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Sowohl für Ihren beruflichen Erfolg als auch für Ihre persönlichen Beziehungen ist es sehr wichtig, andere Menschen richtig zu verstehen. In diesem Buch erläutert Werner Correll Alltagsprobleme und - fragen aus psychologischer Sicht: Wie entsteht ein Konflikt und wie wirkt er sich aus? Was erwarten Partner voneinander? Wie kann ich meinem Kind eine positive Lebenseinstellung vermitteln? Wie funktioniert Motivation und welche Grundregeln ermöglichen ein zufriedenes Leben? Werner Correll behandelt unter anderem die Bereiche Motivation, Erziehung, ärztliche und juristische Praxis, Personalführung, Rhetorik und Partnerschaft. Er vermittelt Ihnen psychologische Grundkenntnisse und gibt praktische Ratschläge, wie Sie Ihren Mitmenschen gegenüber verständnisvoller und wirksamer auftreten.
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27. Auflage 2022
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ISBN Print 978-3-63607-200-9 ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-056-2 ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-556-7
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Jeder Mensch wird irgendwann in seinem Leben zum Psychologen. Dies ist meistens der Zeitpunkt, an dem er mit seinem Wollen auf Widerstände trifft, wenn er also entdeckt, dass sich die Dinge nicht so entwickeln, wie er sich das gewünscht und erhofft hat. Sei es nun, dass ein anderer Mensch, mit dem man in Liebe und Ehe verbunden ist, plötzlich so handelt, wie man das niemals für möglich gehalten hätte, oder sei es auch, dass ein Kollege oder beruflicher Vorgesetzter plötzlich etwas tut, was einen tief verletzt, enttäuscht oder auch verärgert. Man steht dann erstaunt still und wundert sich, dass man sich und die anderen so sehr verkannt haben sollte! Dass man mitsamt seiner „Menschenkenntnis“ so sehr danebengelegen hat – oder dass die Welt um einen herum so sehr anders denkt als man selbst – das ist einem kaum vorstellbar!
Je mehr man nun darüber nachdenkt, desto mehr kommt man zu der Erkenntnis, dass eigentlich solche Konflikte mit zum Fruchtbarsten im Leben gehören. Sie sind nicht nur unvermeidlich, sondern auch segensreich für die eigene Weiterentwicklung der Persönlichkeit. Das Leben wäre vielleicht so etwas wie eine Wanderung in der Wüste ohne Täler und Höhen, ohne Schatten und ohne Wasser, an dem man sich erfrischen könnte, gäbe es keine Widerstände gegen unsere Erwartungen und Bedürfnisse, richtete sich alles nach unserer Planung. Erst im Scheitern denkt man schließlich nach – solange alles funktioniert, handelt man zwar, aber das Reflektieren kommt erst später – eben wenn es „nötig“ geworden ist.
Man kann sich nun sehr viele Irrwege ersparen, wenn man diese Urgegebenheiten psychologisch durchdenkt und sich die Erkenntnisse, die man dort gewonnen hat, zunutze macht.
In einem ersten Abschnitt wollen wir gleich bei der Frage ansetzen, die wir soeben angeschnitten haben, dass das Konflikterlebnis, so unangenehm es empfunden wird, eigentlich unvermeidlich ist und im Grunde etwas vom Fruchtbarsten im Leben sein kann. Wie entstehen solche Konflikte? Wie sollte man sich im Konfliktfall verhalten und wie nicht? Wie wirken sich Konflikte aus, die nicht bewältigt werden? Gibt es Möglichkeiten, Konflikte weitgehend zu vermeiden oder ihre Wirkung wenigstens abzuschwächen, sie sozusagen „positiv“ auszunutzen? Welches sind die Grundbedürfnisse der Menschen, aus deren Nichterfüllung sich jeweils die Konflikte ergeben? – Dies sind einige der Fragen, die wir in unserem ersten Kapitel behandeln wollen, während gleichzeitig weiterführende Gedanken verfolgt werden sollen.
Es gibt die verschiedensten Konflikte im Leben – berufliche Konflikte mit Vorgesetzten oder Mitarbeitern oder Kollegen, es sind Konflikte mit Kindern oder auch mit Gesetzen möglich und insbesondere auch Konflikte mit Menschen, die man eigentlich am meisten liebt und schätzt, wie etwa den Ehepartner oder Freund! Alle solche Konflikte haben aber eines gemeinsam, sie entstehen jeweils dann, wenn wir etwas erwarten, was nachher nicht erfüllt wird, sei es, dass wir diese Erwartung an uns selbst gestellt haben oder sei es auch, dass wir sie an andere gerichtet hatten. Weil wir nun im Grunde Wesen sind, die immer etwas erwarten, die immer Wünsche und Sehnsüchte haben, sind wir auch immer in der Gefahr, dass sich diese Erwartungen nicht oder nicht ganz erfüllen, dass wir also in Konflikte geraten. Man kann diese Nichterfüllung von Erwartungen als „Frustrationen“ bezeichnen, denn schließlich haben wir ja dann „vergeblich“ („frustra“) etwas erwartet.
Erwartungen sind also „Ziele“, die weitgehend unser Handeln bestimmen. Es gehört zum Wesen des Menschen, dass der ohne Ziele überhaupt nicht lebensfähig ist – er wird ohne Ziele depressiv und neigt zum Suizid. Ein erreichtes Ziel führt zu einem „Erfolgserlebnis“. Diese Erfolgserlebnisse sind gleichsam der Treibstoff für unsere Seele; sie begründen den Menschen als ein aktives, ein handelndes Wesen, wobei Aktivität auch auf rein geistiger Ebene stattfinden kann, sozusagen in einer gedanklichen Aktivität. Somit strebt der Mensch letzten Endes immer nach Erfolg, nach Erreichung seiner Ziele. Dies ist nun umso eher erreichbar, je größer die Identifikation des Menschen mit seinen Zielen ist, d. h. je uneingeschränkter er seine jeweiligen Ziele akzeptiert und sie als sinnvoll und notwendig erkennen kann. Wenn wir uns nicht mit einem Ziel identifizieren können, weil wir es vielleicht als unrealistisch oder als ethisch bedenklich erkennen, ist also der Misserfolg schon vorprogrammiert. Wir haben nun – leider – festzustellen, dass 82 Prozent unserer berufstätigen Menschen in Deutschland nicht wirklich identisch mit ihren beruflichen Zielen sind, sondern eine „kognitive Dissonanz“ zwischen Zielsetzung und Identifikation aufgebaut haben, d. h. sie arbeiten in diesem Fall nicht mit einer „primären“ Motivation, sondern mit einer „Dienst nach Vorschrift“-Einstellung: Man ist bemüht seine Aufgaben zu erfüllen, weil man nicht wirklich die Erfüllung dieser Aufgaben oder Ziele erwartet, sondern einen sekundären Nutzen wie z. B. Geld verdienen, berufliches Weiterkommen etc. Zunehmend verlagert sich also das eigentliche Lebensziel der Menschen auf Bereiche außerhalb der Berufstätigkeit, auf Freizeit, auf Reisen, auf Hobbys. Dies bedeutet, dass die Erwartungen der Mehrzahl der Menschen auf Bereiche außerhalb des Berufs gerichtet werden, sodass auch die Erfolgserlebnisse mehr und mehr in diesen außerberuflichen Bereichen erfahren werden, während innerhalb des Berufs die Frustrationserfahrungen zunehmen und die Tätigkeiten in diesem eigentlich besonders wichtigen Sektor unseres Lebens mehr und mehr unter den Einfluss einer Mittel-zum-Zweck Einstellung geraten. Dies gilt nun nicht nur für die Berufsaktivitäten, sondern z. B. auch für die Einstellung von Schulkindern zum Lernen oder für die Ziele von Studenten während ihres Studiums. Dies ist insgesamt eine bedrohliche Entwicklung für unsere Gesellschaft – aber man kann das auch ändern, wenn wir lernen, besser mit Mitarbeitern, mit Partnern mit Kindern, mit Bürgern umzugehen, worauf wir im Folgenden eingehen werden.
Interessant ist es nun, dass die Erwartungen der Menschen zunehmen in dem Maße, in welchem andere Erwartungen erfüllt werden. Anders ausgedrückt: je besser es uns geht, desto mehr erwarten wir auch! Es ist also gerade umgekehrt, wie man annehmen sollte, dass man nämlich umso zufriedener und erwartungsfreier sein sollte, je mehr Erwartungen erfüllt und befriedigt worden sind! In Wirklichkeit nimmt aber tatsächlich die Frustration in dem Maße zu, in dem z. B. der Lebensstandard steigt. Aber nicht nur der Lebensstandard allein ist daran „schuld“, sondern auch unsere gesamte psychisch-geistige Entwicklung bedingt, dass wir immer mehr erwarten, indem wir z. B. mit zunehmender Emanzipation von allerlei Bevormundungen immer selbstständiger werden, immer mündiger werden und uns also immer mehr Selbstverwirklichung wünschen oder diese auch ungestüm „fordern“, indem die anderen schließlich zurück- und wir vortreten sollen!
