Mein Wein - Terry Theise - E-Book

Mein Wein E-Book

Terry Theise

0,0
14,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Was ist guter Wein? Sind Parker-Punkte und 'blinde' Verkostungen wirklich der Weg, um sich dem Besonderen des Weins zu nähern? Nein, argumentiert der "Spitzen-Guru des Weins" (San Francisco Chronicle), der preisgekrönte Weinimporteur und -kritiker Terry Theise. Denn guter Wein hat eine Herkunft, er schmeckt nach seinem Land und seinen Menschen. Jede Lage, jeder Weinberg ist anders, jedes Jahr hat sein Wetter, jeder Winzer einen anderen Charakter. Einen Sinn für Unterschiede zu entwickeln und diese lieben zu lernen, bedeutet, die Schönheit des Weins wiederzuentdecken. Dieses Buch ist ein lautes, einfühlsames und enthusiastisches Plädoyer für die Vielfältigkeit, gegen den globalen Einheitsgeschmack und für die Mystik des Weins.In Mein Wein begleiten wir Theise zu alten Winzerfamilien an die Mosel, wir lernen eigenwillige Menschen und ihren Wein im Burgenland kennen oder traditionsreiche Weingüter in der Champagne. Auch die neue Generation junger Winzer kennt Theise gut. Er erklärt uns, worum es beim Wein geht und was einenguten Wein ausmacht, wie wir ein Weinkenner und -genießer werden können, ohne Weinführer auswendig zu lernen, sondern indem wir unseren Geschmack schulen und aufmerk- sam trinken, riechen, fühlen und schmecken. In diesem unterhaltsamen, lehrreichen, gefühl- und humorvollen Buch lernen wir mehr über Wein als in jedem herkömmlichen Weinführer.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2012

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



1. Auflage, September 2012

Copyright © 2012 Verlage Haffmans & Tolkemitt;

Alexanderstraße 7, D-10178 Berlin

www.haffmans-tolkemitt.de

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen,

elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung,

der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen

und Kommunikationsmitteln, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen,

des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung,

der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Internet,

auch einzelner Textteile.

Lektorat: Klaus Gabbert (Büro Z, Wiesbaden).

Korrektorat & Register: Ursula Maria Ott, Frankfurt/M.

Coverkonzept und Umschlaggestaltung: Frances Uckermann.

Produktion & Gestaltung von Urs Jakob,

Werkstatt im Grünen Winkel, CH-8400 Winterthur.

Satz: Fotosatz Amann, Aichstetten.

Druck & Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm.

Printed in Germany.

E-Book-Konvertierung: Ebner & Spiegel, Ulm.

E-Book ISBN 978-3-942989-17-6

Für Karen Odessa und Max

Inhalt

VORWORT

EINLEITUNG

KAPITEL1Freundschaft mit dem Gaumen schließen

KAPITEL2Worauf es beim Wein ankommt – und worauf nicht

KAPITEL3Die Wiederverzauberung des Weins

KAPITEL4Drei Grundsätze

KAPITEL5Reizthemen

KAPITEL6Von Orten und Reben

KAPITEL7Winzerleben

KAPITEL8Weine, die mir wichtig waren

DANK

REGISTER

Vorwort

In gewisser Hinsicht ist dieses Buch nicht ausgereift. Ich habe es mit Bedacht als ein Stück weit unfertiges publiziert, denn das entspricht einer seiner Thesen – nämlich der, dass Unfertigkeit Spaß macht.

Seit Jahrzehnten bin ich jenen Weinen verfallen, deren eigentümliche Kraft der Sanftheit uns um eine geeignete Sprache ringen lässt, um sie zu beschreiben. Ich habe gerade ein hilfreiches Buch von Stanley Fish gelesen, How to Write a Sentence, in dem der Autor über eine verständliche Sprache bemerkt: »Ein lapidarer Stil ist so geschliffen und gekürzt, dass er transparent wirkt. Er scheint nicht viel zu leisten. Er fordert keine Aufmerksamkeit. Er strebt nach einer Zurückhaltung, die es dem Gegenstand erlaubt, durchzuscheinen.«

