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Sie war eine prominente deutsche Geisel der türkischen Regierung: Als angebliche Terrorunterstützerin saß die Journalistin und Übersetzerin Meşale Tolu mit ihrem kleinen Sohn in Haft; danach wurde ihr die Ausreise aus der Türkei verweigert. Jetzt, wieder in Deutschland, berichtet sie über diese Zeit: über die Brutalität von Polizei und Justiz, das Alltagsleben in der politischen Gefangenschaft zwischen Hoffnung und Verzweiflung, ihren Kampf um Freiheit für ihre Familie und ihren Einsatz für die Pressefreiheit. Ein sehr persönliches Buch, das zugleich deutlich macht, wie das Regime in Ankara mit seinen Kritikern umgeht. "Was für eine Frau, was für ein Mut, was für eine Liebe." Die Welt
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2019
Meşale Tolu
Als politische Geisel in türkischer Haft – und warum es noch nicht zu Ende ist
Sie war eine prominente deutsche Geisel der türkischen Regierung: Als angebliche Terrorunterstützerin saß die Journalistin und Übersetzerin Meşale Tolu mit ihrem kleinen Sohn in Haft; danach wurde ihr die Ausreise aus der Türkei verweigert. Jetzt, wieder in Deutschland, berichtet sie über diese Zeit: über die Brutalität von Polizei und Justiz, das Alltagsleben in der politischen Gefangenschaft zwischen Hoffnung und Verzweiflung, ihren Kampf um Freiheit für ihre Familie und ihren Einsatz für die Pressefreiheit. Ein sehr persönliches Buch, das zugleich deutlich macht, wie das Regime in Ankara mit seinen Kritikern umgeht.
«Was für eine Frau, was für ein Mut, was für eine Liebe.» Die Welt
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2019
Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Umschlaggestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Umschlagabbildung SAHIN/EPA-EFE/REX/Shutterstock
ISBN 978-3-644-00373-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Seit sie meinen Mann vor drei Wochen verhaftet hatten, schlief ich schlecht. Auch in dieser Nacht stand ich gegen drei Uhr auf und lief ruhelos durch unsere Istanbuler Wohnung. Irgendwann legte ich mich dann doch wieder neben unseren kleinen Sohn Serkan, und mir fielen zum Glück die Augen zu.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, höchstens ein oder zwei Stunden. Plötzlich schreckte ich hoch. Vom Hausflur drangen Lärm und laute Stimmen zu mir, Tritte und dumpfe Schläge. Ein Krachen, wieder ein Krachen. Als wollte jemand unsere Türe aufbrechen. Jetzt hörte ich Männerstimmen brüllen: «Polizei! Mach die Türe auf! Mach auf!»
Ich sprang aus dem Bett, lief in den Flur und rief: «Ich mach ja auf, schreien Sie nicht so, es ist ein kleines Kind in der Wohnung!»
Dann schob ich den Riegel zurück. Im selben Moment krachte die Tür auf, ich sprang unwillkürlich zur Seite, um nicht verletzt zu werden. Dunkel gekleidete Männer mit schwarzen Masken vor dem Gesicht schoben sich in den Flur, zwei richteten ihre Maschinengewehre auf mich. Die Ziellampen an ihren Gewehren blendeten in der Dunkelheit meine Augen. Ich erkannte nur die Waffen. Sie drückten mich zu Boden und einer setzte mir sein Knie in den Rücken, um mich zu fixieren.
«Nein!», schrie ich, als die Männer in die Zimmer unserer Wohnung stürmten, «nicht dort hinein, da schläft mein Sohn! Bitte lassen Sie meinen Sohn in Ruhe!»
Aber schon drängten mehrere Männer mit hochgerissenen Maschinengewehren in unser Schlafzimmer.
«Mama, Mama, Mama!», hörte ich Serkans Hilferufe. Sein Schreien, sein Weinen waren so voller Angst und Panik, wie ich es noch nie gehört hatte. Kein Wunder! Er war nicht nur brutal aus dem Schlaf gerissen worden, er war völlig allein, ich war nicht an seiner Seite und um ihn standen furchteinflößende maskierte Männer mit Gewehren.
«Lassen Sie mich zu meinem Sohn! Sie hören doch, welche Angst er hat! Ich bin alleine mit ihm, es ist sonst niemand da!», rief ich.
«Wo ist denn dein Ehemann?», erhielt ich höhnisch zur Antwort. Wütend schrie ich: «Ihr habt ihn doch festgenommen. Was wollt ihr denn noch?» Statt einer Antwort schlug ein Maskierter meinen Kopf auf den Boden. Dann knurrte er: «Schrei uns nicht an. Hast du verstanden? Schrei uns niemals an!»
Sein Kumpan drückte sein Knie noch fester in meinen Rücken.
