Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ich werde dieses Manuskript zusammenrollen, in eine Flasche stecken, diese gut verkorken und ins Meer werfen. Mit leeren Händen bin ich auf die Welt gekommen, mit leeren Händen werde ich sie verlassen. Von mir wird nichts bleiben als eine Flaschenpost im Ozean.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dem Andenken meines Vaters Reinhard Allendorf (1942-1996)
Von den ersten Dingen
Deutschstunde
Theaterluft
Wir Philologen
Hunde und Katzen
Inseln im Meer
Abschied von Irland
Von den letzten Dingen
Mein Zimmer ist eine Raumkapsel. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Sterne in der Schwärze des Alls. Alles scheint stillzustehen, aber in Wirklichkeit bewegt sich jeder Himmelskörper mit rasender Geschwindigkeit. Doch aufgrund der ungeheuren Entfernungen im Universum treffen wir nie auf etwas.
Ich bin mit Musik und Literatur ausgestattet, die mir bis weit über das Ende meiner Lebensspanne ausreicht. Glücklicherweise ist mein Geist so voll, dass ich nicht auf Anreize von außen angewiesen bin. Mein Wissen scheint sich zu einem bisschen Weisheit zu verdichten. Ich werde es aufschreiben. Vielleicht wird ein Büchlein daraus. Und vielleicht wird es irgendwann jemand finden und lesen.
Vor kurzem wurde mir klar, dass ich niemals im Leben glücklich sein werde. Diese Erkenntnis kam nicht ganz aus heiterem Himmel. Es hatte Anzeichen gegeben, Hinweise, die Summe der Erfahrungen in all den Jahren. Aber ein großes Bild erfasst man erst, wenn man ein paar Schritte zurücktritt und es aus einiger Entfernung anblickt. Und auf einem der unzähligen langen Spaziergänge gewann ich den Abstand, um das Bild meines Lebens in seiner ganzen Breite wahrzunehmen.
Der Schreck war tief. Natürlich, seit frühester Jugend hatte man mit dem Pessimismus kokettiert, den Skeptiker gegeben und Mensch und Welt verachtet. Aber das war nur Attitüde – insgeheim war jeder von uns felsenfest davon überzeugt, dass unsere Geschichte ein gutes Ende finden wird. Dabei hätte es misstrauisch machen müssen, dass es nur im Märchen heißt: „Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.“
An einem Abend mit vielen Flaschen Wein hatte Amelie sich neulich an unsere gemeinsame Zeit in einer Wohngemeinschaft erinnert. Sie war damals neunzehn und Werkstudentin in einem großen Automobilkonzern, ich zehn Jahre älter und Zeilenschinder bei einer märkischen Tageszeitung, die heute gewiss nicht mehr existiert. Ich war chronisch pleite, unterernährt und depressiv. Frauen erschienen mir in meinem Minderwertigkeitskomplex als überirdische Wesen. Und dann stand da diese unfassbar schöne Französin in meiner Wilmersdorfer Wohnungstür, gertenschlank mit langem schwarzen Haar und großen braunen Augen, und knallte mir die erste Monatsmiete auf den Tisch, weil sie das Zimmer dringend, dringend bräuchte.
Tagsüber schrieb ich für das Blatt in Brandenburg. Abends sah ich dieser selbstbewussten Karrieristin zu, wie sie die Müllbude in eine schöne Wohnung verwandelte und immer die richtige Kleidung trug, bei all ihrer Jugend etwas Weltmännisches hatte und in jemandem wie mir nichts anderes sehen konnte als das notwendige Übel eines Mitbewohners, einen Typen, dem man Hallo und Tschüss zuruft, mit dem man auch das eine oder andere Wort wechselt, der sich aber ansonsten in Tiefen bewegt, zu denen Mademoiselle sich niemals herabbegeben würde. Nach einem Jahr zog Amelie aus, heiratete, ging nach Süddeutschland und wurde Managerin in der Konzernzentrale ihres Ausbildungsbetriebs.
