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Grenzen entstehen im Kopf Grenzen beginnen nicht erst dort, wo wir anderen begegnen, sie beginnen schon viel früher – nämlich in unserem Kopf: in der Art, wie wir denken und die Welt betrachten. Dieses Buch fokussiert die innere Dynamik eines Menschen und schaut dahin, wo unsere Grenzen oder Nicht-Grenzen entstehen. Der Leser erfährt, wie diese im individuellen Kontext verändert werden können, und 155 (auch mentale) Techniken helfen zusätzlich dabei, Grenzen zu setzen, wo sie angebracht sind, und sie zu weiten, wo sie einschränkend sind. Die "Grenzen in mir" sind ebenso Gegenstand dieses Buches wie die "Grenzen zum anderen". Beide werden genauer unter die Lupe genommen, um die Frage zu beantworten, wie uns der Spagat zwischen gesunder Selbstbehauptung einerseits und dem Pflegen guter Beziehungen andererseits gelingen kann.
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Seitenzahl: 543
Veröffentlichungsjahr: 2020
Petra von MindenMeine Grenzen erweitern155 Techniken zur Selbstbehauptung und zum Abbau innerer Blockaden
Grenzen entstehen im Kopf
Grenzen beginnen nicht erst dort, wo wir anderen begegnen, sie beginnen schon viel früher – nämlich in unserem Kopf: in der Art, wie wir denken und die Welt betrachten. Dieses Buch fokussiert die Gedanken und das Gefühlsleben eines Menschen und schaut dahin, wo unsere Grenzen oder Nicht-Grenzen entstehen. Der Leser erfährt, wie diese im individuellen Kontext verändert werden können. 155 (auch mentale) Techniken helfen dabei, Grenzen zu setzen, wo sie angebracht sind, und sie zu weiten, wo sie einschränkend sind.
Die „Grenzen in mir“ sind ebenso Gegenstand dieses Buches wie die „Grenzen zum anderen“. Die Autorin beantwortet die Frage, wie uns der Spagat zwischen gesunder Selbstbehauptung einerseits und dem Pflegen guter Beziehungen andererseits gelingen kann. Erst wenn Sie Ihre eigenen Grenzen kennen, finden Sie auch die richtige Distanz zu anderen.
Petra von Minden ist seit über 25 Jahren selbstständig als Psychologische Beraterin, Coach und Supervisorin sowie als Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Zu ihren Schwerpunkten gehören Kommunikation und Gesprächsführung, Konfliktbewältigung und Selbstbehauptung.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2020
Coverfoto: © thayra83 – https://stock.adobe.com
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2020
ISBN der Printausgabe: ISBN 978-3-7495-0071-0
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0099-4 (EPUB), 978-3-7495-0101-4 (PDF), 978-3-7495-0100-7 (MOBI).
„Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber.“
– Hafis –
Herzlich willkommen! Ich darf vermuten, Sie haben dieses Buch zur Hand genommen, weil Sie Schwierigkeiten haben, sich abzugrenzen, oder weil Sie jemanden kennen, der Probleme damit hat.
Tatsächlich sind das Aufzeigen und Verteidigen von Grenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen alles andere als einfach. Überall werden Anforderungen an uns gestellt und verschiedene Bitten und Wünsche an uns herangetragen: Der Sohn bittet Sie, ihn bei diesem Regen zum Sport zu fahren, dabei hatten Sie sich gerade auf eine Tasse Kaffee und die Zeitung gefreut. Der Kollege bittet Sie, ihn im Auto mitzunehmen, dabei wären Sie eigentlich froh, mal Ihre Ruhe zu haben und auf dem Weg nach Hause Abstand von der Arbeit zu bekommen. Die Chefin legt Ihnen wie selbstverständlich eine zusätzliche Akte auf den Tisch, die Sie bitte bis zum Mittag bearbeitet zurückgeben mögen, dabei hinken Sie der Arbeit eh schon hinterher und die Kunden warten ungeduldig auf Rückruf. Der Freund erzählt Ihnen in epischer Breite von seinem letzten Streit mit der Ex, dabei sind Sie müde und würden gerne von Ihrer Überforderung erzählen ...
Wie oft schlucken wir unseren Groll herunter und kommen den Bitten und Wünschen anderer nach? Wie oft stellen wir unsere eigenen Pläne, Bedürfnisse und Gefühle zurück, damit wir andere nicht enttäuschen?
Wenn sich bei Ihnen das Eingehen auf Bitten und das Zurückweisen derselben die Waage halten, dann gratuliere ich Ihnen, denn dann haben Sie wahrscheinlich kein Problem damit, sich abzugrenzen und gut für sich zu sorgen. Sie können sowohl für andere da sein als auch die eigenen Bedürfnisse vertreten. In diesem Fall kann Ihnen dieses Buch vielleicht dabei helfen, Ihr Talent zu stärken und Zurückweisungen (noch) netter und einfühlsamer zu verpacken, damit unsere Lieben nicht verärgert sind oder allzu enttäuscht reagieren.
Wenn Sie allerdings feststellen, dass Sie es selten oder so gut wie nie schaffen, Ihre eigenen Wünsche in den Vordergrund zu stellen, wenn Sie ein Nein einfach nicht über die Lippen bringen, ohne sich schuldig und wie ein Verräter zu fühlen, dann wird es Zeit, etwas zu unternehmen!
Hoffen Sie, dass Ihre Mitmenschen von alleine merken, dass es Ihnen nicht gut geht, dass sie Ihnen von sich aus anbieten, Ihnen zu helfen? Dann muss ich Sie enttäuschen, denn das passiert nur sehr selten, und wenn Sie sich darauf verlassen, dann sind eher Sie verlassen. Besser also, Sie werden selbst aktiv! Finden Sie den Mut, etwas zu verändern.
Leichter gesagt als getan, wenn die anderen doch so selbstbewusst und stark auftreten und zudem vielleicht auch noch Ihre Vorgesetzten sind? Der gute Tipp von Freunden: „Du musst einfach mal Nein sagen“, hilft da nicht wirklich weiter. Wie kann man den Spagat zwischen klarer Selbstbehauptung einerseits und guten, harmonischen Beziehungen andererseits bewerkstelligen? Wir wollen ja nicht das Risiko eingehen, (für uns wichtige) Menschen zu verärgern oder gar zu verlieren. Wir wollen – zu Recht! – beides: gute Beziehungen und gesunde, angemessene und flexible Grenzen. Wir wollen respektiert und zugleich gemocht werden. Beides ist existenziell wichtig für uns. Aber wie kann das gehen? „Was ist falsch mit mir?“, fragen Sie sich vielleicht, „warum gelingt es anderen so leicht und mir nicht?“
Das Thema Grenzen beginnt nicht erst dort, wo wir anderen begegnen, es beginnt schon viel früher: in der Art, wie wir denken und wie wir die Welt betrachten, wie wir Menschen, Fakten, Umstände beurteilen. Jede Kommunikation beginnt in unserem Kopf und in unserem Körper. Jede Interaktion zwischen Menschen beginnt mit unbewussten Vorgängen in uns selbst. Und weil sie weitgehend unbewusst sind, ist es so schwer, am eigenen Verhalten „mal eben“ etwas zu verändern. „Wenn das unbewusst abläuft, dann kann ich ja auch nichts daran ändern“, denken Sie jetzt vielleicht resigniert, aber in diesem Buch erfahren Sie, dass all das nicht für Ihr Leben festgefügt ist und für immer so bleiben muss, sondern dass Sie es trotzdem in der Hand haben, Veränderungen herbeizuführen.
Dieses Buch betrachtet die innere Dynamik eines Menschen und schaut dahin, wo unsere Grenzen oder Nichtgrenzen entstehen: in unseren Gedanken und unseren Körperempfindungen. Eine Vielzahl von mentalen Techniken – Übungen, die nur im Kopf stattfinden – eröffnet Ihnen neue Freiheiten und Flexibilität, die eine persönliche Auseinandersetzung mit Ihrem Gegenüber manchmal sogar völlig überflüssig machen kann. Die Bandbreite dieser Übungen reicht von „eher subtil“ bis hin zu strikt abgrenzenden Methoden. Einige sind witzig-kreativ (und erfordern vielleicht ein wenig Mut), andere entfalten ihre Wirkung auf die sanfte Art. Alle Übungen sind praktisch erprobt und haben sich als hilfreich erwiesen. Im Übungsverzeichnis finden Sie eine thematische Anordnung, damit Sie schnell für sich das Richtige finden. Einige dieser Techniken habe ich selbst entwickelt, sie sind – meines Wissens – noch nicht bekannt, andere (zum Beispiel „Der innere Kraftort“ und die Ankertechniken) werden bereits in Rehakliniken praktiziert, in denen Patienten mit Erschöpfungs- und Burn-out-Symptomen behandelt werden (letztlich auch die Folge schlechter innerer und äußerer Abgrenzung). Und wieder andere stammen aus einer Sammlung von Tricks meiner Teilnehmer*innen, die ich hier – mit freundlicher Genehmigung – weitergeben darf.
Bevor wir zu den praktischen Übungen kommen, lade ich Sie ein, zunächst einen Blick in die ersten Kapitel zu werfen, die Ihnen hoffentlich helfen, ein grundsätzliches Verständnis von Grenzen zu bekommen und Ihre eigenen Schwierigkeiten richtig einzuordnen.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!
Ihre Petra von Minden
„Du solltest dich besser abgrenzen!“ Das wird leicht dahingesagt. Aber was sind Grenzen überhaupt? In Teil I erfahren Sie, weshalb Grenzen notwendig und sinnvoll sind, wie unser Gefühl für Grenzen entsteht, wie sie unser Körpergeschehen beeinflussen und wo wir sie angemessen ziehen. Wie müssen sie beschaffen sein, damit andere sie zur Kenntnis nehmen und respektieren?
