Meine Medizin seid ihr - Marlene Bierwirth - E-Book

Meine Medizin seid ihr E-Book

Marlene Bierwirth

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Beschreibung

Marlene ist 18 Jahre alt und auf der Überholspur: Abi, Jobben, vielleicht in eine WG ziehen, studieren – nur was? Das sind die Fragen, die sie beschäftigen. Bis ihr Leben von einem auf den anderen Moment zum kompletten Stillstand kommt: Diagnose Hirntumor. Bösartiger. Marlene will es nicht wahrhaben, die Zeit zurückdrehen, will, dass alles wieder so ist wie vorher. Erst nach und nach gelingt es ihr, ihren Weg in dem Kampf gegen den Krebs zu finden. Und es ist ihr ganz eigener: Sie öffnet sich mit beeindruckender Energie und Optimismus, erst ihrer Familie und engen Freunden, dann der ganzen Welt – mit einem mutigen, schonungslosen Blog. Ihr Buch erzählt ehrlich und ergreifend von dem harten Schicksal einer jungen Frau, die trotz der Diagnose Krebs ihr Glück gefunden und gelernt hat: Gemeinsam kann man alles schaffen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Mehr will ich doch gar nicht

Ich bilde mir das alles nur ein

Ihre Augen sind in Ordnung

Schnitzel auf einer Insel

Diese Gesichter

Ich will schreien

Das allererste Mal

Braucht jemand Extensions?

Einfach nur lachen

Millionen Schlafanzüge

Es sind die kleinen Augenblicke, die zählen

Ganz normal schöne Tage

Ich bin immer noch 18 Jahre alt

Ich bin wie ihr

In der Hauptrolle: ein Geburtstagskind

Leuchten wie Glühwürmchen

So tief gesunken

Normalität, bist du das?

Danksagung

Mehr will ich doch gar nicht

»Ich will einfach nur mein Abitur machen.«

Das ist das Erste, was ich mich sagen höre. Und auf einmal bin ich ganz weit weg, nicht mehr in diesem Raum mit der typischen Untersuchungsliege. Weit weg von dieser bizarren Situation.

Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass mir so etwas passiert. Daran denkt man doch nicht mit 18 Jahren: Und was ist, wenn ich eines Tages …? Na, ich plane mal lieber nicht so weit im Voraus … Und doch scheine ich jetzt mittendrin zu sein. Ich möchte weglaufen, alles hinter mir lassen, so, als hätte es diesen Tag heute nicht gegeben. Ich suche den Resetknopf und lasse den Tag innerlich neu starten. Zu Hause an meinem Schreibtisch: Ich versuche zu lernen, schlage mich mit der Proteinbiosynthese herum und frage mich, ob ich in Bio wohl über die fünf Punkte komme … Typischer Abi-Lernstress eben, so wie für alle anderen aus meinem Jahrgang.

Wieso konnte mein Tag nicht einfach ganz normal weiterlaufen? Wieso höre ich schlecht und wieso sehe ich nicht richtig? Bilde ich mir das alles durch den Lernstress vielleicht doch nur ein?

Tausend Gedanken und Fragen wirbeln in meinem Kopf durcheinander. Unmöglich, mich zu konzentrieren. Mein Magen fährt wie wild Achterbahn. Ich spüre, wie die beiden Männer in ihren weißen Kitteln mich mitleidig anschauen, wie mein Papa mich in den Arm nimmt und mir Sätze wie »Wir stehen das gemeinsam durch« und »Wir sind immer für dich da« ins Ohr flüstert und dabei selbst den Tränen nahe ist. Ich kann nur noch weinen.

Anschließend starre ich wie in Trance ins Nichts und fühle mich auf einmal auf der einen Seite völlig leer und auf der anderen komplett überfordert mit den ganzen Informationen. Aber dennoch weiß ich tief in mir drin eines ganz genau: Ich will das nicht. Ich will kein Mitleid, nicht diese ganze Aufmerksamkeit, ich will meinen Papa diese Worte nicht sagen hören. Ich würde mich am liebsten in Luft auflösen und komme mir plötzlich ganz klein und hilflos vor.

Der Arzt, der neu dazugekommen ist, kommt mir am schlausten vor, er scheint den Überblick über meine Situation zu haben. Er ist Neurochirurg. Er fängt an zu sprechen. Ich kann nicht wirklich folgen, bemühe mich aber auch nicht. Meine Gedanken fliegen mir im Kopf herum und dabei bleiben sie an den Wörtern »Operation« und »Tumor« hängen. Dabei zeigt der Arzt uns auf dem Computerbildschirm die Aufnahmen von dem MRT, das ich eine Stunde zuvor über mich ergehen lassen musste. Ich sehe nichts durch meine tränennassen Augen, bin aber sowieso nicht mehr aufnahmefähig. Mein Papa versucht, dem Arzt zu folgen, doch ich merke, dass auch er mit seinen Gedanken ganz woanders ist.

Der Neurologe, der mich als Erstes untersucht hat, sitzt mittlerweile hinter uns und sagt keinen Ton mehr. Erst denke ich, er hat ein schlechtes Gewissen – aber so fühlt sich wohl Mitleid an. Er hatte sich alle Mühe gegeben, meine Prüfungstermine in der nächsten Woche zu notieren, um mich die Arbeiten vielleicht noch schreiben zu lassen. Doch es war wohl von vornherein klar: Sollte irgendetwas auf den Aufnahmen zu erkennen sein, das da nicht hingehört, würde ich mein Abitur erst einmal vergessen können. Der Zeitpunkt für schlechte Neuigkeiten könnte ungünstiger nicht sein. Oder ist das hier vielleicht eine »Versteckte Kamera«-Situation? Und gleich kommt jemand um die Ecke und sagt mir, dass das alles nur erfunden ist …? Aber leider macht niemand Witze über so ein ernstes Thema. Das weiß ich natürlich selbst.

Nach dem Gespräch steht fest: Marlene bleibt im Krankenhaus. Wie lange und was genau als Nächstes geschieht, erfahren wir noch nicht. Eine Schwester nimmt die Anweisungen der Ärzte, dass ich ein Bett und ein Zimmer bekommen soll, entgegen, und ich verliere gleichzeitig die Kontrolle über mein Leben. Würde es nach mir gehen, würde ich gern erst mal nach Hause fahren, um wenigstens meine Sachen zum Übernachten zu packen. Dafür ist aber keine Zeit, und mich fragt auch gar keiner mehr. Meine Selbstbestimmung ist damit also komplett weg.

Mein Papa und ich sitzen wie bestellt und nicht abgeholt im Wartebereich der Ambulanz herum, bis mein Bett fertig ist. Unsere momentane Situation ist schrecklich und komisch zugleich: Wir sitzen hier mit solchen Nachrichten im Gepäck und können rein gar nichts tun, außer zu warten. Ich klebe an meinem Papa, hänge in seinem Arm, und er versucht mich mit Tränen in den Augen aufzubauen, mir Mut zu machen, aber ich merke, wie fertig ihn diese Situation selbst macht.