In diesem Moment rannte Serkan aus dem Zimmer auf den Flur. Schluchzend stürzte er direkt auf mich zu. Was hat er gedacht, als er mich so am Boden liegen sah und diesen maskierten Mann mit seinem Knie auf meinem Rücken? Serkan zitterte am ganzen Leib, er versuchte zu sprechen, aber brachte keinen Ton heraus. Er schluchzte und weinte nur, als er sich zu mir hinunterbeugte.
Die Maskierten hatten unterdessen die Wohnung offensichtlich so weit inspiziert, dass sie wussten: Mein Sohn und ich waren die einzigen Anwesenden. Der Vermummte auf meinem Rücken ließ los, und ich konnte Serkan in die Arme schließen. Unaufhörlich flossen seine Tränen, er konnte sich auch in meinen Armen kaum beruhigen.
Die Sondereinheit der Antiterrorabteilung, die ich an der Schrift auf ihren Westen als «TEM», Kampf gegen den Terror, identifizierte, begann nun mit einer systematischen Durchsuchung unserer Wohnung. Ich hielt Serkan auf dem Arm, wir klammerten uns fest aneinander und schauten fassungslos zu. Einer der Männer kam mit meiner Handtasche aus dem Schlafzimmer und fragte, ob die mir gehöre. Als ich bejahte, öffnete er den Reißverschluss und schüttete den Inhalt auf den Tisch.
«Wo ist dein Ausweis?», herrschte er mich an. «Ach hier. Meşale Tolu Çorlu. Was ist das für ein komischer Ausweis? Ist das ein Führerschein?»
«Nein, das ist mein deutscher Ausweis», erklärte ich.
«Wo ist dein türkischer Ausweis und dein Pass?», blaffte er, «du bist doch Türkin, du sprichst türkisch.»
«Ich habe keinen türkischen Ausweis. Ich bin deutsche Staatsbürgerin, auch wenn ich Türkisch sprechen kann.»
Nachdem sie mich identifiziert hatten, eröffnete mir einer der Maskierten, vermutlich der Einsatzleiter, die Staatsanwaltschaft Istanbul habe einen Haftbefehl gegen mich erlassen. Mir werde vorgeworfen, Propaganda für eine terroristische Organisation gemacht zu haben. Mehr wurde mir in diesem Moment nicht mitgeteilt. Auf meine Nachfrage herrschten sie mich an, dass ich weder Anwälte noch Familie benachrichtigen dürfe. Selbst die nächsten Verwandten nicht, damit sie auf meinen Sohn aufpassten. Ich war diesen maskierten Männern anscheinend ohne jede Rechte schutzlos ausgeliefert.
Ich kannte Bilder von Razzien, wenn wir in der Nachrichtenagentur darüber berichteten: Durchwühlte Schränke, umgeworfene Bücherregale, zerschlagene Türen, zerrissene Fotos und verstreute Papiere auf dem Fußboden. Meine Tür war bereits eingeschlagen, der Inhalt meiner Tasche ausgeleert worden. Jetzt würde also der Rest folgen, dachte ich mir.
In den letzten drei Jahren war ich häufiger in der Türkei und sah oft Berichte über Razzien, Festnahmen und Verhaftungen. Auch die Nachrichtenagentur ETHA, für die ich übersetzte und Interviews führte, berichtete von Übergriffen und Repressalien gegen oppositionelle Institutionen und ethnische Minderheiten. Als linke Nachrichtenagentur war ETHA selbst schon Opfer staatlicher Gewalt und Zensur geworden.
Aber wie grob und gewalttätig eine Razzia wirklich ablief, das spürte ich jetzt zum ersten Mal am eigenen Leibe. Es machte mir Angst, und noch mehr Angst hatte ich um Serkan, der zusehen musste, wie die Maskierten sein Zuhause zerstörten. Dass auf unseren schönen hellen Teppich, der seine Wiese und sein Spielplatz war, nun schwarze, dreckige Militärstiefel traten, brachte ihn aus der Fassung. Sie brachen in unser Leben ein und brachten es völlig unter ihre Kontrolle.
Und wie schutzlos wir den Blicken der Männer ausgeliefert waren! Wie ich mich bedroht fühlte! Nicht nur wegen meiner leichten Bekleidung, denn ich saß immer noch im Schlafanzug hier, mehr noch wegen meines Sohnes, den ich auf dem Schoß hatte. So wie wir uns gegenseitig hielten, meinten wir zwar, wir wären nicht allein und könnten uns gegenseitig schützen. Aber das war ja eine Täuschung. Serkan konnte mit einem Hieb zerschmettert werden – und war er nicht schon durch den nächtlichen Überfall zutiefst getroffen? Und ich war, mit ihm in meinen Armen, noch zerbrechlicher und angreifbarer als ohnehin, weil ich ihn beschützen musste und nicht einmal nachdrücklich meine Rechte einfordern konnte. Die Männer hätten sich an ihm rächen oder mich vor seinen Augen noch heftiger drangsalieren können. Ich musste alles daransetzen, dass es nicht noch schlimmer ablief.