„Seit ich die Grenze, die man mir setzte, nicht mehr anerkenne, nicht mehr als Grenze erlebe, spüre ich erst, wie stark ich bin ... wie grenzenlos ich sein kann.“
– Kristiane Allert-Wybranietz –
Jedes Mal, wenn wir eine Grenze ziehen, erschaffen wir einen neuen möglichen Gegner, eine Gefahr! Wir erschaffen ein weiteres Feld, das es zu kontrollieren und zu verteidigen gilt.
Bereits eine Definition (lateinisch definitio = Abgrenzung) ist eine Form der Grenzziehung, denn sie grenzt einen Begriff von einem anderen ab, macht ihn unterscheidbar von ähnlichen Begriffen. Es geht also um ein Sichtbarmachen von Anfang und Ende. Auch der österreichischer Philosoph Konrad Paul Liessmann stellt in einem Interview mit brand eins fest: „Ohne Grenzen wäre nichts wahrnehmbar“ (Link, 2013). Und der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt dazu: „Grenzen geben … dem Menschen Orientierungssicherheit“ (Werres, 2018). Etwas endet und etwas anderes beginnt: Eine Grenze ist also immer auch eine „Kampflinie“, die Linie, an der wir möglicherweise Gefährlichem begegnen. Für unser Unbewusstes ist alles, was als fremd wahrgenommen wird, auch immer erst einmal eine Bedrohung, und wir stellen uns vorsichtshalber auf einen möglichen Kampf ein.
Der Philosoph Ken Wilber führt das weiter aus:
„Wir spalten unser Gewahrsein künstlich in Abteilungen auf: Subjekt / Objekt … – eine Trennungsregelung, die zur Folge hat, dass ein Erleben das andere einschneidend stört und das Leben sich selbst bekämpft. Das Ergebnis ist einfach Unglücklichsein, auch wenn man ihm viele andere Namen gibt. Das Leben wird zum Leiden, von Kämpfen erfüllt. Aber all diese Kämpfe, die wir erleben – unsere Konflikte, Ängste, Leiden und Verzweiflungen – werden durch die Grenzen verursacht …“
(2008, Seite 7)
Gibt es eine allgemeingültige Aussage darüber, wo die Grenze einer Person „verläuft“? Ist die Haut eine allgemeingültige Grenze? Die Menschen sind sich einig, dass die Haut eine Grenze darstellt, die für andere unbedingt zu respektieren ist. Aber reicht uns das? Eine Berührung von Fremden empfinden wir in der Regel als grenzüberschreitend. Nur: Welche Grenze haben sie denn überschritten? Begann sie 20 Zentimeter vor meinem Körper oder reagiere ich schon alarmiert, wenn ein 80-Zentimeter-Abstand überschritten wird?
Die meisten Menschen sagen zudem „mein Körper“, also ist das gefühlte Ich nicht gleichbedeutend mit meinem Körper: Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Und tatsächlich empfinden einige ihren Körper als etwas Fremdes und Feindseliges. Sie kämpfen mit ihrem Körper und gegen ihn wie gegen einen Widersacher. Wenn sie eine Grenze zwischen „Ich“ und „dem Körper“ ziehen, dann ist der Körper außerhalb des Ich und daher potenziell gefährlich. Er kann mich verraten und gegen meine Interessen handeln.
Oder geht es bei der Grenzziehung um unseren Besitz, um den wir – um es für alle deutlich zu kennzeichnen – einen Zaun ziehen? Dann wären Grenzen ziemlich beliebig oder sogar Glückssache, denn wir besitzen unterschiedlich viel. Auch einen Angriff auf meine Familie oder meine Heimat, mein Land, nehme ich persönlich – und die „besitze“ ich nun wirklich nicht.
Es wird also deutlich, dass es mit den Grenzen und Grenzziehungen gar nicht so einfach ist. Es gibt schlicht keine genormten Grenzen, die wir einfordern können und auch bei anderen eindeutig beachten müssten. Jeder empfindet sein Ich anders. Jeder hat andere „Schätze“, die er beschützen möchte. Jeder reagiert an einem anderen Punkt empfindlich und beginnt, sich zu verteidigen. Das macht dieses Thema schwierig und den Umgang miteinander auch so kompliziert. Es wäre ein fataler Fehler, von dem eigenen Ich-Verständnis und von den persönlichen Grenzen, die man selbst benötigt, um sich wohl und sicher zu fühlen, auf das Ich-Verständnis und die notwendigen Grenzen anderer zu schließen. Mit anderen Worten: Wir wissen nie genau, wo unser Gegenüber seine Grenzen ziehen möchte.
Abbildung 1.1 zeigt, wie unterschiedlich das Ich-Verständnis von Menschen sein kann – von einem ziemlich „aufgeblähten“ Ego bis hin zu einem stark begrenzten engen Ich-Verständnis, das sich vielleicht nur auf das Denken reduziert (und den Körper als fremd empfindet).
Abbildung 1.1: (Körper-)Grenzen
Gemeinhin ziehen wir unsere Grenzen so, dass wir unseren Raum als groß genug empfinden, um uns frei bewegen und entfalten zu können, sowie eng genug, um ein Gefühl von Sicherheit zu erleben: Unser Bereich muss ja auch noch kontrolliert, geschützt und notfalls verteidigt werden können. Die ideale Größe bedeutet für alle Menschen etwas anderes. Das macht die vielen gegenseitigen (Grenz-)Verletzungen und Missverständnisse erklärbar, wenngleich auch nicht entschuldbar: Es liegt in unserer Verantwortung (und im Bereich unserer Möglichkeiten), unsere Grenzen anderen gegenüber deutlich anzuzeigen und ebenso achtsam zu sein für die Signale der anderen.
Ein Mensch mit einem „engen“ Ich hat nicht nur gegen all die Unwägbarkeiten des Alltags und gegen schwierige Zeitgenossen zu kämpfen, sondern letztlich auch noch gegen sich selbst. In meiner Tätigkeit als Psychologische Beraterin und Coach begegnen mir leider viele Menschen, die nahezu ihre komplette Energie für den Kampf mit sich selbst und ihren eigenen Grenzen (siehe hierzu auch Kapitel 2) aufwenden. Kommen dann Hindernisse im Außen dazu, sind sie völlig überfordert.
Erfreulicherweise sind Grenzen aber veränderbar und wachsen in der Regel mit uns mit. Grenzen können überschritten und erweitert werden. Wenn Sie also Ihren Raum als zu eng empfinden, dann wird es höchste Zeit, dass Sie ihn vergrößern. Das wird anderen eventuell nicht gefallen, aber das muss es auch gar nicht. Sie werden sich daran gewöhnen, Ihre Grenzen gemäß Ihren Bedürfnissen zu ziehen und unabhängiger zu werden von den Unkenrufen Ihrer Mitmenschen.
Wir stecken buchstäblich und im übertragenen Sinn unsere Grenzen ab, markieren sie in irgendeiner Weise und „kämpfen“, wenn jemand sich erdreisten sollte, in unser Revier einzudringen. Dann versuchen wir – im Rahmen unserer Möglichkeiten –, den Eindringling zu vertreiben. Und das hat einen guten Grund.
Wie alles in der Natur folgt auch dieser Impuls einer Gesetzmäßigkeit, die unser Überleben sichern soll. Jedes Revier sollte groß genug sein, die eigene Familie oder Sippe zu ernähren und paarungsbereite, artgleiche Partner zu finden. Beides war überlebenswichtig, um Überfremdung und Nahrungsmangel zu vermeiden und den Fortbestand zu sichern. Und darum geht es auch heute noch, wenn jemand in mein Revier eindringt: ums Überleben. Da gibt es kein Überlegen und auch unsere viel gepriesene Vernunft setzt erst einmal aus. Wir reagieren nach evolutionären Mustern, ungeachtet der Tatsache, dass unser Überleben schon lange nicht mehr davon abhängt. Es ist eine uralte Angst.
Auch im Kleinen ist die Angst, etwas zu teilen und damit einen „Teil“ zu verlieren, oftmals größer als das Vertrauen und die Vernunft, die uns sagt, dass wir gemeinsam sehr viel mehr erreichen können. Lieber schaffen wir etwas alleine und heimsen dafür auch alleine das Lob ein. Einen aufgeweckten Neuen im Team könnten wir viel eher als eine Bereicherung sehen, wenn wir nicht Angst hätten, dass er alles an sich reißen und uns unsere Position streitig machen könnte.
Es sollte uns bewusst sein, dass unsere „territorialen Gefechte“ nicht mehr lebensnotwendig sind. Absprachen – Ja! Grenzen, die eine Orientierung ermöglichen – Ja! Aber sehr viele Auseinandersetzungen um Grenzziehungen sind überflüssig und schaden mehr, als sie nutzen – auch uns selbst.
Dass wir diese Erkenntnis nicht so einfach verinnerlichen und danach leben können, liegt auch an einem weiteren evolutionären Erbe: Wir sind soziale Wesen und markieren mit unseren Grenzen unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Wir brauchen diese Grenzen, können ohne sie nicht leben und werden ohnehin in sie hineingeboren. Mit spezieller Kleidung, einem bestimmten Sprachstil, Insiderwitzen, gleichen Wertvorstellungen bis hin zu äußeren Signalen wie Logos, Emblemen etc. zeigen wir deutlich, wer wir sind und wie wir uns von anderen Gruppierungen absetzen. Diese Normierung bedeutet sowohl Einschränkung als auch Sicherheit.
