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Ein Deutschlehrer für Flüchtlinge und eine afghanische Frau aus seinem Kurs kommen sich näher. Was als harmloser Flirt zwischen Lehrer und Schülerin beginnt, entwickelt sich zu einer ernsten Sache, die das Leben des Mannes völlig auf den Kopf stellt. Dabei bilden die unterschiedlichen Vorstellungen von Kultur und Religion eine zunehmende Kluft. Gelingt es den beiden, sie zu überwinden?
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2025
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1. Die Frau in der ersten Reihe
2. Was wir aus Liebe tun
3. Neuland
4. Telefon
5. Ein Messer unter dem Bett
6. Das schlechte Buch
7. Tauziehen
8. Muscheln am Strand
9. Jenseits des Euphrat
10. Troja
11. Heilige Nacht
12. Ya in ya an
Immer wieder versuche ich mich daran zu erinnern, wie ich sie damals sah, gleich zu Beginn, an dem Tag, als sie das erste Mal den Unterrichtsraum betrat. Ich weiß, wie sinnlos dieser Versuch ist. Es ist völlig unmöglich, mein jetziges Wissen auszublenden und sie mit den Augen sehen zu wollen, als ich noch keinen Grund zur Annahme hatte, sie würde in meinem Leben eine Rolle spielen, ja dieses Leben völlig auf den Kopf stellen. Die Frau mittleren Alters, die an meinem Kurs teilnahm, um Deutsch mit dem Niveau A2 zu lernen, war verschleiert und zeigte in allem die Haltung einer züchtigen Muslimin, die sich still und leise auf ihren Platz setzte, um unterwürfig auf die Anweisungen ihres männlichen Lehrers zu warten. Was ich aber sicher weiß: Von Anfang an hatte ich den Verdacht, diese Unterwürfigkeit sei nicht aufrichtig. Die Bewegungen hatten etwas Leichtes, Verspieltes, ein Zeichen vielleicht, dass dies alles in Wirklichkeit eine heimliche Verspottung ihrer Rolle war.
Hätte ich mich auf diese Sache eingelassen, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet? Auch dies eine müßige Frage. Wenn ich damals das Wissen von heute gehabt hätte, dann wäre ich nicht der Mensch von damals gewesen, sondern der, der ich jetzt bin. Und dieser bin ich erst dadurch geworden, dass in der Zwischenzeit die Dinge geschehen sind, von denen ich erst jetzt weiß, dass sie passiert sind. Versuchen wir es anders: Ein Geist kommt zu mir und fragt mich, ob ich mich trotz des Umstands, dieses Alter eigentlich hinter mir gelassen zu haben, auf eine Liebesgeschichte einlassen will, bei der ich für jedes Sandkorn Glück mit einem Berg von Kummer bezahlen müsse. Ich würde antworten: Ja, ich will, ja! Denn das ist der Antrieb, der die Welt sich drehen lässt, die Erde dazu bringt, um die Sonne zu kreisen, und die Sonne entlang eines Armes der Milchstraße zieht. So funktioniert das Universum, vom Grashalm, der sich dem Tageslicht entgegenstreckt, bis zu den Trümmern im Weltall, die um größere Körper herumfallen, da sie niemals Rast finden. Der Stein auf dem Boden ruht nicht, er wird nur aufgehalten, und nicht für immer, denn es kommt der Tag, da der Boden ihn freigibt und er weiterstürzen wird in der festen Überzeugung, er bewege sich aus eigenem Willen.
Glaube ich an das Schicksal? Als junger Mann hätte ich diese Frage empört verneint. Schicksal, das wäre eine Verhöhnung des Einzelnen, seiner Souveränität und Individualität, der Fähigkeit, zu tun und zu lassen, was er für richtig hält. Und wer sollte es auch sein, der die Strippen zieht, an denen ich mich bewege? Gott, der alte Mann mit weißem Bart? Die Natur mit einem großen Plan, mit dem der Weg jedes einzelnen Atoms von Anfang bis Ende bestimmt ist? Auf keinen Fall!
Inzwischen habe ich Zweifel. Ich blicke zurück und sehe in allem, was sich zugetragen hat, eine merkwürdige Stimmigkeit, den Geist eines bösartigen Drehbuchautors, der wie die Götter Homers sich am Leid und den Verwirrungen der Geschöpfe dort unten auf der Bühne ergötzt. Es scheint meinem Leben mit einem Mal ein geradezu niederträchtiger Plan zugrunde zu liegen. Wie sonst ist es zu erklären, dass mir jeder Schritt rückblickend als unausbleibliche Konsequenz des vorherigen Schritts erscheint und sogar das Gebimmel der Kirchenglocken klingt als wollten sie mir etwas zurufen?
