie doch nicht sehen. Irgendwo brechen Äste – vielleicht ein Wildschwein oder ein Baumkänguru, das die Flucht ergreift. In der Luft mischt sich der stechende Geruch von Fäulnis mit jenem frisch erblühter Blumen.
Ich sauge die Idylle in mich auf, bleibe sitzen und verweile ein wenig. Der Zauber dieses Platzes ist verführerisch – und trügerisch. In weniger als einer Stunde wird sich dieses Paradies von seiner düsteren, geheimnisvollen Seite zeigen.
Wir haben noch keinen Rastplatz für die Nacht gefunden. Nicht der leiseste Hinweis auf menschliche Existenz – seit Stunden. Da war nur dieser schmale Pfad, dem wir den ganzen Tag lang gefolgt sind. Ich habe ihn kaum erkennen können. Nur meine einheimischen Begleiter konnten ihn lesen – die geknickten Äste, die Spuren eines Machetenschlages. Und dieser Pfad gibt Hoffnung, dass es hier im Wald doch noch andere Menschen gibt. Irgendwo! Irgendwo entlang dieses verwachsenen Weges!
Andere Menschen, eine urzeitliche Kulturinsel inmitten dieser wilden, alles dominierenden Natur, das Flackern eines Feuers, einige Süßkartoffeln, die darin garen, das Gewirr von Stimmen – das ist die Geborgenheit, nach der ich mich jetzt sehne.
Einer meiner Begleiter wiederholt immer wieder, dass es nicht mehr weit sein kann, dass wir bald die Hütten seiner Verwandten erreichen müssten. Er vermutet es nur, denn er kennt diesen Teil des Waldes nicht. Ahnungslos und zielstrebig folgen wir dem kaum sichtbaren Faden menschlicher Spuren, der sich durch den unbekannten Wald am Laiagam-Fluss zieht.
Angst hat meine drei Freunde auf diesen verwachsenen Pfad in die Berge, hoch über allen Tälern und Dörfern, getrieben. Sie sind Schüler einer von österreichischen Entwicklungshelfern geleiteten Holzverarbeitungsschule in Wanepap, einem winzigen Dorf im einem wenig erforschten Teil Papua-Neuguineas. Dort habe ich sie kennengelernt. Ein Todesfall in der Familie hat sie gezwungen, in ihr Dorf südlich des großen Laiagam-Dschungels zurückzukehren. Auf den Hauptwegen tobt seit Monaten ein erbitterter Stammeskrieg, der jeden das Leben kostet, der sich von den über das gesamte Gebiet versprengten Kämpfertrupps erwischen lässt. Nur der kaum begangene Weg über die mehr als 3000 Meter hohen Berge erschien den jungen Burschen sicher – für mich die Chance mich anzuhängen, einzutauchen in die Unwirklichkeit einer den Menschen gnadenlos trotzenden Natur. Der Zauber, die Härte, die Fremdartigkeit dieses Waldes passen vollkommen zum Wesen dieser Insel, auf der mir immer mehr das Bewusstsein verloren geht, mich noch in der realen Welt zu befinden.
Selbst die Angst hat in dieser fremdartigen Umgebung etwas schattenhaft Unwirkliches an sich. Wie ein Geisterwesen greift sie aus dem Nichts nach mir, stoppt mich – für Augenblicke. Ich kann hier selbst die Angst nicht mehr als wirklich begreifen, gehe durch sie hindurch wie durch ein Trugbild. Die grasbewachsene Hochfläche, der immer gleiche Trott im knöcheltiefen Schlamm – und dann dieser Einschnitt, wie mit einem riesigen Messer in die gleichförmige Landschaft hineingezogen. Sie ist 15, vielleicht 20 Meter tief – die schmale Schlucht des Laiagam. Ein einziger Baumstamm führt über diesen Abgrund – nicht behauen, rund und nass, Teil einer Realität, die für mich längst zum Spiel geworden ist. Einen Augenblick nur halte ich inne, ich bleibe nicht stehen, gehe weiter, nehme den schlammigen Pfad auf der anderen Seite der Schlucht wieder auf – ohne zurückzublicken. Kein Erschaudern, kein Durchatmen, kein Begreifen!