Grenzen haben also sowohl eine Wirkung nach innen, für mich oder für meine Gruppe, als auch eine Wirkung nach außen. Nach innen geben sie uns Halt und das sichere Gefühl dazuzugehören, aufgehoben zu sein und aufgefangen zu werden, wenn wir schwach sind. Wir finden innerhalb dieser Grenzen Menschen, die uns ähnlich sind und uns deshalb leichter verstehen. Sie geben uns eine Identität.
Nach außen wird ein deutliches Signal gesetzt, unter welchen Bedingungen man sich dieser Gruppe (Person) nähern darf, was akzeptiert wird und was nicht.
Das Bedürfnis nach Veränderung unserer Grenzen innerhalb einer bestehenden Gruppe geht allerdings fast immer mit erheblichen Schwierigkeiten einher. Es bringt uns in einen inneren Konflikt: Akzeptieren wir unsere (vielleicht viel zu engen) Grenzen in der Familie, im Job, im Freundeskreis, sichert uns das einen festen Platz in der Gemeinschaft (und selbst als Außenseiter haben wir einen festen Platz in der Hierarchie). Der Preis für die Sicherheit sind unter Umständen eingeschränkte Wachstumsmöglichkeiten.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist nach der direkten Überlebenssicherung das stärkste Grundbedürfnis.
Egal, wie weit unten jemand in der Hierarchie steht und wie viele Schikanen er jeden Tag aushalten muss, er gehört dennoch irgendwie dazu und mag das in der Regel nicht aufs Spiel setzten, denn die Alternative erscheint noch sehr viel schlimmer. Stellen wir die bestehenden Grenzen nämlich infrage oder kündigen wir sie vielleicht sogar auf, überschreiten wir sie gegen den Willen der anderen. Dann laufen wir Gefahr, von der Gemeinschaft abgelehnt und ausgestoßen zu werden und am Ende alleine zu sein. Es steckt uns immer noch in den Genen, dass dies der schlimmste denkbare Fall ist, weil wir isoliert von der sicheren Gemeinschaft ursprünglich nicht überleben konnten.
Das ist heute natürlich nicht mehr der Fall: Wir können den Job wechseln, in eine andere Stadt ziehen, uns einen neuen Freundeskreis schaffen. Wir können einen lieblosen Partner verlassen, uns scheiden lassen und auch mit einem Kind allein überleben. Wir können sogar mit unserer Familie brechen, ohne dass das heute noch eine soziale Ächtung nach sich ziehen würde. (Das ist übrigens nicht in allen Kulturen und Ländern selbstverständlich.)
Und dennoch: Fakt ist, dass wir in dem Moment, in dem wir ernsthaft mit dem Gedanken spielen, alte Grenzen zu sprengen, nicht sicher wissen können, ob wir nicht am Ende ganz allein sind. Die uralten Programme der Überlebenssicherung springen sofort an, Angst wird aktiviert. Diese Urangst, die Angst vor der Einsamkeit und der (möglichen) sozialen Ausgrenzung, hält viele Menschen innerhalb der alten Grenzen gefangen.
Grenzen sind in unserem Alltag allgegenwärtig, wir können ihnen gar nicht entkommen. Alles hat Grenzen: jeder Gegenstand, jede Tätigkeit, jedes Gefühl, jede Beziehung, das Leben selbst. Wenn wir das Abgrenzen also gar nicht vermeiden können, ist es definitiv ratsam, sich diese Vorgänge einmal genauer anzuschauen, um sie besser steuern zu können und aktiv zu unserem Vorteil zu gestalten. Letztlich ist genau das das Ziel dieses Buches.
Grenzen können in Form und Beschaffenheit sehr unterschiedlich sein. Sie können starr, undurchsichtig und unüberwindbar oder locker und durchlässig sein, sich wie eine Gummiwand anfühlen (nur scheinbar flexibel) oder einen Grenzbereich darstellen, der noch Raum für Gespräche und Kompromisse bietet …
Grenzen sind immer ein Spiegel meiner Kraft. Umgekehrt spiegeln mein Kraftzustand und meine Befindlichkeit, ob eine Grenze für mich gut ist oder nicht (= zu eng oder zu weit).
Es ist nicht leicht zu entscheiden, was eine „gute“ Grenze ausmacht, weil in jeder Situation etwas anderes gebraucht wird. Das einzige Kriterium, das uns bleibt, ist, wie wir uns damit fühlen.
Schlechte Grenzen fühlen sich beengt an. Wir fühlen uns in unserem ganzen Sein eingeschränkt und haben das Gefühl, unter unseren Möglichkeiten zu leben. Wir empfinden sie als Druck und als Forderung, als Behinderung und als energieraubend. Zu enge Grenzen wirken demotivierend, sie unterbinden unsere Eigeninitiative und hemmen uns in unserer Entfaltung und in unserem Wachstum. Wir spüren den Druck auch physisch, unser Organismus reagiert auf zu enge oder zu starre Grenzen noch vor dem bewussten Denken. Doch auch unser Verstand und unsere Kreativität leiden unter Umständen unter zu starren und engen Grenzen. Ganz allgemein fühlen wir uns unwohl, unfrei, unzufrieden und eher unglücklich.
Wir fühlen uns aber auch dann kraftlos, wenn eine Grenze viel zu weit gesteckt und daher nicht mehr gut zu schützen ist. Wir fühlen uns vollkommen überfordert.
In beiden Fällen handelt es sich um „schlechte“ Grenzen, die uns Kraft abziehen.
Gute Grenzen fühlen sich dagegen völlig anders an. Innerhalb einer guten Grenze fühlen wir uns kraftvoll. Sie beginnt dort, wo unsere Kraft, wo unser Wohlbefinden endet, wo es plötzlich unangenehm und schwierig wird. Gute Grenzen geben Kraft. Sie geben uns eine klare Orientierung und erleichtern uns damit das Leben und den Umgang mit anderen Menschen. Gute Grenzen ermöglichen Kontakt zu anderen und sind so beschaffen, dass wir sie jederzeit auch für andere öffnen können – wenn wir es so wollen! Wir fühlen uns innerhalb dieser Grenzen sicher und geborgen, haben aber dennoch genug Platz für alles, was wir gern machen. Wir können ganz „wir selbst sein“. Unser Körper ist entspannt und in keiner Weise in Alarmbereitschaft. Unser Denken ist frei und unsere Kreativität kann sich entfalten. Eine gute Grenze erlaubt uns, neugierig zu sein auf das, was dahinter liegen mag, und sie ist natürlich flexibel genug, dass wir sie jederzeit verändern können.
Aber Achtung: Gute Grenzen geben uns zwar das Gefühl von Sicherheit und Orientierung – also ein stabiles Gerüst, doch wir dürfen nicht den Fehler begehen zu glauben, dass mehr Grenzen automatisch noch mehr Sicherheit und Orientierung bringen. Auch da gibt es eine geheime Grenze, an der die ganze Geschichte kippt und plötzlich zu einem zu engen und zu starren Gerüst wird, das keine Bewegung mehr zulässt.
Der Philosoph Konrad Paul Liessmann bringt es in einem Interview mit brand eins (Link, 2013) auf den Punkt: „So viel Freiheit wie möglich und so viele Grenzen wie nötig. Und nicht umgekehrt.“
Wenn wir keine Grenzen kennen würden, wüssten wir nicht, was Freiheit ist! Wir brauchen die Sicherheit der Grenzen, um den Mut zu finden, sie überschreiten zu können!
Man kann auch durchaus zu gut abgegrenzt sein und damit einen persönlichen Kontakt erheblich erschweren. Das macht auf Dauer einsam. Achten Sie daher auf veränderbare und wenigstens teilweise durchlässige Grenzen. Sie entscheiden, was die Grenze durchlassen soll (Fakten, Lob …) und was auf gar keinen Fall (Verletzungen, Grenzüberschreitungen …).
Achten Sie auch auf aktive Grenzen. An passive Grenzen stoßen Sie, wenn Ihr Körper die Reißleine zieht und in den Kampfmodus umstellt. Das ist zwar gut so, aber eigentlich zu spät. Eine aktive Grenze schafft einen Grenzbereich, in dem Sie noch gut agieren, reagieren, planen und taktieren können. Tabelle 1.1 veranschaulicht noch einmal die Folgen gesunder und ungesunder Grenzen:
Ungesund weite Grenzen
Gesunde Grenzen
Ungesund enge Grenzen
Ganz offen für andere und somit auch für deren Anforderungen, Bitten, Wünsche, Demütigungen etc.
Je nach eigenen Bedürfnissen erfolgt ein fein abgestimmtes Öffnen und Schließen der eigenen Grenzen
Anderen gegenüber verschlossen
Ungeschützt sein
Bei sich und beim anderen sein können
Isoliert sein
Eigenständigkeit wird eingebüßt, mögliche Abhängigkeit von anderen
Selbstbestimmt und stabil
Unabhängigkeit nur innerhalb der eigenen Grenzen
Geringer Selbstwert
Flexibilität: Selbstwert und der Wert der anderen halten sich die Waage
Geringer oder übersteigerter Selbstwert (beides ist möglich)
Wohlergehen wird bestimmt durch das Verhalten anderer
Wohlergehen durch eigene Flexibilität
Wohlergehen nur innerhalb der eigenen sicheren Grenzen
Tabelle 1.1: Gesunde und ungesunde (zu weite und zu enge) Grenzen und ihre Auswirkungen
Dem modernen Zeitgeist zufolge gibt es keine Grenzen, alles ist möglich und erreichbar. Und es ist stimmt ja auch, dass uns heute sehr viel mehr möglich und zugänglich ist als noch vor 50 Jahren. Die Möglichkeiten sprengen tatsächlich alle Grenzen. Aber das stellt auch ganz neue Forderungen an uns – Forderungen und Überforderungen!