Zum Abschluss des Kurses, am letzten Tag, hat Nhi, die jüngere der beiden vietnamesischen Frauen im Kurs, unzählige Fotos gemacht: Die Klasse beim Essen und Trinken, beim gemeinsamen Posieren vor der Tafel, kleine Gruppen, Einzelporträts. Auf einem Bild sitze ich am Tischende, an meiner Seite Scheherazade. Links und rechts von uns die anderen, auf der Tischplatte der prächtige Blumenstrauß, den sie alle für mich gekauft haben: gelbe Rosen, weiße Astern, unzählige Farben und Sorten mehr, gekrönt von einer Sonnenblume. Meine persische Prinzessin sitzt aufrecht da, scheinbar aus Stein gehauen wie die große Sphinx von Gizeh. Der prächtige weiße Schleier mit schwarzen und orangen Mustern lässt nur den Ansatz ihres dunklen Haars frei sowie das Gesicht, den rot geschminkten Mund, die ebenmäßige Nase und die schwarzen Augen unter Brauen, die zwei rechteckige Balken sind wie bei den Statuen ägyptischer Königinnen. An ihrer Seite ich, mit weißem Hemd und blassem Gesicht, den Oberkörper in ihre Richtung gebeugt. Ich habe den Ausschnitt gewählt, wo nur wir zwei zu sehen sind, und mir davon einen Abzug machen lassen. Das Foto trage ich ständig bei mir, wie um zu beweisen, dass Liebe und Hoffnung einen Platz in meinem Leben haben.
Wie viele andere bin ich nach dem Studium aus der westdeutschen Provinz nach Berlin gekommen. Wie alle Zugezogenen hatte ich in den ersten Jahren keinen Kontakt mit den Einheimischen. Ich kam bei Studienfreunden unter, die vor mir hergezogen waren, und stürzte mich ins Berufsleben. Dies bestand zunächst darin, mit der noch im Ausbau befindlichen Regionalbahn in das Umland nach Brandenburg zu fahren und Artikel für Lokalzeitungen zu schreiben. Ich diente mich zu Lokalblättern hoch, die mehr im Zentrum lagen, zunächst Potsdam, schließlich Berlin. Es war ein Jahrzehnt, in dem die Zeit stillzustehen schien. Ich war immer auf der Strecke, schaffte es aber nicht, mich in der Hierarchie hochzuarbeiten.
Letzten Endes spielte das für das Ende meiner Laufbahn wahrscheinlich keine Rolle. Der Journalismus in Berlin war ein Wettrüsten zwischen drei Tageszeitungen, die sich gegenseitig auszustechen versuchten. Es gab ein rechtskonservatives, ein linksliberales Blatt und schließlich noch eines, das sich als eine Mischung von beiden versuchte. Wann immer irgendwo ein Sack mit Kartoffeln umkippte, war er von drei Bezirksjournalisten umringt, die ihn befragten. Es konnte auf Dauer nicht gut gehen. Ich war einer von etwa hundert freiberuflichen Reportern, die man so lange mit Aufträgen bedachte wie man es für nötig erachtete. Am 11. September 2001 brach das Kartenhaus in sich zusammen.
Ich bin sicher, dass der Plan bereits in den Schubladen der Chefredaktionen bereitlag: alle Leute, die nicht fest angestellt waren, in die Wüste zu schicken. Die Titelseiten waren voll mit den Bildern der zerstörten Zwillingstürme des World Trade Centers, als man uns am Freitag darauf mitteilte, wir müssten am kommenden Montag nicht mehr kommen. Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht in jeder Zeitung Deutschlands eine arme Wurst von freiem Journalist anruft und fragt, ob es vielleicht Bedarf gäbe. Aber den gibt es natürlich nicht. Die Redaktion ist schon froh, wenn sie die fest Angestellten beschäftigen kann.
Irgendwie schaffte ich es, mich vier weitere Jahre durchzumogeln. Es gibt in der Stadt kaum ein Blatt, für das ich keinen Artikel verfasst habe. Gleichzeitig streckte ich die Fühler aus. Wo gab es Möglichkeiten? Ich ließ mich im Freien Sender im Umgang mit Kamera und Aufnahmegerät ausbilden, volontierte als Lektor in einem Kleinverlag, der sich keine Mitarbeiter leisten konnte, und erhielt sporadisch Lehraufträge an der Universität.
Dann war Schicht. Meiner Laufbahn als Freiberufler folgte eine zehnjährige Karriere als Sozialhilfeempfänger. Zehn Jahre klingt nach einer langen Zeit. Sie ist aber noch viel länger, wenn man vorher nicht weiß, dass sie nach zehn Jahren endet. Und ganz ehrlich: wie standen die Aussichten? Wenn jemand mit Ende dreißig anfängt, regelmäßig vom Amt Drohbriefe auf hässlichem grauen Umweltpapier zu erhalten, und wenn dieser jemand diesen Zustand auch bis Ende vierzig nicht zu ändern vermocht hat, dann sagt jede logische Überlegung, dass die Sache gelaufen ist.
