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Wenn Katzen sprechen könnten, was würden sie uns sagen? Wahrscheinlich würden sie trotzdem schweigen, um das Geheimnis ihrer Grandesse auf keinen Fall zu lüften. Es bleibt also nur die Kunst der genauen Beobachtung, um sich diesen eigensinnigen und faszinierenden Wesen zu nähern. Athénaïs Michelet, die Frau des berühmten Historikers und Schriftstellers Jules Michelet, beherrschte diese mit Bravour. Seit frühester Kindheit – nicht weniger als 17 Katzen lebten im Haus ihres Vaters – hat sie Zizi, Blanchette, Miss Emma und Co. beim Schlummern und Jagen, beim Stolzieren und Toben zugeschaut. Ihr Buch ist eine leidenschaftliche und scharfsinnige Forschungsreise in den unergründlichen Kosmos der Katzen. Und es macht deutlich: Nur in einem Haushalt mit Katzen lässt sich wirklich lernen, wie man den Herausforderungen des Lebens begegnet, jederzeit die Ruhe bewahrt und wo sich das Glück verbirgt.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2024
Athénaïs Michelet
Wenn sie denn sprechen könnten
Aus dem Französischen von Florian Kranz
Schöffling & Co.
Warum eigentlich noch über Katzen schreiben, wo das Thema doch bereits von so vielen schönen und klugen Büchern erschöpft zu sein scheint?
Ich sehe schon jetzt manch ein verschmitztes Lächeln vor mir: Madame spricht also mit ihrer Katze, das sagt doch sicher einiges über sie aus?
Das hoffe ich sehr, liebe Leserinnen und Leser. Aber bitte laufen Sie mir unterwegs nicht davon. Begleiten Sie mich doch auf dieser Forschungsreise, und Sie werden den Eindruck haben, wir begegneten uns tatsächlich. Die Annäherung wird durchaus ihren Charme haben. Und wenn Sie mich wiederum ebenfalls hin und wieder lächeln sehen, dann deshalb, weil ich mich plötzlich unwillkürlich an folgende Zeilen einer Fabel des guten Jean de La Fontaine erinnert fühle:
Jedes Geheimnis ist ’ne Last;
Den Frauen wird es schwer, sie weit zu tragen.
Hierin sind alle Männer fast
Auch Weiber nur, das muß ich sagen.
Von einem scharfsinnigen Schriftsteller stammen die folgenden, wahren Worte: »Die Katze kann in den Menschen in gleichem Maße Ablehnung und Zuneigung auslösen.« Niemand ist ihr gegenüber unempfindlich.
Dabei habe ich nicht gerade die prächtige Angorakatze vor Augen, die in eleganten Boudoirs anmutig und wie zur Zierde auf den Kissen sitzt. Dieses Exemplar ist im Grunde genommen nichts als Pelz.
Aber worin liegt das Geheimnis der großen und langlebigen Leidenschaft, die viele arme Menschen gegenüber diesen Tieren verspüren, die sich doch alles andere als einladend verhalten? Ihre mageren Flanken erzählen von den schweren Zeiten, die sie durchleiden mussten, bevor man sich um sie sorgte. Warum nehmen so viele Menschen, vor allem in den Städten, Katzen bei sich auf? Ist es eine Besessenheit schrulliger alter Jungfern und vernachlässigter Ehefrauen? Das scheint die einschlägige Antwort zu sein.
Niemand unter all denen, die ich gefragt habe, konnte nachempfinden, wie sehr die Sehnsucht nach Liebe ein einsames Herz plagen kann, und niemand wollte anerkennen, dass sich die ruhigen Gewohnheiten der Katze – eines Wesens, dem man Egoismus und wilde Unabhängigkeit nachsagt – letztlich am besten in das häusliche, ruhige Leben einer zurückgezogenen Frau fügen.
Ich kenne einige Katzen, die die Welt von der Geburt bis zu ihrem Tode nur flüchtig, zwischen zwei Blumentöpfen hindurch, von der Fensterbank ihres Frauchens aus kennengelernt haben.
Tigrine setzt sich am liebsten auf meine Schultern, um zu beobachten, was auf der Straße passiert. Auch die Treppe macht sie neugierig; sie schaut durch die Geländerstäbe, als wollte sie ihre Entfernung zum Hof abschätzen. Doch stets muss jemand von uns bei ihr sein, damit sie beruhigt ist.