Ich habe diese Wirkung des Schreibens immer bewundert, wie bei Bernhard Schlinks Der Vorleser mit seiner so sorgsam durchdachten Prosa oder bei jüngsten Gedichten von Robert Hass, die so schlicht daherkommen, dass wir uns fragen, was Lyrik eigentlich ist oder sein sollte. Die gleiche Wirkung habe ich auch in bestimmten Weinen gefunden – oder zumindest bilde ich mir das ein –, etwa in den Tropfen des Nahewinzers Helmut Dönnhoff und in den Weinen der Familie Saahs vom Gut Nikolaihof in der österreichischen Wachau. Ich hatte kein Wort dafür, und so habe ich eine Menge Pfeile darauf verschossen, in der Hoffnung, dass einer davon ins Schwarze träfe. Nun habe ich dieses schöne Wort »lapidar« entdeckt, das alle anderen Adjektive aus meinem Köcher verbannen wird.

Ungeachtet dieses hilfreichen verbalen Neuzugangs bleiben die alten Fragen bestehen. Was verhilft diesen scheinbar spröden Weinen zu einer solchen gleichsam göttlichen Ausstrahlung? Warum berühren sie mich so heftig? Wie kann es sie überhaupt geben? Dieses Buch versucht nicht zu ergründen, wie Antworten auf diese Fragen aussehen könnten, sondern wie sich diese am besten stellen lassen.

Ich war an der Mosel, es hatte seit Tagen geregnet. Gutes Arbeitswetter, sagten die Leute. Doch es war trostlos. Jeden Morgen spähte ich in den patschnassen Himmel und wünschte, dass es irgendwo in der Nähe ein Laufband gäbe, um wenigstens ein bisschen in Bewegung zu kommen.

Doch dann war es eines Tages trocken, sogar Sonnenstrahlen blitzten verstohlen durch die Wolken. Ich hatte eine Verabredung mit Willi und Christoph Schaefer in Graach und rief sie an, um ihnen anzukündigen, dass ich die sieben Kilometer von Zeltingen aus durch die Weingärten zu ihnen wandern und rechtzeitig eintreffen würde.

In den letzten Jahren wurde ein Netz von Pfaden durch die Weinberge gelegt, das den Wanderer von Dorf zu Dorf führt. Früher musste man sich die Wehlener Sonnenuhr noch erkraxeln, heute kann man aufrecht wie ein Gentleman den Pfad hinaufstapfen. (Wenig gentlemanlike schwitzte ich allerdings dabei wie ein Schwein, aber genoss es.) Der Pfad verläuft auf halber Höhe ein gutes Stück weit über dem Fluss. Man schaut das wahnsinnige Gefälle hinab und blickt hinauf zu den zwitschernden Bäumen. Ich verfiel in die schöne Gedankenverlorenheit, die sich einstellt, wenn man eine Weile ausschreitet und sich die Ideen langsam verflüchtigen. Die Luft war erfüllt vom Geruch nassen Schiefers.

So träumte ich dahin und verpasste meinen Pfad ins Tal. Das hatte ich nun von meiner Schwelgerei. Als ich schließlich den Weg nach Graach fand, kam ich an dem kleinen Gasthaus vorbei, wo ich mir einmal den Gaumen an einem Schnitzel verbrannt hatte, und da war das Haus der Kunsmanns, die früher eine Frühstückspension hatten, wo ich einst in der Dachkammer unter der Traufe geschlafen hatte und wo eines Morgens eine große Spinne mit fünf kleineren im Tross einen dicken Holzbalken entlang gemächlich zur Deckenmitte gekrabbelt war.

Das war 30 Jahre her. Ich fand es erfreulich, wie wenig sich verändert hatte. Als ich um die nächste Ecke bog, kam das Haus der Schaefers in den Blick.