Unsere Vorfahren waren im Allgemeinen zufriedener und ausgeglichener als wir heute, auch wenn – oder vielleicht gerade weil? – es ihnen weithin nicht so gut ging wie uns heute! Niederlagen blieben ihnen zwar keineswegs erspart, und das Unglück kam vielleicht noch häufiger über sie als über uns. Dennoch waren sie offensichtlich leichter in der Lage, diese Konflikte zu ertragen, in dem sie sie z. B. religiös überhöhten und so verarbeiteten, dass diese Schicksalsschläge eben ertragen werden mussten ohne zu „murren“, ja dass es vielleicht sogar unberechtigt sei, darüber zu hadern und man im Grunde vielleicht sogar darauf stolz sein konnte, dass man der Auszeichnung einer solchen schicksalhaften „Prüfung“ teilhaftig wurde.
Heute ist uns solches Denken kaum mehr möglich. Wir sind gewohnt, Niederlagen nicht einfach hinzunehmen und Konflikte als unabwendbar zu akzeptieren, sondern uns mit ihren Ursachen konstruktiv auseinanderzusetzen, jedenfalls wollen wir mit dem Schicksal eher „kämpfen“, als dass wir es akzeptieren würden! Es ist schließlich gerade das Moment der individuellen Freiheit, dass wir in der Vorstellung leben, wir seien in gewisser Hinsicht die „Selbstgestalter“ unseres Schicksals und unseres Lebens, wir könnten letzten Endes sehr viel dazu beitragen, dass es uns gut und auch, dass es uns schlecht geht! Das Leben ist „machbar“ von diesem Standpunkt aus betrachtet!
So haben wir auch diesen Gedanken der Freiheit in so gut wie alle Bereiche des Lebens getragen: die Frau ist befreit oder emanzipiert aus den Fesseln der Bevormundung durch die Männer, Ehepartner sind insgesamt befreit aus dem Joch der totalen Abhängigkeit voneinander, auch Kinder sind weitgehend befreit aus der Bevormundung durch die Lehrer, deren Autorität nicht mehr von Amts wegen gilt, und Studenten sind befreit aus irgendwelchen noch bestandenen Bindungen an Traditionen, die man nicht mehr eingehen will. Aber auch der Mitarbeiter im Betrieb fühlt sich befreit aus den Bindungen an eine Art ursprünglichen „Gehorsam“ gegenüber den Vorgesetzten – er erwartet ein höheres Maß an Beteiligung, an Mitbestimmung, an Identifikationsmöglichkeit mit seiner Arbeit, und er ist immer weniger bereit, eine Arbeit nur auszuführen, weil sie befohlen wird oder weil sie zum Lebensunterhalt wichtig erscheint.
Während wir also alle mehr erwarten, ist es unvermeidlich, dass wir in unserer individuellen Expansion sozusagen mit unseren Mitmenschen zusammenstoßen, die sich schließlich ebenfalls gerade expandieren möchten! Während wir uns durchsetzen, muss also ein anderer zurückstecken und umgekehrt. Dies bedeutet, dass gleichsam jeder „Sieg“ auf der einen Seite durch eine Frustration auf der anderen Seite wettgemacht wird. Der Preis für unsere weitreichende Emanzipation ist also eine größere Frustrationsgefahr. Je mehr die Menschen in einem enger werdenden Raum zusammenleben, desto größer werden die Reibungsflächen. Da wir durch technische Kommunikationshilfen weitgehend in enge Beziehung zu sehr vielen Menschen treten können, steigt damit auch die Frustrationsdichte, der wir ausgesetzt sind.
Da wir nun zudem offensichtlich mit unserer Einstellung immer diesseitiger geworden sind und den Transzendenzbezug weitgehend verdrängt oder jedenfalls verbannt haben, nimmt auch unsere Frustrationstoleranz immer mehr ab, während ja gleichzeitig die Frustrationsgefahren zunehmen! Die Folge ist, dass wir immer häufiger in Konflikte geraten, deren Existenz wir nicht mehr problemlos zu bewältigen vermögen, weil wir sie nicht mehr zu akzeptieren bereit sind. Wie reagieren wir nun auf diese Konflikte, wie sie immer mehr und immer Unausweichlicher zu unserem Leben zu gehören scheinen?
Die ursprünglichste Reaktion auf einen Konflikt bzw. auf eine Frustration, die ja den Kern eines Konflikts darstellt, ist die Aggression – oder wenigstens die Aggressionstendenz mit dem Ziel der Vernichtung oder Schädigung der Konfliktquelle! Über die Jahrtausende hinweg aber haben sich die Menschen bemüht, diese gefährliche Ur-Reaktionsneigung zu zähmen – sie haben sie unter eines der gewaltigsten Tabus gestellt, die es überhaupt gibt. Das Tabu der Aggression ist wahrscheinlich deshalb so universell bei allen Kulturen aufgerichtet worden, weil sich sonst die Menschheit schon längst selbst vernichtet hätte.
Nur einige wenige „Ventile“ haben sich für „notfalls“ eine Bahn durch dieses Tabu erhalten. Hierher gehört z. B. der Sport, sowohl in seiner aktiven Ausübungsform als auch in seiner passiven Version beim bloßen Zuschauen. Wenn man sich aktiv oder passiv sportlich betätigt, kann man sicherlich in dem Maße Aggressionen gefahrlos abreagieren, indem man sich mit einer sportlich ausgeführten Aggressionshandlung identifiziert und, dadurch das erlebt, was man erlebt hätte, wenn man selbst offen aggressiv gewesen wäre. Man kann aber leicht beobachten, dass die Regeln, denen sich das Sportgeschehen unterzuordnen hat, ebenfalls immer dichter werden (wohl in dem Maße, in dem sich immer mehr am Sport beteiligen!), sodass allein hieraus auch wieder neue Frustrationen und dadurch immer neue Aggressionen entstehen können. Beim Fußballspiel am Wochenende kann man es leicht allenthalben beobachten: Die Zuschauer geraten nicht selten hinterher – und auch gelegentlich während des Kampfes – untereinander in einen „echten“ Kampf mit offenen Aggressionen! Auch haben wir eigentlich keine Sportart, die offene Aggressionen mehr oder weniger unverfälscht und doch gefahrlos zulassen würde. So bleibt also der Sport ein außerordentlich wichtiges Ventil für die aufgestauten Aggressionen, aber eben nur ein Ventil, das mehr und mehr nicht mehr in der Lage zu sein scheint, alle aufgestauten Aggressionen aufsaugen zu können.
Wie steht es mit dem Fernsehen bzw. mit dem Zuschauen bei verfilmten oder auf dem Theater gespielten aggressiven Szenen? Man könnte annehmen, dass diese allgemein beliebte Freizeitbeschäftigung des modernen Menschen vielleicht auch durch Identifikation mit der aggressiven Szene auf dem Bildschirm oder der Bühne etwas dazu beitragen könnte, dass Aggressionen abgebaut werden. In der Tat lässt sich nachweisen, dass dies – wenn auch nur in bestimmten Grenzen – der Fall ist. Durch das bloße Zuschauen bei aggressiven Szenen werden Menschen gelegentlich weniger aggressiv als vorher; einige aber werden dadurch eben noch aggressiver und schließlich noch andere fühlen sich sogar ermutigt, ähnlich aggressiv zu handeln wie der auf der Bühne oder auf dem Bildschirm! Wir haben leider keine exakte Möglichkeit, von der Psychologie aus zu beeinflussen, wie das Geschehen auf dem Bildschirm auf den Zuschauer exakt wirken soll. Vielmehr müssen wir uns vorerst damit begnügen festzustellen, dass es grundsätzlich ganz verschiedene Wirkungsmöglichkeiten zu geben scheint.
Auch der Ausweg aus den Aggressionen in die körperliche Betätigung in einem Hobby – etwa im Garten oder auf dem Reitpferd – ist dem modernen Menschen immer mehr verwehrt worden. Sei es, dass ihm einfach die Zeit dazu fehlt, oder sei es, dass auch die finanziellen Mittel dazu nicht ausreichend vorhanden sind: In der Regel können auf breiter Ebene die Menschen einen solchen Ausweg auch nicht allzu häufig einschlagen.
Bleibt noch eine Aggressionsabfuhrmöglichkeit, die früher fraglos in jeder Generation etwa einmal angeboten wurde, die aber heute überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen werden kann, weil sie perfektioniert worden ist: der Krieg. Im Krieg sind plötzlich alle Tabuschranken um die offenen Aggressionen aufgehoben worden, plötzlich ist alles erlaubt und erwünscht, was vorher verboten war: Jetzt darf man töten, erschießen, erstechen etc., was bisher strengstens untersagt war. Wir haben aber inzwischen die Kriegsinstrumente derart technisiert und perfektioniert, dass das Geschehen in einem neuen Krieg – unter Beteiligung der zivilisierten Welt wenigstens – weitgehend entpersönlicht wäre und dadurch als Aggressionsabfuhrmöglichkeit überhaupt nicht mehr in Betracht kommen kann, ganz abgesehen von den eminenten Gefahren für den Fortbestand der Zivilisation überhaupt.