Fünfzehn Jahre später meldete sie sich wieder. Sie war geschäftlich in Berlin und lud mich zum Essen ein. Es war im Grunde ein Überfall. In zwei Stunden am Kollwitzplatz. Ich pflege meine Tage im voraus zu planen und bin sehr unempfänglich für spontane Verabredungen. Aber Amelie war Amelie.
Als wir im Italiener saßen, sah ich, was Arbeit mit den Menschen macht. Aber gleichzeitig war sie lebensweise geworden. Sie, die früher bedenkenlos den neoliberalen Unsinn nachgeplappert hatte, den die Pressesprecher der Konzernchefs von sich gaben, sprach nun – als Managerin – in einem desillusionierten, verächtlichen Ton über den Kapitalismus, der selbst mich Altlinken schaudern ließ. Und sie hatte gleichzeitig einen Blick bekommen für das Wichtige und Wesentliche, mit dem sie mich, den Älteren, weit hinter sich gelassen hatte. Sie konnte in meinem Gesicht lesen wie in einem Buch. Sie ließ mich wissen, dass sie immer großen Respekt vor mir gehabt hatte und dass ich selbst auch ein bisschen mehr Respekt für mich übrig haben sollte. Sie sprach mir Mut zu. Das war die neue Amelie. Die einzige Frau auf dem Planeten Erde, mit der ich über Balzac und Schopenhauer diskutieren kann.
Und jetzt ist es wieder Herbst. Amelie lädt mich in ihre kleine Wohnung ein, die sie für ihre unregelmäßigen Aufenthalte in Berlin gemietet hat. Sie öffnet die nächste Flasche Rotwein und erzählt mir, wie sie sich an unsere gemeinsame Zeit erinnert.
Sie war noch keine zwanzig und sehr schüchtern. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft mit einem Mann, der fast zehn Jahre älter war und als Journalist arbeitete. Er hatte Literatur studiert und war ihr an Wissen und Intelligenz haushoch überlegen. Sie ahnte es und sah es durch die Art bestätigt, wie er schmerzlich den Mund verzog, wenn sie ein paar Takte redeten. Sie war nur die Mitbewohnerin, ein notwendiges Übel, um die Miete erschwinglich zu halten. Wie könnte sie erwarten, jemals von diesem Mann ernstgenommen zu werden? In Gedanken schwimme ich zwanzig Jahre in der Zeit zurück, haste die vier Stochwerke im Wilmersdorfer Treppenhaus hinauf, schließe die Tür auf, renne in die Wohnung. Und noch bevor ich den Mantel ausziehe, ergreife ich Amelies zarte weiße Hand und beteuere stammelnd, wie sehr ich sie ernst nehme und respektiere.
Aber während ich in Gedanken die Fehler der Vergangenheit berichtige, zündet sie eine zweite Bombe.
„Ehe ist scheiße“, sagt Amelie und öffnet eine neue Flasche Wein. Sie sagt es ruhig, ohne jede Bitterkeit. Nicht sarkastisch, nicht wütend, ganz nüchtern, so als würde sie sagen: Das Wetter ist heute wirklich schlecht.
„Weißt du, am Anfang denkst du, das wird schon“, sagt sie müde. „Aber es wird nicht.“
Ihr Mann und die Tochter sind in Süddeutschland. Von ihm kenne ich nur die Sportwagen- und Motoryachtzeitschriften, die im Wohnzimmer liegen. Von der Tochter ein Bild, das ein blondes, blauäugiges Abbild ihrer schönen Mutter ist. Ich war immer davon ausgegangen, dass das Leben an mir vorbeigegangen ist. Das richtige Leben ist nun mal: Ehepartner, Kinder. Doch nun hat Amelie mit drei Worten alle Hoffnung auf ein erfülltes, glückliches Leben zertrümmert, und zwar für alle Menschen: Ehe ist scheiße. Der junge Kierkegaard hatte es gesagt. Heirate, du wirst es bereuen. Heirate nicht, du wirst es bereuen. Entweder du heiratest, oder du heiratest nicht, du bereust beides.