Wir wünschen uns etwas und können es sofort bekommen. Wie viele Menschen leben unter dem Druck massiver finanzieller Rückstände, unter Schulden, die immer mehr werden und immer weniger in den Griff zu kriegen sind? Erst bekommen wir alles und am Ende haben wir im schlimmsten Fall gar nichts mehr. Wer seine Grenzen nicht kennt, für den sind die Verlockungen der Medien und der Werbung eine echte Gefahr.
Auch in unserer Arbeitswelt begegnen wir den Forderungen nach Grenzenlosigkeit. Immer mehr in immer kürzerer Zeit soll möglich sein. Gewinne müssen wachsen, sonst wird es als Rückschritt gewertet. Die Erwartungen an alle Arbeitenden sind immens, egal auf welcher Ebene der Hierarchie sie stehen, denn den Druck, den sie bekommen, geben sie in der Regel nach unten weiter. Kaum einer kann sich diesen wirtschaftlichen Forderungen und diesem Erwartungsdruck an unsere Leistungsfähigkeit, unsere Kreativität und unsere Motivation völlig entziehen.
Die Überzeugung, dass alles möglich ist, wenn wir es nur wollen, bedeutet im Umkehrschluss: „Wenn du es nicht schaffst, dann willst du es auch nicht wirklich!“ Fatal ist, dass wir diese Überzeugung für uns selbst übernommen haben. Wir sind enttäuscht von uns, wenn wir an unsere eigenen Grenzen stoßen, wenn wir nicht auch all das schaffen, was die anderen offenbar mit Leichtigkeit „wuppen“. Dabei wissen wir gar nicht, ob die sich nicht genauso quälen wie wir gerade, ob die sich nicht dieselben Fragen stellen und wie wir nur noch so tun, als hätten sie alles im Griff.
Die neuen Normen grenzenloser Leistungsfähigkeit und ständiger Verfügbarkeit führen dazu, dass wir uns selbst und andere immer wieder enttäuschen. Denn: Unser Körper und unser Geist haben Grenzen! Wir haben eine bestimmte Menge an Kraft und Energie und die ist endlich – sie ist begrenzt! Die steigenden Ausgaben im Gesundheitsbereich belegen das eindeutig, denn Krankheit ist die Folge, wenn wir unsere körperlichen und seelischen Grenzen missachten.
Der permanente Vergleich mit einem grenzenlosen, idealen Soll-Zustand lässt den bestehenden Ist-Zustand immer schlecht abschneiden. Mit anderen Worten: Wir sind ständig unzufrieden …
… mit dem, was wir sind („Ich möchte gern so smart wie mein Kollege sein, der immer so sicher und schlagfertig ist!“),
… mit dem, was wir leisten („Meine Nachbarin schafft noch so viel mehr!“),
… mit dem, was wir können („Jetzt hat Carla einen Tanzkurs belegt, warum mache ich das nicht?“),
… mit unserem Körper („Ich muss dringend abnehmen!“),
… mit unseren Beziehungen („Die Freundin von Jan geht auf jede Party mit, warum du nicht?“) und
mit dem, was wir haben („Die Werbung zeigt mir gerade, was mir unbedingt noch fehlt!“).
Mit Ist- / Soll-Vergleichen erleben wir uns immer im Defizit und im Mangel. Wir können nicht mehr sehen und wertschätzen, was wir schon alles haben. Und wenn wir das nicht sehen können, dann stellen unsere Stärken auch keine Ressourcen für uns dar. Stärken, die wir nicht als Stärken betrachten, können wir nicht einsetzen. Wir erleben uns als total begrenzt, ohne Stärken, machtlos, klein, ohnmächtig, inkompetent und oft als Opfer eines so ungerechten Schicksals, das immer die anderen begünstigt. Gemessen an so hohen Idealen können wir uns nur so fühlen.
Schauen wir uns dazu ein Beispiel an:
Frau Mering leitet die Putzkolonne in einem großen Bürogebäude. Sie ist jeden Tag wieder vor die Herausforderung gestellt, mit wechselndem Personal in einer begrenzten Zeit sicherzustellen, dass das Gebäude so sauber ist, dass es keine Beanstandungen gibt. Dabei muss sie auch selber immer noch mit anpacken. Sie gibt immer ihr Bestes. Zu Hause warten die beiden Kinder, die möchten, dass Mutter das Essen auf den Tisch stellt, ihnen bei den Hausaufgaben hilft und sie unterstützt, ein Kostüm für Karneval zu basteln. Frau Mering will das auch gern, ist aber hin- und hergerissen, weil noch eingekauft werden muss und die Wäsche wartet … Außerdem hat sie bei dem letzten Elterngespräch sehr deutlich die Erwartung des Lehrers wahrgenommen, dass sie sich als gute Mutter mehr um die schulischen Leistungen ihres Sohnes kümmern sollte.
Und dann ist da noch ihr Mann. Da kriselt es auch etwas. Der Sex ist auch nicht mehr das, was er mal war. Kein Wunder, sie lässt sich gehen. Sie sollte mehr Sport treiben, mal hübsche Sachen kaufen und sich mehr Zeit für ihre Schönheitspflege nehmen. Das hat sie sich schon lange vorgenommen, aber sie kommt einfach nicht dazu und fühlt sich schuldig. Um die Beziehung zu verbessern – sie ist wirklich nicht die beste Ehefrau, findet sie –, sollte sie sehr viel mehr Verständnis für ihn aufbringen und ihn viel öfter nach seinem Alltag fragen (aber interessiert er sich für ihren Tag?). Eigentlich liebt sie ihren Mann und möchte wirklich eine gute Partnerin sein, aber irgendwie ist man abends immer so müde (er auch). Und wenn Frau Mering mal Zeit hätte, etwas für sich zu tun, dann erwarten die Eltern einen Besuch von ihr. Bei denen bleibt so viel liegen, was sie nicht mehr bewältigen können. Frau Mering hat ihnen geraten, das liegen zu lassen, sie würde das dann schon machen. Sie weiß, was sich als gute Tochter gehört.
Und dann ist da noch die gute Bekannte, die sie immer drängt, mal gemeinsam einen Kurs zu belegen, und ihr damit das Gefühl gibt, uninteressiert und spießig zu sein. Ja, man sollte mal mehr unternehmen.
… Und ganz ab und zu träumt sie von Dingen, die sie einfach für sich mal tun möchte, und sie spürt tief in sich, dass sie noch nicht mal mit sich selbst gut umgeht.
Egal, was Frau Mering in ihrem Leben betrachtet, alles ist „nicht gut genug“. Sie müsste sehr viel mehr tun, es besser hinkriegen, sie müsste eine bessere Köchin sein, eine bessere Freundin, sie müsste …
Sie ist unzufrieden mit sich selbst und mit ihrem Leben. Ja, wie Frau Huber, ihre vielseits interessierte Bekannte, möchte sie sein. Was die alles kann, was die alles unternimmt, und die macht wirklich was aus ihrem Äußeren!
Bei der Betrachtung unserer Vorbilder vergessen wir, dass Menschen, die Außerordentliches leisten, meist ihre ganze Energie in diese eine Tätigkeit stecken. Wir sehen nur die herausragende Leistung, die uns einfach nicht gelingen will, aber wir betrachten nicht, dass diese Person in anderen Lebensbereichen nichts oder weniger leisten muss. Ein Star, den wir anhimmeln, hat seine Manager, die alles Organisatorische für ihn regeln. Top-Sportler können den ganzen Tag trainieren, weil sie sich nicht um Haushalt und Beruf kümmern müssen.
Wenn Frau Mering sich also aufrichtig mit Frau Huber vergleichen würde, dann sollte sie auch sehen, dass Frau Huber allein lebt, keine Kinder hat und sich eine Putzfrau leisten kann.
Wir erwarten oft zu viel von uns, und das in allen Lebensbereichen gleichzeitig. Der Anspruch, grenzenlos und perfekt sein zu wollen, macht uns zu idealen Arbeitnehmern, Konsumenten, Bankkunden ... So können wir leicht verführt und ausgebeutet werden. Das sollte uns zu denken geben.
„Wer seine eigenen Grenzen nicht kennt, findet nur schwer die richtige Distanz zu anderen.“
– Ernst Ferstl –
Wir alle werden in bestimmte (Familien- und Gesellschafts-)Systeme hineingeboren, die unterschiedliche Arten von Grenzen umfassen, und mit diesen müssen wir zunächst einmal umgehen lernen. Der Prozess der Sozialisation kann sehr unterschiedlich verlaufen. Unsere Startbedingungen sind nicht immer „gerecht“ im Vergleich zu denen anderer.
Wie erleben wir Grenzen? Fühlen wir uns geborgen, behütet und so sicher, dass wir sie als positiv und sinnvoll erleben? Dass wir Kraft und Mut aus dieser Sicherheit ziehen können, um die Welt zu erobern? Oder sind die Grenzen unklar definiert – wie in einem Dschungel, in dem wir nie wissen, wo es langgeht? Wurden uns vielleicht Grenzen aufgezeigt, wenn wir uns allein bewegen wollten, oder gab es fast keine Grenzen, an denen wir unsere Kraft erproben konnten? (Siehe hierzu auch Abschnitt 1.3: „Kriterien für eine gute Grenze“.)