Ich fühlte mich noch ohnmächtiger als vor drei Wochen. Da hatte ich, auch in den Morgenstunden, die Nachricht erhalten, dass mein Mann Suat festgenommen worden war.
Es war der 5. April 2017, als ich von der Verhaftung erfuhr, per SMS, denn Suat war für ein paar Wochen nach Ankara gezogen. Dort arbeitete er in der Zentralen Wahlkommission der Oppositionspartei HDP, der «Demokratischen Partei der Völker», die besonders stark in den kurdischen Gebieten der Türkei verankert war. Auf ihren erfolgreichen Widerstand gegen die Verfassungsreform hofften viele Kurdinnen und Kurden, aber auch viele Türken, die Erdoğan nicht die absolute Macht in die Hände legen wollten. Das vielleicht wichtigste Referendum in der neuesten Geschichte der Türkei war für den 16. April angesetzt.
Elf Tage vorher stürmten Sondereinsatzkommandos morgens um halb zwei die Wohnung von Suat und nahmen ihn fest. Seine Mitbewohner hatten mich sofort anrufen wollen, doch Suat bat sie, mich erst am Morgen zu informieren. Ich sollte die Nacht nicht in Angst und Schrecken verbringen müssen.
Ich wachte dennoch sehr früh an jenem Morgen auf, es war noch dunkel in unserer gemeinsamen Istanbuler Wohnung. Ich wollte mir nur in der Küche ein Glas Wasser holen und mich dann wieder hinlegen. Leise tat ich das, damit ich unseren Kleinen nicht aufweckte. Schläfrig griff ich nach meinem Handy, um zu schauen, wie spät es war. Das Display meldete eine Nachricht von Didar, einer jungen Frau aus Ankara und Mitbewohnerin von Suat. Eine Nachricht von ihr so früh am Morgen? Mein Herz pochte heftig, noch bevor ich begriff, dass es um Suat ging. Ich öffnete den Text und las: «Sie haben eine Razzia gemacht und Suat festgenommen!» Didar hatte entschuldigend hinzugefügt: «Ich hätte dich schon in der Nacht angerufen, aber Suat wollte, dass ich bis morgens warte. Es geht ihm gut, du sollst dir keine Sorgen machen.»
Mein Herz raste, Hitze- und Kältewellen jagten abwechselnd durch meinen Körper. Ich hatte als Journalistin schon öfter über Verhaftungen, über Prozesse, über Verurteilungen und über die Zustände in den türkischen Gefängnissen berichtet. Aber plötzlich war mir das türkische Sicherheitssystem erstickend nah gekommen. Ich weiß nicht, wie lange ich auf das Display gestiert habe. Ich weiß nur, dass mich der letzte Satz von Didars Nachricht, es gehe Suat gut, nicht erreicht hat. Der Satz war tröstend gemeint, er sollte mich beruhigen, mir zeigen, dass Verhaftungen in der Türkei ja nicht ungewöhnlich waren und dass Suat nicht misshandelt worden war, als sie ihn festgenommen hatten.
Aber der Trost beruhigte mein rasendes Herz nicht. Und die Kälte, die sich in meinem Körper ausbreitete und ihn lähmte, stoppte er nicht. Dann tauchten plötzlich Bilder der Freude vor meinen Augen auf, sie und die ganz anderen Bilder der Gewalt jagten abwechselnd und sich überlagernd durch meinen Kopf: Ich sah Suats lächelndes Gesicht, ich sah Freunde, die zusammengeschlagen auf dem Straßenpflaster lagen, ich sah Wasserwerfer auf Wehrlose zielen, Menschen, die im Gezi-Park tanzten und lachten und bunte Fahnen schwenkten, und Knüppelorgien der Polizei. Eine wild wechselnde Filmcollage aus Niedertracht und Hoffnung.
Als ich allmählich aus meiner Starre erwachte, suchte ich in meinem Adressbuch die Nummer von Gülhan Kaya heraus, einer befreundeten Anwältin. Aber natürlich ging sie nicht ans Telefon, es war ja erst kurz nach sechs. Trotzdem versuchte ich es wieder und wieder, und je öfter ich den Klingelton verhallen hörte, desto panischer wurde ich. Zum Glück kannte ich einige Anwälte, an die ich mich wenden konnte, und das Problem, jemanden finden zu müssen, blieb mir in diesen hektischen Morgenstunden erspart.