Wir müssen also erkennen, dass wir im Moment keinen geeigneten Ausweg haben, der sich als Aggressionsabfuhrmöglichkeit anbieten würde, während wir auf der anderen Seite beobachten, dass die Frustrationen immer mehr zunehmen müssen, sodass sich die Aggressionen immer mehr steigern. Schematisch dargestellt ergibt sich folgende Situation:
Das Kernerlebnis des K (Konflikts) ist die F (Frustration), die sich als A (Aggressionstendenz) auswirkt und sich offen gegen die K (Konfliktsituation) richten möchte, was aber blockiert ist.
Zwei Fragen ergeben sich an dieser Stelle: einmal wäre es wichtig zu erfahren, ob sich nicht von der Ursachenseite her etwas verändern ließe, d. h., ob es nicht möglich ist, an der Quelle der Frustrationen, d. h. an den Erwartungen anzusetzen, um zu erreichen, dass es weniger Aggressionen insgesamt gibt. Zum anderen wäre es interessant, was nun mit den nicht abgeführten Aggressionen wird!
Zu unserer ersten Frage können wir bemerken, dass wir später noch auf die Situation der Grunderwartungen des Menschen eingehen werden, dass wir aber in der Tat die Möglichkeit haben, die Frustrationstoleranz dadurch zu erhöhen, dass wir – freilich ohne zu resignieren – gelassener werden gegenüber der Frustration. Hierzu eignet sich jede Art von echter Religion genauso wie jede Art von Training in Richtung auf Entspannung und Toleranzsteigerung – etwa das autogene Training, Meditationsübungen, Yoga etc. Allerdings darf man bezweifeln, dass solche Übungen so weit durchgesetzt werden können, dass sie eine genügend große Breitenwirkung haben würden, um wirklich als Ausweg aus unserer gegenwärtigen Situation zu gelten.
Unsere zweite Frage, was nun aus den Aggressionen wird, wenn sie nicht abgeführt werden, lässt sich ebenfalls beantworten. Wir wissen, dass diese Aggressionen „beherrscht“, d. h. aufgestaut werden und somit in den Bereich der Verdrängungen geraten. Sie sind nämlich als verdrängte Aggressionen nicht etwa bewältigt, nur weil sie nicht zum Ausbruch gelangen, sondern sie bleiben nach wie vor wirksam, nur nicht mehr bewusst so leicht steuerbar! Ihre Wirksamkeit zeigt sich in typischen Veränderungen im Verhalten des Menschen: Rein äußerlich zeigt sich meistens eine zunehmende körperlich-motorische Unruhe, verbunden mit typischen Beißbewegungen (auf den Lippen oder den Zähnen herumbeißen), mit Rötungen im Gesicht und am Hals und mit einer typischen Veränderung der geöffneten Hand zur geballten Faust. Dies alles sind gleichsam symbolische Aggressionshandlungen: Man will eigentlich nicht auf der Lippe herumbeißen, sondern auf dem Gegner, der Konfliktquelle! Und man will nicht bloß die Faust zeigen, sondern sie als Angriffswaffe benutzen! Zugleich ergeben sich Steigerungen des Blutdrucks und insgesamt eine erhöhte körperliche Aktivitätsbereitschaft, die aber mit einer Verminderung der geistigen Aktivitäten verbunden ist. Beispielsweise kann man sich in solchen Situationen auf sein Gedächtnis kaum mehr verlassen und Steuerungsfunktionen gelingen kaum noch. Probanden, die im nichtfrustrierten Zustand einfache Mathematikaufgaben fehlerfrei bewältigen konnten, machen im frustrierten – und damit verdrängt aggressiven Zustand – etwa neunmal so viele Fehler bzw. benötigen neunmal soviel Zeit zur Bewältigung solcher Aufgaben. Auch Tiere scheinen ähnlich zu reagieren, wie man aus entsprechenden Experimenten weiß. Zwar können sie rein körperliche Kraftaufgaben wesentlich intensiver bewältigen, aber sobald es sich um Steuerungsaufgaben (etwa Bewältigung eines Labyrinths) handelt, versagen sie ganz oder benötigen mindestens wesentlich mehr Zeit dafür.
Die Auslösung dieser typischen Reaktionen wird durch eine Reihe von innersektretorischen Drüsen, namentlich der Hypophyse und der Nebennieren (Adrenalin) gesteuert. Dies ist auch der Grund dafür, dass dieser leistungsmindernde Zustand der aufgestauten Aggression in der Regel nur einige Minuten ohne nennenswerte Unterbrechung andauert. Es muss entweder zu einer Abreaktion nach außen kommen (direkte oder indirekte Aggressionsabfuhr) oder die frustrationsauslösende Situation muss geistig verarbeitet, sozusagen rational toleriert werden. Es gibt nun aber auch Situationen – und jeder kennt sie –, in denen weder das eine noch das andere möglich ist, weil die Frustrationen so andauernd sind, dass wir sie nicht tolerieren, nicht einmal verarbeiten können. Meistens handelt es sich dabei um Situationen, die nicht von außen her an uns herangetragen werden, sondern aus unserer Persönlichkeit selbst herauskommen. Vielfach sind es z. B. Entscheidungen, die wir irgendwann in unserem Leben getroffen haben, die wir nachträglich aber am liebsten wieder rückgängig machen würden, weil sie uns nicht optimal erscheinen. Wer hat sich nicht schon einmal überlegt, ob er seinen Beruf vielleicht doch zu früh gewählt hat? Zwar ist man leidlich zufrieden oder auch erfolgreich, aber „was wäre gewesen, wenn wir uns damals doch noch anderen Gelegenheiten zugewandt hätten …“? Solche Fragen stellt sich der eine oder andere auch bezüglich familiärer Entscheidungen: die Partnerwahl erfolgt auch meistens in einem Lebensabschnitt, in dem der Mensch zwar hochmotiviert ist, etwas für den Erhalt des Menschengeschlechts zu tun, in dem er aber meist noch nicht ganz in der Lage ist, die Bedeutung seiner Wahl bis in die Einzelheiten hinein zu überblicken! In der Regel trifft er diese Entscheidungen zwischen seinem 20. und dem 30. Lebensjahr – also eigentlich zu „früh“! Zyniker haben schon geäußert, wenn man dem Menschen so lange Zeit ließe, bis er sich diese Entscheidung voll bewusst machen könnte, würde vielleicht ernsthafte Gefahr für den Fortbestand der Menschheit bestehen! Wie dem auch sei, die meisten Menschen entwickeln an dieser Stelle das Gefühl der Peinlichkeit ob ihrer Zweifel, was aber nicht selten dazu führt, dass die Frage selbst nicht beantwortet, sondern eben verdrängt wird. Man will mit dem Problem, ob solche Entscheidungen nun optimal oder nicht ganz optimal waren, einfach nichts mehr zu tun haben, sondern man redet sich ein, das sei schon richtig, und man sei schon glücklich genug, und andere seien auch nicht besser dran, etc. Auf diese Weise entsteht nun das, was man als „Dauerfrustration“ bezeichnet: die Frustrationssituation besteht nicht nur für kurze Zeit, sondern über mehrere Monate oder Jahre hinweg ohne eigentliche Unterbrechung.
Wie wirkt sich nun diese Dauerfrustration auf den Menschen aus?
Zunächst können wir feststellen, dass die Befindlichkeit des „Stress“ gerade dann eintritt, wenn man sich in einer Dauerfrustration befindet. Die körperlichen Funktionen werden überstrapaziert, man ist immer aufs höchste „angespannt“, reaktionsbereit, gleichsam „auf dem Sprung“, weil man sich immer irgendwie bedroht oder jedenfalls über die Maßen gefordert fühlt. Deshalb reagiert man auch empfindlicher als normal und gilt als „gereizt“, „übertrieben“ und manchmal auch als „humorlos“.
Die Reaktionen, die sich in diesem Zustand darstellen, kann man als die Folgen neurotischer Tendenzen bezeichnen. Der neurotische Mensch ist gerade dadurch charakterisiert, dass er sich in seinem Verhalten von der jeweiligen Norm entfernt und dabei einem Zwangscharakter unterliegt. Er möchte nicht so handeln, wie er handelt, aber er fühlt sich dazu gezwungen. Irgendetwas in ihm zwingt ihn, sich zu ängstigen, übertrieben exakt und pünktlich zu sein, andere bei nichtigem Anlass zu kritisieren, etc. Im Grunde zweifelt der neurotische Mensch an seinen Fähigkeiten – er leidet an dem Gefühl der Unterlegenheit gegenüber anderen und versucht nun, dieses Gefühl zu kompensieren, indem er übertrieben „hart“ auftritt, sich selbst und auch anderen gegenüber. Man ist in diesem Zustand auch rein körperlich strapaziert durch gestörten Schlaf, durch eine grüblerische Geisteshaltung mit ständigen Zweifeln und Selbstvorwürfen, die sich dann in mangelndem Appetit oder auch in einer Neigung zu Verdauungsstörungen, zu Magenbeschwerden, zu Kreislaufstörungen oder zu Atembeschwerden zeigt. Man kommt sozusagen allzu leicht ins Schwitzen und ist gerade dadurch in seinem Verhalten negativ beeinträchtigt und in seinen Leistungen meistens reduziert, was sich leicht verstehen lässt, wenn man bedenkt, dass der neurotische Mensch z. B. immer davon ausgeht, dass andere ihn missgünstig umlauern, dass man ihn nicht „hochkommen“ lassen will und dass er sich schließlich dagegen wehren muss! Wie viele Telefonate in einem Unternehmen geführt werden bloß aus der – verborgenen – Absicht heraus, festzustellen, was der Kollege gerade denkt oder tut und ob er nicht vielleicht just darüber nachdenkt, etwas zu unternehmen, was den eigenen Vorstellungen zuwider läuft – dies hat wohl auch noch niemand exakt untersucht; man kann aber sicher sein, dass es ein beträchtliches Ausmaß erreicht hat, und zwar umso mehr, je größer und anonymer ein Betrieb (und eine Verwaltung!) ist.