»Wir schaffen das!« – Worte, die mich aufbauen sollen, jagen mir einen Schauer über den Rücken. Ich möchte das nicht hören, die Worte sind mir richtig körperlich unangenehm, mir stellen sich die Nackenhaare auf, mir wird ganz kalt, und ich zittere. Von der einen auf die andere Sekunde bin ich zu einem schwerkranken Mädchen geworden, das Unterstützung und Hilfe braucht.

Ich bin 18 Jahre alt, meine Hobbys sind: Reiten, Singen, sogar richtig im Chor, Schauspielern, Fotos machen und mit meinen Freunden ins Kino gehen, ich höre gern Deutsch-Pop und House-Musik und schwärme für Tage ohne Verpflichtungen. Ich bin 18 Jahre alt, das Leben geht los, ich werde erwachsen. Ich bin 18 Jahre alt – und plötzlich bleibt meine Zeit einfach stehen und mit ihr das gerade erst entdeckte starke Gefühl der Eigenständigkeit und die so große Lust darauf.

Um uns herum sind ein paar Plätze besetzt, ich sehe Mädchen in meinem Alter und überlege kurz, wie peinlich es sein könnte, vor ihnen zu weinen. Doch dann entscheide ich für mich: Ich darf weinen. Ich würde am liebsten laut schreien, allen Leuten, die gucken, mitten ins Gesicht, doch ich lasse meinen Gefühlen lieber versteckt im Arm meines Papas freien Lauf. Ein Mädchen direkt neben uns hält mir ein Taschentuch hin, und ich nehme es dankbar an. Ich bin froh, dass sie nichts weiter sagt und nur zaghaft lächelt. Dann lässt mich Papa kurz allein, um Mama anzurufen und ihr die schlechten Nachrichten zu überbringen. Oh, meine arme Mama! Das hier muss das Horrorszenario für jede Mutter sein. Meine Mama hat ihre eigene Mutter an Krebs verloren und darum bei uns, ihren Kindern, immer darauf geachtet, dass wir gesund leben. Und jetzt hat das eigene Kind einen Tumor, um genau zu sein: ein Medulloblastom. Ein bösartiger embryonaler Tumor des Kleinhirns.

Eine Weile später bekomme ich ein Zimmer auf der Neurologiestation. Ich teile es mir mit einer älteren Dame. Ich war noch nie im Krankenhaus und bin deshalb sogar etwas neugierig auf das, was mich erwartet. Auf meinem Zimmer angekommen, schließt mich die Schwester zur Überwachung gleich an einen Monitor an. Über drei selbstklebende Einweg-Elektroden, an denen Kabel stecken, wird die elektrische Aktivität meines Herzens gemessen, auch EKG genannt, und alle 15 Minuten bläst sich die Blutdruckmanschette auf, was alles andere als angenehm ist. Ich bekomme meinen ersten Zugang über den Handrücken gelegt. Au, das tut weh! Jetzt hängen gefühlt tausend Kabel an mir, und mir ist gar nicht gut.

Kurze Zeit nachdem Papa und ich es uns zusammen mit meinem Kabelsalat »bequem« gemacht haben, ich in meinem Bett und er auf einem Stuhl daneben, kommen meine Mama und mein drei Jahre älterer Bruder Pinkus an. Meine jüngere Schwester Ira, sie ist 15 Jahre alt, ist mit meinen Pflegebrüdern Jan, elf Jahre, und Aaron, 18, zu Hause geblieben, denn es ist schon spät, und sie müssen trotz der ganzen Panik ja ins Bett. Meine Eltern sind ausgebildete Pädagogen und nehmen im Rahmen der Jugendhilfe Pflegekinder auf, sie sind eine sogenannte Erziehungsstelle. Das ist genau genommen ihr Job. Er ermöglicht meiner Mama die Arbeit von zu Hause aus und schenkt ihr zusätzliche Zeit mit den Pferden. Mein Papa ist außerdem noch bei einer sozialen Einrichtung angestellt. Als Aaron und ich sieben Jahre alt waren (er ist tatsächlich nur acht Tage jünger als ich), zog er bei uns ein, etwa fünf Jahre später kam dann noch Jan dazu. Aaron und Jan leben bei uns wie Familienmitglieder, sind aber eben nicht adoptiert. Die Jungs sind schon so eine lange Zeit fester Teil unseres Lebens, unsere Brüder eben, dass sie einfach dazugehören. Darum kann ich die oft gestellte Frage: »Fühlst du dich nicht vernachlässigt?«, ganz klar mit Nein beantworten. Klar, sie brauchen mehr Betreuung und Aufmerksamkeit, weil sie es nicht leicht hatten bei ihrem Start ins Leben, aber dadurch lieben meine Eltern mich ja nicht weniger. Jeder hat eben seinen ganz eigenen, individuellen Platz in unserer Familie.

Eigentlich darf man nur bis 18 Uhr Besuch bekommen, und über diese Uhrzeit sind wir schon lange hinaus. Weil es sich um eine Ausnahmesituation handelt. Das sieht das Krankenhauspersonal ein. Ich bin richtig ängstlich vor unserem Aufeinandertreffen. Ich hoffe, sie sind nicht allzu traurig und verzweifelt, denn ich weiß, wenn ich ehrlich bin, nicht, wie ich damit umgehen soll. Als Mama und Pinkus den Raum betreten, spüre ich ihre Unruhe, aber auch irgendwie ihre Erleichterung, mich lächelnd und einigermaßen wohlauf auf meinem Bett sitzen zu sehen. Ich habe mich mittlerweile etwas beruhigt und bin einfach nur noch froh, die beiden zu sehen und ein paar Klamotten zum Umziehen zu bekommen. Mama hat meine Sachen erst mal für ein paar Tage Krankenhaus gepackt. Sie gibt mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange, und von meinem Bruder bekomme ich eine dicke Umarmung. Ich merke: Sie sind total unsicher. Sie versuchen für mich stark zu sein, sich zusammenzureißen und nicht angespannt und ängstlich rüberzukommen. Ich selbst fühle mich momentan eigentlich ganz gefasst. Ich kann einfach nicht mehr weinen, wobei mir bei ihrem Anblick doch wieder danach zumute ist. Die eigenen Eltern und den eigenen Bruder wegen einem selbst so traurig zu sehen, ist grauenvoll, ich fühle mich absurderweise schuldig. Doch die liebevolle Art und der vorsichtige, zärtliche Umgang von Mama, Papa und Pinkus tun mir gut und geben mir Kraft und das Gefühl, das hier durchhalten zu können. Zumindest erst mal die Nacht zu überstehen.