Schließt sich hinter ihr die Tür, scheint sie die Leere zu begutachten, die sie plötzlich umgibt. Wenn sich nichts regt, fürchtet sie sich und ruft um Hilfe.
Neulich abends schlich sie sich unbemerkt hinaus und kletterte bis ins vierte Stockwerk, höher traute sie sich nicht. Dort verharrte sie zunächst still.
Nach einer einsamen Viertelstunde jedoch geriet sie in Angst. Ihr sonst so sanftes Miauen klang plötzlich sonderbar. Man hätte sie für ein weinendes Kind halten können, so verzweifelt heulte sie. Wir alle riefen sie zu uns hinunter. Vor lauter Schrecken konnte sie keinen Schritt tun. In ihrem Köpfchen hatte sich die Furcht derart ausgebreitet, dass sie es nicht wagte, allein das Stockwerk herabzusteigen, das uns voneinander trennte. Ich musste sie zu mir holen. Wie ein Kind, das sich vor Verzweiflung nicht mehr halten kann, klammerte sie sich an mir fest und wollte in der mütterlichen Brust versinken. Nachdem wir sie ausgiebig gestreichelt hatten, wollten wir sehen, ob in ihrem Blick wieder Vertrauen lag, doch sie schaute uns nur traurig an, durch den Schleier zweier dicker Tränen.
Bei diesem vertraulichen Beisammensein zweier einsamer Seelen geht zuweilen eine erstaunliche Umkehrung vonstatten. Die stumme Träumerin, die eine geheimnisvolle Welt in sich zu tragen scheint, übt nach und nach immer größere Faszination auf jene Frau aus, die in ihrem Herzen Schätze der Zärtlichkeit birgt. Sie glaubt, einen Menschen vor sich zu sehen, und versteht alles, was die Katze sagen würde, wenn sie denn sprechen könnte.
Die Frau wird zum Muttersein geboren: Bereits im ersten Brabbeln erkennt sie die Intelligenz ihres Kindes, dafür sind keine Worte vonnöten. Die Mutter brabbelt ebenfalls und übersetzt somit ganz ausgezeichnet diese rätselhafte Kindersprache. Sanft dringt sie in die stumme Gedankenwelt des Wesens ein, das die Grenzen des Schicksals durchbrechen zu wollen scheint.
Sie kann seine Stille und seine leisesten Schreie in Worte fassen.
An anderer Stelle schrieb ich bereits, dass die Katze für mich schon sehr früh ein Forschungsobjekt, eine Freundin und fast eine Trösterin war. Und mehr noch als das, denn die Vorstellungskraft eines leidgeprüften Mädchens blüht auf, sodass sie jene älterer Menschen weit übersteigt.
Wer die traurige Geschichte von Moquo nicht vergessen hat, erinnert sich womöglich noch daran, dass im Haus meines Vaters siebzehn Katzen lebten. Stets gab es Gründe, erst diese, dann jene Katze am Leben zu lassen und bei uns aufzunehmen. Das Grundstück war groß, es gab Platz genug.
Natürlich verhielt sich nicht jede dieser vielen Katzen, die übrigens sehr unterschiedlicher Abstammung waren, wie ein kleiner Engel. Le Tisserand und sogar der ehrwürdigen Finette lastete so manche Sünde auf dem Gewissen; Zizi entlockte mir, trotz ihres vornehmen Gebarens und ihrer gewohnten Sittsamkeit, den einen oder anderen Fluch. Und auch die Katzenjungen ließen in Hinblick auf ihre Erziehung durchaus einiges zu wünschen übrig.
Mich erstaunte die Nachsicht, die wir unseren Tieren üblicherweise entgegenbrachten, auch wenn wir sie für ihre Taten verantwortlich machten. Allein die Gelehrten weigerten sich manchmal, sie als eigene Persönlichkeiten anzusehen.