Hierher gehören auch die vielen Beispiele für zwang-hafte Zuwendungshandlungen (Manien), wie etwa die übertriebene Neigung zu Waschungen und anderen Formen der Reinlichkeit (Lavamanie), die eben weit über das rational vertretbare Maß hinausgehen. Wenn man etwa alle Stunde meint, Hände (und später den ganzen Körper) reinigen zu müssen, ohne dass ein richtiger Anlass dazu vorhanden wäre, so kann eine solche neurotische Störung vorliegen. Aber auch das Unvermögen mancher Menschen, nicht mehr allein in einem Aufzug oder in einem Hotelzimmer sein zu können ohne Angstgefühle zu haben, gehört hierher. Man will dann aus dem Zimmer heraus, weil man meint, die Wände und die Decke rückten zusammen, man müsse heraus – hinunter in die Bar –, wo dann noch andere mit ähnlichen Gefühlen sitzen, bis man sich wieder geborgen fühlt! Selbstverständlich müssen im Zusammenhang mit den Manien auch die Abhängigkeiten von Alkohol oder Nikotin etc. erwähnt werden, denn auch Suchteinstellungen sind – wenigstens zu einem wesentlichen Teil – neurotisch bedingt und gehören zu den neurotischen Symptomen. Ähnliche Suchteinstellungen der Zuwendungszwänge gibt es auch im erotischen Sektor. Als Erotomanie (krankhafte Steigerung des Urgeschlechtstriebs) sind sie sogar relativ oft zu beobachten und gehören dann zu den wichtigen Ursachen für Leistungsstörungen im Beruf und auch zu Anlässen für Zerwürfnisse in der Ehe oder in der Freundschaft. Gerade im Bereich des Erotischen sollte der Leistungsaspekt keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen! Junge Menschen sind manchmal von dieser Manie so beherrscht, dass sie meinen, etwas zu versäumen, wenn sie ausnahmsweise einmal nicht auf diesem Gebiet aktiv sind; dass auf diesem Weg berufliche Schwierigkeiten entstehen müssen, liegt auf der Hand. Auch der aufstiegsorientierte Erwachsene kann unter einem solchen „Leistungszwang“ leiden, wenn er nämlich neurotisch nach immer neuen Beweisen für seine Tüchtigkeit streben muss und sich zwangsläufig überfordert, um dann natürlich umso weiter abzusinken in seinem Selbstvertrauen und seiner Lebensfreude.
Ähnlich wie die Manie ist auch die Phobie zu den neurotischen Störungen zu zählen, wenn man darunter Abwendungszwänge versteht, die sich wesentlich vom normalen Verhalten abheben. Der Mensch z. B. mit einem irrationalen Zwang, kein Flugzeug zu besteigen, kann unter einer solchen Flugphobie leiden. Dies ist dann u. U. ein ernsthaftes Hindernis in einer erfolgreichen Karriere im Beruf, zu der meistens eine gewisse Beweglichkeit, einschließlich mit dem Flugzeug, gehört. Aber auch die unnatürliche Scheu vor dem Wasser, vor bestimmten Tieren (Spinnen), vor erotischen Situationen, gehört hierher.
Schließlich müssten wir auch noch die Neigung zu Depressionen, zu Resignation und Schwermut sowie einige Formen der Triebverzerrung (Perversionen) hierher rechnen, soweit sie sich als Zwänge zu einem Verhalten äußern, das von der jeweiligen Norm wesentlich abweicht (etwa Fetischismus, Sadismus, Masochismus, gewisse Formen der Sodomie etc.). Kurzum alles, was uns zwingt, uns anders als „normal“ zu verhalten, und was sich unserem rationalen Zugriff entzieht, kann zu den neurotischen Tendenzen gerechnet werden. Selbstverständlich sind wir nicht in der Lage, uns die Art der neurotischen Einstellung bewusst auszusuchen; vielmehr überkommt einen diese Tendenz, und in der Regel sind wir nicht einmal in der Lage, uns dann als neurotisch zu erkennen. Eher sind wir bereit, andere als „seltsam“ zu bezeichnen, weil man von sich selbst in der Regel als der Norm auszugehen geneigt ist.
Dies ist auch der Grund dafür, dass der neurotische Mensch sich selbst kaum helfen kann. Wenn er sich richtig diagnostizieren könnte, könnte er sicher auch dazu kommen herauszufinden, wo die Frustrationsursachen liegen, und könnte diese dann entweder beseitigen oder aber tolerieren, sodass die Symptome so rasch verschwunden wären, wie sie entstanden sind. Meistens kann der Neurotiker erst durch eine psychologische Untersuchung mit Tests z. B. dazu gebracht werden zu erkennen, dass er an diesen Symptomen überhaupt leidet – vorher glaubt er eher, die Gesellschaft oder alle anderen kritisieren zu müssen statt bei sich selbst anzusetzen!
Dies ist also die Ursache für ein in der Regel längeres Anhalten der neurotischen Situation und des Stresses ohne ernsthafte Versuche, beides zu überwinden. So entstehen im Laufe der Monate (manchmal auch erst der Jahre) meistens – in einem dritten Stadium dieses Ablaufs – psychosomatische Symptome, d. h., jetzt werden die Symptome, die sich bisher psychisch und auf das Verhalten bezogen geäußert haben, körperlich ausgeprägt. Es entstehen nun Krankheitsformen wie Magenreizungen, Magengeschwüre, Speiseunverträglichkeiten, Kreislaufstörungen, Blutdruckschwankungen und Irregulationen, Leber und Galle-Störungen etc. Eigentlich kann man hierher sehr viele Krankheiten aus dem Bereich der inneren Medizin rechnen, womit aber nicht gesagt sein soll, dass alle diese Krankheiten ausschließlich psychisch bedingt seien. Dies anzunehmen wäre ähnlich einseitig, wie wenn man annimmt, dass dies alles nur eine körperliche Ursache hätte, sodass man sie auch nur medikamentös behandeln müsse! Zwar handeln wir gegenwärtig fast ausschließlich so, indem wir uns – leider – damit begnügen, dass die Symptome durch entsprechende Medikamente vorübergehend verschwinden. Eigentlich aber müsste man diese durch Medikamente erwirkte Ruhepause von den Schmerzen oder Unpässlichkeiten dazu benutzen, um die eigentlichen Ursachen, eben die nicht bewältigten Frustrationen, zu beseitigen oder sie ggfs. zu tolerieren.
Nimmt man nun hinzu, dass nicht weniger als etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung mit Verantwortung unter solchen neurotischen Tendenzen zu leiden scheint, so wird deutlich, welch außerordentliche Bedeutung der psychosomatischen Betrachtung verschiedener Krankheitssymptome eigentlich zukommt. Vieles, was wir als Kostenexplosion im Gesundheitswesen beklagen, hat sicher seine Ursache in dem Umstand, dass wir noch nicht damit begonnen haben, alle Konsequenzen aus der weiten Verbreitung neurotischer Tendenzen und psychosomatischer Symptome zu ziehen, sondern immer noch versuchen, solche Erscheinungen mit rein medikamentösen Mitteln zu bekämpfen. Es scheint auf der anderen Seite unmöglich zu sein, eine Welt zu schaffen, in der es keine Frustrationen mehr gibt. Vielmehr müssen wir lernen, mit Frustrationen zu leben, sie, wenn sie unvermeidlich sind, zu tolerieren und sie aktiv zu überwinden, wenn sie von der Sache her überwindbar sind. Sich selber zu verändern scheint hier der gangbarere Ausweg, verglichen mit der Veränderung der Welt, zu sein!
Schematisch dargestellt ergibt sich nun folgender Ablauf der Wirkungen der Frustrationen:
Dennoch erhebt sich nun die Frage, welche Erwartungen und Bedürfnisse hinter den Frustrationen, wie wir sie beschrieben haben, stehen. Man kann schließlich nur frustriert werden, wenn man etwas erwartet. Wer andererseits nichts erwarten würde, der könnte auch nicht frustriert werden, er erhielte alles, was er erwartet – nichts. In Wirklichkeit haben aber die Menschen, wenn man von einem „Heiligen“ einmal absieht, immer irgendwelche Erwartungen, Strebungen und Ziele, die sie verfolgen möchten, sodass sie auch immer frustrierbar sind und also immer wieder in Konflikte geraten können. Der „Heilige“ wäre eigentlich die einzige Ausnahme, weil er sich geistig so weit geläutert hätte, dass er „nichts mehr bedarf und nichts mehr erstrebt“ – sein Herz ist „eins mit Gott“, sodass er die Welt überwunden hat. Im Grunde ist dieser Zustand aber nicht mehr der des „Lebens“ im engeren Sinne. Denn solange wir leben, streben wir auch im theologischen Sinne immer weiter, sind wir „unruhig“, bis wir es überwunden haben und in IHM ruhen („et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te“ – (Augustinus).