Und dann kam der Herbst 2015, und mit ihm eine Million Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Ein Freund telefonierte mit mir und erzählte von einer Bekannten, die Arbeit als Deutschlehrerin für Flüchtlinge gefunden habe. Ich rief die Bekannte an und wurde aufgefordert, mit dem Nachweis eines philologischen Studiums zum Bildungsträger zu gehen. Also kramte ich in alten Papieren die vergilbte Kopie meines Magisterzeugnisses aus einem längst vergangenen Jahrhundert hervor. Ich fuhr nach Neukölln und stieg die enge Treppe eines heruntergekommenen Altbaus hinauf, betrat ein Büro und wurde von einem alten türkischen Mann empfangen, der einen flüchtigen Blick auf meine Unterlagen warf und fragte, wann ich anfangen könnte. "Nächste Woche", sagte ich auf gut Glück.
Er nickte.
Am kommenden Montagmorgen klingelte mein Telefon. Eine resolute Frauenstimme fragte mich, ob ich noch an der Arbeit interessiert sei. Mein Kurs würde noch am gleichen Nachmittag beginnen.
Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich so ängstlich war wie in den Stunden vor meinem ersten Abendkurs. Rastlos ging ich in meinem Zimmer auf und ab. Es war bereits dunkel, als ich mich auf den Weg machte. Eine Stunde vor Unterrichtsbeginn betrat ich zum ersten Mal das Gebäude gegenüber dem Rathaus Neukölln. Eine resolute Mitarbeiterin überreichte mir zwei Lehrbücher und wünschte mir viel Glück. Und in mir wurde die Frage immer lauter, die mich bereits seit dem Vorabend gequält hatte: Wie bringt man Menschen einer anderen Sprache die eigene bei?
Im Laufe der ersten Viertelstunde trafen ein Dutzend arabische Männer zwischen 18 und 25 Jahren im Klassenraum ein. Die Wände kahl, weiß gestrichen, die Tische zu einem Hufeisen zusammengestellt. Auf meinem Pult ein Stapel mit dem Kursbuch und dem Arbeitsbuch. In meinem Rücken hing eine Tafel aus weißem Metall, auf der ich mit farbigen Filzstiften schrieb. Ich sage Araber, aber im Lauf der Zeit lernte ich, dass es unter ihnen auch Kurden und Perser gibt. Zwölf orientalische Männer saßen an den Tischen, und ich musste jetzt mit ihnen Unterricht machen. Und dann geschah das Wunder: Alles ging gut. Niemand wusste, dass heute mein erster Tag war. Alle glaubten, ich hätte Erfahrung und würde schon wissen, was ich tue. Schweißgebadet und erleichtert verabschiedete ich meine Gruppe, als aus dem Abend Nacht geworden war. Wie in Trance fuhr ich nach Hause. Natürlich machte ich in der ersten Zeit Anfängerfehler. Aber ich lernte rasch. Beim Umgang mit Arabern gibt es zwei Regeln. Erstens: Wenn ein Araber dir etwas zu essen anbietet, dann sagst du immer: Ja! Das schmeckt aber gut! Regel zwei: Wenn ein Araber dich um einen Gefallen bittet, dann sagst du immer: Nein, tut mir leid! Wir machen heute nicht früher Schluss! So komme ich durch die erste Zeit.
Nach den ersten zwei Wochen meiner neuen Laufbahn fühlte ich mich verpflichtet, an einer Veranstaltung zum Thema Flucht und Migration teilzunehmen. Ich nehme als Verstärkung Hermann mit. Wir kennen uns seit der Schulzeit. Wir fahren Samstagabend zum Rosenthaler Platz und betreten ein futuristisch anmutendes Ambiente im Erdgeschoss. Es handelt sich um einen Saal, der auch für Betriebsfeiern und Partys angemietet werden kann. Der zwanzig Meter lange Raum ist in mehrere Ebenen in unterschiedlicher Höhe eingeteilt. Besucher haben die Wahl zwischen drei Getränketheken und Tischen und Stühlen aller möglichen Stilrichtungen. Es sind etwa fünfzig Personen anwesend, allesamt jung und gut gekleidet, darunter eine ungewöhnlich große Zahl attraktiver Frauen.
"Ich wusste nicht, dass Berliner Hungerkünstler so gut leben", sagte ich. "Das sind keine Hungerkünstler", erwiderte Hermann.
Wir beide sind immerhin so in Schale, dass wir nicht unangenehm auffallen und uns gelassen einen Platz suchen können. Es sind Lesungen, Kurzvorträge und Diskussionen angekündigt, ein volles Programm, das glücklicherweise pünktlich beginnt. Im Laufe der nächsten Stunde wird mein Gesicht immer länger. Es treten Mittelklassesprösslinge auf, die erkennbar niemals in ihrem Leben Not gelitten haben, und lassen sich darüber aus, dass sie ja im Prinzip auch Heimatlose und Vertriebene sind. Deswegen solidarisieren sie sich natürlich mit den Fremden, am liebsten in dieser schicken Bar im Bezirk Mitte mit einem Campari Orange in der Hand. Mittlerweile kenne ich die Anzeichen. Heuchler, die gerne zum Thema reden, aber tunlichst vermeiden, mit den Menschen in Berührung zu kommen, über die sie sprechen, erkennt man daran, dass sie Flüchtlinge konsequent als "Geflüchtete" bezeichnen. Denn das Wort Flüchtlinge ist ja allzu deprimierend. Aber Geflüchtete, das ist etwas anderes. Ein Geflüchteter ist so putzig, dass man ihn sich auf den Wohnzimmertisch stellen möchte!