Warum, fragte ich mich, rügten wir sie nur halbherzig und verziehen ihnen schon so bald? Anhand dieser Überlegung verglich ich die Fehler unserer Katzen mit den meinen, um herauszufinden, ob ihre wohl weniger schwer wogen. Ganz sicher war ich mir da nie. Schließlich hatten sie nicht so viele Verpflichtungen wie ich, keine von ihnen hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Der Hund liegt an der Kette, das Rind steht auf dem Acker. Der Mäusejagd gingen die Katzen nur zu ausgesuchten Zeiten nach, sofern man sie überhaupt als Arbeit bezeichnen kann (sie erscheint vielmehr als Spiel, als Vergnügen). Wer hätte sie auch davon abhalten können, einfach loszulaufen, sobald sie es sich in den Kopf gesetzt hatten? Den ganzen Tag lang konnten wir beobachten, wie sie sich ihren wechselnden Launen hingaben, fortgingen, wann es ihnen passte, sogar Zizi, sogar Blanchette, die eigentlich in der Nähe des Hauses bleiben sollten, wie es sich für kleine Mädchen eben gehört. Nach Lust und Laune liefen sie über die Felder oder kletterten auf den Dächern umher.
Während ich sie in ihrer Entwicklung betrachtete, tat sich mir eine ganze Gedankenwelt auf. Ich verglich sie nicht mit den Erwachsenen (dazu waren sie ja viel zu klein), sondern mit uns Kindern, die noch Hilfe brauchten. Der freie Vogel, der nah und im nächsten Moment fern ist, gehörte nicht zur Familie, ihn berücksichtigte ich bei meinen Vergleichen nicht. Warum genossen allein die Katzen ein so zwangloses, glückliches Leben? Ich nahm es ihnen nicht übel, vielmehr beneidete ich sie um diese stolze Unabhängigkeit. Wenn sie mich in diesen Momenten der Sehnsucht tief aus ihren grünen Augen heraus anblickten, glaubte ich, sie wollten gleich mit mir sprechen, mir das Geheimnis dieser Freiheit und der einzigartigen Sorglosigkeit verraten, die sie stets umgab. Fast wollte ich sie als höherwertige Wesen betrachten. Doch in Wahrheit ähnelten wir uns.
An klaren, leicht windigen Tagen fiel mir auf, dass all unsere Katzen wachsam und unruhig waren, sich nicht streicheln ließen, sich anscheinend lieber zurückzogen und uns voller Bissigkeit anfauchten.
Ich würde es nicht wagen, schlecht über meine Großeltern zu sprechen, doch damals waren auch wir Kinder nicht gerade umgänglich. Häufig setzten wir uns gegen Ermahnungen zur Wehr. Wenn es jedoch heiß und neblig war oder ein Gewitter drohte, kamen wir alle zusammen. Da wollte eine der Katzen plötzlich Gesellschaft und sprang auf den Tisch ihres jungen Frauchens, das gerade über seinen Heften saß und lernte. In aller Seelenruhe legte sie sich hin, entspannte sich, ließ schließlich den ganzen Körper erschlaffen und streckte die Pfoten aus, bis sie alle Papiere und das Buch bedeckte. Was tun? Während das Frauchen noch darüber nachdachte, fielen ihm die schweren Lider zu. Statt eines arbeitsamen Mädchens fand Papa später zwei auf den Tisch gestützte Köpfe vor, beide in tiefem Schlaf.
Im Winter empfand ich ihre Anwesenheit im Haus als äußerst behaglich. Sie schliefen nicht fortwährend, sondern erwachten auch gelegentlich, zu ihrem Glück jedoch nicht zu denselben Zeiten wie wir. Wenn die Katzenmütter mit ihren Jungen im Schlepptau zur Versammlung eintrafen, war das jedes Mal ein wahres Schauspiel. Auch wenn die Darsteller sehr in ihr Spiel vertieft waren, schienen sie nichts gegen ein wenig Applaus zu haben. Unter unseren Blicken tollten, sprangen und wirbelten sie herum; sie nahmen keinerlei Rücksicht aufeinander, jede einzelne Katze war in eine ausgelassene Hatz oder ein irrwitziges Toben verwickelt. Nur mit großer Mühe konnte man bei diesem Anblick still und regungslos dasitzen.
Die Natur gewann die Oberhand, Gelächter brach aus. Miss Emma, meine Mutter, ließ den Spinnrocken los. Ich selbst hob den Kopf.
Das waren kurze Augenblicke, gewiss, aber so reizende kurze Augenblicke, dass sie mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind.