Wir können also davon ausgehen, dass der Mensch im Allgemeinen immer ein Wesen mit Motiven oder Bedürfnissen ist, und dass er erst spät oder nie dazu gelangt, alle Bedürfnisse befriedigt zu sehen und also nichts mehr zu ersehnen. Bevor wir nun in die Details der damit verbundenen Fragen gehen, müssen wir das Problem der inhaltlichen oder formalen Richtung dieser Strebungen erörtern, was im folgenden Abschnitt geschehen soll.
Wir haben erwähnt, dass der Mensch im Grunde immer ein Wesen mit Motiven oder Strebungen ist, dass er also immer „unzufrieden“ ist und immer voranstrebt. Dies kann man entweder bedauern – oder auch begrüßen. Bedauern müsste man es, wenn man in Betracht zöge, dass damit der Zustand, nach welchem wir uns letzten Endes sehnen, nämlich der der totalen Befriedigung aller unserer Sehnsüchte, nie auf die Dauer erreichbar ist. Sobald wir ein Ziel erreicht haben, beginnt sich bereits ein neues in den Vordergrund zu schieben, das uns erneut aktiv hält! Begrüßen müsste man diesen Umstand, wenn man bedenkt, dass dadurch der Mensch immer ein aktives Wesen ist und dass er dadurch erst zu seinen großen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und auch künstlerischen Leistungen befähigt ist. Wäre er ein für allemal befriedigt, gäbe es keine Aktivität mehr, nur noch passives Vegetieren! Die dauernde Aktivität ihrerseits aber macht den Menschen auch grundsätzlich führbar und überzeugbar. Wenn er schon alles hätte, was er angestrebt hat, könnte man ihm kein Führungsziel plausibel machen und natürlich auch verkaufspsychologisch kein sinnvolles Angebot unterbreiten. Weil er aber immer nach einem Motiv strebt, haben wir darin den eigentlichen Motor im Leben; wir müssen dann jeweils an dasjenige Motiv appellieren, das die größte Dringlichkeitsstufe hat, wenn wir führen oder überzeugen wollen. Bevor wir diese praktische Frage weiter erörtern können, müssen wir aber klären, welche Motive es sind, die uns grundsätzlich antreiben.
Diejenigen Motive, die bei allen Menschen innerhalb einer vergleichbaren Kultur und Zivilisation gleich sind, nennt man die Grundmotive, eben weil sie grundsätzlich vorhanden sind, wenn auch nicht notwendig alle immer in derselben Intensität, sondern möglicherweise in einer gewissen Abwechslung oder Veränderung. Es liegt auch auf der Hand, dass die inhaltliche Ausrichtung dieser Grundmotive von einer Zeitepoche zu einer anderen wechseln kann: Was wir heute anstreben, haben unsere Vorfahren noch nicht in derselben Weise angestrebt, und unsere Nachkommen werden es vermutlich wieder auf andere Weise zu erreichen suchen als wir. Auch klimatische und kulturgeschichtliche Bedingungen können die Wirkung der Grundmotive wesentlich beeinträchtigen, was z. B. erklärt, dass in tropischen Klimazonen grundsätzlich ein anderes Aktivitätsniveau herrscht als etwa bei uns, wo der Mensch ganz einfach aktiv sein muss, um überleben zu können.
Befassen wir uns deshalb mit der Frage der Grundmotive, wie sie sich in unserer Kultur und in unserem Klima stellt, so können wir zunächst – psychologiegeschichtlich – feststellen, dass wir zwei voneinander abweichende Grundauffassungen aufzeichnen können: Zuerst ist da der Ansatz des motivationspsychologischen Monismus, der davon ausgeht, dass es ein einziges Grundmotiv geben müsse, von dem aus sich alle anderen ebenfalls wirksamen Motive ableiten ließen. Zum anderen haben wir den motivationspsychologischen Pluralismus, der davon ausgeht, dass es mehrere Motive geben müsse, die den Menschen – vielleicht abwechslungsweise, vielleicht auch gleichzeitig – antreiben und lenken.
Als einen Vertreter des monistischen Standpunktes können wir den klassischen Sigmund Freud rechnen, der in seinen zahllosen Fallstudien nachweisen konnte, dass es sich bei den verschiedensten Motivationen seiner Patienten im Grunde doch immer wieder um libidinöse bzw. sexuelle Motivationen – wenn auch in verschiedener Ausprägung – gehandelt hat. Sobald die damit verbundenen Verdrängungen behoben waren, waren meistens auch die Symptome verschwunden. So führt Freud und viele seiner Schüler die Aktivität des Menschen letzten Endes auf seine libidinöse Grundmotivation zurück, aus der sich durch Sublimation auch die geistige Strebung ableiten lässt. Alles, was der Mensch schafft, und alles, was er erträumt, enthält danach symbolische sexuelle Motivationen. Träumen wir z. B. von Pfirsichen, so ließe sich dies ebenso auf gewisse sexuelle Motive zurückführen, wie wenn wir von einem Koffer träumen, den wir „verstellt“ haben und mit dem dann plötzlich ein anderer spazieren geht. Gerade die Analyse der Traumsymbole durch Freud zeigt den Anspruch, schließlich alles auf einen einfachen Nenner, eben die libidinöse Grunderwartung, zurückzuführen, was sicherlich oft genug auch zutreffen mag. Dennoch können wir vielleicht bedenken, dass Freud zu seiner Zeit mit einem gewaltigen Sexualtabu rechnen musste, dass damals Sexuelles nicht so freizügig diskutiert werden konnte wie das heute der Fall ist. Wir haben das Sexualtabu der damaligen Zeit weitgehend überwunden. Aber leben wir deshalb in einer tabufreien Zeit?
Sollte es sich herausstellen, dass wir heute nur ein neues Tabu an die Stelle eines Alten gesetzt haben, so würde dies bedeuten, dass Freuds Auffassung über die Bedeutung der Verdrängung und der Neurotisierung etc. nach wie vor fast uneingeschränkt gültig wäre, nur dass wir an die Stelle der Sexualitätsmotivation ein anderes Motiv setzen müssten, das eben heute unter einem Tabu stünde.
In der Tat ist offensichtlich, dass wir auch heute Tabus haben, dass wir auch heute nicht ohne weiteres in der Lage oder bereit sind, alles zu sagen oder zu tun, was wir sagen oder tun möchten. Was uns daran hindert, sind diese Tabus, diese ungeschriebenen Gesetze, diese halbbewussten Vorschriften, wie man sich benimmt und verhält! Zwar könnten wir heute in einer entsprechenden Umgebung zugeben, dass wir an sexuellen Aktivitäten interessiert wären, nicht so leicht wäre aber ein Hinweis darauf, dass wir etwa an einer egoistischen Vergrößerung unserer Einflussbereiche oder an einer Ausweitung unserer „Macht“ auch auf Kosten der anderen interessiert wären! Augenblicklich würde man – mit Recht? – als Egoist oder mindestens als extremer Individualist abgestempelt und meistens auch isoliert sein. Man erwartet ganz allgemein ein Bekenntnis zum Altruismus, ein Verstoß dagegen wird mit Ablehnung beantwortet. Gerade dieses Nicht-zugeben-dürfen einer Tendenz, die wir in uns hätten, würde auf ein neues Tabu hinweisen.
Alfred Adler hat nun gerade dieses Tabu schon zu seinen Lebzeiten mit Nachdruck vertreten und immer wieder darauf hingewiesen, dass es nach seinen Analysen nicht die Sexualität, sondern das Streben nach Macht und Geltung sei, was den Menschen im Sinne einer Grundmotivation antreibe. Dieses Motiv sei auch umso stärker, je weniger Geltung der Einzelne zu erhalten glaubt. Dem Streben nach Geltung und nach Macht komme also eine kompensatorische Funktion zu: Je minderwertiger sich ein Mensch fühlt – je größer seine erfahrenen Frustrationen waren – desto intensiver strebt er nach ausgleichender Anerkennung, nach Überlegenheit über andere, auch wenn er dabei das Maß des jeweils Schicklichen weit hinter sich lässt. Ehrgeiz und auch verkrampftes Streben nach Karriere beispielsweise könnte man nach Adler auf diese Weise erklären: ein solcher Mensch hätte irgendwann in seinem Leben eine so starke Niederlage, eine Frustration, erfahren, die er auf diese Weise durch überstarke Anstrengungen auf diesem (neuen) Gebiet kompensieren möchte, um sein individualpsychologisches Gleichgewicht wiederherzustellen.