Ich suchte eine andere Nummer heraus, eine Kollegin von Gülhan, und hörte wieder, wie der Klingelton ins Nichts fiel. Beim dritten oder vierten Versuch nahm auf der anderen Seite doch jemand den Anruf an, Özlem Gümüştaş meldete sich mit verschlafener Stimme. Ohne Vorwarnung und ohne Entschuldigung sprudelte es aus mir heraus: «Hallo Özlem, ich bin es, Meşale. Suat wurde in Ankara festgenommen. Hat er euch versucht anzurufen? Wisst ihr was von einer Razzia? Gülhan geht nicht ran.»
Özlem hielt einen Moment inne, ich spürte, wie sie sich fasste, dann hörte ich ihre ruhige Stimme: «Uns hat noch niemand angerufen, Meşale. Aber wir werden uns darum kümmern, Gülhan wird sich bei dir melden, sobald wir mehr wissen.»
Özlems Stimme klang fest, und sie beendete das Gespräch mit der Mahnung, ich solle mich nicht verrückt machen. Aber der Aufruhr, der in mir tobte, legte sich nicht, meine Hände und Füße waren eiskalt geworden. Hätte ich doch mein Entsetzen herausschreien können, wenigstens durch das Telefon, und alle Menschen, die mir wichtig waren, wissen lassen können, was geschehen war! Aber ich hielt wie gelähmt das Handy in der offenen Hand und rührte mich nicht.
Irgendwann schaute ich hoch. Wo war ich überhaupt? Ich registrierte Möbel, die ich kannte, die offen stehende Tür zu unserem Schlafzimmer, den Flur, der zum Zimmer unseres Sohnes führte, in dem er noch schlief, das große Fenster, das zur Straße zeigte. Dann sah ich mich selber, wie ich hier hockte, im Wohnzimmer unserer Istanbuler Wohnung und anscheinend hoffte, dass das alles nur ein Albtraum sei, dass ich aufwachen und sich all der Schrecken in Luft auflösen würde und ich die furchtbare Nachricht aus Ankara einfach wieder vergessen dürfte.
Ich schlich zu Serkans Zimmer, leise, durch den noch dunklen Korridor, und wischte mir die Tränen ab. Vorsichtig und mit zitternden Händen öffnete ich und sah unseren Sohn friedlich schlummern. Ganz tief, ganz ruhig. Für einen winzigen Augenblick war ich getröstet, dann machte mir die friedliche Stimmung in diesem Zimmer plötzlich Angst.
Wenn Suat festgenommen worden war, warum hatten sie dann noch nicht unsere Wohnung durchsucht, dachte ich. Schließlich lebte er normalerweise hier! Ich eilte zum Fenster meines Schlafzimmers und versuchte, unauffällig die Straße zu inspizieren. Wenn sie schon draußen standen? Wenn sie schon aufmarschiert waren? Wenn sie jetzt an der Tür klingeln würden? Ich konnte durch die geschlossene Gardine nicht viel erkennen, aber ich wollte sie auch nicht zur Seite schieben. Denn falls die Wohnung observiert wurde, würde ich doch allein dadurch ihre Aufmerksamkeit wecken und womöglich den Sturm auf unsere Wohnung geradezu herausfordern!? Minutenlang beobachtete ich durch die Gardine die Straße, das Handy fest umklammert. Ich wusste nicht, wonach ich suchte. Aber vielleicht würde mir etwas Ungewöhnliches auffallen und ich könnte jetzt schon Hilfe holen. Auf keinen Fall wollte ich doch allein mit meinem Kind in der Wohnung sein, wenn sie wirklich kämen!
Ich rief Erdal an, Suats Cousin. Er würde helfen. Es war noch immer recht früh, vielleicht kurz vor sieben. Aber er ging sofort an sein Handy. Wie erleichtert war ich, als ich seine Stimme hörte: «Meşale, was ist so früh am Morgen?»
«Erdal abi, die Polizei hat Suat in Ankara festgenommen!»
«Wie, warum, was meinst du? Wo ist Suat jetzt?»
«Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Sondereinsatzkommandos heute früh gegen halb zwei die Wohnung in Ankara gestürmt und Suat festgenommen haben. Seine Mitbewohnerin hat heute Morgen eine SMS geschickt. Ich habe bisher nur der Anwältin Bescheid gegeben.»
«Wie geht es Serkan, ist er schon aufgewacht? Warte, ich komme gleich.»
«Serkan schläft noch. Ich warte auf dich.»
Wenige Minuten später klingelte es. Ich rannte sofort zur Sprechanlage und beobachtete durch die Haustürkamera, wer da stand. Es war Erdal. Ich zog mir, während er in den Aufzug stieg, eine Strickjacke über und öffnete ihm die Wohnungstür. Erdals Augen waren ein wenig gerötet, ich sah es sofort.