Als ich am 12. März 1849 zum ersten Mal mein Häuschen in Les Ternes betrat, empfingen mich zwei unerwartete Besucher auf der Schwelle: zwei Katzen, deren große grüne Augen sich beim Anblick meines Brautkleids weiteten.
Eine angenehme Überraschung, wie ich fand. Meine neue Heimstätte wurde von den Tieren bewohnt, die ich schon in meiner Kindheit am liebsten hatte, und das war so, als wäre mir dieses Haus bereits vertraut.
Beide Ehepaare trafen fast am selben Tag ein. Mouton und Minette waren der Bestimmung ihres Herrchens gefolgt. Gemeinsam mit ihm hatten sie den Montagne Sainte-Geneviève verlassen und sich im flachen Neuilly angesiedelt. Zunächst schien sie nur eines umzutreiben: Sie wollten das neue Haus auskundschaften. Obwohl sie bereits Mann und Frau waren, schienen sie einander in diesem Moment fremd, jeweils versunken in ihrer eigenen Beschäftigung.
Die Katze kletterte nervös und ungeduldig über die Stühle, miaute die Schränke an, ließ sich den Sekretär öffnen, trippelte vorsichtig hinein und beschnupperte alles gründlich, als wollte sie bekannte und beruhigende Gerüche aufspüren.
Der ängstlichere und sichtlich unruhige Kater hingegen zog sich in die Dunkelheit zurück. Er kauerte unter den Möbeln, verließ sich nur auf seinen Sehsinn und wartete vermutlich darauf, das Haus in Sicherheit erkunden zu können.
Er war ein bildhübscher Angorakater in Pluderhosen. Wie eine Krawatte prangte an seinem Hals eine Löwenmähne, und sein prächtiger Schweif glich dem eines Fuchses. Sein langes Fell, so kühl und weich wie Satin, war sanft und so flauschig, dass jede streichelnde Hand davon zurückgestreichelt wurde.
Sein Anzug war schwarz und weiß. Diese beiden Farben harmonierten miteinander und ließen ihn ausgesprochen ansehnlich wirken. Das Schwarz dominierte, es schmückte seinen Mantel und auch seinen Kopf, ohne sein Gesicht zu sehr einzunehmen. Seine Pfoten steckten in Stiefeln aus demselben zarten Hermelin, der auch seinen Hals umgab. Er reichte bis auf seine Brust und zierte sie mit einer reizenden Adrettheit. Dieses so samtige, luftig-matte und feine Weiß verlieh ihm jedoch eine weichere Statur und ein etwas zu braves Aussehen.
Daher rührte wohl auch sein Name Mouton, Schaf, der für sein Gewand des Grafen Almaviva geradezu einen Affront darzustellen schien.
Er entstammte einem guten, bürgerlichen Haus, in dem man die schöne Wirkung eines voluminösen Fellkleids auf samtenen Kissen zu schätzen wusste.
Das hatte die Ursünde in ihm noch bekräftigt. Für reinrassige Angorakatzen ist nichts so kostbar wie ein bequemes Leben voll ausgedehnter Entspannung und träumerischem Müßiggang.
Wieso hatte er, der von so weit oben kam, sich auf den Bund mit Minette eingelassen, einer wahren Tochter des Volks? Sie war im Herzen eines Industrieviertels von Paris zur Welt gekommen, in einer dieser Straßen voller aufrichtiger und tüchtiger Menschen, die ihr Leben allesamt mehr oder weniger im Freien führen. Oftmals ziehen Gegensätze sich an. Zudem kannten unsere Eheleute einander bereits seit ihrer Kindheit.
Monsieur Mouton hatte Mademoiselle Minette erziehen können. Durch unverhoffte, glückliche Umstände hatte mein Mann, der Historiker, sie bereits als Jungkatze in seiner Wohnung aufgenommen. Bald schon hatte die kluge Katze das geschlossene, ruhige und vom Lärm der Straße abgeschirmte Studierzimmer als das beste der Wohnung erkannt und hielt mit Vorliebe dort ihre ausgedehnten, fast schon lethargischen Schläfchen. Vor allem die Manuskripte, die in der Morgensonne ausgebreitet auf dem Tisch lagen, hatten es ihr angetan. Ob sie nun wollte oder nicht: Atmete sie hier nicht den Scharfsinn ein, der sich zwischen den Seiten verbarg? Das hätte man später jedenfalls meinen können.
