Memorandum Geburtenrückgang - Peter Kneitz - E-Book

Memorandum Geburtenrückgang E-Book

Peter Kneitz

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Beschreibung

Und wenn alles doch ganz anders wäre? Wenn es einen Grund gäbe, eine echte Erklärung zu dem gewaltigen, scheinbar schicksalshaften und unverrückbaren Vorgang des Geburtenrückgangs? Wenn sich hinter dem wie Unvermeidlichen ein klar erkennbarer Zusammenhang verbürge - und damit auch die Möglichkeit zum Eingriff, zur Veränderung? Das Buch liest sich wie eine packende Detektivgeschichte, und doch geht es um die Auflösung eines der größten realen Rätsel unserer Zeit: Warum eigentlich breitet sich in einer bereits mehreren Jahrhunderte langen Dynamik der Geburtenrückgang, der Abschied vom Kind, immer mehr aus, 'infiziert 'mehr und mehr Länder und Gesellschaften, bis er heute zu einem globalen, weltumspannenden Phänomen geworden ist, zu einem Stück Normalität unserer heutigen Moderne? Und wie kann es sein, dass wir diese Dynamik bis heute nicht wirklich verstehen, sondern zunehmend wie achselzuckend begleiten, technokratisch abwickeln wollen - während es doch um einen zentralen Bestandteil unseres Lebens geht? Der Autor - durch das Studium von Ethnologie, Philosophie und Zoologie einer Gesamtschau von Mensch, Kultur und Natur verpflichtet - hält sich bei seiner Suche nach den Ursachen des Geburtenrückgangs nicht mit der üblichen Beschreibung demographischer Entwicklungen auf, sondern schlägt einen völlig neuen Ausgangspunkt für seine Untersuchung vor: So wie die isolierten Rhesusbabys in den epochemachenden Versuchen von Harry Harlow später, als erwachsene Tiere, keine Kinder mehr bekamen (obwohl physisch völlig gesund), so sind auch wir Menschen durch die gewaltigen Veränderungen unserer Sozialisationspraxis in völlig neuer Weise geprägt. Die Ursachenanalyse, in die sowohl die neuesten Erkenntnisse der Gehirn-, Verhaltens- und Kleinkindforschung wie auch Forschungen zur Sozialisationspraxis einfließen, führen zu einem aufsehenerregenden Ergebnis: Hinter dem Geburtenrückgang steht eine einschneidende und höchst problematische Veränderung unserer Entwicklung. Der Abschied vom Kind findet also gegen unseren Willen statt, ist Ausdruck eines Eingriffs in die tiefsten Schichten unserer Persönlichkeit.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2018

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INHALT

Einleitung

Der Abschied vom Kind: Die Ursachen des Geburten- und Bevölkerungsrückgangs

Kapitel 1: Das Prinzip ‚Leben’

Kapitel 2: Harry Harlow und sein Isolationsexperiment

Kapitel 3: Der isolierte Mensch hat ein Problem

Kapitel 4: Isolation, Gehirn und Welterfahrung

Kapitel 5: 5.000 Jahre Einsamkeit

die stille Revolution der Sozialisation

Kapitel 6: Sozialisation und Geburtenrückgang I

Kapitel 7: Sozialisation und Geburtenrückgang II

Kapitel 8: Die These: Sozialisation, Isolation und Geburtenrate

Was tun? Ein Ratgeber für Länder mit sinkender Geburtenrate

Kapitel 9: Terror, oder warum wir handeln müssen

Kapitel 10: Die Wiederentdeckung unserer Sozialisationsansprüche

Kapitel 11: Die Neujustierung der modernen Sozialisationspraxis

Kapitel 12: Wir haben die Zukunft wieder in der Hand

Abschluss: Geburtenrückgang, Isolation und Zivilisationsprozess

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Abb. 1:Isoliertes Affenbaby

Abb. 2:Isolierte Affenbabys klammern sich aneinander

Abb. 3:Gehirne dreijähriger Kinder im Vergleich

Abb. 4:Siegel der Amme Zamema, ca. 2.200 v. Chr.

Abb. 5:Ein getragenes Kind – Zukunft oder Vergangenheit?