Als Mama, Papa und Pinkus sich irgendwann losreißen können und müssen, weil uns nun doch eine Schwester daran erinnert, dass Bettruhe ist, weiß ich erst nicht, was ich tun soll. Aber ich bin offenbar so sehr erschöpft von der ganzen Aufregung, dass ich bald einfach einschlafe. Meinen letzten Gedanken nehme ich mit in eine traumlose Nacht:

Wieso passiert mir so etwas?

Ich bilde mir das alles nur ein

Samstag, sechs Uhr dreißig, acht Monate vor der Diagnose. Ich laufe schwankend, als wäre ich betrunken, über das unebene Kopfsteinpflaster unseres Hofs. Huch, da ist mein Kreislauf wohl noch nicht auf Touren. Passiert mir immer öfter in letzter Zeit. Ich muss mehr trinken. Es riecht nach Sommer, und ich weiß, heute wird ein warmer Tag. Ich versuche so leise wie möglich das Hoftor zu öffnen, damit ich niemanden wecke. Meine Eltern haben einen leichten Schlaf und hören immer alles. Währenddessen gehe ich in Gedanken den Tag und meine Sachen durch: Ich müsste alles dabeihaben. Ich steige in das Auto meiner Kollegin und hoffe, dass ich sie nicht zu lange habe warten lassen. Um diese Uhrzeit bin ich immer knapp dran, aber meist schaffe ich es trotzdem gerade so, pünktlich zu sein. Wir unterhalten uns über das Wetter, die Schule, und ich frage mich die ganze Zeit, wie sie es schafft, so wach auszusehen.

Wir halten auf dem Parkplatz des Supermarktes und laufen gemeinsam Richtung Eingang. Es stehen schon Leute davor und warten ungeduldig, dass wir öffnen und sie alles Überlebenswichtige für den nächsten freien Tag kaufen können. Ob ich selbst später auch so sein werde? Ich hoffe inständig, nicht. Aber schließlich habe ich mein Leben selbst in der Hand und damit auch, wie ich mich verhalte und was mir wichtig ist.

Nachdem wir uns in dem Raum mit den Spinden umgezogen haben, gehen wir in voller Arbeitsmontur, einem grauen T-Shirt, an dem mein Namensschild hängt: »M. Bierwirth«, und einer schwarzen Schürze über unserer privaten Hose, an die Kassen. Ich bedanke mich innerlich bei meinem Chef, dass wir bei diesen Temperaturen T-Shirts tragen dürfen anstelle zugeknöpfter Hemden mit Schlips.

»Normalerweise mag ich den Sommer, aber dieses Jahr ist es doch wirklich viel zu heiß!«, höre ich mir bei jedem zweiten Kunden an und antworte mit einem meist nickenden Lächeln. Ich sitze also dauerlächelnd und mit wirklich guter Laune dort und bringe die Kasse zum Piepen.

Ich hatte mir den Job schlimmer vorgestellt. Aber ich habe tolle Kollegen, einen netten Chef, und ich muss nicht weit fahren.

Während ich irgendwann im Laufe des Vormittags fast schon mechanisch meinen Job mache, taucht ein mir sehr bekanntes Gesicht in meinem Augenwinkel auf. Es ist meine Mutter, sie macht ihren Großeinkauf der Woche und freut sich jedes Mal, mich bei der Arbeit zu sehen. Weil sie Familie ist, darf ich sie aber nicht an meiner Kasse abscannen, weil dann »aus Versehen« mal etwas durchrutschen könnte. Während ich die Lebensmittel einer Kundin abscanne, spricht sie also von der Kasse nebenan über deren Kopf hinweg kurz mit mir über später:

»Wann genau soll ich dich denn wo abholen?«

Wir werden es nämlich etwas eilig haben, und alles muss sitzen. Ich habe direkt im Anschluss an die Schicht Musical-Probe, und da die leider früher beginnt, als meine Schicht hier endet, versuchen wir so schnell da zu sein wie irgend möglich. Ich spiele die Amber von Tussle in Hairspray.

Ab Punkt 13 Uhr gucke ich minütlich auf diese kleine Digitalanzeige in der Ecke meines Bildschirms, während ich den blöden Barcode bei einer Tüte Chips suche. Nur noch dreißig Minuten bis zum verdienten Feierabend! Ich rutsche mittlerweile ungeduldig auf meinem Drehstuhl hin und her. Obwohl, ungeduldig bin ich ehrlicherweise bereits seit zwölf Uhr – seitdem die Probe begonnen hat und ich nicht dort sein kann. Ich weiß jetzt schon, welche Blicke ich bei meiner Ankunft ernten werde. Eine Hauptrolle, die sich ständig verspätet, kommt leider überhaupt nicht gut an. Ich habe die Rolle zugesagt, bevor ich den Job hier angenommen hatte. Das Schauspielern gehörte schon immer zu meinen Leidenschaften, schon in der Grundschule habe ich mit meinem damaligen Chor ein Musical aufgeführt und dort eine Hauptrolle gespielt. Leider kann ich mir meine Arbeitszeiten nicht immer aussuchen. Manchmal passt es dann eben nicht so gut. Blöd ist das! Und mir sehr unangenehm. Aber was soll ich machen? Mein Führerschein bezahlt sich nicht von selbst. Und außerdem bin ich mir sicher: Ich kriege beides unter einen Hut. Ich bin ganz gut im Organisieren, und genug Power habe ich auch.

Während ich da so sitze und meine Akkordarbeit ableiste, summe ich das Lied meiner Rolle Amber.

Endlich ist es halb zwei. Ich werde von einer Kollegin abgelöst und gehe zügig durch den Laden, schlängle mich an dem einen oder anderen Kunden vorbei. Plötzlich bleibe ich abrupt stehen und muss mich wirklich konzentrieren – sonst kippe ich um, merke ich. Das ist heute schon das zweite Mal, dass mir das passiert. Wieder der Kreislauf? Allerdings sitzen mir die Zeit und ein schlechtes Gewissen im Nacken. Eines Tages werde ich vielleicht einfach so ohnmächtig, denke ich. Doch heute scheint nicht dieser Tag zu sein …

Mit meiner vollgepackten Tasche steige ich auf dem Beifahrersitz in das Auto meiner Mutter und knalle die Tür schwungvoll zu:

»Kann losgehen!«

Sie drückt mir lachend eine Bratwurst im Brötchen in die Hand, gekauft beim Grillwagen vor dem Supermarkt. Ich freue mich sehr über diese nahrhafte Überraschung und merke jetzt erst, wie ausgehungert ich bin. Das wird es wohl gewesen sein, was mich so schwach gemacht hat. Mit großem Hunger und totalem Genuss esse ich also und genieße meine paar Minuten Pause auf der Fahrt zur Probe.