Minette hatte sehr lange, dünne Beine, wie alle gewöhnlichen Hauskatzen. Sie war elegant und schlank, und strahlte Lässigkeit, Stolz und auch in den ruhigsten Momenten eine gewisse Wildheit aus. Ihre Muskeln und Nerven, die bei Katzen so empfindlich sind, schienen sie voll und ganz zu beherrschen.
Ihr Fell war kurz, kraftvoll und robust. Darin verlor man sich mit der Hand nicht so wie in Moutons seidiger Pracht, doch etwas Lebendigeres war darin zu spüren, das an trockenen Tagen bei jeder Berührung knisterte.
Ihr Fellkleid war einheitlich braun, auf ihren Flanken waren undeutliche Streifen zu sehen. Kein heller Fleck im Gesicht, und auch keine Spur der schönen Rundungen ihres vornehmen Gatten.
Soll ich es zugeben? Rein äußerlich betrachtet wirkte Minette ein wenig unfein. Sie gehörte keinem Adelsgeschlecht an, und wenn man einen Freund finden wollte, so wandte man sich lieber an den stattlichen Mann. Doch die Natur ist unbefangen. Sie verteilt ihre Gaben gerecht. Das sieht man am Vogel, diesem Liebling unter den Lieblingen. Neben dem prächtigen, farbenfrohen Männchen mit seinem erhabenen Gesang sticht das kleinere, stille Weibchen doch deutlich hervor. Allein die Bewegungen des Weibchens machen seine Anmut aus. Und wer kann da schon widerstehen? Wie es in seinem Nest sitzt, in gerührter Erwartung eines Zuhörers, das lässt ein jedes Herz erweichen. Schon will man in die Hände klatschen.
Natürlich möchte ich hier keine Vergleiche anstellen. Mit ihrer jugendlich drahtigen Statur war Minette kantig und bewegte sich unvermittelt, wie es Katzen ohne Nachwuchs nun einmal tun. Die Anmut der Kindheit war bereits verschwunden, die spätere Anmut sollte erst mit der Zeit an ihre Stelle treten. Sie kommt mit den sanften Rundungen, die erst durch die Mutterschaft entstehen.
In der Freiheit des Gartens schien sie oft eigenartig, manchmal gar widersinnig, doch sie war stets munter und quicklebendig. Wenn man genau hinsah, wirkte ihr Gatte viel eher wie ein bloßes Ding. Nachdem seine Vorfahren ein langes, kraft- und tatenloses Dasein gefristet hatten, zeichnete ihn die schläfrige Mattigkeit opulenter Schönheiten eines Harems aus.
Was blieb bei einem solchen Wohlstand, der den Körper bereichern und sein Aufblühen unterstützen sollte, noch für seinen Geist übrig? Wenig, sehr wenig. Das schöne Gewand hatte ganz allein alles andere verdrängt.
Bei meiner Hochzeit hatte ich alle üblichen Geschenke abgelehnt. Was hätte ein schönes Stück aus Kaschmir schon zu meinem Glück beitragen können? Anstatt meine Seele zu entzweien, wollte ich sie viel lieber ganz und gar den ernsthaften Freuden unserer Ehe anheimgeben.
Und dieses Häuschen »ganz für uns allein« … Wer wäre da nicht schwach geworden, hätte sich ihm nicht mit Herz und Seele gewidmet?
Es war recht bescheiden, ich würde sogar sagen rustikal. Aber was machte das schon? Es befand sich ganz hinten in einem großen Obstgarten, umgeben von einigen alten, hohen Bäumen, die die Arme danach ausstreckten, als wollten sie es umarmen.
Am Boden verbargen Sträucher die festen, nackten Stämme. Als der Frühling erstmals erwachte, hieß uns dieses Fleckchen Erde mit einem kühlen Lächeln willkommen. Die Blumen, die jeder wiederkehrende Sonnenstrahl zum Erblühen brachte, und der fröhliche, muntere Gesang der Vögel versprachen erblühendes Leben.
Nach so vielen schweren Jahren fern von der Natur war es ein wahrhaftiger Genuss, diese frische Luft einzuatmen und mir jede einzelne Pflanze zu eigen zu machen, indem ich sie ansah und berührte.