Man denke aber auch an die Wirkung organischer Minderwertigkeiten in der Form einer kleinwüchsigen Figur, eines anderen Haarwuchses oder auch nur der Linkshändigkeit! In diesen und anderen Fällen neigt der Betroffene häufig dazu, sich als „minderwertig“ zu fühlen und er strebt infolgedessen nach kompensatorischer Geltung auf einem anderen Gebiet. (Ein bekanntes Beispiel dafür ist Napoleon, der tatsächlich ein kleinwüchsiger Mensch mit Linkshändigkeit war und der seine spätere Machtposition auf die Wirkung dieser beiden „Minderwertigkeiten“ zurückführte.)
Auch das Phänomen des Berufswechsels könnte man häufig – wenigstens nach Adler – auf diese Weise erklären: die seitherige Arbeit brachte subjektiv nicht die Erfüllung, die man sich versprochen hatte. Man fühlt sich „unterlegen“, bildet vielleicht sogar ein „Minderwertigkeitsgefühl“ oder einen „Minderwertigkeitskomplex“ aus und versucht nun mit neuer Kraft – manchmal verkrampft – in einem neuen Beruf einen neuen Erfolg zu erlangen. (Der eine oder andere schert sogar in solchen Situationen ganz aus dem Berufsleben aus und tritt in die Politik ein oder er wandert aus etc. – Beispiele für diese Reaktionen gäbe es sicherlich im Bekanntenkreis jedes Lesers!)
Selbstverständlich ließe sich ein solches Minderwertigkeitserlebnis auch künstlich herbeiführen, was dann umso stärker überzeugungspsychologisch genutzt werden könnte, als man dann mit einer verstärkten Zuwendungsmotivation zu dem aufgezeigten Ausweg aus dieser künstlich herbeigeführten Verunsicherung rechnen könnte. Gerade dieser Ansatz ist für den Bereich der Führung, aber auch für den der Werbung und des Verkaufens von größter Bedeutung (vgl. hierzu W. Correll: Motivation und Überzeugung in Führung und Verkauf, Redline Wirtschaft, Heidelberg 2006). Wir brauchen hier jedoch nicht weiter darauf einzugehen. Auf der anderen Seite aber müssen wir erkennen, dass auch diese Auffassung von Adler in ihrer monistischen Ausrichtung eine gewisse Einseitigkeit mit sich bringt, die nicht ohne weiteres realistisch ist. Manchmal ist eine Entscheidung eines Menschen tatsächlich rein von der Wirkung eines Minderwertigkeitserlebnisses her zu erklären und manchmal kann man sogar den Ablauf eines ganzen Lebens auf diese Weise erklären, aber eben nicht in jedem Fall. Nicht bei jedem spielt das Streben nach Macht und Überlegenheit und Anerkennung die hervorragende Rolle, die Adler angenommen hat. Gerade in unserer leistungsorientierten Gesellschaft kommt es häufig genug zu Motivationen, die sozusagen ausgesprochen „gegen“ die Leistung gerichtet sind. Man will keine Karriere machen, man will nicht vorankommen, sondern etwa beschaulich auf einem alten Bauernhof leben, oder im fernen Indien Teppiche knüpfen etc. Man kann dies nicht ohne weiteres damit abtun, dass es eine relativ seltene Erscheinung sei, denn in abgewandelter Form spielt diese Lebensauffassung sogar häufig in unseren Alltag herein: Kinder, die uns sagen, dass sie überhaupt keinen Wert auf gute Zeugnisse legen, oder Erwachsene, die uns erklären, sie wollten lieber auf eine Beförderung oder eine Gehaltserhöhung verzichten, wenn sie dadurch ihre größere Freizeit und geringere Verantwortung behalten könnten, gehören hierher. Wenn Adler uneingeschränkt Recht hätte, könnte man eben jeden Menschen dadurch motivieren, dass man ihm seine Minderwertigkeit bewusst macht und ihm einen Ausweg aus dieser Situation aufzeigt. Aber offensichtlich funktioniert diese Strategie nicht immer. Wie müssen wir uns dies erklären?
An dieser Stelle können wir auf die bereits aufgezeigte Alternative zum Monismus bezüglich der Grundmotivationen, nämlich auf den Pluralismus verweisen. Pluralistisch betrachtet, zeigt sich der Mensch als nicht nur durch ein Motiv angetrieben, sondern als durch mehrere sich gegenseitig beeinflussende Strebungen bestimmt. Maslow beispielsweise vertritt die Auffassung, es seien grundsätzlich mehrere Motive, die wirksam seien, wenn zunächst die Basisbedürfnisse der Lebenserhaltung befriedigt seien. Auch viele andere Motivationspsychologen neigen heute mehr zu einer pluralistischen Auffassung als zu einer klassisch-monistischen. Es erscheint plausibler, mehrere Motivationen anzunehmen als immer nur Abwandlungen eines Einzigen. Im Gegensatz zu Maslow aber kann man darauf hinweisen, dass auch die Selbsterhaltungsmotivation offensichtlich nicht immer zuerst befriedigt werden muss, bevor andere, psychische Motivationen eine Chance haben! Die Tatsache, dass der Mensch grundsätzlich zum Selbstmord fähig ist, widerlegt augenfällig diese Auffassung. Er könnte sich nicht selbst töten, wenn die Selbsterhaltung unbedingt das oberste und wichtigste Motiv wäre! Dadurch, dass der Selbstmord aber eine traurige, dennoch aber nicht wegzustreitende Wirklichkeit in unserer Zeit ist, müssen wir annehmen, dass die verschiedenen pluralistisch konzipierten Motivationen sozusagen gleichberechtigt nebeneinander oder untereinander in uns wirken und bald das eine, bald das andere in den Vordergrund rückt.
Mehr aus praktischen Gründen als aus deduktiven, können wir in diesem Zusammenhang fünf Grundmotivationen angeben, die sich leicht in der beruflichen und familiären Lebenspraxis nachweisen lassen und die so angeordnet wären, dass jeweils eines davon die größte Dringlichkeitsstufe erreicht hat und nach Verwirklichung verlangt, während die anderen ebenfalls vorhanden sind, aber nicht ganz so dringend sind. Sobald aber nun die Nr. 1 befriedigt worden ist, steigt das Motiv Nr. 2 (oder ein anderes aus der Pyramide) an die Spitze und verlangt seinerseits nach Beachtung.
Selbstverständlich könnte man durch eine entsprechende Definition aus diesen fünf Motivationsrichtungen leicht auch sechs oder sieben oder auch nur drei machen – es geht eigentlich bei diesem Ansatz nicht so sehr um die Zahl an sich, sondern mehr darum, diese Motivationen auch relativ leicht voneinander abgrenzen zu können, sodass sie in der Praxis anwendbar werden. Aus diesem mehr pragmatischen Grund heraus dürfen wir nun unsere fünf Grundmotivationen vorstellen und erläutern, wie sie zu erkennen sind. Wenn wir dies erreicht haben, ist es nicht schwierig, an diesen Motivationen anzuknüpfen und Führungs- oder Überzeugungsziele so zu formulieren, dass sie gleichzeitig diese Grundmotivationen (namentlich die jeweils erste) befriedigen. Hierin liegt dann die eigentliche Nutzanwendung dieser Erörterung!
Das erste der fünf Grundmotive ist das Streben des Menschen nach sozialer Anerkennung innerhalb einer Gruppe oder mehrerer Gruppen. Man möchte – das ist der eigentliche Kern dieser Motivation – in seiner Gruppe möglichst nicht immer an der letzten „Geltungsstelle“ rangieren, sondern, wenn möglich, sogar an der ersten! Es handelt sich um ein Streben nach Prestige und Überlegenheit, nach Status und Geltung – ganz ähnlich wie es Adler unter seinem Begriff des „Geltungsstrebens“ definiert hat.
So universell sich dieses Motiv zunächst ausnimmt, so ist es doch nicht immer bei jedem Menschen an der Spitze seiner Strebungen oder Erwartungen. Dem einen oder anderen ist es vielleicht sogar viel wichtiger, gerade nicht an der ersten Stelle zu sein, z. B. weil es dort zu exportiert, zu „gefährlich“ sein könnte. Wenn ein Mensch aber dieses Motiv an erster Stelle verfolgt, dann zeigt er sich als besonders ehrgeizig und strebsam im Sinne höherer Auffälligkeit und in Richtung auf Nachahmung des jeweiligen „Alpha-Menschen“, d. h. desjenigen, der allgemein in der Gruppe als „Nr. 1“ gilt und sozusagen den Ton angibt. Dies ist dabei wichtig zu beachten: Der nach sozialer Anerkennung Strebende ist noch nicht an der „Spitze“, sondern er möchte unbedingt erst dahin kommen!