»Wir proben bis um sechs, danach werde ich vom Vater von Sophie, die auch beim Musical mitspielt, zu Daniel mitgenommen. Ich komme dann morgen Vormittag mit dem Zug wieder heim. Kann mich einer vom Bahnhof abholen?«, frage ich meine Mama mampfend.

»Ja, schreib uns einfach noch mal, wann genau wir dich abholen sollen«, antwortet sie nickend, während sie auf die Fahrbahn schaut. Am Probenort angekommen, der neuen Aula meiner Schule, gebe ich ihr zum Abschied einen schnellen Kuss auf die Wange und springe aus dem Auto.

Die Probe verläuft nach anfänglich vorwurfsvollem Schweigen mir gegenüber dann zum Glück wirklich gut. Ich merke, wie der lange Tag mir in den Knochen sitzt, ziehe es aber durch. Nach der Probe fahre ich zu Daniel und bin froh, mich den Samstagabend bei ihm fallen lassen zu können.

Daniel ist mein Freund, wir sind seit fast einem Jahr ein Paar. Ich habe ihn über einen alten Freund, mit dem ich zusammen auf der Grundschule war, zufällig kennengelernt. Er ist meine erste große Liebe, ein ruhiger, ganz lieber Typ. Seine braunen Augen haben so einen warmen Blick drauf. Er ist der Typ Mann, bei dem ich nicht viel nachdenken muss, was richtig ist, der mir bei allem hilft und mich unterstützt. Weiß ich mal nicht weiter, hat er immer eine Lösung parat.

Bei ihm angekommen, bedanke ich mich beim Vater von Sophie fürs Mitnehmen und hoffe innerlich, dass ich nicht zu viele Umstände bereitet habe. Ich kann das gar nicht leiden: dass jemand meinetwegen womöglich einen Umweg fährt. Ich steige aus und mit schweren Beinen die Treppe zum Haus hinauf. Ich klingele erschöpft, und Daniel öffnet mir strahlend die Haustür. Ich lasse mich in seine Arme fallen und hoffe, den Abend über diese nicht mehr loslassen zu müssen. Seine Mama hat gekocht, und ich ziehe mit geschlossenen Augen den köstlichen Duft ein. Nach dem Abendessen schlurfe ich die Treppen nach oben in Daniels Zimmer. Mein Ziel ist nur noch die Dusche und meine Jogginghose danach. Ich bin froh, dass wir an diesem Abend einfach nur einen Film im Bett schauen werden.

»Okay, überredet«, willige ich wenig später in einen Film ein, den Daniel ausgesucht hat. Zum Glück mögen wir größtenteils dieselben Filme. Bei ihm hört’s bei Liebesfilmen auf und bei mir bei Horrorfilmen. Doch trotzdem diskutieren wir jedes Mal endlos, welchen Film wir schauen sollen. Das liegt vielleicht daran, dass er einmal einen Film ausgesucht hat, den ich total doof fand, sodass ich jetzt lieber vorsichtig bin, auch wenn er schon voll und ganz überzeugt ist von einem Streifen. Aber heute fühle ich mich einfach zu kraftlos für eine Diskussion und habe mir vorgenommen, gleich nachzugeben und den Film mit ihm zu schauen, den er ausgesucht hat.

Als der Vorspann läuft, kuschele ich mich schon an seine Schulter. Etwa zehn Minuten später sind meine Lider schon ganz schwer, ich bin auf dem besten Weg, einzuschlafen. Daniel merkt das und hält mir seine Hand vor die Augen. Das ist seine Methode, um zu prüfen, ob ich noch den Film schaue oder schon schlafe. Wenn ich die Hand wegschlage oder irgendein Geräusch von mir gebe, bin ich noch wach. Halbherzig wedele ich noch vor meinen Augen herum, doch lasse sehr bald kichernd meine Hand wieder sinken. Daniel ist gnädig mit mir und zieht mich noch näher an sich. Dann guckt er eben allein, während ich selig in seinen Armen schlafe.

Ich wache mit einem flauen Gefühl in der Magengegend auf und kann nicht mehr schlafen. Ich setze mich auf und versuche mich zu konzentrieren. Mir ist schlecht, und ich wünschte, es wäre nicht so. Ich hasse dieses Gefühl und würde am liebsten anfangen zu weinen. Plötzlich muss ich würgen und möchte mich übergeben, doch so einfach ist das am frühen Morgen leider nicht. Daniels Hände berühren meine Schultern und versuchen mich zu beruhigen. Ich schaue in sein verschlafenes, besorgtes Gesicht und verabscheue das Gefühl, dass es mir mies geht und er mich so sieht. Ich mag es nicht, Mitleid zu bekommen, ich fühle mich dann immer so schwach. Ich muss erneut würgen. Wieder weiß ich: Ich kann mich nicht übergeben, und ich will es auch nicht. Ich halte dem ekligen Gefühl stand und lasse es über mich ergehen. Nach weiteren zwei Malen ist es vorbei. Ich bin erschöpft, und obwohl es mir unangenehm ist, dass Daniel mich eben erlebt hat, hat mich seine Anwesenheit beruhigt. Ich lege mich wieder hin, er zieht mich zu sich. Ich schließe die Augen, versuche den Moment eben zu vergessen und nicht weiter darüber nachzudenken, bevor ich mich noch in etwas hineinsteigere.

Ja, zugegeben, solche »Anfälle«, wie ich sie nenne, bekomme ich des Öfteren in letzter Zeit. Wahrscheinlich bin ich einfach nur überlastet.

»Schließ bitte alle Türen richtig, es wird kalt!«, ruft mir meine Mama zu, bevor ich in die Küche komme. Es ist Herbst geworden, um genau zu sein, der zweite Sonntag im Oktober, gegen halb sieben Uhr abends. Meine Familie, Mama, Papa, Pinkus, Ira, Jan und Aaron, sitzt am Esstisch zusammen und wartet mit dem Sonntagsessen auf mich. Ich freue mich, alle in unserer kleinen Küche versammelt zu sehen. Es ist schon dunkel draußen, und meine Eltern haben Kerzen auf den Tisch gestellt, ich liebe diese Herbststimmung und die Wärme drinnen im Haus.

Alle beginnen zu essen. Was für ein schönes Beisammensein! Nur bekomme ich mal wieder nichts runter. Das Geräusch, wenn die anderen essen, löst in mir heute ein Ekelgefühl aus, und ich versuche krampfhaft-konzentriert, einfach meinen Bissen hinunterzuschlucken. Nach einer halben Portion muss ich aufhören zu essen, es geht nicht mehr, ich habe es wirklich versucht.