Und nun gab es aber noch diese Ängste, die nahe bei meinem Krankenbett lauerten. Sie waren anders, nicht laut, nicht erschreckend. Sie gaben mir Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen. Ruhig umlagerten sie mich und drangen in meine Gedankenwelt ein. Zukunftsängste – entstanden durch den Katalog an Geboten und Verboten, der mir mit der Diagnose anvertraut wurde, verstärkt durch die mitleidvolle und erschütterte Anteilnahme meines Umfeldes.
Konnte ich durch diese Ängste hindurchgehen, wie damals an der Schlucht des Laiagam? Solange ich noch im Krankenhaus bleiben musste, würde ich da und doch nicht da sein, würde auf meiner fernen Insel bleiben und die Vergangenheit genießen, die ja doch viel schöner war als das Hier und Jetzt in jenen Tagen.
Ich vermisste sie, die Spontaneität dieser Tage und Wochen im Busch, als nur der Aufgang der Sonne und ihr Untergang mir Grenzen gesetzt hatten. Niemand im Krankenhaus wollte mir diese Spontaneität wiedergeben. Regelmäßige Mahlzeiten, einheitliche Rationen, pünktliches Verabreichen der Insulinspritze – das alles lernte ich dort in Kursen: Tage, die so regelmäßig sein werden, dass sie in ihrer Gleichförmigkeit ihr Antlitz verlieren, sich zum Verwechseln ähnlich werden – ja, mit solchen Tagen „darf“ ich alt werden.
Vom Diabetes hat vermutlich schon jeder gehört, nur wenige wissen aber, was dabei im Körper abläuft und mit welchen Gefahren diese Krankheit verbunden sein kann. Da mein Diabetes mir lebenslange Treue geschworen hat und auch bei allen meinen Abenteuern an meiner Seite bleiben wird, ist es an der Zeit, einiges über meinen neuen Lebensbegleiter zu erzählen.
Diabetes mellitus, umgangssprachlich auch Zuckerkrankheit genannt, ist eine Stoffwechselerkrankung, die unbehandelt zu einem stark erhöhten Blutzuckerspiegel führt. Wie kommt es dazu?
Die in der Nahrung enthaltenen Kohlehydrate werden bei der Verdauung in Zucker umgewandelt. Der kleinste Zuckerbaustein ist Glukose – Traubenzucker. Die Glukose wird ins Blut aufgenommen und damit steigt der Blutzuckerspiegel, auch beim Gesunden. Im Blut ist der Energielieferant Zucker allerdings völlig wertlos, er muss in die Körperzellen gelangen. Für die Aufnahme der Glukose aus dem Blut in die Zellen benötigt der Körper das Hormon Insulin, welches in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Das Insulin wirkt wie eine Art Schlüssel, der die Zellen für die Glukose öffnet. Sobald die Zellen die Glukose aufnehmen und somit dem Blutkreislauf entziehen, sinkt der Zuckerspiegel wieder – bis zur nächsten Nahrungsaufnahme.
Im Allgemeinen werden zwei Haupttypen unterschieden: Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2. Gemeinsam ist diesen beiden Typen das Symptom des erhöhten Blutzuckerspiegels. Betrachtet man die Ursache des hohen Blutzuckers, sind das aber zwei völlig verschiedene Krankheiten. Es gibt noch mehrere Sonderformen des Diabetes mellitus, die sich aber alle einer der beiden Haupttypen zuordnen lassen.
Mehr als 90 Prozent der Diabetiker leiden am Typ-2-Diabetes, der früher auch Altersdiabetes genannt wurde. Ursachen sind familiäre Veranlagung, Übergewicht und Bewegungsmangel. Er tritt überwiegend bei übergewichtigen Menschen ab dem 40. Lebensjahr auf. Durch die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten trifft es aber immer häufiger auch junge Menschen, die an Typ-2-Diabetes erkranken. Diese Menschen können zwar Insulin produzieren, der Körper kann es aber nicht ausreichend nutzen. Die Zellen entwickeln eine Insulinresistenz, wodurch zu viel der Glukose im Blut verbleibt und nicht in die Zellen gelangen kann.