Unter dem väterlichen Schatten der hohen Bäume, hinter dem allmählich dicker werdenden Vorhang der Hecken, fühlte ich mich unbeobachtet und gut versteckt.
Garten ist das falsche Wort. Dort gab es alles, was das Herz begehrt. Jeder Schritt hallte zu sich selbst zurück. Vielmehr war es ein herrliches grünes Refugium, besser noch, ein wahres Blumennest für meinen schönsten Frühling.
Dort verbrachte ich den größten Teil des Tages allein. Mein Mann fuhr jeden Morgen zum Nationalarchiv und kehrte erst um fünf Uhr zurück. In Paris fühlte ich mich fremd, denn ich kannte in der Stadt fast niemanden, und so zog es mich kaum dorthin. Mein gesamtes Dasein spielte sich in unserem Häuschen ab.
Untätig war ich nicht. Zuerst hatte ich von der einzigartigen Freude gekostet, alles einzurichten in dieser kleinen Welt, die nur mir gehörte. Ich hatte alles getan, um ihr Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit einzuhauchen. Und das tat ich mehr für meinen Mann als für mich selbst. Diese enorme, so unerwartete Veränderung in der Mitte des Lebens wollte ich nicht unbemerkt an ihm vorüberziehen lassen; ich wollte, dass diese Veränderung durch einen Anstieg an Kraft gekennzeichnet würde, durch eine immer fruchtbarere Arbeit.
Mein Beitrag bestand in der intimen Freude, die auch alleinstehende Frauen kennen: einen eigenen kleinen Haushalt führen, hin- und hergehen, hinauf- und wieder hinuntersteigen, sich ganz und gar zu Hause fühlen wie eine Herrin, eine Königin. Mit kindlichem Vergnügen schaute ich in die tiefen Schränke und langen Schubladen, zählte die Regale, die in die Wände eingelassen waren und unser Mobiliar ergänzen sollten. Nur wenige Dinge konnte ich dort verstauen, doch die Fantasie speist sich aus so vielen Quellen!
Diesem Zuhause, in dem noch so einiges fehlte, haftete in meinen Augen dennoch etwas ungemein Poetisches an. Wenn die Fensterläden halb offen standen, sodass das Zimmer im Dämmerlicht lag, versteckten sich Tausende Träume in den hintersten Winkeln.
Im Herzen der Städte, in den engen und trostlosen Straßen, wo man den Himmel nicht sieht, mag es für die Menschen gang und gäbe sein, sich ein prächtiges Grabmal zu bauen und dieses mit dicken Vorhängen noch zu verdüstern, es mit den zumeist tristen Hirngespinsten der Kunst zu überladen, mit obskuren Bronzen, die im Winter, im Widerschein der lodernden Flammen, groteske Schatten in die Dunkelheit werfen oder sich wie tiefschwarze Geister von den Wänden abheben.
Mitten in einem Obstgarten auf dem Land jedoch bietet die Natur alles, was schön und begehrenswert ist. Sie verwandelt jedes Fenster in ein gerahmtes Gemälde. Man verlangt nach ihr, nach all ihren Zweigen, Girlanden, Gesängen und Gerüchen, ihrem tausendfachen Gesumm, das uns je nach Tageszeit in den Schlaf wiegt oder wenigstens die Gedanken ins Dösen bringt.
Zumindest ein bisschen Illusion ist notwendig. Das Arbeitszimmer meines Mannes blieb nüchtern und ganz in Grün gehalten, damit er ungestört arbeiten konnte. Doch für unser Schlafzimmer, in dem ich mich sehr gern aufhielt, hatte ich einen Vorhang gekauft, der einen wahren Urwald abbildete. Unter dem dichten Blätterdach entlang des Flügelfarns hingen merkwürdige Blumen, die ebenfalls geflügelt schienen; Vögel jedoch waren nicht zu sehen, nur einige Schmetterlinge flatterten still über die stehenden Gewässer. Nahezu fantastisch hätte das Ganze ausgesehen, wäre da nicht die hübsche, zartviolette Rückseite gewesen, die sich bei Sonnenaufgang rosa färbte.