Suat ist ihm immer schon sehr wichtig gewesen. Die beiden haben ihre Kindheit gemeinsam in der Türkei verbracht, bis Suats Eltern beschlossen, nach Frankreich auszuwandern. Suats Vater wollte als Gastarbeiter in Frankreich auf dem Bau arbeiten. Suat folgte ihm, als er 16 Jahre alt war, gemeinsam mit seinem älteren Bruder Murat und seiner Mutter Arife. Es gab also lange Jahre der Trennung, aber Erdal und Suat blieben immer in Kontakt. Als Suat in die Türkei zurückkehrte, wurden sie erneut unzertrennlich, wie Brüder.
Erdal ging direkt ins Wohnzimmer und stellte Dutzende Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. Ich wusste ja nicht mehr, als dass Suat festgenommen worden war. Erdal vermutete, dass sie ihn wie viele andere wegen des bevorstehenden Verfassungsreferendums zur Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei mitgenommen hatten. Seit Tagen gab es Razzien gegen Oppositionelle. Wir alle gingen davon aus, dass das Regime so die Kampagne der Opposition schwächen wollte, um das Referendum für sich zu entscheiden, das Recep Tayyip Erdoğan mit umfassender Macht an der Spitze von Staat und Regierung ausstatten sollte.
Begonnen hatte diese Verhaftungswelle am 4. November 2016 mit der Festnahme der beiden HDP-Vorsitzenden Figen Yüksekdağ und Selahattin Demirtaş und weiteren Abgeordneten. Seit diesem Tag wurden fast täglich Festnahmen und Inhaftierungen gemeldet. Der Staat begann mit der Parteispitze und setzte Woche für Woche weitere Kritiker fest. Die HDP hatte bei der Parlamentswahl am 7. Juni 2015 aus dem Stand 80 der 550 Sitze im Parlament gewonnen und damit eine absolute Mehrheit der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP verhindert.
Wenn Suat nur deshalb festgenommen worden war, weil die AKP so das Referendum zu manipulieren gedachte, würde er vielleicht bald wieder freigelassen werden. So sprachen wir uns gegenseitig Mut zu.
Ich hatte mich so weit gefasst, dass ich eine Nachricht an meine Schwester in Deutschland schreiben und sie über die Festnahme informieren konnte. Sie würde dann sicherlich meinen Vater und alle anderen darüber unterrichten. Ich war noch nicht wieder in der Lage zu telefonieren und hoffte, dass mich niemand anrufen würde. Leise ging ich in mein Schlafzimmer und zog mich um.
Sollte ich nach Ankara fahren? Dort könnte ich vielleicht mehr über Suats Situation in Erfahrung bringen. Vielleicht könnte ich ihn sogar sehen. Eine Hoffnung, die mich beflügelte. Ich müsste nur für Serkan alles Nötige vorbereiten. Aber Unsinn. Besser war es, Serkans Babysitterin anzurufen und sie um Hilfe zu bitten.
Gülsüm abla war Mitte 40 und wohnte nur zwei Straßen weiter. Sie war bereit, sofort zu kommen, und ich war erleichtert. Im selben Moment hörte ich Serkans Mama-Ruf. Er war aufgewacht, und alle dunklen Wolken waren wie weggeweht. Die Leere der Wohnung füllte sich mit der Lebensfreude meines Sohnes, die Gespenster aus Gewalt und Zerstörung flohen.
Auch Erdal hörte im Wohnzimmer, dass Serkan aufgewacht war. Wir trafen uns im Flur und eilten gemeinsam in das Kinderzimmer. Serkan sah Erdal, und ein breites Lächeln huschte über sein Gesicht.
Erdal nahm Serkan aus dem Bett, ich wickelte ihn und zog ihn an. Dann ging ich in die Küche, um ihm seine Milch warm zu machen. Wie jeden Morgen. Aber dieser Morgen war nicht wie jeder Morgen, es war ein gänzlich anderer Morgen. Wenn ich auch nur eine Sekunde an Suat dachte, zogen die dunklen Wolken wieder auf, und die Gespenster kehrten zurück.
Ich versuchte, die aufkommende Niedergeschlagenheit wegzuschieben, mich zu sammeln und nach vorne zu schauen. Ich brauchte Gewissheit darüber, was geschehen war, wie es Suat ging und was ich tun konnte. Ich musste die Anwälte treffen, sobald wie möglich. Serkans Milch nahm ich mit ins Wohnzimmer, wo Erdal mit ihm spielte. Serkan war bester Laune, immerhin wurde er gleich am Morgen gut unterhalten. Erdal fragte, was wir nun machen sollten. Wir sollten die Anwälte treffen, meinte ich. Vielleicht würde ich auch nach Ankara fahren. Er nickte.
Während mein Sohn fleißig an seiner Milch nuckelte, klingelte es erneut an der Tür. Ich lief zur Anlage, Serkan sah mir nach. Es war Gülsüm. Serkan blickte neugierig zur Tür. Ich nahm seine Hand, küsste ihn und sagte, dass Gülsüm käme, um auf ihn aufzupassen. Ich würde nicht lang wegbleiben. Zum Glück protestierte er nicht, er trank weiter aus seiner Flasche und ließ die Tür nicht aus dem Blick.