Einleitung

Und wenn alles doch ganz anders wäre? Wenn es einen Grund gäbe, eine echte Erklärung zu dem gewaltigen, scheinbar schicksalshaften und unverrückbaren Vorgang des Geburtenrückgangs? Wenn sich hinter dem wie Unvermeidlichen ein klar erkennbarer Zusammenhang verbürge – und damit auch die Möglichkeit zum Eingriff, zur Veränderung?

Hinweise und Indizien zum ‚Abschied von Kind‘ und seinen Ursachen finden sich überall. Es genügt die Augen zu öffnen. Meine Frau, beispielsweise, hat einen großen, ja beeindruckenden Freundinnenkreis. Sie sind alle nett und sympathisch, aber sie haben im Laufe ihres Lebens in einem wichtigen Punkt ganz entgegengesetzte Entscheidungen getroffen: Von all diesen Freundinnen, mittlerweile weit über 40 Jahre alt, haben weniger als die Hälfte Kinder bekommen. Alle anderen sind kinderlos und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit auch bleiben.

Jede dieser Frauen hat natürlich ihre ganz eigene, individuelle Geschichte. Ihre eigenen, höchst persönlichen Gründe, warum das so und nicht anders gekommen ist. Gleichzeitig sind sie aber, ohne dass sie es richtig wissen und zur Kenntnis nehmen, Teil einer großen, keineswegs individuellen, sondern mittlerweile weltumfassenden Dynamik, die nahezu alle Länder und Gesellschaften betrifft. Einer bereits jahrhundertelangen Entwicklung, die zunächst ganz langsam begann, jetzt aber auf breiter Front zu immer weniger Kinder führt. So müssten sich diese Frauen (und natürlich auch ihre Männer) nun eigentlich fragen, ob es wirklich ihre ureigenen Gründe waren, ihr höchst persönlicher Werdegang. Ob es wirklich ihre Entscheidung war. Oder ob da nicht ‚etwas‘ anders über sie entschieden hat, gewissermaßen heimlich und vielleicht sogar gegen ihren Willen. Was nur könnte das sein?

Die Zeichen stehen auf Sturm

In einer ganzen Reihe von Ländern stehen die Zeichen geradezu auf ‚Sturm‘: Seit vielen Jahren ersetzt die Zahl der neu geborenen Kinder nicht mehr die Zahl der Gestorbenen. Dieser Vorgang verläuft naturgemäß sehr langsam und eher unauffällig. Durch die erfreuliche Steigerung des durchschnittlichen Lebensalters, durch den größeren Wohlstand und häufig auch durch die Einwanderung wird die Sichtbarkeit dieses Vorgangs noch zusätzlich verzögert und erschwert. Gleichwohl ist die Entwicklung mittlerweile unübersehbar: In vielen, teils höchst unterschiedlichen Ländern wie in Polen, in der Ukraine, in Italien oder Japan, um nur einige besonders auffällige Vertreter dieser Entwicklung zu benennen, hat nach dem Geburten- nun auch ein Bevölkerungsrückgang eingesetzt. Auch Deutschland mit seiner mittlerweile über hundertjährigen Geschichte des Geburtenrückgangs wäre längst massiv betroffen, wenn nicht immer neue Einwanderungsbewegungen für ‚Ersatz‘ sorgen würden.1

Aller Voraussicht nach wird dieser Trend weitergehen, er wird sich verstärken, über Jahrzehnte hinaus, mit allen Konsequenzen, und er wird immer mehr Länder erfassen. Denn die jetzt von einem akuten Bevölkerungsrückgang betroffenen, meist westlichen oder fernöstlichen Länder sind mittlerweile doch nur die Avantgarde eines mittlerweile auf globaler Ebene zu beobachtenden Dynamik: In 180 von 186 Ländern, also nahezu überall, nimmt die Zahl der geborenen Kinder ab, so dass in der Folge die weltweite, durchschnittliche Geburtenrate bereits deutlich sinkt, wenn sie auch in einer Reihe von Ländern teilweise noch auf sehr hohem Niveau ist (United Nations 2013: ix). Dabei gilt es zu wissen: Kein Land, das vom ‚Virus‘ des Geburtenrückgangs ohne äußeren Anlass ‚infiziert‘ wurde, hat diese Entwicklung je aus eigener Kraft, ohne Hilfe von Einwanderern, verlassen. Die Geburtenraten sinken und sinken ab – und verharren schließlich auf einem niedrigen Niveau. Ohne dass wir verstehen, warum dies passiert.