Das Maß ist voll, als ein Kulturwissenschaftler seinen Text zum Besten gibt. Er trägt den inneren Monolog eines Schwarzafrikaners vor, der gerade mit einem Schlepperboot die Küste Italiens erreicht, vom Autor dargeboten mit weinerlicher Stimme.
"Ich muss hier raus!", zische ich Hermann ins Ohr.
"Ich auch!", sagt er.
Hundert Meter vom Veranstaltungsort, genau auf der entgegengesetzten Seite der Straßenkreuzung, stürmen wir auf gut Glück in eine Gastwirtschaft. Es handelt sich um eine der wenigen verbliebenen alten Eckkneipen, in die alteingesessene Berliner vor den zugewanderten westdeutschen Schnöseln wie mir und Hermann flüchten. Die Luft steht vor Tabakqualm. Eine Raucherkneipe! Unter den Augen der schweigenden Gäste nehmen wir am Tresen Platz. Die füllige Wirtin mustert uns und erkennt mit Kennerblick, dass der dünne und der dicke Mann, die herausgeputzt in ihren Laden geplatzt sind, dringend etwas zu trinken brauchen. Blitzschnell stehen zwei Tulpen frisch gezapftes Pils vor unserer Nase, und ich wage, der Wirtin einen weiteren flehenden Blick zuzuwerfen.
"Kann man bei Ihnen Zigaretten bekommen?"
"Sicher."
"F6?"
Statt einer Antwort geht die Wirtin ins Hinterzimmer und kehrt mit einer Zigarettenschachtel zurück. F6 im Softpack. Ich bin im Himmel!
Verstohlen sehe ich mich nach den anderen Gästen um. Proletarier, Sozialhilfeempfänger, ausgebeulte Hosen, zerfranste Pullover, eine speckige Lederjacke. Alte Männer mit lichtem Haar und geröteten faltigen Gesichtern. Sie alle schauen sich uns zwei lächerliche Figuren in Anzügen an, die am Tresen Platz genommen haben. Aber ihre Blicke sind wohlwollend. So wie Erwachsene fasziniert den Spielen und Streits von Kindern lauschen. Wir sind unter Menschen gelandet.
Ich erzähle Hermann, warum F6 die besten Zigaretten der Welt sind. Meistens wird der Tabak mit jeder Menge Chemikalien versetzt. Aber die F6 ist eine ostdeutsche Zigarette. Und da die Ostdeutschen arme Menschen sind, müssen sie ihre Zigaretten allein aus Tabak herstellen. Daher schmecken sie so einzigartig. So berichtete es mir zumindest im Jahr 1995 der Bürgermeister von Tremmen, als ich im märkischen Land in seinem Trabanten saß und mit ihm rauchte. Er sagte mir, es mache ihm etwas Kummer, im Alter von dreißig Jahren es nur zum Bürgermeister von Tremmen gebracht zu haben. Ich dachte: Du lieber Himmel, ich bin auch schon Ende zwanzig, und was würde meine Mutter darum geben, wenn ich mit dreißig Bürgermeister von Tremmen wäre! Anschließend erklärte er mir in aller Ruhe, warum der Artikel, den ich über die Abwasserprobleme im Westhavelland geschrieben hatte, von der ersten bis zur letzten Zeile haarsträubender Unfug war. Ich ließ es über mich ergehen. Am Ende des Gesprächs öffnete ich die Wagentür und stieg aus. Es gab damals einen Trick der Ostdeutschen, wie sie den Westdeutschen eins auswischen konnten. Normalerweise ist kein Westdeutscher in der Lage, die Tür eines Trabanten von innen zu öffnen. Ich fand des Griff und den richtigen Druck, und die Tür sprang auf. Zumindest diesen Test hatte ich bestanden.
Mein Berufsleben geht weiter. Im US-amerikanischen Spielfilm "Cop Land" wird geschildert, dass Polizisten, die im schlimmsten Viertel New Yorks ihren Dienst tun, stundenlange Wege von und zur Arbeit in Kauf nehmen, um möglichst weit weg zu wohnen. Weit außerhalb der Großstadt, in einen verschlafenen Vorort, haben sich nach und nach so viele Polizeibeamte mit ihren Familien angesiedelt, dass die ganze Ortschaft von ihnen bevölkert wird. So führen sie ein Doppelleben: Zu Dienstzeiten befinden sie sich im Stadtteil "Hell's Kitchen" wie im Kriegseinsatz. Nach Feierabend erholen sie sich in ihrem Idyll aus Einfamilienhäusern mit Vorgarten, in dem scheinbar keine andere Ordnungswidrigkeit passiert außer einer falsch abgestellten Mülltonne.