Stell dich nicht so an!, sage ich zu mir selbst. Doch ich weiß: Wenn ich jetzt weiteresse, bleibt es nicht lange in meinem Magen. Ich muss aufhören mir einzubilden, das Essen wäre eklig. Das war doch sonst nicht so bei mir. Irgendetwas scheint mich so sehr zu bedrücken, dass es mir auf den Magen schlägt. Wahrscheinlich ist es das. Die meisten Übelkeitsanfälle bekomme ich morgens, wenn Daniel dabei ist. Vielleicht bin ich unbewusst doch nicht so gern mit ihm zusammen, fühle mich unwohl, und mein Körper versucht mir das auf diese Art zu zeigen …? Klar, die Schmetterlinge flattern nach einem Jahr Beziehung nicht mehr so heftig herum wie am Anfang, aber das bedeutet doch nicht gleich, dass ich nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte. Gedanken über Gedanken. Wahrscheinlich bilde ich mir das alles sowieso nur ein. Wenn ich meinen Eltern davon erzähle, dann denken sie bestimmt, ich mache aus etwas nicht Vorhandenem ein Riesendrama. Marlene, die kleine Dramaqueen. Zugegeben, da ist was dran: Als kleines Kind war ich schon sehr empfindlich, ich bin gern mal umgekippt bei kleineren Verletzungen und habe mich schnell in etwas hineingesteigert. An eine Situation aus der Grundschule kann ich mich noch gut erinnern: Bei einem Handstand im Sandkasten habe ich eine Hummel platt gedrückt, die mich zur Gegenwehr gestochen hat. Damals habe ich geheult und geschrien und geriet völlig in Panik, als hätte ich mir alle Finger gebrochen. Dabei habe ich mir in meinem ganzen Leben noch nie etwas gebrochen, nur ganz gern mal verstaucht. Aber ich habe immer Stein und Bein geschworen, dass es etwas ganz, ganz Schlimmes sein musste. Ich nehme mir also fest vor, wieder ganz normal zu essen, ohne das komische Gefühl in meinem Magen.

»Bitte ein Kollege an Kasse zwei!«, sage ich durch den Lautsprecher. Es muss mich dringend jemand ablösen, ich habe das Gefühl, ich muss mich gleich auf das Band übergeben. Wie wohl die Kunden reagieren würden, wenn ich vor ihren Augen in den Mülleimer neben mir spucke? Das ist auf einmal kein Gedankenspiel mehr, sondern die Realität. Ich muss aufs Klo, sonst passiert hier gleich was. Gott sei Dank sehe ich meinen Kollegen in Richtung Kasse kommen, ich lasse den Kunden vor mir einfach stehen, springe auf und gehe, so schnell es geht, ohne zu rennen, quer durch den Laden. Im Lager angekommen renne ich an einer staunenden Kollegin vorbei in Richtung Toilette, ich muss mir schon den Mund zuhalten.

»Wir machen einfach mal einen Termin. Wer weiß, vielleicht hilft es dir ja«, sagt mein Papa. Seit meinem Zwischenfall auf der Arbeit sind drei Wochen vergangen. Wenn ich wirklich eine Essstörung habe, bin ich froh, endlich Hilfe zu bekommen. Ich möchte wieder ganz normal und mit Appetit essen können. Circa zwei Wochen später werde ich ganz herzlich von der Therapeutin begrüßt. Wir betreten einen Raum, der eher nach Wohnzimmer als nach Praxis aussieht. Ich habe mir einen Therapieraum ganz anders vorgestellt, steriler irgendwie. Das hier ist das genaue Gegenteil. Die Therapeutin fängt an zu reden, stellt mir Fragen, die ich offen und ehrlich beantworte. Ich kann ganz ungezwungen mit ihr reden und fühle mich wohl. Am Ende meiner ersten Therapiestunde fühle ich mich gut, leicht irgendwie. Aber über meine Übelkeit und meine Einstellung zum Essen haben wir nicht geredet. Na ja, vielleicht möchte sie mich erst mal kennenlernen.

In den nächsten zwei Wochen komme ich noch zweimal wieder. Es macht richtig Spaß, sich alles von der Seele zu reden, und wir haben wirklich gute Gespräche, wie ich finde. Und obwohl ich nicht wirklich daran glaube, dass sich dadurch etwas an meinem »Magenproblem« ändert, fühle ich mich besser und gesünder. Oder rede ich mir das nur ein?

Eine ganze Weile später, das neue Jahr ist bereits angebrochen: 2017, peitscht mir der kalte Februarwind um die Ohren, und ich ziehe meinen riesigen Schal noch höher. Wird es noch kälter, sieht man mich gar nicht mehr. Ich schaue nach links und dann nach rechts, die Straße ist frei, und ich kann sie mit schnellen Schritten überqueren. In unserer Kleinstadt steht ein altes Haus, darin ist die Praxis meines Hausarztes. Dorthin bin ich auf dem Weg. Ich melde mich bei der netten Sprechstundenhilfe an und setze mich ins Wartezimmer. Wow, das ist um diese Uhrzeit ja knallevoll. Irgendwie logisch, fünf Uhr nachmittags, wenn alle Feierabend haben. Jeder Platz ist besetzt. Die Rentner sind in diesem Raum auf jeden Fall in der Überzahl. Ich senke deutlich den Altersdurchschnitt. Während ich hier sitze, frage ich mich immer wieder, ob es eine blöde Idee war, herzukommen. Ich beobachte die anderen Patienten und stelle mir zu ihnen ein Leben vor. Ich beobachte gern Menschen. Mir macht Kopfkino einfach Spaß, ein anderes Leben zu haben, wenn auch nur kurz und in Gedanken, zu sehen, wie andere Menschen sich verhalten, und mir vorzustellen, wie sie ihren Tag verbringen.

»Frau Bierwirth?«, reißt mich die Stimme der Sprechstundenhilfe aus meinem Tagtraum. Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich aufgerufen und in den Flur vor dem Behandlungszimmer versetzt, wo ich meine Blicke von dem Foto an der Wand nicht abwenden kann. Es zeigt ein hübsches, altes, öffentliches Gebäude der Stadt zur Weihnachtszeit. Ich erkenne es wieder, und es erinnert mich an meine Schulzeit: Ich hatte dort in der fünften und sechsten Klasse Theaterunterricht.

Ich hoffe, ich bin gleich dran, ich will noch zu Daniel fahren. Und wieder einmal freue ich mich riesig über meinen Führerschein, der mich so viel selbstständiger macht. Richtig gehört: Ich habe seit einem Monat meinen Führerschein und kann endlich selbst fahren! Gerade in so kleinen Orten wie meinem ist das ein super Gefühl der Unabhängigkeit, und es ist schön, nicht mehr auf den Bus oder die Eltern angewiesen zu sein.

Nach einer weiteren Viertelstunde werde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Nach kurzer Untersuchung kommt der Arzt zu dem Ergebnis, dass meine Mandeln noch angeschwollen sind von einer zurückliegenden Erkältung. Ich bin froh über eine Erklärung, bekomme Medikamente und fertig. Hoffentlich lösen sich damit auch die Nackenschmerzen, die mich neuerdings plagen.