Zugleich beginnt eine neuartige und einzigartige Dynamik der Konkurrenz: Während die wenigen starken, wohlhabenden Länder gut ausgebildete Arbeitskräfte anziehen, die die Lücken des Geburtenrückgangs quasi kostenfrei schließen, müssen die schwächeren Länder mit einer doppelten Abwärtsspirale von immer weniger Kindern und einer Abwanderung der mühsam erzogenen und ausgebildeten Generationen zurechtkommen.

Die Welt einer neuartigen und recht seltsamen Arbeitsteilung ist absehbar, ist bereits schon Wirklichkeit: Wenige, hocheffiziente und wohlhabende Länder sparen sich stillschweigend einen großen Teil der gewaltigen Mühen des Kinderbekommens und der Grundausbildung. Sie lagern diesen komplizierten und (scheinbar) mit den Zwängen einer funktionalen Gesellschaft nicht vereinbaren Teil des Lebens aus, widmen sich mit noch größerer Kraft der Wohlstandsmehrung, dem Erhalt ihres Systems. Wirtschaftlich weniger attraktiver Länder hingegen werden unfreiwillig zu einem preiswerten Reservoir von potentiellen Arbeitskräften gemacht, ohne dass sie in ausreichender Weise für Ersatz sorgen können. Der demographische, aber auch soziale und kulturelle Bestand dieser Verlierer-Gesellschaften ist durch diese Art des Wettbewerbs im Mark bedroht. Aber auch die Gewinner zahlen einen hohen Preis für das ‚outsourcen‘ der Geburten: Ihre Bevölkerung muss den Verlust der reproduktiven Fähigkeiten hinnehmen, muss einen einschneidenden Eingriff in ihre vitalen Lebensgrundlagen akzeptieren, muss die Erfahrung von Nähe und Familie in dramatischer Weise beschneiden. Kinder oder Wohlstand – das scheint die recht problematische Grundentscheidung zu sein, auf die alles hindrängt.

Ein Anlass zur Sorge

Dabei ist es natürlich unbestreitbar: Wenn auch die Geburtenzahlen deutlich zurückgehen, so wird die Weltbevölkerung durch die ‚Trägheit‘ der demographischen Entwicklung noch mehrere Jahrzehnte massiv weiterwachsen. Es besteht vorerst keineswegs Anlass über ein etwaiges Aussterben der Menschheit nachzudenken – eher im Gegenteil, es gilt alle Kraft darauf zu konzentrieren, die Folgen der steigenden Bevölkerungszahlen zu organisieren und unsere Erde zu bewahren. Die industrialisierten Länder, Ziel vieler Migranten, streiten sich angesichts dieser klar vorhersehbaren Entwicklung und wohl auch aus Angst vor Teilen der eigenen Bevölkerung bereits darüber, ob sie sich nicht noch mehr abschotten sollen, um den eigenen Wohlstand zu erhalten.

Dennoch: Der Vorgang des Geburtenrückgangs, unentschlüsselt wie er ist, gibt sehr wohl beträchtlichen Anlass zur Sorge. Zunächst einmal ist die Abkehr vom Kinde doch in deutlich ersichtlicher Weise keineswegs Ausdruck einer rationalen Entscheidung, sondern sie scheint sich wie eine neuartige Gesetzmäßigkeit zu vollziehen, ‚einfach so‘, ohne dass wir genau wissen warum. Nun sollte aber doch wohl oberste Priorität sein, einen derartigen Eingriff in die vitalen Grundlagen unseres Lebens zumindest zu verstehen. Wir müssen wissen, was hier passiert, was mit uns passiert, egal ob wir meinen, dass wir davon auf globaler Ebene profitieren (im Sinne einer Abschwächung des Bevölkerungswachstuns der Menschheit) oder ob wir diese Entwicklung für bedenklich halten. Sollte es nicht ‚normal‘ sein, die Veränderung eines grundlegenden Aspekts unseres Lebens wenigstens zu verstehen? So betrachtet ist es höchst seltsam, dass dieser so aktuelle und greifbare Vorgang kein öffentliches Interesse findet.