Ich sehe, wie junge Bengel mich auf der Straße beim Vorübergehen mustern, mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Ein Fünfzigjähriger mit schwarzer Hornbrille und Schiebermütze. Ich weiß, was sie denken: So ein alter Spießer werde ich niemals werden! Es ist das, was auch ich in ihrem Alter dachte. (Nein, das stimmt nicht ganz. Ich war schon immer ein alter Spießer. Schon als ich jung war.)
Neulich telefonierte ich mit einer Studienfreundin. Sie erzählte, ich hätte vor Jahren etwas sehr Weises gesagt: Das Leben wird nicht besser, nur anders. Das machte mich wütend. So ein dummes Zeug soll ich einmal gesagt haben?
Wie alle traurigen Menschen lache ich viel. In diesem Buch sollte es ursprünglich ein Kapitel mit dem Titel „Mein Leporello“ geben. Leporello heißt der Diener in Mozarts Oper „Don Giovanni“. Seine Aufgabe ist es, über die Liebschaften seines Herrn Buch zu führen. Zu diesem Zweck notiert er die Namen der Frauen in ein Album, das sich auseinanderfalten lässt wie eine Ziehharmonika. Solche Bilderalben werden bis heute Leporello genannt. Mein Leporello sollte nun meine gescheiterten Liebschaften (alle fünf!) auflisten. Aber ich habe schnell gemerkt, dass dies nicht funktioniert. Warum?
Als ich fünfundzwanzig war, verliebte ich mich in meiner Universitätsstadt Marburg in eine gleichaltrige Kommilitonin. Ich war oft verliebt, aber diesmal war es anders. Ich war nicht ängstlich, nervös, übereifrig und verunsichert wie sonst. Ich war mir sicher. Bei der ersten Begegnung war sie mir gar nicht aufgefallen, ich war beim Kennenlernen also unbefangen. Das Gefühl wuchs langsam und stetig. Es fühlte sich gut an und richtig. Das war also die wahre Liebe. Nicht stürmisch und chaotisch, sondern ruhig und warm. Endlich würde der ganze Kummer der Jugendzeit in etwas Gutem enden.
Allerdings kamen mir dann doch Zweifel, als sich die Sache hinzog, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich sie gerade in einem Bus zu ihrem Wohnheim (in das sie mich nie eingeladen hatte) fahren sah. Ich ging am Bus vorbei, kurz bevor dieser abfuhr. Durch die dicke Glasscheibe konnten wir nicht miteinander sprechen, nur zum Abschied winken. Ich bekam Angst, dass dies ein Gleichnis sein könnte.
Dann stellte sich heraus, dass sie meine Gesellschaft schätzte, aber sonst nicht mehr. Dass ich verliebt war, hatte sie vor Wochen und Monaten gemerkt. Aber sie wollte mir von ihrem Freund daheim in Thüringen nichts sagen, um mich nicht als Spielkameraden zu verlieren.
Ich fühlte mich in Stücke geschlagen. Besonders nachdem ich sie, die sie mich wegen ihres Freundes in Thüringen abgewiesen hatte, eines Abends in der Stadt Arm in Arm mit einem anderen Studenten traf. Ich trat den beiden in den Weg, kreidebleich, und sie lachte. Ich weiß, dass sie nicht aus Häme oder Spott lachte, sondern aus Scham und Verzweiflung.
Niemals vorher und niemals danach bin ich von einem Menschen so verletzt worden. Ich habe weder vorher noch danach in meinem Leben eine Frau so sehr geliebt wie sie.