Die Art der Grenzen, die wir als Kinder kennenlernen, prägt unseren Umgang mit Grenzen im Allgemeinen, und in den meisten Fällen behalten wir die Grundmuster ein Leben lang bei. Wenn Sie als Erwachsene/-r Probleme mit Grenzen haben – mit den eigenen und mit denen der anderen –, dann kann es sinnvoll und erhellend sein, sich den Umgang mit Grenzen in der eigenen Kindheit und auch besonders in der Pubertät genauer anzusehen. Wenn Sie Widerstand verspüren, auf diese Zeit zurückzublicken, kann ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten oder Berater unterstützend sein. Ansonsten helfen Ihnen vielleicht die folgenden Fragen, um ein wenig Licht auf Ihre eigene Geschichte mit Grenzen zu werfen:
(Bitte beachten Sie bei dieser Reflexionsübung, dass es für alle Altersstufen andere Grenzen gibt. Ein Kleinkind will und braucht keinen eigenen Raum, den es abschließen könnte, ein Schulkind und ein/-e Pubertierende/-r aber schon.)
Wurde ein Nein von mir auch mal respektiert?
Hatte ich eine Privatsphäre, die respektiert wurde?
Hatte ich ein Zimmer, das ich abschließen konnte?
Kam jeder einfach in mein Zimmer oder wurde angeklopft?
Wurden mir Raum und Ruhe zugestanden, wenn ich meinen Interessen nachging?
Wurden meine Interessen gefördert?
Wurde meine Intimsphäre immer geachtet (mein Recht auf angemessenen körperlichen Abstand oder Schamgefühle)?
Wurden meine Ängste ernst genommen?
Wie wurde damit umgegangen, wenn ich anderer Meinung war?
Wie wurde damit umgegangen, wenn ich zu etwas keine Lust hatte?
Wie wurde damit umgegangen, wenn ich nichts essen wollte?
Konnte ich selbst Grenzen setzen und Maße bestimmen?
Konnte ich Entscheidungen (z. B. Urlaubsziele) und Grenzen mitbestimmen?
Wurden Grenzüberschreitungen zu hart bestraft, hatte ich Angst davor?
Wurde mit mir darüber gesprochen?
Waren die Strafen angemessen und für mich nachvollziehbar und „ausgleichend“?
Waren die Konsequenzen für mich absehbar?
Wusste ich um klare Regeln und Grenzen oder waren die nie ganz deutlich?
Habe ich mich oft überfordert und orientierungslos gefühlt, weil ich irgendwie alles durfte?
Hatte ich das Gefühl, gar nicht wichtig zu sein, nicht geliebt zu sein, weil ich alles durfte?
Habe ich eine Diskrepanz erlebt zwischen der Klarheit, mit der die Eltern auf die Einhaltung ihrer Grenzen beharrt haben, und ihrer Nichtachtung meiner Grenzen?
War ein Nein der Eltern für mich noch diskutierbar oder lief ich gegen eine Wand?
Habe ich mich sicher gefühlt durch die Regeln der Familie?
Kinder gehen immer so weit, wie sie gehen können. Sie testen die eigenen Grenzen, ihre Kräfte, ihren Mut, aber auch die Grenzen der anderen, weil sie lernen wollen, in Beziehungen zu bestehen. Sie müssen es tun, die Natur gibt ihnen das zwingend vor, denn für das Überleben ist es wichtig zu wissen, wie wir gute Kontakte gestalten und ab wann wir bei jemandem vorsichtig sein müssen. Gleichzeitig lernen wir durch diesen Anpassungsprozess, unseren eigenen Spielraum optimal zu nutzen.
Dieses Über-alle-Grenzen-hinausgehen-Wollen ist ein permanentes Drängen nach Wachstum und Weiterentwicklung, nach Entfaltung unseres vollen Potenzials. Es hält ein Leben lang an, auch wenn es in der Kindheit besonders stark ausgeprägt ist. Zugleich führt dieses Drängen aber auch zu Neid, Missgunst, Konflikten und Konkurrenz, zu Verrat und letztendlich auch zu Krieg, der im Grunde nichts anderes ist als der Versuch, unserer Ideale zu verbreiten, unseren Besitz oder unseren Lebensraum zu erweitern.
Diese Wachstumstendenz in uns, die uns niemals so richtig ruhen lässt und die uns weitertreiben will, steht einer anderen Strebung in uns entgegen, nämlich der nach Sicherheit und Erhalt des Bestehenden. Beide sind etwa gleich stark. Deshalb haben wir so oft Schwierigkeiten, uns für einen ersten Schritt in Richtung Neues zu entscheiden. Wir wollen unbedingt aufbrechen und wollen es doch nicht wirklich. Risiko oder Sicherheit? Das ist fast immer die Frage hinter allen Entscheidungen, die wir treffen – ein innerer Konflikt.
Auf der Skala, die von „immer auf Nummer sicher“ bis „volles Risiko“ reicht, hat jeder von uns irgendwo seinen Platz. Manche tendieren mehr zur Sicherheit und entscheiden sich im Zweifelsfall für das Altbewährte, andere wiederum scheinen keine Angst zu kennen, brechen oft mit ihrem alten Leben und fangen einfach immer wieder neu an. Zu welcher Kategorie wir gehören, ist weder festgefügt noch Schicksal, sondern das Ergebnis unserer Erfahrungen, die wir gemacht haben. Auch beobachten wir schon früh, wie unsere Vorbilder – und Eltern sind für Kinder (leider?) immer Vorbilder – mit Grenzen umgehen und welche Erfahrungen diese damit machen. Die Beobachtungen und Reaktionen auf unsere ersten eigenen Versuche, Grenzen zu setzen, bestimmen weitgehend, in welche Richtung wir uns entwickeln. Wird unser Mut belohnt, bekommen wir Lob, erfahren wir gesteigerte Wertschätzung oder können wir selbst stolz auf das Geleistete sein, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch das nächste Mal den Mut aufbringen, etwas Neues zu wagen und unsere Grenzen zu weiten. Wenn wir aber umgekehrt schlechte Erfahrungen machen, wird die Angst vor jeder weiteren Risikoentscheidung immer größer, und wir bleiben lieber auf der „sicheren Seite“. So werden wir, wer wir sind. Aber wir können diese Bewegung jederzeit auch wieder ändern, wir müssen nur dafür sorgen, dass wir wieder gute Erfahrungen mit Wachstum und dem Überwinden von alten Grenzen machen. (Dazu später mehr in Kapitel 4 „Grenzen entstehen im Kopf“.)
Erzieherische Grenzen
Wenn wir Eltern werden oder als Pädagogen mit Kindern zu tun haben, spielt das Thema Grenzziehung verstärkt eine Rolle, ob wir es wollen oder nicht. Mit Kindern kommen wir zwangsläufig in die Situation, aktiv Grenzen setzen und mit entsprechendem Widerstand umgehen zu müssen.
Eltern lösen das Problem – wie wir oben bereits gesehen haben – sehr unterschiedlich, aber es ist und bleibt eines der wichtigsten Themen in der Erziehung. Allein schon, weil die Kleinen uns wirklich „an unsere Grenzen bringen“ können. Zugleich müssen wir lernen, uns selbst abzugrenzen, und zwar möglichst so (hier folgt gleich der Fortgeschrittenenkurs), dass wir unsere Kinder in ihrem Drang zu wachsen und zu selbstständigen Menschen zu reifen nicht behindern. Lieben, fördern und trotzdem abgrenzen – das ist eine echte Herausforderung! Wenn es Ihnen nicht nur um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht, sondern auch um das Wohl und das Gedeihen Ihrer Kinder (und welchen Eltern läge das nicht am Herzen?), dann möchte ich Ihnen besonders die Gesprächstechniken im Abschnitt 9.6.4 („Grenzen und Kontaktpflege – emotionale Intelligenz“) empfehlen.
Mögliche Fehler bei der Grenzziehung in der Erziehung:
Grenzen werden nicht gesetzt oder sind zu weit.
So kommt das Kind leicht in Situationen, die es noch nicht einschätzen kann, die es überfordern, in denen es scheitert und sich dann schwächer erlebt, als es eigentlich ist. Der Schritt war einfach zu groß und das Ergebnis erschreckt und verschreckt.
Das Kind kann sich auch nicht an bestehenden Grenzen orientieren und seine Kraft daran messen. Es kann nicht die außerordentlich befriedigende Erfahrung machen, „über seine Grenzen gewachsen zu sein“, und sich damit größer und reifer zu fühlen.
Kinder, denen kaum Grenzen gesetzt werden, schätzen sich später falsch ein. Sie können ihre Stärken und Schwächen nicht benennen, weil sie sie nicht erproben konnten: „Was war wirksam und was konnte ich gar nicht bzw. hat mir Nachteile gebracht?“
Außerdem bleibt das diffuse Gefühl, den Eltern egal zu sein, eigentlich uninteressant und unwichtig zu sein, alleingelassen mit den eigenen Erfahrungen, vielleicht sogar ungeliebt.
Zu weite Grenzen stärken unsere Kinder nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, sie schwächen sie, weil ihnen wichtige Erfahrungen mit Grenzen als Orientierung fehlen.