Etwa zwei Wochen später fahre ich nach der Schule dieselbe Strecke wieder, in Richtung meines Hausarztes. Die Nackenschmerzen sind nicht besser geworden, auch nicht das Ohrgeräusch – trotz der Medikamente. Ich gebe zu: Das Ohrgeräusch war beim letzten Mal gar kein Thema. Ich hatte mich nicht getraut, es meinem Arzt gegenüber anzusprechen. Ebenso wenig wie meine Übelkeit. Das tue ich auch heute nicht. Es kommt mir so vor, als würde ich da etwas aufbauschen. Das ist bestimmt nur vorübergehend. Und jemand anderes würde es vielleicht gar nicht weiter beachten.

Es ist 17.30 Uhr, das Wartezimmer wieder randvoll, und ich verfluche die Schule dafür, dass wir so lange Unterricht haben, und das so kurz vorm Abi. Also stelle ich mich auf eine längere Wartezeit ein und versuche, mich zu entspannen. Es kommt einem ja sonst nur schlimmer vor, als es ist. Nach einer ganzen Weile werde ich aufgerufen, komme eine Etappe weiter: sitze erneut vor dem Behandlungszimmer und starre wieder auf das Bild an der Wand. Ich denke über das Abitur nach und ob ich wohl genug dafür lerne.

»Frau Bierwirth?!« Ich werde wieder aus meinen Gedanken gerissen und öffne die Tür des Behandlungszimmers. Heute sitzt mir eine Ärztin gegenüber, sie kommt sehr sympathisch rüber, und ich beschließe spontan, ihr alles zu erzählen. Außer von der Übelkeit. Solange ich selbst noch nicht sicher weiß, ob es sich dabei nicht vielleicht doch um reine Kopfsache handelt. Ich erzähle ihr von meinen Verspannungen, die mittlerweile bis hinter mein rechtes Ohr gewandert sind, und spreche kurz mein Ohrgeräusch an. Eher so nebenbei. Ich füge rasch selbst hinzu, aber mit einem zaghaft mitgedachten Fragezeichen:

»Das geht mit der Zeit sicherlich von selbst wieder weg …«

Die Ärztin schaut sich meinen Kopf an und in meine Ohren. Die Verspannung ist wohl tatsächlich vorhanden, aber mit meinen Ohren scheint alles gut zu sein. Dann kann es sich bei dem Geräusch um nichts Schlimmes handeln, bestätige ich mir selbst.

»Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen Krankengymnastik verschreiben, damit sollten die Verspannungen besser werden«, bietet mir die Ärztin an.

»Ja, gern«, antworte ich dankbar lächelnd. Ich war noch nie bei der Krankengymnastik und stelle mir schon vor, wie ich massiert werde und sich meine Verspannungen in Nichts auflösen.

Ein paar Tage später fahre ich mit gemischten Gefühlen zu meinem ersten Termin bei der Physiotherapie. Die Erleichterung über baldige Hilfe überwiegt meine Verunsicherung. Dort angekommen, werde ich von einem Mitarbeiter freundlich empfangen, der mich in eine helle, freundliche, warme Kabine begleitet. Er leitet mich an, mit meinen Armen einige Bewegungen durchzuführen, und schaut sich dabei meine Schultern und meinen Rücken an. Danach werde ich ordentlich durchgeknetet. Weil ich mich bis auf die Unterhose ausziehen muss, fällt es mir anfangs schwer, mich fallen zu lassen, doch zum Ende hin gelingt mir das ganz gut. Der »Massagemensch«, wie ich ihn nenne, verlässt die Kabine, und ich ziehe mich wieder an.

»Bis nächste Woche!« Ich verabschiede mich einigermaßen beschwingt, verlasse das Gebäude und hetze zu meinem Auto. Ich muss wieder in die Schule zu meinem Nachmittagsunterricht. Ich steige ein und … bleibe erst mal einfach sitzen. Von den schnellen Bewegungen dreht sich mir der Kopf und bewegt sich alles um mich herum.

Gleiche Situation, drei Wochen später: Die Massagen tun mir gut, und ich fühle mich schon nicht mehr so verspannt wie noch vor drei Wochen. Im Auto drücke ich auf »Anrufen«, und schon fängt es an zu tuten, drei, vier, fünf Sekunden lang, und ich hoffe jede davon, dass jemand am anderen Ende der Leitung abnimmt.

»Hallo, Augenarztpraxis Schmidt, was kann ich für Sie tun?«, meldet sich eine Frauenstimme, endlich!

»Hallo, Bierwirth mein Name, ich wollte dringend nach einem Termin fragen, ich sehe plötzlich sehr schlecht«, antworte ich etwas weinerlich. Ich hoffe so sehr, dass ich schnell einen Termin bekomme, denn so kann es nicht weitergehen. Daniel ist mir zufällig vor ein paar Tagen beim Autofahren entgegengekommen und hat erzählt, dass ich beim Fahren den Kopf sehr schief gehalten hätte, fast so, als würde ich rechts aus dem Fenster schauen. Mir fällt es schwer, Dinge an der Tafel zu lesen oder beim Schminken meine rechte Gesichtshälfte gut zu erkennen.

»Es tut mir leid, aber der nächste freie Termin ist erst in drei Monaten«, reißt mich die Stimme aus meinen Gedanken. Das kann doch nicht deren Ernst sein?! – Ich beiße verzweifelt auf meiner Unterlippe herum und überlege kurz, wie ich reagieren soll.

»Es ist wirklich dringend!«, flehe ich und hoffe auf das Herz der Dame.

»Wir haben viele Patienten, bei denen es dringend ist, in drei Monaten kann ich Ihnen einen Termin machen.«

»Das ist zu spät, aber danke«, sage ich mit leicht patzigem Unterton und lege auf.

Das kann doch nicht wahr sein: Ich sehe JETZT nicht mehr richtig und brauche JETZT so schnell wie möglich Hilfe! In drei Monaten habe ich wahrscheinlich längst einen Autounfall verursacht, weil ich beim Überholen nicht richtig habe einschätzen können, wie nah das entgegenkommende Auto schon war. Ich fahre genervt und sauer auf die Telefonfrau nach Hause und versuche, mich extra zu konzentrieren, damit ich ordentlich fahre. Zu Hause angekommen, laufe ich die Treppen zu meinem Zimmer hinauf und schmeiße mich frustriert auf mein Bett.