Als Gülsüm ihre Schuhe auszog, warf ich mir eine dünne Jacke über und nahm meine Tasche. Erdal verabschiedete sich von Serkan und versprach, später wiederzukommen. Nun musste es schnell gehen. Je länger eine Verabschiedung dauerte, umso quengeliger konnte Serkan werden. Ich rief noch: «Gülsüm abla, ruf mich bitte an, wenn etwas ist, und pass auf meinen Sohn gut auf!», dann machte ich die Tür hinter mir zu und stieg mit Erdal in den Aufzug.
Wie unnötig diese Ermahnung gewesen war, ich wusste doch, dass Gülsüm auf Serkan gut achtgab und für sein Wohl alles tat. Aber meine kleine Familie war ja an diesem Morgen schon zur Hälfte zerstört worden, ich musste einfach sicher sein, dass uns jetzt nichts, aber auch gar nichts mehr zustoßen würde.
Erdal und ich fuhren mit dem Auto von unserem Stadtteil Kartal auf der anatolischen Seite Istanbuls auf die europäische Seite in den Stadtteil Çağlayan, zur Anwaltskanzlei. Auf dem Weg rief ich Didar an, um mehr über die Razzia zu erfahren. Suat sei nicht misshandelt worden, sagte Didar, es habe keine Ausschreitungen während der Razzia gegeben, alles sei nach wenigen Minuten vorbei gewesen. Nach wenigen Minuten! Ich blieb daran hängen, wie in Endlosschleife wiederholte ich immer wieder, «wenige Minuten … wenige Minuten». Es waren die Minuten, die ausgereicht hatten, um mich niederzuwalzen.
Wenige Minuten! Wie schnell konnten Macht und Gewalt das Leben verfinstern, Familien auseinanderreißen und Unglück über Menschen bringen! Nichts mehr war wie vorher. Wie routiniert sie uns überrollt hatten. Wenige Minuten hatten ausgereicht, um so vieles zu zerstören. Ich war in einer Weise erschüttert und aus dem Gleis geworfen, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Ich fühlte mich tief verstört, wie schwer verwundet.
Didar richtete mir unterdessen noch einen Wunsch von Suat aus. Sie würde seine Sachen zu uns nach Istanbul schicken. Ich brach in Tränen aus. Diesmal vor Wut. Suat ging also offensichtlich davon aus, dass sie ihn für längere Zeit im Gefängnis festhalten würden und er so bald nicht mehr in die Wohnung nach Ankara zurückkehren würde. Ich merkte, wie ich absurderweise auf ihn wütend wurde, nahm er mir mit dieser Bitte an Didar doch die Hoffnung, dass er bald wieder bei uns sein würde. Wie verrückt das war! Das Regime hatte ihn uns weggenommen – und ich war wütend auf ihn. Aber ich konnte mich gegen dies niederschmetternde Gefühl nicht wehren, dass er mich irgendwie im Stich ließ.
Noch bevor wir die Kanzlei erreicht hatten, rief mich die Rechtsanwältin Gülhan Kaya an. Die vielen Razzien der letzten Tage waren auch gegen Freunde und Kollegen von Suat gerichtet, sagte sie. Auch sie ging davon aus, dass die Razzien die Opposition gegen die Verfassungsänderung schwächen sollten, außer der HDP besonders auch die ESP, die «Sozialistische Partei der Unterdrückten», in deren Vorstand Suat war. Die Vorsitzende der ESP war einen Tag vorher festgenommen worden. Die ESP ist eine legale Partei und eine von vielen, die 2013 gemeinsam mit der kurdischen Partei DBP (Demokratische Partei der Regionen) die HDP gründeten. Ziel war es, unter einem gemeinsamen Dach zusammenzukommen und gemeinsam mit Vertretern aus der Gewerkschafts-, Frauen-, Homosexuellen- und Umweltbewegung sowie religiöser und ethnischer Minderheiten die türkische Innenpolitik im Interesse des Volkes zu beeinflussen. Während der Razzia in Suats Wohnung sei nur er mitgenommen worden. Das Verfahren habe die Staatsanwaltschaft in Istanbul eingeleitet. Suat sei im Moment auf dem Polizeipräsidium in Ankara, werde aber in den nächsten Tagen auf das Istanbuler Polizeipräsidium in der Vatanstraße gebracht. Dasselbe Verfahren richte sich auch gegen die Schriftstellerin Mukaddes Erdoğdu Çelik und gegen weitere Personen, die in Istanbul und Izmir festgenommen worden seien. Daher sei es nicht nötig, nach Ankara zu fahren, außer den Anwälten dürfe ihn niemand sehen.