Darüber hinaus macht dieser Vorgang aus leicht verständlichen Gründen den gesellschaftlichen Akteuren und auch der Bevölkerung der am deutlichsten davon betroffenen Ländern Sorge. Es geht vordergründig um den Erhalt ihrer Sozialsysteme, um die Wirtschaftskraft, um die Dynamik und Vitalität, ja um die Zukunft ganzer Gesellschaften. Jenseits dieser konkreten Sorgen erzeugt dieser Vorgang des Geburten- und Bevölkerungsrückgangs zugleich tiefe, emotionale Ängste, die bislang nur zum Teil verbalisiert werden und deren tieferen Gründe nicht so einfach zu deuten sind. Was passiert denn da mit uns, so eine der eher naheliegenden Fragen dieser Kategorie, was passiert mit unserer Art zu leben, mit unserer Kultur? Wieso werden denn trotz historisch einmalig wohlhabender Zeiten immer weniger Kinder geboren? Ist es eine Lösung, wenn wir die zunehmend fehlenden Kinder durch einen immer größeren Anteil an Immigranten ersetzen, uns quasi, wie manche das formulieren, ‚austauschen‘, oder sollen wir lieber darauf setzen in einer Art splendid isolation zu warten, zu schrumpfen, wie Japan, und so unsere Zukunft zu verspielen? Ist der Abschied vom Kind als Alarmzeichen für einen dramatischen Wandel zu verstehen, ja letztlich vielleicht sogar für das Ende der Gesellschaft, wie wir sie kennen, oder sollen wir diesen Vorgang einfach als ‚Normalität‘ akzeptieren – und wenn ja, warum?

Und was, schließlich, hat das alles mit uns, mit mir zu tun, was passiert denn da mit uns, mit mir, da wir und ich doch unausweichlich Teil dieses Vorgangs sind? Dieser letzte Gedanke, kaum jemals konkret formuliert, aber sehr wohl spürbar, ist der dringendste und wichtigste, er ist der, von dem aus in Wahrheit die Ängste entspringen, und er ist der, so wird sich zeigen, der bis zu den wahren Gründen des Geburtenrückgangs hinabreicht. Von dem aber auch die Wucht zum Handeln entstehen kann: Wenn dieser Vorgang im Kern mich selbst betrifft, dann möchte ich auch alles tun, um ihn zu verstehen, um ihn zu verändern.

Der Geburtenrückgang als das größte Rätsel unserer Zeit

Wendet man sich jenseits solcher Sorgen nun dem Phänomen Geburtenrückgang direkt zu, so drängt sich eine bereits genannte Beobachtung auf. Das vielleicht erstaunlichste an diesem ganzen Trend gegen Kinder ist doch, recht betrachtet, noch nicht einmal die historisch so einzigartige Entwicklung des Geburtenrückgangs selbst. Sondern die Tatsache, dass es bislang nicht gelungen ist, ihn zu erklären. Eine triftige, nachvollziehbare Ursache zu finden. Denn letztlich, das wissen die Demographen trotz aller schöner Worten durchaus selber, sind die tieferen Ursachen dieses so widerspruchsvollen Vorgangs keineswegs verstanden (z.B. Cummins 2009: 4). Der Geburtenrückgang ist damit das größte reale Rätsel unserer Zeit.

Warum, also und vor allen Dingen, verstehen wir denn eigentlich diese Entwicklung nicht, warum sind wir dieser Dynamik wie hilflos ausgeliefert? Wie kann es ein, dass unsere so extrem hoch entwickelten Wissenschaftskultur, wie wir sie heute zur Verfügung haben, in Bezug auf den Geburtenrückgang keine echten Antworten zur Verfügung stellen konnte? Unmengen von Daten und Analysen wurden erarbeitet – aber eine echte Erklärung, eine Erklärung, die über die bisherige Zustandsbeschreibung bis in das letzte Detail hinein hinausgeht, gelingt einfach nicht.

Nur eine Seltsamkeit kann das mangelnde Ursachenverständnis für den so zentralen Vorgang des Geburtenrückgangs noch zu ‚toppen‘: dass wir ihn, trotz dieser Dramatik und der uns selbst betreffenden, existentiellen Dringlichkeit, mittlerweile wie achselzuckend akzeptieren. Diese Verständnis- und dann auch Interessenslücken sind auch deswegen so erstaunlich, weil die Entwicklung ja keineswegs neu ist, weil sie keineswegs unbeachtet ist und weil sie unweigerlich vitale Aspekte betrifft, die jeden von uns ganz unmittelbar angehen. Selbst wenn der Geburtenrückgang ‚normal‘ wäre, so müssten wir doch zumindest erklären können, warum eine der wichtigsten und intimsten Vorgänge unseres Lebens plötzlich heute so anders gehandhabt wird.