Man hat dieses Motiv schon früh auch als Verhaltenssteuerungskraft im tierischen Bereich erkannt und beschrieben. Die „Hackordnung“ bei Hühnern beispielsweise ist gerade erst hierdurch zu verstehen. Das jeweilige Alpha-Huhn, also sozusagen das „Oberhuhn“, gibt z. B. an, wann die ganze Hühnermannschaft am Abend auf die Schlafstange hüpfen soll, d. h. erst wenn das Alpha-Huhn seinen Platz eingenommen hat, reihen sich die anderen Hühner nach Maßgabe ihrer Geltung innerhalb der Gruppe auf der Stange ein. Das Huhn, das erst als letztes auf die Stange darf, wäre dann das „Omega-Huhn“, das automatisch eine Art „Sündenbocksfunktion“ zu übernehmen hat für den Fall, dass die Hühnergruppe durch irgendein Ereignis frustriert wird: Das Omega-Huhn muss „es“ sein, wenn niemand weiß, wer es wirklich gewesen ist! Es wird dann von Alpha und den übrigen Hühnern gehackt, d. h. es werden ihm die Federn herausgerupft als Strafe für etwas, was das Omega-Huhn in Wirklichkeit aber niemals verschuldet hat! Wenn dann schließlich – etwa am nächsten Tag – die Bäuerin entdeckt, dass ein Huhn schon die Federn verliert (was nicht immer richtig gedeutet zu werden braucht, sondern vielleicht als „Krankheit“ verstanden werden könnte), so liegt es nahe, dass gerade dieses Huhn als Nächstes „abgerufen“ wird, d. h. in die Pfanne oder den Suppentopf wandert. In der Tat ist auch die Lebenserwartung der Omega-Hühner wesentlich geringer als die der Alpha-Hühner oder der anderen Mitglieder der Gruppe. Weil dies nun auch von den Hühnern so registriert zu werden scheint (schließlich möchte auch das einzelne Huhn sein Leben möglichst lang genießen!), entsteht eine Verhaltenstendenz in Richtung auf Alpha-Huhn. Wer nämlich in unserem Beispiel so auftritt wie Alpha und eben nicht so wie Omega, wird bei dem Wechsel – wenn Omega abgetreten ist, muss ja schließlich ein anderes Huhn die neue Omega-Position übernehmen und als Letztes auf die Schlafstange und an den Futternapf treten – am wenigsten Omega werden also überleben! Wer dagegen sich nach „unten“ – zu Omega – orientiert hat, hat eine umso größere Chance, nunmehr selbst Omega zu werden. Freiwillig wird also niemand in der Hühnergruppe diese Position einnehmen, weil alle unter dem Gesetz der möglichst größeren Lebenserwartung stehen. Alles, was Alpha tut, wird infolgedessen Maßstab und Richtschnur für den Rest der Gruppe, besonders für diejenigen, die eben ausgeprägt nach „Alpha“ streben.
Durch einfache Experimente kann man z. B. auch zeigen, dass es oftmals genügt, dem jeweiligen Alpha-Tier eine bestimmte Verhaltensform beizubringen, um zu erreichen, dass dies dann von den anderen Tieren der Gruppe sofort übernommen wird.
Die Parallele zum menschlichen Bereich liegt eigentlich auf der Hand: Man denke an den Einfluss der Mode, die vielleicht von einem „Alpha-Modell“ vorgeführt wird und anschließend von den anderen, vor allem eben von denen, die nach sozialer Anerkennung streben, übernommen wird, ohne Rücksicht auf den Preis, auf die Gesundheit oder gar auf die Auffälligkeit, die damit verbunden sein kann. Im Gegenteil, je teurer und je auffälliger es ist, desto begehrenswerter ist es für den Anerkennungsmotivierten!
Aber nicht nur auf die Mode können wir uns hierbei beziehen. Im Grunde gilt Ähnliches auch für Freizeitbeschäftigung, für das gesamte Auftreten und Verhalten, auch für das Verhalten in einer Gruppe oder in der Ehe oder im Beruf! Der Anerkennungsmotivierte wird stets darauf bedacht sein, sich ins beste Licht zu rücken, aufzufallen, modisch auf dem neuesten Stand zu sein und in jeder Hinsicht Prestige zu gewinnen. Der neueste Sport oder die (relativ) aufwendigste Reise ist gerade gut genug für einen solchen Menschen, der auch Schulden nicht scheut wenn es darum geht, dieses Motiv zu befriedigen. Er ist wortgewandt und auf jeden Fall nicht schüchtern; er benutzt modische Fremdwörter, auch wenn er sie nicht immer ganz richtig einsetzt.
Es liegt auch auf der Hand, dass der Umgang mit einem solchen Menschen nicht eben leicht ist. Er ist für Kritik und Tadel nicht ohne weiteres zugänglich, er lehnt beides besonders dann ab, wenn er befürchtet, dadurch Prestige zu verlieren. Umgekehrt übernimmt er Argumente, wenn er den Eindruck hat, dadurch näher an „Alpha“ heranzukommen, d. h. Prestige zu gewinnen. Hierin liegt auch schon die Formel für den richtigen Umgang mit einem so motivierten Menschen: Man muss die von ihm gewünschte Verhaltensform als einen Weg zum Prestigegewinn aufzeigen, dann kann man ziemlich sicher sein, dass dieser Mensch diese Verhaltensform übernimmt, und zwar relativ unkritisch und rasch. Andererseits wird auf diesem Weg auch verständlich, warum wir, die wir ja irgendwann im Leben wenigstens vorübergehend alle einmal nach sozialer Anerkennung motiviert waren (oder sind), in dieser Phase fast immer stark extravertiert sind, warum wir Geselligkeit allen anderen Lebensformen vorziehen und warum wir uns in dieser Situation oft in ausweglose Sackgassen versteigen, indem wir immer von den anderen Respekt und Bewunderung erwarten, während wir doch eigentlich Ruhe und Stabilität erst dann finden, wenn wir zu uns selbst zurückgekehrt sind. Als potenzieller Kunde ist jedoch der Anerkennungsmotivierte eine Art „Vorreiter“ für neue Artikel. Mit dieser Adressatengruppe lässt sich ein neuer Markt erst einmal erschließen, denn alles Neue ist für ihn sofort interessant, während andere in dieser Situation vielmehr nach dem Nutzen, nach der Bewährtheit etc. fragen würden!
Wie häufig ist nun dieser erste Motivationstyp in der (berufstätigen) Bevölkerung in Deutschland. Wir haben das seit 1978 in Abständen von 6 Jahren bisher viermal untersucht und kamen dabei zu dem Ergebnis, dass Typ 1 1978 mit 20 Prozent vertreten war, 1984 mit 16 Prozent, 1990 mit 15 Prozent und 1996 mit 14 Prozent ermittelt werden konnte. Während der Typ 1 also bisher zahlenmäßig rückläufig war, ist er aber zugleich für die Ökonomie von besonderer Bedeutung, denn er gibt auch 1996 (14 Prozent) immer noch fast genau soviel Geld aus wie 1978 (20 Prozent) von Typ 1 ausgegeben wurde. Dies bedeutet übrigens nicht unbedingt, dass es sich bei diesem Motivationstyp um besonders wohlhabende Menschen handeln müsste, vielmehr sind es häufig Leute, die mehr ausgeben, als sie haben und somit zur Verschuldung neigen, dabei aber die Wirtschaft ankurbeln und das „Kreditvolumen ausschöpfen“.
Damit ist der Anerkennungsmotivierte das ziemlich exakte Gegenstück zur zweiten Motivationslage:
Mit dieser zweiten Grundmotivation strebt der Mensch nicht so sehr nach Auffälligkeit und Prestige, sondern nach Unauffälligkeit, Gesundheit und Sparsamkeit. Er lebt nach dem Motto: Ein Mensch besitzt umso mehr, je weniger er ausgibt – und derjenige besitzt alles, der nichts ausgibt. Während der Typ 1 dieses Motto geradezu umkehrt zu: Ein Mensch hat umso mehr vom Leben je mehr er ausgibt, selbst wenn er sich dabei verschuldet.
Ein solcher Mensch möchte nichts tun, was ihn auffallen lässt, was irgendwelche nicht durchschaubare Risiken mit sich bringt oder was größere Unkosten (oder gar Schulden) mit sich bringen könnte. Es zeigt sich also eine Tendenz zur Vermeidung von Veränderungen schlechthin. Das Gleichbleibende, Konservative und Unauffällige wäre das von ihm Bevorzugte, auf allen Gebieten. Während etwa derjenige, der das Motiv Nr. 1 an der ersten Stelle hat, in seiner Freizeit exotische Reisen oder allerlei Modesportarten bevorzugt, würde der nach Nr. 2 Strebende lieber zu Hause bleiben, Reisekosten sparen und stattdessen den Garten bestellen – aber nicht mit Rasen und Rosen, sondern mit Rettichen und stachellosen Brombeeren, also mit etwas „Nützlichem“ und Unauffälligem! Er würde auch vielleicht Briefmarken sammeln und – wenn es sein muss – Urlaub bei Verwandten machen.
Der Umgang mit dieser Motivationsgruppe muss natürlich darauf Rücksicht nehmen und also alles „Neue“ vermeiden, vielmehr das „Bewährte“ anbieten. Dies gilt nicht nur für den Verkauf oder die Führung im Beruf, sondern auch für den familiären Umgang. Manchen Konflikt kann man dadurch vermeiden, dass man den nach Nr. 2 motivierten Menschen von vornherein in seiner Sicherheitstendenz ernst nimmt und darauf Rücksicht nimmt. Mit Geduld und in kleinen Schritten lässt sich ein solcher Mensch schließlich auch zur Übernahme einer bestimmten Verhaltensform bewegen, aber nur wenn ihm klargeworden ist, dass keine unkalkulierbaren Risiken damit verbunden sind.