Es war für die Familie ein bewegtes Jahr. Willi und seine Frau – nun Großeltern – übergaben das Haus der nächsten Generation. »Es gibt mehr Platz, als wir brauchen«, beteuerte er, »und wenn Christoph weiter Enkelkinder produziert, brauchen sie Platz zum Spielen.« Die älteren Herrschaften wollten in ein kleines Häuschen auf der Talhöhe ziehen. »Aber ich werde jeden Tag hier unten im Weingut sein«, fügte Willi eilig hinzu. Ein schöner Gedanke, wie die beiden beim Frühstück den Ausblick über das Tal genießen würden. Über alles wurde sehr pragmatisch geredet, obwohl es nicht um nüchterne Dinge ging. Hier wurde nichts weniger als ein väterliches Erbe, das seit 1590 existiert, von einer Generation zur nächsten weitergereicht.

Eine Stunde später blickte ich auf ein Satellitenbild des Berghangs, auf dem mir die Schaefers ihre Parzellen zeigten. Sie besitzen über ein Dutzend in der Lage Domprobst und mehrere Dutzend in der Lage Himmelreich. Die allerorten in Europa durchgreifende Flurbereinigung ist an diesen Orten spurlos vorbeigegangen. Ich fragte mich, ob der logistische Alptraum, 30 oder 40 hie und da über den Weinberg verstreute briefmarkengroße Parzellen mit biologischem Weinbau zu bestellen, Biopuristen wohl den Atem verschlagen würde. Es ist staunenswert, wie viele parzellenspezifische Weine die Schaefers abfüllen. So vielfältige Abfüllungen mit demselben Namen scheinen so manchem Weinfreund ein Ärgernis zu sein – immer diese unerträgliche deutsche Exaktheit. In Wirklichkeit sollten wir diese Vielfalt wie eine bedrohte Spezies bewahren. Siehe: Es gibt noch Menschen, die bereit sind, uns ihre enge Vertrautheit mit dem Land und dessen schönen Nuancenreichtum in Form guten Weins zu erschließen.

Wir verkosteten den neuen Jahrgang und aßen dann zu Mittag. Dazu gab es einen alten Tropfen aus Willis Keller, nichts Extravagantes. Wir lachten viel und alberten herum wie immer. Ohne sentimental zu werden: Jenseits bloßer Ausgelassenheit strahlen Familien wie diese, wo die Generationen einträchtig zusammenleben und ihr Erbe von einer zur nächsten weiterreichen, ein tiefes Glück aus, das uns zu sagen scheint: »Schau her, es ist doch gar nicht so schwer.«

Winzerfamilien wie die Schaefers sind der Grund, warum ich vom Terroir überzeugt bin. Es ist für mich weder ein Dogma noch ein Glaube, sondern eine schlichte Tatsache. Die Weine selbst führen mich zu dieser Ansicht. Es ist nicht nur eine rationale, empirische Frage; es ist eine Frage der Güte.

Winzer und Weintrinker spalten sich in zwei Gruppen: in jene, die meint, dass Wein »gemacht« wird, und jene, die überzeugt ist, dass man ihn »anbaut«. Das sind zwei fundamental unterschiedliche, sich gegenseitig ausschließende Herangehensweisen an den Wein ebenso wie an das Leben. Wenn ein Winzer aus seiner alltäglichen Erfahrung heraus überzeugt ist, dass die Aromen aus seinem Boden stammen, wird er sich mühen, sie zu bewahren. Das bedeutet, er wird nichts tun, um sie zu hemmen, zu trüben oder zu verändern. Er überformt seinen Rohstoff nicht mit seinem eigenen wunderbaren »Konzept«, sondern er respektiert ihn. Er sieht seine Aufgabe darin, ihn freizusetzen und wie ein Neugeborenes mit einem Klaps auf den Hintern in die Welt zu entlassen.

Bei einem Winzer dagegen, der sich als »Weinmacher« versteht, dreht sich alles um die Vorstellung, die er a priori von dem Produkt besitzt, das er herstellen möchte. In diesem Fall ist der Rohstoff eine zu meisternde Herausforderung, dessen Eigenart fast etwas Störendes hat. Man wird Experte für Systeme und Prozesse. Man macht Weine wie ein Pilot, der eine Verkehrsmaschine fliegt. Es ist nichts Schlechtes daran, ein guter Pilot zu sein, doch im Vergleich dazu sind Winzer, die Wert auf das Terroir legen, eher wie Nils Holgersson: Sie fliegen auf dem Rücken eines Vogels.