«Gülhan, wie geht es ihm? Wisst ihr, ob er geschlagen oder misshandelt wurde? Hat ihn schon jemand nach der Razzia gesehen?», fragte ich.
Ich hatte große Angst, weil ich wusste, wie viele Menschen misshandelt oder sogar in einem Waldstück aus dem Auto geworfen wurden und wie viele der Staat verschwinden ließ, Menschen, die nirgendwo gefunden wurden, weil sie im Meer versenkt oder verbrannt oder vergraben worden waren.
Hunderte Menschen hatten staatliche Sicherheitskräfte in den letzten Jahrzehnten verschwinden lassen. Viele Familien hatten noch nicht einmal den Leichnam ihrer Angehörigen ausfindig machen können und verlangten verzweifelt wenigstens die sterblichen Überreste der Verschwundenen. Ich erinnerte mich an die Samstagsmütter, die auf der Istiklalstraße, genau vor dem Galatasaray-Gymnasium, wöchentlich ihre Mahnwachen hielten. «Ist es zu viel verlangt, dass wir wenigstens ein Grab haben wollen, an dem wir trauern können, wenn wir Sehnsucht nach unseren Kindern haben?», war die am häufigsten gestellte Frage der Mütter. Gehör schenkte ihnen niemand. Im Gegenteil, sie bekamen selbst wegen dieser selbstverständlichen Forderung die staatliche Gewalt zu spüren.
Kein Wunder also, dass ich in großer Sorge war. Gülhan versprach, dass ein Kollege in Kürze auf das Präsidium fahren werde, um Suat zu treffen. Anschließend würde sie mich wieder anrufen.
Wir fuhren am Justizpalast in Cağlayan vorbei, ich schaute mit verweinten Augen hinaus. So oft war ich in diesem Palast gewesen, der kein Palast, sondern eher ein gewaltiger Kerker war, und hatte auf der Journalistentribüne Verfahren verfolgt. Selten sah ich glückliche, lachende Menschen vor den Gerichtssälen und draußen auf dem riesigen Platz. In letzter Zeit standen hier immer mehr Familien, die sich von ihren Angehörigen für Monate oder gar Jahre trennen mussten. Palast der Gerechtigkeit hieß er offiziell, ein Hohn, denn was sich zwischen seinen Mauern abspielte, entbehrte jeglicher Gerechtigkeit, hier herrschte nackte Willkür. Ich fand, er müsse umgetauft werden in Palast der Tränen, der Trennung, der Ungerechtigkeit und der Willkür.
Nach allem, was Gülhan mir erzählt hatte, machte es keinen Sinn mehr, in die Kanzlei zu fahren, und wir beschlossen, stattdessen in der Agentur vorbeizuschauen. Dort stürmten alle auf mich zu und trösteten mich, manche erklärten, diese Festnahme sei doch völlig normal, eine von vielen, nichts wirklich Besorgniserregendes. Ich mochte mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Nicht nur, weil so etwas keinesfalls normal und erst recht nicht zu einer Routine werden sollte. Sondern weil ich im Falle von Suat nicht mehr daran glaubte, dass es nur eine von den quälerischen Bösartigkeiten des Systems war, die tatsächlich nicht zu langen Strafen und langen Gefängnisaufenthalten führten.
Aber ich konnte darüber nicht sprechen, ich merkte, wie mein Schmerz sich immer mehr in mir ausbreitete und mich verstummen ließ. Es war eben eine Sache, über die staatlichen Gewaltattacken zu schreiben, und etwas völlig anderes, plötzlich selbst zum Opfer des Staatsterrors zu werden und zu spüren, wie tief er verletzte und wie schwer es war, angesichts der schamlosen Gewalt wieder auf die Beine zu kommen.
Insgesamt sieben Personen waren zeitgleich mit Suat festgenommen worden. Drei Frauen, vier Männer. Suat und Levent, ein Freund von Suat, der in Izmir lebte, waren außerhalb von Istanbul verhaftet worden und sollten baldmöglichst hierher gebracht werden, die anderen waren bereits auf der Vatan. So wird das Polizeipräsidium auf der Vatanstraße von den meisten genannt. Vatan heißt «Heimat» auf Deutsch. Was für ein Zynismus.
Während wir zurück nach Kartal fuhren, klingelte ständig mein Handy. Meine Familie, Suats Familie, Freunde, Kollegen, Politiker, alle, die von der Festnahme gehört hatten, riefen mich an. Einerseits freute ich mich, dass Suat so viele Freunde hatte, die sich um sein Wohl sorgten, andererseits belasteten mich diese vielen Gespräche. Alle boten mir ihre Hilfe und Unterstützung an, doch ich spürte, wie ich immer verletzlicher und schwächer wurde. Ich war für sie die alleingelassene Frau mit Kind, die ohne Hilfe der anderen nicht zurechtkommen würde. Mich störte diese Zuschreibung. Ja, ich brauchte ihre Unterstützung, zumindest brauchte ich eine Schulter, an der ich mich ausweinen konnte, aber ich wollte nicht so schrecklich angewiesen sein, so bemitleidenswert. Am liebsten hätte ich mir jedes weitere Hilfsangebot verbeten. Schließlich mochte ich mir nicht einmal mehr eingestehen, dass ich tatsächlich angewiesen war auf meine Freundinnen und Freunde.