Eines allerdings fehlte meinem Eden noch. Die kalkweißen Außenwände des Hauses warfen das Sonnenlicht grell zurück. Es war mitten im Frühling, und ich bat die Natur um Hilfe. Ich wollte keine seltenen Blumen, sondern buschige, schnell wachsende Kletterpflanzen. Ende Juni reichten Glockenreben, Wilder Wein und Prunkwinden einander die Hand und umrankten Fenster und Türen. Als Rahmen dienten diesen grünen Behängen unsere drei Beete, in denen eine ganze Welt von Zwergpflanzen und hübschen Sträuchern wuchs. Mein Mann geriet auf dem Markt von La Madeleine immer wieder in Versuchung. Unablässig fügten wir neue Pflanzen hinzu.
Der Anblick all dieses glücklichen Lebens war nötig, um ihn bei seiner Rückkehr aus dem tristen Marais aufzuheitern. Dort ging es ernst zu. Immerhin schrieb er mittlerweile über die dunklen Tage der Revolution. Die Heiterkeit ihrer frühen Tage war uns beiden nicht vergönnt, und auch das schöne Föderationsfest sollte nicht allzu bald stattfinden.
Erst in den Abendstunden erlaubten wir uns, die Arbeit ruhen zu lassen. Dann widmeten wir uns dem Gießen. Die Erde duftete wie nach einem Gewitter. Bald reckten die Blumen, die nach einem langen Sommertag ganz ermüdet und erschlafft waren, im kühlen Nass wieder langsam die Köpfchen. Ich beklagte mein Schicksal nicht. Während mein Mann nach dem ersten Leeren die Gießkanne behutsam beiseitestellte, arbeitete ich doppelt so viel, um all die durstigen Münder mit Wasser zu versorgen.
Im Halbdunkel einer warmen Dämmerung brach die Nacht herein, und meine Blumen vergaßen sichtlich, einzuschlafen. Wir konnten an ihren stummen Gesprächen teilhaben, dank der intensiven Aromen, die sie verströmten, die einander überlagerten und sich vermischten, und die wohl ihren Wortschatz, ihre Pflanzensprache bildeten.
Aus der nassen Erde stieg die Hitze des Tages hervor. Das sorgte für eine feuchte, ein wenig drückende Atmosphäre, die all diese Düfte am Boden hielt. Langsam gingen wir um das Haus herum. Wenn das Mondlicht sanft durch das Geäst brach, hob das die geheimnisvolle Schönheit der nun unerschütterlichen Nacht nur noch hervor. Wir sahen, und doch sahen wir nichts. Etwas hob sich über dem dunklen Grün ab, schwebte, flatterte, schwirrte: die stummen Flügel der Nachtfalter, angezogen vom Nektar unserer Blumen.
Allzu flüchtige Momente sind die schönsten unseres ganzen Lebens. Morgens schweigsame Arbeit, nach seinem Fortgehen einsame Stille.
Es war Mittag. Ich warf einen letzten Blick auf meine Freundinnen, ging hinauf und machte mich wieder an die Arbeit.
Unser Schlafzimmer und das Arbeitszimmer meines Mannes waren mir die liebsten Orte in unserem Haus. Durch den Vorhang der Glockenreben und der dunklen Prunkwinden erahnte man im Fenster die hellen Freuden von draußen, ohne sie recht zu sehen.
Das war hübsch, friedlich und besinnlich.
Lesen, Nähen, einige Ausbruchsversuche einer einsamen Seele, die sich selbst von ihren Gefühlen und Gedanken erzählt – so saß ich den ganzen Tag da, fern von ihm. Mal war ich heiter, mal verträumt, je nach Himmelslage, je nach Wetter. Mal sang ich halb laut, mal schwieg ich. Und so erklang in dieser ausgedehnten, sommerheißen Stille allein das gleichförmig tickende Pendel der Uhr, die mir immer viel zu spät die Rückkehr meines Mannes ankündigte.
Sollte ich etwa meine beiden Gäste, meine Gefährten in der Einsamkeit, vergessen haben? Nein, natürlich nicht. Vor allem Minette hatte ein sehr einnehmendes Wesen. Man hätte fast meinen können, sie sei die zweite Hausherrin.
Nachdem sie in den Möbeln ihre alten Freunde wiedererkannt hatte, wollte sie den Garten in Besitz nehmen, auf die Bäume klettern, den tiefen Brunnen inspizieren, heimlich an den Hecken vorbeigehen, um einen verstohlenen ersten Blick auf die benachbarten Grundstücke zu werfen.