Dieses Paradox von akutem Handlungsbedarf, auf der einen, und fehlendem Interesse für eine der zentralen Gesellschaftsentwicklungen auf der anderen Seite ist übrigens, so wird sich noch zeigen, selbst ein versteckter Hinweis auf die tiefsten Gründe des Geburtenrückgangs. Denn der Vorgang unterliegt offenbar Bedingungen, die eine analytische Beweisaufnahme systematisch unterlaufen. Es ist ein ‚subversiver‘ Prozess, der bereits die Möglichkeit einer richtigen Problematisierung, eines Gewahrwerdens der tieferen Ursachen, unterläuft, und zwar in so erfolgreicher Weise, dass wir ihm relativ hilflos ausgeliefert sind – obwohl er vor aller Augen, in aller Öffentlichkeit und für jedermann ersichtlich abläuft.

Der beste Beweis für das fehlende Ursachenverständnis ist die Reaktion der Entscheider, also der Politiker: Bis heute und schon seit Jahrzehnten wird versucht (wenn auch mittlerweile eher versteckt), durch einfache Apelle, durch eine bessere Infrastruktur der Kinderbetreuung und vor allem durch mehr Geld die Bevölkerung zu mehr Kindern zu bewegen. Dies aber in schönster Regelmäßigkeit mit keinem oder höchst mäßigen Erfolg. Wobei doch auch die Entscheider und ihre Ratgeber ganz normale Menschen sind. Sollten sie in sich hineinhorchen, dass müssten sie an ihren eigenen Reaktionen merken, dass derartige ‚Anreize‘ keineswegs zentrale Kriterien bei der Entscheidung für oder gegen Kinder sein können. Die Ursachen für den Geburtenrückgang müssen andere sein als derartig ‚rationale‘ Beweggründe. Es ist eine ganz andere Logik und Rationalität im Hintergrund zu erwarten. Aber mehr als derlei naive Maßnahmen fällt ihnen, alleingelassen von der Wissenschaft, offenbar nicht ein.

Ungeahnte Zusammenhänge, neue Möglichkeiten des Handelns

Der Anspruch dieses Memorandums ist der eines explorativen, problemgeleiteten, kritischen Essais, eines dringend notwendigen Ideengebers für die Zukunft, auf der Basis vorhandener Informationen und einer völlig neuen Perspektive. Es geht hier, in diesem Memorandum, um etwas, was viel zu selten versucht wird: Die enorme Masse des heute verfügbaren Wissens zu nutzen, zu bändigen, und, durch eine grundlegend neue Beobachtung angeregt, in neuartiger Weise zu verbinden. Um den Geburtenrückgang zu verstehen wird es notwendig sein, so wird sich gleich zeigen, weit über die Demographie hinaus auf Erkenntnisse der Entwicklungs-, Gehirn und Verhaltensforschung zurückzugreifen und diese mit ethnologischen und historischen Daten aus den letzten 5.000 Jahren zu verknüpfen.

Das Memorandum basiert damit auch nicht auf einer eigenen empirischen Untersuchung, sondern auf bereits zugänglichen Daten – und möchte zugleich neue Untersuchungen anregen, welche die hier aufgedeckten, ungeahnten Zusammenhängen vertiefen und weiter bestätigen mögen. Im Übrigen ist Empirik ja keineswegs alles: Auch die empirische Wissenschaft kann nur etwas leisten, wenn Ideen und Inspiration da sind, wenn man eine Ahnung hat, wo man suchen muss. Sonst irrt auch sie nur blind umher. So werden Sie in diesem Buch auch nichts von all den Statistiken und Tabellen finden, die sonst derartige gesellschaftspolitische Analysen füllen und manches Mal nur einen scheinwissenschaftlichen Anstrich geben. Ich hoffe, Sie werden sie nicht vermissen. Um die Wurzeln des Geburtenrückgangs zu erfassen, ist es keineswegs notwendig, sich von Zahlenwissen ‚totschlagen‘ zu lassen, Scheinbeweise in die eine oder andere Richtung vorzulegen. Die Ursache, um die es hier gehen wird, kann man sich auf einer ganz anderen Weise annähern. Es gilt, auf dem Hintergrund der ja für jeden Menschen ersichtlichen großen Entwicklung, den Kopf frei zu bekommen für eine ganz neue Sicht der Dinge, für das Wagnis, das Vertraute einmal neu zu sehen.