»Beruhige dich!«, sage ich laut zu mir selbst, während ich mich mit einem Ruck aufsetze. Ich reibe mir die Augen und blinzle ein paar Mal. Ich hoffe inständig, dass ich die Bilder von meinen besten Freundinnen Tabea und Lina und mir an der Wand normal sehen kann, nicht wieder doppelt. Doch tief in meinem Inneren weiß ich schon: Das wird nicht der Fall sein. Ich behalte recht. Das kann doch nicht sein! Wieso kann ich auf einmal so viel schlechter sehen? So etwas passiert doch nicht vom einen auf den anderen Tag. Schlechtes Sehen ist ein langsamer Prozess, bin ich der festen Überzeugung. Ich greife zu meinem Telefon und tippe Daniels Nummer ein. Ich erzähle ihm mit gemischten Gefühlen zum ersten Mal so wirklich davon. Irgendwie bin ich bei diesem Thema sehr unsicher, weiß nicht mehr, was ich mir vielleicht einbilde und was Realität ist.

»Wahrscheinlich brauch ich einfach nur eine Brille, aber es wäre trotzdem gut, wenn mir dazu mal jemand, der sich auskennt, etwas sagen kann«, teile ich ihm nachdenklich und mit einem fragenden Unterton mit. Aber Daniel nimmt mich zum Glück sofort ernst. Er schlägt sogar vor, gleich am nächsten Tag zu einem guten Freund seines Bruders Mathias zu gehen, der sei Optiker. In dem Laden, in dem er arbeitet, könne ich einen Sehtest machen. Gesagt, getan: Wir besuchen besagten Bekannten im Brillenladen. Während wir auf ihn warten, schaue ich mir schon mal ein paar Brillen an. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine brauchen werde. Das stört mich nicht, ich finde die meisten Brillen sogar ganz schick. Als Kind wollte ich unbedingt eine haben, als mein Bruder nämlich seine bekam. Ich war diese Art von kleiner Schwester, die immer genau das haben und machen will wie der große Bruder. Das hat den Armen bestimmt ganz schön genervt.

»Na, was kann ich für euch tun?«, durchdringt eine Stimme meine Erinnerungen. Ich schaue in ein nettes Gesicht und fühle mich gleich gut aufgehoben. Wir folgen dem Optiker ein paar Stufen hinunter und in einen Raum. Dort setzt er mir ein paar Gläser auf, und ich muss damit Zahlen und Buchstaben lesen, die ein paar Meter vor mir an die Wand projiziert werden. Ein ganz normaler Sehtest eben, und dann noch ein Extra-Test, um die Hornhaut zu prüfen, sagt er. Am Ende, nach Auswertung meiner Tests, eröffnet er mir, dass ich nicht ganz »gerade« sehe, sondern Dinge versetzt.

»Dafür gibt es spezielle Gläser, also kann dir eine Brille hier bestimmt helfen«, klärt er mich auf und macht mir Mut.

»Geh aber lieber noch mal zu einem Augenarzt, der kann dir das genauer und sicher sagen. Ich kenne hier in der Nähe einen, der ist ganz neu, sodass du dort schnell einen Termin bekommst.« Er gibt mir die Nummer. Daniel und ich bedanken und verabschieden uns und verlassen ein Stück weit erleichtert den Laden.

Wie mir wohl eine Brille steht? Und was die wohl kostet? Was soll’s, wenn ich zum Arzt gehe, bekomme ich wenigstens die Gläser auf Rezept umsonst.

Ihre Augen sind in Ordnung

Ich übergebe mich in die Toilette. Mir ist so übel, ich kann nichts mehr essen. Es ist mir peinlich, wieder an den Abendessenstisch zurückzukehren. Bei uns ist das so: Jeden Sonntagabend isst die ganze Familie zusammen, also wir alle sieben. Das ist unser Ritual, und da steht dann auch keiner früher vom Tisch auf, sondern wir beenden die Mahlzeit gemeinsam. Und dabei reden wir gaaanz viel. Das Beisammensitzen und gemeinsame Essen bildet für mich, und ich glaube, auch für die anderen, den guten Abschluss der Woche, ist ihr kleines Highlight, wo wir alle Zeit füreinander finden.

Wenn ich jetzt zurück an den Tisch komme, werden sie sich natürlich fragen, wieso ich so plötzlich und kommentarlos aufgestanden bin. Und ich muss dann erklären, warum, und das möchte ich eigentlich nicht. Ich will nicht so eine sein, die sich vor Aufregung in etwas hineinsteigert und sich deshalb sogar übergeben muss. Das habe ich ja nicht mal als Kind oder Teenie getan. Aber natürlich muss ich wieder zurück in die Küche. Ich setze mich hin und erkläre, dass ich nicht weiter essen kann, dass ich zu aufgeregt bin und gestresst. Wegen morgen. Morgen schreibe ich nämlich meine allererste Abiklausur, und ich bin verdammt nervös. Ist doch auch klar, oder? Aber ich muss etwas essen, mein Körper braucht Kraft, und mein Gehirn braucht Energie.

»Stell dir vor, es ist einfach eine ganz normale, etwas längere Klausur. Du brauchst dich doch jetzt noch nicht verrückt zu machen. Und wenn du wirklich durchfallen solltest, ist das doch auch nicht so schlimm«, versucht mich meine Mama zu beruhigen. Jetzt fängt mein Papa auch noch an, von seinen Abiklausuren zu erzählen und dass er es sich viel schlimmer vorgestellt hatte, als es dann im Endeffekt gewesen ist. Um mir die Angst zu nehmen, das verstehe ich schon. Doch das kommt nicht wirklich bei mir an. Ich nehme ihre Stimmen nur noch wahr, aber höre schon gar nicht mehr zu. Ich mache mir Sorgen über die morgige Prüfung und das Durchhaltevermögen meines Körpers ohne ausreichend Nahrung.

Nach dem Essen sage ich meiner Familie gute Nacht und gehe in mein Zimmer. Ira wünscht mir viel Glück für morgen und verschwindet ebenfalls in ihrem Zimmer, während meine Mama Jan und Aaron ins Bett bringt und mein Papa mit Pinkus zusammen den Tisch abdeckt und die Spülmaschine einräumt. Ich möchte den Abend ganz entspannt ausklingen lassen und noch mal in Ruhe alles für den nächsten Tag durchgehen. Gegen 22 Uhr gehe ich schlafen, ich lege mir ein paar meiner Lernzettel unters Kopfkissen, weil ich auf den Aberglauben hoffen will, dass ich so alles Gelernte über Nacht im Traum verinnerliche.

»Wenn ihr jetzt keine Fragen mehr habt, bitte ich euch, die Vorschläge, die ihr nicht ausgewählt habt, an den Rand eures Tisches zu legen«, leitet unser Lehrer die fünfstündige Klausurenstille ein. Ich schaue noch mal über alle drei Vorschläge und lege dann die zwei nicht ausgewählten Aufgabenbögen weg. Ich hoffe inständig, dass C die richtige Wahl für mich war. Die Aufgaben klingen machbar, und die, die die meisten Punkte bringen, kann ich auf jeden Fall beantworten. Wie ich durch Blicke wahrnehme, scheine ich nicht die Einzige zu sein, die den letzten Bogen gewählt hat. Die Zeit zum Schreiben startet, und ich beginne mit der ersten Aufgabe.