Trotzdem eignet sich diese Geschichte nicht zum Schreiben, weil man aus ihr nichts lernen kann. Frauen dieser Art sind wie ein Kind, das zum Zeitvertreib Ameisen tottritt. Wir sind empört und schockiert darüber. Wir packen das Kind bei den Schultern, schütteln es und brüllen es an: Warum machst du das? Warum? Aber das Kind glotzt uns ausdruckslos an, weil es unsere Frage nicht versteht.
Es ist als ob ich auf der Straße laufe und wegen der Unachtsamkeit von Hausbewohnern ein Blumentopf vom vierten Stock direkt auf meinem Kopf fällt. Es mag schmerzhaft sein, höchstwahrscheinlich tödlich, aber es gibt nichts daraus zu lernen. Es ist einfach nur ein Stück Keramik, das mit großer Wucht meinen Schädel trifft.
Im Lehrerzimmer sitzt mir Dilan gegenüber. Sie sieht überhaupt nicht wie eine Türkin aus, sondern wie eine Osteuropäerin. Sie ist vollschlank, hat ein rundes Gesicht und ihre Augen sind hellbraun wie Bernstein. Sie ist eigentlich immer am Schimpfen oder am Lachen.
Ich bin ein rastloser Mensch, ich hetze durch das Leben. Ist es da verwunderlich, dass ich mich von Frauen angezogen fühle, die abgesehen von ihrer Schönheit auch eine Gelassenheit und ein In-Sich-Ruhen ausstrahlen, das mir ewig fremd sein wird? Da sitzt sie nun wie eine Katze, schaut mich mit ihren Bernsteinaugen an als wolle sie sagen: „Was is’?“
Gleich bei unserem ersten Gespräch hat sie ihren Mann erwähnt. (Abgesehen davon ist sie zwanzig Jahre jünger als ich.) Würde ich offen mit ihr reden, was ich den Teufel nie tun würde, dann würde ich ihr sagen: Du wärst es gewesen. Ich sehe dich und sehe die Frau, die ich mir als die Frau meines Lebens vorstellen könnte. Aber zum ersten Mal in meinem Leben bin ich nicht eifersüchtig. Denn ich weiß, dass sich deine Hoffnungen auf Liebe und Lebensglück ebensowenig erfüllen werden wie meine.
Von meiner Wohnung aus führen zwei Wanderrouten nach Norden. Der Pankeweg folgt dem Fluss Panke, einem Rinnsal, das in der Nähe von Bernau entspringt und irgendwo im Wedding in den Berliner Landwehrkanal mündet. Man kann die Panke aufwärts nach Nordosten bis Brandenburg laufen. In nordwestlicher Richtung verläuft der Mauerweg, der dem ehemaligen Verlauf der innerdeutschen Grenze folgt. Mauerweg und Pankeweg öffnen sich auf der Karte nach Norden hin zu einem riesigen V, zwischen dessen Balken sich eine subarktische Doktor-Schiwago-Landschaft von Birkenwäldern, Moor und Weiden erstreckt. Man möchte nicht glauben, dass man sich in einer Stadt befindet, aber der Bucher Forst, die Malchower Aue und die Karower Teiche gehören allesamt noch zum Berliner Stadtgebiet. Dort werden einzelne Waldflächen nicht mehr bewirtschaftet sondern in den Urzustand versetzt. Es grasen Rindtiere, mit denen versucht wird, den ausgestorbenen Auerochsen zurückzuzüchten. Diese Ebene ist für mich das, was für Arno Schmidt die niedersächsische Heidelandschaft bedeutete.
Die Arbeit gibt mir viel Zeit. Ich würde geistig verkümmern, wenn ich nur als Lehrer tätig wäre. Aber anstatt zu schreiben gehe ich oft stundenlang wandern. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Bis mir klar wird, dass dieses Wandern Teil meiner Arbeit ist. Kierkegard und Nietzsche haben es genauso getan.