Diese Erkrankung entwickelt sich meist schleichend, man kann mit ihr oft jahrelang ohne Beschwerden leben, wobei aber der hohe Blutzuckerspiegel in der Zeit, in der er nicht behandelt wird, den Gefäßen, Augen, Nieren und Nervenleitungen irreversible Schäden zufügt. Oft wird Typ-2-Diabetes nur zufällig bei einer Blutabnahme entdeckt.
Von schleichend kann beim Typ-1-Diabetes, früher Jugenddiabetes genannt, keine Rede sein. Betroffen sind beim Auftreten dieser Krankheit meist jüngere, eher schlanke Menschen. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, die die körpereigenen insulinproduzierenden Zellen zerstört. Der Körper bildet anfänglich zu wenig, später gar kein Insulin mehr. Dies führt dazu, dass die Zellen keine Glukose mehr aufnehmen können. Ohne Insulin kann der Mensch nur wenige Tage überleben. Daher muss sich der Typ-1-Diabetiker das fehlende Insulin von außen zuführen, sei es durch Spritzen oder durch Insulinpumpen.
Da ich selbst Typ-1-Diabetiker bin, werden sich alle weiteren Ausführungen zum Diabetes in diesem Buch auf den Typ 1 beschränken. Weil ich selbst meinen Diabetes mit Insulinpens, also der Spritzentherapie behandle, kann ich nur über diese Therapieform aus eigener Erfahrung schreiben.
Der Körper benötigt auch ohne Nahrungsaufnahme ständig eine minimale Insulinzufuhr. Ich kann natürlich nicht fortwährend im Abstand weniger Minuten winzige Mengen an Insulin spritzen. Für diesen nahrungsunabhängigen Insulinbedarf wurden Basalinsuline entwickelt, die zwar sehr langsam wirken, aber viele Stunden im Körper verfügbar sind. In meinem Fall ist das Basalinsulin 24 Stunden wirksam, ich injiziere es einmal täglich am Abend.
Sobald ich Speisen oder Getränke mit Kohlehydraten zu mir nehme, steigt mein Blutzucker schnell an. Daher brauche ich für die Nahrungsaufnahme ein sehr rasch wirksames Insulin, das innerhalb weniger Minuten die Glukose im Blut den Zellen zuführt – das sogenannte Bolusinsulin – schnell, aber nur kurzzeitig wirksam.
Es bedarf mehrtägiger Schulungen, um zu erarbeiten, wie viel Basalinsulin mein eigener Körper benötigt, und wie viel Bolusinsulin ich beispielsweise für ein Stück Brot, für ein Kartoffelgericht oder einen Eisbecher benötige. Diese Insulinmengen sind individuell sehr verschieden, jeder Diabetiker muss seine eigenen Algorithmen finden. Es galt also herauszufinden, wie viel Basalinsulin mein Körper pro Tag benötigt, selbst wenn ich nichts zu mir nehme. Und es galt auch zu erarbeiten, wie viele Insulineinheiten (IE) an Bolusinsulin ich für eine Broteinheit (BE), das sind zwölf Gramm Kohlehydrate, benötige. Zum Glück war ich Mathe-Lehrer!
Um zu kontrollieren, ob die Insulintherapie auch wirklich zu Werten führt, die nicht viel höher als jene der Gesunden sind, kann heutzutage jeder Diabetiker seinen Blutzucker mit seinem eigenen Gerät schnell und unkompliziert messen. Ein kleiner Fingerstich, ein Blutstropfen auf den Teststreifen – ich mache das vier- bis sechsmal täglich.
Die Maßeinheit für den Blutzucker sind Milligramm pro Deziliter (mg/dl). Beim Gesunden liegt der mittlere Blutzucker bei 85 mg/dl, nüchtern niedriger, nach den Mahlzeiten deutlich höher. Für Diabetiker wird von den Ärzten eine mittlere Blutglukose von unter 150 mg/dl als Therapieziel angegeben. Tatsächlich dürfte der mittlere Blutzucker bei Diabetikern in Mitteleuropa bei etwa 200 mg/dl liegen, wie verschiedene Studien nachweisen.