Vor allen Dingen aber möchte diese Schrift Ratgeber sein, ein praktischer Ratgeber, der sich zunächst und vor allem an die Verantwortlichen der von dem Geburten- und Geburtenrückgang betroffenen Länder richtet, aber auch an jeden Einzelnen. Es geht um unsere individuelle Zukunft und es geht um unsere gesellschaftliche Zukunft. Das Memorandum möchte und kann hier Hoffnung geben: Es gibt – natürlich! – präzise benennbare Ursachen für diese Entwicklung. Wir sind keineswegs einem unabänderlichen Schicksal ausgesetzt, gar einem Naturgesetz. Sondern wir selbst – wer sonst? – haben in einer noch zu ergründenden Weise in unser eigenes Verhaltensrepertoire eingegriffen. Wir selbst – wer sonst? – haben eine sich selbst verstärkende Entwicklung heraufbeschworen, einen Sturm, den wir aber auch wieder bändigen können. Wir sind, so wird zu zeigen sein, ein wenig wie der berühmte Zauberlehrling von Goethe: Wir haben Kräfte geweckt, die wir nicht verstehen, die wir nicht mehr bändigen können, so dass uns alles, unsere ganze Welt, zu entgleiten scheint.

Aber wir haben auch die Möglichkeit, den Dingen auf die Spur zu kommen und neue Wege einzuschlagen. Wir müssen uns nur gestatten, auch außerhalb der etablierten Ideen zu suchen, uns nur erlauben, eine neue Perspektive einzunehmen, um dann an einem Ort fündig zu werden, der ebenso naheliegend wie verborgen ist: In unserer eigenen, individuellen Entwicklung, in uns selbst. In einer Sozialisation, die uns jenen ‚Stachel‘ in unsere Herzen einpflanzt, der uns in eine neue Richtung treibt – und verantwortlich ist für den ‚Abschied vom Kind‘. Somit will dieses Memorandum all denen Hoffnung geben, die die Problematik des Geburtenrückgangs nicht ruhen lässt.

Angesichts der Dramatik der Entwicklung und ihrer existentiellen Bedeutung ist keine Zeit zu verlieren. Es gilt, den Dingen mit Macht und unter Aufbietung aller Anstrengung auf den Grund zu gehen, auch um den Preis, dass manche ausgetretenen Denkpfade zu verlassen sind. Und es gilt, aus dem dann neu erlangten Verständnis möglichst klar nachvollziehbare Entscheidungs- und Handlungsratschläge abzuleiten. Denn diese Schrift hier ist zunächst und vor allem Dingen als Praxisbuch für Praktiker angelegt, nicht als theoretische Abhandlung. Entsprechend eindeutig ist die Struktur dieses Ratgebers: Im ersten Hauptteil geht es um die Ursachen des Geburten- und Bevölkerungsrückgangs. Im zweiten Hauptteil werden aus den benannten Zusammenhängen die konsequenten Folgerungen oder Weichenstellungen für unser zukünftiges gesellschaftliches und politisches Handeln herausgearbeitet.

Über den Geburtenrückgang hinaus: Eine Warnung an den Leser

Eines muss noch vorausgeschickt werden, auch auf die Gefahr hin, dass es zu früh ist: Die im Laufe des Buches – und auf der Grundlage einer früheren Publikation (Kneitz 2009) – erarbeiteten Erkenntnisse über die Ursachen des Geburtenrückgangs weisen weit über den primären Anspruch einer rein auf die demographische Dynamik beschränkten Analyse oder Diagnose hinaus. Oder man will oder nicht, es wird nicht gelingen, den Geburtenrückgang nur aus demographischer Perspektive zu betrachten und dann, als etwas Eigenes, Abgeschottetes, als etwas, das nicht mit der Gesellschaft und uns Einzelpersonen in Verbindung steht, zu behandeln und zu ändern.