Den Tag über liefen und liefen sie. Am Abend schrieben sie nieder, was ihnen während des Wanderns eingefallen war. Ich gehe jetzt niemals ohne ein Notizheft aus dem Haus, in das ich mir Stichworte eintrage. Heute: HEIMAT
Als junger Mensch konnte ich mit dem Begriff Heimat nichts anfangen, ja war sogar feindlich eingestellt. Heimat war gleichbedeutend mit rückständig und engstirnig. Und nun merke ich, dass ich in Pankow unmerklich meine Heimat gefunden habe, den Ort, an dem ich voraussichtlich bis zum Ende meines Lebens bleiben werde. Es erscheint mir einleuchtend, erst jetzt meine Heimat gefunden zu haben, nämlich in einem Alter, in dem ich erstmals auch seelisch bei mir selbst zuhause bin. Ich spaziere, und bei jedem zweiten Spaziergang gibt es einen Geistesblitz.
Heute: Heimat ist nicht, wo du herkommst. Heimat ist, wo du hinkommst.
Auch über meine Herkunft fällt mir etwas ein. Mein Geburtstag ist im Herbst, und daher ist die Jahreszeit mit den fallenden Blättern mein Zuhause. Es ist absolut schlüssig, dass ich erst im Herbst meines Lebens zu mir finde.
Ich mag den Ausdruck „Midlife-Crisis“ nicht. Er bedeutet den banalen Selbstzweifel des Mittelklasse-Mannes, der über seine Mittelklasse-Frau und sein Mittelklasse-Auto nachgrübelt und sich fragt, ob er es nicht zu einer noch besseren Frau oder einem noch besseren Auto hätte bringen können. Das ist nur oberflächlich. Was wirklich ins Mark geht, ist die Erkenntnis, die sich nach der Hälfte des Lebens langsam abzeichnet. Erstens: Der Schreck darüber, dass die Wegstrecke, die vor uns liegt, deutlich kürzer ist als die Strecke hinter uns. Zweitens: Die Möglichkeit, dass sich der Plan unseres Lebens niemals erfüllen wird, das zuvor Unvorstellbare, dass wir das, worauf wir all unsere Bemühungen gerichtet haben, nicht erreichen.
Die Erkenntnis, dass unser Lebensplan nicht in Erfüllung geht, schreibt Balzac, verdirbt oder veredelt den Menschen. Was wird die Erkenntnis bei mir bewirken? Wird sie mich verderben oder veredeln?
Im Frühsommer 1987 sitze ich mit Roland in einem Straßencafé in Karlsruhe. Das Abitur steht kurz bevor, und damit der Abschied von der Jugend. Es war keine schöne Jugend, es war eine einsame und mutlose. Ich sehe zu einem der Tische am anderen Ende herüber, weil dort eine auffällig schöne junge Frau sitzt. Sie hat braune Augen und langes braunes Haar. Ruhig und gelassen unterhält sie sich mit ihrem Begleiter. Das wäre es, denke ich. Das wäre die Frau meines Lebens. Sie anzusprechen kommt mir nicht in den Sinn. Ihr Begleiter zahlt, und die beiden stehen auf. Der Begleiter geht nach hinten durch das Innere des Cafés zum Ausgang. Die junge Frau geht in die andere Richtung, an unserem Tisch vorbei. Als sie neben mir ist, sagt sie leise „Tschüs“ und geht weiter. Roland runzelt die Stirn, aber ich kann ihm nicht antworten. Zu unfassbar ist das, was eben geschehen ist. So unfassbar, dass ich es versäume, das einzig richtige zu tun: ihr hinterherzulaufen. Und so lasse ich die Chance verstreichen.
Natürlich habe ich diese Frau nie wieder gesehen. Und natürlich denke ich seit dreißig Jahren fast jeden Tag an diese Szene. Und natürlich bin ich fest davon überzeugt, dass ich an jenem Frühsommertag meine einzige Chance im Leben vertan habe, glücklich zu werden.