Damit verbindet sich eine Bescheidenheit, die wir fleißigen Selbstanbeter kaum je begreifen. Solche Weinbauern nehmen sich zurück, ohne sich dadurch zu verkleinern – eher im Gegenteil. Und manchmal nehmen ihre Weine ähnliche Eigenschaften an, die wir ebenfalls missdeuten. Das liegt an unserem Durst nach Weinen, die für uns eine Schau abziehen. Manche Tropfen begnügen sich aber mit dem Part des ehrlichen Begleiters und überlassen die Paraderolle den Speisen.

Eines Abends machte ich ein Glas mit einer schwarzen Trüffelpaste auf. Mir schwebte so etwas wie Daniel Bouluds berüchtigter Hamburger mit schwarzem Trüffel und Foie gras vor. Ich wollte auch einmal dekadent sein, also besorgten meine Frau und ich uns Kalbshack, formten daraus mit der Trüffelpaste ein paar schiefe Frikadellen und pflanzten diesen zur Krönung je ein Stück Trüffelbutter von D’Artagnan auf. Tja, das schmeckte tatsächlich wunderbar, aber was sollten wir dazu trinken?

Wir landeten bei einem »einfachen« St. Laurent aus Österreich von Erich Sattler. Wir hätten auch mit einem bescheidenen Chorey-les-Beaune glücklich sein können (falls wir den dreifachen Preis hätten berappen wollen), aber ein Upgrade auf einen Réserve-Wein schied von vorneherein aus, denn der wäre zu fruchtig gewesen, und vielleicht hätte sich Eichenaroma bemerkbar gemacht, wo diese sündhaften kleinen Fleischklöße doch gar nicht so viel Hexerei benötigen. Der St. Laurent erwies sich für unsere Trüffelburger als wahrhaft kongenialer Begleiter.

Besinnungslos greifen wir nach den Sternen, wollen stets die allerteuersten Kreszenzen. Stattdessen wäre es vielleicht besser, sozusagen die »Karaffe zu rocken«. Wenn es etwas gibt, für das ich stehe, so ist es mein Beharren darauf, dass wir bescheidene und stille Weine schätzen lernen sollten. Wir sollten ihre Schönheit entdecken und können dabei – psst!  – sogar noch Geld sparen.

Ich stelle mir vor, dass irgendeinem gefeierten Star der Weinwelt – mir kommt spontan Marcel Guigal in den Sinn – auf einer Bühne eine Trophäe überreicht wird, die Auszeichnung dafür, dass er für seine weit über 200 Dollar teuren Tropfen im Schnitt 98,3 Parker-Punkte erzielt hat. Hinten, bei der allgemeinen Verkostung, werden unterdessen die Stände abgebaut, und jemand tritt auf einen Rhonewinzer zu, dessen zehn Euro teurer Côte du Rhône sein Gefallen gefunden hat. »Vielen Dank für diesen Wein«, sagt er. »Er macht mich glücklich.«

Keine Frage, wo ich lieber wäre.

Laute Weine führen uns unweigerlich zu immer stärkerer Vergröberung und sinnlicher Inkohärenz. Sie machen von Zeit zu Zeit Spaß, aber wie die meisten gröberen Genüsse lassen sie sich leicht missbrauchen und sind sehr schlecht für uns. Meinen Verkaufskatalogen ist ein kleines Manifest angefügt, das ich kürzlich um eine bewusst vieldeutige Bemerkung erweitert habe: »Viele Weine, selbst gute, lassen dich den Lärm schmecken. Aber nur die allerbesten geben dir Stille zu kosten.« Dieses Statement ist weitgehend unkommentiert geblieben. Ich habe den Verdacht, meine Kunden übergehen es höflich, weil sie es töricht finden.