Das allmählich ausgearbeitete Ursachengefüge für den Geburtenrückgang in dieser Schrift beruht auf Zusammenhänge, die uns Menschen in existentieller Weise betreffen, in unserer Gesamtkonstitution, in unserer Persönlichkeit – und so übersteigen denn auch die Folgen dieses Eingriffs den demographischen Rahmen. Die später entwickelten Ursachen des Geburtenrückgangs, für die das Bild des Stachels im Herzen keineswegs übertrieben erscheint, betreffen also nicht nur diesen, sondern weisen weit darüber hinaus, betreffen die Individuen und die von ihnen aus konstruierten Gesellschaften in vielfältiger Weise. Umgekehrt, so lässt sich voraussagen, werden sich dann auch die Ratschläge und Gegenmaßnahmen nicht nur punktuell auf die Geburtenentwicklung auswirken, nicht nur das Wiedergewinnen der individuellen Entscheidungsfreiheit über die eigene Fertilität bedeuten, sondern werden uns insgesamt betreffen: als Individuum und als Gesellschaft. Sie berühren mit großer Wahrscheinlichkeit letztlich sogar die tiefsten Grundlagen bereits lang ablaufender sozio-kultureller Prozesse und speziell die immer noch an Schnelligkeit zunehmende Modernisierungsdynamik.

So sei der Leser gewarnt: Wer bereit ist, die Dynamik des Geburtenrückgangs in der hier vorgeschlagenen Weise zu verändern, wer bereit ist, sich auf die hier ausgearbeiteten Zusammenhänge einzulassen, wer den nagenden Stachel in uns entfernen will, wird unausweichlich weit über dieses Problem hinaus Einfluss auf die Metabedingungen der heutigen kulturellen Dynamik nehmen. Und unausweichlich auf einige der tiefsten Bedingungen der eigenen Entwicklung.

1 Zwar werden in Deutschland seit 2013 wieder deutlich mehr Kinder geboren. Tatsächlich tragen zu dieser Steigerung praktisch ausschließlich Mütter mit ausländischer Staatsangehörigkeit bei, also von Frauen aus Gesellschaften, in denen (noch) deutlich mehr Kinder geboren werden (spiegelonline.de, 28.03.2018). Der Blick auf absolute Kinderzahlen ist also trügerisch.

I

Der Abschied vom Kind: Die Ursachen des Geburten- und Bevölkerungsrückgangs

Die Aufgabe dieses ersten Hauptteils besteht darin, klar benennbare Ursachen des Geburten- und Bevölkerungsrückgangs herauszuarbeiten. Erst auf der Basis eines wirklichen Ursachenverständnisses, einer echten Diagnose, kann auch eine ernsthafte, zukunftsweisende gesellschaftspolitische Diskussion und Auseinandersetzung über mögliche Veränderungen beginnen. Ganz im Gegensatz zur heutigen Situation, in der wir zwischen einem scheinbar rationalen, kühlen und technokratischen Abarbeiten des demographischen Wandels und einem emotionalen Aufbegehren schwanken, ohne zu versuchen, an die wirkliche Wurzel des Problems vorzudringen.

Die Ausgangsfrage ist eindeutig: Was bringt uns Menschen denn immer öfter dazu, weniger oder sogar gar keine Kinder zu bekommen, als Ergebnis einer seit langen Zeit an Fahrt aufnehmenden Entwicklung des Geburtenrückgangs, und trotz einer historisch einmaligen Situation von Wohlstand und Sicherheit? Was nur können die Gründe für diesen einmaligen und seltsamen Vorgang sein?

Die bisherigen Antwortversuche haben zu keinem wirklich befriedigenden Ergebnis geführt. Die genaue Umkehrung des früher üblichen Verhaltens – also die moderne Entscheidung gegen Kinder trotz überragend guter Lebensbedingungen – lässt sich trotz aller Bemühungen bislang nicht in grundlegender Weise verstehen. Weder sind besondere äußere Ursachen erkennbar, wie Hungersnöte oder Krankheiten, noch sind die Hinweise auf die angebliche ‚Logik des Wohlstandes’ ausreichend. Die Behauptung, dass wir heute keine Kinder mehr bekommen, weil wir uns angeblich auf die Sozialversicherungssysteme verlassen können, ist doch in Wahrheit ein Ammenmärchen, erfunden von Wissenschaftlern, die offenbar keine Ahnung von den mannigfachen Herausforderungen der Kindererziehung hatten. Die Gründe, Kinder zu bekommen, lassen sich niemals auf kühle wirtschaftliche Rationalität reduzieren. Denn wenn es so wäre, dann hätten sich unsere Vorfahren im Rahmen ihrer häufig äußerst schwierigen Lebensumständen ‚vernünftigerweise‘ doch schon immer gegen die beträchtlichen Mühen und Gefahren des Kinderbekommens und -erziehens entscheiden müssen – und wir wären nie entstanden. Immer bleibt eine Erklärungslücke, bleiben Widersprüche, versucht man sie auch noch so sehr mit rationalen – aber letztlich nur scheinbar oder vordergründig rationalen – Argumenten ‚zuzukleistern‘.