Die Religion und ich hatten gleich zu Anfang ein schlechtes Verhältnis. Eines Tages kam eine Pastorin ins Klassenzimmer, erzählte wahllos ein paar Geschichten aus der Bibel und sagte schließlich, wenn wir diese Geschichte glaubten, kämen wir in den Himmel, wenn nicht, in die Hölle. Nun ist es schon ziemlich schäbig, wenn eine Religion sich mit Drohungen und Erpressung Geltung zu verschaffen sucht. Noch mehr aber empörte mich die Dummheit dieses Versuchs. Ich war zehn Jahre alt und kein Idiot!
Es sollte noch schlimmer kommen. Eines Tages erzählte die Pastoin davon, wie Abraham von Gott den Befehl bekam, seinen kleinen Sohn Isaak zu opfern. Ohne das geringste Zögern erhob Abraham das Schlachtermesser gegen sein Kind, und Gott musste ihn im letzten Moment an dem Mord hindern. Aber er äußerte sich sehr zufrieden über den unbedingten Gehorsam Abrahams.
Der Begriff „unbedingter Gehorsam“ ließ bei mir die Alarmglocken schrillen. Ich war ein Kind von 68ern, und meine 68er-Eltern hatten mir eingeschärft, dass an allem Schrecklichen der Vergangenheit, dem Krieg, den Konzentrationslagern und all dem anderen eines schuld war: unbedingter Gehorsam. Alle Verbrecher hatten sich später damit rechtfertigt, sie hätten ja bloß Befehle ausgeführt. Ab 1945 wurde in Deutschland beschlossen, dass der Befehl eines Oberen nie wieder als Ausrede für ein ausgeführtes Verbrechen dienen durfte. Aber die Pastorin hatte dies offenbar nicht mitbekommen.
Mein Vater war sein ganzes Leben heimatlos. Das war zum Teil seinem Beruf geschuldet. Schauspieler wechseln nach ein paar Jahren, wenn das Publikum sie satt hat, an ein Theater in einer anderen Stadt. Aber eines Sommers, in einem kleinen Städtchen im Südosten Irlands, fühlte er sich wirklich zuhause. Am Tag der Rückkehr nach Deutschland schrieb er in sein Tagebuch:
18.08.1993
Wieder zunehmende Wärme. Müssen uns ans tropische Klima in Karlsruhe wieder gewöhnen. Nachts Gewitter und Regen, brachte aber keine Abkühlung. „Heart of a woman“ gehört, unter Tränen.
Homesick. Richte mich auf härtere Tage ein; der von mir so konsequent eingefädelte Irland-Urlaub ist vorbei. Jetzt kommt: Ehealltag und das deutsche Theater.
Das, was für ihn bisher das Wichtigste im Leben gewesen war – die Frau, die er liebte, der Beruf, den er ausüben wollte – das war mit einem Mal das, was er am meisten fürchtete.
Zu dieser Zeit hatte er den Kontakt zu K., einem alten Freund, wieder aufgenommen. Ich glaube, die beiden kannten sich seit der 68er Zeit. Sie waren ein schöner Kontrast: K. war Soziologe, überzeugt davon, das Böse existiere nicht, das sogenannte Böse sei ein noch ungelöstes oder unverstandenes gesellschaftliches Problem. Ein Mann von berufsmäßigem Optimismus, während mein Vater auf der Misslichkeit des Lebens und der Unverbesserlichkeit der Welt beharrte. K. bejahte das Leben, mein Vater verneinte es.
Während mein Vater dicke medizinische Bücher wälzte, um eine Krankeit zu finden, die ihn dereinst dahinraffen würde, bekam K. mit Anfang 50 Krebs. Ein Jahr lang quälte eine überforderte Medizin ihn, seine Frau und drei Kinder ihn mit falschen Hoffnungen. Dann musste mein Vater zur Beerdigung seines alten Freundes reisen.