Mir geht es ähnlich. Meine Tage verbringe ich im beschaulichen Stadtteil Pankow, einem durch und durch bürgerlichen Pflaster. Abends steige ich im die U-Bahnlinie 2, fahre zum Alexanderplatz und wechsle in die U-Bahnlinie 8, die ich zwischen den Stationen Alexanderplatz und Hermannstraße als "U Abschaum" bezeichne. Ein Lehrerkollege hat mir glaubhaft versichert, dass die Verkehrsgesellschaft ihr Sicherheitspersonal ausdrücklich anweist, niemanden von dort zu vertreiben. Die U Abschaum ist der letzte Zufluchtsort für Gestalten, die in anderen Linien nicht geduldet werden.
Vom Hermannplatz geht zur Karl-Marx-Straße. Diese liegt nicht, wie man erwarten könnte, im Ostteil der Stadt. Das Gebäude, in denen die Kurse stattfinden, befindet sich gegenüber dem Rathaus Neukölln. Es gibt in Berlin einige üble Orte. Doch dieser Platz ist meiner Ansicht nach die Krönung. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich denn Personen definiere, die ich als Abschaum bezeichne, dann möchte ich den Lärm nennen. Ich bezeichne Menschen als Abschaum, die ununterbrochen lautes Geräusch produzieren müssen. Sie lassen die Motoren ihrer Fahrzeuge kreischen, aus Lautsprechern Musik plärren, oder aber, wenn gar nichts anderes mehr zur Hand ist, dann produzieren sie Krach mit der eigenen Stimme. Ununterbrochen müssen sie die Leere in ihren Köpfen übertönen, weil sie nicht eine Minute mit sich allein sein können.
Auf dem Weg zur Arbeit kommt mir ein verrückter Gedanke. Ich stelle mir vor, ich würde diese verhasste Fahrt sehr gern machen, weil ich eine Liebste hätte, die in der Gegend wohnt, zu der die U Abschaum führt. Es ist eine jener Tragträumereien, die gerade eben hinreichen, einen Arbeitsweg zu überbrücken. Denn es ist klar, dass die Zeiten, in denen ich eine Liebste hätte finden können, verstrichen sind. Ich habe mein Leben damit verbracht, auf eine orientalische Prinzessin zu warten, die auf ihrem fliegenden Teppich zu mir schwebt. Das Warten war vergeblich. Einige Zeit habe ich es bereut. Aber dann sah ich ein, wie unsinnig das ist. Natürlich ist es ein Jammer, dass die Prinzessin nicht erschienen ist. Doch es war völlig in Ordnung, auf sie zu warten. Ich habe nichts falsch gemacht.
Bei Aufräumarbeiten in meiner Wohnung vor vielen Jahren fiel mir eine Musik-CD in die Hand, an die ich lange nicht gedacht hatte. "Bring On the Night" ist das Doppelalbum des Popmusikers Sting mit Konzertmitschnitten. Alle Stücke darauf sind fantastisch, aber "I Burn for You" hat für mich eine besondere Bedeutung. Dieses alte Lied, das Sting ursprünglich mit seiner Band "The Police" eingespielt hatte, entfaltet in der Live-Version eine hypnotische Wirkung. Die Aufnahme ist von 1986 und ist mir deswegen im Gedächtnis geblieben, weil mir damals 20-Jährigem dieses Stück als die beste Darstellung erschien, um Liebe zu beschreiben. Diese oftmals geschmähte Schnulze aus den 80er Jahren war ein Versprechen: Dass die dicke, fette Liebe, von der jeder Mensch träumt, unweigerlich kommen würde.
Nun stand ich in meiner Wohnung, die CD in der Hand, und stellte mit Schrecken fest, dass seitdem zwanzig Jahre vergangen waren. Wir schrieben inzwischen das Jahr 2006. Ich war vierzig Jahre alt und dieser Liebe, an die ich so felsenfest geglaubt hatte, nicht das kleinste Stückchen näher gekommen. Zu dieser Zeit bestand kein Grund zur Verzweiflung. Noch nicht. Schließlich konnte ich einer dieser Über-40-Leute sein, also jemand, der sein Glück erst mit Mitte 40 fand. Und falls nicht? Würde ich dann nach weiteren 20 Jahren auf die Musik-CD starren und mich an "I Burn for You" und meine daran geknüpften Hoffnungen erinnern?