Etwa vierteljährlich lassen Diabetiker im Labor ihren HBA1c-Wert bestimmen. Dieser Wert gibt an, an wie viel Prozent der Hämoglobin-Moleküle Glukose gebunden ist. Dies ist deshalb so spannend für Diabetiker, da dieser Wert Rückschlüsse auf die mittlere Blutglukose während der letzten acht bis zwölf Wochen zulässt. Bei Gesunden beträgt der HBA1c vier bis sechs Prozent, bei Diabetikern soll er unter sieben Prozent betragen.
Wo liegen nun die Gefahren eines Diabetikerlebens? Mein Körper ist keine Maschine und mein Insulinbedarf hängt nicht ausschließlich von der Menge an Kohlehydraten ab. Bei Ausdauersport sinkt mein Insulinbedarf, bei Stress oder Krankheit steigt er – und das sind nur einige der vielen Faktoren, die auf den Insulinbedarf Einfluss nehmen.
Es ist also nicht leicht, immer haargenau die richtige Menge an Insulin zu injizieren. War es zu wenig, steigt mein Blutzucker an. Hoher Blutzucker schmerzt nicht! Lebe ich aber lange Zeit mit stark erhöhten Blutzuckerwerten, handle ich mir damit über die Jahre hinweg irreversible Schädigungen an Gefäßen, Nerven, Augen und Nieren ein – die sogenannten Folgeerkrankungen des Diabetes. Lasse ich mehrere Insulinspritzen ausfallen, wird sich extrem hoher Blutzucker entwickeln, der dann unmittelbar lebensbedrohlich werden kann. Solch gefährlich hohe Werte entwickeln sich aber langsam über viele Stunden hinweg und sollten eigentlich unmöglich sein, wenn man mehrfach am Tag den Blutzucker misst und dann bei Bedarf mit Insulin korrigiert.
Es gibt aber auch eine Gefahr, von der der Diabetiker sehr schnell überrannt werden kann – die Hypoglykämie oder Unterzuckerung. Der Körper jedes Menschen benötigt immer einen bestimmten Glukosespiegel im Blut. Nie wird die gesamte Glukose in die Zellen abgeführt. Beim Gesunden regelt das der Körper selbst. Beim Diabetiker kann es aber durch eine unerwartet lange Sporteinheit oder durch falsche Berechnung eines Mittagessens vorkommen, dass er mehr Insulin im Blut hat als für den Abtransport der Glukose notwendig ist. Der Blutzucker fällt in diesem Fall stark ab, weit unter das Niveau der Gesunden – Wahrnehmungsund Bewegungsstörungen, kalter Schweiß und Zittern sind die Folge, im Extremfall sogar Bewusstlosigkeit. Das Problem bei der Hypoglykämie ist, dass sie sich sehr schnell, in nur wenigen Minuten entwickeln kann. Einziges Heilmittel: Man muss sofort schnell wirksame Kohlehydrate zu sich nehmen. Ich habe immer einige Plättchen Traubenzucker in der Hosentasche, und das nunmehr seit 35 Jahren.
Soweit mein kleiner Crash-Kurs in Sachen Diabetes! Von all dem wusste ich damals recht wenig, als ich im Krankenhaus über mein künftiges Leben mit dieser Krankheit nachdachte.