Grenzen werden zu eng gesetzt und / oder zu starr durchgesetzt
In einem zu engen Rahmen bleibt Kindern kein Raum, die eigenen Grenzen auszutesten. Jeder vitale Impuls, den sie haben mögen, prallt viel zu schnell an einer Mauer ab. Das demotiviert und verunsichert. Wenn jeder Versuch, Grenzen zu weiten und sich auszuprobieren, zum Scheitern verurteilt ist, hören sie auf, es zu probieren. Damit bleiben sie unter ihren Möglichkeiten und verzagen später leicht an den ersten auftauchenden Schwierigkeiten. Auch kennen sie ihre Stärken nicht, stolpern aber scheinbar dauernd über ihre Schwächen. Die Folge: Sie erleben sich als schwach und nicht durchsetzungsfähig (wie denn auch gegen „die Großen“, die nun mal mächtiger sind?). Angst vor Konsequenzen, vor Strafen und rigide durchgesetzten Regeln tragen nicht dazu bei, dass unsere Kinder mutiger werden. Die Angst vor den Autoritäten wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Leben lang dazu führen, sich rasch wieder in das Unvermeidliche zu fügen. Sie haben noch nie erlebt, gegen die „Mächtigen“ ankommen zu können.
Wechselnde Grenzen – mal streng, mal „in Ordnung“
Für Kinder sind unklare Grenzen noch schlimmer als die ersten beiden Varianten, weil jede Möglichkeit fehlt, die Situation vorherzusehen. Was eben noch durchging und offenbar in Ordnung war, verursacht plötzlich eine riesige Katastrophe. Wer soll da noch durchblicken? Damit wären sogar erwachsene Menschen überfordert. Kinder verunsichert das über alle Maßen. Oft werden sie still, scheu und übervorsichtig. Angst bestimmt ihr Handeln und sie können keinen rechten Bezug zu ihren eigenen Möglichkeiten herstellen, denn irgendwie „war immer alles falsch“.
Keine erkennbaren Grenzen
Alles scheint völlig in Ordnung, Mutter / Vater wirkt eben noch ruhig und entspannt und dann bricht plötzlich ohne Vorwarnung die Hölle los. Das Kind kann keinen Bezug zu seinem Handeln herstellen, denn der eigentliche Grund für das Donnerwetter ist nicht die aktuelle Handlung, sondern ein Geschehen, das bereits für das Kind vergessen und abgeschlossen scheint. Da auf dieses vergangene Verhalten keine Reaktion erfolgte, hat es das als „in Ordnung“ bewertet und schon wieder vergessen. Eltern nehmen sich oft lange zurück (gut gemeint), dulden und schlucken … bis ihnen der Kragen platzt. Nur kann das Kind das dann nicht mehr zu- oder einordnen. Diese für sie plötzlich hereinbrechenden Gewitter können sie weder verstehen noch aushalten. Es zerstört jedes Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in die Eltern. Das Leben wird als unberechenbar und gefährlich erlebt.
Es sei in diesem Zusammenhang noch einmal an den Tipp des Philosophen Liessmann erinnert: „So viel Freiheit wie möglich und so viele Grenzen wie nötig. Und nicht umgekehrt.“
Wie erkennen wir eine (für uns) „richtige“ Grenze? Sie steht in keinem Buch, es gibt keine Tabellen, keine vorgeschlagenen Berechnungen dafür. Wie auch, ist sie doch im Kontakt mit meinem Partner ganz anders notwendig als im Kontakt mit einer Bekannten oder dem Kollegen, vor dem ich Angst habe. Außerdem brauche ich heute vielleicht sehr viel mehr Abstand als gestern, weil ich heute müde, erschöpft und unsicher bin, ob nicht auch noch eine Erkältung im Anmarsch ist.
Wer oder was hilft uns also im jeweiligen Kontext zu entscheiden, wann „es gut ist“ und wann „es reicht“? Die Antwort ist ganz einfach: unser Körper.
„Der einzige, der sich mit unseren Grenzen auskennt, ist unser Körper. … Wenn er nur zu Worte käme. Wenn wir ihm zuhören würden. Doch oft redet der Kopf dazwischen und versucht, uns zu beschwichtigen: Es sei doch nicht so schlimm, andere halten das doch auch aus, wir sollen uns nicht so anstellen und nicht so pingelig sein. Und das Herz ist auch schnell zur Stelle: ,Aber du magst sie doch. Sie meint es doch nur gut.‘“
(Sellin, 2014, Seite 34)
Der Körper reagiert schnell und eindeutig, viel schneller, als unser Denken die Situation erfassen kann. Er reagiert exakt an dem Punkt, an dem uns jemand „zu nahe tritt“. Wenn wir wissen wollen, wo unsere Grenze zu suchen und zu finden ist, müssen wir mehr auf unseren Körper, auf unser „Bauchgefühl“, achten und ihn auch ernst nehmen. Nicht nur wahrnehmen und weiter dulden, nicht nur spüren, sondern auch handeln, und zwar genau in dem Moment, in dem unser Körper sich meldet.
Unser Organismus scannt über unsere Sinne permanent unsere Umwelt. Das sind pro Sekunde etwa elf Millionen Informationen (von Koop, 2015, Seite 27 f.). In Bruchteilen von Sekunden (!) wird daraus ein Ergebnis ermittelt, das uns sagt, wie wir die jetzige Situation zu verstehen haben und wie wir damit umgehen müssen. So werden z. B. Tausende von Einzeldaten über unser Gegenüber hochgerechnet: Die Stimme ist lauter als sonst, die Augen sind verengt und fixieren mich, der Körper ist überdurchschnittlich gespannt, das Gesicht ist gerötet, die Halsschlagader pocht … Das alles mit unserem Bewusstsein zur Kenntnis zu nehmen würde viel zu lange dauern, allein dies hier zu lesen ist zu langsam. Unser Unbewusstes kennt all diese Signale und bewertet sie umgehend als Gefahr.
Und es leistet noch mehr (alles noch in dieser einen Sekunde!). Es bereitet unseren ganzen Organismus darauf vor, es mit dieser Gefahr aufzunehmen. Bei Gefahr müssen wir schnell und kräftig reagieren können und entweder um unser Leben rennen oder kämpfen. Auch hier stoßen wir wieder auf uralte Programmierungen aus der Zeit, in der eine Gefahr auch immer gleich eine lebensgefährliche Situation darstellte. Dass es heute eine hysterische Kundin ist oder unser ärgerlicher Partner, kann unser Unbewusstes nicht unterscheiden. Es kennt nur die eindeutigen Signale und reagiert umgehend, indem es uns blitzartig in den Flucht- oder Kampf-Modus versetzt. Und genau diese Veränderungen in unserem gesamten Organismus können wir spüren – und wir sollten sie als Signal ernst nehmen.
Dieses Umschalten verändert alle Vorgänge in unserem Organismus, es verändert sogar unsere Wahrnehmung und unser Denken (die Veränderungen im Detail finden Sie im nächsten Abschnitt). Wir sind dann nicht mehr die kultivierten, intelligenten Personen, sondern mutieren zu reinen „Kampfautomaten“. In diesem Steinzeitmodus tun wir Dinge, die wir hinterher eventuell selbst nicht mehr verstehen, sagen Dinge, die wir normalerweise nie sagen würden. Wir erschrecken vor uns selbst, sind enttäuscht von uns, dass wir uns „nicht im Griff“ hatten. Und doch ist das vollkommen normal! Jeder Mensch reagiert so, wenn er eine Situation als Gefahr erlebt. Wir geraten sogar in diesen steinzeitlichen Kampf-oder-Weglauf-Modus, wenn wir uns diese Gefahr nur vorstellen oder einbilden.
Mit der Beurteilung „Gefahr!“ wird das Hormon Adrenalin schlagartig aktiviert. Hormone nennt man auch Botenstoffe, weil sie den Auftrag haben – im wahrsten Sinne des Wortes –, unseren gesamten Körper zu informieren, jeder einzelnen Zelle die Botschaft zu überbringen, auf welche Situation sie sich einzustellen hat, was sie als Nächstes tun soll. Jedes Hormon – jeder Botenstoff – bringt andere Informationen und versetzt unseren Körper in andere Zustände.
Adrenalin macht unseren Körper kampfbereit. Es sagt den Zellen: „Wir brauchen euch jetzt. Stellt euch auf Gefahr ein. Ihr müsst jetzt Höchstleistung bringen!“ Kampfbereit, das bedeutet: schnell und mit voller Stärke zuschlagen oder so rennen zu können, wie ich noch nie im Leben gerannt bin. Für beides brauche ich volle Mobilität und alle verfügbaren Energien, der Energiebedarf ist enorm hoch. Und all das brauche ich sofort. Es ist ein regelrechter Adrenalinschub (manche nennen ihn auch Adrenalinkick).
Schauen wir, was Adrenalin – das bekannteste Stresshormon – in unserem Körper alles bewirkt:
Der Blutzuckerspiegel steigt, gibt Energie in Form von Glukose frei.
Die Atmung beschleunigt sich, die Bronchien weiten sich.
Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt: Das mit viel Sauerstoff gesättigte Blut (pure Energie für die Muskeln) wird schneller als sonst befördert (siehe Atmung).
Versorgt wird damit fast ausschließlich die große Muskulatur unserer Extremitäten (Arme und Beine, die wir zum Rennen und Kämpfen brauchen) und alle lebenswichtigen Organe. Alle nicht lebenswichtigen Organe sind in dieser Zeit unterversorgt.
Die Muskeln sind gespannt. Der „Muskelpanzer“ soll uns vor Schlägen schützen und ist gleichzeitig vorbereitet, selbst aktiv zu werden.
Die Muskeln zittern, weil ein hohes Erregungspotenzial vorliegt. Die Muskeln sind in Vorspannung.
Die kleinen Kapillargefäße, also die feinen Endgefäße, werden weniger gut durchblutet und verengen sich sogar. Das hat auch den Vorteil, dass wir bei oberflächlichen Verletzungen nicht gleich viel Blut verlieren können. Darum wirken wir bei Angst auch sehr blass.