Mittlerweile sind sogar CDs altmodisch geworden. Die Verstromung hat sie überflüssig gemacht. Musik wird heruntergeladen oder mittels Datenträgern ausgetauscht. An die Stelle von Stings Lied ist für mich ein anderes Stück getreten, das für mich die vollkommene Beschreibung der Liebe darstellt. Die französische Komponistin Nadia Boulanger hat 1915 drei Stücke für Cello und Klavier komponiert, die ich in jeder Hinsicht als den Werken Ravels und Debussys ebenbürtig erachte. Mein Interesse gilt aber allein dem ersten Stück, das ich seit der Entdeckung fast täglich höre. Es dauert nicht einmal drei Minuten. Über eine perlende Klavierbegleitung erhebt sich der schmerzhafte Ruf des Cellos. Es klingt nach einer klagenden Suche in alle Himmelsrichtungen, während das Klavier im bleibenden Takt weiterspielt als wollte es damit bezeugen, dass die Erde sich weiterdreht. Die Cellostimme steigert sich im Jubel, findet Erfüllung und muss doch erleben, wie das Glück zu ende geht, legt sich wie zum Liebestod nieder und wird von den langsamer werdenden Tönen des Klaviers zu Grabe getragen.
So glücklich es mich macht, dieses Stück entdeckt zu haben, so grausam erscheint es mir, diese vollkommene Schilderung der Liebe erst jetzt hören zu können, wo sie nicht mehr von mir handelt, denn diese Möglichkeit ist ausgelaufen, irgendwann zwischen dem zwanzigsten Jubiläum von "I Burn for You" und heute. Ich muss mich damit trösten, nur einer zu sein, der auf unzählige Vorgänger folgt und unzählige Nachfolger haben wird, die dem Gespenst der Liebe vergeblich nachjagen, während die Erde sich weiterdreht...
Mit der Zeit ist die Arbeit anstrengend. Jeden Abend findet eine Auseinandersetzung statt. Ich beiße die Zähne zusammen und halte die Aktentasche wie einen Schutzschild. Wie ein Schauspieler muss ich für die Dauer des Abends meine Rolle spielen: Der Lehrer, der niemals die Fassung verliert, immer weiß, wie es weitergeht. Der nicht einen Moment die Kontrolle verliert. Ich finde mich in der Situation von Napoleon wieder, der andauernd Schlachten zu schlagen hatte, von der er keine einzige verlieren durfte.
Bei aller Plage mache ich mir aber auch bewusst, wie sehr mich die Lehrtätigkeit stärkt. Mein ganzes Leben hatte ich die Möglichkeit, mich wegzuducken, die Flucht zu ergreifen. Nun aber ist mir der Rückweg versperrt. Ich habe die Wahl: Entweder diesen Raubtierkäfig zu beherrschen oder im Supermarkt Regale stapeln. Das ängstliche Tier, das in die Ecke gedrängt wird, stellt sich auf die Hinterbeine und setzt den Angreifern ungeahnten Widerstand entgegen. Von Anfang an bin ich in der Lage, die Situation zu meistern. Während einige Kollegen aussteigen, harre ich aus und spüre wie mein Selbstvertrauen wächst. Ich stehe vor zwölf jungen Männern, von denen jeder einzelne in der Lage wäre, mir sämtliche Knochen im Leib zu brechen. Aber sie tun es nicht. Tiger und Löwen streichen knurrend um mich herum, aber ich weiß sie zu bändigen, weil mein Leben davon abhängt.
Die Kurse, Monate und Jahre fliegen vorbei. Ist es möglich, dass ich diese Arbeit jetzt schon sechs Jahre mache? Der Kalender bestätigt es. Ich bin dem Betrieb treu, obwohl er nicht den besten Ruf hat. Bei einer Mitarbeiterversammlung teilt uns die Chefin mit, dass die Ergebnisse unserer Klassen unter dem Durchschnitt liegen. Unter dem Bundesdurchschnitt, das ist klar. Schließlich ist Berlin bundesweit eines der Schlusslichter. Allerdings liegen wir auch unter dem Berliner Durchschnitt. Auch das ist wenig verwunderlich, wir sind ja in Neukölln, und Neukölln ist nicht gerade ein vorbildlicher Bezirk. Der Gesichtsausdruck der Chefin wird etwas säuerlich, als sie verkündet, wir würden selbst den Durchschnitt in Neukölln unterbieten. Aber dann strafft sich ihre Haltung, und voller Selbstbewusstsein meint sie: Aber irgendjemand muss ja für diese Klientel da sein.
Eines hätte mich schon früher misstrauisch machen sollen. Ab und zu treffe ich in der U-Bahn ehemalige Kollegen, die eine andere Schule gefunden haben. Sie wirken alle so entspannt und erleichtert. Immer mehr Lehrer verabschieden sich, was die Chefin aber nicht dazu bewegt, weniger Kurse anzubieten. Stattdessen wird die Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt. Und noch immer ist der Leidensdruck nicht groß genug, um mich dazu zu bringen, die Notbremse zu ziehen.