Die Bedeutung sportlicher Aktivität für Diabetiker wurde in den Schulungen stets betont. Das hörte sich vorerst gut an, klang dann jedoch eher nach Seniorengymnastik, für die ich mich noch zu jung fühlte. Joggen: ja, aber nicht zu lang und nicht zu kräfteraubend; schwimmen: ja, aber nicht allein; in die Berge gehen: ja, aber nicht zu weit weg vom nächsten Versorgungsposten – und schon gar nicht klettern! Es konnte mir zwar kein Arzt erklären, warum ich mit diesen so geliebten Freizeitbeschäftigungen als Diabetiker nun schlechter zu Rande kommen sollte, aber die dauernden Warnungen vor Blutzuckerschwankungen, Hypoglykämien und unsachgemäßer Insulinlagerung brannten sich bald auch in mein Denken ein. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wehrte mich gegen diese Gedanken, ich flüchtete mich in das Lesen abenteuerlicher Großtaten, aber letztlich hatte ich keine Chance. Kaum hatte ich das Insulinspritzen erlernt, ereilte mich bereits die erste Folgeerkrankung des Diabetes mellitus: Angstvolle Gedanken setzten sich in meinem Kopf fest und raunten mir zu, dass ich bei meinen sportlichen Aktivitäten und bei meinen Reisen Einschränkungen hinnehmen müsste – nur weil ich Diabetiker bin. Und wollte ich so leben wie früher, so bedurfte es, so meinte ich zumindest, einer gewaltig riskanten Mutprobe – nur weil ich Diabetiker bin.
Sobald ich so richtig begriffen hatte, was der Diabetes und seine Dämonen in meinem Leben anstellen wollten, begann ich mich jedoch mit Händen und Füßen zu wehren. Rückenwind bekam ich durch die trügerische Remissionsphase, von vielen liebevoll Honeymoon genannt. Das ist ein zeitlich begrenzter Zustand im ersten Jahr nach dem Auftreten der Krankheit, in dem sich die Bauchspeicheldrüse durch die Injektionen teilweise erholt und wieder halbwegs ordentlich Insulin produziert. Der Diabetes-Frischling braucht auf einmal ganz wenig Insulin von außen – wenn er viel Sport betreibt oft gar keines. Das war bei mir der Fall. Diese Phase ist zeitlich begrenzt, einige Monate, vielleicht sogar ein ganzes Jahr. Von „zeitlich begrenzt“, so wie es die Ärzte meinten, wollte ich jedoch nichts wissen, ich habe es ganz einfach verdrängt. „Geheilt!“, raste es mir so lange durch den Kopf, dass ich es bald wirklich glaubte. Ich lebte wieder wie in der Zeit vor der Diagnose – kein Insulin, viel Sport, nur hin und wieder Blutzuckermessungen. In diese Zeit fielen auch meine ersten Sechstausender-Besteigungen, der Chachani in Peru und der Chimborazo in Ecuador. Auch den höchsten aktiven Vulkan der Erde, den Cotopaxi, ebenfalls in Ecuador gelegen, konnte ich erklimmen.
Nach dieser Reise war aber Schluss mit lustig! Honeymoon over! Die hohen Blutzuckerwerte in den letzten Tagen meines Aufenthaltes in Südamerika ließen Böses erahnen. Die Realität hatte mich eingeholt, ich hing wieder an der Nadel.
Und wieder setzten sich die Dämonen in meinem Kopf fest – trübe Gedanken, wie es in meinem Leben weitergehen sollte. Sie lähmten meine Entschlusskraft, sie wirkten auf meinen Körper ein, sie beeinflussten ihn so stark, dass ich ihnen schließlich recht gab. Ein normaler Campingurlaub quer durch Griechenland wurde fast zum Stolperstein. Drastische Blutzuckerschwankungen, und das, obwohl die griechische Kost relativ leicht zu berechnen ist – ich war ganz im Bann der Blutzuckerwerte in Form von Zahlen und haderte damit, dass ich nicht einmal einen Campingurlaub in Griechenland ohne Probleme schaffen konnte. Wie sollte das nur weitergehen? Sollte es im Laufe der Jahre vielleicht noch schlimmer werden? Bliebe dann nicht ein bisschen wenig vom Leben übrig? Rebellion, Flucht, kleinlautes Akzeptieren des düsteren Regelwerks – ein Wechselbad der Emotionen!
Irgendwann begriff ich, dass ich selbst tätig werden musste, dass ich das Leben mit meinem Begleiter Diabetes nicht einfach ertragen brauchte, dass ich es aktiv gestalten konnte – nach meinen Wünschen und Träumen. Aufbruch! Mir war klar, dass es ein Weg ohne Geradlinigkeit, ein Weg mit Hindernissen und Rückschlägen werden würde.