Gerade auch Kinder streben nicht immer nur nach Anerkennung durch die Eltern, sondern besonders nach Sicherheit und Geborgenheit im Sinne unseres Motivs Nr. 2. Man kommt ihnen am meisten entgegen, wenn man darauf eingeht, Forderungen nicht als solche vorträgt, sondern als Hilfen zu mehr Überschaubarkeit seiner Situation verständlich macht. Die vielen Fragen, die Kinder in einem bestimmten Alter stellen – wir werden unten noch darauf eingehen – sind vielleicht u. a. Ausdruck für dieses Bedürfnis nach Sicherheit in der Welt und nach Geborgenheit in der Familie. Weil die Welt um uns im Grunde genommen eher undurchsichtiger wird, streben wir alle immer dann nach Nr. 2, wenn wir das Gefühl haben, in einer wenig überschaubaren Lage zu sein, und Konflikte entstehen dann, wenn wir nicht in der Lage sind, Transparenz zu erzeugen und dadurch Sicherheit zu erlangen. Ähnlich entstehen bei dem nach Nr. 1 motivierten Menschen immer dann Konflikte, wenn seine Umgebung mit Anerkennung geizt, wenn er seine Prestigeerwartung nicht erfüllt sieht. Die vorhin geschilderte Neurotisierungsgefahr besteht also sowohl bei dem Anerkennungsmotivierten wie auch bei dem nach Sicherheit Strebenden in gleicher Weise. Sie tritt immer dann in den Vordergrund, wenn eine Disharmonie zwischen Erwartung und Befriedigung erfahren wird. Je komplizierter die Welt um uns wird, je weniger wir von den Dingen verstehen, die uns umgeben (wer versteht z. B. schon alles, was mit „Elektrizität“ zusammenhängt, mit „Computern“ oder mit der „großen“ Politik?), desto größer wird unser Verlangen nach Sicherheit und Geborgenheit, desto mehr sehnen wir uns zurück in eine überschaubare Welt – etwa in die Welt unserer eigenen Vergangenheit oder Kindheit („Nostalgie“).
Dieser Typ 2 ist nun in unserer Gesellschaft zahlenmäßig am häufigsten vertreten. Wir haben 1978 30 Prozent der berufstätigen Bevölkerung ermittelt, die dieses Grundmotiv „Sicherheit und Geborgenheit“ an der ersten Stelle haben. 1984 waren es sogar schon 34 Prozent, 1990 waren es 36 Prozent und 1996 konnten 38 Prozent festgestellt werden. Es scheint, als ob sich in dieser Zunahme des Bedürfnisses nach Sicherheit auch die Zunahme der Ängste der Bevölkerung spiegeln. Viele von uns ängstigen sich – berechtigtermaßen oder auch nur vermutetermaßen – vor Geldentwertung, vor Krankheiten, vor Arbeitsplatzverlust, vor Verlust des Partners, vor betrieblichem Konkurs oder gar vor Krieg und Terrorismus. Und dies umso mehr, je weniger Einsicht man in die betreffenden Zusammenhänge und Ursachen zu haben glaubt. Vorbeugende Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit, der wirtschaftlichen Sicherheit etc. sind daher bei diesem Motivationstyp besonders im Vordergrund, sodass die Sparsamkeit eigentlich in allen Lebensbereichen (einschl. etwa der Hobbys) zum wichtigsten Ziel wird. Ist der Typ 1 mehr progressiv eingestellt, so finden wir beim Typ 2 mehr konservative Einstellungen, etwa nach dem Motto: „keine Experimente“ oder „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Dass dies eine speziell deutsche Einstellung ist, weiß jeder, der bei Reisen z. B. in Frankreich oder Italien oder etwa in Südamerika mit den dortigen Menschen ins Gespräch gekommen ist. In diesen Ländern dominiert vielfach eher der Typ 1 oder auch der Typ 3, auf den wir nunmehr eingehen wollen:
Mit diesem dritten Grundmotiv meinen wir ein elementares Streben des Menschen nach einem (oder mehreren) Menschen, denen er vertrauen möchte und von denen er vertrauensvolle Zuwendungen wieder erwartet. Man möchte, wenn dieses dritte Motiv an der Spitze steht, weder nach sozialer Anerkennung noch nach Sicherheit streben, sondern nach Nähe zu einem anderen Menschen, den man als Bezugsperson akzeptiert hat. Mit diesem Menschen in einer engen Ich-Du-Beziehung zu leben, das ist die eigentliche Befriedigung für einen solchermaßen motivierten Menschen. Man möchte nicht sachlich und eigenständig entscheiden, sondern subjektiv und bezogen auf einen anderen. Es handelt sich also um eine Motivation, die bei Kindern und auch bei Erwachsenen immer dann vorliegt, wenn nach einem Vorbild gestrebt wird, nach einem persönlichen Rat gefragt wird, wenn etwa gesagt wird „Dir zuliebe ja – aber aus anderen Gründen – nein!“
Wenn etwa der eine Partner in einer Ehe nach Nr. 3 vorwiegend orientiert ist, ist dies für den anderen fast immer leicht, eine harmonische Ehe zu führen, denn dieser Partner stellt sich total auf den anderen ein, geht fast in ihm und in seinen Vorstellungen auf, indem er sie sich zu Eigen macht. Kein Wunder also, wenn sich gerade viele Männer nach Ehepartnern vom Schlage der Nr. 3-Motivierten sehnen! Genauso wenig wie aber der Mensch zeitlebens nach der Motivation Nr. 1 oder 2 ausgerichtet sein wird, wird er auch nicht immer nach Nr. 3 streben. Vielmehr verändern wir uns – und unser Partner tut es auch. Daraus resultieren oft Konflikte; man kann es nicht begreifen, warum die Partnerin z. B. „plötzlich“ ihre eigene Meinung so stark vertritt, wie sie früher mehr oder weniger liebevoll auf alle Vorstellungen des Partners eingegangen ist! Auch mit Kindern kann man dies erleben, wenn etwa mit 11 oder 12 Jahren recht ungestüm ein eigenes Zimmer und eine eigene Feriengestaltung verlangt wird (wenn also aus einem Nr. 3-Motivierten plötzlich ein ganz anders Motivierter geworden ist)!
Nr. 3-Motivierte sprechen also auch gerne über ihre persönlichen Probleme und erwarten, dass man diesen ein gewisses Interesse entgegenbringt; ebenso wie natürlich dieser Mensch sich auch jederzeit für die persönlichen und privaten Umstände seiner Mitmenschen interessiert. Hilfsbereitschaft und Hingabe sind Verhaltensformen, die oft mit dieser Motivation in Verbindung gebracht werden können. Solche Motivationen befähigen den Menschen auch zur Übernahme von ausgesprochenen Vertrauenspositionen (Vermittlungs- und Beratungsaufgaben), da sie ohnehin allgemein beliebt sind und wegen des ausgleichenden und kameradschaftlichen Verhaltens geschätzt werden.
Dies zeigt sich auch etwa in den Hobbys des Typ 3, der gerne in Vereinen tätig ist, der sich sozial engagiert, der eigentlich fast ein Mensch „ohne Feinde“ ist, weil ihn alle mögen, und dies, weil er offensichtlich für sich selbst gar nichts möchte, sondern immer altruistisch für andere tätig ist. Der „Nachteil“ dabei ist natürlich, dass der Typ häufig ausgenutzt wird, etwa auch in der Ehe. Darüber hinaus könnte er dazu neigen, im Beruf oder auch in der Politik (wo er sehr leicht eine Mehrheit für sich gewinnen kann) zur latenten „Korruptibilität“ zu tendieren, d. h. er würde eventuell einem anderen zuliebe etwas unterstützen, auch wenn es u. U. ethisch bedenklich wäre, aber nicht um sich selbst Vorteile dadurch zu verschaffen. Dies spielt auch in der Kriminologie eine besondere Rolle. Wie oft kommt nun dieser Motivationstyp in unserer Bevölkerung vor? 1978 waren es 15 Prozent, 1984 waren es noch genau so viele geblieben, nämlich 15 Prozent, doch schon 1990 stellten wir einen massiven Rückgang auf nur noch 12 Prozent und 1996 nur noch 10 Prozent fest. Weil dieser Typ auch derjenige ist, der am seltensten zu neurotischen Störungen neigt – er bewältigt seine Konflikte durch Kompromisse, sozusagen im Gespräch – ist diese Entwicklung eigentlich beklagenswert. Auch noch aus einem anderen Grund ist diese Entwicklung besorgniserregend: Der Typ 3 engagiert sich für die Allgemeinheit, er pflegt die „Solidarität“. Und wenn diese Einstellung nur noch zu 10 Prozent vorhanden sind, nehmen die sozialen Einstellungen in der Bevölkerung ab und die mehr egozentrischen Einstellungen befinden sich dann auf dem Vormarsch. Viele Beobachter unserer Zeit bedauern eine Zunahme der egoistischen Lebensweisen – etwa in einer zunehmenden Labilität der Partnerbeziehungen in der