Eine derartige ‚vertrackte‘ Situation, in der jede logische Erklärung verbaut zu sein scheint, löst man nach aller Erfahrung damit, dass man neue, bislang unbeachtet gebliebene Betrachtungsweisen sucht. Wenn die Sonne nicht um die Erde kreisen kann, wie wäre es dann, wenn man – zumindest versuchsweise – die Erde um die Sonne kreisen lässt?

Das folgende, erste Kapitel ist genau dieser Suche nach einer völlig neuartigen Perspektive gewidmet. Der Beantwortung der oben genannten, alles entscheidenden Frage nach den Gründen für die Abkehr vom Kinde nähert man sich genau dann an, soviel kann bereits verraten werden, wenn man nicht sofort vordergründigen Verdachtsmomenten nachgeht, nicht sofort, aus einem angeblichen Vorwissen heraus, sofort Antworten auf die Frage gibt, warum es denn weniger Kinder gäbe. Sondern wenn man erst einmal in grundsätzlicher und umgekehrter Weise überlegt, was, eigentlich, uns Menschen veranlasst, Kinder zu bekommen. Nicht im Sinne einer rationalen Entscheidung unseres Alltaglebens, sondern überhaupt und in grundsätzlicher Weise. Diese Fragevariante zielt auf unsere Daseinsform als Lebewesen und auf grundlegende Prinzipien von Leben ab.

Einmal gestellt wird diese Frage es erlauben, eine völlig neuartige, zunächst nur theoretische Möglichkeit für den Geburtenrückgang zu formulieren. Eine Möglichkeit, die sich durch überraschende Beobachtungen und Indikatoren mehr und mehr zu einem harten, realen Befund erhärten wird. So wird es gelingen, sich aus den Zwängen herkömmlicher Argumentationen zu befreien und eine völlig neue, ebenso faszinierende wie letztlich einfache Sichtweise zu formulieren.

Die Spurensuche, die sich in den folgenden Kapiteln von dieser Überlegung aus eröffnen wird, führt nach und nach zu dieser, überaus überraschenden Einsicht: Die Abkehr vom Kinde, so kann vorweggenommen werden, erfolgt durchaus gegen unseren Willen. Sie ist das das Resultat einer neuartigen und gravierenden Veränderung tiefliegender Verhaltensanteile, jener Anteile, die die Wurzeln unseres Daseins als Lebewesen ausmachen. Sie ist das Resultat einer neuartigen, allmählich alltäglich gewordenen Entwicklungsbedingung, die unser Leben in seinen Grundfesten erschüttert. Und dies, so wird zu zeigen sein, über einen eigentlich ganz simplen, banalen und für jedermann sichtbaren Weg: den der Sozialisation.

Das Deutungsmuster, das hier bereits am Horizont sichtbar wird, erlaubt es, den Abschied vom Kind in folgender Weise erklären: Die bereits viele Jahrhunderte andauernde Geschichte des Geburtenrückgangs von einem lokalen zu einem globalen Phänomen lässt sich als Resultat einer immer weiter um sich greifenden, sich selbst verstärkenden historischen und nun global gewordenen Neugestaltung unserer Sozialisationspraxis erklären, als Resultat eines überaus dramatischen Bruchs mit unseren angestammten Entwicklungsbedingungen. Einer überaus gewaltigen Veränderung der Art und Weise, wie wir die Grundlagen unserer Persönlichkeit gestalten – wenn sie auch für den einzelnen Menschen in seinem vergleichsweise kurzen Lebensverlauf kaum erkennbar ist und sie sich deshalb weitgehend stillschweigend durchgesetzt hat. Oder anders, als kurze These formuliert: Es besteht ein scheinbar seltsamer, in Wahrheit überaus logischer Zusammenhang von Sozialisation, Isolation und dem daraus resultierenden ‚Abschied vom Kind‘.