Von allen Neujahrsvorsätzen in meinem Leben habe ich keinen wirklich durchgehalten. Dennoch fasste ich einen neuen. Am 1. Januar 1987 beschloss ich, es noch einmal zu versuchen, mein Leben in die von mir gewünschte Richtung zu lenken. Ich war bereit, einiges dafür zu tun, wollte mich auf die Suche nach meinem verlorenen Körper machen. Ich begann mit konsequentem Lauftraining, um körperliche Ausdauer aufzubauen.
Bisher war ich regelmäßig fünf bis sechs Kilometer gelaufen, und das recht schonend, um eine Unterzuckerung in jedem Fall zu vermeiden – streng nach Vorschrift. Mehr sei nicht drin für einen Diabetiker, hatte man mir gesagt – die körperlichen Reaktionen seien zu unzuverlässig.
Schon nach wenigen Wochen bemerkte ich, dass ich ohne weiteres 15 Kilometer durchhalten konnte, und das in immer zügigerem Tempo. Als ich dann im März bereits 30 Kilometer ohne Probleme bewältigte, beschloss ich, die Nennung für den im April 1987 stattfindenden Vienna City Marathon abzugeben.
Nun sollte es also über 42 Kilometer im größtmöglichen Tempo gehen, und da wollte ich doch noch medizinischen Rat einholen. Gefühlsmäßig wusste ich, dass ich meine Insulindosis reduzieren musste, aber bei keiner Schulung erhielt ich Auskunft darüber, in welchem Ausmaß man dies bei einer solchen Laufveranstaltung machen müsste. Ich rief meinen Arzt in der Klinik an und erzählte ihm, dass ich am darauffolgenden Sonntag den Wien-Marathon bestreiten würde und bat ihn um eine Dosisanpassung.
Seine Antwort war klipp und klar, ohne Umschweife meinte er: „Sie haben keine Chance, das zu überleben!“ Sein ärztlicher Einspruch kam aber zu spät, ich war fest entschlossen, am Rennen teilzunehmen, und schließlich hatte ich ja auch schon meine Nennung abgegeben. Er wollte mich dazu bewegen, mich von einem Sanitätswagen begleiten zu lassen und während des Rennens mehrere Blutzuckermessungen durchzuführen. Ich antwortete ihm starrköpfig, dass ich den Marathon wie jeder andere bewältigen wollte und auch in einer akzeptablen Zeit ins Ziel zu kommen hoffte. Da sah mein Arzt ein, dass er mich nicht von meinem Vorhaben abbringen konnte und empfahl mir etwas zähneknirschend, am Tag des Marathons nur die halbe Insulinmenge zu spritzen. Ich hielt mich an seine Anweisung, trieb kurz vor dem Start den Blutzucker mit einem Schoko-Riegel auf etwa 200 mg/dl hinauf, um Hypoglykämien für längere Zeit zu vermeiden. Ganz verhindern konnte ich sie aufgrund meiner Unerfahrenheit dann doch nicht. Da es aber entlang der Strecke ausreichend Kohlehydrate gab, lief ich den Marathon ohne wirkliche Probleme durch. Ich erreichte das Wiener Heldentor, die letzten Meter vor der Ziellinie. Die elektronische Zeitmessung über mir zeigte 3:22. Es war keine Spitzenzeit, sie lag gerade noch im ersten Drittel – und dennoch war es für mich in diesen Augenblicken eine Siegerzeit! Ein Sieg über düstere Prognosen, ein Sieg über die Endgültigkeit einer Behinderung, die eigentlich nur in meinem Kopf existierte!