Sie war die Wegbereiterin, die Vorhut. Mouton vertraute ihr. Weise hatte er das Haus zu seinem Revier erklärt. Stets hielt er sich in seiner Nähe auf und beäugte aus sicherer Entfernung Minettes Entfaltung und ihre Entdeckungen in dieser neuen Welt.
Ich war es gewohnt, dass sie im Garten um mich herumstreunte, stets sehr beschäftigt dreinblickte, die Beete beschnupperte und sich scheinbar kaum um ihr Frauchen scherte. Doch wenn ich mich auch nur ein winziges bisschen entfernte und auf einen Weg einbog, konnte ich sicher sein, dass sie mir im Abstand weniger Schritte hinterherlief.
Wenn ich hinauf in mein Zimmer ging, erklang an der Tür nahezu jedes Mal ein leises Geräusch: Minette kam mich besuchen. Mit sichtlicher Genugtuung betrat sie den Raum, und doch lief sie zunächst unzählige Male hin und her, bevor sie sich mir näherte. Tat sie das aus Eitelkeit? Brachte sie damit die Unabhängigkeit eines freien Wesens zum Ausdruck, das dem Menschen von Gleich zu Gleich begegnen möchte, ohne sich zu unterwerfen? Oder war das nur eine Laune? Denn es heißt ja, dass Katzen ständig und ohne jeden Grund ihre Meinung ändern. Wenn ich Minette danach fragen würde, was würde sie wohl antworten? Vermutlich Ja und Nein. Mir selbst würde es wohl ähnlich gehen. Ein Mann würde nicht zögern, das weiß ich. Ich jedoch bin eine Frau: Bevor ich Stellung beziehe, schaue ich zweimal hin.
Wenn ein Lebewesen derart von seinem Nervensystem bestimmt – fast wollte ich sagen: unterdrückt – wird, kann es dann ohne Weiteres immer es selbst sein, immer vernünftig? Mal will es etwas, dann wieder nicht. Ist das tatsächlich eine Laune? Um diese befremdlichen, widersprüchlichen Regungen zu durchdringen, ist ein feinerer Blick vonnöten. Unruhe? Unentschlossenheit? Ein seltsamer Zustand: Der Geist schwankt zwischen zwei unvereinbaren Trugbildern, die sich gleichzeitig anbieten. Zuerst will sich die Katze hingeben, Ja sagen, doch dann reißt eine Gegenströmung sie mit. So ist sie fast geneigt, vor dem zu fliehen, was sie eigentlich liebt.
Während ich so vor mich hin denke, entschließt sich Minette, auf meinen Schreibtisch zu springen. Nachdem sie draußen alles gesehen hat, den Gärtner, der den Rasen beschneidet, die Fliegen, die an der Decke ihren rätselhaften Tanz aufführen, scheint sie mich plötzlich zu bemerken und begrüßt mich mit einem sanften mrrr. Wenn sie zu mir kommt, dann soll ich sie bitte auch beachten. Mein abwesender Blick ärgert sie. Sie triezt mich, bis ich ihr meine Aufmerksamkeit schenke. Schon rollt mein Wollknäuel auf den Boden. Ich bleibe stumm. Also streckt sie die Pfote nach meiner Schreibfeder aus, die über das Papier gleitet. Ein hübscher, tiefschwarzer Tintenklecks breitet sich aus, sie ist fasziniert, will ihn berühren, um ihn besser zu verstehen. Aus Erfahrung weiß ich, was diese kleinen kindlichen Streiche zu bedeuten haben: »Komm schon, spiel mit mir.« Eine ausgewachsene Katze lässt sich gern unterhalten. Nur noch selten begeistert sie sich für das einsame Spiel, höchstens einmal an der frischen Luft oder an Tagen, an denen sie sehr aufgekratzt ist.
Katzen sind nicht nur viel länger jung als Kater, sie bewahren sich außerdem viel eher ihre jugendlichen Eigenschaften, die Spontaneität, die Unvorhersehbarkeit ihrer Bewegungen. Zu ihrer geschwungenen Anmut gesellt sich eine Lebhaftigkeit, aus der sogleich eine Handlung folgt. Ob man nun will oder nicht, man muss hinsehen, lächeln, Beifall spenden.