Was meine ich damit? Ich könnte sagen: Ein Wein, der dir so etwas bietet, bricht das Brot mit den Engeln. Aber es macht natürlich nicht viel Sinn, einfach einen lyrischen Ausdruck mit einem anderen zu erklären. Wenn ich also davon spreche, »Stille« oder »Lärm« zu »schmecken«, erliege ich da nur einer lyrischen Anwandlung, oder spreche ich von etwas Fasslichem?

Machen wir es konkreter. Denken Sie an die Art, wie ein Wein Sie begrüßt. Die Franzosen sprechen von attaque (Angriff), zu Deutsch nennt man es den ersten Anflug. Gemeint ist der allererste Eindruck, den uns ein Wein von sich gibt. Er kann forsch sein, aufdringlich, mächtig oder leise, zurückhaltend, spröde. Bei jeder neuen Flasche gibt es da immer diesen besonderen Augenblick, und mir ist bewusst, dass ich ihn vorwegnehme und mich frage: »Wie wird er sein?« Es ist, als würde man eine neue Person kennen lernen, bevor man irgendetwas über sie weiß; man reagiert instinktiv und überlässt sich der »Chemie«. Wir sind in diesem Moment bemerkenswert lebendig, unsere Sinneszellen laufen heiß, unser Interesse entflammt.

Einige Weine sind im Anflug stürmisch. Sie rempeln dich an. Sie sagen sofort ihren Spruch auf und ziehen ihre Masche ab, sie wollen, dass du sie magst, sie legen sich mächtig ins Zeug, um uns zu unterhalten. Aber manchmal steigt in dir der melancholische Verdacht auf, dass es dabei gar nicht um dich geht. Sie machen es mit jedem, sie wollen gemocht werden und suchen nach Anerkennung. Das ist ihre Nummer. Häufig ist es sogar amüsant, solchen Tropfen zu begegnen, aber nur manchmal verbirgt sich hinter dem Gepolter gar ein echter, ernsthafter Charakter.

Das ist also damit gemeint, wenn ich beim Wein davon spreche, »den Lärm zu schmecken«.

Bei einer anderen Gelegenheit begegnet dir jemand, der eigenartig gelassen und ruhig daherkommt. Diese Person schert sich nicht weiter darum, welchen Eindruck sie auf dich macht. Sie muss nichts beweisen. Doch häufig beehrt sie dich mit charmanter Aufmerksamkeit, als wäre sie unverhofft sehr von dir angetan. Du sprichst eine Weile mit diesem fesselnden Wesen und bleibst angeregt und froh zurück, als hätte jemand das Beste aus dir herausgeholt. Doch die Person selbst ist ein weißes Blatt geblieben, sie erscheint wie eine schöne Spröde, die nichts über sich verrät.

Auf eine solche Person wirst du sehr neugierig. Worauf beruht ihre Gelassenheit? Wieso ist sie so sicher und gefestigt? Wie anmutig sie ist und wie mühelos sie diesen Eindruck erweckt! Während der Protz sofort lebendig wird, wenn das Scheinwerferlicht auf ihn fällt, glüht diese Tiefgründige von innen heraus.

Das bedeutet es also, wenn ich beim Wein davon spreche, »die Stille zu schmecken«. Solche introvertierten Weine scheinen einen hauchfeinen Vorhang zuzuziehen. Wenn er sich schließt, fällt plötzlich die Welt von uns ab. Solche Tropfen schlagen die Sorgen in die Flucht, sie schenken Gelassenheit und Seelenruhe und beflügeln deine Tagträume. Und all das ohne erkennbare Anstrengung. In eindringlicher, ergreifender Weise verbinden sie heitere Bescheidenheit mit einer rätselhaft numinosen Schönheit. Solche Weine stecken obendrein voller Geschmack, sie sind häufig die bewegendsten und komplexesten Tropfen, die wir jemals erleben können. Sie ziehen dich in einen Thetawellentanz, lösen deine inneren Verkrustungen und verflüssigen dich bis hinab ins Mark.