Während der Rückfahrt sah ich das Meer und den dunkelblauen Himmel, die in der Weite ineinander übergingen. Harmonisch und doch von Grund auf verschieden. «Ob Suat den Himmel sieht? Ob er auch an uns denkt? Natürlich tut er das», dachte ich und rief noch einmal Gülhan an, um endlich zu erfahren, wie es ihm ging, und um ihm Kraft zu wünschen.
«Gülhan, war schon jemand bei Suat? Könnt ihr ihm bitte ausrichten, dass es uns gutgeht. Er soll sich keine Gedanken um uns machen. Unsere Freunde und Familien sind bei uns. Er soll nur schauen, dass er so schnell wie möglich freikommt. Mehr wollen wir nicht.»
«Alles klar, das werde ich ihm ausrichten lassen. Wir melden uns nach dem Besuch.»
Die nächsten Tage telefonierte ich täglich morgens und abends mit den Anwälten. Sie wussten auch nicht mehr, als dass er baldmöglichst nach Istanbul überstellt werden sollte. Aber inzwischen waren schon zweieinhalb Tage vergangen. Am Abend des 7. April wurde Suat dann endlich nach Istanbul gebracht. Etwas näher zu uns und zu den Anwälten.
Wie makaber, dass ich nun wenige Tage später selbst zum Opfer einer Razzia wurde. Die Männer hatten ihre Masken noch immer nicht abgezogen. Aber ich sah sie nun besser, denn durch die Gardinen drang das erste Morgenlicht.
Der Abstoßendste unter den Vermummten war der für die Operation Verantwortliche. Seine hervorstehenden Augen schienen aus dem Schlitz der Maske zu quellen. So wirkte er noch aufdringlicher und aggressiver. Ständig fuchtelte er mir mit konfiszierten Zeitschriften und Flyern vor meiner Nase herum und hob jeden Zettel als Beweis in die Höhe, eine Terroristenzelle ausgehoben zu haben. Er spuckte mir seine Wut fast ins Gesicht, wenn er wieder fündig geworden war.
«Seht her, eine geheime Notiz», rief er seinen Leuten zu und kam mir ganz nah. «Hier: ‹Bücher. Metin fragen. Simkarte kaufen. Uhr besorgen mit Papa. Feste Schuhe holen. Vertrag kündigen.› Was sind das für geheime Notizen?»
Ich hätte bei anderer Gelegenheit laut gelacht. Wie dumm war der Mann? Oder wollte er mich bloß testen? Sehen, wie ich reagiere? «Das musste ich für meinen inhaftierten Mann erledigen», antwortete ich. «Es steht doch alles völlig verständlich da! Was ist daran bitte geheim?», fragte ich.
Er las, statt mir eine Antwort zu geben, eine andere Notiz vor: «‹Paprika, Tomaten, Karotten, Hähnchenkeule, Joghurt, Wasser, Brot, Küchenrolle.› Und was soll das sein?»
War das hier schlechte Comedy? Hatte der Mann seinen Beruf verfehlt? Wohl nicht. Er war nur verblendet, ein Überzeugungstäter zudem, der den Erfolg seines Überfalls erzwingen wollte. Auch wenn er nichts fand, was seinen Auftrag gerechtfertigt hätte. Umso respektloser, sexistischer und beleidigender ging er mich an.
Zwei seiner Männer schickte er jetzt mit einem schmierigen Grinsen in mein Schlafzimmer, das Schlafzimmer einer Frau. Ich protestierte. Ich wusste, das war nicht zulässig. Er schob die einzige weibliche Polizistin hinterher, die gar nicht zu ihrer Einheit gehörte und auch keine Maske trug. «Zufrieden?», fragte er mich höhnisch.
Es war wirklich ein absurder Erfolg, den ich da gerade errungen hatte. Ihr Überfall hatte mich rechtlos gemacht, aber innerhalb dieser Rechtslosigkeit achteten sie auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Formalitäten. Sie hatten sogar eine Videokamera mitgebracht, die ihrer Aktion denselben Anschein von Rechtmäßigkeit verleihen sollte wie die mitgebrachte Polizistin, die nur als Statistin diente. Ein vollschlanker Polizist, der fluchend und schwitzend alles Mögliche filmte, möglicherweise auch vieles, was ich gar nicht mitbekam, machte den Dokumentator. Als könne das Filmmaterial für die Rechtmäßigkeit ihres Einsatzes sorgen.