Innere Organe, die nicht unbedingt benötigt werden, werden vorübergehend „stillgelegt“, Magen- und Darmtätigkeit werden eingestellt, die Energie wird jetzt woanders dringender benötigt. Wer über längere Zeiträume unter Stress steht, bekommt deshalb Probleme mit Magen und Darm (bis hin zum Magengeschwür.)
Harndrang, wir wollen uns „verpissen“ oder machen uns „vor Angst in die Hose“. Der Körper will Ballast loswerden.
Trockener Mund, kein Speichelfluss.
Kein Hunger, Nahrungsaufnahme ist im Moment unwichtig.
Das Gesichtsfeld, das bei einem gesunden Menschen eine Ausdehnung von etwa 180 Grad hat, ist eingeschränkt. Es kommt zum sogenannten Tunnelblick. Unser Blick ist auf „den Gegner“ ausgerichtet.
Alle
Sinne sind zu 100 Prozent auf die Gefahr ausgerichtet. Wir hören keine Besänftigung von Personen am Rand, und wie unter Drogen spüren wir durch den Adrenalineinfluss keine Schmerzen mehr. Wir sind betäubt, um auch mit Verletzungen weiterkämpfen zu können.
Die Körpertemperatur steigt, wir schwitzen. Wärme fördert die Beweglichkeit unserer Muskulatur und der Gelenke. (Vor dem Sport machen wir uns ja auch warm.)
Wir sind hellwach. (Versuchen Sie mal zu schlafen, wenn Sie gestresst sind.)
Das Großhirn, in dem unser Wissen (leider auch die erlernten Techniken) gespeichert sind, ist für Notfallsituationen viel zu langsam. Bis wir überlegt haben, was wir am besten machen sollten, hat der Tiger uns bereit zerfleischt. Das vernünftige Denken ist in Gefahrensituationen von Nachteil und gehört deshalb zu den Systemen, die „abgeschaltet“ werden. Adrenalin bewirkt diese Unterbrechung in den Synapsen, bis wir wieder entspannt sind und rational denken können … und uns wundern, warum unser Kopf gerade so leer war und uns die richtigen Argumente oder schlagfertigen Konter einfach nicht eingefallen sind.
Wir können bei Angst und Stress nicht mehr „vernünftig“ denken. Der Abruf von Wissen, Techniken und Kreativität ist unterbrochen.
Die körperlichen Vorgänge lassen sich nicht willentlich steuern, da sie vom vegetativen Nervensystem übernommen werden. Diese Vorgänge sind also automatisiert und entziehen sich unserer Kontrolle, wenn unser Organismus erst einmal auf Notbetrieb geschaltet hat.
All das ist auf eine Bedrohungslage ausgerichtet, in der meinem Körper und meinem Leben tatsächlich Gefahr droht.
Gefahr bedeutet für unseren Organismus immer Lebensgefahr!
Glücklicherweise besteht eine Gefahr für Leib und Leben in unserem Alltag wirklich selten. Doch solange wir Druck- und Stresssituationen als Gefahr empfinden und bewerten, wird unser Organismus nach den alten Mustern funktionieren – für den Notfall. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir eher der Fluchttyp sind, nicht im Mindesten ans Kämpfen denken und eigentlich nur wegwollen oder ob uns der Kragen platzt und wir den Gegner am liebsten „plattmachen“ würden. Es laufen die gleichen Vorgänge ab – automatisiert –, wir sind nicht mehr „Herr der Lage“ in einem vernünftigen Sinn.
Wenn wir an unsere Grenzen kommen (oder jemand anders es tut), geht der Körper augenblicklich in Alarmbereitschaft und bringt uns in einen Ausnahmezustand mit den eben dargelegten massiven körperlichen Veränderungen. Vera F. Birkenbihl (2013) nennt das den „psychologischen Nebel“ und Berthold Ulsamer schreibt dazu (1996, Seite 24):
„Gesprächspartner, die normalerweise sachlich, logisch und vernünftig miteinander sprechen, tappen plötzlich im Nebel. Vernunft und Klarheit sind getrübt oder gar verschwunden. Der sachliche Inhalt rückt aus dem Blickfeld. …
Auf der primitiven Ebene des Neandertalers arbeitet das Gehirn allerdings höchst effektiv. Die wunden Punkte des Gegners werden mit erstaunlicher Sicherheit ausfindig gemacht und getroffen. Der schlägt gnadenlos zurück. Und natürlich genau dorthin, wo es am meisten weh tut.“
Mit anderen Worten: Unsere Gedanken sind fokussiert auf die Frage, wann und wie ich mein Gegenüber am besten „Schachmatt“ setzen kann und wie ich mich am besten schützen kann. Da unser Großhirn von dem Hormon Adrenalin blockiert wird, besteht kein Zugriff auf unsere kognitiven Fähigkeiten und Kompetenzen:
Vernunft
Logik
Neutralität
Sachlichkeit
Zuhören
Einfühlungsvermögen
Reflexion
Kreative Lösungssuche
Abruf von Wissen
Alle Gedanken drehen sich um den Kampf (oder die Flucht), und je länger er dauert, desto mehr verletzen sich die Gesprächspartner. Da in diesem Fall (meist) Worte die Waffen sind, geschehen die Verletzungen auf der persönlichen Ebene (emotional und psychisch). Die sind zwar nicht sichtbar, heilen aber u.U. nicht so schnell und werden auch nicht so bald vergeben und vergessen. Das bedeutet, die Beziehung ist auf längere Sicht gestört und eine weitere konstruktive Zusammenarbeit wird extrem schwierig bis unmöglich: „Die Inhalte, die ursprüngliches Thema waren, werden nebensächlich. Das sachlich Wichtige wird nicht mehr aufgenommen … Inhaltliche Konsequenzen sind daher nach einem derartigen Streit selten.“ (Ulsamer, 1996, Seite 27)
Bevor wir Techniken erlernen, um gesunde Grenzen zu setzen, müssen wir unser Adrenalinniveau herabsenken, um wieder Zugriff auf all unsere (kognitiven und emotionalen) Fähigkeiten zu erhalten.
Die gute Nachricht lautet, auch wenn das Überlebensprogramm automatisch einsetzt und Ärger oder Angst Ihr Denken, Fühlen und Wahrnehmen „benebelt“, können Sie etwas dagegen tun, damit dieser Zustand nicht Ihr Handeln bestimmt und Beziehungen gefährdet werden.
Abstand schaffen
Die Denkblockade wirkt nur so lange, wie wir uns in der „Gefahrenzone“ befinden. Wenn wir diese verlassen und uns wieder auf sicherem Boden befinden, setzt die Ratio wieder ein und wir können überlegen, was gerade schiefgelaufen und was jetzt am besten zu tun ist, um wieder in einen normalen, ausgeruhten und konzentrierten Zustand zu kommen.
Abstand schaffen (in unterschiedlicher Form) ist deshalb auch der gemeinsame Nenner für alle Techniken, die später in diesem Buch genannt werden.
Leider reicht Abstand alleine in den meisten Fällen nicht aus, um sich zu beruhigen. Wir sind weiterhin aufgeregt, verärgert, erbost oder ängstlich und noch weit davon entfernt, wieder ruhig unserem Tagesgeschäft nachzugehen. Das liegt daran, dass das Adrenalin noch in unserem Körper aktiv ist. Der ganze Organismus ist noch in Kampfbereitschaft und gut vorbereitet auf körperliche Höchstleistung. Nur sind unsere Auseinandersetzungen heutzutage (in der Regel) nicht mehr körperlicher Natur: Wir ringen nicht wirklich körperlich mit dem Feind, wir rennen nicht um unser Leben, wir haben – mit anderen Worten – diese ganze bereitgestellte Energie nicht „ausgegeben“. Doch sie möchte verbraucht werden. Die folgenden Techniken sind daher zum Herunterfahren des hohen Erregungsniveaus geeignet:
Bewegung
Das ist die einfachste und direkteste Methode, um die aufgebaute Energie auszugeben, und zwar für genau das, wofür sie ursprünglich mal gedacht war: rennen oder kräftig zuschlagen.
Machen Sie alles, was ordentlich auspowert, agieren Sie sich körperlich so richtig bis zur Ermüdung aus.
Joggen, sprinten, spazieren gehen
Toben / mit den Kindern oder dem Hund balgen
Ballspiele
Kampfsport
Holz hacken / kräftiger Hausputz / Gartenarbeit …
Musik laut stellen und tanzen / laut schreien …
Sex
Zeit
Mit der Zeit baut sich der hohe Spannungszustand natürlich auch ab, allerdings dauert das länger, als wenn Sie die Energie direkt für Bewegung ausgeben. Voraussetzung ist natürlich, dass Sie sich in dieser Zeit nicht weiterhin aufregen (sonst kann es sich ziemlich lange hinziehen, bis Sie wieder zur Ruhe gekommen sind). Tun Sie dann Dinge, die Sie runterbringen:
Schlafen
Nichts tun
Zeit alleine verbringen, ohne Ablenkung durch Fernsehen etc.
Schöne, ruhige und wohltuende Aktivitäten wie baden / malen / musizieren / schreiben …
Meditieren
Yoga / Qigong / Autogenes Training
Sich auf sehr langsames Atmen konzentrieren (gibt dem Organismus ein Signal für „Entwarnung“)
Sich verwöhnen lassen: Massage etc.
Wenn wir an unsere Grenze geraten – und das passiert meistens sehr plötzlich –, dann reagiert unser Körper, wie wir gelesen haben, prompt und eindeutig. Bei jedem Menschen äußern sich die ersten Warnsignale ein wenig anders. Es ist gut, wenn Sie Ihren Körper so weit kennen, dass Sie die ersten Warnhinweise sofort richtig verstehen. Meist ist man dann noch in der Lage zu reagieren. Wenn wir das nicht tun, dann geraten wir schnell in den „psychologischen Nebel“. Was sind Ihre persönlichen Warnsignale dafür, dass „etwas nicht stimmt“?