Schließlich ist es so weit. Es ist Zeit, einen anderen Arbeitsplatz zu finden. Ich teile dem Büro mit, das ich nach Ende des laufenden Kurses keinen neuen mehr annehmen werde. Als ich am letzten Abend das Klassenbuch abgebe, führt mich der spärliche Rest der Teilnehmer zum Essen aus. Von dem Augenblick, da wir das Gebäude verlassen, wird mir die Kontrolle und Verantwortung abgenommen. Ein halbes Dutzend Syrer, um die zwanzig Jahre alt, schleppen mich in einen Dönerladen mit schummrigen Licht. Ich werde auf eine Sitzcouch mit Plastikbezug gepackt und darf weder einen Handstreich machen noch irgendetwas zur Bezahlung beitragen. Sie türmen Teller mit Fleisch, Nudeln und Reis vor mir auf und drücken mir eine eiskalte Dose Cola in die Hand. Da sitze ich nun an meinem letzten Abend in Neukölln und lasse mich bewirten und begreife nicht, wie ich diese Freundlichkeit und Fürsorge verdient habe. Als ich endlich glaubhaft machen kann, keinen Bissen mehr essen zu können, machen sie mir ein Nahrungspaket, weil sie erfahren haben, dass ich am kommenden Tag zu Mutter und Schwester in die Weihnachtsferien nach Norddeutschland fahre.
Nach Silvester bin ich in Berlin zu einem Abendessen geladen, entfernte Bekannte, um die ich mich niemals wirklich gekümmert habe. Es sind gebildete Leute, die Gespräche sind kultiviert und interessant. Ich weiß nicht, woher das Unbehagen herrührt, das immer stärker wird. Wir sind sechs Personen am Tisch, drei Männer und drei Frauen, alles genau ausgewogen, während Braten und Wein die Runde machen. Das Ehepaar der Gastgeber sitzt mir gegenüber. Neben ihnen die Schwester der Gastgeberin mit ihrem Mann, und zur anderen Seite eine Freundin der Familie. Wir bilden also genau drei Paare, mit dem Unterschied, dass die Freundin wie ich keinen Partner hat. Und dann wird mir mein Unwohlsein klar. Diese guten Menschen wollen sowohl mir als auch der Frau mittleren Alters etwas Gutes tun. Was gibt es besseres als wenn zwei einsame Menschen sich zwanglos beim Essen kennenlernen? Dieses Abendessen ist der Versuch, uns zu verkuppeln. Ich betrachte die Frau. Ich fühle mich nicht von ihr angezogen, und ich glaube auch nicht, dass sie sich unsterblich in mich verliebt hat. Wir alle, die wir am Tisch sitzen, haben ein Alter erreicht, in dem die Möglichkeiten dessen, was im Leben noch passieren kann, begrenzt sind und Jahr für Jahr immer weniger werden. Die Eheleute, die vor zwanzig Jahren zusammengefunden haben, sind schon seit langem ernüchtert. Und nun erhalte ich ganz diskret die Einladung, mich den realistischen Leuten anzuschließen. Die Frau auf dem Platz neben mir ist nicht hässlich. Sie hat Intelligenz und einen guten Charakter. Man würde in einer Partnerschaft sicher gut mit ihr auskommen.
So empört ich darüber bin, dass andere eine Frau für mich aussuchen wollen, oder andersherum die Gastgeber ihrer alten Freundin einen Mann zu vermitteln versuchen, so wenig kann ich es ihnen verübeln. Die romantische Liebe, die mir immer noch vorschwebt, gibt es in Filmen und Romanen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Regel lautet: Besser mit irgendjemandem zusammen sein als allein. So zynisch das klingt, diese Einstellung ist Voraussetzung für den Erhalt der Gesellschaft, ja das Überleben der Spezies Mensch. Meine arabischen Schüler haben mich oft gelöchert, warum ich nicht verheiratet sei. Ich sagte, ich hätte die richtige Frau nicht gefunden, oder aber die richtige Frau habe sich gegen mich entschieden, und erntete Kopfschütteln. Dann müsse ich eben eine andere Frau nehmen. Irgendeine. Mein Alleinsein, weil die große Liebe sich nicht eingestellt hat, ist Hybris, Selbstüberschätzung, Größenwahn. Den Preis zahle ich jetzt im Alter: ein Hagestolz, den wohlmeinende Freunde verkuppeln wollen, ohne zu merken, dass sie damit sowohl mich als auch die Frau entwürdigen.
Relativ früh verabschiede ich mich, zur Enttäuschung der übrigen Anwesenden. Normalerweise trinke ich Bier, Wein bin ich nicht gewohnt. Ich mache mich auf den langen Heimweg per S-Bahn und U-Bahn, ohne richtig wahrzunehmen, wie ich nach Hause komme. Am Morgen wache ich mit einem unguten Gefühl auf. Es ist nicht nur der Kater. Da ist noch die Ahnung eines Verhängnisses. Meine Erinnerung hat eine Lücke von meinem Abschied von den Bekannten bis zum Erwachen daheim. Was in dieser Zeitspanne geschehen ist, kann ich allein feststellen, indem ich meine jetzige Situation überprüfe. Auf den ersten Blick ist alles vorhanden: ohne Brille hätte ich nicht den Weg gefunden, ohne Schlüssel wäre ich nicht in die Wohnung gekommen. Dann bemerke ich, dass meine Brieftasche verloren ist.