Mein dritter Mitbewohner war Musiker. Ich wusste das nicht, als er einzog. Jutta, meine zweite Mitbewohnerin, hielt sich für eine Künstlerin, wie so viele junge Leute in der Stadt. Sie hatte die Küche mit Alu-Folie ausgekleidet, was diese in meinem Bekanntenkreis als „Space Kitchen“ bekannt machte. Die Wohnung war von Juttas Mutter, einer SPD-Bezirksverordneten von Wilmersdorf, angemietet worden. Da Jutta im Gegensatz zu mir keine Miete zahlte, weigerte sie sich, mich als Mitbewohner anzusehen, sondern betrachtete mich als ihren Untermieter. Als Untermieter wurde ich offenbar nicht als würdig befunden konsultiert zu werden, als Jutta auszog und einen Ersatz in die Weltraumküche setzte. Er war zehn Jahre jünger als ich und hatte einen schwarzen schmalen Vollbart. Ich hatte ihn mir nicht ausgesucht und er hatte sich mich nicht aussuchen können. Wir starrten uns feindselig an, und Jutta überließ uns beiden das Feld.
Die ersten Tage gingen wir uns aus dem Weg. Wenn ich im Flur lauschte, hörte ich aus seinem Zimmer Streichinstrumente. Ich hatte nicht erwartet, dass ein Zwanzigjähriger mit Hipsterbart Klassik hört. Nach einer Weile fiel mir auf, dass die Musik dauernd stockte und die gleiche Passage immer wieder begann. Es klang als würde in Jans Zimmer ein Orchester ein schwieriges Stück einstudieren und der Dirigent würde immer wieder unterbrechen. Da ich wusste, dass in das kleine Zimmer kein Sinfonieorchester passte, erfuhr ich von meinem Mitbewohner, dass in den neunziger Jahren ein Keyboard und etwas Computersoftware ein ganz passables Orchester ergaben. Wir kamen uns näher.
Zu dieser Zeit wurde in Berlin die Wehrpflicht wieder eingeführt. Im Stadtmagazin erschien ein kritikloser Artikel darüber, was mich so ärgerte, dass ich einen empörten Leserbrief schrieb. Er wurde abgedruckt. Mein Mitbewohner saß in der Space-Küche und starrte mich über den Rand seiner Müsli-Schale mit einer Mischung aus Faszination und Grauen an. „Ich habe mich immer gefragt, was das für Menschen sind, die Leserbriefe schreiben“, sagte er schließlich. „Jetzt weiß ich es. Frustrierte Germanisten.“
Jan war ein großer Verehrer der Romane von Milan Kundera und erklärte mir die Bedeutung des tschechischen Wortes Litost. Es war in etwa Traurigkeit und Melancholie, aber auch Scham und Erniedrigung schimmerten in dem Wort durch. Ich kam auf die Idee, eine große Party zu veranstalten, zu der ich alle Frauen einladen würde, die mich in meinem Leben zurückgewiesen haben. Auf dem Höhepunkt des fröhlichen Festes würde ich kurz um Ruhe bitten, ihnen in die Augen blicken und fragen: „Warum habt ihr mich nicht gewollt...?“
Jan strahlte. „Wenn du das machst, widme ich dir ein Album!“
Das Leben ist ein Marathonlauf, nach dessen Ende dir eine unfassbare Belohnung versprochen wurde. Der Lauf ist eine Qual, aber die Hoffnung auf die Belohnung lässt dich alle Strapazen ertragen. Als du – mehr tot als lebendig – endlich ins Ziel läufst, erfährst du, dass es keine Belohnung gibt. Es war eine Erfindung, um dich zum Laufen zu bringen. Erinnere dich daran, wie sehr du dich während des Laufens auf die Belohnung gefreut hast! Du begreifst jetzt, dass dies die glücklichsten Momente deines Lebens waren. Und nun sind sie für immer vorbei.