Druck im Bauch
Kloß im Hals
Unruhe
Unwohlsein
Druck auf der Brust
Nacken verspannt sich
Druck auf der Blase
Vielleicht juckt auch eine alte Narbe oder andere kuriose Zeichen
Nehmen Sie diese Symptome bitte nur als Anregungen, um bei sich selbst nachzuspüren, wie Ihr Körper mit Ihnen kommuniziert. Wenn Sie auf Anhieb nicht sagen können, was Ihr persönliches Alarmzeichen ist, dann wird es Zeit, gezielt darauf zu achten. Vielleicht begeben Sie sich absichtlich einmal in eine Situation, in der Ihnen „etwas zu nahe kommt“, wie etwa in einer Warteschlange. Experimentieren Sie mit dem Abstand und registrieren Sie bewusst, was das erste Körpersignal bei Ihnen ist und wo in Ihrem Körper Sie eindeutig spüren, dass es ab jetzt zu nahe wird. Beobachten Sie das auch weiterhin. Bleiben Sie sensibel für die Signale Ihres Körpers.
Wenn dieses Signal irgendwann unvermittelt auftritt, dann wissen Sie: „Oh, aufpassen! Einen Schritt zurücktreten. Genau hinsehen. Was passiert hier gerade?“ Sie sind für drohende Grenzüberschreitungen dann sehr viel besser gewappnet.
Ob eine Grenzziehung ernst genommen wird und Wirkung erzielt, hängt in erster Linie davon ab, wie wir sie zum Ausdruck bringen. Oft erlebe ich Klienten, die darüber klagen, dass sie zwar eine Grenze aufzeigen und ein Nein äußern, dennoch aber übergangen werden:
„Ich habe doch gesagt, dass ich das nicht möchte, warum nimmt das irgendwie keiner wirklich zur Kenntnis?! Warum werden meine Grenzen nicht ernst genommen?
Da rafft man seinen ganzen Mut zusammen und sagt klar und unmissverständlich, dass man sich an dieser Aktion nicht beteiligen möchte, und meine Bekannten tun so, als hätte ich gar nichts gesagt. Sie planen mich ein und stülpen mir Aufgaben über. Ich sage noch einmal, dass ich das doch eigentlich gar nicht will, aber sie lachen nur und machen weiter, als hätte ich einen Scherz gemacht. Was soll ich denn noch machen?“
Wenn wir diese Aussage lesen (oder von Bekannten hören), ist es wirklich nicht zu verstehen. Offenbar hat hier doch jemand unmissverständlich Nein gesagt. Wären wir jedoch in der beschriebenen Situation dabei gewesen, hätten wir die Person dabei sehen und hören könnten, würden wir es vielleicht nachvollziehen können. Schauen Sie sich einmal die folgenden Beispiele an:
Karo:„Ich weiß nicht!“ (gedehnt, zögerlich)
Karo denkt vielleicht, dass sie sich abgrenzt, indem sie nicht sofort (wie sonst üblich) zustimmt. In ihr ist ganz sicher der Wille, sich diesmal nicht dominieren zu lassen, und sie glaubt, ihre Bekannten müssten das doch merken und verstehen, aber dem ist nicht so. Die verstehen es nicht als Grenzziehung. Die Botschaft ist nicht angekommen. Was gemeint war und was verstanden wurde stimmen nicht überein. Ein Nein ist nicht zu hören, nur ein Zögern, aber das kann genauso gut bedeuten, dass die Person schon überlegt, wie sie es angehen möchte.
Simon:„Ich habe mal überlegt, ob ich vielleicht … na ja, ich glaube, ich sollte besser nicht mitmachen.“
Was würden Sie davon halten? Ist das eine Grenzziehung? Oder ist da jemand noch mit seinem Entscheidungsprozess beschäftigt? Simon macht am Ende doch immer alles, also müssen Sie das wohl nicht ernst nehmen, oder?
Tatsächlich wird hier keine klare Entscheidung verkündet. Formulierungen wie „vielleicht“, „ich glaube“, „ich sollte besser“ relativieren die Botschaft, die zudem noch zu lang ist.
Anja:„Ich möchte diesmal nicht mitmachen.“
Hier ist ein Wunsch oder eine Bitte an das Gegenüber formuliert, aber keine klare Entscheidung, die gefallen ist. Die Formulierung ist zwar sehr viel besser gelungen als bei Karo und Simon, dennoch gibt sie dem Gegenüber Macht und Raum, die Absage zurückzuweisen. Andere spüren einen gewissen Verhandlungsraum und nutzen ihn.
Die Botschaft ist zwar raus, wird aber nicht angenommen oder akzeptiert.
Bitte vergessen Sie nicht, dass jeder seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt („Es ist doch viel bequemer, wenn sie wieder die Organisation übernimmt – sonst muss ich das am Ende noch machen“) und Ihre Botschaft vielleicht gar nicht hören will. Wenn nur die geringste Möglichkeit besteht, Ihre Grenze ignorieren zu können, wird Ihr Gegenüber es tun. Die Grenzziehung funktioniert nicht, obwohl sie ausgesprochen wurde.
Jonas:„Ich werde diesmal nicht mitmachen.“
Jetzt ist doch alles klar, oder nicht? Dieser Satz scheint perfekt, sodass die Botschaft jetzt auch wirklich ankommen sollte. Und tatsächlich ist an der Wortwahl und der Satzstellung nicht das Geringste auszusetzen. Genau so klingt eine klare Grenzziehung. Da gibt es kein Vertun und keine anderen möglichen Deutungen – Missverständnisse sind nicht drin.
Stimmt das wirklich? Stellen wir uns vor, wir sind dabei, und die Person sagt das zwar, schaut uns dabei aber nicht an, zupft nervös an ihrem T-Shirt herum und ist dabei so leise, dass wir es zunächst einmal gar nicht richtig verstehen. Durch die Körpersprache wirkt die Botschaft eher wie eine Frage. Nehmen Sie diese Äußerung ernst? Wenn Sie ein einfühlsamer Mensch sind, dann ja, dann verstehen Sie die Botschaft und die Angst des Gegenübers, sie zu äußern, und wahrscheinlich werden Sie diesen Mut mit Akzeptanz belohnen.
Die Entscheidung ist zwar klar, aber schwach, und jemand anders, dem die Absage so gar nicht „in den Kram passt“, hat hier wieder Raum, das als eine nicht ernst gemeinte Botschaft zu verstehen, darüber vielleicht sogar zu lachen (weil er die Unsicherheit dahinter spürt und ausnutzt) und das Anliegen einfach zu ignorieren.
Tatsächlich ist eine Entscheidung, die verbal geäußert, aber nicht durch entsprechende Körpersprache unterstrichen und bekräftigt wird, noch keine echte Entscheidung. Da reicht es auch nicht, wenn wir uns die Worte vorher sorgsam überlegt haben. Es sind noch Zweifel da, ob diese Entscheidung richtig ist oder ob man nicht doch besser … und das wird leider so gut wie immer sichtbar für andere, die für diese „Schlupflöcher“ feine Antennen haben.
Frau Schulz:„Ich werde diesmal nicht mitmachen.“
Wieder ist die Wortwahl perfekt. Sie beobachten jedoch, wie Frau Schulz unruhig wirkt, der Blick wandert immer wieder – wie magisch angezogen – zu den vor Ihnen liegenden Planungen, Vorbereitungen und Notizen. Plötzlich sagt sie: „Ah, das macht ihr. Da fällt mir ein, man könnte da auch ... machen.“
Was denken Sie? Steht die Entscheidung fest? Ist die Aussage „Ich werde diesmal nicht mitmachen“ für Sie überzeugend und glaubhaft? Wahrscheinlich haben Sie so Ihre Zweifel, denn ganz offensichtlich ist die Person doch sehr interessiert an dem ganzen Projekt.
In diesem Fall handelt es sich um einen sogenannte Doublebind (doppelte Bindung). Das bedeutet, dass die geäußerte Botschaft zwei Nachrichten enthält, die nicht zusammenpassen, dass eine Botschaft sogar das genaue Gegenteil von der anderen ist. Die Worte sind eindeutig (Frau Schulz hat die Entscheidung getroffen, nicht an diesem Projekt teilzunehmen), die körpersprachlichen, nonverbalen Signale aber lassen das Gegenteil vermuten (sie ist sehr interessiert und würde am liebsten sofort starten).
Doublebinds sind irritierend und verunsichern den Zuhörer erheblich. Welche Botschaft soll er jetzt glauben? Wir sind trainiert, das zu akzeptieren, was jemand sagt. Unser Gefühl ist aber, dass das Gesagte eigentlich nicht stimmt. Ein zweites Beispiel macht das noch deutlicher:
Sie wollen mit Ihrem Partner einen netten Abend verbringen und schlagen vor, Essen zu gehen. Der Partner überlegt einen Moment, sieht dabei gar nicht so glücklich aus und antwortet schließlich mit einem gedehnten Ja.
Was tun? Sie haben sofort die Vermutung, dass dem Partner die Abendplanung nicht wirklich recht ist. Sie sind ein wenig enttäuscht und sagen: „Wir können das auch lassen, muss nicht sein.“ Ziemlich sicher werden Sie sofort Ärger bekommen und Ihr Partner wird Sie angehen: „Aber ich habe doch Ja gesagt, warum willst du jetzt nicht mehr?!“