Solche Tropfen sind nie laut. Oberflächliche Aufmerksamkeit werden sie dir nicht vergelten. Aber je tiefer du in sie eindringst, desto größer der Gewinn, denn das sind nicht einfach große Weine, es sind große Lebensmomente, wenn du von ihnen kostest. Sie eröffnen eine neue Aussicht, stoßen dich auf unverhoffte Möglichkeiten, deren Existenz du bezweifelt hattest – auf ein geheimnisvolles Wunder, von dem du nicht ahntest, dass es in dir wohnt. Dir wird klar, dass sich der hedonistische Spaß verflüchtigt; er bleibt nicht haften. Das ist der Grund, warum wir ihm so verzweifelt nachjagen. Dies hier jedoch bleibt. Tatsächlich verändert es dein Leben, mag es kaum merklich sein. Es ist nur ein flüchtiger Blick auf eine Möglichkeit, die du nicht ausloten kannst: winzig, zart, unvergesslich.

Diese Erfahrung bewegt dich, aber wenn du versuchst, darüber zu sprechen, kommst du dir wie ein Narr vor. Weil dir die Sprache fehlt, stotterst du herum, sodass die Leute glauben, du hättest gerade zu tief an der Haschpfeife gesogen. Als Gefühl und spirituelle Empfindung ist es für dich völlig real, aber in der Sprache bleibt es nebulös. Wie unterscheiden wir zwischen Weinen, die inszenieren, und solchen, die offenbaren?

Inszenatorische Weine können brillant und sprühend sein, aber manchmal spüre ich, wie angestrengt sie mich beeindrucken, wie geschäftig sie mich in Erstaunen versetzen wollen. Offenbarende Weine bleiben einfach sie selbst, als läge die Ruhe von Natur aus in ihnen. Erinnern wir uns, wie aufschlussreich das Antlitz eines Menschen ist, wenn es, vielleicht beim Lesen oder Schlafen, keine aufgesetzte Miene zur Schau trägt. Du blickst in das Gesicht und siehst die Person hinter der Persönlichkeit. Das ist es, was offenbarende Weine sichtbar machen.

Man kann diese Erfahrung »spirituell« nennen, aber dieses arme Wort wurde längst herabgewürdigt. Wenn du die Stille in einem Wein schmeckst, verspürst du einen Frieden, der weit entrückt ist von allem Zwang und aller Hast. Es ist wie die Aussöhnung nach einem Streit. Ich liebe sie: Warum also mit ihr streiten? Es ist ein seltsamer und bewegender Frieden, der sich nur auf diese Weise einzustellen scheint, um uns dorthin zu bringen, wo alles seinen Platz hat und in Ordnung ist. Diese Weine scheinen so still zu sein, dass sie nur mit dir flüstern, damit du dich beruhigst und, lauschend, schließlich in der Lage bist, nicht nur ihre eigene aromatische Psalmodie zu vernehmen, sondern die Zärtlichkeit und Heiterkeit, die immer um uns ist.

Einleitung

»Some people will never learn anything, for this reason,

because they understand everything too soon.«

Alexander Pope

Ich schulde mein Weinleben zwei Menschen: Hugh Johnson und Rod Stewart.

Als Erster kam Rod. Das war auf einem Konzert der Faces im Fillmore East an der Second Avenue in New York, der »Kirche des Rock’n Roll«, die zum Leidwesen vieler bald ihre Pforten schloss. Irgendwie war es mir gelungen, einen Sitz in der ersten Reihe zu ergattern. Konzerte der Faces in jenen Tagen waren wie Scheunenproben voll feuchtfröhlicher Seligkeit. Rod hing immer wieder an einer Flasche Mateus Rosé, und bei einer Gelegenheit reichte er sie an einen zappelnden Rocker in der ersten Reihe herunter, der einen triefenden Schluck daraus nahm und sie weitergab. Dann war ich an der Reihe. Mein erster Schluck Wein. Es war ekelhaft. Ich reichte die Pulle dem nächsten Typ. Vom letzten Hippie in der Reihe erhielt sie Rod schließlich wieder zurück, woraufhin er mit vergrätzter Grimasse so tat, als wäre er jetzt tierisch sauer, dass wir sie völlig ausgetrunken hatten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!