Bei diesem Schreck flammt eine kurze Erinnerung auf. Ich bin auf dem Bürgersteig gestürzt. Das Straßenbild stimmt aber nicht mit meinem vorgesehenen Heimweg überein. Ich glaube, eine Häuserzeile zu erkennen, die sich auf der anderen Seite der Stadt befindet. Eine Art innerer Kompass muss mich über Umwege doch ans Ziel geführt haben. Die Brieftasche aber ist verloren. Die nächsten Wochen bin ich damit beschäftigt, die Folgen dieses Unfalls zu begrenzen. Bis ich meine Bankkarte gesperrt habe, haben irgendwelche Flegel mit ihr an einem S-Bahnhof Tickets und Schnickschnack im Wert eines dreistelligen Betrags gekauft. Ich erstatte Anzeige, was nichts bringt, da die Bilder der Überwachungskameras bereits gelöscht sind. Im Pankower Rathaus beantrage ich einen neuen Personalausweis. Glücklicherweise ist mein Reisepass noch nicht abgelaufen, so dass ich nicht ohne Papiere bin. Eine freundliche Finderin lässt mir meine auf der Straße gefundene Krankenversicherungskarte der zukommen.
Damit sind die dringlichsten Schäden behoben, und ich kann mich dem eigentlichen Problem widmen. Mein Leben ist nicht das, was ich mir gewünscht hatte, aber um Längen besser als das Dasein, das ich ein Jahrzehnt zuvor führte. Ich habe eine Wohnung, Auskommen und viel freie Zeit. Diese Existenz aufs Spiel zu setzen ist grob fahrlässig. Ich hätte im Krankenhaus oder auf dem Friedhof enden können. Ich muss lernen, zufrieden zu sein und mich vorzusehen. Die Scham über den Kontrollverlust ist noch größer als der Schrecken. Ich schwöre mir also: So etwas darf nie wieder passieren. Nie wieder.
Drei Monate weigere ich mich zu arbeiten, ja selbst Arbeit zu suchen. Am Ende eines regengrauen Monats März gehe ich wieder die verhasste Karl-Marx-Straße entlang. Eine Freundin von Hermann hat mir einen Bildungsträger genannt, der nicht das Gelbe vom Ei sei, aber erträgliche Arbeitsbedingungen böte. Aufgrund der Hausnummer hatte ich den Betrieb im südlichen Rixdorf nahe der Ringbahn vermutet. Doch laufe ich endlos nach Norden, bis ich schon in Sichtweite des Rathauses Neukölln bin. Dann endlich erreiche ich die Adresse, aber dort befindet sich nur eine Bäckerei und ein Klingelbrett von Privatwohnungen. Ich laufe dreimal auf und ab, ohne einen Lehrbetrieb oder auch nur ein Firmenschild zu finden. Es hatte geheißen, der Laden suche händeringend Lehrkräfte, aber wenn sie nicht einmal in der Lage sind, für Bewerber auffindbar zu sein, dann dürfen sie sich über einen Mangel an Bewerbern nicht wundern.
Verärgert finde ich mich damit ab, den halben Tag vergeudet zu haben, die Stadt umsonst durchfahren zu haben, als ich im Nachbarhaus der angegebenen Adresse den Eingang zu einem Bürogebäude entdecke. Die verglaste Front gibt den Blick auf einen Empfangstresen frei, über dem die Buchstaben "IK" prangen. Diese Abkürzung könnte für "Integrationskurse" stehen, also für genau die vom Bundesamt für Migration finanzierten Maßnahmen, bei denen ich seit einem halben Dutzend Jahren tätig bin. Also lasse ich dem Schicksal seinen Lauf und gehe hinein. Ich sage dem freundlichen türkischen Mann beim Empfang, ich sei Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und auf der Suche nach einem neuen Auftraggeber. Er zuckt nicht mit der Wimper und reicht mir seine Karte mit der Bitte, ihm meine Unterlagen zu schicken. Man werde sich dann sofort melden.
Das ist nicht zu viel versprochen. Ein paar Tage später bekomme ich einen Anruf. Da wäre ein Vormittagskurs zu übernehmen. Im Bezirk Mitte. Die Dame am Telefon fragt, ob ich noch am Apparat sei, denn es hat mir einen Moment die Sprache verschlagen. Vom Abendkurs in Neukölln zum Vormittagskurs im Bezirk Mitte! Überm Sternenzelt muss ein gütiger Vater wohnen, der mich sehr liebt. Ich sage: Ja, ja, unbedingt ja.