Als ein Drittel der Zeit um ist, habe ich einige der Aufgaben schon gelöst. Darum beschließe ich, eine kleine Pause einzulegen, um etwas zu essen und zu trinken. Ich habe mir extra Rohkost klein geschnitten, damit es mir nicht sofort wieder hochkommt. Außerdem habe ich den leeren Tisch neben mir mit Süßigkeiten, die ich von Lina und Tabea bekommen habe, vollgepackt. Die beiden sind so toll. Was würde ich nur ohne sie machen? Sie haben mir am Wochenende heimlich eine Tüte voll mit Knabbersachen und Süßigkeiten vor die Haustür gestellt und ein Plakat gebastelt, auf dem sie mir viel Glück wünschen. Die beiden sind seit der Oberstufe meine besten Freundinnen, aus gemeinsamen Kursen kennen wir uns aber bereits aus der Mittelstufe. Neben Tabea saß ich im Französischkurs, und Lina habe ich dann über sie kennengelernt. Als in der elften Klasse neue Klassen zusammengesetzt wurden, war klar: Wir wollen zusammen sein! Zum Glück wurde unser Wunsch von der Oberstufenleiterin akzeptiert. Seitdem sind wir unzertrennlich. In der zwölften Klasse aßen wir zum Beispiel jeden Donnerstag in der Mittagspause gemeinsam unseren Döner und quatschten über alles Mögliche. Lina hat dann leider die Schule gewechselt und Tabea ein FSJ angefangen, sie macht ihr Fachabi. Wir drei sind aber natürlich nach wie vor immer füreinander da. Und wenn etwas ist, das wir mal nicht mit unseren Familien oder boyfriends teilen wollen, erzählen wir es aber garantiert einander.

Ich versuche jetzt also, die Prüfung mit Rohkost und Süßem zu überstehen. Ich fange nach ein paar Bissen wieder an zu schreiben, damit ich nicht zu viel Zeit verliere. Nach weiteren 15 Minuten setzt der nervige Schluckauf ein, der mich seit mehreren Wochen um die acht Mal am Tag schikaniert. Ich weiß nicht, woher der kommt, und kann auch leider nichts dagegen tun. Alle Tipps und Tricks, um ihn zu beenden, habe ich bereits versucht und bin kläglich gescheitert: ein Glas Wasser trinken, die Luft für ein paar Sekunden anhalten und schlucken, sobald der Schluckauf kommt, oder mich erschrecken lassen. Sogar einen Handstand habe ich schon probiert. Ich muss einfach abwarten, bis es vorbei ist. So auch jetzt, in dieser äußerst unangenehmen Situation. Einige Mitschüler fangen schon an, mir genervte, andere, mir belustigte Blicke zuzuwerfen, denn bei der aktuellen Stille hört man mein unterdrücktes Hicksen ganz schön laut.

»Es tut mir leid, ich kann leider nichts dagegen machen!«, entschuldige ich mich grinsend. Eigentlich ist es auch ein bisschen lustig, dass ich so oft Schluckauf habe, finde ich. Vielleicht denkt jemand ständig an mich. Daniel? Jemand anderes fällt mir auf Anhieb gar nicht ein. Ich schaue etwas belustigt im Klassenraum umher und stelle mir vor, während ich darauf warte, dass der Schluckauf endlich vorbei ist und ich mich wieder konzentrieren kann, wer der Jungs unsterblich in mich verliebt sein könnte … Fünf Minuten später stehe ich auf und verlasse den Raum, um auf die Toilette zu gehen. Schon das Aufstehen an sich fällt mir schwer, und mir wird schwarz vor Augen. Ich merke, wie mich das stundenlange Konzentrieren auslaugt und wie viel Energie es benötigt, die ich heute nicht bieten kann. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich es zur Tür geschafft habe, geschweige denn, bis auf die Mädchentoilette. Ich weiß nur noch, dass ich versucht habe, relativ gerade zu laufen und nicht umzukippen, während ich an unserem Lehrer vorbeiging, der sich meine Uhrzeit aufschrieb. Nach dem Toilettengang taumle ich wieder auf meinen Platz in unserem Prüfungsraum zurück und bearbeite meine Klausuraufgaben weiter.

Eine Stunde später, ich bin fast am Ende der Aufgaben angelangt, setzt der Schluckauf wieder ein. Diesmal wissen alle sofort, dass ich es bin. Viele verkneifen sich ein Grinsen, so wie ich mir selbst auch. Wohl weil wir es bald hinter uns haben und schon eine Art von Gelassenheit über uns alle kommt. Jetzt ziehe ich die letzten zwanzig Minuten noch mal durch – dann bin ich endlich fertig. Ich versuche, so schnell zu schreiben, wie ich kann, um alle meine Gedanken noch auf das Papier zu bekommen. Meine Hand verkrampft langsam schon, aber ich kann einfach keine Pause machen. Es zählt jede Sekunde. Dann endlich ist es vorbei, ich habe Wörter gezählt und gebe meine fertige Klausur meinem Lehrer in die Hand, der am Pult sitzt und auf die letzten Arbeiten wartet. Ich packe mein Zeug zusammen, stopfe alles in meinen Rucksack und gehe in Richtung Ausgang. Dabei merke ich wieder, wie schwach ich bin, ich taumle zur Tür. Draußen wartet zum Glück Lara, eine Freundin, die ich schon seit der Grundschule kenne, auf mich. Sie läuft mit mir in Richtung Toiletten und passt auf, dass ich nicht jeden Moment zusammenklappe.

»Geht’s wieder?«, fragt sie mich, während ich mich am Waschbecken abstütze und in den Spiegel schaue.

»Alles gut, ich bin einfach nur kaputt von der Klausur«, antworte ich, laufe los und übergebe mich fast in eine der Kabinen. Nachdem ich mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und Lara hundertmal versichert habe, dass es mir wieder besser geht, gehen wir gemeinsam zum Parkplatz. Lara und ich umarmen uns zum Abschied, und jede steigt in ihr Auto. Ich habe Hunger und merke, wie mein Körper nach Essen verlangt. Aber ich muss noch warten und runterkommen, bevor ich losfahre, damit ich mich richtig konzentrieren kann beim Fahren. Ich spiele also noch etwas mit meinem Handy, schreibe Daniel und schalte mein Gehirn quasi auf Standby. Ich bin froh, nicht mehr denken zu müssen. Nach der Klausur ist mein Kopf Matsch. Nach zwanzig Minuten beschließe ich, nach Hause zu fahren und den Rest des Tages entspannt zu verbringen.