Was hat sich nun durch das Erreichen der Ziellinie für mich verändert? Träume gegen Wissenschaft, mein altes Problem! Als ich nach der Diagnose meine Träume konsequent weitergelebt und die Wissenschaft ignoriert hatte, bekam ich meine Blutzuckerwerte oft wochenlang nicht in den Griff. Bei der Nennung für den Marathon standen erneut meine Träume gegen die Wissenschaft. Aber diesmal lag der Fall ganz anders. Die Warnungen der Ärzte mussten restriktiv sein, da sie mich nicht wirklich kannten. Sie mussten ein Worst-Case-Szenario im Blick haben, um alle Komplikationen, die für Diabetiker eintreten könnten, abzudecken. Das allgemeine Wissen der Fachleute stand nun nicht nur gegen meine Träume, sondern auch gegen das Wissen über meinen Körper, das ich – und eben nur ich – mir bei mehr als 1000 Laufkilometern angeeignet hatte. Und diesmal siegten meine Träume! Bei meinen folgenden Marathonläufen verschwendete ich nicht den geringsten Gedanken daran, dass ich sie als Diabetiker lief.
Eine Menge Selbstvertrauen brachte mir der Marathon, da ich ja etwas geschafft hatte, das man Diabetikern früher nicht zugetraut hatte. Als die Geschichte publik wurde, entstand ein richtiges Remmidemmi in den Kliniken und Selbsthilfegruppen, und ich bin stolz, dass ich damit etliche Nachahmungstäter auf den Plan gerufen habe.
Das Jahr 1987 hatte allerdings weit mehr zu bieten als einen erfolgreich bewältigten Marathon. Die Glückswelle, auf der ich nun schwamm, wuchs beträchtlich an, erfasste mein gesamtes Leben: Nur wenige Wochen nach dieser Laufveranstaltung erblickte mein Sohn Markus das Licht der Welt. Es gibt wohl kaum Momente, in denen die Emotionen intensiver sind.
Ich hatte nicht nur mein Leben wieder im Griff, es wurde mir ein neues noch dazu geschenkt! Markus hat fortan mein Leben unglaublich erweitert und bereichert. Ich versuche ihm zu zeigen, was das Leben alles zu bieten hat und lerne gleichzeitig so viel von ihm.
Was wollte ich jetzt eigentlich noch erreichen, wo wollte ich hin? Ich wollte einfach so leben können wie früher, wie in der Zeit vor meinem Diabetes. Ich hatte gelernt, dass ich das nicht blind erstürmen konnte, sondern mich langsam herantasten und herantesten musste. Schrittweise erkämpfte ich mir das Selbstvertrauen, auf abenteuerlichen Reisen meine verloren geglaubte Freiheit zu finden.
Eine wochenlange Wanderung führte mich mit drei Freunden auf einer seit langem nicht mehr begangenen Route durch die einsame Bergwelt Asiens, heraus aus der dampfenden Hitze Nordindiens über die Hauptkette des Himalaya in das kleine tibetische Königreich Zanskar. Die 5450 Meter hohe Passhöhe des Phirtse La markiert die Grenze zwischen diesen beiden Welten.
Ein kleiner Steinhaufen, vor langer Zeit von vorbeiziehenden Hirten aufgeschichtet, zerschlissene, im Wind wehende Gebetsfahnen – Zeichen tibetischer Gläubigkeit! Sie kündigen uns den Eintritt in eine andere Welt an.
Jeder von uns fühlt Erleichterung an diesem Wendepunkt unseres langen Weges. Ab jetzt geht es nur noch abwärts. Viele Pässe habe ich schon in meinem Leben überschritten. Dieser Pass ist aber der erste, der mich auf einem Fußweg von einer Weltkultur in eine andere führt. Aus dem Lebenskreis der Inder waren wir aufgebrochen, schon morgen werden wir Tibeter sehen, ihre Dörfer, ihre Lebenswelt.
Das Erreichen der Passhöhe des Phirtse La bedeutet noch mehr für mich – viel mehr! Während ich die Rast in der Mittagssonne genieße, laufen die vergangenen Tage wie ein Film vor meinen Augen ab. Es ist alles wie früher, wie in den Zeiten ohne Diabetes. Ich muss nicht länger meiner Vergangenheit nachlaufen, ich habe die Lebensqualität früherer Tage wiedergewonnen. Die Wehmut über den Verlust meiner lebensintensiven Vergangenheit hat hier in 5450 Metern Höhe endlich ein Ende gefunden – für immer. Zurückgefunden in meine eigene Zukunft!
